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Frühjahr 2017

Public Private Partnership

Sex und Moral in der Liberalisierung

Editorial

Der deutsche Olympische Sportbund und die Bundesregierung haben Ende Januar eine Kooperationserklärung mit dem palästinensischen Fußballbund geschlossen. Für letzteren unterschrieb Jibril Rajoub, der gleichzeitig dem Fußballbund, einer Art Sportministerium und dem palästinensischen Olympischen Komitee vorsteht. Den kennen manche vielleicht noch, weil er vor zwei Jahren Israel aus der FIFA ausschließen lassen wollte.  Weiter

 

Inhalt

Top Story

Stine Meyer & Robert Zwarg

Trilogie der Leidenschaft

Alle Kultur ist Sublimierung des Triebes, darin erst wird ihr utopisches Potential sichtbar

So omnipräsent die Anrufung der Leidenschaft ist, so obsolet scheint das, wofür das Wort einmal stand. Friedrich Schiller rückte die Leidenschaft als die sinnliche Begierde noch in die Nähe des Wahns und in den Gegensatz zur gerade entstehenden bürgerlichen Ehe; in Das Lied von der Glocke mahnt er: »Ach! des Lebens schönste Feier endigt auch den Lebensmai /?mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei. / Die Leidenschaft flieht, die Liebe muß bleiben / die Blume verblüht, die Frucht muß treiben.« Gut zweihundert Jahre später sind es vornehmlich Alltäglichkeiten fernab von Lust oder der Sexualität, denen man mit Leidenschaft begegnet: das Kochen, der Verein, das Heimwerkern oder das Töpfern, das Schreiben und das Musizieren. Vor allem die Leidenschaft für »den Job« ist zu einem gesellschaftlichen Imperativ geworden. Aber auch dort wo das leibhafte Begehren im Mittelpunkt steht, auf Dating-Websites, in Apps, Selbsthilfe- und Beratungsforen, zeigt die mantrahafte Rede von der Leidenschaft vor allem ihre Abwesenheit und Flüchtigkeit an; sie muss »erhalten«, wieder »entzündet« oder »geweckt« werden. Denn die Leidenschaft, das wusste auch Schiller, ist nicht zwangsläufig eins mit der Liebe: »Drum prüfe, wer sich ewig bindet, / ob sich das Herz zum Herzen findet! / Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang.« weiter

Phase 2 Hamburg

Einleitung zu Guy Hocquenghem - „Monsieur le Sexe und Madame la Mort“

Guy Hocquenghem (1946–1988), der Verfasser des hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden Textes, war ein französischer Philosoph und Schriftsteller, Kommunist und Schwulenaktivist. Als Student beteiligte er sich an den Protesten im Mai 1968; im Jahr 1971 war er Mitbegründer des linksradikalen Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR). Schon 1972 veröffentlichte er sein erstes und zugleich berühmtestes Werk, Le Désir homosexuel (dt.: Das homosexuelle Verlangen), das als der erste Text der Gay Theory gilt. Er begann eine universitäre Laufbahn an der Universität Vincennes (Paris VIII), zudem schrieb er regelmäßig für die linke Tageszeitung Libération und verfasste mehrere Kurzgeschichten und Romane. Im Jahr 1988 starb Hocquenghem im Alter von 41 Jahren an den Folgen einer Aids-Erkrankung. Bis heute zählt er zu den wichtigsten VertreterInnen der radikalen Schwulenbewegung in Frankreich. weiter

Rona Torenz

Dirty Talk

Kritische Anmerkungen zu Verhandlungsmoral und Zustimmungskonzept

Moralisch sind Religiöse, Ökohippies und Spießer_innen. Moralisch sind immer die anderen. Die Aussage, jemand argumentiere moralisch, ist als Kritik gemeint und nicht als Kompliment. Auf jeden Fall ist Moral irgendwie etwas Schlechtes. Ähnlich verhält es sich mit der Sexualmoral. Sexualmoral scheint jene zu sein, die von Kindern verlangt, die Hände über der Decke zu lassen und von Frauen fordert, keine zu kurzen Röcke zu tragen. Moral und Selbstbestimmung scheinen sich gegenseitig auszuschließen. weiter

Andrea Weiss

Prostitution, Ungleichheit und die (hetero-)sexuellen Verhältnisse

Das Fortleben von Doppelmoral und sexueller Ausbeutung im Neoliberalismus

Die gegenwärtige Debatte um Prostitution verheddert sich in der unproduktiven Zuspitzung »Liberalisierung versus Verbot«.Der Beitrag erschien zuerst unter dem Titel »Prostitution zwischen ›männlichem Herrenrecht‹ und neoliberaler Normalisierung«, in: Monika Jarosch u.a. (Hrsg.), Gegenstimmen, Gaismair-Jahrbuch 2015, Innsbruck u.a. 2014, und wurde für die vorliegende Publikation überarbeitet. Das verstellt den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die das Phänomen überhaupt erst hervorbringen. Im neoliberalen Kapitalismus werden Frauen zunehmend zu »Marktsubjekten« emanzipiert, ohne dass herrschaftliche und geschlechtshierarchische Strukturen des Marktes und jenseits des Marktes in Frage gestellt würden. Ebenso sollen nun Prostituierte als autonome vertragsfähige Rechtssubjekte emanzipiert werden. Dabei war die Freiheit des Vertrages auf Seiten der »doppelt freien« ArbeiterInnen immer schon in Zweifel zu ziehen. Unter den Bedingungen von sozialstaatlichem Leistungsabbau, Deregulierung und Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen sowie einer Individualisierung der Folgen sozialer Ungleichheit, verschärft sich diese Problematik umso mehr. Freiheit und Selbstbestimmung – ehemals zentrale Werte der sozialen Bewegungen ab den 1960er Jahren – werden durch die ökonomischen Zwänge im Neoliberalismus konterkariert. Der Freiheitsbegriff verändert seine Bedeutung und so kommt Freiheit für ökonomisch schwache Gruppen zunehmend einer Freisetzung gleich. weiter

Patsy l‘Amour laLove

Homosexuelles Verlangen in der Krise

Ein Rückblick auf Guy Hocquenghems Monsieur le Sexe und Madame la Mort

Als Guy Hocquenghem 1972 in Das homosexuelle Verlangen»die Furcht vor Geschlechtskrankheiten als Schutzgitter der sexuellen Normalität«Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Verlangen,München 1974, 37. bezeichnete, konnte er die Tragweite seiner Aussage nicht erahnen, die sie über zehn Jahre später im Angesicht von Aids haben würde. In seinem schwulenpolitischen Manifest sprach er von der Syphilis als Ideologie, da einige französische Politiker der Zeit vorschlugen, die Krankheit mittels Strafverfolgung von Homosexuellen zu bekämpfen. Die ideologische Verknüpfung besagte demnach: »[D]er Homosexuelle überträgt die Syphilis, wie er die Homosexualität überträgt.«Ebd., 38. weiter

Andrea Truman

Wahre Liebe kann warten

Kulturindustrielle Sexualberatung und der Wandel der Geschlechtsidentitäten in der BRAVO

Die Sexualität und das Geschlechterverhältnis haben seit dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt einen immensen Modernisierungsprozess durchlaufen. Die Ehe ist nicht mehr der einzig legitime Ort für Sexualität, niemand behauptet mehr, dass Selbstbefriedigung zu Rückenmarkserkrankungen führt und homosexuelle Paare dürfen sogar eine eingetragene Lebensgemeinschaft eingehen, wenn diese auch nicht mit der heterosexuellen Ehe gleichzusetzen ist. Jedoch sind die Aufklärung, der Liberalismus und die Angleichung der Geschlechter, die oftmals dahinter vermutet werden, mehr Schein als Sein. Denn die früheren offenen Verbote, die sich in Gesetzestexten widerspiegelten, sind, so die These, keineswegs vollkommen aufgehoben, sondern vielmehr von den Individuen verinnerlicht worden, so dass die Gesetze nicht mehr notwendig sind. Und auch die Geschlechtsidentitäten werden weiterhin reproduziert, wenn auch in gewandelter Form. Um zu verstehen, wie diese Entwicklung stattgefunden und wie sich dieser Verinnerlichungsprozess vollzogen hat, bietet es sich an, die Jugendzeitschrift BRAVO genauer unter die Lupe zu nehmen. weiter

Guy Hocquenghem

Monsieur le Sexe und Madame la Mort

Ich habe lange gezögert, diesen Artikel zu schreiben.Im Figaro Magazinewar dem Text eine kurze redaktionelle Vorbemerkung vorangestellt; zudem hatte Chefredakteur Louis Pauwels mehrere Textstellen direkt kommentiert. Von einer Übersetzung dieser Anmerkungen wird hier abgesehen. (Anm. d. Übers.) Das Ende des ›Allsexuellen‹ (›tout-sexuel‹), der Befreiung der Sitten, und die morbide oder tödliche Atmosphäre, die heutzutage um das herum herrscht, was einmal die wichtigste Freiheit war, die in den sechziger Jahren gefordert wurde – sich zu diesem brisanten Thema zu äußern, bedeutet schon, Stellung zu beziehen. Ich, der ich ein Apostel der Homosexuellen-Befreiung war, bin genötigt, in diesem Bereich einen Backlash zu konstatieren. Und ich habe keinerlei Absicht, mich an ihm zu beteiligen. Aber das Figaro Magazine, das seit seiner Gründung, gelinde gesagt, von derartigen libertären Ideen weit entfernt war, offenbart dadurch, dass es mir seine Zeilen zu diesem Thema zur Verfügung stellt, zumindest seine Fähigkeit zum Eklektizismus; was in der gegenwärtigen Atmosphäre schon gar nicht so schlecht ist… weiter

Cornelia Möser

Sexuelle Befreiung

Drei Debatten um den Platz der Sexualität im feministischen Denken

Seit dem Ende der 1960er Jahre hat Sexualität einen zentralen Platz in feministischen Vorstellungen von Emanzipation und Befreiung. Dieser Artikel versucht anhand von Beispielen aus Frankreich, Deutschland und den USA die Sexualität im feministischen Denken zu verorten und nachzuvollziehen, welche Befreiungsstrategien aus den jeweiligen Begriffen von Sexualität abgeleitet werden, ob sie beispielsweise als Unterdrückungs- oder Befreiungsinstrument verstanden wird, als Identität oder als Praxis. Was aber meint Sexualität? Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch erinnert uns mit Michel Foucault daran, dass die Sexualität eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist.Volkmar Sigusch, Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Frankfurt a.M. 2014. Der Begriff Sexualität und damit auch die Vorstellung, dass es sich dabei um ein epistemisches DingHans-Jörg Rheinberger, Toward a History of Epistemic Things, Stanford 1997. handelt, taucht in der Botanik an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert auf. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Sexualität auch auf Menschen angewendet. Gemeint sind damit dann vor allem die biologische Reproduktion der Menschen und deren Einteilung in Männer und Frauen. Sexualität hat also eine Geschichte, die etwas mit Bevölkerungspolitik und dem Aufkommen moderner bürgerlicher Subjektivität und damit auch mit Kapitalismus zu tun hat. Mit ihrem Ursprung in der Botanik ist Sexualität als Konzept stark an Vorstellungen biologischer menschlicher Reproduktion gekoppelt. Durch diesen Diskurs wird Sexualität hergestellt und er gruppiert und normalisiert eine Reihe von Praktiken und Aspekten, die vorher nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten. weiter

Karina Korecky

Geschlechtslose Liebe

Die Abwesenheit der Geschlechterdifferenz in der Polyamorie-Debatte

Es ist schön, wenn Menschen merken, dass sie in viele verliebt sein können und die Liebe, obwohl aufgeteilt unter vielen, nicht weniger wird, sondern sogar wächst.Eine Version dieses Essays ist unter dem Titel »It Ain't Me Babe. Liebe und Geschlechterdifferenz anlässlich der Polyamorie-Debatte« in der Leipziger Zeitschrift Kunst Spektakel Revolution, #3/2013, erschienen. Dass Männer und Frauen, die dem Wunsch nach mehreren PartnerInnen gleichzeitig nachgeben, allerdings unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt werden, war der Ausgangspunkt der Polyamorie-Bewegung, die in den 1990er Jahren in den USA in der queerfeministischen Szene entstand. Der gesellschaftlichen Doppelmoral, nach der nicht-monogam lebende Männer tolle Hechte, Frauen hingegen verdorbene Flittchen seien, hielt 1997 das Kult-Buch der Bewegung, The Ethical Slut von Dossie Easton und Janet W. Hardy (auf Deutsch Schlampen mit Moral, 2014), eine Umkehrung entgegen. Aus dem Schimpfwort wurde die Selbstbezeichnung und dem Vorwurf der Unmoral begegneten die Autorinnen mit einem Katalog verantwortlichen Handelns in offenen, nicht-monogamen Beziehungen. Darin wurden alle Themen der entstehenden Polyamorie-Bewegung abgehandelt: Offenheit gegenüber allen beteiligten PartnerInnen, Regeln des Flirtens, Respekt individueller Grenzen beim Sex, Regeln für Sexparties und Gruppensex, Umgang mit Eifersucht, Verhandlung und Einvernehmen bei der PartnerInnenwahl, Sexualerziehung von Kindern, Zusammenziehen und Trennungen. Wichtig war schon in diesem Buch das Mantra der Poly-Bewegung: Erlaubt ist, was gefällt, so lange alle zustimmen. Die Kernregel lautet: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. weiter