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Frühjahr 2015

Staatenlos durch die Nacht

Was taugt der Anarchismus?

Editorial

Ihr haltet sie in den Händen, die 50. Ausgabe der Phase 2! Gelogen wäre, zu sagen, das hätten wir uns nicht träumen lassen, damals, am Ende des BAT und der BO – oder B0 je nach Blickwinkel. Denn von Anfang an galt zumindest in Leipzig das Motto, wenn wir eine Zeitschrift machen, dann nicht nur für ein paar Ausgaben. Bei der regulären Halbwertzeit von linken Projekten ist es dennoch ein kleines Wunder, dass es die Phase noch gibt.  Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Staatenlos durch die Nacht

Einleitung zum Schwerpunkt

Im Nachgang an die als Battle of Seattle überschriebenen Proteste gegen das Treffen der Welthandelsorganisation Ende 1999 veröffentlichte die New York Times einen längeren Beitrag unter dem Titel Anarchismus, die Idee die nicht untergehen will. Der Autor erzählt darin die Geschichte des Anarchismus in Europa und Amerika als eine zahlloser Niederlagen, manch temporärer Siege, insbesondere aber als eine von bemerkenswerter Langlebigkeit. Trotz seiner historischen Schlappe gegenüber dem Marxismus, blutiger Verfolgungen und drohendem politischen Exitus, erhalte sich die Idee einer Gesellschaft ohne Chef und Staat mit respektabler Beharrlichkeit. Und tatsächlich: Wendet man den Blick von der unermesslichen Flut allgemeiner Berichterstattung hin zu Beiträgen, Stellungnahmen und Einschätzungen anarchistischer AktivistInnen und TheoretikerInnen, so wird Seattle auch aus der Binnenperspektive als Zeitenwende interpretiert. Die massenhafte Mobilisierung und die Vielzahl unterschiedlicher Protestformen, die der Bewegung eine große mediale Resonanz über die erfolgreiche Verhinderung der WTO-Tagung bescherten, übte eine immense Strahlkraft auf die Linke weltweit aus. Am Ende des 20. Jahrhunderts war der anarchistischen Bewegung ein symbolträchtiger Auftritt sondergleichen gelungen. Dass bei genauerer Betrachtung nur wenige ausgewiesene AnarchistInnen die Proteste vorantrieben und im Rückblick ein leiser Zweifel an ihrem eigentlichen Einfluss aufkam, tat dem mit Seattle einsetzenden Höhenflug des Anarchismus keinen Abbruch. weiter

Peter Bierl

Bakunin empfiehlt Marx

Der Anarchismus zwischen Kommunismus und Marktverherrlichung

Obwohl Ökonomie nicht zu den Kernkompetenzen des Anarchismus zählt, spalten Auseinandersetzungen um Wirtschaftsformen die Bewegung seit jeher in zwei Strömungen. Der sozialistische Anarchismus umfasst Kollektivismus, Kommunismus und Anarchosyndikalismus. Zwar mangelt es ihm an einer eigenständigen ökonomischen Theorie, aber die sozialistischen AnarchistInnen haben klare Vorstellungen: Sie lehnen Lohnarbeit als Ausbeutung und Privateigentum an Produktionsmitteln als deren Voraussetzung ab – genau wie Marx. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft ohne Staat, in der die Menschen in Kollektiven und Kommunen leben und arbeiten. Sie sollen selbst in Versammlungen und Räten die vergesellschaftete Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen planen und koordinieren. Hingegen halten IndividualanarchistInnen die Marktwirtschaft für optimal, um die Freiheit zu maximieren. Sie wollen lediglich einige Monopole beseitigen und in der Regel auch die Macht der Banken und des Geldes. Angesichts der Konfusion in der Linken und des verbreiteten Unbehagens über die Finanzwelt erfreuen sich solche Ansätze einer gewissen Popularität. Dieser Richtung ist auch der Anthropologe David Graeber zuzurechnen, der als Mastermind von Occupy gepriesen wird und derzeit wohl der weltweit bekannteste Anarchist ist. Dagegen scheint sich das amerikanische Netzwerk CrimethInc. von seiner individualistischen Position weg zu entwickeln. weiter

Carl Melchers

Bandiera Nera

Drei Schlaglichter auf das Verhältnis von Faschismus und Anarchismus

Es besteht eine unheimliche Verwandtschaft zwischen Anarchismus und Faschismus. Als zwei der radikalsten Strömungen moderner politischer Philosophie stellen sie einerseits unversöhnliche ideologische Gegensätze dar, andererseits lassen sich die personellen Überschneidungen und Kontakte kaum ignorieren, die die Geschichte beider Bewegungen prägten und sich auch auf in der Theoriebildung niederschlugen. Die Lehre von der totalen Freiheit von Herrschaft und die Ideologie der totalen Freiheit zu Herrschen sind einander oft näher, als man vermuten würde – und zugleich trennen sie stets Welten. Drei Schlaglichter sollen diese Umstände erhellen. weiter

Olaf Kistenmacher

»›Zionist‹ kann man sein«

Anarchistische Positionen zu Antisemitismus, Zionismus und zum Staat Israel

Mehr als 20 Jahre liegen zwischen den Äußerungen von Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) und Michail Bakunin (1814–1876). Sie wurden erst posthum veröffentlicht. Deswegen ist es umso erstaunlicher, wie ähnlich sie ausfielen. Proudhon entwarf 1847 in seinem Tagebuch einen Artikel über »Juden«, »diese Rasse […], die alles vergiftet, die alles in sich hereinfrißt, ohne sich jemals mit einem anderen Volk zu vermischen«. Man müsse ihre »Austreibung aus Frankreich« verlangen, »ihre Synagogen abreißen, ihnen keine Anstellung gewähren, endlich auch ihren Kult aufheben. Es ist kein Zufall, daß die Christen sie Gottesmörder genannt haben. Der Jude ist der Feind der Menschengattung. Man muss diese Rasse nach Asien zurückschicken oder sie ausrotten.«Pierre-Joseph Proudhon, Carnets, 26. Dezember 1847, zit. nach Micha Brumlik, Antisemitismus im Frühsozialismus und Anarchismus, in: Ders./Doron Kiesel/Linda Reisch (Hrsg.), Der Antisemitismus und die Linke, Frankfurt am Main 1991, 7–16, hier 12f. weiter

La Banda Vaga

Alle Macht den Räten?

Ist der Rätekommunismus heute noch relevant?

In diesem TextDieser Text basiert auf einem Vortrag, der im Rahmen der Freiburger Workers Center Initiative am 02.07.2014 in der Fabrik in Freiburg gehalten wurde. soll es nicht vorrangig um eine Geschichte des historischen Rätekommunismus gehen, sondern es sollen vor allem einige Überlegungen zur heutigen Relevanz des Rätekommunismus angestellt werden.Zur Geschichte des Rätekommunismus siehe etwa: Hans Manfred Bock, Geschichte des »linken Radikalismus« in Deutschland. Ein Versuch. Frankfurt am Main 1976; Philippe Bourrinet, Holländischer Rätekommunismus. Von den »Groepen van Internationale Communisten« zum »Spartacusbond«, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr. 13, Bochum 1994; Roman Danyluk, Befreiung und soziale Emanzipation. Rätebewegung, Arbeiterautonomie und Syndikalismus, Lich 2012. Dafür ist es allerdings notwendig, kurz das historische Auftauchen der Räte, zentrale Organisationen, Personen und Inhalte des Rätekommunismus darzustellen, bevor anhand verschiedener Kritikpunkte die Frage nach der Aktualität diskutiert werden kann. weiter

Christoph Bengel

Rage against the machine

Warum ausgerechnet Til Schweiger als anarchistischer Geist herumspuken kann

Erst kritzelte ich es ins Schulheft, aufs Mäppchen und den Radiergummi. Dann wollte ich meine Umgebung an meiner Freude teilhaben lassen und malte es auf Schulbänke, ebenso wie auf meine Klamotten. Doch das war noch nicht der ultimative Kick, ich wollte die ganze Welt beglücken. Und so sprayte ich es hundertfach auf Betonwände, Bullenautos oder Schaufensterscheiben, also auf Dinge, die symbolhaft für alles standen, was mir verhasst war: triste Spießerhöllen, den repressiven Staat und kapitalistischen Konsumterror. weiter

Ewgeniy Kasakow

Den Anarchismus gibt es nicht!

Kritik einer Strömung, die sich der Kritik zu entziehen sucht.

Jeder zeitgenössische anarchistische Text über den Anarchismus beinhaltet unvermeidlich den Satz, dass es »den« Anarchismus nicht gäbe. Das stellt Kritik am Anarchismus vor ein Problem: Entweder folgt man dem anarchistischen Narrativ und tut so, als wäre die Auseinandersetzung mit jeder einzelnen anarchistischen Strömung oder Gruppe etwas, das andere Anarchismen gar nicht betreffen würde. Oder es müssen, wie im Folgenden versucht wird, gemeinsame Merkmale aller Varianten des Anarchismus erfasst werden. Auch auf die Gefahr hin, Varianten des Anarchismus übersehen zu haben, auf die diese Kritik nicht zutrifft. weiter

Hendrik Wallat

Anarchismus und Organisation

Anmerkungen zum libertären Freiheitsbegriff

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen AnarchistInnen und MarxistInnen bemühte Friedrich Engels uralte, bis auf Platon zurückgehende Topoi der Herrschaftslegitimation, um die sogenannten Antiautoritären der Narretei zu überführen. Es sei jedem verständigen Wesen einsichtig, dass keine Fabrik, kein Zug, kein Schiff ohne unbedingte Autorität zu führen sei, da diese »unabhängig von aller sozialen Organisation«Friedrich Engel, Von der Autorität, Marx-Engels-Werke (MEW),BD. 18, 307. sich den Menschen aufzwinge. Engels Polemik war wirkmächtig. Neben dem Bild der AnarchistInnen als bombenlegende TerroristInnen, das zur Hochphase spektakulärer europaweiter Attentate gegen Ende des 19. Jahrhunderts entworfen wurde, ist es der schlechte Ruf hoffnungslos naiver Phantasterei, der dem anarchistischen Freiheitsbegriff vorauseilt. Der Anarchismus ist seit jeher nicht nur MarxistInnen/LeninistInnen und HerrschaftsapologetInnen aller Couleur eine gedankenlose Kinderei, sondern selbst ein so libertärer, durchaus marxismuskritischer Denker wie Adorno bläst in dasselbe Horn: Die »Wiederkehr« des Anarchismus sei »die eines Gespensts«.Theodor W Adorno, Resignation, Gesammelte Schriften (GS), Bd. 10.2., Frankfurt a.M. 1997, 797. weiter

Holger Marcks

Pfade in die Gewalt

Individuelle und kollektive Militanz im strategischen Denken des Anarchismus

Eine Auseinandersetzung mit dem Anarchismus kommt nicht umhin, sein Verhältnis zur Gewalt zu beleuchten. Und sei es nur, um ein althergebrachtes Klischee zu hinterfragen, mit dem der Anarchismus gemeinhin bedacht wird: sein Hang zu Chaos und Zerstörung, versinnbildlicht in der fast schon mystischen Figur des bombenwerfenden Einzelgängers. weiter

G. B. Taylor

Assimilierte Revolution?

Neoanarchismus und der neue Geist des Kapitalismus

In den letzten 25 Jahren ist der Anarchismus zunehmend zu einer hegemonialen Strömung in vielen Teilen der globalen Linken geworden. Die Proteste gegen die Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle im Jahr 1999 markierten die dramatische Rückkehr des Anarchismus auf die Bühne des Weltgeschehens und die Entstehung von Occupy Wall Street im Jahr 2011 offenbarte, welch bedeutende Stellung er zumindest in der nordamerikanischen Linken hat. Heutzutage findet der Anarchismus Anklang in vielen verschiedenen linken Bewegungen auf der ganzen Welt, die eine Übernahme der Staatsmacht ablehnen – von den argentinischen Piqueteros über die spanischen Indignados bis hin zu jenen, die in Griechenland gegen die Sparmaßnahmen protestieren. In einem Zeitraum von gerade einmal 40 Jahren wurde die maoistische und marxistische Tradition, die innerhalb der Neuen Linken lange Zeit dominant war, von ihrem historischen Rivalen verdrängt: dem Anarchismus. weiter

Julia Hermann

»Das Kind muss vom Kindergarten abgeholt werden«

Julia Hermann, Mitglied der AG Gender in der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Berlin (FAU Berlin), steht im Interview mit Timo Schmitt für die Phase 2 Rede und Antwort über aktuelle und historische Aspekte des Anarchismus sowie über Chancen und Fallen zeitgenössischer feministischer Gewerkschaftsarbeit. weiter