Cancel culture und Krise der Linken

Eine Polemik zum Streiten

Der Ablauf der üblichen Feuilletondebatte über cancel culture oder call-out culture sieht vor, dass im ersten Akt die für die gefährdete Meinungs-, Kunst- oder Wissenschaftsfreiheit Kämpfenden auftreten, deren Argumente im zweiten Akt von einer kritischen Linken als »rechtes Narrativ« enttarnt werden, und im dritten Akt die jeweilig Auftretenden sich in ihrer Ecke des Rings das verdiente Schulterklopfen im eigenen Kreis für die mutigen Worte gegen ihren Widerpart abholen. Dieser übliche Ablauf hinterlässt jedoch ein schales Gefühl, denn weder die eine noch die andere Seite redet über den Gegenstand, der wie alle geschichtlichen Tatsachen ein mehrdeutiger ist, beispielsweise reales Verhängnis und rechter Kampfbegriff zugleich. Wem an Meinungs-, Wissenschafts- oder Kunstfreiheit etwas liegt, dürfte von der Kommerzialisierung des Öffentlichen und des Wissens, der Macht der Medienmonopole, dem Elend der unabhängigen Presse, dem Wahnsinn der ökonomisierten Hochschulen, den Zwängen im durchökonomisierten Kulturbusiness, der brutalen Konkurrenz unter den Lohn- und anderweitig Abhängigen in all diesen Bereichen, also vom Kapitalismus, nicht schweigen. Doch statt sich der wahren Meinungs-, Wissenschafts- oder Kunstfreiheit zu verschreiben, von der Marx bekanntlich sagte, diese bestehe darin, »kein Gewerbe zu sein«, wird nur ein »Narrativ« zurückgewiesen und reflexhaft eine Gegenposition eingenommen, was sich als Kampf um Definitionen ausdrückt. 

Das abgekartete Spiel von Narrativ und Gegennarrativ, diese auf den linksliberalen Zeitgeist gekommene Mischung aus Carl Schmitts Logik der Feindschaft und Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns, landet folgerichtig an dem Punkt, wo selbst der Begriff der Freiheit unter Linken bereits als Chiffre der Rechten gilt, nicht als etwas real zu Erringendes – als ob es nicht mit Marx noch immer um den »Verein freier Menschen« gehen würde. Man steckt Claims ab, auf eine Kritik der gesellschaftlichen Totalität wird in der binären narrativen Logik verzichtet. Die beliebig wiederholbare Masche befördert die geistige Selbstentwaffnung der Linken. Diese reagiert, und das ist vermutlich das Schlimmste daran, mit Erleichterung, endlich befreit von der Anstrengung zur Kritik, eingeladen zur identitären Selbstvergewisserung durch den gebannten Blick auf die angebotene Kontrastfolie. Wer in der darstellenden Kunst bewandert ist, erkennt das Tragische darin. Die Aufgabe des Chores wäre, das Verhängnis, in dem die Handelnden befangen sind, zu korrigieren. Doch die Selbstkorrektur misslingt und jene, die sie einfordern, werden von den für die Tragik Blinden aus dem zweiten Akt nun selbst zu denen erklärt, die auf die andere Seite gehören, die – psychologisch zeichnet sich das Strafbedürfnis gerade dadurch aus, besonders findig bei Rationalisierungen zu sein – zu Recht verunglimpft und ausgeschlossen, also »gecancelt« gehören. Weil man die Argumente nicht hören möchte, müssen jene verstummen, die sie vortragen. Differenz und Kritik werden nicht mehr als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfunden. Aus diesem Trauerspiel – oder dem »Vampirschloss«, wie es Mark Fisher nannte –, das hier in seinen veränderbaren sozialen Voraussetzungen geschildert wird, sollte man einen Ausweg suchen. Es könnte sich lohnen. 

 

Ohnmacht 

Die neoliberale Zerschlagung der Gesellschaft hat dazu geführt, dass die meisten Menschen vereinzelt und nahezu schutzlos sind. Wie mit den in dieser Hinsicht Überflüssigen umgegangen wird, wurde nun mehrfach demonstriert; es gibt Gründe, Angst davor zu haben. Ohnmacht ist eine Erfahrung, die paradoxerweise kaum erfahren wird, wie die Psychoanalyse lehrt. Sie ist derart schmerzhaft, dass man sie abzuwehren versucht. Abwehrsymptome sind nach Anna Freud unter anderen Verdrängung, Verleugnung, Verneinung, Vermeidung, Projektion, Spaltung, Regression, Verkehrung ins Gegenteil, Identifikation, zudem Rationalisierung und Intellektualisierung. Es dürfte kaum jemanden geben, der oder die angesichts der traumatischen Realität, die einen real und täglich erniedrigt, ohne irgendeine Form von Abwehr existieren könnte. Weil ausnahmelos die Menschen in ihrem Innersten durchs Äußerste beschädigt sind, suchen sie Zuflucht – und zwar vor der Erfahrung dessen, was ihnen angetan wurde und wird. Man versucht, sich seiner selbst zu entledigen. Das wird auch permanent verlangt, Flexibilität ist nichts anderes als »Selbsterhaltung ohne Selbst« durch die Eigenleistung der permanenten Anpassung an soziale Zwänge. Die notwendige Selbstausbeutung und -entgrenzung führt zur sozialen Schizophrenie und Sehnsucht nach klaren Abgrenzungen. Im Moment seines Implodierens bringt das neoliberale Subjekt zum Vorschein, was unter all der dynamisierenden Entgrenzung immer schon verborgen war: bloße Autoritätshörigkeit und Konformität. Die Illusion, ein grenzenloses Genießen sei möglich, führt dazu, ausmachen zu wollen, was dieser Illusion im Wege steht. Es sind misslungene Heilungsversuche der beschädigten Subjekte. Widerspruchsfreiheit dient der subjektiven Entlastung, die in Kollektiven gesucht wird – auch in linken. Gefordert wird dafür aber der Tribut der Unterordnung. Bewusstlos werden die Anforderungen der sozialen Ordnung reproduziert. Der Kontrolle der Immunitätsausweise ging schon die der Gesinnung voraus, das Bedürfnis nach Reinheit existierte vor den omnipräsenten Desinfektionsmittelspendern und der Gruppenzwang zum moralischen Signal vor dem permanenten Maskentragen. Nichts wird der Linken nur von außen angetan. Die Ohnmacht ist auch deswegen so schrecklich, weil sie einen freien Umgang schwierig macht – durch Angst, Schutzbedürfnis und Kompensationshandlungen, die sich nur allzu oft in ungehemmter Aggression zum Abbau der erfahrenen Spannung äußern. Wie Bini Adamczak sagt: »Wo die Linke an Stärke verloren hat, wächst die Versuchung, sich auf innerlinke Streitigkeiten zu konzentrieren. Denn dort lässt sich noch ein gewisser Einfluss finden: Wenn jemand ein Flugblatt gegen die Regierung schreibt, interessiert das meist relativ wenige Leute. Wenn jemand aber ein Flugblatt gegen die linke Gruppe schreibt, die im Nachbarzimmer tagt, wird sich zumindest diese Gruppe zur Reaktion genötigt sehen.«  

 

Strategie 

Einer der besten Texte von Bertolt Brecht, das Fragment Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer, schildert das Dilemma von subjektiver Ohnmacht und politischer Strategielosigkeit: Eine Gruppe von Deserteuren flieht vor dem Krieg, sie muss unterschlüpfen, getrennt von der Masse und politischem Einfluss. Koch/Keuner ist ein Funktionär, dessen klarer Kaderverstand in dieser Situation wie leer dreht, seine revolutionäre Disziplin hat kein Objekt mehr. Fatzer, der Anarchist, schert sich darum wenig, er bleibt am ehesten handlungsfähig, geht aber auch große Risiken ein und bringt die Gruppe in Gefahr. Als sich der gemeinsame Feind nähert, wird er von seinen Genossen umgebracht. In seinem Schlussmonolog sagt er: »Ich weiß nicht, wer siegt / In diesem Kampf / Wer aber immer siegt – Fatzer ist / Verloren. / Als ihr zweifeltet an mir / War ich verloren. / Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über / Wird es keinen Sieger mehr geben / Auf eurer Welt, sondern nur mehr / Besiegte.« Mit der Trennung von der Masse hadert linke Politik heute noch immer, auch die parlamentarische schwankt zwischen dem ungelenken Versuch, diese Trennung zu überwinden, und der überheblichen Arroganz, sie zu manifestieren. Eine Strategie fehlt in beiden Fällen, das macht die opportunistische Hilflosigkeit aus, die durch verbissene Feindseligkeit kompensiert wird. Das politische Gegenüber nicht zu kritisieren, sondern gleich ganz zu erledigen, weiter reicht die eigene Handlungsmacht nicht mehr. Der »Klassenkampf im Wasserglas«, wie es Max Horkheimer nannte, wird umso erbitterter, je mehr auf den wirklichen verzichtet wird. Stattdessen beherrscht die Linke geradezu meisterhaft die Kunst, sich mit heroischer Pose hinter den abgefahrenen Zug zu werfen. Worin Politik, also kollektives Handeln, dann erstarrt, sind Formalismen. Es sind Erkennungszeichen im postpolitischen Raum, das wording oder zustimmungspflichtige Symbole wie beim Gendern treten an die Stelle einer Diskussion über Taktik, Strategie und Ziele – der postmoderne Zensurdiskurs tritt an die Stelle eines Wirklichkeitsdiskurses. Während die Welt im Umbruch ist, große Teile der Gesellschaft in die Armut getrieben werden, aus der andere Teile schon keinen Ausweg mehr finden können, der reaktionäre Staatsumbau im vollem Gange ist, die Wirtschaft sich kaum vom organisierten Verbrechen unterscheiden lässt, die geopolitischen Konflikte zunehmen, also kurz gesagt: der Weltkapitalismus in einer handfesten Krise ist und bekanntlich über Leichen gehen wird, um sich trotzdem noch zu erhalten, verhalten sich Teile der Linken wie in einer Vorstadtsiedlung, wo man über die Hecke einen Blick in den Vorgarten des benachbarten Grundstücks wirft, ob’s dort wohl auch hübsch ordentlich ausschaut. Natürlich ist der Vorgarten heute digital und heißt Twitter oder Instagram. Man bringt zur heutigen Lage keinen einzigen brauchbaren politischen Satz heraus, übt sich aber in Zensur, Denunziation und peace police. Eine Linke hätte aber nicht nur der Herrschaft, sondern auch der Knechtschaft – nicht zuletzt der eigenen – den Kampf anzusagen. Die Nichtangepasstheit bräuchte einen safe space, ohne sie geht es nicht. »Die subjektive Vorbedingung zur Opposition, ungenormtes Urteil, stirbt ab, während ihr Gehabe als Gruppenritual weiter vollführt wird«, heißt es bei Adorno. Wenn die politische Perspektive fehlt, bleibt als Verfallsprodukt nur eine Szene als peer group mit ihren Codes und ungeschriebenen Regeln. Und denen, die sich, sei’s aus bloßem neurotischen Unglück heraus, immer wieder auflehnen, wird wie Fatzer bei Gelegenheit noch höchstselbst der Prozess gemacht, während der Feind im Rücken heranstürmt, der sich um solche Differenzen sowieso nicht schert. 

 

Theorie 

Der Mangel an Theorie und theoretischer Diskussion ist heute eklatant. Stattdessen herrschen Bauchgefühl und phrasenhafte Parolen, die Elementarzutaten des schlechten Aktivismus, in dem sich Sozialdemokratismus und Verbalradikalismus verbinden. Linksradikale Gruppen, die vor wenigen Jahren noch diskutable Broschüren veröffentlichten, die halbwegs einem Stand linker Theoriebildung entsprachen, haben sich über halbgaren Soziologismus konsequent bis auf das Niveau zwischen Grüner Jugend und Kalenderspruchautomaten auf Facebook vorgearbeitet. Statt gemeinsam die Welt zu erfassen, als Voraussetzung politischen Handelns, betreibt man sprach- und verhaltensregulierende Gruppentherapie. Aus dieser Sphäre wird auch das Vokabular übernommen. Es verdrängt die marxistische Kritik der politischen Ökonomie und die psychoanalytische Trieblehre, die die selbstbezügliche Negativität von Mehrwert und Mehrlust offengelegt haben. Daran ändert sich trotz aller soziologischer Fachbefunde vom »Ende der Arbeiterklasse« bis zur »vaterlosen Gesellschaft« wenig. Theoriebildung hätte sich methodisch daran zu reiben. Die Folgen dieser Abkehr zeigen sich in der Stellung zur Ideologie der bürgerlichen Demokratie. Wie die Linkspartei kaum mehr zu sein beansprucht als das von der Herrschaft geduldete Ministerium für Opposition und deren Kontrolle, geht es selbst in der oftmals zu ihrer Vorfeldorganisation verkommenen radikalen Linken um Mitwirkung in der angeblich so vielfältigen und demokratischen Gesellschaft. Bald wird aus der Mitwirkung schon die Mitwirkungspflicht und mit Argusaugen werden alle Verweigerer der zu beschützenden Demokratie beobachtet, wie es das vernünftige Bürgertum und der Verfassungsschutz bereits tun. Den liberalen Populismus des kleineren Übels hat nun auch die radikale Linke gefressen und beteiligt sich neben Konzernen und der politischen Klasse pflichtschuldig am Aufruf zu Wahlen. Die »Integrationsideologie«, wie es Wolfgang Abendroth nannte, funktioniert heute besser denn je, sie übertüncht den materiellen Ausschluss. Daher mag auch die immerwährende Suche nach Anschluss rühren, der – wenn er durch den Ausschluss von Reflexion erkauft ist – nur der falsche sein kann. So wurden im pandemischen Ausnahmezustand alle Erkenntnisse von linker Sozialmedizin bis feministischer Ökonomiekritik über Bord geworfen und auch nicht wieder herausgefischt. Theorie hilft, Zusammenhänge und ihre Funktionsweisen zu verstehen – und vor allem auch die eigene Rolle in ihnen. Sie widersetzt sich der abstrakten, manipulierbaren Sprache. Vor allem aber zielt sie darauf, immer wieder aufs Neue die Konkretion kapitalistischer Totalität vom Standpunkt der ungelösten Widersprüche her zu fassen. Das ist entscheidend auch für eine Strategie, denn wie beim Schachspiel ist nicht jeder Zug möglich, aber es könnte doch einen geben, der die Partie wenden könnte. 

 

Moral 

Der spannungsgeladene Gegensatz von Theorie – dem gemeinsamen Versuch, die Welt zu erfassen – und Praxis – dem gemeinsamen Versuch, die Welt zu verändern – hat mit dem Moralismus ausgedient. Er ist die schlechte Aufhebung des Widerspruchs in der selbstgerechten Ersatzhandlung und das deutlichste Anzeichen, jenseits des Politischen zu sein. »Der Westen hat, und das ist ein so alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen. Moral, weil sie unter allen möglichen Standpunkten ausgerechnet den herzzerreißenden wählt, macht sich selber handlungsunfähig; deshalb ist sie so beliebt. Einen Vorgang moralisieren heißt, ihm seinen Inhalt nehmen«, so Ronald M. Schernikau. Meinungen und individuelle Entscheidungen werden zum unverhandelbaren Existenzial aufgeblasen, man verhält sich, wie es die kapitalistische Gesellschaft einem einbläut: als ungesellschaftliche Individuen. Marx warnte im Kapital, die Einzelnen für Verhältnisse verantwortlich zu machen, dessen Geschöpfe sie doch bleiben, selbst wenn sie sich subjektiv über sie erheben mögen. Heute wird das als Eigenleistung vorweggenommen, als gäbe es nicht die Gesellschaft als überindividuelle Vermittlung. Die innerkapitalistischen Widersprüche und sozialen Konflikte ad hoc mit moralistischen Großkampfvokabeln wie »solidarisch gegen unsolidarisch« oder »vernünftig gegen unvernünftig« zu interpretieren, verhindert sowohl, diese zu verstehen, als auch, in sie einzugreifen. Wer moralisiert, ist immer schon fertig mit der Sache und auf der richtigen Seite der Geschichte. Man bewegt sich auf dem Feld der Ersatzhandlung, das aber mit einem Furor, der einer universellen Moral, die sich nicht in starren Formeln und verdinglichten Etikettendenken erschöpft, fremd ist. Der Moralismus verdrängt und sabotiert zugleich ein tatsächliches linkes Ethos, das in dem Begehren nach befreiender Weltveränderung aneinander bindet und in dieser Bindung auch Bewegung und Widersprüche und die Unzulänglichkeit – die anderer, aber auch die eigene – zulässt. 

 

Kultur 

Die von Freud so benannte Leidenschaft des »Narzissmus der kleinsten Differenz« findet im Symbolischen ein weites Betätigungsfeld. Wenn ein Weltkonzern Richtlinien zu Inklusion und Diversität der eigens betriebenen Filmbranche veröffentlicht, findet das unter Linken jene Resonanz, die die Mitteilung desselben Konzern, auch in Militärtechnik zu investieren, dort eben nicht erhält. In diesem Missverhältnis drückt sich der Glaube aus, dass es auf die Repräsentation ankomme – der Kern der bürgerlichen Ideologie der Demokratie. Der Schein triumphiert über die Wirklichkeit und die Zugeständnisse im kulturellen Überbau kaschieren, was real verwehrt wird: an dieser Welt gestaltend teilzuhaben. »Das Paradox besteht darin, dass die Emanzipationsbewegungen gegen jede Form von symbolischer Herrschaft immerzu einer falschen Radikalität anheimfallen, die sie daran hindert, sich bei den Herrschenden jene Instrumente abzuholen, die für einen erfolgreichen Abschluss des Unterfangens der Befreiung unerlässlich wären«, schrieb Pierre Bourdieu. Als kürzlich bekannt wurde, dass Frauen bei den »Coronahilfen« benachteiligt wurden, wurde durch die Regierung mitgeteilt, dass Gleichstellungsaspekte im Voraus geprüft wurden – die Beschlussvorlage wurde gegendert. Während in der Kulturindustrie die Produktionsmacht immer weiter bei den Verfügenden zentralisiert wird, steht ein Heer von sensitivity readers bereit, die für reibungslose Distribution sorgen. Das Feld des Symbolischen zu dem der politischen Betätigung zu erklären, bringt einige Probleme mit sich: Ein Problem ist neben dem erwähnten Verzicht auf Politik auch ein Verlust von Wirklichkeit, weil Zeichen – das Material, mit dem wir im Bereich des Symbolischen zu tun haben – eben keine Handlungen sind, die Absicht sich nicht an eintretenden Folgen messen muss, sondern in der Selbstgenügsamkeit der radikalen Pose verharrt. Übergangen wird auch die zugrundeliegende Mehrdeutigkeit von Zeichen, die für die Kunst als Medium der Reflexion notwendig ist, im »Artivismus« aber nur stört. Folgerichtig werden Mehrdeutigkeiten entweder komplett ausgetrieben oder zur willkürlichen Setzung, was ungefähr die Spannbreite der kritischen Gegenwartskunst beschreibt. Das wiederholt nur, was sich objektiv vollzieht. Im Postfordismus ist die Produktion von Differenzen, die sofort wieder an Bedeutung verlieren, zum Antrieb einer ausbeutbaren Ökonomie des Genießens geworden. Es sind die Subjekte, die an diese kulturelle Produktion gebunden sind, die permanent gezwungen sind, dort ihre volle Befriedigung zu suchen, die freilich nicht zu finden ist. Weil es ihnen aber versprochen wird – und sie auch daran glauben (müssen) –, verwickeln sie sich in einen endlosen verschuldenden Kreislauf, in dem sie alles von sich hineingeben, um letztlich vollends unterworfen zu sein. Die Kulturlinke ist nicht nur das Symptom der Schwäche der politischen Linken, sie dient auch dazu, diese Schwäche aufrechtzuerhalten. Zudem findet damit ein Vorzeichenwechsel statt, von der Politik des Dissens hin zu einer der Anerkennung. Dass die Linke auf Analyse der Kulturindustrie und Kritik der libidinösen Ökonomie immer mehr verzichtet, sich gleichzeitig aber freut, dass inzwischen die neuesten Serienprodukte die eigenen kritischen Bedürfnisse mit berücksichtigen, rächt sich dann bitter. 

 

Widersprüche 

Kaum etwas ist für linke Kollektive schädlicher als die idealistische Vorstellung, man hätte es mit einem Verein von Leuten zu tun, die in ihren erklärten Grundsätzen immer und ausschließlich übereinstimmen. Der Wahrheit näher kommt ein »buntscheckiger Haufen« (Marx) von Leuten, die aus objektiven und subjektiven Gründen gar nicht anders können, als gegen die herrschende Gesellschaftsordnung zur Auflehnung getrieben zu werden (was für viele auch nur eine Lebensphase ist, in der man sich etwas austobt). »Die Regeln des Diskurses fortschrittlicher Kollektive sollten deppenoffener verfasst sein. Falsche Gedanken, Begriffe und Argumente sollten weniger stark verachtet sein. Blödsinn kann ja widerlegt werden, muss nicht über gebannte Begriffe ausgeschlossen werden. Hierarchien von Begriffen sollten in Bewegung bleiben«, heißt es bei Rainald Goetz. Allein die Einsicht, dass man selbst bloß Ausdruck der sich immer wieder erneuernden realen Zerrissenheit der Gesellschaft ist, könnte etwas »Deppenoffenheit« lehren, denn ein bisschen Depp ist schon jeder und jede, der oder die sich heute dem Ende des Kapitalismus und der Idee des Kommunismus verschreibt. Das Ideal wäre also nicht Widerspruchslosigkeit, sondern eine nicht auf Verdrängung, Ausschluss oder Ausmerzung basierende Bewegung von Widersprüchen, kurz Dialektik. Es geht nicht um Harmonie, die im Schlepptau schon immer die Aggression gegen jene hat, die sie vermeintlich stören. In der Hinsicht kann Spaltung durchaus sinnvoller sein als Konfusion. Eine politische Spaltung vollzieht sich im Bewusstsein der Widersprüche, sowohl jener, deren Ausdruck man gerade ist, als auch jener, die möglicherweise noch kommen werden. Wer jedenfalls etwas von dieser Dialektik im Politischen weiß, kann getrost auf die moralistischen Erledigungen verzichten, mit denen die Linke heute auf die Bewegung von Widersprüchen in sich reagiert, dagegen könnte man mit mehr Selbstbewusstsein, Lust und Neugier in Konflikte gehen, die »Abenteuer der Dialektik« suchend. Stattdessen wurde die politische Bildung zugunsten der Adaption von Szenecodes vernachlässigt und diffuses Gemeinschaftsgefühl an die Stelle gemeinsamen Lernens gestellt. Brecht mit seinen Lehrstücken wusste um die ungeheure Bedeutung, die das gemeinsame Lernen – nicht zu verwechseln mit der team building genannten Kollektivstrafe in der durchgecoachten Gesellschaft – für die kommunistische Weltbewegung hat: Wir müssen lernen und wir müssen uns bewegen, weil unser Sein nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft liegt, weil alle Wahrheit ein Werden ist. 

 

Kritik 

Die widersprüchliche Bewegung, um die es geht, ist die »wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt« (Marx), also eine negative Bewegung. Sie wendet sich gegen das herrschende »soziale Band«, das die Subjekte mit Kapital, Staat und Ideologie verknüpft. Die erste Aufgabe ist noch immer »die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden« (nochmal Marx), die real existierende Linke eingeschlossen, »rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten«. Die Formel von der »berechtigten Kritik« bezieht sich immer seltener auf den Gegenstand und immer öfter darauf, ob diese sozial erwünscht ist oder nicht. Doch eine radikale Linke ist immer sozial unerwünscht. Besser, man freundet sich damit an, als vor dem strengen Blick des »großen Anderen« der bürgerlichen Gesellschaft ein Schmierentheater aufzuführen wie das Kleinbürgertum der respektablen Familie, in der nur emotionale Kälte, Unterdrückung und Schwachsinn herrschen, und das auch noch, nachdem der Vater wegen sozialer Deklassierung abgedankt hat. Genügend Gegenstände für rücksichtslose Kritik gibt es allemal. Sich nicht vor den Resultaten der Kritik zu fürchten, vor der ungemilderten Einsicht in das Verhängnis, wäre jedenfalls angesichts des Verschmelzens der Linken mit der öffentlichen Meinung und den dort herrschenden Regeln die bessere Wahl. Nur – und das lässt sich aus den objektiven und subjektiven Voraussetzungen durchaus verstehen – fühlt sich das eben nicht so an, der Wunsch nach Schutz nimmt zu, je mehr man mitbekommt, was den Abweichlern getan wird, ebenso der Wunsch, das sei deren eigene Schuld und man selbst auf der richtigen Seite der Geschichte, auf der Seite der Vernunft. Doch diese hartnäckige Illusion, die Linke wäre eine Insel der Vernünftigen im tosenden Meer der Unvernunft, wird bloß vernünftelnd, also unvernünftig, wenn man die reale Dialektik der irrationalen Gesellschaft unberücksichtigt lässt. In einer »Zeitschrift gegen die Realität« ist es wahrscheinlich müßig, dies nochmals zu betonen: »Die dialektische Vernunft ist gegen die herrschende die Unvernunft: erst indem sie jene überführt und aufhebt, wird sie selber vernünftig« (Adorno). Die Aufgabe ist eine negative. Was dafür nötig ist, wird man immer wieder neu herausfinden müssen. Doch gerade das zu verhindern, die rücksichtslose Kritik und den Aufbruch, darüber wachen die »Miniwächter der Ordnung« penibel, die lieber weiter Narrativ-Ping-Pong spielen. Heute der negativen Mission die Treue zu halten, kann auch heißen, sich zu lösen. Was heute unter anderem die linke cancel culture als Symptom hervorbringt, ist tatsächlich eine Krise der Linken – Wirklichkeitsverlust als Diskurskontrolle – und gleichzeitig der Versuch, dieser nicht gewahr zu werden und daraus keinerlei Konsequenzen zu ziehen. Die Rechten, die mit ihren Tiraden über die linke cancel culture nur ihre eigene durchsetzen wollen, wird man mutmaßlich besser bekämpfen, sobald man beginnt, eine rücksichtslose Kritik zu betreiben und somit für die heutigen politischen Probleme ernsthafte Lösungen im großen Maßstab zu propagieren – und dafür auf Überzeugung statt Abschreckung zu setzen, auch untereinander. 

 

Jakob Hayner 

Der Autor lebt als Journalist in Berlin und schreibt für verschiedene Zeitungen, vor allem Feuilletonistisches. 2020 erschien sein Buch Warum Theater. Krise und Erneuerung bei Matthes & Seitz Berlin, das in der Phase 2.58 besprochen wurde.