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Herbst 2012

Samstag ist der neue Montag

Über die gesellschaftliche Funktion
von Drogen und Rausch

Editorial

Mit dieser Ausgabe gehen wir in die nächste Phase mit der Phase. Nach ungefähr acht Jahren hat unsere Zeitschrift erneut eine äußerliche Generalüberholung erhalten. Beim letzten Relaunch sind wir einen deutlichen Schritt Richtung Klarheit, Übersicht und Struktur gegangen, ganz weg von Schnipsellayout und konkreter Bebilderung. Eine Richtung, in die – man kann es ruhig mal im Nebensatz erwähnen – andere folgten. Und jetzt war es an der Zeit noch schöner, klarer und übersichtlicher zu werden. We hope you like. Und noch etwas ändert sich bezüglich des Erscheinungsbilds: Unser liebster Lieblingsfotograf und Bildredakteur, Eiko Grimberg, der mit seinen Fotoessays das Bild der Phase geprägt hat, verabschiedet sich. Wir sagen von Herzen, »danke schön«. Don‘t be a stranger. Ab der nächsten Ausgabe wird jede Phase von anderen KünstlerInnen bebildert. Insgesamt haben wir die Phase nun sowohl on- als auch offline herausgeputzt. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Samstag ist der neue Montag

Über die gesellschaftliche Funktion von Drogen und Rausch

Drogen werden verklärt und verteufelt, verboten und sind Moden unterworfen, Drogen machen abhängig und kaputt, sie steigern Konzentration und Leistung – all diesen Einschätzungen und Zuständen widmet sich diese Phase 2. In der Ausgabe geht es um die gegenwärtige politische Bedeutung und die gesellschaftliche Funktion von Drogen. Was wird im Rausch oder in Drogen gesucht, wenn das Interesse immer weniger der Bewusstseinserweiterung oder dem intellektuellen Selbstexperiment gilt? Was sagt die Suche nach den möglichst effektiven Hilfsmitteln zur Selbstoptimierung über das gegenwärtige, gesellschaftlich verordnete, individuelle Verhältnis zu Körper und Geist aus, besonders wenn dabei jegliches »chemiekritische Bewusstsein« (Günter Amendt) verlorengeht? Anhand dieser Fragen diskutieren wir die kulturelle Bedeutung und die subkulturelle Verklärung bestimmter Drogen und die Praxis ihres Konsums im flexibilisierten Kapitalismus. weiter

Jan Tölva

Rotwein oder Traubensaft?

Über den politisierten Konsum und Nicht-Konsum von Alkohol und Drogen in der Geschichte sozialer Bewegungen

Es dürfte viele geben, die Drogenkonsum und Politik als zwei von einander beinahe gänzlich entkoppelte Dinge ansehen. Es gab und gibt jedoch auch Stimmen, die das Gegenteil behaupten und entweder, wie derzeit die hedonistische Technolinke, die Vorteile des Drogenkonsums in höchsten Tönen besingen oder wie Straight Edger_innen auf die negativen Begleitumstände desselben hinweisen und ihn gleich ganz in Bausch und Bogen verdammen. Beide Standpunkte können dabei auf lange Traditionen zurückblicken, die im Folgenden nachgezeichnet und gleichzeitig kritisch betrachtet werden sollen. Die zentrale Frage dabei ist, ob und inwiefern der Konsum bzw. Nicht-Konsum von Drogen politisch sein kann. weiter

Daniel Sanin

In süchtiger Gesellschaft

Das kapitalistische Subjekt im Hamsterrad zwischen illegalen Drogen und legalen Pillen

Sucht ist real. Die diesbezüglich zentralen Institutionen des Westens (Weltgesundheitsorganisation/WHO, Vereinte Nationen/UNO) sowie die meisten Länderinstitutionen akzeptieren sie als Tatsache. Millionen fließen in die »Therapie« von »Süchtigen« und die Bekämpfung des Handels mit »Drogen« und – weniger – des illegalisierten Glücksspiels. Weitaus weniger fließt auch in die Prävention, dem Zauberinstrument, das, würde es adäquat umgesetzt, die vielen Millionen einsparen könnte, damit ihr Süchte verhindert oder zumindest vermindert werden könnten.? Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit darauf verzichtet, Begriffe wie »Sucht«, »Drogen«, »Therapie« in distanzierende Anführungszeichen zu setzen. Dennoch soll darauf hingewiesen werden, dass sich der Autor auch ohne die Distanzierungen im Detail von diesem inflationären Suchtappendix distanziert. Sucht ist also eine gesellschaftliche Tatsache. Menschen leiden an ihr, Ärzt_innen diagnostizieren sie, Kliniken behandeln sie und die Kassen zahlen. weiter

jimmy boyle

Betrieb mit besonderen Geschäfts­bedingungen

Ein Gespräch mit der Gruppe jimmy boyle (Berlin) über die Drogenwirtschaft im Verhältnis zur kapitalistischen Ökonomie

Die Gruppe jimmy boyle existiert seit 2001 und ist im Zusammenhang Junge Linke gegen Kapital und Nation organisiert. Der Arbeits­schwerpunkt der Gruppe liegt auf Seminaren und Veranstaltungen zu den Themen Nationalismus und Nation, Sexismus und Ökonomie (http://www.junge-linke.org). weiter

Robert Feustel

Optimieren statt Überschreiten?

Über die Verbindung von Techno, Rausch und Kapitalismus

Vorab: Panik ist nicht angebracht. Wer sich beispielsweise gegenwärtig einen Gin Tonic mischt, hat die Qual der Wahl. Die Debatten, ob es eher ein Bombay Sapphire oder ein Monkey 47 sein sollte, werden am gutbürgerlichen Tresen mit einiger Vehemenz geführt. Gin ist Kulturgut erster Güte. Wer den richtigen trinkt, weist kulturelles Kapital aus. Das war nicht immer so. 1751 etwa veröffentlicht der englische Maler William Hogarth einen Kupferstich namens Gin Lane. Die Szenerie ist gespickt von dramatischen Ereignissen: Eine offenbar restlos betrunkene Frau lässt ihr Kind fallen; ein Mann hat sich erhängt; ein anderer liegt reglos und mit einem skeletthaften Körper in der Ecke usw. Schuld an der Misere ist das Teufelszeug Gin, wie das parallel entstandene Bild Beer Street verdeutlicht. Auf dieser geht es beschwipst, heiter und vor allem harmlos zu. Der gleiche Stoff also aus dem heute erlesene Geschmacksträume sind, war einst jener, der vermeintlich die Gesellschaft ihrem nahen Ende entgegen spülte. Aktuell wird dieser Taumel gen Abgrund häufig anderen Drogen angelastet. Das Pro 7-Magazin Taff hat unlängst etwa Crystal Meth zur gefährlichsten Droge der Welt gekürt und wieder einmal den kommenden Untergang der Gesellschaft prophezeit, sofern wir des Stoffs nicht schleunigst habhaft werden. Dass die Prohibition, der verbitterte war on drugs, alten Monstern wie Crystal Meth zu neuen Höhenflügen verhilft, ist sicher nicht erfreulich. Der nahende, von der gleichsam vollständigen Vergiftung ihrer Jugend herbeigeführte Herztod der Gesellschaft bleibt wohl dennoch aus. weiter

Rave it Save, Drugscouts

»Wir unterstützen User_innen dabei, ihren Konsum selbstkritisch zu reflektieren«

Mit rave it safe aus Bern und den Leipziger Drugscouts haben wir zwei Projekte aus der akzeptierenden Drogenberatungs- und Präventionsarbeit zum Gespräch eingeladen, die unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen staatlicher Drogenpolitik arbeiten. Phase 2 spricht mit ihnen über sich verändernde Konsumrealitäten, verantwortungsvolle Konsument_innen und mobile Chemielabore. weiter

Alexandra Schauer

Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst

Sucht und Subjektivität in der Spätmoderne

Jede menschliche Gesellschaft kennt Rausch und Ekstase. Seit Menschheitsgedenken zählen sie zu den integralen Erfahrungen humanen Seins. Nicht selten wurden die Mittel, die einen ekstatischen Zustand hervorzurufen vermögen oder der Zustand selbst, als Gottheiten verehrt. Die Griechen etwa haben den Gott des Rausches und der Ekstase Dionysos genannt. Etwas von der Macht und Bedeutung, die dem Rausch einstmals zukam, hallt nach in den Namen dieser Gottheiten. weiter

Sebastian Tränkle

Der Spitzentanz der Vernunft

Über Rausch, Reflexion und Regression

»Hier ist es also das Glück! Es hat Raum in einem kleinen Löffel! das Glück mit all seinen Trunkenheiten, all seinen Tollheiten und Kindereien!«, notiert Charles Baudelaire im Angesicht einer bereitstehenden Dosis Haschisch. Charles Baudelaire, Die künstlichen Paradiese, Reinbek 1964. Alle folgenden Baudelaire-Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe. Die Essays, die der lyrische Chronist von Paris, der »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«, Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Ges. Schriften Bd. V.1, Frankfurt a. M. 1991, 45. über die von Haschisch und Opium induzierten »künstlichen Paradiese« verfasste, zählen zu den literarischen Gründungsdokumenten der modernen intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Rausch. Das aus zwei Aufsätzen bestehende Werk bildet im zweiten Teil eine Auseinandersetzung mit Thomas de Quinceys früheren und ebenso zentralen Bekenntnissen eines englischen Opiumessers, München 1985. Baudelaire beschwört in der »Dichtung vom Haschisch« das uralte Versprechen eines »künstlichen Glücks«: Es sei, »in der Naturwissenschaft und der Pharmazeutik, in den schwersten berauschenden Getränken und in den feinsten Düften, unter allen Himmelsstrichen und zu allen Zeiten« gesucht worden, die dem Menschen als »Mittel […] zur Flucht – und möchte sie nur einige Stunden währen – aus seiner Kotbehausung« dienen sollten.  weiter