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Sommer 2015

Weißabgleich

Critical Whiteness #Rassenkunde #Anti-Rassismus

Editorial

»Tagtraum des Arschfickers« nannte der britische Dichter Wystan Hugh Auden das Berlin der 1920er Jahre begeistert. Partys, Bälle und schwul-lesbische Zeitschriften – heute würde man sie vielleicht Zines nennen – boomten. Ein subkultureller Traum, doch schon damals gab es Bestrebungen, das Schwule und Lesbische aus dem Underground in die bürgerliche Normalität zu bringen, sozusagen den Sex zu politisieren. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts echauffierte sich Octave Mirbeau über die Vorreiter im Kampf um Anerkennung: »Anstatt die Liebe unter Männern ganz einfach als Laster zu pflegen, sind sie auf pedantische Weise homosexuell«. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Weißabgleich - Critical Whiteness #Rassenkunde #Anti-Rassismus

Einleitung zum Schwerpunkt

Wie leicht war es, mitzugrölen, als Fat Mike – Sänger der jahrzehntealten Band No Fx – die Zeilen »Don‘t call me white!« anstimmte. Und wenn dann der Smash-Hit Kill all the white man gleich hinterher kam, dessen Text in einem betont »afrikanischen« Akzent gesungen wurde, dann wusste man landauf landab, dass man auch auf der richtigen Seite pogen konnte. Ernst genommen wurden die ironischen und in drei Akkorde verpackten Gewaltphantasien des kalifornischen Punkbarden freilich nicht. Der Wunsch allerdings, nicht »weiß« sein zu wollen und die Überzeugung, dass »Weiße« ein politisches oder gar welthistorisches Problem darstellen, sind heute immer noch überaus verbreitet. Beschrieb man früher die Gesellschaft vornehmlich als ungerecht und ausbeuterisch, werden nun verstärkt die auf das Subjekt zielenden Kategorien des »Weißseins« und des »Privilegs« zur Erklärung sozialer Ungleichheit herangezogen. Nicht entlang ökonomischer Grenzen verlaufen in dieser Logik die wesentlichen Konfliktlinien, sondern entlang von »Kultur«, Herkunft und Hautfarbe. Stichwortgeberin dieser Positionen ist eine Denkströmung, deren Ursprünge in den 1970er und 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten liegen und deren Name inzwischen nicht nur an den Universitäten, sondern im Kulturbetrieb, dem Feuilleton und nicht zuletzt der radikalen Linken bekannt ist: die Critical Whiteness Studies. weiter

Tagediebin

Das Gespenst des revolutionären Subjekts

Über kollektive Identitäten und ihre Überwindung

Wie ist eine kommunistische Revolution möglich? Jeder Versuch einer Antwort auf diese Frage hat mit dem Umstand zu kämpfen, dass die tägliche Praxis der Menschen, deren Befreiung sie anstrebt, häufig eher in die entgegengesetzte Richtung weist. Etwa ein Jahrhundert lang hatten Karl-Marx-AnhängerInnen in Deutschland auf die Arbeiterklasse gesetzt, von der die Revolution ausgehen müsse. Doch anders als von Marx vorausgesagt, kam es nirgends – und schon gar nicht in Deutschland – zu einer proletarischen Revolution, die die kapitalistischen Verhältnisse abgeschafft hätte. Nach der Niederschlagung der räterepublikanischen Versuche 1917/18 und der Ermordung der führenden Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung verlor diese seit Anfang des vorigen Jahrhunderts immer weiter an Einfluss. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung, dass der Aufstand der deutschen ArbeiterInnen mitnichten dem Kapital, sondern in verbündeter Einheit mit dem Staat den Jüdinnen und Juden gegolten hatte, deren Ermordung im Holocaust sie voller antisemitischer Überzeugung mit durchgeführt und vorangetrieben haben, scheint es widersinnig geworden zu sein, auf die Revolte dieser Klasse zu hoffen. weiter

Mark Smith

Rasse, Privileg und Essentialismus

Warum eine halbe Gesellschaftskritik keine ist.

Wie wir über »Rasse« sprechen, daran erinnert uns die Historikerin Barbara J. Fields immer wieder, mystifiziert unser Verständnis von Rassismus. Ersteres lebt durch die gesellschaftlichen Prozesse fort, die letzteres hervorbringen. Ein Großteil der akademischen und politischen Diskussionen, einschließlich der Critical Whiteness Studies, zeichnet sich dabei durch eine eigentümliche Volte aus: Obwohl angeblich streng historisch und anti-essentialistisch argumentiert wird, unterliegt diesem Denken doch ein statischer Begriff von »Rasse«. Dies geschieht auch dort, wo betont wird, dass Identitäten instabil, intersektionell oder das Produkt einer »Rassifizierung« oder »Entrassialisierung« sind. Trotz aller Bekundungen des Gegenteils tappen der gesamte »Rassediskurs« sowie die immer beliebter werdende Rede von »rassifizierten Körpern« in die altbekannte Falle des Essentialismus. Dieser beruht auf unbegründeten Annahmen über das Verhältnis von »Rasse«, Identität und den Möglichkeiten des Handelns, die im Folgenden erhellt werden sollen. weiter

Paulette Gensler

Von Fanon zu Critical Whiteness

Über die Dekolonisation des Unbewussten und der Sprache

Ein beliebte Methode zur Absicherung halb- und somit unwahrer Erkenntnisse besteht darin, sie zu zementieren, indem die Ursache des vermeintlich Erkannten in die Psyche verlagert wird – frei nach dem Motto: Was man sich nicht erklären kann, muss Unbewusstes sein. So beruht beispielsweise die Starrheit mit der Roswitha Scholz ihre Annahme der Wertabspaltung aufrechterhält zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Behauptung eines »androzentrisch-gesellschaftlichen Unbewussten«, von dem sie selbst jedoch immer wieder einschränkend erwähnen muss, es noch »nicht genügend entwickelt« zu haben. Vgl. Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus, Bad Honnef 2000, 63. Da eine Gesinnung um so mehr Berechtigung zu besitzen scheint, je mehr sie durch die Idole der eigenen Szene legitimiert wird, beruft man sich auf gewisse Autoritäten, die dem Umfeld als Namen präsent, dem Inhalt nach jedoch höchstens als Gerücht bekannt sind. Für die antirassistische Theorieproduktion ist dies auf dem Gebiet der Psychologisierung vor allem Frantz Fanon. Mit breitem akademischen Wissen, Front- und Psychiatrieerfahrung avancierte er zum Messias der kritischen Weißen und ihres antirassistischen Sprachaktivismus. weiter

Subcutan

Drei Thesen und ein Halleluja

Ein Beitrag zur Debatte um Critical Whiteness, Sprechortpolitik und Definitionsmacht in der antirassistischen Bewegung

Dieser Text ist im Umfeld der Kontroversen um den Critical WhitenessIn den 1990er Jahren findet in der US-amerikanischen Rassismusforschung ein Blickwechsel statt: Weißsein wird als Kategorie zur kritischen Analyse gesellschaftlich gebildeter Normen verwendet. Siehe hierzu u.a. Toni Morrison, Playing in the Dark, Cambridge 1992; Fatima Al-Tayeb (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte, Münster 2009. -Ansatz innerhalb der linksradikalen, gemischt organisierten antirassistischen Bewegung entstanden. Ausgangspunkt unserer Beschäftigung waren vor allem die Zerwürfnisse auf dem No Border Camp in Köln 2012, die einige von uns miterlebt haben. Nachzulesen ist die Kölner und anschließende Debatte unter anderem in der Jungle World (0cn.de/mqkx, 0cn.de/9ebg), auf der Webseite des Camps (noborder.antira.info), der Sonderbeilage zu Critical Whiteness der analyse&kritik (www.akweb.de/themen/sonderbeilage_cw.htm) oder der transact-Broschüre (0cn.de/4wet). Insbesondere die Ausweitung des Definitionsmachtkonzepts, die Verhängung von Redeverboten und Campverweisen sowie die identitätsfixierte und autoritäre Aufladung von Sprechpositionen nehmen wir zum Anlass, uns mit der darin sichtbar werdenden Identitäts- und Machtpolitik auseinanderzusetzen und einige ihrer Voraussetzungen und Annahmen infrage zu stellen. weiter

Massimo Perinelli

Triggerwarnung!

Critical Whiteness und das Ende der antirassistischen Bewegung

Der vorliegende Text fasst einige Ergebnisse zusammen, die sich während der letzten zwei Jahre in unterschiedlichen antirassistischen, migrantischen und weniger migrantischen Diskussionszusammenhängen zur komplexen Debatte um Critical Whiteness und die hiesigen Adaption herauskristallisiert und konkretisiert haben. Im Folgenden findet eine Reflexion um derzeitige linke Bewegungspolitiken und ihre historische Dimension statt, sowie eine Auseinandersetzung um die unmittelbaren Theoreme von Critical Whiteness. Ausgangspunkt dieses Textes ist ein Unbehagen sowohl mit der Praxis als auch mit der Theorie antirassistischer Zusammenhänge und Gruppen, die sich auf linke Politik beziehen. weiter

Robert Zwarg

Farben fühlen

Die Geschichte eines verkehrten Denkens und warum der Mittelweg eine Sackgasse ist

Glaubt man den zeitgenössischen Diskussionen, geht es vielen Menschen hierzulande ausgesprochen gut. Ob in der Linken, den Universitäten, zivilgesellschaftlichen Initiativen und Medienorganisationen, im Feuilleton und Kulturbetrieb – die kritisch gemeinte Rede von Privilegien ist en vogue und omnipräsent. Keineswegs geht es dabei um kostenlose Bahnfahrten, Dienstwagen mit Chauffeur oder Rentenanspruch ohne Beitragszahlung, also die regelmäßig zur Reanimation des Volkszorns ins Spiel gebrachten »Politiker-Privilegien«. Was gemeint wird, ist nichts anderes als das, wovon sich die Sonderregelungen für Staatsbedienstete gerade absetzen: die Normalität. »Sie sind verwöhnt«, schreibt Noah Sow in ihrem Bestseller Deutschland Schwarz Weiss. »Sie sind mit einer Fülle von Privilegien geboren und aufgewachsen, die Sie als dermaßen selbstverständlich empfinden, dass Sie noch nicht einmal wissen, dass sie existieren und welche das sind.« Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiss, München 2009, 42. Angesprochen sind damit in erster Linie weiße Deutsche. weiter

3. Welt Saar

»Wir teilen den sprachlichen Rigorismus nicht«

Die Phase 2 bittet Roland Röder und Klaus Blees von der Aktion 3. Welt Saar zum E-Mail-Gespräch über Rassismus, Antirassismus und die Fallstricke der »Kritischen Weißseinsforschung«. Die Aktion 3. Welt Saar arbeitet zu Themen wie Islamismus und Antisemitismus und setzt sich für soziale Gerechtigkeit und einen gleichberechtigten Zugriff auf die materiellen und kulturellen Ressourcen einer Gesellschaft ein. Bereits ab 1988 organisierte die Gruppe Aktionen gegen das Schengener Abkommen und war 2014 am Freiheitsmarsch der Flüchtlinge von Kehl/Straßburg über Schengen nach Brüssel beteiligt. weiter

Adolph Reed, Jr.

Django Unchained oder The Help

Warum selbst keine Politik den Cultural Politics vorzuziehen ist

Betrachtet man die beiden amerikanischen Spielfilme Django Unchained und The Help genauer, drängt sich das eigentümliche Gefühl auf, es handele sich um zwei Versionen ein und desselben Films. Die Originalversion des Artikels erschien im Februar 2013 in dem amerikanischen Online-Magazin Nonsite.org (http://bit.ly/1KttCiB). Übersetzt und stark gekürzt mit freundlicher Genehmigung des Autors und Nonsite.org. Denn in beiden Dramen treten die Entfaltung der individuellen Geschichte und die mit dieser verbundenen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen derart in den Vordergrund, dass sich die dahinterliegende politisch-ökonomische Ordnung ebenso wie die sozialen Verhältnisse, die den eigentlichen Gegenstand der Filme bilden, aufzulösen scheinen. Sklaverei einerseits und die sogenannten Jim-Crow-Gesetze, die zwischen 1876 und 1964 die diskriminierende Rassentrennung in den USA legitimierten, andererseits werden in den Filmen von jeglicher Negativität und ihrer geschichtlichen Einbettung in die Gesellschaft enthoben. Doch das eigentliche Problem liegt gar nicht so sehr in der bis zur Entstellung getriebenen Karikierung der geschichtlichen Ereignisse; vielmehr stößt die hämische Überzeichnung deshalb bitter auf, weil sie tatsächliche Ausbeutungsverhältnisse ausblendet und damit die Basis der gezeigten Herrschaft unsichtbar macht. weiter