Universalismus im Augenblick seines Sturzes? 

Identität im Spannungsfeld von Allgemeinem und Besonderem 

Identität ist in der Gegenwart zu einer zentralen Kategorie linker Auseinandersetzungen um emanzipatorische Politik und die richtige Praxis geworden. An den jeweiligen Extrempolen stehen sich dabei Vertreter:innen postmoderner Identitätspolitik einerseits und diejenigen, die subjektiven Erfahrungen objektive Klassenverhältnisse entgegenhalten, andererseits gegenüber. Während erstere dem falschen Allgemeinen vielfältige Konstruktionen und Prozesse von Andersheit entgegensetzen, können letztere in den identitätspolitischen Kämpfen um Anerkennung nichts als einen Partikularismus erkennen, welcher mit neoliberaler Individualisierung kompatibel bleibt und am falschen Ganzen also nichts verändert. Entlang dieser Frontstellung soll im Folgenden diskutiert werden, ob sich die Kritik am falschen Allgemeinen in einer Weise reformulieren lässt, die an der Möglichkeit eines linken Universalismus festhält.  

Einen Bezugspunkt für postmoderne Identitätspolitik, von dem diese Überlegungen zunächst ausgehen sollen, stellen die Arbeiten Judith Butlers dar. Butler hatte sich in den 1990er Jahren explizit gegen eine Politik positioniert, die Identität zu ihrem Ausgangspunkt nimmt, weswegen sich ihre Überlegungen besonders eignen, die verschütteten Anfänge, Widersprüche und Ambivalenzen von Identitätspolitik aufzuspüren. Butlers frühe philosophische Überlegungen zielten darauf, Identität als eine Zwangsform zu dekonstruieren, die als »zwingende Illusion« und als »Gegenstand des Glaubens« ausgewiesen wird und daher eben nicht den Ausgangspunkt emanzipatorischer Politik bilden kann.Judith Butler, Performative Akte und Geschlechterkonstitution, in: Uwe Wirth (Hrsg.), Performanz, Frankfurt a.M. 2002, 301–320, hier 302. Gegen die Vorstellung eines einheitlichen politischen Subjekts »Frau« betont Butler den Zwangscharakter und die prinzipielle Unabgeschlossenheit dieser Kategorie. Sie entwickelt diese Argumentation zunächst am Beispiel der Geschlechtsidentität. Formuliert wird hierbei eine Herrschaftskritik, die aufzeigt, wie Subjektformen entlang von dichotomen sprachlichen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen strukturiert werden, denen im Verweisungszusammenhang der hegemonialen Gesellschaftlichkeit unterschiedliche Wertigkeiten und Machtpositionen zugeordnet werden. Auch wenn sich diese Kritik in ihrem Werk Gender Trouble zuvorderst an Geschlechtsidentität abarbeitet, lassen sich Butlers Überlegungen prinzipiell auf alle Formen von Identität übertragen. In diesem Sinne gilt, dass jede vermeintlich »ursprüngliche Identität« selbst nur eine »Imitation ohne Original« ist.Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 203. Identität konstituiert sich als negative Bezugnahme und Ausschluss dessen, was als das gegenteilige Andere konzipiert wurde. Die binäre Codierung von Identitäten bringt in dieser Weise dichotome Gegensätze entlang spezifischer Markierungen wie etwa »weiblich« und »männlich« oder »weiß« und »nicht-weiß« hervor, die sich zu Herrschaftsformen verfestigen. Subjektivierung wird so als Vorgang gedacht, der gesellschaftliche Machtverhältnisse und Verbote reproduziert. Sie kann immer nur im Spannungsverhältnis von Unterwerfung unter die Bedingungen von Macht und der damit einhergehenden Ermächtigung verstanden werden, die an jene Bedingungen gebunden bleibt. Insbesondere dem Diskursiven, also den symbolischen Verweisungszusammenhängen, kommt in diesem Modell eine wichtige Bedeutung zu. Sprache wird nicht bloß als Zeichensystem gesehen, das die Wirklichkeit abbildet, sondern als Zusammenhang, der diese durch Wiederholung performativ hervorbringt. Ein Beispiel, mit dem Butler das illustriert, ist der Arzt, der im Krankenhaus das Baby hochhält und ausruft: »Es ist ein Mädchen!« Wir sind, das ist die Lehre dieser Szene, beim Eintritt in das Leben immer schon vergeschlechtlicht. Die Wiederholung von Bedeutungszusammenhängen, die, wie in diesem Fall, biologisches Geschlecht und soziale Geschlechtsidentität verknüpfen, produzieren so Naturalisierungseffekte, die als vorgängige Natur erscheinen lassen, was eigentlich erst gesellschaftlich hergestellt wurde. Butlers Theorie ist insofern eine Kritik an sprachlicher Verdinglichung und der vermeintlichen Unveränderlichkeit von Sinnzusammenhängen, die sich zu Herrschaftsformen verfestigen, indem sie sich den Anschein von Natur geben.  

 

Identität zwischen Konstruktion und Authentizitätsanspruch  

Die sich an diese Überlegungen anschließende Praxis subversiver Veränderungen legt eine Emphase auf die diskursiven Interaktionen zwischen Subjekten, welche gegen die Verdinglichung des Sozialen die Unbestimmtheit von Sprache und die Instabilität von Bedeutungen ins Feld führen. So gilt Drag als subversive Praxis, weil die Unterscheidung zwischen biologischer und sozialer Geschlechtsidentität hier in einer Form unterlaufen wird, die Geschlecht als performative Handlung aufzeigen kann. Nach Butlers »ethischer Wende« scheint dieses Unterlaufen von fixen Vorstellungen idealtypisch in einer Interaktionsform auf, die szenisch als eine Begegnung mit der:dem Anderen beschrieben wird und in der es darum geht, die Frage danach, wer die:der Andere ist, »weiter zu stellen, ohne eine vollständige oder abschließende Antwort zu erwarten«Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt a.M. 2003, 87.. Die identitätspolitische Konsequenz dieser Kritik am skizzierten Verständnis von Identität ist in der Praxis allerdings nicht die bloße Negation von Identität, mit der schwerlich Politik zu machen wäre. Vielmehr wird auf die subversive Destabilisierung bestimmter hegemonialer Subjektformen und die Zurückweisung ihres Wahrheitsanspruches durch die Affirmation und Multiplizierung von Identität gesetzt. Damit einher geht die Validierung der mit ihnen verbundenen subjektiven und kollektiven Erfahrungen gesellschaftlicher Realität. Dem Aufzeigen der Gemachtheit von Identität – ihrer Entnaturalisierung – steht so die positive Bestätigung alles Ausgeschlossenen gegenüber. Einerseits soll so auf den konstruktiven Charakter von Identität verwiesen werden, andererseits muss Identität als Form individueller und kollektiver Leidens- und Ausgrenzungserfahrungen und als politische Position aber auch ernst genommen werden: ein Balanceakt, den Gayatri Spivak mit dem Konzept des »strategischen Essentialismus« auf einen Begriff gebracht hat. In der Praxis scheint dieser Balanceakt allerdings zunehmend zu misslingen. Das Strategische am Essentialismus der Identität ist gegenwärtig durch die Logik politischer Interessenvertretung in den Hintergrund geraten und hat sich zur Verdinglichung von marginalisierten Identitätsformen verselbstständigt, sodass wir in politischen Bewegungen eher eine »Renaissance der ›authentischen‹ Identitäten«Benedikt Wolf, Stonewall heißt Angriff, in: Patsy l’Amour laLove (Hrsg.), Beissreflexe, Berlin 2017, 138–146, hier 140.beobachten können. Dies geht unter anderem mit einer Emphase auf Subjektivität und einem aus Sprecher:innenpositionen abgeleiteten Wahrheitsanspruch einher, der eine tiefe Skepsis gegenüber Vorstellungen von Universalität zum Ausdruck bringt, die sich nicht in geteilter Verletzlichkeit erschöpfen. 

 

Neue Linke für Alle? 

Die progressiven Effekte dieser Form von Gesellschaftskritik, die unter anderem durch deren hohe Anschlussfähigkeit an Popkultur bedingt wird, lassen sich einerseits nicht bestreiten: So haben poststrukturalistische Herrschaftskritiken und die damit verbundene aktivistische Praxis maßgeblich dazu beigetragen, auf breiter Ebene Subjektivierungsprozesse zu entnaturalisieren, die mit ihr verbundenen Traditionen und Gewohnheiten aufzuzeigen, zu hinterfragen und in der Konsequenz gesellschaftliche Ordnungen grundlegend zu stören. Die einst aus dem Hauptwiderspruchs-Denken der Linken ausgeschlossenen Unterdrückungserfahrungen und damit verknüpften Bedürfnisse und Interessen sind durch politische und soziale Bewegungen, die am subjektiven Erleben derjenigen anknüpfen, die rassistisch, sexistisch oder auf andere Weise diskriminiert werden, nachdrücklich sichtbar gemacht worden. Die poststrukturalistische Dynamik der Pluralisierung als konsequente Emanzipation des Besonderen und die damit verknüpfte bewusste Abwendung von den »großen Erzählungen« der Moderne bedeutet allerdings auch, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als systematischer Vergesellschaftungszusammenhang allenfalls als Kritik an klassistischer Diskriminierung von Subjekten aufgenommen werden, aber kaum noch als Kritik an objektiven Klassenverhältnissen auftauchen. In der Folge lassen sich die Strategien der Diversifizierung von Identitäten mit ihrer Fokussierung auf Anerkennungsprozesse in der Form subjektiver Rechte gut in die bürgerliche Gesellschaft integrieren. Das hat zu der paradoxen Entwicklung geführt, dass die einstmals radikal gesellschaftskritische Forderung nach der Emanzipation des Besonderen und Ausgeschlossenen in ihrer Verwirklichung oftmals nicht mehr von liberalen Positionen unterscheidbar ist. Die erhöhte Sensibilität für verschiedene Formen der Ungleichheit scheint, zugespitzt formuliert, die durch Klassenverhältnisse konstituierte soziale Ungleichheit zunehmend in den Hintergrund gerückt zu haben. Diese These vertritt unter anderem die Philosophin Nancy Fraser, wenn sie den Aufstieg des Rechtspopulismus weltweit und die Wahl Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im Besonderen durch eine Konstellation bedingt sieht, die sie als Allianz von Neoliberalismus und Identitätspolitik beschreibt. Fraser arbeitet in ihrer Analyse heraus, wie die Kämpfe um Anerkennung in eine Form von Gleichheit übersetzt wurden, die nach meritokratischen Prinzipien operiert und es Frauen, rassifizierten Menschen, LGBTQI* und Angehörigen von Minderheiten so zwar ermöglicht, es »bis nach oben zu schaffen«, zugleich die grundsätzliche Struktur von Klassenverhältnissen aber unangetastet lässt. Dieser »progressive Neoliberalismus« kann sich zwar einen fortschrittlichen Anstrich geben, ändert aber nichts an der durch den Widerspruch von Kapital und Arbeit hervorgebrachten sozialen Ungleichheit.Nancy Fraser, The Old Is Dying and the New Cannot be Born. From Progressive Neoliberalism to Trump and Beyond, London 2019.Vielmehr sind die Emanzipationsprozesse des Besonderen im progressiven Neoliberalismus in einer Form möglich geworden, welche die Akkumulation von Kapital nicht nur nicht stört, sondern ihr durch die Integration bisher ausgeschlossener Arbeitskraft noch zuträglich ist. 

Um die bestehenden Verhältnisse in diesem Sinne als falsche Verhältnisse aufzuweisen, ist die poststrukturalistische Perspektive und die Identitätspolitik mit ihrer Relativierung objektiver Wahrheit, deren Anbindung an subjektive Standorte und der oftmals stark moralisierenden Mobilisierung von Vulnerabilitäts-Erfahrungen also nur bedingt geeignet. Vielmehr scheint die emphatische Bezugnahme der bürgerlichen Gesellschaft im progressiven Neoliberalismus auf Begriffe wie Freiheit, Gleichheit und Individualität geradezu – wie Rahel Jaeggi es ausdrückt –Verhältnisse zu bedingen, die nach Ideologiekritik »schreien«Rahel Jaeggi, Was ist Ideologiekritik? in: Dies./Tilo Wesche (Hrsg.), Was ist Kritik?, Frankfurt a.M. 2009, 266–296, hier 271.. Ideologiekritik setzt an den immanenten gesellschaftlichen Widersprüchen an, um herauszuarbeiten, wie Gleichheit, Freiheit und Individualität gegenwärtig nur in einer verkehrten, defizitären und paradoxen Weise verwirklicht werden, die niemals Gleichheit und Freiheit für Alle bedeutet und das Besondere nur als Zerrbild hervorbringt. Sie ist in diesem Sinne ebenfalls gegen das falsche Allgemeine positioniert. Gesellschaftlich induziertes und in diesem Sinne notwendig falsches Bewusstsein muss aus einer ideologiekritischen Perspektive aber auch gegen die »Selbstauslegungen von sozialen Gebilden und Individuen und gegen die prima facie Interessen der Individuen«Ebd., 270. aufgedeckt werden. Ein solches Vorgehen bricht mit der »absoluten Deutungshoheit der Betroffenen«Ebd., 294. und ist darin postmoderner Identitätspolitik entgegengesetzt. Zwar muss die Falschheit des Allgemeinen an dem Erleben der Betroffenen, ihrem Leiden und der damit verbundenen Krisenhaftigkeit aufgewiesen werden – und in dieser Hinsicht sind subjektive Diskriminierungserfahrungen unbedingt ernst zu nehmen. Zugleich muss dieses Erleben aber auch überschritten werden, um die ideologischen Verzerrungen der Innenperspektive auf ein objektives Außen hin zu öffnen und zu transformieren. 

In Bezug auf die Ambivalenz der Kategorie der Identität als »Bedingung von Freiheit« sowie als »Prinzip des Determinismus«Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, in: Ders., Gesammelte Schriften (GS) 6, Frankfurt a.M. 2013, 216. – die auch in Butlers Beschreibung davon aufgehoben ist, dass Subjektivierung zugleich Unterwerfung wie Ermächtigung bedeutetJudith Butler, Psyche der Macht, Frankfurt a.M. 2001, 13. – heißt das, deren innere Widersprüchlichkeit nicht nur in einer Form zu überwinden, die Subjekt-Subjekt-Verhältnisse und gegenseitige Anerkennungsverhältnisse in den Blick nimmt. Vielmehr müssen das Subjekt als Objekt und die Bedingungen seiner materiellen Reproduktion in den Fokus rücken. Identität als »Urform von Ideologie«Adorno, Negative Dialektik, 151. reproduziert sich zwar als Denkform und in unserem alltäglichen Umgang miteinander. Diese Denkform steht aber auch in Bezug dazu, wie Naturbeherrschung in kapitalistischen Produktionsverhältnissen gegen die »Freiheit zu verhungern«Karl Marx, Das Kapital, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 23, Berlin 2017, 742. organisiert wird: Die »gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe [gründet] in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung«Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, in: Ders., GS 3, Frankfurt a.M. 2013, 38.. Eine Universalgeschichte wäre in diesem Sinne nicht aufzugeben, sondern »zu konstruieren und zu leugnen«Adorno, Negative Dialektik, 314. Zu leugnen als eine Fortschrittsgeschichte, die sich zum Besseren entwickelt. Zu konstruieren aber als eine negative Universalgeschichte, welche die verschiedenen Momente und Phasen von Naturbeherrschung und Herrschaft über den Menschen als eine von Widersprüchen durchzogene Einheit fassen kann. Identitäten sind nicht nur alleiniges Produkt zentrumsloser diskursiver Prozesse, sondern stehen in Beziehung zur universellen Vergesellschaftung unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die wesentlich durch eine an Akkumulation ausgerichteter Organisation der Selbsterhaltung bestimmt sind. In diesem Sinne müssen sie politisiert werden. 

 

Geschlecht als Modus der Arbeitsteilung 

Um das einmal beispielhaft an der Identitätskategorie »Frau« zu erläutern, heißt das, dass die Zwangsförmigkeit, mit der diese Kategorie gegen die queere Subversion von Geschlecht Bestand hat, ohne die Berücksichtigung der funktionalen Momente vergeschlechtlichter Arbeitsteilung nicht ausreichend beschrieben ist. Dass bestimmte Eigenschaften wie Fürsorglichkeit, Sanftheit, Intuition und Selbstaufgabe und damit verbundene Tätigkeitsfelder als vermeintlich »weiblich« naturalisiert werden, indem ihre Vorgängigkeit behauptet wird, ist nicht nur das Produkt einer diskursiven Geschichte, sondern Modus der Aneignung von (weiblicher) Arbeit. Der in den virulenten Care-Krisen aufscheinende Widerspruch der Identität als »Frau« besteht auch und vor allem darin, dass alle Gesellschaften zwar unhintergehbar auf Care-Arbeiten wie Kochen, Putzen, Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege angewiesen sind, diese Tätigkeiten aber zugleich darüber entwertet werden, dass diejenigen, die sie ausüben, schlecht oder gar nicht entlohnt und gesellschaftlich entmachtet werden. Die Verdeckung dieses Widerspruchs gelingt in dem Maße, in dem diese Tätigkeiten eben nicht als Arbeit, sondern als Privatangelegenheit, Liebesdienst und als natürlicher und affektiver Ausdruck der »weiblichen Natur« erscheinen. Er löst sich aber nicht einfach auf, sondern schreibt sich nur in anderer Form fort, wenn Kritik die kulturelle Konstitution vergeschlechtlichter Identität aufzeigt, diese aber nicht in Bezug zu ihrem funktionalen Moment setzt und auf jeden universellen Befreiungsanspruch verzichtet. Ein Beispiel für die bloße Verlagerung dieses Widerspruchs ist die Entstehung sogenannter »Care-Chains«: Die Emanzipation von Geschlechterstereotypen und die Denaturalisierung von Geschlecht in den kapitalistischen Zentren bleibt darauf verwiesen, dass ein Teil der geschlechtlich codierten Tätigkeiten als Lohnarbeit an meist migrantische Frauen aus der Peripherie ärmerer Länder delegiert wird, auf deren Vergeschlechtlichung als Care-Arbeiterinnen sie also angewiesen bleibt.Nancy Fraser, Contradictions of Capital and Care, in: New Left Review 100 (2016), 99–117.   

 

Falsche Gegensätze 

Gegen die Kurzsichtigkeit postmoderner Identitätspolitik einerseits und die Ausschlüsse einer am Hauptwiderspruchsdenken ausgerichteten Politik andererseits einen linken Universalismus aufzubauen, hieße zunächst einmal den falschen Gegensatz von »Identitätspolitik« und »Klassenkampf« zu kritisieren und die gegenseitige Bedingtheit von Identität und Arbeitsteilung aufzuzeigen. Der dialektische Umschlag von Emanzipation in neue Formen von Unfreiheit kann nicht bedeuten, hinter alle Einsichten und Kämpfe postmoderner Identitätspolitik zurückzufallen. Er zeigt aber die Notwendigkeit, die eingangs am Beispiel Butlers aufgezeigte Denaturalisierung von Identitäten über die systematische Theoretisierung der Produktionsverhältnisse voranzutreiben. Deren innere Widersprüche lassen sich entlang gesellschaftlicher Krisen entwickeln und zu einem anderen Verständnis der Vermittlung von Subjektivem und Objektivem zusammenführen, wobei weder das Objektive im Subjektiven, noch umgekehrt das Subjektive im Objektiven aufgelöst und so die gängige Lagerbildung unterlaufen wird. Eine emanzipatorische Perspektive kann zwar nicht davon ausgehen, dass sich alle politischen Kämpfe gegen Unterdrückung in einen Hauptkampf überführen lassen, muss aber doch darauf zielen »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: MEW 1, Berlin 2017, 378–391, hier 385.. Das bedeutet, nicht nur an der Subversion, Entnaturalisierung und Pluralisierung von Identität festzuhalten, sondern zugleich und in Verbindung damit die scheinbare Naturgesetzlichkeit der Produktion ihres natürlichen Scheins zu entkleiden. 

 

Alexandra Colligs 

Zuhause in Frankfurt am Main. Interessiert sich für dialektischen Materialismus und die Möglichkeit von Veränderung.