Sous l'eau
Emanzipation und Gesellschaft
Editorial
In Halle versuchte ein antisemitischer Täter Jüdinnen und Juden, die in der Synagoge Yom Kippur feierten, zu töten. So verachtenswert die Tat ist, wer überrascht davon ist, dass rechte Gewalt in Deutschland real mordet, hat wohl die letzten dreißig Jahre geschlafen. Weiter
Inhalt
Top Story
Phase 2
Editorial
System Error
Stine Meyer
Entwicklungshilfe im eigenen Milieu
In motion
Erwin Fraenkel
Kompromisslos Trump
Top Story
Sous L'eau
Emanzipation und Gesellschaft
Emanzipation ist heute im deutschen Sprachraum kaum zu denken ohne die Frauenbewegung. Es heißt die Emanze, nicht der Emanze. Die Erfolge der ersten Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden fortgesetzt in den Reformen der 68er und haben den Begriff Emanzipation eng an die feministische Bewegung gebunden. weiter
Überlegungen zu Lohnarbeit, Emanzipation und Revolution
Aus Anlass diverser Jahrestage
Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen 1789, Peterloo-Massaker auf dem St. Peter's Field bei Manchester am 16. August 1819, Einführung des Frauenwahlrechts in verschiedenen europäischen Ländern 1918/19, Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen 1918 [u.a.] weiter
Nun sag, wie hast du’s mit dem Staat
Zum Spannungsverhältnis politischer und menschlicher Emanzipation
Karl Marx warf in Bezug auf die Judenemanzipation des 19. Jahrhunderts die Frage nach der Art der Emanzipation auf. Während die politische eine Emanzipation durch den Staat und im Staat meint, zielt die menschliche auf die Emanzipation vom Staat, der seine von der Gesellschaft getrennte Form verlieren soll. Die politische Form der Emanzipation, die Marx aus den bürgerlichen Revolutionsbewegungen Europas entwickelte, reproduziert die Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft—die Zersetzung des Menschen in bourgeois und citoyen—und setzt den bourgeois als »eigentlichen und wahren Menschen«Karl Marx/Friedrich Engels, Zur Judenfrage, Marx-Engels-Werke (MEW) 1, 366.. Sie verhält sich dadurch zur bürgerlichen Gesellschaft »als Grundlage ihres Bestehens, als zu einer nicht weiter begründeten Voraussetzung, daher als zu ihrer Naturbasis«Marx/Engels, Zur Judenfrage, MEW 1, 370.. Indem die politische Emanzipation auf die politische Sphäre begrenzt bleibt, rührt sie deren Ursprung, die bürgerliche Gesellschaft, nicht an. Dagegen ist die menschliche Emanzipation die radikale Umgestaltung der gesamten Gesellschaft, die den Menschen von aller personalen und gesellschaftlichen Herrschaft befreien soll. Auch wenn Marx die immanente Grenze der politischen Emanzipation aufzeigt, verwirft er sie nicht, sondern sieht ihr gleichwohl begrenztes Potential sehr klar. Die politische Emanzipation kann ein Moment der menschlichen Emanzipation, jedoch nicht mit ihr identisch sein: »Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzt Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung.«Ebd., 356. weiter
Den Shah loswerden und die Mullahs bekommen
Wie eine erfolgreiche Revolution der Emanzipation im Weg steht
Frank-Walter Steinmeier gratuliert am 21. Februar 2019 den Machthabern im Iran zu 40 Jahren »erfolgreicher Revolution«. Diese Revolution bedeutet für die iranische Bevölkerung: 40 Jahre Terror, Unterdrückung und Gewalt. In den ersten drei Monaten des Jahres 1979 zerschlugen sich die Emanzipationshoffnungen der Menschen, die für Veränderung gekämpftDie besten Informationen kommen von Vlogs oder Social-Media, etwa unter Hashtags wie #GirlsOfRevolutionStreet oder #dancingisnotacrime hatten und nicht für die Fortsetzung eines repressiven Regimes. Am 16. Januar 1979 floh Diktator Shah Mohammad Reza Pahlavi nach jahrelangen Protesten, woraufhin am 1. Februar Ajatollah Ruhollah Musawi Khomeini aus dem Exil nach Teheran zurückkehrte. Zehn Tage später brach das Regime des Shah endgültig zusammen. Nachdem Khomeini-treue Revolutionskomitees die Macht übernahmen, rief Khomeini am 1. April die islamische Republik Iran aus, wie sie bis heute besteht. weiter
»Nach der Befreiung stellt sich die Frage: Was nun?«
Interview mit Bini Adamczak
Bini Adamczak fordert in ihrem Buch Beziehungsweise Revolution (Suhrkamp 2017) ein anderes Verständnis von Revolutionen ein. Sie legt den Fokus auf revolutionäre Beziehungen und auf Revolution als Prozess statt als plötzliches Ereignis. Die Phase 2 hat sich mit Bini Adamczak in Berlin-Kreuzberg zu einem Gespräch über das Verhältnis von Emanzipation und Revolution getroffen.Phase 2 In Deinen Veröffentlichungen trittst Du stets für die Suche nach einer revolutionären Perspektive in der gegenwärtigen linken Politik ein. Zugleich hat man den Eindruck, dass sich viele radikale Linke heute eher als »emanzipatorisch« verstehen denn als »revolutionär«. »Emanzipatorisch« scheint ein unverdächtiger Begriff zu sein, der die Abgrenzung von negativen historischen Bezügen erleichtert. Kann es sein, dass der Erfolg des Emanzipationsbegriffs eine Fernwirkung der Geschichte linker Revolutionen ist, deren Scheitern das Bedürfnis nach einem unbelasteten Begriff weckt?Bini Adamczak Ich gehe nicht davon aus, dass der Begriff »emanzipatorisch« jenen von »revolutionär« ersetzt, sondern dass er quer dazu liegt: Es gibt Formen reformistischer oder subversiver Politik, die ich als emanzipatorisch bezeichnen würde, genauso wie es Formen revolutionärer Politik gibt, die äußerst autoritär sind, denken wir etwa an maoistische oder stalinistische Gruppen. Deswegen glaube ich, dass die Fernwirkung eher von 1968 oder den siebziger Jahren herrührt, in denen das Verständnis von Emanzipation stark von der feministischen Bewegung geprägt wurde. Auch in der Homo-Bewegung ist der Begriff zentral. Ich vermute, dass sich heute am ehesten jene Linke auf den Begriff »emanzipatorisch« beziehen, die in dieser Tradition verortet sind: eine antiautoritäre Tradition, die in Abgrenzung zur traditionalistischen Haupt- und Nebenwiderspruchslogik versucht, Herrschaft in ihrer Komplexität zu verstehen, und sich also gegen verschiedene Herrschaftsverhältnisse gleichzeitig wendet.Phase 2 Und welche Bedeutung hat der Begriff der Emanzipation dann konkret für eine Theorie der Revolution?Bini Adamczak Eine Revolutionstheorie muss einerseits eine allgemeine Bestimmung von Revolution geben und andererseits unterscheiden können, ob es sich um eine reaktionäre oder um eine emanzipatorische Revolution handelt. Ich verstehe revolutionäre Politik als eine Politik, die nicht im Rahmen der vorgegebenen Bedingungen verbleibt, sondern diese Bedingungen selbst politisiert und dadurch transformiert. Das kann auch in einer rechten oder reaktionären Weise passieren, weshalb es sinnvoll ist, zumindest ein Adjektiv zu haben, das die Unterscheidung ermöglicht. weiter
Autonomie als emanzipatorisches Grundprinzip
Wenn der österreichische Autor Martin Birkner verkündet, »[d]ie Linke hat die besseren Analysen, die besseren konkreten Utopien und die besseren Vorschläge zu ihrer politischen Umsetzung, alleine: Sie wird nicht oder zu wenig gehört.«Martin Birkner, Aufhebung der Institutionen als konkrete Utopie, in: Alexander Neupert-Doppler (Hrsg.), Konkrete Utopien. Unsere Alternativen zum Nationalismus, Stuttgart 2018, 258., so möchte man dem entgegnen: Die Linke besitzt großenteils überhaupt keine Analysen und konkreten Utopien. Und besitzt sie doch konkrete Utopien, handelt es sich zumeist um autoritär-hierarchische Modelle einer etatistischen Avantgarde- Herrschaft, die für die Masse der lohnabhängigen Bevölkerung—die es zu überzeugen gälte—nicht attraktiv sind. Dass die Masse der lohnabhängigen Bevölkerung der Linken kein Gehör schenkt, liegt zum großen Teil an der inhaltlichen Ausrichtung der Linken selbst und der tatsächlichen historischen Erfahrung mit selbsternannten, autoritär agierenden »Avantgarden«. weiter
Ein eigenes Zimmer hatte ich mal
Subjektwerdung und Selbstverlust im bürgerlichen Feminismus
Ehepartner_in, Kind, Kleinfamilie – dies sind Dinge, die sich vor zehn Jahren in unserem gesellschaftskritischen Umfeld niemand zu wünschen schien. Jedenfalls praktizierte sie kaum jemand. Schließlich hatte sich dieses Umfeld, mehr oder weniger bewusst, genau in Abgrenzung gegen dieses Modell gebildet, das viele von zu Hause kannten, und gerade die weibliche Rolle darin als für sich unannehmbar ablehnten. weiter
Liberté, égalité—impossibilité
Über die Haitianische Revolution, Marx, Voodoo und die Geschichte der Emanzipation.
Als gegen Ende September 1791 in Paris erste Berichte über einen SklavInnenaufstand in Saint-Domingue eintrafen, hielten diese nur die wenig-sten für wahr. Einige dachten an eine Falschmeldung. Andere—je nach politischer Couleur—nahmen an, dass die Nachrichten aus Übersee der Winkelzug einer aristokratischen Verschwörung seien, welche die Revolution in Frankreich hintertreiben wolle. Wieder andere sahen darin die Bestätigung eines republikanischen Komplotts, der Frankreich um die hochprofitable Kolonie bringen wolle. Eine SklavInnenrevolte, noch dazu ein Aufstand, der sich nicht auf eine Plantage beschränkte, sondern in dem sich bereits zehntausende SklavInnen selbst befreit haben sollten, erschien den europäischen ZeitgenossInnen als ein Ding der Unmöglichkeit und ein schlechthin undenk-bares Ereignis. weiter
Schlechte Unendlichkeit
Zur Regressionsgefahr im (Queer) Refugee Support
In Abgrenzung zur im Sommer der Migration kurzfristig inszenierten Helferkultur haben sich aktivistische Gruppen formiert, die sich kontinuierlich der Unterstützung von Geflüchteten annehmen. Eine Auseinandersetzung mit diesem Engagement zeigt, dass dessen genuin politischer Anspruch—der Anti-Rassismus—mit seiner Entpolitisierung durchgesetzt wird. Dies geschieht vermittels kultur-relativistischer Konzepte, die in einer unbestimmten Kritik und letztlich der Affirmation des Kapitalismus resultieren. Als eine polit-ökonomische Produktionsweise, die sich gegen die eigenen historischen Voraussetzungen verselbstständigt hat und nunmehr ihre Existenzbedingungen aus immanenten Strukturgesetzen heraus reproduziert, assimiliert er noch Formen des politischen Widerstands seinem Funktionszusammenhang. weiter