Der Super-GAU der Kritik

Von Zyklopen, Ghostbustern und der Regression ins Ende der Geschichte

In Phase 2.05 kritisierte die „AG Hooligans und Zyklopen“ aus Berlin das Konzept des Revolutionären Antifaschismus als falsche Methode linksradikaler Gesellschaftskritik. Der AK MAX lässt diesen Widerspruch nicht auf sich sitzen und fordert seinerseits eine neue Organisierungsdiskussion.

Es bedarf einer Kritik von Staat, Arbeit und Politik, um einen wirklichen Antikapitalismus zu reanimieren - so weit, so gut. Desweiteren bedarf es jedoch eines Verständnisses von Gesellschaft und einer Idee, wenn nicht gar Konzept, wie denn der beschworene Antikapitalismus jenseits von marginalisierten Theoriezirkeln wirkungsmächtig werden kann. Und da der Zweck der radikalen Linken nicht allein der ist, „zu sagen was los ist“ (AG Hooligans und Zyklopen), sondern auch vielmehr der dafür zu sorgen, dass etwas los ist - also nicht mehr und nicht weniger als die Revolution zu machen und zum Kommunismus zu hüpfen -, bedarf es der Vermittlung und des Intervenierens um das gesellschaftliche Kräfteverhältnis zu verschieben. Revolutionär ist, was zur Revolution führt.
 

Politik und Kritik

„Egal ob Benz oder Moped - verschränk die Arme, sprech mir nach: wir sind auch so fett !“ (Tefla und Jalel: „Bounce mit uns“)

So richtig die AG Hooligans und Zyklopen das Verhältnis von Arbeit, Staat und Kapitalismus in den zehn Thesen analysiert hat, so falsch sind die Folgerungen, die sie daraus zieht. Als wäre diese Gesellschaft ein statisches Gebilde und nicht schwankenden Kräfteverhältnissen unterworfen, setzt sie (die AG) - fröhlich wie ein kleines Kind mit Legosteinen - Staat, Arbeit, Politik, etc. in ihrem Model zusammen und auseinander, um sich jedes Mal aufs neue darüber zu freuen, dass das immer wieder geht - ohne dass was kaputt geht, geschweige denn, sich was ändert. Aus lauter Freude darüber, endlich gerafft zu haben, dass es kracht, wenn es donnert, wird vergessen um was sich handelt: Eine Analyse des gesellschaftlichen Ist-Zustandes, welche zwar bitter nötig ist - jedoch wenig darüber aussagt, wie Mensch von hier nach da, vom Kapitalismus zum Kommunismus kommen könnte. Politik, also die Vermittlungsform von Konflikten (ergo Interessengegensätzen) innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, wird als Rein-System immanent und ohne revolutionäres Potenzial beschrieben. Übersetzt: Die vielen „ernsthaften Probleme“ der Menschen (AG), „die mit Hilfe der Politik lösbar“ (ebd.) sind, wie fehlendes Bafög oder Tarifkürzungen, Abschiebungen, Ermordung durch Nazis, Vergewaltigungen, Verhungern und weitere Unwichtigkeiten sind - da eben Interessenskonflikte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft (Politik) - kein Betätigungsfeld für die sich als revolutionär oder radikal gerierende Linke. Hier offenbart sich so langsam das Ausmaß des Irrtums. Nicht nur, dass damit den endgültigen Reformisten wie SPD oder Gewerkschaften das Feld geräumt wird, vielmehr wird offenbart, um was es letztendlich geht: Nämlich um die faktische Absage an jede Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Hier und Jetzt, was eine Absage an jede Revolution irgendwann und irgendwo bedeutet. Hier schließt sich dann auch der Kreis zu jenen Möchtegern-Freestylern der Ideologie-Kritik, von denen die „antideutsche“ (Bahamas über Bahamas) Zeitung Bahamas nur die bekannteste darstellt, die sich im Gegensatz zu den Antipolitikern der AG zwar qua Definition explizit politisch betätigen - z.B. für Israel und gegen Antisemitismus wie sie meinen - in der Praxis aber am selben Strang ziehen. „Trotz und Verblendung sind eins“ (Adorno), und so neu ist das auch nicht. Aber mal langsam und von vorne:
Selbst wenn die Linke zu der Einsicht kommt, dass „die Befreiung der Unterdrückten oftmals gegen die Unterdrückten“ (www.antifa.de) gefordert wird und eine linksradikale Herangehensweise daher vielmehr bedeutet, nicht mehr als Interessenvertretung der um ihre Interessen Betrogenen aufzutreten, sondern als Vertretung des absoluten Interesses an der Möglichkeit von Freiheit zu fungieren - dann bleibt doch das Rätsel, wer dies tut und warum. Hat doch der/die Linksradikale wahrscheinlich ein sehr konkretes Interesse an der Abschaffung der Verhältnisse und der Errichtung der herrschaftsfreien Gesellschaft - sonst gäbe es ja sicherlich Spannenderes zu tun als Phase 2-Artikel zu schreiben, usw. Wenn es aber Menschen gibt, die das „absolute Interesse“ irgendwie als ihr eigenes Interesse begreifen und diese Individuen in dieser Gesellschaft leben, so ergibt sich daraus - na? Richtig, ein Interessengegensatz innerhalb dieser Gesellschaft. Wenn es also Leute gibt, die diese Gesellschaftsform abschaffen wollen, sich jedoch gleichzeitig in ihr bewegen, existieren dafür Gründe. Seien es die „Erpressung zur Arbeit“ (AG), „der ständige Mangel an allerlei“ (ebd.) oder mal tiefer gestapelt; eben zu niedriges Bafög, Abschiebungen, Kürzung der Sozialhilfe. Wichtig ist, ob die Menschen anfangen sich zu wehren oder eben nicht. Dass da nun nicht gleich die Revolution mit drin ist, ist auch so neu nicht. Nur wie, wenn nicht im Kampf gegen reales Leiden lässt sich das durchaus reale „absolute Interesse“ - der Kommunismus - verwirklichen? Birgt doch der Kampf gegen reales Leiden und sei es nur so etwas Unspektakuläres wie Hunger oder Armut, die reale Hoffnung in sich, dass der Mensch an seiner Situation selbst etwas ändert, anfängt sich zum Subjekt seiner eigenen Geschichte zu machen, eine echte Verbesserung eintritt. Nur in Kämpfen gegen reales Leiden zeigt sich die Möglichkeit der Zerschlagung der Realität wie wir sie kennen. Sowenig wie ein Steinwurf die kapitalistische Vergesellschaftung aufhebt, so sehr manifestiert sich in ihm doch der Vorgeschmack der Revolte.
„Eine Bewußtwerdung, sei sie noch so unbestimmt, wächst aus der Bewegung der Revolte: die plötzlich durchbrechende Erkenntnis, dass im Menschen etwas ist, womit der Mensch sich identifizieren kann (...). Alle Erpressung vor der Aufstandsbewegung hat der Sklave geduldet. Oft hatte er (...) empörendere Befehle erhalten als denjenigen, der seine Weigerung auslöste. Er nahm die mit Geduld auf, sträubte sich vielleicht im Innern gegen sie, aber, da er schwieg, mehr um sein unmittelbares Interesse bekümmert als der Wahrheit bewusst. Mit dem Verlust der Geduld, mit der Ungeduld, beginnt im Gegenteil eine Bewegung, die sich auf alles erstrecken kann, was vorher hingenommen wurde. Im Augenblick, da er den demütigen Befehl zurückweist (..) weist der Sklave auch sein Sklavendasein zurück. Das Bewußtsein tritt zusammen mit Revolte an den Tag.“ (Camus, „Der Mensch in der Revolte“)
Und auch wenn es vom Acht- zum Vier- zum Null-Stunden-Tag noch ein Stückchen sein kann, ist es nicht nachzuvollziehen, warum Sachen, die die Lebenssituation der Menschen verbessern und so gleichzeitig die Geschäftsgrundlage für die radikale Linke vereinfachen, nicht anzunehmen wären: Ist die „richtige Kritik des falschen Ganzen“ (AG) dadurch ja weder entkräftet noch weniger interessant. Dies setzt jedoch eine Organisierung jener Kräfte voraus, die sich weder mit einem Stück vom Kuchen noch mit der ganzen Bäckerei zufrieden geben. Die Aufgabe kann es also nicht nur sein, die Kritik am Ganzen nach Außen zu tragen, sondern muss auch vielmehr mit denjenigen, die konkret Widerstand leisten, an Perspektiven arbeiten bzw. nach Möglichkeiten dafür suchen. Im Konkreten kann die Forderung nach „Brot und Frieden“ so gut zur Weltrevolution führen wie „Alles oder Nichts“ zum Außenministerposten. Entscheidend für die Qualität des Engagement ist die Richtung, nicht die (Verbal-)Radikalität ihrer Selbstinszenierung. Wenn Menschen unter schlechten Bedingungen leiden und dagegen kämpfen, ist es die Aufgabe der radikalen Linken dabei zu sein. Alles andere wäre nicht nur zynisch, es wäre vor allem zum Misserfolg verurteilt. Die Menschen sind - entgegen der Selbstversicherung mancher und trotz der Tatsache, dass viele von ihrem freien Willen „nur untertänig Gebrauch (...) machen“ (ebd.) - nicht dumm. Die Opferung der Alltagsbedürfnisse zu Gunsten des Kommunismus im imaginären Irgendwann wird nicht stattfinden. Ist eine der Vorraussetzung für diesen doch gerade die „egoistische Einsicht eines jeden in dieser Welt ums eigene Leben betrogen zu werden“ (Justus Wertemüller).

„Lasst euch nicht in die Irre führen, es wär ne tragische Wendung wenn wir alle Irre würden“ (Blumentopf: Großes Kino)

Antikapitalismus, wie die jeweiligen selbsternannten Meister der Kritik - von Bahamas bis zu den Antipolitikern - es tun, in die zwei gleichermaßen unattraktiven Alternativen, nämlich den Verzicht auf Politik auf der einen und den Verzicht auf Kritik auf der anderen Seite aufzulösen, macht keinen Sinn. Radikale Kritik muss politikfähig sein. Das hat nichts damit zu tun, diese Kritik solange zurecht zustutzen bis es möglich ist, damit Bundestagswahlen zu gewinnen, aber viel damit sich nicht allein dem Kriterium der Wahrheit sondern auch dem der Wirklichkeit zu stellen. „Revolutionäre Realpolitik“ (Rosa Luxemburg) bedeutet, den Spagat zwischen konkreter Linderung des realen Leidens und dem Ziel von dessen kompletter Abschaffung auszuhalten. Wenn aus Kritik mehr werden soll als geistige Masturbation (die ja auch was für sich hat) und zu grundlegender Gesellschaftskritik, also kommunistischer Kritik werden will, dann kann nur der Mensch und dessen reale Bedürfnisse ihr einziger Ausgangspunkt sein. Dass es Zeiten gibt, wo dies nicht einfach ist, ist kein Argument dagegen. Ist der Siegeszug der Rechten doch immer zuerst die selbstverschuldete Niederlage der radikalen Linken gewesen. Sich aus aktuellen Auseinandersetzungen heraus zu halten, allein die „richtige Kritik des großen Ganzen“ zu beschwören und sich dann nachher darüber zu wundern, dass die niemand mehr hören will, ist ein ziemlich einfallsloser Move. Gerade in einer Situation der Marginalisierung der radikalen Linken wird die Selbsttröstung mit eben dieser Marginalität der Systemkritik gleichsam als Beleg für die Omnipotenz des Kapitalismus auch einigermaßen fragwürdig. Eher gibt sie Anlass für die Vermutung, dass eine bestimmte Art der Systemkritik durchaus als Systemfunktional gewürdigt wird - nämlich genau jene, die gar nicht mehr ernsthaft den Anspruch verfolgt, praktisch werden zu wollen. So vollziehen die Antipolitiker letztlich das nach, was Bahamas und Umfeld schon vor ein paar Jahren wussten - revolutionäre politische Praxis sei nicht mehr möglich. Dementsprechend beschäftigt sich ihre „militante Ideologiekritik“ hauptsächlich mit dem Nachweis der Unmöglichkeit von Revolution. Und da es ja „kein richtiges Leben im falschen gibt“ (Adorno) ist eh alles egal. Also werden allerlei historische Wichtigkeiten bis hin zu philosophischen Überlegungen über das Allgemeine und das Besondere angeführt, um munter „seine ›ganze Kraft und Energie‹ auf allerhand Kleinkram und Herumflickerei an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung“ verwenden zu können, „damit es doch aussieht, als geschehe etwas“ (F. Engels). Vordergründig geht es dabei meistens um Israel und letztendlich oft noch um den Kommunismus. Hier bewahrheitet sich jedoch vielmehr auf unerwartete Art und Weise der Spruch der „Antideutschen Kommunisten Berlin“, dass „diejenigen, die am meisten vom Kommunismus reden, in Wirklichkeit am weitesten davon entfernt sind“ (frei nach www.antideutsch.de).


Als Ergebnis liefern die angeblichen Israelfreunde dann sehr realpolitisch Vorschläge, die sie - natürlich von jedem „revolutionären Impetus“ befreit - veranlassen mit Flaggen der jeweiligen, gerade angesagten Nationalstaaten durch die Gegend zu latschen. Schließlich geht es für sie ja darum, die „Grundbedingungen der menschlichen Emanzipation“ gegen wahlweise den „globalen Faschismus“ (wo immer der sich auch grade versteckt haben mag) und „die Linke“ zu verteidigen. Das wäre alles halb so wild, würde sich nicht ständig mehr radikale Linke einschalten und sich zwanghaft auf eine der beiden Seiten - „Antiimp“ oder „Antideutsch“ - schlagen. Was meistens bedeutet, die zweite Variante zu wählen, da diese weniger platt begründet ist. So wird langsam Mode, was vielleicht die Aufgabe einer Bürgerinitiative, aber sicherlich nicht die der radikalen Linken ist. Sie verortet sich endgültig in Konflikten innerhalb des kapitalistischen System jenseits sozialer Kämpfe. So gilt es wahlweise, das in die Luft sprengen von Straßencafes samt Besuchern oder die Bombardierung ganzer Landstriche zu rechtfertigen. Dementsprechend verbreitet sich die Akzeptanz nationalstaatlichen Handelns und dessen Institutionen gegenüber einer dem Kapitalismus angeblich gegenübertretenden Barbarei und das, obwohl diese dem Kapitalismus doch innewohnt. Das geht so weit, dass inzwischen ein gewisser Martin W. Kloke in der Phase 2.05 für die „zivilisatorische Zähmung des Mobs (...) in einer gemeinsamen Kraftanstrengung linker und Konservativer, christlicher und jüdischer, gewerkschaftlicher und wirtschaftsnaher Kräfte“ plädieren kann, eine „Gestaltung der Globalisierung durch selbstbewusste zivilgesellschaftliche Initiativen“ fordert und zum Schluss kommt, dass „die Hoffnung auf eine geschichtsimmanente Utopie zwar nicht gänzlich aufzugeben“ ist, jedoch „auf der Agenda heute sehr viel bescheidenere Ziele stehen“. Das Problem ist hierbei nicht nur, dass offensichtlich vergessen worden ist, was vor nicht allzu langer Zeit über die Zivilgesellschaft etc. bekannt war, sondern auch vielmehr, dass eine Radikale Linke, die meint als Verfechter von Staaten gegen „die Barbarei“ auftreten zu müssen, schlicht und ergreifend vollkommen überflüssig ist. Das können andere nicht nur effektiver, sondern auch glaubwürdiger. Dessen ungestört blubbert das „Berliner Bündnis gegen IG Farben“ weiter von „den Grundbedingungen emanzipativer Politik“, die es in Israel ausgemacht haben will, sowie von der These von der „negativen Aufhebung des Kapitals“, welche im deutschen Nationalsozialismus stattgefunden haben soll. Da spielt es keine Rolle, dass weder Produktions- noch Eigentumsverhältnisse im Nationalsozialismus irgendwie grundlegend angetastet wurden. Aus der Tatsache, dass viele Menschen „ihr Hirn an der Biegung des Flusses“ vergraben haben, die Konsequenz abzuleiten, das Eigene direkt hinter her zu schmeißen, führt offensichtlich nicht weit.
Und so verzieht sich der eine Teil der radikalen Linken als Antipolitiker in die endgültige und selbstgewählte gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit während die „antideutschen“ Ghostbusters langsam aber sicher ihren Marsch in die Zivilgesellschaft vollziehen. So unterschiedlich es anmutet, so identisch sind also die Konsequenzen: Das Einrichten in den miesen Verhältnissen wie sie sind, der Super-GAU der Kritik - die Regression in das Ende der Geschichte. So wird die Kritik in ihr Gegenteil verkehrt. Wertung: No Style - No Points.
 

„Deutschland, USA oder Taliban ...

... wir sind die Feinde von allem drum und dran!“ lautet eine Parole auf linksradikalen Demos, die eine Ahnung von dessen bietet, was die Aufgabe der Radikalen Linken wirklich sein muss. Deren Aufgabe ist es grade nicht, sich zwischen den falschen Alternativen - der Barbarei der „Zivilisation“ und der „Zivilisation“ der Barbarei - zu entscheiden, sondern eine wirkliche Alternative jenseits davon zu vertreten. Das neue Bessere entsteht aus der Negation des Alten oder es entsteht gar nicht. „Sozialismus oder Barbarei“ heißt nicht, sich aus gesellschaftlichen Konflikten heraus zu halten sondern gerade dort anzusetzen. Die sozialen Kämpfe und gesellschaftlichen Konflikte müssen zugespitzt, das Ende der Geschichte nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch widerlegt werden. Vom Zurückdrängen faschistischer Bewegungen über die Schaffungen von Freiräumen für emanzipatorisches Engagement bis zu konkretem Widerstand gegen den Abbau sozialer und sonstiger Sicherungen und für ein schöneres Leben für alle ergeben sich hierzulande Möglichkeiten zum Handeln. Allerdings ergibt sich die Perspektive der Abschaffung der kapitalistischen Verhältnisse doch nur durch den Blick über den Tellerrand und mit Bezug auf die sozialen Kämpfe weltweit. So sind, bei aller notwendigen Kritik, von Kolumbien bis Nepal Dinge in Bewegung, die der Solidarität eben in ihrem wahrsten Sinne bedürfen: Die Revolution dort zu machen, wo man lebt. Das ist allerdings kein Grund mit alten Analysen und Parolen anzukommen, d.h. es gilt anzuerkennen wenn, wie z.B. im Falle des Nahost-Konflikts, eine emanzipatorische Position derart marginalisiert ist, dass umfassendere realpolitische Vorschläge bzw. Forderungen nur schwer möglich sind, linksradikales Engagement am Anfang ansetzten muss. Nämlich diejenigen Kräfte zu unterstützen und aufzubauen, die mehr oder weniger, nicht mehr und nicht weniger als das Ziel verfolgen „alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein verlassenes, ein geknechtetes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx), um auch dort eine Perspektive auf soziale Befreiung zu stärken. Nicht isoliert und doch nur auf sich selbst gestellt kann eine radikale Linke - die sich noch ernst nimmt - dieser Hoffnung auch Taten folgen lassen. Dafür wäre, mal ein wenig in die Zukunft gesponnen, jedoch eine Organisierung der Kräfte nötig, die sich nicht nur den Marxschen Imperativ auf die Fahnen geschrieben haben, sondern diesen auch umsetzen wollen.
Auch wenn es angesichts von massivem infantilem Rumgedisse manchmal so erscheint - es gilt gerade nicht, das xte „wir distanzieren uns von xy - Papier“ zu schreiben und sich gegenseitig zu verprügeln. Stattdessen muss das Kriterium des Handelns die Wirksamkeit in der Praxis d.h. in der Gesellschaft sein. Das wird zwar nicht ganz einfach aber „wir verlieren schließlich solange bis wir gewinnen“. Denn auch wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, es ist doch nie falsch das richtige zu sagen und zu tun.
 

Fragmente zum Revolutionären Antifaschismus - oder „Die another day“ (Madonna)

Zu Recht wurde unter anderem in der Kritik an der AA/BO (Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation) darauf hingewiesen, dass der Faschismus und die bürgerliche Gesellschaft in der politischen Auseinandersetzung nicht gleichzusetzen sind. Auf der einen Seite würde damit der Faschismus verharmlost, auf der anderen kein besseres Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Situation vermittelt. Dabei ist jedoch das grundlegende Verständnis über die Metaphysik des Kapitalismus derartig unter den Tisch gekommen, dass die einen Antifaschismus inzwischen eingeschränkt als Staatsaufgabe definieren und andere sich verpflichtet fühlen, auf Seiten der bürgerlichen Staaten und mit der „Zivilisation“ in den Krieg gegen die Barbarei zu ziehen. Dabei ist nicht das Problem, dass manche Dinge endlich beim Namen genannt werden - z.B. kann die Steinigung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ja kaum als etwas anderes als barbarisch bezeichnet werden - sondern das ein Gegensatz aufgemacht wird, der so gar nicht existiert.
Die Barbarei, welche der kapitalistischen „Zivilisation“ propagandistisch gegenüber gestellt wird, ist in dieser beschlossen. Der Ausbruch des Menschen aus der mythischen Gewalt der Natur ist im Kapitalismus in sein Gegenteil verkehrt - die Aufklärung ihrer Dialektik ausgeliefert, weil sie nie wirklich ernst gemacht wurde. Der Kapitalismus beweist sich als metaphysisches Projekt, ist die Herrschaft des Menschen über die Natur, die Abwesenheit der direkten Lebensbedrohung, doch nur um den Preis der Übertragung der darwinistischen Naturordnung auf die menschliche Gesellschaft erfolgt. „Sich wegzuwerfen um sich treu zu bleiben“ (Horkheimer, Adorno; Dialektik der Aufklärung) ist die Leitlinie dieser Systematik. „In Wahrheit verleugnet das bürgerliche Subjekt die eigene Identität, die es zum Subjekt macht und erhält sich am Leben durch die Mimikry ans Amorphe“ (ebd.) und ist im Grunde daher so irrational wie es nur geht. Schließlich steht die Lüge, der Irrtum, der Aberglauben am Anfang. Was in der Konstruktion der Nation als Gewaltverhältnis zum Ausdruck kommt und seinen wahnsinnigen Höhepunkt in Auschwitz fand, liegt schon im kleinsten Alltäglichen begründet. Der Mythos, dass der Mensch gezwungen wäre sein Zusammenleben im Kampf aller gegen alle zu organisieren, die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums im Konkurrenzverhältnis zu vollziehen, ist die barbarische Lüge, auf der die kapitalistische Gesellschaft gründet. Im angeblich „zivilisatorischen“ Recht des Staates ist diese Gewalt auf ewig festgeschrieben, welche der Humanität entgegen steht. Die sinnlose Gewalt steht im Kapitalismus am Anfang und am Ende. Die Hoffnung auf ein Ende des Wahnsinns innerhalb dieser Gesellschaftsform ist durch „die Inthronisierung des Mittels als Zweck“ (ebd.) ad absurdum geführt - das barbarische Prinzip von wertem und unwertem Leben in ihr begründet. Die angeblich so vernünftige Klassengesellschaft basiert auf Irrationalität. Eben dies „ist die Zelle der fortwuchernden mythische Irrationalität. Die neuesten Ideologien sind nur Reprisen der ältesten“ (ebd.) Lüge. Der Faschismus und die bürgerliche Gesellschaft unterscheiden sich in der Vermittlung des ihnen zugrundeliegenden Gewaltverhältnisses nicht grundlegend. Das ist die Wahrheit des Horkheimerschen Diktums: „Wer vom Kapitalismus nicht reden möchte, der möge auch zum Faschismus schweigen“ und der Funken Wahrheit in dem Demospruch „hinter dem Faschismus steht das Kapital“. Der Faschismus, die Barbarei ist das Kapitalverhältnis. Die bürgerliche Gesellschaft der Barbarei gegenüber zu stellen ist daher nicht möglich. Deren universales Glücksversprechen muss gegen die bestehenden Verhältnisse eingelöst, die Aufklärung gegen ihre aktuellen Apologeten durchgesetzt werden. Revolutionärer Antifaschismus ist der Kampf gegen die Barbarei und damit gegen das wahnsinnige System. Nur als radikaler Verfechter der gesellschaftlichen Aufklärung - der menschlichen Emanzipation auf allen Ebenen - macht Antifaschismus Sinn. Geht es ja schließlich um nicht weniger als „das Ende der Gewalt“ (AAB), welches in der Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung zu suchen ist. Was nichts anderes als den Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Revolution meint. Und diese ist bekanntlich „ein zutiefst friedliches Projekt.“ („Warum dieser Hass ?“, 1997 Berlin)
 

„Zeit für Phase 3 !“ Captain Kirk zu Scotty, Star Trek IV

Eine erfolgreiche Organisierung und letztendlich „gesellschaftliche Bedeutungserlangung“ (AG) setzt sicherlich voraus, um nach soviel dezenter Publikumsbeschimpfung wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, dass überhaupt einigermaßen klar ist, was abgeht. Insofern sind die zehn Thesen der AG Hooligans und Zyklopen richtig und wichtig. Der Dissens besteht also nicht darüber, sondern über die Tatsache, dass die Abschaffung von Staat und Arbeit dann sehr wohl etwas mit Hühnerkäfighaltung, gleichen Rechten für alle und Patriarchat zu tun hat. Und dass neben der Frage, warum man kämpft, die Frage nach dem wie eine zentrale ist, da der Kommunismus ansonsten angesichts der falschen Realität eben nicht nur unrealistisch scheint, sondern auch bleibt. Zu fragen bleibt momentan, ob, wie und wo die immer wieder beschworene Theoriediskussion geführt werden kann und soll. Denn so sehr es richtig ist, darauf zu verweisen, dass die theoretischen Grundlagen geklärt gehören, so wenig bringt der reine Verweis darauf weiter. Das alles hängt natürlich davon ab, inwiefern überhaupt Interesse besteht, d.h. bestehende Gruppen und Zusammenhänge bereit und in der Lage sind, diese Diskussion zu führen und zu Ergebnissen zu bringen. Soll jedoch mehr erreicht werden als das lokale Kommentieren gesellschaftlicher Entwicklung, so ist dies unabdingbar. Ähnlich einer weiteren Organisierungsdiskussion in einer einschlägig bekannten Berliner Wochenzeitung, wäre desweiteren zu überlegen, was das richtige Medium für solch eine Debatte sein könnte. Es kann nicht darum gehen möglichst „originelle“ Artikel in dieser immer lesenswerten, jedoch nur alle 3 Monate erscheinenden Zeitschrift zu verfassen, müsste deren Ziel doch letztendlich sein, sich selbst überflüssig zu machen. Die Hoffnung auf Luxus für alle ist eine zu reale und notwendige als das ihre Realisierung Aufschub dulden würde - und je länger man schläft, desto müder wird man. Es ist höchste Zeit für Phase 3. In diesem Sinne:
 

Für die linksradikale Organisierung:
Für den Kommunismus!



AK Max
Rhein-Main