Warum es unmöglich ist, die Wahrheit über Israel zu sagen...

und wie die richtige Kritik zu falschen Gründen kommt.

Der Antisemitismus der Linken ist ein seltsames Haustier: überall hinterlässt es seine Haare, und doch will niemand zugeben, es zu füttern oder es sich gar zu halten.

Das Dossier „Schuld und Erinnerung“ (Jungle World, 47/02) gibt ein Beispiel für diesen mysteriösen Zustand. Die Kurzschlüsse des Textes sind bereits ausreichend kritisiert worden: Kurz gesagt halten die Autoren es für ihre Aufgabe, antideutsche Projektionen von der Betrachtung des ›wirklichen‹ Nahostkonflikts zu trennen. Spätestens, wenn Israel als Apartheidstaat diffamiert und der Terror der zweiten Intifada zur Antwort auf den israelischen Staatsterrorismus erklärt wird, erkennt man deutlich, dass hier bestenfalls eine Projektion gegen die andere eingetauscht wird. Letztlich geben die Autoren Klaus Holz, Enzo Traverso und Elfriede Müller einen trefflichen Spiegel der von ihnen sogenannten „Scharon-Linken“ ab: Auch ihnen geht es um das ideelle Einswerden mit einem historischen Opfersubjekt - nur dass sie sich einbilden, ihre Opfer seien irgendwie ›wirklicher‹ im Gegensatz zu ›den Juden‹, die für sie nur virtuelle Figuren sind. Auschwitz existiert für sie nur als streng getrennte Zweifaltigkeit: Als historische Realität (›Es ist nun mal passiert, das lässt sich nicht mehr ändern‹) und als ideologischer und damit ihrer Meinung nach immer zu verurteilender Einsatz der Antideutschen („Die Erinnerung an Auschwitz wird somit zu einer Sichtblende“ (ebd.)). Der Keulenspruch von der Auschwitzkeule liegt schon bereit.

Obwohl all das reichlich misstrauisch stimmen sollte, haben wir es hier keinesfalls mit Holocaustleugnern und Verschwörungstheoretikern zutun. Der Leserbrief, der zwei Ausgaben später eine Distanzierung von der Jungle World forderte (unterschrieben u.a. von Justus Wertmüller, Thomas von der Osten-Sacken und Birgit Schmidt) verfehlt deshalb mit seiner Beschimpfung der Autoren als Antisemiten den eigentlichen Punkt in der Kritik am strukturellen Antisemitismus. Denn warum begeben sich diese Linken freiwillig in den Dunstkreis des Antisemitismus? Es wird kaum ihr irrationaler Wunsch nach einem zweiten Holocaust sein, der sie treibt, und sicher sind sie nicht im entferntesten der Meinung, dass die Juden unser Unglück wären. Tatsächlich sind sie laut eigener Aussage scheinbar die einzigen, die die Juden einfach nur als „menschliche Wesen, die man ihren Handlungen gemäß beurteilen, anerkennen, kritisieren, lieben oder hassen kann“ (ebd.).

Genau diese Position der Unvoreingenommenheit, genau die Praxis der scheinbar so glatten Unterscheidung zwischen Ideologie und materieller Wirklichkeit codiert das treue Hündchen Marxismus dergestalt um, dass jeder Linke, der sich auch nur ansatzweise einen Sinn für emanzipatorische Positionen bewahrt hat, allergisch reagieren muss. Die Hundehalter selbst als Hunde zu beschimpfen, wirft allerdings kein Licht auf diesen Vorgang.

 

Antisemitismus ohne Antisemiten

Wenn jemand als Antisemit bezeichnet wird, soll damit gemeinhin ein Ressentiment, also ein aktives oder latentes Vorurteil gegen bestimmte Personen (in diesem Fall ›Juden‹ bzw. in der vermeintlichen Übertragungsleistung ›Zionisten‹) angekreidet werden. Die antisemitische Aussage wird dabei als Ausdruck des Ressentiments aufgefasst. Antisemitische Äußerungen dieser Spielart lassen sich in Deutschland genug finden. Walser und Möllemann bilden die Spitze des Scheißbergs. Der Antisemitismus, der sich aus dem Ressentiment speist, ist jedoch in der deutschen Linken gar nicht besonders verbreitet. Verbreitet dagegen ist der strukturelle Antisemitismus, der wiederum das Ressentiment speist. Diesem lässt sich nicht beikommen, indem man seine Protagonisten als Antisemiten brandmarkt, denn zumeist sind sie das gar nicht und können das auch glaubwürdig vermitteln.

Es besteht also die Frage nach dem Ursprung der geäußerten linken Antisemitismen. Hier hilft die Diskurstheorie: Der Antisemitismus der Linken lässt sich nur dann wirksam kritisieren, wenn wir die Souveränität des Urhebers über seinen Text anzweifeln. Wer sich mit der Formulierung linker Gesellschaftskritik auf dem Papier beschäftigt, kennt den Prozess: Eigenes Wissen, diffuse Meinungen, eine halbsolide marxistische Grundbildung und ein bisschen Moral werden zu einem Süppchen, dass ungeahnte Wirkungen entfaltet. Der Antisemitismus ist eine häufige. Weniger bildlich gesprochen ist das Ressentiment nicht etwa der Kern der Argumentation, sondern das, was an ihrer Oberfläche erscheint. Die wortgewaltigen Kritiker dieses Antisemitismus kriegen ihn nie ganz zu fassen, weil sie viel zu weit unten im Trüben fischen. Das spezifisch linke, notwendigerweise moderne antisemitische Ressentiment ist eine Oberflächenerscheinung. Erklärungen für ihre Häufigkeit lassen sich - mit ein paar Denk-Umwegen - beim ansonsten recht Antisemitismus-unkritischen Michel Foucault nachlesen(1). Folgt man seiner Analyse des modernen Geschichtsverständnisses, erscheint der Antisemitismus auf der Diskursebene als eine Art Umschrift, eine reaktionäre Überarbeitung von Befreiungsdiskursen. Diese Befreiungsdiskurse bauen immer darauf auf, sich auf die Seite der historischen Verlierer zu schlagen und ihr Recht einzufordern. Ihr ›Recht‹ ist dabei eine sehr spezifische Figur, die eng geknüpft ist an revolutionäre Diskurse: Etwa seit dem 16. Jahrhundert haben wir es in Europa nicht mehr mit dem einen, gottgegebenen Recht zu tun, das sich lediglich an seinem eigenen Vollkommenheitsanspruch misst. Das Recht wird parteiisch, die Macht ist nicht deshalb ungerecht, weil sie ihren Ansprüchen nicht gerecht wird, sondern weil die ›Anderen‹ sie haben. Das zwanghafte Eintreten für die Rechte der Unterdrückten ist mit dem Kampf gegen die ›Anderen‹ verbunden und je diffuser und allgemeiner diese ›Anderen‹ werden, desto mehr nähern sie sich dem Bild des ›Juden‹ an, das der moderne Antisemitismus entworfen hat. Die ›historischen Verlierer‹ setzen sich so scheinbar genealogisch fort in die Verlierer von heute, in die schon immer Beschissenen - vom Staat, vom Kapital, oder, im Zweifelsfall, von den Juden. Holz, Traverso und Müller gründen ihre Argumentation auf einer gewissen Unschuld, die ihrer Ansicht nach im Kampf auf Seiten der Unterdrückten liegt - für sie ist es der einzig objektive, ideologiefreie Kampf. Sie übersehen, dass bereits diese scheinbar so unproblematische Parteinahme grundsätzlich ideologisch ist. Das heißt nicht etwa, dass sie zwangsläufig falsch oder gar reaktionär ist, sondern vorerst nur, dass sie sich auf einer Ebene mit den antideutschen Diskursen wissen muss, die Holz & Konsorten als pure Projektion (also Ideologie) auffassen. Diese Einsicht ist die Grundbedingung der Diskussion. Der Versuch, ›einfach nur die Wahrheit‹ über die Verhältnisse im nahen Osten zu sagen, ist dagegen selbst nichts als eine hartnäckige Projektion, die nach wie vor nach dem historischen Subjekt der Emanzipation sucht, mit dem es eins zu werden gilt. Die Behauptung absoluter Objektivität kann nichts sein als absolute Ideologie.

 

Einfach nur Verdammte

Die Problematik liegt also genau darin, dass diese Oberflächenerscheinung Antisemitismus aus dem Innersten linker Weltbilder stammt. Bestimmte antideutsche Fraktionen versuchen nun, sich dieser unheiligen Verquickung zu entziehen, indem sie ›die Linke‹ zum Teil des Problems erklären. Tatsächlich wäre es zutreffender zu behaupten, dass das ›Problem‹ moderner Antisemitismus ein Teil ›der Linken‹ im weitesten Sinne ist. Die Behauptung, die Antideutschen würden das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn sie linken Antisemitismus outen, wird oft zur Abwehr berechtigter Kritik benutzt und ist damit nicht unproblematisch. Sie hat aber einen wahren Kern: Kind und Bad sind nämlich nicht ohne weiteres zu trennen. Die Behauptung vieler Kritiker des linken Antisemitismus, sie würden eine emanzipatorische Position jenseits dieser verhängnisvollen Dualität von Befreiungsdiskurs und Antisemitismus vertreten, versucht, die in diesem Zusammenhang enthaltene Spannung zugunsten einer sie transzendierenden Kritik zu überspringen. Aber wenn die Diskurstheorie uns ein gelehrt hat, dann, dass die Kritik immer schon immanent ist. Und der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem diese immanente Kritik sich bewegt, ist immer schon durchdrungen von den genannten (linken) Befreiungsdiskursen, die als subtile Implementierungen in der Gesellschaft keinesfalls marginal sind.

Welche Möglichkeiten bleiben nun aber zur Kritik an Israel. Kann sie zugleich berechtigt, emanzipatorisch und anti-antisemitisch sein, wenn möglicherweise bereits der Bezug auf Befreiungsdiskurse mit dem Antisemitismus verknüpft ist? Oder muss dieses virtuelle Band in einer solchen Kritik zwangsläufig manifest werden. Sprich: Muss die sich auf Befreiung berufende Kritik an Israel zwangsläufig das antisemitische Ressentiment mästen? Eine, für die Linke sicher schmerzliche Konsequenz wäre es, insbesondere in Bezug auf Israel von allzu universalen Formulierungen und Befreiungsvisionen abzusehen.(2) Solche Visionen fangen nicht etwa beim Vorplanen sozialistischer Utopien an, sondern bereits beim zum Prinzip erhobenen affirmativen Bezug auf die ›Unterdrückten‹. Entgegen mancher linker Selbstwahrnehmung stehen „die Verdammten dieser Erde“ nämlich noch immer hoch im Kurs - was für beide Seiten des vorliegenden Streits gilt. Besonders auffällig wird das beim Stichwort Zionismus, der bei der Bahamas schon mal zum universalen Heilsversprechen wird, weil er die Opfer der Geschichte nun scheinbar endlich zu ihren Gestaltern macht. Auch das ist eine Art des Einswerdens mit der Historie. Die Holz-Traverso-Müller-Connection tut mit ihrer scheinbar so chirurgischen Trennung von Juden und Zionisten, Opfern und Tätern nichts anderes: Bei ihnen subsumieren die Opfer des Holocaust sich unter all die ›Verlierer‹ der Menschheitsgeschichte, die immer durch die jeweils aktuellen Freiheitskämpfer vertreten werden. Die geäußerte Sichtweise, in der Juden einfach nur Menschen sein sollen, macht es so möglich, dass eben diese ›Einfach-nur-Menschen‹ im Dienste des historischen Fortschritts Richtung Revolution und im Kampf gegen den „Geist von Auschwitz“ ermordet werden.

Solche Bezugnahmen auf die Opfer der Geschichte taugen seit jeher eher zur Polemisierung als zur Radikalisierung der Diskussion. Obwohl solche Polemiken für einen Diskurs, der sich als revolutionär versteht, unabdingbar sind - keine Revolution ohne jene, die ihre Befreiung, ihr „Recht“ einfordern -, dürfen sie nur mit Vorsicht produziert werden. Denn jede ›objektiv richtige‹ Positionierung auf Seiten der Opfer kann durch falsche Gründe und Schlussfolgerungen zur falschen werden.

 

Fußnoten:

(1) Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1999. Foucault, der das vom ihm beschriebene Geschichtsverständnis irreführend als »Rassenkriegs«-Diskurs bezeichnet, wendet es in erster Linie an, um den modernen Staatsrassismus zu beschreiben und zu erklären. Diesen versteht er als »Umschrift« von Befreiungsdiskursen. Über den Antisemitismus äußert er sich nur am Rande und missverständlich, indem er ihn als »religiöses Vorurteil« auffasst. Eine Analyse antisemitischer Diskurse mit dem Instrumentarium aus »Verteidigung der Gesellschaft« könnte dennoch ergiebig sein, insbesondere, weil es darauf abzielt, Strukturparallelen zwischen Befreiungsversprechen und Ressentiment zu entdecken.

(2) Dazu gehört auch, die Rede von der ›Kritik an Israel‹ fallen zu lassen. Die Formulierung impliziert ja genau genommen bereits eine prinzipielle Kritik am Staat Israel, nicht etwa eine an israelischer Regierungspolitik. Eine solche prinzipielle Kritik ist vor dem Hintergrund des realexistierenden Antisemitismus inner- und außerhalb der Linken absolut nicht tragbar.

Phase 2 Berlin