Natur als Grenzbegriff der Erkenntnis

Die abstrakte Logik des Kapitalismus ist patriarchal und naturfeindlich. Zu diesem Ergebnis kommt Carmen Gransee in ihrem Buch Grenz-Bestimmungen. Gleichzeitig legt sie offen, warum die postmoderne sex-gender-Debatte keine Antwort auf die Frage nach dem Wesen des modernen Geschlechterverhältnis bieten kann.

Immer noch stellt die Diskussion um das Geschlechterverhältnis ein umstrittenes Thema in der Rest-Linken dar. Gerade darüber, ob und inwiefern patriarchale Verhältnisse in Zusammenhang mit der modernen kapitalistischen Vergesellschaftung stehen, herrscht keine Einigkeit. Jutta Willutzki referierte z.B. kürzlich auf einer jour-fixe-Veranstaltung der Initiative Sozialistisches Forum über "Die Antiquiertheit des Begriffes ‚Patriarchat'" und veröffentlichte davor schon zum selben Thema, dass vom Patriarchat nur im Kontext einer feudalen Gesellschaft zu sprechen sei und innerhalb der kapitalistischer Vergesellschaftung eine Thematisierung jenes Herrschaftsverhältnisses unnötig sei, sondern stattdessen die abstrakte Gleichheit der bürgerlichen Individuen vor der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie in den Blick zu nehmen wäre.(1) Anders argumentierte dagegen Roswitha Scholz aus dem Umfeld der Krisis-Gruppe, die den Kapitalismus als "warenproduzierenden Patriarchats" kennzeichnete und damit einhergehend von einer prinzipiellen Einheit zweier Sphären sprach: Einerseits eine öffentlichen Sphäre der abstrakten Arbeit, die ihren Bedeutung durch die Verwertung der Ware Arbeitskraft im Dienste der Selbstzweckmaschinerie Kapital erhält und in der das männliche Prinzip herrscht und andererseits jene abgespaltene weibliche Sphäre, in der all jene allgemein-menschlichen Eigenschaften abgespalten werden, die im männlichen Prinzip nicht aufgehen und der damit die Verantwortlichkeit für Reproduktion und Regeneration der Gattung obliegt.(2)

Auch Carmen Gransee kommt in ihrem - bereits 1999 erschienenem - Buch Grenz-Bestimmungen. Zum Problem identitätslogischer Konstruktion von "Natur" und "Geschlecht" zu dem Ergebnis, dass ein hierarchisches Geschlechterverhältnis mit der Durchsetzung des Kapitalismus keineswegs obsolet geworden ist. Denn auch sie unternimmt - wie Roswitha Scholz - den Versuch eine patriarchale Vergesellschaftungsform aus den Prinzipien der Wertvergesellschaftung selbst herzuleiten. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist es dabei, die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen der modernen Natur-Kultur-Dichotomie kritisch zu hinterfragen und dadurch Zusammenhänge zwischen dem modernem Naturverständnis einer-seits und dem Geschlechterverhältnis andererseits aufzuzeigen. Ihre zentrale These, die den Verlauf des Buches gewissermaßen strukturiert, lautet deshalb, dass "die kulturelle Konstruktion des Geschlechter-verhältnisses. als verschobener Austragungsort für die konflikthaften Aspekte eines instrumentellen Naturumgangs in der Moderne" fungiert. (11/12)

 

Die sex-gender-Debatte

Eine Abgrenzung gegenüber postmodernen Thematisierungen des Verhältnis von Natur und Kultur wird dabei zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Überlegungen. Dafür greift sie die - insbesondere durch die Veröffentlichung von Judith Butlers Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" bekannt gewordene - Diskussion um das Verhältnis von Geschlechtskörper 'sex' und Geschlechtsidentität 'gender' auf. War es nämlich das Anliegen jener Unterscheidung, einer Naturalisierung der Geschlechtscharaktere entgegenzuwirken, indem aufgezeigt wurde, dass - im Unterschied zum "nicht weiter interessierenden" (19) Geschlechtskörper - Geschlechtsidentitäten Produkte diskursiver gesellschaftlicher Konstruktion sind, so wurde diese Unterscheidung im folgenden selbst wieder Gegenstand der Diskussion. Nicht nur, dass eine solche Kritik an der Naturalisierung der Geschlechteridentitäten selbst noch die moderne Trennung vom passiv vorgestellten Körper, der Produkt gesellschaftlicher Einschreibung ist, wiederholt. Außerdem liege der Bezugnahme auf einen, als natürlich und vorgängig bezeichneten, Körper selbst so etwas wie eine "(anatomisch begründete) Geschlechterontologie" (20) zu Grunde. Insbesondere Judith Butler war es, die jenes Festhalten an einem unhinterfragten Begriff eines vorgängigen Körpers kritisierte und stattdessen versuchte, auch den Körper selbst als Produkt seiner gesellschaftlichen Konstruktion zu begreifen, dessen Existenz damit vor jener Konstruktion selbst fraglich sei. Somit begriff Butler aber nicht nur die spezifische geschlechtliche Identität als Ergebnis einer diskursiven gesellschaftlichen Produktion, auch der "Körper ist materiell nur über die Materialität des ihn bezeichnenden Zeichens. Damit wird der Körper zum Text." (Butler, zitiert nach Gransee, S. 22) Genau jene Annahme aber, dass erst der "Bezeichnungsakt den Körper produziert, selbst wenn er ihn angeblich als aller und jeder Bezeichnung vorgängig vorfindet" (Butler, zitiert nach Gransee, S.21), widerspricht Carmen Gransee. Denn statt durch "vereinseitigende Bezugnahmen" (11) das Spannungsverhältnis von 'sex' und 'gender' durch eine Aufhebung von 'sex' in 'gender' "kulturalistisch zu entschärfen" (204) und somit auch jenes, dass der Mensch sowohl Naturwesen als auch Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist, zu leugnen, fordert Gransee eine kritische Anknüpfung an die Erkenntnisse der Kantschen Transzendentalphilosophie und ihrer materialistischen Erdung durch die Erkenntniskritik Alfred Sohn-Rethels. Ausgehend vom Kantschen Begriff der Erkenntnisformen a priori, die dem Verstand selbst schon, vor allen Auseinandersetzung mit und Wahrnehmung von Natur zu Grunde liegen und stattdessen alle Erkenntnis präformieren, wird nämlich jene Unterscheidung zwischen Begriff und zu Begreifendem ermöglicht, die Kant als Differenz des "Ding für uns" und des "Ding an sich" ausmachte. Statt - wie jene Annahmen postmoderner Gedankenspielerei - eine Identität von Begriff und Sache zu behaupten, gilt es ihr in der Verteidigung radikaler Gesellschaftskritik daran festzuhalten, dass sich "Naturerkenntnis (...) auf etwas bezieht, daß selber weder Begriff noch im Begriff einholbar ist." (25) Insofern wird der Begriff der "Natur an sich" (129) nicht deshalb, weil er als Affirmation eines 'irgendwie' unmittelbaren Naturbegriffs gelten soll, zum Grenzbegriff aller Erkenntnis, er soll im Gegensatz eher in Anknüpfung an den Begriff des Nichtidentischen bei Adorno eine Abstraktion bezeichnen, durch die sich Erkenntniskritik in die Lage versetzt, jenem Faktum einzugedenken, dass bei aller historisch-variierenden Begrifflichkeit von Natur, Natur selbst doch im Begriff nicht zu fassen ist.

Da jene postmodernen Überlegungen zum Geschlechterverhältnis diesem "Hiat zwischen Begriff und zu Begreifendem" (129) nicht gewahr werden, sondern deren Identität als Resultat der begrifflichen Konstruktion des Gegenstandes annehmen, fallen sie nicht nur hinter die materialistische Prämisse vom "Vorrang des Objekts" (Adorno) zurück. Zusätzlich können sie nicht zum Wesen der Natur-Kultur-Dichotomie in der Moderne und dem damit verbundenen Geschlechterverhältnis vordringen.

 

Naturbeherrschung in der Moderne

Denn "Natur an sich" als Grenzbegriff ernst zu nehmen, bedeutet auch der Natur im Subjekt selbst einzugedenken. Quer zu jener grundlegenden Erkenntnis kritischer Theorie - in deren Tradition Gransee sich völlig zu Recht stellt - befindet sich aber jene "Ordnung der Geschlechter" (Claudia Honegger), die sich zu Beginn der Moderne etablierte. War es doch deren Kennzeichen, dass das doppelte der menschlichen Gattung, zugleich Naturwesen als auch Produkt und Konstrukteur von Gesellschaft zu sein, geschlechtsspezifsch unterteilt wurde und die Gattung gespalten wurde. Während auf der einen Seite das männlich besetzte Bild des kulturhaften, zur Vernunft fähigen modernen bürgerlichen Subjekts steht, befindet sich diesem das als unmittelbare Natur abqualifiziertes Bild des Weiblichen gegenüber. Während jenes beseelt ist vom Geiste der Beherrschung äußerer Natur, durch instrumentellen Zugriff auf dieselbe und auch das eigene bürgerliche Selbst, der "identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen" (3) erst "nach der methodischen Ausmerzung aller natürlichen Spuren" (4) entstehen konnte, wurden Frauen als das "Andere der Vernunft" gebrandmarkt, der "Unzivilisiertheit" und des "Mangels an Intellektualität" (48) bezichtigt - kurz mit jener Natur identifiziert, die dem bürgerlich männlichen Subjekt zum Objekt von Herrschaft und Unterdrückung geworden ist. Insofern sich damit aber die "Abspaltung von Leibgebundenheit und verlockender Sinnlichkeit (...) als Voraussetzung eines sich autonom dünkenden Geistes" (34) erweist, ist die "projektive Identifizierung von Natur und Weiblichkeit" (32) Resultat einer instrumentellen Herrschaft des bürgerlichen Subjekts zur äußeren Natur und der Verleugnung der eigenen inneren Natur, durch deren Unterdrückung und Verstümmelung.

Deshalb gerät Gransee zuerst auch die moderne "identitätslogische(n) Konstruktion von ‚Natur'" einerseits und die Zurichtung des bürgerlichen Selbst andererseits in den Blick. Grundlegend für beider Veränderungen betrachtet sie dabei die "Verallgemeinerung der Warenökonomie" und die "Vergesellschaftung über den Warentausch" (54) - die Entstehung des modernen Kapitalismus. Erst auf dieser Grundlage wird nämlich deutlich, wie und warum sich das Naturverständnis von einem vormalig "organischen Weltbild des Mittelalters" oder jener Vorstellung des "Kosmos als einer lebendigen Einheit" (54) hin zu der Annahme, dass Natur gleich einer Maschine wäre, deren Gesetzmäßigkeiten nur zu entschlüsseln und Natur dadurch beherrschbar wird, wandelte. Der Preis für jene Suche nach objektiven Gesetzen in der Natur, war dabei allerdings, dass Natur nicht mehr als besondere lebende Qualität betrachtet wurde, die vom Schleier des Geheimnisvollen umgeben war, sondern, dass sie unter der "Folter des Experiments" (34) dessen formalisierender Logik anverwandelt wurde. Erst jener neue "mathematisch-formierende Blick auf 'Natur'" (56), der dieser ihre Besonderheiten nahm und sie statt dessen als "tote Materie" (57) betrachte, ermöglichte die Objektivierung von Natur in Gesetzen, die sie "meß-, kontrollierbar und beherrschbar" (54) machten. Jener Zusammenhang zwischen der Entqualifizierung von Natur einerseits und deren Berechenbarkeit und Quantifizierung andererseits, erklärt sich durch die Entstehung der naturwissenschaftlichen Denkform aus der Verallgemeinerung der Warenform. Dafür greift Carmen Gransee auf die Schriften Alfred Sohn-Rethels und dessen Überlegungen zum Verhältnis von Warenform und Denkform zurück. Denn die vereinheitlichenden Formen der Naturbetrachtung, die Reduktion von Natur durch ihre Identifizierung und Verobjektivierung auf quantifizierbare Größen, die berechenbar, und damit beherrschbar sind, resultieren gerade nicht aus einem Eingedenken in Natur, sondern die Entqualifizierung von Natur findet laut Sohn-Rethel ihren Grund in der Realabstraktion des Warentauschs. Genauso wie es jenem nämlich eigen ist, dass im Vergleich zweier Waren, von ihren Gebrauchswerten abstrahiert wird, die Absehung von ihrer Stofflichkeit vielmehr Voraussetzung dafür ist, dass sie auf ihren gemeinsamen Wert, in den "kein Atom Naturstoff" (Marx) eingeht, reduziert werden, transformiert sich jene Realabstraktion des Tauschs, in eine Denkabstraktion der Warenbesitzer. Wird doch in Folge der Totalisierung der Warenform und der Entstehung des Kapitalverhältnisses die gesellschaftliche Selbsterhaltung der Menschen vollkommen über den Warentausch vermittelt, so dass ihre eigene Existenz daran geknüpft ist, sich als Ware Arbeitskraft zu realisieren und sich selbst als Warenbesitzer zu begreifen. Denn "erst mit dieser Warensprache im Bewusstsein werden die Warenbesitzer zu rationalen Wesen, die ihres Tuns mächtig sind und erreichen können was sie wollen." (5) Deshalb findet also die Verallgemeinerung der Warenform - mithin der Aufstieg des Werts zum "automatischen Subjekt" (Marx) - deren Grundlage die Negation jedweder stofflichen besonderen Qualität ist, damit die Waren quantifizierbar und im Tausch vergleichbar werden, ihr Pendant in der modernen naturwissenschaftlichen Denkform. Denn: "In beiden Fällen wird von der Konkretheit, von sinnlich wahrnehmbarer Materialität und Qualität (der Waren im Tausch und der Natur im Experiment) abgesehen, werden Tausch- und Erkenntnisobjekte zum quantifizierbaren Ding reduziert." (64) Die Verobjektivierung von Natur im Erkenntnisprozess, ihre Quantifizierung durch Absehung von ihrer besonderen Stofflichkeit, findet ihren Grund also darin, dass sie in Begriffen erforscht wird, die nicht ihre eigenen sind, sondern jener "zweiten Natur" der Wertvergesellschaftung entstammen, und durch deren herrschaftliche Identifizierung sie für "produktive Naturaneignung" (73) - die Verwertung unters Kapital - kommensurabel gemacht wird.

Vermessen und identifiziert wird aber nicht nur jene äußere Natur, sondern Objekt der Beherrschung wird auch die innere Natur des Menschen selbst. Da sich die eigene Selbsterhaltung innerhalb des Kapitalismus nämlich daran knüpft, sich als Ware Arbeitskraft zu verkaufen und dem sinnlosen Prozess der Kapitalakkumulation zu unterwerfen, wird dieser materielle Zwang zum Ausgangspunkt der Konstitution des bürgerlichen Selbst. Ähnlich wie der äußeren Natur geht's dabei der eigenen inneren an den Kragen. Denn will man sich als Ware Arbeitskraft bewähren und Objekt "produktiver Naturaneignung" werden, also sich durch das Kapital verwerten lassen, muss man auch das eigene Selbst in der abstrakten Warenform denken. Das bedeutet aber für das bürgerliche Selbst, dass es auch sich selbst als quantifizierbare "tote Materie" begreifen muss und alle natürlichen Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse / Triebe an sich unterdrücken und verleugnen muss. Seine eigene Naturhaftigkeit und -abhängigkeit darf ihm unter dem Diktat der Wertvergesellschaftung nicht zu Bewusstsein kommen. In der Dialektik der Aufklärung heißt es dazu: "Erst Kultur kennt den Körper als Ding, das man besitzen kann, erst in ihr hat er sich vom Geist, dem Inbegriff der Macht und des Kommandos, als der Gegenstand, das tote Ding, 'corpus', unterschieden." (6)

Doch die identitätslogischen Konstruktionen von "Natur" und dem männlich bürgerlichen Selbst, wie sie dem Geist der Wertvergesellschaftung entspringen, gehen in den Gegenständen, die sie begrifflich zu erfassen glauben, keineswegs auf. Entgegen der Annahmen postmoderner Philosophie, dass Körper (und ebenfalls Natur) erst durch einen Bezeichnungsakt produziert werden, weist Carmen Gransee einen anderen Weg. Denn gerade weil jene Begriffe, die "Natur" und bürgerliches Selbst in der Moderne strukturieren, der abstrakten Sphäre der "zweiten Natur" (Marx) entspringen, müssen sie die fortbestehende Kontingenz äußerer Natur und die Abhängigkeit des bürgerlichen Selbst von Natur verleugnen und deshalb der eigenen Naturgebundenheit mit "Naturvergessenheit" (91) begegnen. Stattdessen erscheinen jene Momente der Naturabhängigkeit und Naturgebundenheit in einem "projektiven Entwurf des Weiblichen" (78) wieder und werden so "in anderer, entstellter Form bewusstseinsfähig." (83) Denn der Schein der totalen Naturbeherrschung - Gransee bezeichnet dies in Anlehnung an Elvira Scheich als "Phantasma" - lässt sich nur dadurch wahren, dass jene Momente der Naturabhängigkeit, die ein anderes, ein "reproduktives Naturverhältnis" (78) erfordern, im Bild der Weiblichkeit identifiziert werden. Jenes Naturverhältnis steht im Gegensatz zur Verwandlung von Natur in "tote Materie", wie sie in der modernen Naturwissenschaft und der Konstitution des bürgerlichen Selbst vollzogen wird und dadurch Natur auf ihre produktive Aneignung vorbereitet. Dagegen geht das reproduktive dem produktiven Naturverhältnis in sofern voraus, als der Sphäre der Weiblichkeit - die als unmittelbare Natur charakterisiert wird - die Verantwortung für die "generative Reproduktion" (75), die biologische Reproduktion und Erziehung der Gattung, übertragen wird. Ebenso gehen in diese Sphäre auch jene regenerativen und reproduktiven Aufgaben ein, die für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft zwingend notwendig sind, aber in deren Selbstverständnis nicht enthalten sind - "Hausarbeit, Nahrungszubereitung, Pflege von Angehörigen etc.". (75)

Daran, dass all jene Momente, die den Mensch als Naturwesen repräsentieren, in diese Sphäre der Weiblichkeit abgespalten werden können, erweist sich die Funktionalität des "Phantasma des Weiblichen" (90). Denn weil allein Frauen als unmittelbare Natur identifiziert werden und sie dadurch erneut zum Objekt von Herrschaft werden, indem sie die Aufgabe der biologischen Reproduktion und Regeneration selbstlos zu erfüllen haben, wird verhindert, "daß die Naturvergessenheit als (prekäre) Allmachtsphantasie" des männlich bürgerlichen Subjekts "bewußt wird." (7) (92)

 

Postmoderne und Postbiologismus

Mit jener Erklärung des modernen Kapitalismus als "warenproduzierendem Patriarchat" (Roswitha Scholz) geht Carmen Gransee aber nicht nur über postmoderne Theorien hinaus, weil sie neben der Frage danach Wie das moderne Geschlechterverhältnis entsteht (nämlich durch die Abspaltung) auch die Frage nach dem Warum beantworten kann (nämlich aus der Differenz zwischen den naturverleugnenden und naturvergessenen Begriffen der Wertvergesellschaftung und deren Gegenständen). Vielmehr gibt sie selbst Hinweise darauf, welcher Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels seit der Entstehung des modernen Kapitalismus, Bedingung der postmodernen Annahme sein könnte, dass der Körper Resultat seiner Bezeichnung ist und nichts vorgängiges anzunehmen wäre.(8) Anhaltspunkte dafür findet sie in einer Überschreitung der modernen Naturbeherrschung. War es nämlich deren Charakter, dass Natur einerseits beherrscht und am bürgerlichen Selbst verleugnet werden sollte, andererseits aber jene Momente, die für Regeneration und Reproduktion unbedingt notwendig waren, abgespalten worden, so vollzieht sich ein Wandel in der Postmoderne. Gekennzeichnet ist diese dadurch, dass die "Imperative der einen Sphäre" übergreifen "in die Sphäre (generativer) Reproduktion." (122) Auch jene vormals als weiblich identifizierte Sphäre der Reproduktion, soll nun Objekt herrschaftlich instrumentellen Zugriffs werden. Grundlage dafür bildet ein neuer radikalerer gesellschaftlicher Zugriff auf den menschlichen Körper, wie er mittels Gentechnik machbar wird.

Denn im Zuge der Entdeckung der DNS als Träger der Erbinformation, entwickelten sich Visionen den "genetischen Code knacken" (103) zu können. Damit einhergehend veränderte sich aber auch der Begriff vom "Lebendigen" (104), in dem nur noch eine Einheit aus chemischen und physikalischen Prozessen gesehen wurde, die identifizier- und beherrschbar wären. Der Körper soll so nicht mehr nur zum Objekt der Unterdrückung werden, sondern der Wandel zur Postmoderne bedeutet den Übergang von der "Entdeckung" der Natur, d.h. ihr eine Gesetzmäßigkeit zu unterstellen, hin zu ihrer Neuerfindung. Natur, die in der Moderne noch Grenzerfahrung war, da man nicht alle ihre Geheimnisse entschlüsseln konnte, soll in der Postmoderne nicht mehr nur beherrscht, sondern überwunden werden. Der Körper soll nicht mehr nur beherrscht, sondern durch die vollständige Kenntnis von seiner Struktur, Produkt der technischen Herstellung werden. Entgegen solcher wahnhaften Visionen vom "postbiologischen Zeitalter" (117), bleibt das Beharren darauf, dass sich am Grenzcharakter von Natur als Grenze menschlicher Erkenntnis, nichts geändert hat, wohl nichts anderes als ein einsamer Ruf in die Wüste naturwissenschaftlicher Abstraktionen. Als gewiss kann aber gelten, dass die postmodernen Vorstellungen davon, dass der Begriff die Sache konstituiert und beide miteinander identisch wären, hier, im praktischen Versuch der technischen Konstruktion von Körperlichkeit im Dienste der Wertvergesellschaftung - der "Neuerfindung der Natur" (Donna Haraway) -, ihren Ursprung haben.

Fraglich bleibt, was mit der abgespaltenen Sphäre der Weiblichkeit geschieht, wenn selbst die "technische Meisterung des Ursprungs" (Haraway), also die technisch vollziehbare Reproduktion der Gattung Realität werden soll. Eine befriedigende Antwort findet Carmen Gransee dabei in ihren Auseinandersetzungen mit der feministischen Wissenschaftskritikerin Donna Haraway nicht. Knüpft diese doch an die Entwicklung zum Menschen als einem "Natur-Technowissenschaftlichen Produkt, ein[em] Mischwesen aus Organischem und Maschine" (168)(9) auch die Chance der "Implosion der modernen Dichotomien" (13) von Natur und Kultur und somit auch die der Geschlechter. Denn möglich wurde jene Annahme Haraways nur auf der Basis eines fragwürdigen Konzepts von Gesellschaft überhaupt, dass diese und deren Begriffe als Resultat von "Erzählpraktiken" und "Bedeutungsproduktionen" begreift. Erst auf der Basis dieses Gesellschaftsbegriffs, kann die "Verschlingung von Technik und Körper" als Resultat eines völlig neuen Erzählmodells begriffen werden, dass die Dichotomien und Grenzen des alten, modernen Modells ablöst und so auch die Chance der Aufhebung der Geschlechterdichotomie andeutet. (Vgl. 163/164)

Entgegen jener Annahme Haraways bleibt Carmen Gransee materialistischer Gesellschaftskritik verpflichtet und betont, dass auch die postmodernen Entwicklungen in der Reproduktionstechnologie noch dem Geist jenes männlich"autonomen Weltingenieur[s]" (119) entstammen, der schon in der Moderne, äußere und eigene innere Natur im Sinne der kapitalistischen Verwertungslogik zurichtete und verstümmelte. Bleibt also im "postbiologischen Zeitalter" die kontinuierliche Identifizierung von Weiblichkeit und Reproduktionsverantwortung aus, so ist dies nur auf der naturvergessenen und patriarchalen Grundlage der Gesellschaft selbst zu verstehen.

Auch wenn Gransee also im Gegensatz zu Haraway aufzeigt, dass die "Imagination der technischen Laborproduktion" die "Leugnung einer bis dato an den weiblichen Körper gebundenen Herkunft menschlicher Lebewesen" (121) voraussetzt und so aufzeigt, wie sich Naturbeherrschung, -unterdrückung und -verleugnung im Sinne einer Naturüberwindung in der Postmoderne durchhalten, kann sie nicht deutlich aufzeigen, was das Verhältnis von Kontinuität und Wandel der gesellschaftlichen Entwicklung für das Verhältnis der Geschlechter bedeutet. Das macht das Manko ihrer eigenen Überlegungen aus.

Dennoch bleibt sie ihrem Ansatz treu, da sie gerade gegen die Logik postmoderner Visionen Natur als Grenzbegriff menschlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Praxis stark macht. Besonders deshalb gilt auch für die mögliche Entpersonalisierung des Geschlechterkonflikts im postbiolgischen Zeitalter: Wer von der abstrakten Form des bürgerlichen Subjekts spricht, darf von der daraus folgenden notwendigen Abspaltung nicht schweigen.

 

Fußnoten:

(1) Vgl. Jutta Willutzki, Die Antiquiertheit des Begriffes "Patriarchat", in: Ilse Bindseil, Monika Noll (Hrsg.), Frauen 4. Mit Foucault und Fantasie, Freiburg 1995, S.59-74.

(2) Vgl. Roswitha Scholz, Der Wert ist der Mann, in: Krisis 12, Bad Honnef 1992. und dies., Das Geschlecht des Kapitalismus, Bad Honnef 2000.

(3) Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1997, S.40

(4) Horkheimer, Adorno, zitiert nach Gransee, S.32.

(5) Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit, Weinheim 1989, S. 24, zitiert nach Gransee, S.64, Fußnote 15)

(6) Horkheimer, Adorno, S.208, zitiert nach Gransee, S. 97.

(7) Gerade weil aber die Sphäre des Weiblichen nur eine funktionale und notwendige Abspaltung ist, die aus der Logik der Wert-vergesellschaftung folgt, wird sie ihr ‚Weiblichkeit' niemals zum Objekt einer positiven Bezugnahme. Vgl. S. 82.

(8) Fraglich ist, ob sich die postmoderne Philosophie auf derartige Aussagen festzulegen ist. Gerade Judith Butler hat in ihrem neuen Buch Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, eine Differenz zwischen der Subjektform und dem Individuum anzunehmen.

(9) Haraway begreift dies als Wandel vom Menschen der Moderne zum postmodernen "Cyborg".

Literatur:

Carmen Gransee, Grenzbestimmungen. Zum Problem identitätslogischer Konstruktion von "Natur" und Geschlecht, Tübingen: edition diskord, 1999. 224 S. 14 Euro.

Lutz Geiger
La Fin Du Cercle Leipzig