Wider Kultur-Relativismus und Standpunkt-Absolutismus

Eine kategorische Verteidigung des Vernunft-Universalismus

Dem Universalismus wird immer wieder der Verwurf gemacht, in Wahrheit ein imperiales Unternehmen zu sein. Was er als universell ausgebe, seien bloß durch Gewalt verallgemeinerte partikuläre Werte, was sich als aufklärerisch verstehe, sei ein im Kern eurozentristisches Projekt. Abgesehen von Positionen, die offen von der Ungleichwertigkeit von Menschen und ihres Lebensrechts ausgehen, die an die Stelle von Vernunft direkt Gewalt setzen, lassen sich folgende Grundkritiken am Universalismus kurz unterscheiden.  

Klassisch ist die konservative, seit der Aufklärung bekannte Gegenposition. Diese bezieht sich auf das Althergebrachte und organisch Gewachsene, auf Natur und ihre Hierarchien, am Ende zumeist: auf die ewige Ordnung Gottes. All dies wird gegen eine abstrakte Gleichmacherei vorgebracht, die dem Universalismus der Vernunft genauso unterstellt wird, wie Hybris und Machbarkeitswahn. Offensichtlich handelt es hierbei um die Verteidigung von alten Privilegien und Herrschaftsverhältnissen, was sie zugleich in eine doppelte Paradoxie führt. Zum einen macht sie Nicht-Gründe zum Grund der Kritik, indem sie von der Vernunft fordert, an sich Nicht-Vernünftiges (Schöpfung Gottes, ewige Ordnung der Natur, Tradition etc.) zu respektieren. Zum anderen begibt sich die konservative Gegenkritik, wenn sie anfängt zu argumentieren, notwendig auf jenen Boden der Vernunft, den sie, völlig zu Recht, fürchtet; auch der Tod Gottes hat seinen Ursprung im theologischen Anspruch auf einen rationalen Gottesbeweis.  

Wirklich viele Vertreter:innen hat dieser Konservatismus im Westen nicht mehr, am ehesten vielleicht in bestimmten fundamentalistischen christlichen Strömungen. Aktueller ist demgegenüber nach wie vor die postmoderne Kritik am Vernunft-Universalismus. An den Universitäten mag sie ihre besten Jahre lange hinter sich haben. Ihr außerakademisches politisches Erbe kommt derzeit erst voll zum Tragen. Der postmodernen Kritik ging es selbstredend nie um die Verteidigung von Tradition und Herrschaft. Ihr Herz schlägt vielmehr für die Rettung der Differenz als solcher, zu der das Besondere nominalistisch verkürzt wird. Dieses werde von einem sich totalisierenden Logozentrismus bedroht, der die ganze westliche Geschichte kennzeichne und ihrer imperialen Gewalt zugrunde liege, mit der er die ganze Welt überziehe.  

Wo diese Position sich nicht auf eine philosophische Kritik beschränkt, wie etwa in Heideggers Fundamentalontologie oder in dem von ihm inspirierten Dekonstruktivismus, verdichtet sich diese Gemengelage derzeit zu einem politischen Diskurs, der sich um Begriffe und Theorien anreichert, die hier der Kürze halber nur mit den Schlagworten Postkolonialismus, Orientalismus, Eurozentrismus, Antirassismus angedeutet werden sollen. So wie es eine untergründige Nähe zwischen Konservatismus und Postmoderne gibt, deren Generalnenner eine abstrakte Vernunft- und Universalismuskritik ist, so formiert sich die neueste Tendenz, in der beide Komponenten eine gefährliche Melange bilden, im Dunstkreis des (politischen) Islam und des identitären Anti-Rassismus. Die islamische Kritik weist, wo sie nicht gleich offen dschihadistischen Charakter hat, Komponenten der konservativen und der postmodernen Kritik auf, oder präziser: ist eine konservative Kritik, die sich geschickt in der postmodernen Ideologie zu bedienen weiß. Es handelt sich bei der Adaption von akademischen Theorien freilich nicht bloß um eine politische Strategie, um im Westen diskursiv anschlussfähig zu sein, sondern sie verweist eben auf die Gemeinsamkeiten dessen, was auf dem ersten Blick so überaus unterschiedlich zu sein scheint. Anti-Rassismus und Postkolonialismus schließlich rehabilitieren das identitäre Standpunktdenken und den alten Anti-Imperialismus im modischen Gewand. Wenngleich die politische (Selbst-)Verortung all dieser – hier selbstredend brachial stereotypisierten – Anti-Universalismen sehr unterschiedlich ausfällt, haben wir es dennoch mit einer breiten Querfront von verschiedenen politischen Strömungen und Varianten der Cynical Theories (nach Pluckrose/Lindsay) zu tun, die der Kampf gegen den Vernunft-Universalismus vereint. 

Im Folgenden geht es nicht darum, weitere Phänomene dieser Querfront zu beleuchten oder inhaltliche Aspekte dieser zu analysieren. Es ist auch nicht beabsichtigt, einzelnen Positionen ideologische Verzerrungen und Halbwissen bezüglich dessen nachzuweisen, was als Vernunft und Universalismus angesehen wird. Es geht allein darum, die Argumentationsstruktur des in vielfältigen Gewändern auftretenden Anti-Universalismus herauszuarbeiten und sie einer Kritik zu unterziehen, die zugleich eine Erscheinung wie eine (Selbst-)Verteidigung des Vernunft-Universalismus ist. Was hier nicht verhandelt werden kann, aber vorab erwähnt werden muss, ist die Tatsache, dass dieserVernunft-Universalismus nicht identisch ist mit wissenschaftlichen oder metaphysischen Varianten desRationalismus–also der Identifizierung von Erkenntnis mit Wissenschaft einerseits, und der Annahme einesPrimats der Ratio im Menschen und im Sein andererseits. Dieser ist sowohl dem (Kultur-)Relativismus als auch dem absolutistisch-identitären Standpunktdenken konträr, die zusammenhängen und den Ausgangspunkt der gegenwärtigen Attacken auf den Universalismus bilden. Der (Kultur-)Relativismus erweist sich als absolutistisch, das Standpunktdenken, das die eigene Position verabsolutiert, als relativistisch. Auf der einen Seite wird eine universelle Relativität unterstellt, die auch die Ansprüche der universellen Vernunft als relativ wie jede andere Position ausgibt, auf der anderen werden die je besonderen Standpunkte zu unhinterfragbaren Bastionen der Wahrheit verabsolutiert. Beides sind zwei Seiten derselben anti-universalistischen Medaille, die im Folgenden als ganze zur Kritik steht. Der Vernunft-Universalismus überwindet, wie zu zeigen sein wird, den (kulturellen) Relativismus genauso wie den Absolutismus des Identitären und Unmittelbaren, ohne sich, was ihm immer wieder unterstellt wird, das Andere und/oder Besondere imperial zu unterwerfen oder auszuradieren. Doch der Reihe nach. Mein gesamter Essay hat nicht eben wenig der universalistischen Autonomie-Philosophie von Castoriadiszuverdanken. Mehr zu ihm in meinen Aufsatz auf kritiknetz.de: Der attische Keim der Autonomie. DerSonderweg Europas im Werk von Cornelius Castoriadis in Zeiten des Kulturkampfes, bit.ly/3vroSWd.

 

Universalistische Kritik am Kulturrelativismus 

Die emanzipatorische Politik und Philosophie substantiell verbindende Basis-Norm ist die selbstreflexive Vernunft. Diese anerkennt weder politische Macht und offene Gewalt noch (heilige) Traditionen als verbindlich an, sondern basiert allein auf der Überzeugungskraft von begründeten Argumenten. Niemand kann gezwungen werden, diesen Weg der vernunftbestimmten Freiheit – der Autonomie – mitzugehen. Wer sich ihr nicht öffnet und in Heteronomie verharren will oder diese bewusst wählt, stellt sich allerdings selbst außerhalb der Autonomie und kann nicht nach den Maßstäben der Vernunft behandelt werden. Vernunft bedarf der breitest möglichen Diskussionsvielfalt, des Widerstreits der Argumente, um sich entfalten zu können; Cancel Culture, die Gesinnung statt Kritik verbreitet, ist der Tod der Aufklärung. Es handelt sich bei den Maßstäben der Vernunft folglich nicht um Sprechverbote, die ein politisch-korrekter Mob oder eine staatliche Zensur verhängt. Wer allerdings die Voraussetzung vernünftiger Diskussion kategorisch leugnet, schließt sich von dieser prinzipiell selbst aus. Diesbezüglich sollte man sich nicht nur keine falschen (politischen) Illusionen machen, sondern den Sachverhalt auch klar benennen. Das betrifft nicht nur außereuropäische Apologet:innen weiblicher Genitalverstümmelung oder militante Mullahs, sondern auch europäische Faschist:innen und reaktionäre Christen wie den Opus Dei. Ein Dia-logos auf Augenhöhe, ein beidseitiger Austausch von begründeten Argumenten, ist nicht möglich, wenn die Voraussetzung hierfür nicht anerkannt wird: dass die Vernunft und nicht Gewalt, Glaube, offenbarte Wahrheiten oder Macht die oberste Entscheidungsinstanz zwischen Menschen ist. Wer der Idee individueller und kollektiver Autonomie aus den zwingenden, durch Willkür aber stets negierbaren, Gründen der Vernunft folgt, kann daher keinen Relativismus vertreten, der alle Gesellschaften und Kulturen gleich (wert-)schätzt oder meint nur neutral positivistisch klassifizieren zu können.  

Es gibt in diesem alles entscheidenden Punkt qualitative Unterschiede zwischen Gesellschaften, die sich nach dem Grad der Verwirklichung von Autonomie bemessen. Es handelt sich hierbei nicht um konkrete Lebensstile oder kulturelle Leistungen, sondern um die Frage, ob diese heteronom vorgeschrieben sind – oder prinzipiell der Kritik offenstehen und selbst bestimmt werden können. Der Vernunft-Universalismus will gerade nicht eine bestimmte Lebensform verbindlich sanktionieren, sondern alle Formen der Heteronomie beseitigen. Das Besondere, das der Universalismus in diesem ganz spezifischen Sinne verallgemeinert, ist mithin kein beliebiger kultureller Wert, der anderen aufgezwängt werden soll, sondern allein der Bruch mit jeder Heteronomie, der falschen Universalie, die sich mit allen Mitteln der Kritik der Vernunft zu entziehen trachtet. 

Natürlich, das Gegenargument liegt sofort auf der Hand: Auch diese Präferenz von Vernunft und Autonomie sei wieder nur eine partikulare Wertung, die Selbstbestimmung über Tradition etc. setzt und hinter der sich eben doch nur die Verallgemeinerung der westlichen Kultur und dergleichen verberge. Unbenommen hat der Universalismus europäische Ursprünge, was an sich aber nur für jemanden verwerflich sein kann, der selbst ein essentialistisches okzidentales Zerrbild von dem hat, was Europa und der Westen überhaupt sind. Entscheidender als dies ist jedoch, dass in diesem Falle, mehr als in jedem anderen, die Genesis gerade nicht die Geltung affiziert. Das historisch zunächst Partikulare ist das der Sache nach Universale – ein Unterschied ums Ganze gegenüber allen an sich relativen Traditionen, Werten usw. Der Universalismus ist Ausdruck und Ergebnis der Entdeckung einer Menschheit, eine Erkenntnis die zugleich auf dem basiert, was sich in einem langen historischen Prozess der Selbstreflexion erkannt hat: die Vernunft, die, zugleich Grund und Resultat, sich als universal erkennt. Sie ist in jedem Menschen als Vermögen vorhanden, sie gilt für alle Menschen gleichermaßen und sie ist mit keiner Form von Herrschaft, Heteronomie und Ungleichheit vereinbar – das ist der Kern des Universalismus. 

Eine Verteidigung dieses Vernunft-Universalismus legitimiert dennoch nicht, mit imperialer Gewalt der Heteronomie zu begegnen, wie sie bisweilen, zumeist in der trügerischen Hoffnung den Islamismus wegbomben zu können, in links-bellizistischen Kreisen begrüßt wird. Selbstredend gibt es historische Situationen, in denen die Barbarei nur mit Gewalt aufgehalten werden kann; der militärische Kampf gegen den europäischen Faschismus ist hierfür nur das schlagendste Beispiel einer elementaren Notwehr. An sich verträgt Vernunft aber keine Gewalt, die vielmehr ihr Widerpart ist. Autonomie kann nicht verordnet, vernünftiges Denken nicht erzwungen werden. Auf die äußere Befreiung vom Nationalsozialismus folgte nicht zufällig die Restauration und das traurige Schicksal Afghanistans ist nur ein aktuelles Beispiel unter unzähligen anderen dafür, dass Autonomie weder heteronom aufgezwungen noch geschenkt werden kann; wer sie nicht will, bekommt sie auch nicht. Befreiung ist als glückende stets Selbstbefreiung, kritisches Denken immer Selbstdenken. Dies erkannt, gibt es aber auch keinen vernünftigen Grund mehr, die Heteronomie nicht intransigent zu kritisieren, ihren Vertreter:innen mit falschem Respekt zu begegnen und am Ende gar den Universalismus zugunsten partikularer Gewalten aufzugeben. Der Antagonismus von Vernunft und Heteronomie lässt sich nur zum Preis der Selbstaufgabe der Vernunft zu (multi-)kulturellen Differenzen umdeuten. Dieser Antagonismus bezeichnet keinen Clash of Cultures, sondern einen Kampf von Autonomie gegen Heteronomie in jeder Kultur selbst. Historisch ist dieser erstmals in Europa ausgebrochen, an sich ist er aber universal, wobei das politische Problem besteht, dass der genetisch europäische Universalismus auf heteronome Kulturen trifft, die keine endogene autonome Tradition aufweisen. Die emanzipatorischen Kräfte in solchen Gesellschaften stützen sich daher genauso selbstverständlich auf die westliche Tradition des Vernunft-Universalismus, wie dieser von den Kräften der Heteronomie als imperialer Angriff denunziert wird. 

 

Universalistische Kritik am Standpunktdenken 

Der Universalismus ist eine Theorie und Praxis, die nicht nur mit kulturrelativistischen Apologien der Heteronomie, sondern auch mit jedem absolutistisch-identitären Standpunktdenken bricht, die den Wahrheitsgehalt von Aussagen substantiell an den Aussagenden bindet. Dies gilt nicht nur für die spezifische Praxis des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens, in der alleine das bessere Argument und keine persönliche (Lehr-)Autorität zählt, sondern auch ganz allgemein und prinzipiell, da vernünftiges Denken egalitär ist und mit exklusiven Sprecherstandpunkten bricht. Ich persönlich lasse mir mittlerweile zwar eher ungern Erziehungstipps von Menschen ohne Kinder geben, da auch ich einst ein besserer Papa war, bevor ich selber einer wurde. Hieraus den Schluss zu ziehen, dass kinderlose Menschen nicht hervorragende Erzieher, Erziehungswissenschaftlerinnen oder Familienpolitiker:innen sein können, wäre allerdings komplett verkehrt. So wie Einsicht und Erkenntnis keine unmittelbare Betroffenheit voraussetzen, führt diese auch nicht automatisch zu jenen. Mein Beispiel mag läppisch klingen angesichts der Reanimation des Standpunktdenkens im identitären Anti-Rassismus. Die Erfahrung von rassistischer Diskriminierung und Gewalt ist selbstredend etwas viel Drastischeres als ungefragte Erziehungstipps. Diese Erfahrung ist fraglos als spezifische zu respektieren, kann nicht übergangen werden und nicht von jeder Sprecherposition für sich in Anspruch genommen werden. An sich ist aber auch sie in ihrer Unmittelbarkeit kein Zeuge für irgendetwas außer sich selbst. Schon die bloße Mitteilbarkeit, dass eine individuelle Erfahrung ihren solipsistischen Käfig verlassen kann, setzt eine das Individuelle transzendierende Verständnisfähigkeit voraus. Und die Erkenntnis auch der (vermeintlich oder wirklich) ureigensten Erfahrung bedarf einer Reflexion, die der Erfahrung nicht selbst entspringt und auch nicht identitär mit ihr verbunden ist. Wer aus unmittelbarer Erfahrung Erkenntnis schöpfen will, muss diese geistig reflektieren, das Individuelle also ins Allgemeine übertragen. Nur wer die Gründe von guten und schlechten Erfahrungen kennt und verstanden hat, kann sie auch praktisch angehen. Es ist daher kein Widerspruch, dass Theorien über Rassismus keine Rassismuserfahrung voraussetzen und Rassismuserfahrungen wiederum noch lange kein Garant für eine adäquate Rassismustheorie sind. Um im Bilde zu bleiben: Es ist genauso kindisch und albern, Menschen aufgrund des Mangels an unmittelbarer persönlicher Erfahrung und Betroffenheit abzusprechen, verstehen zu können und mitsprechen zu dürfen, wie eine Vernunft altklug und arrogant ist, die meint von den Besonderen und seinen Erfahrungen abstrahieren zu können. 

Ein Exkurs ins Recht kann verdeutlichen, worum es in der Kritik am anti-universellen, aber durch und durch absolutistischen Standpunktdenken prinzipiell geht. Zum einen ist der (ziemlich universelle) Rechtsgrundsatz, dass man nicht Kläger:in und Richter:in in eigener Sache sein kann, unhintergehbar. Ist er aufgehoben, wird irrationaler Willkür Tür und Tor geöffnet. Die Figur der Richterin ist ja so etwas wie eine menschgewordene Objektivität, der, wie der Vernunft als solcher, ein Urteil zugetraut werden muss, das der Sache gerecht wird. Dafür muss der Richter aber nicht die identische Erfahrung gemacht haben, wie die Parteien eines Rechtsstreits, um diesen vernünftig entscheiden zu können; die direkte Betroffenheit ist ja vielmehr ein Problem. Das ist natürlich eine abstrakte Konstruktion, verweist aber als solche doch auf die nicht zu leugnende und in der Sache selbst liegende Verbindung von Vernunft, Recht und Objektivität. Zum anderen, was wiederum direkt mit dem Zusammenhang von Vernunft, Recht und Herrschaft zusammenhängt, war die Linke stets gut beraten, den Gesetzesbrecher nicht allein zum Opfer seiner Umstände zu machen, und dennoch zugleich auf den Klassencharakter des Rechts hinzuweisen, dessen Gesetze vom sozialen Hintergrund des Täters abstrahieren. Es ist gleichermaßen auf die in jedem Menschen vorhandene (moralische) Intelligibilität, wie auf deren empirische Vermittlung zu insistieren. Erstere transzendiert das Besondere ins Allgemeine und ist Ausdruck einer Universalität, die die Gleichheit aller Menschen bezeugt. Letzteres zeigt die nach wie vor vorhandene faktische Ungleichheit und Unfreiheit. Dass diese vom bürgerlichen Recht übergangen wird, offenbart den immer noch repressiven Charakter der bürgerlichen Freiheit, die nur abstrakt allgemein ist und das Besondere unter sich subsumiert. Dessen Standpunkt zur Sprache zu bringen bzw. das Besondere für sich selbst sprechen zu lassen, ist daher allemal eine emanzipatorische Forderung.  

Ein Universalismus, der das Besondere und seine genuine Erfahrung übergeht, ist selbst abstrakt. Er behauptet eine Gleichheit, die es als Gleichmacherei ebenso normativ abzulehnen gilt, wie sie faktisch irreal ist. Anders als es seine konservativen-kommunitaristischen und postmodern-differenzialistischen Gegner:innen unterstellen geht es dem Egalitarismus des Universalismus durchaus nicht um eine Vernichtung des Besonderen und seiner mannigfaltigen Erscheinungen. Er pocht vielmehr auf die Anerkennung aller Menschen als gleiche Freie, sprich autonome Wesen. Diese zeichnen sich nicht durch Identität, sondern durch Nicht-Identität aus. Die kontrafaktische Unterstellung der Gleichheit, die im Namen des Universalismus meint, von dem Besonderen abstrahieren zu können, ist hingegen eine Ideologie, die den ideellen Anspruch auf Gleichheit fälschlicherweise mit ihrer Realisierung identifiziert. Gleichheit wird somit selbst zu einem Deckmantel der Ungleichheit, die ein abstrakter Universalismus nicht aufhebt, sondern (gewollt oder ungewollt) tradiert. Aus dieser Kritik am abstrakten Universalismus und Egalitarismus jedoch den Schluss zu ziehen, den Menschen auf das Empirische – seine jeweilige Identität – zu reduzieren und ihn (wenigstens implizit) sein gleiches Vernunftwesen abzusprechen, welches das Faktische transzendiert, hieße hingegen auch noch die Möglichkeit von Autonomie zu negieren, die im bürgerlichen Recht und seinem Freiheitsbegriff antizipiert ist; so wie es auch den Vorschein der Humanität zerstören würde, das abstrakte Gesetz und das Amt der Richterin aufgrund seines Klassencharakters zugunsten von Selbst- und Gesinnungsjustiz abzuschaffen. 

 

Die Vernunft als Grund und Resultat der Reflexion 

Vom Beispielhaften zum Systematischen: Erfahrung und Reflexion bedingen einander. Warum und wie hat kein geringerer als Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes gezeigt. Das Potential geistiger Reflexivität entwickelt sich durch die Erfahrung mit der Welt. Diese führt – bei Hegel – von der sinnlichen Unmittelbarkeit bis zur geistigen Selbstreflexivität des absoluten Wissens. Es ist ein Prozess, in dem sich Erfahrung und Reflexion derart durch- und miteinander vermitteln, dass das Besondere zum substantiellen Moment des Allgemeinen und Universellen wird, welches jenes nicht vernichtet, als unmittelbares aber aufhebt. Das Besondere bleibt auf diesem Wege bewahrt, aber in einer reflektierten Form, die seine abstrakte Unmittelbarkeit überwindet, welche sich selbst als konkret missversteht. Drei Sachverhalte sind im Anschluss an Hegel festzuhalten, da sie für den uns hier interessierten Zusammenhang von zentraler Bedeutung sind: Erstens kann unmittelbare und persönliche Erfahrung eine mächtige Stimulanz geistiger Reflexivität sein, sie ist aber nicht ihr Grund. Erfahrung erzeugt geistige Reflexivität nicht aus dem Nichts. Sie ist als Potential des vernunftbegabten Sinneswesen immer schon vorausgesetzt. Dieses Potential ist universal, keinen Menschen abzusprechen und von keiner partikularen, sich selbst verabsolutierenden und ein Erkenntnisprivileg attestierenden Erfahrung suspendierbar. Zweitens sind die unbedingten Standards der Vernunft das einzige Gesetz, dem sich autonome Subjektivität a priori unterwerfen muss, da sie die Bedingung ihrer Möglichkeit ist. Jede:r hat die Freiheit – sie wäre sonst nicht frei – sich dem zu entziehen, nicht aber aus Gründen der Vernunft. Man zerstörte damit die Freiheit zugunsten partikularer Willkür, die sich mit Freiheit verwechselt und doch nichts anderes ist als eine Gestalt der Heteronomie. Wer das tut, stellt sich selbst außerhalb der Vernunft, und kann daher, wie gesagt, nicht nach ihren Maßstäben behandelt werden. Drittens impliziert dies, dass man mit den Gesetzen der Vernunft auch ihre spezifische Allgemeinheit akzeptiert, die das Besondere nicht auslöscht, wohl aber als reine, sich selbst verabsolutierende Abstraktion überwindet. Nur so kann überhaupt besondere Erfahrung sich mitteilen und reflektiert werden: »Indem jener [Unmittelbarkeits-Standpunkt; HW] sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen.«Georg Wilhelm FriedrichHegel: Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988, 51. 

Ein solcher Universalismus der Vernunft überwindet das, die besondere Erfahrung negierende, Abstrakt-Allgemeine genauso wie das bornierte, auf seine Unmittelbarkeit pochende, Abstrakt-Besondere durch die Einsicht in das reflexive Vernunftvermögen, das in jedem besonderen Menschen gleichermaßen potentiell anwesend ist. Ob es aktiv werden kann, ist eine politische Frage, die auf den praktischen Kern des Vernunft-Universalismus verweist: die Umgestaltung von Gesellschaft im Zeichen der Autonomie, die gleichermaßen Voraussetzung, Mittel und Ziel der Praxis ist, in der sich das transzendentale Vernunftvermögen überhaupt nur empirisch zu entfalten vermag. Das im einzelnen Menschen existierende universelle Vernunftvermögen transzendiert folglich die abstrakte Besonderheit, indem sie die vielen einzelnen Besonderen zu einem konkreten Allgemeinen, der Menschheit, vermittelt, das nicht exkludiert und subsumiert, sondern in jedem Einzelnen das als Würde achtet, was er mit allen anderen Menschen substantiell teilt. Damit wird keineswegs die Besonderheit, die individuelle Erfahrung oder der Standpunkt des Sprechenden ignoriert. Im Gegenteil: Diese sind gerade nur dort sicher, wo sie sich um ihrer selbst willen transzendieren und reflexiv entfalten, was immer nur, die politisch-praktische Dimension des Universalismus der Vernunft bezeichnend, ein Prozess unter Freien und Gleichen sein kann, die auf gegenseitige Anerkennung und Verständigung drängen. Mit dem identitären Standpunktdenken ist ein solcher Universalismus, der das Bedingungsverhältnis von Relativismus und Absolutismus mittels der Reflexion auf die Gleichheit der Verschiedenen und Besonderen überwindet, grundsätzlich genauso unvereinbar wie mit dessen (kultur-)relativistischer Kehrseite.  

Eine Linke, die meint, diesen Universalismus der Vernunft negieren zu können oder zu müssen, ist keine. Die Verteidigung der Vernunft als universellem Vermögen und als Fundament des Universalismus weist nicht nur politische Implikationen auf. Sie ist auch die Bedingung der Möglichkeit jeglicher Kritik. Wer diese nicht gegen willkürliche Gesinnungen eintauschen will, deren Währung die Macht im Krieg der Diskurse ist, kann daher nur auf die schwache, reflektierende Kraft der Vernunft bauen: auf das der, in ihr ideell bereits wirkende, Universalismus eines Tages auch praktisch realisiert werde. 

 

Hendrik Wallat 

Der Autor lebt, lehrt und schreibt in Hannover. 2021 erschien sein Buch Politischer Marxismus im Verlag Westfälisches Dampfboot.