2 05

Comeback der Solidarität

September 2002

Editorial

Willkommen zum ‚fünften Heft dieses Hortes der Vernunft in einer Welt des Wahnsinns. Die Flut bricht über uns herein: täglich, stündlich, minütlich und verdichtet sich zur Urkatastrophe des postfaschistischen Europas. Es ist nicht die migrantische Flut, welche noch zum Ende des letzten Jahrhunderts als bedrohliches Schreckensszenario gezeichnet wurde, sondern ist die Jahrhundertflut der sich zunehmend widerspenstig gerierenden Natur. Weiter

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Eine Frage des Zugangs

Die Einleitung zum Schwerpunkt

Die Linke streitet über die Notwendigkeit, die Bedingungen und die Praxis einer Solidarität mit Israel. Die Debatte spiegelt nicht nur den Fortbestand antizionistischer und antisemitischer Strömungen wider. Andere Stellungnahmen laufen auf deutsche Politikberatung für die Überlebenden des Holocaust hinaus. Die deutschen Verhältnisse – der Schlüssel für die linke Positionierung – geraten dabei aus dem Blick.   Weiter…

Phase 2 Leipzig

"Es gibt nichts Neues unter der Sonne"

Interview mit Martin W. Kloke

Martin W. Kloke, Autor des 1994 neu aufgelegten und aktualisierten Buches “Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses” sah vor knapp zehn Jahren die heute, im Zuge der Al-Aqsa Intifada und der weltweiten Missbilligung Israels, aufkommenden antisemitischen und antizionistischen Rückschläge voraus – gerade innerhalb einer deutschen Linken. Kloke ist promovierter Politologe, arbeitet als Verlagsredakteur und veröffentlichte zahlreiche Beiträge vor allem zur deutsch-israelischen Beziehungsgeschichte. Weiter…

Andreas Blechschmidt

Das Ende der Geschichte

1967 – Die Linke zwischen Schuldthematisierung und Schuldabwehr

Es scheint, als wenn sich ein polemische Diktum Hendrik M. Broders aus den 80er Jahren, demzufolge die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, immerzu aufs Neue bewahrheitet. Die Dankesrede des Autors Martin Walser 1998 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, in der er Auschwitz als ”Moralkeule” und den Plan des Berliner Holocaustdenkmal als ”fußballfeldgroßen Alptraum” und ”Monumentalisierung der Schande” diffamierte, ist der bekannteste Beleg für Broders fortdauernd richtige Einschätzung. Auch die Kontoverse um Möllemann, der auf Kritik an seinen antiisraelischen Äußerungen mit antisemitischen Ausfällen reagierte, hat dafür Anschauungsmaterial geliefert. Gerade im ”wiedervereinigten” Deutschland nach 1990 haben sich antisemitische Vorurteile nicht nur trotz, sondern vor allem wegen Auschwitz manifestiert. Die Äußerungen Walsers und Möllemanns im historischen Spannungsfeld der Shoah zeugen von mangelnder Schuldauseinandersetzung im Sinne einer politischen-geschichtlichen Verantwortung. Diese Verweigerung entspricht dem Wunsch nach Ziehung des sogenannten ‚Schlussstrichs’ unter die als Last (oder Schande) empfundene Vergangenheit. Folgerichtig treiben sie die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen mit voran, indem diese z. B. als Teil einer an Grausamkeiten reichen allgemeinen Geschichte ‚historisiert’ werden. Weiter…

Rainer Bakonyi

Deutsche Kämpfe

Zum aktuellen „Antisemitismusstreit“

Vorbemerkung Antifaschismus, der sich nicht damit begnügen will, jene noch immer notwendige Rolle des besseren Deutschland zu spielen, muss den Kern des deutschen Faschismus – die Ermordung des europäischen Judentums – stets im Blick behalten. Er muss sich gegen das Wesen des Nationalsozialismus – die Negation der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Boden der kapitalen Vergesellschaftung: den Antisemitismus – selbst wenden und daher notwendig für die Staat gewordene Heimat der dem Mord Entronnenen – Israel – eintreten. Die Bekämpfung des Antisemitismus in allen seinen Spielarten ist zugleich und unmittelbar der Kampf für die Erhaltung der Möglichkeit menschlicher Emanzipation. Die mit dem Nationalsozialismus Realität gewordene, stets schon bestehende Möglichkeit der totalen Barbarei wurde durch den Sieg der Alliierten nicht aufgehoben, sondern lediglich ausgesetzt. Setzte bereits der falsche Schein der einfachen Zirkulation den Grund für die Identifizierung „des“ Juden mit dem Geld, brachte der entwickelte Kapitalismus mit der Entstehung von Staat und Nation die Form des modernen Antisemitismus wie auch die von den Deutschen dann verwirklichte Möglichkeit der Krisenbemeisterung mittels der Vernichtung hervor. Mit der Etablierung des jüdischen Staates vermag sich der Antisemitismus als Antizionismus gegen Israel und damit gegen ein Ziel außerhalb der eigenen postfaschistischen Gesellschaft zu wenden. Die hier lediglich angerissene Dialektik allgemein kapitalistischen Wesens und seiner besonderen in Deutschland erwachsenen historischen Erscheinung bestimmt Form und Verlauf des derzeitigen „Antisemitismusstreits“. Weiter…

Mark Schneider

Es geht um Israel

Ein Kongressbericht. Berlin, 10.-12. Mai 2002

Wie der antisemitische Wahn auch die wenigen GegnerInnen des Antisemitismus in die Defensive treibt und manchmal ein wenig verrückt macht. Dass ein linker Kongress Einlasskontrollen installieren muss, die es locker mit denen auf Flughäfen seit dem 11.9.2001 aufnehmen können, und dass aus Sicherheitsgründen die Getränke nur in Plastikbechern ausgeschenkt werden, ist leider keine Folge antideutscher Paranoia. Die tätlichen Angriffe auf Pro-Israelische Veranstaltungen haben gezeigt, dass ein wirksamer Schutz unabdingbar ist. Das Berliner Bündnis gegen IG Farben hatte zum Kongress Es geht um Israel aufgerufen. Ca. 300 Personen folgten der Einladung, zwei Tage lang über Strategien gegen den deutschen Antisemitismus, praktische Solidarität für Israel und das Ausmaß des „islamistischen Faschismus“ zu diskutieren. Trotz hochkarätiger und internationaler Podiumsbesetzung haben sich die meisten TeilnehmerInnen gelangweilt: Die antideutsche Linke schmort notgedrungen und zum Teil auch selbstverschuldet seit Jahren im eigenen Saft. Die meisten Anwesenden dürften die vorgetragenen Thesen schon öfters in den einschlägigen Zeitschriften gelesen, im Internet überflogen oder auf Kundgebungen gehört haben. Denjenigen Linken, denen ein bisschen Aufklärung in Sachen Antisemitismus nicht schaden würde, waren nicht anwesend; die Anwesenden hingegen mussten nicht mehr belehrt werden. Der Kongress hätte also die Chance geboten (da man unter sich war), selbstkritisch Strategien und Perspektiven antideutscher und pro-israelischer Agitation zu diskutieren, anstatt der (nach außen hin notwendigen) Agitation erneut ein Podium zu verschaffen. Das Konzept sah dies jedoch nicht vor – und somit bleibt zu resümieren, dass die bei aller Übereinstimmung mit dem Anliegen des Kongresses im Nachhinein Detailkritik zu üben ist. Als Knackpunkte der antideutschen Israel-Solidarität haben sich auch auf dem Kongress einmal mehr herauskristallisiert: der Geschichtsrevisionismus, der identitäre Bezug auf Israel und seine Institutionen, der Bruch mit der deutschen Linken sowie die Verabsolutierung des Antisemitismus als den Hauptwiderspruch.   Weiter…

Klaus Viehmann

Jenseits der Caritas: Solidarität

Solidarität ist ein Kampfbegriff, Solidarität ist eine Waffe, Internationale Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker, kritische Solidarität – das ist so das, was Linken bei dem Stichwort zuerst einfällt. Bei der Suchmaschine google ist das anders: "Solidarität" bringt 10.000 Resultate, aber als erstes "www.cdu-solidaritaet.de". Jeder Klick spendet für die CDU. Das belegt mal wieder, dass Solidarität ein eng an politische Interessen und Praxis gebundener Begriff ist, er muss immer wieder reflektiert und gegen solche Karikierungen wie "cdu-solidaritaet" verteidigt werden. Weiter…