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Sommer 2010

Kommunismus

Editorial

Südafrika also. Keine Beschreibung ist den JournalistInnen zu abgedroschen, da wird von »sonniger Wildnis«, »ursprünglicher Natur« oder »Kapstadt der guten Hoffnung« geschrieben. Noch schlimmer: Die Sportfunktionäre und Fußballexperten mobilisieren noch mal alles, inklusive rassistischer Klischees, um doch noch einen Run auf die Tickets, Hotels und den FIFA Tünnef zu erzeugen. Wird wohl nicht klappen. Schade für einzelne Gewerbetreibende in Südafrika, aber in FIFA üblicher Manier wurde ohnehin schon dafür gesorgt, dass nur verdient, wer dem Fußballmonopolisten Tantiemen, Miete oder ähnliches bezahlt. Sperrzonen für KleinhändlerInnen um jede Sportstätte, der geschützte Namenszug »Südafrika 2010«, damit auch ja kein Schlüsselanhänger, keine Tasse und kein Magnet von örtlichen Produzierenden verkauft werden kann, sind da noch die kleineren Ekelhaftigkeiten. Gleichzeitig wird von der Unterstützung für Afrika, sportlicher Entwicklungshilfe und den riesigen Möglichkeiten für ein armes Land geheuchelt. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Kommunismus

Einleitung zum Schwerpunkt

Zwei Jahre nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 veröffentlichen Nikolai Bucharin und Jewgeni Preobraschenski Das ABC des Kommunismus. Von der Sowjetmacht und militärischen Fragen über die neue Gerichtsbarkeit, Schulen und Religion bis zur Struktur der einzelnen ökonomischen Bereiche, Wohnungsfragen, sozialer Sicherheit und dem Gesundheitssystem wurde dort alles behandelt, was es in der neuen Ordnung zu organisieren galt. Das Buch war zugleich Agitationsschrift, Programm und Bestandsaufnahme. Der Kommunismus war eine wirkliche Bewegung und die mit ihm verbundenen Probleme drängten sich auf. weiter

Rüdiger Mats

Ich bring' schon mal den Müll runter

Probleme gesellschaftlicher Integration im Übergang vom Kapitalismus zur befreiten Gesellschaft

So wirklich gemütlich hatte es Robinson nicht auf seiner Insel. Ganz abgesehen davon, dass geeignete Eilande selten sind, erfordern erhaltenswerte Errungenschaften gegenwärtiger Gesellschaften (Krankenversorgung, Bibliotheken, 73 Pastasorten im Ladenregal, Unterhaltungselektronik usw.) gesellschaftliche Arbeitsteilung und Kooperation. Die eigene Freiheit hat also ein bestimmtes Handeln anderer zur Voraussetzung. Doch wie bekommt man Menschen dazu, das zu tun, was im Interesse aller notwendig ist? Oder tun sie das von alleine? weiter

Felicita Reuschling

Familie im Kommunismus

Zur Abwertung reproduktiver Arbeit und der Fortschreibung kapitalistischer Geschlechterarrangements in der Sowjetunion

Die Frage, welche Rolle die Familie im realsozialistischen Kommunismus eingenommen hat, erscheint nur oberflächlich betrachtet als »weiches« Spezialthema. Bei näherem Hinsehen sind in ihr jedoch viele verschiedene die Gesellschaft strukturierende Themen, wie die Frage nach dem neuen Menschen, Geschlechterrollen, Frauenpolitik und Erziehung miteinander verknüpft. Vor allem aber wirft sie das Problem auf, welche Tätigkeiten gesellschaftlich anerkannt werden. Die Ausgestaltung der Familie kann insofern als Mikrokosmos gelten, in dem die meisten zentralen Strukturen dieser Gesellschaft in ihrer Bedeutung für die Identität deutlich werden. weiter

Sebastian Tränkle

Die süße Verlockung

Über die Unverzichtbarkeit utopischer Phantasie für radikale Kritik

Wer über Ideen wie den Kommunismus, einen Verein freier Menschen, eine befreite Gesellschaft, den Stand der Versöhnung oder der Erlösung nachsinnt, dessen Gedanken bewegen sich auf die »eine Küste« zu, an der nach Oscar Wilde »die Menschheit ewig landen wird«. Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen, Zürich 1970, 35. Von der aber doch niemand sagen kann, wo sie liegt. Seit Thomas Mores Entwurf eines idealen Gemeinwesens auf einer fernen und doch als gegenwärtig imaginierten Insel, der eine literarische Gattung ebenso begründet hat wie eine moderne politische Denktradition, trägt dieses Nirgendwo den griechischen Namen Utopia. Einem ou-topos, einem Nicht-Ort, kann im Sinne der unser Dasein strukturierenden alltäglichen Realität keine materielle Existenz zugesprochen werden, und doch hat er immer wieder das menschliche Bewusstsein in seinen Bann gezogen. Das Denken der Utopie hat schließlich ganz reale historische Formen motiviert, von denen manche so blutrünstig und furchtbar waren, dass viele utopische Vorstellungen schließlich den Charakter von Dystopien oder Anti-Utopien annahmen, die statt mit einer harmonistischen Idealvorstellung, mit einem Worst-Case-Szenario gesellschaftlicher Entwicklung aufwarteten. weiter

J.Bender / N.Tomasek / M.&.K.Maschewsky

Paint the picture

Vier Versuche über die befreite Gesellschaft

Die Vermutung, dass es nicht immer ausreicht zu wissen, was man nicht will, ist eine der Motivationen dieses Schwerpunkts der Phase 2. Sei es auch noch so spielerisch und notwendig utopisch. In den folgenden vier Texten soll der Versuch gewagt werden, auf engstem Raum einen Eindruck zu geben, wie man sich das Leben »danach« denn vorstellt – oder eben nicht. weiter

Robert Zwarg

Wozu schweigen, worüber sprechen?

Vorauseilende und nachholende Bemerkungen zum Sprechen über die befreite Gesellschaft

Zwei Monate ist der Erste Weltkrieg bereits im Gange, als Karl Kraus in Wien eine Rede mit dem Titel »In dieser großen Zeit« hält. Wenig später wird sie in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel abgedruckt. Über den Krieg und die ihm anhängige nationalistische Begeisterung hätte es einiges zu sagen gegeben, auch wenn seine Dimensionen – ein sinnloses Abschlachten von Menschenmaterial, das bis heute die unzulässig verlängerte und verdoppelte historische Folie jedes Pazifismus darstellt – damals noch nicht überschaubar waren. Doch genau das tut Kraus nicht. Keine alternative Analyse des Krieges ist zu finden, kein eigener Beitrag im Wettstreit der Berichterstattungen. Stattdessen beginnt Kraus seine Rede mit der Begründung eines Schweigens: »...in dieser lauten Zeit, die dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen sie von mir kein eigenes Wort erwarten. Keines außer diesem, das eben noch Schweigen vor Mißdeutung bewahrt. Zu tief sitzt mir die Ehrfurcht vor der Unabänderlichkeit, Subordination der Sprache vor dem Unglück.« Karl Kraus, In dieser großen Zeit, Ausgewählte Werke 2, Berlin 1971, 9. Gut ein Jahr später, 1915, versieht Kraus diese Begründung mit einem Kontrapunkt, ja einer Relativierung: »Das Schweigen war nicht Ehrfurcht vor solcher Tat, hinter der das Wort, wofern es noch eins ist, noch zurücksteht. [...] Und das Schweigen war so laut, daß es fast schon Sprache war. Nun fielen die Fesseln, denn die Fesseln selbst spürten, daß das Wort stärker sei.« Kraus musste sich wieder hörbar machen, »und wäre es nur, um zu bewiesen, daß die Sprache selbst noch nicht erstickt sei.« Ders., Schweigen, Wort und Tat, ebd., 31. Was war geschehen? Kraus hatte mit Beginn des Krieges keinesfalls im strengen Sinne des Wortes »geschwiegen«. Die Fackel wurde nicht etwa eingestellt, nur beschränkte sie sich darauf, selbst nicht über den Krieg zu berichten, sondern andere Berichterstattungen und die allgemeine Kriegsbegeisterung polemisch zu kritisieren. Und trotzdem muss es einen Moment gegeben haben, an dem Kraus wieder expliziter werden musste. Aus dem Schweigen musste wieder Sprache werden und das hieß, aus der Defensive – die sich lediglich vor Missdeutung schützte – in die Offensive zu gehen. Dies mag als Einstieg dienen für eine Reflexion auf die Frage, was es bedeutet, über, sagen wir, »große Dinge« zu sprechen oder, um genau zu sein, über jenes Größte, das eine Linke interessiert oder zu interessieren hat: die befreite Gesellschaft. Nicht nur, worin die politischen und erkenntnistheoretischen Dimensionen des Sprechens über die befreite Gesellschaft bestehen, soll hier interessieren, sondern auch der derzeitige Stand des Streits: Schweigen oder Sprechen. Nun ist der Gegenstand über den jeweils gesprochen wird – bei Kraus der Massenmord, hier die befreite Gesellschaft – natürlich nicht derselbe. Sie sind aber auch nicht völlig getrennt. Schließlich wird sich zeigen, dass es nicht zuletzt die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts waren, die zu einem allgemeinen Zweifel an der Macht des Wortes geführt haben. Anknüpfungspunkte finden sich aber auch hinsichtlich der Frage, ob es angemessener sei, über die befreite Gesellschaft zu schweigen oder sie sprachlich und imaginierend in Teilen vorwegzunehmen: Ist nicht das, der Kritischen Theorie entlehnte, »Bilderverbot« eine Art des Schweigens, das gerade nur soviel sagt, um sich selbst vor Missdeutung zu bewahren? Ist nicht der Gedanke nachvollziehbar, dass in der Verbalisierung sowohl des Grauens als auch des guten Lebens die Sprache an ihre Grenzen gerät? Und zielt nicht der Schwerpunkt dieser Ausgabe der Phase 2 darauf ab, gerade über dieses Bilderverbot und jenes Sprachversagen, wenn es denn eins ist, ein Stück hinauszugehen? So gesehen geben die Krausschen Sätze zumindest Fragen an die Hand für eine notwendige Vorbetrachtung, also das, wofür die Philosophie das sperrige Wort »Prolegomenon« bereithält: Wie wird eigentlich über die befreite Gesellschaft gesprochen? Was wäre ein adäquates Verhältnis der Sprache zu Belangen, die der praktischen Reichweite entzogen sind? Wann ist rhetorische Enthaltsamkeit geboten und warum? Was könnte das Sprechen schließlich (wieder) motivieren? Und wo schlägt Enthaltsamkeit in lähmende Sprachlosigkeit um? weiter

Paeris

Spinner, Utopisten, Antikommunisten

Gegen das Festhalten am Bilderverbot und für eine Verständigung über Kommunismus

Wie war das noch mal damals, Mitte, Ende der neunziger Jahre? Mit dem Selbstverständnis des Teils der Linken, aus dem wir herkommen? Man war und nannte sich KritikerIn. Man nannte das sogar einen Beruf. Und der war so sehr ernst und wichtig, dass beim Aussprechen dieser Berufsbezeichnung schon mal ein Schauer über den Rücken laufen konnte. Das war schön. Die eigene objektive gesellschaftliche Irrelevanz ließ sich in eine Stärke und Überlegenheit verwandeln: Man wusste etwas, das andere, die Bürger und die, die sich nicht Kant-Hegel-Marx-Adorno, oder auch den Gegenstandpunkt »draufgeschafft« hatten, nicht wussten: dass diese Gesellschaft die falsche ist, und vor allem, warum sie das ist. Den NovizInnen in diesen Kreisen, die naiv davon ausgingen, dass Politik nicht nur mit Wissen, sondern auch etwas mit Zwecken zu tun hat, und die absurde Frage stellten: »Was eigentlich wollt ihr denn?«, wurden Texte zu der Frage angedreht, ob und wie in Marx' Kritik der politischen Ökonomie, Analyse und Kritik unmittelbar identisch sind. Dass es sich bei der Kritik schon um den ganzen und einzigen Zweck handelte, stand nicht im Ernst zur Debatte. weiter

Reinhart Kößler

Pläne mit Zukunft

Sowjetische Erfahrung, Unmögliches und Mögliches

Mit dem offenkundigen Scheitern des sowjetischen Experiments gilt für die überwiegende Mehrzahl der öffentlichen Diskurse auch jegliche sozialistisch-kommunistische Perspektive, ja geradezu jegliche grundlegende Alternative zum bestehenden Gesellschaftssystem als desavouiert. Selbst das Nachdenken darüber ist in Verruf geraten. So erscheint das Bestehende als alternativlos – eine durchaus bequeme Situation für diejenigen, die daran glauben wollen. Zugleich drängt sich die Suche nach Alternativen aber auf angesichts einer mit den vorhandenen Mitteln nicht handhabbaren Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, wachsender sozialer Ungleichheit sowohl auf globaler als auch auf nationaler Ebene und dem allein schon den Tageszeitungen zu entnehmenden Nachweis der nachhaltigen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Die Folgen der aktuellen Krise haben einmal mehr diejenigen zu tragen, die sie am wenigsten verschuldet und die vom vorangegangenen Boom meist am wenigsten profitiert haben. weiter

Margharete Vöhringer

Gänzlich neue und einzigartige Methoden der Lebensverbesserung

Erziehung, Arbeitswissenschaft und Eugenik in der frühen Sowjetunion

Wissenschaftliche Umbrüche finden nicht unbedingt infolge von gesellschaftlichen Umwälzungen statt, vielmehr verflechten sich diese beiden Bereiche mal mehr und mal weniger stark. In Zeiten des gesellschaftlichen Ausnahmezustands wie der Zwanziger Jahre in Russland wird dies besonders offensichtlich. Hier förderte die sowjetische Gesellschaft so sehr ihre Wissenschaften, wie letztere ihre gesellschaftliche Umgebung überhaupt erst entstehen ließ. Die Rolle der Wissenschaften wurde dabei offen diskutiert und reguliert, was ganz einzigartige Folgen hatte – neue Experimente, schnelle Anwendungen von unerprobten Verfahren, interdisziplinäre Projekte, ganzheitliche Heilmethoden. Doch mit den Versprechen dieser Situation gingen auch Gefahren einher wie die Einschränkung von Selbstkontrolle und Freiheit. Paradoxerweise waren aber genau diese beiden die wichtigsten Ziele der Revolution und damit die zentralen Grundfesten des Sozialismus. Im Folgenden will ich diese Paradoxie an einigen Beispielen veranschaulichen. weiter

Bini Adamczak

Verweigerte Ankunft

Welche Fragen stellen zwei Erzählungen von vergangenen Revolutionären, die im Moment der Revolution verstarben, an ein gegenwärtiges Leben ohne Revolution?

Wir werden das Los jenes alten Revolutionärs erleiden, der nach 30 Jahren Exil in den Märztagen 1917 nach Petersburg zurückkam, in dem Chaos dort niemanden fand und einsam und verlassen in einem Hotelzimmer starb […]. Später erkannte man ihn!« Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs, Hamburg 1991, 361. Verschieben wir für einen Moment die Frage nach dem Wir (es ist die trotzkistische Linksopposition); sie stellt sich hier ohnehin zunächst nur aufgrund der zerschneidenden Zitation, und stellen wir andere Fragen. Ist es Zufall, dass der Revolutionär dieser Erzählung, die der Revolutionär und Schriftsteller Victor Serge in seiner Autobiografie erzählt, keinen Namen trägt? Dass er keinen Namen trägt, obwohl er doch später erkannt wurde – nicht von einer einzelnen Genossin oder einem wartenden Liebhaber, sondern von einem allgemeinen »man«: der Öffentlichkeit, der Revolution selbst vielleicht, mindestens aber von einer revolutionären Partei? Wurde er, der – später, zu spät – Wiedererkannte, wieder vergessen? Und warum? Ist er, obwohl er nicht unbekannt war, gerade als Unerkannter zur Figur, zum Bild geworden? Der unerkannte Revolutionär? Was ließe sich dann heute in dieser Figur erkennen – und von wem? Kommt dieser unbekannte Revolutionär »uns« unheimlich bekannt vor, können wir ihn …erkennen? Oder werden andersrum auch »wir« sein Los eines revolutionären Exils ohne Rückkehr teilen? Welche Fragen lassen sich an die Glieder dieser Erzählung – Revolution, Exil, Rückkehr, Einsamkeit, Sterben, Erkennen – stellen? Was erzählt die Geschichte dieses sterbenden Revolutionärs heute? weiter