2 55
Winter 2018

Kalte Füße, Weiche Knie

Über Konjunkturen der Angst

Editorial

Als wir vor 16 Jahren die erste Phase 2 herausgebracht haben, schrieben wir schon vom rechten Konsens. In Sachsen war dieser damals bereits Alltag. Die Allianzen zwischen KommunalpolitikerInnen, die Berichte über Nazi-Angriffe als Nestbeschmutzung empfinden, EinwohnerInnen, die zustimmend wegsehen, und rassistische Jugendliche, die offen gegen alle »Nicht-Rechten« vorgehen, sorgen seit den 1990ern für eine Unkultur der Diskriminierung und Gewalt. Nach den Landtagswahlen im Sommer 2019 werden wir in Sachsen vermutlich die erste CDU-AfD-Regierung erleben und auch dann wird es wieder ein Erstaunen und Entsetzen geben. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Einleitung

Im Nachgang der Proteste gegen G20 tauchte es plötzlich im öffentlichen Bewusstsein auf, für kurze Zeit nur, doch dafür umso bedrohlicher: das Gespenst der radikalen Linken, das Gespenst des »Schwarzen Blocks«. Die Hysterie und Angst standen in einem offensichtlichen Missverhältnis zur tatsächlichen politischen Relevanz der radikalen Linken. Die Politik mit der Angst trug zur Legitimation von Polizeipräsenz und -gewalt bei, denn wer Angst hat, will und muss beschützt werden, in Deutschland am liebsten gleich von 30.000 schwerbewaffneten PolizistInnen. Das Gespenst, das heute sein Unwesen treibt, bietet einen traurigen Anblick, denkt man an jenes zurück, das am Beginn des Kommunistischen Manifests 1848 seinen berühmten Auftritt hat. Der selbst ernannte Wiedergänger der proletarischen Revolution, die Europa dort noch als Spuk heimsucht und die Herrschenden in Schrecken versetzt, steckt heute Luxuskarren in Brand, selten aber Herzen. weiter

Koschka Linkerhand

Angst und Aggressivität im Feminismus

Über die Notwendigkeit, sich Objekte jenseits von Sprachpolitik zu setzen

Es gibt verschiedene Punkte, an denen ein materialistischer Feminismus ansetzen kann: etwa an einer Kritik der kapitalistischen Ökonomie und des Staats, die Frauen nach wie vor die Bürde der Reproduktion aufdrängen. Ein materialistischer Feminismus kann die Kritik der geschlechterspezifischen Sozialisation vorantreiben, aus der das weibliche Subjekt samt seiner immensen Widersprüche hervorgeht. Er kann sich dem Verhältnis von Natur und Gesellschaft widmen und untersuchen, wie die herrschende Zweigeschlechterordnung über das Vergesellschaften von Biologie und leiblichen Bedürfnissen hergestellt wird. Das Patriarchat, mit Roswitha Scholz verstanden als globale kapitalistische Totalität, schlägt sich in allen diesen Bereichen nieder und muss in seiner jeweiligen Besonderheit, aber mit dem Blick auf das Ganze analysiert werden. weiter

Stine Meyer

Uteromania

Hysterie pathologisiert weibliche Emanzipation und offenbart männliche Angst vor Machtverlust

»Wir haben im Laufe der Zeit viele mißrathene Frauengestalten über die Bühne hinken sehen, aber so eine unausstehlich verschrobene und geistig verkrüppelte Person wie diese Nora des norwegischen Dichters ist uns selten vorgekommen.« Das schrieb die Neue Freie Presse im Jahr 1881 als Reaktion auf die Österreichische Erstaufführung des Stückes Nora oder Das Puppenheim des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. 1879 und 1880 wurde das Stück in Kopenhagen und in Hamburg uraufgeführt; an beiden Orten allerdings hatte der Schutz der Institution Ehe erfordert, dass das Ende umgeschrieben würde. Nora nämlich steht für weibliche Autonomie und Emanzipation. Damit schürte Ibsen die Angst des männlichen Publikums vor der Auflösung der klassischen Geschlechterdifferenzen. Deshalb reagierten die Herren mit Abwehr und Diffamierung auf die selbstbewusste Frauenfigur. weiter

Ilse Bindseil

Wenn die Hose brummt

Erinnerungen an meinen Vater

Ist die Angst ein erstes oder ein letztes Argument? Allein schon wegen dieser Frage hasse ich das Thema. Ist sie etwas, dem man nachgehen oder dem man nachgeben muss? Inbegriff der Person oder im Gegenteil reine Triebmenge, so fremd wie angeboren? Im letzteren Fall wäre sie zwar eine Tatsache, aber keine Quelle für Schlussfolgerungen. Entladung wäre der einzige Weg, auf dem die Energie ersatzlos verschwindet. Bei allem Vermitteltem, von Panik bis Pogrom, wird man nicht mit einer Auflösung rechnen können, bei der die Angst die Rolle einer Ursache spielt. Dass sie der innerste Kern von Untaten ist, die ohne sie gar nicht zu erklären wären, ist ein Ammenmärchen, das im psychologischen Kurzschluss beseitigen will, was allererst wahrgenommen, in seiner Realität anerkannt und ausgehalten werden muss. weiter

Lukas Betzler

Keine Angst für Niemand?

Zur Bedeutung des Angstbegriffs für eine kritische Theorie der Gesellschaft

Nahezu am laufenden Band werden hierzulande von sämtlichen einschlägigen Meinungsforschungsinstituten Umfrageergebnisse veröffentlicht, die darüber informieren, »wovor die Deutschen Angst haben«. Glaubt man diesen – übrigens oft erheblich voneinander abweichenden – Ergebnissen, dann machen unter anderem Klimawandel, Terrorismus, Kriminalität, Altersarmut, politischer Extremismus, Naturkatastrophen sowie – insbesondere seit zwei Jahren – »Spannungen durch Zuzug von Ausländern« den Befragten große Angst.Vgl. etwa die »Ängste-Studie« der R+V-Versicherung. URL: http://bit.ly/2hKoSyv..Im Feuilleton ist parallel dazu zu lesen, Angst sei das »Lebensgefühl der Gegenwart«, ja, wir lebten in einem »Zeitalter der Angst«. Populäre Zeitdiagnosen sprechen von der »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck) der »Gesellschaft der Angst« (Heinz Bude) und der »Generation Angst« (Wolfgang Schmidbauer). Angenommen, diese Befunde entsprechen – abzüglich ihrer superlativischen Rhetorik – einer tatsächlichen gesellschaftlichen Tendenz: Was sind ihre Ursachen? weiter

Florian Geisler/Alex Struwe

Der Horizont des Populismus

Eine Kritik linker Erkenntnis in Theorie und Praxis

Diagnosen einer gesellschaftlichen Regression hört man beinahe überall: die Welt sei aus den Fugen geraten, man verstehe sie nicht mehr, the world is a mess. Die allgemeine Krisenwahrnehmung hat längst die Grundlagen liberaler Gesellschaften erfasst, die repräsentative Demokratie, die politische Kultur eines vermittelnden Dialogs, zusammen mit der Gültigkeit der Fakten und der Berechenbarkeit rationaler Nutzenmaximierung. Der Terroranschlag in der nächstgelegenen Metropole oder das Abschmelzen der Polkappen besorgen schließlich noch den Rest der grundlegenden Verunsicherung und Angst. weiter

Philipp Kröger

100 Jahre »Volkstod«, oder: Die Angst der Deutschen vor dem Aussterben

Über Kontinuitäten und Funktionen demographischer Untergangsszenarien

Im Juni 2015 besetzten Aktivist_innen der rechtsextremen Identitären Bewegung SPD-Zentralen in Hamburg und in Berlin. Man wolle damit gegen einen der Hauptakteure des »Großen Austausches« protestieren. Ausgetauscht würden, so die Annahme der Identitären, die europäischen Völker gegen eindringende Fremde. Die Idee des Austausches, die auf den französischen Rechtsintellektuellen Renaud Camus zurückgeht, basiert im Kern auf zwei Annahmen. Erstens sei der Bestand der eigenen nationalen Gemeinschaft aufgrund sinkender Geburtenzahlen rückläufig. Zweitens sei das Bevölkerungswachstum nur durch die hohe Fertilität und den Zuzug von Fremden bedingt. Innerhalb von ein bis zwei Generationen würde so das eigene Volk gegen eben jene Fremden ausgetauscht – die Deutschen wären ausgestorben! weiter

Isabelle Klasen

Protokolle der Angst

Zu den Gemälden Francis Bacons

»Francis Bacons Leben stand unter dem Einfluss von Alkohol und Glücksspiel«, so heißt es lakonisch einleitend unter der Rubrik »Leben« im Wikipedia-Eintrag. Vor allem aber stand es wohl unter dem Einfluss von Angst. Geboren 1909 in Irland, erfuhr Bacon bereits in seiner Kindheit, die er zwischen Irland und England verbrachte, unmittelbar, was Gewalt bedeutet, mit 16 Jahren dann wurde er aufgrund seiner Homosexualität vom Vater aus dem Haus geworfen. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Mitglied des Zivilschutzes in London mit dem Horror des Krieges konfrontiert. Auch in seinen Gemälden hat Bacon bis zu seinem Tod 1992 vor allem das Gefühl der Angst dokumentiert: Der BetrachterIn eröffnet sich hier die Welt als Hölle. Er malte Kreuzigungsszenen, zum Schrei geöffnete Münder, verzerrte Gesichter und immer wieder in heftigem Kampf verschlungene Körper. Damit wollte er an die grundlegende Verletzlichkeit der menschlichen Situation erinnern, die seiner Ansicht nach eine authentische Kunst stets zum Ausdruck zu bringen hatte. weiter