Zwischen Leviathan und Behemoth

Über den Zusammenhang von Faschismus und Kommunismus

Mitte der dreißiger Jahre setzte Walter Benjamin der »Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt«, die Hoffnung entgegen, dass »Kommunismus« ihm antworte »mit der Politisierung der Kunst.« So wenig aber der Begriff des Faschismus noch fassen konnte, was in Deutschland sich schließlich durchsetzte, so wenig entsprach die Vorstellung von Kommunismus, die Benjamin als Antwort formulierte, dem »Sozialismus in einem Lande«, der in der Sowjetunion praktiziert wurde. Denn diese Vorstellung war bereits Erfahrungen abgetrotzt, die der Faschismusbegriff weiterhin verdrängte: Vernichtung als Totalität, die der Kritik für immer jede Berufung auf positive Totalität verbietet. Vermutlich im Sommer 1934 schreibt Benjamin an Werner Kraft: »Sie gestehen, den Kommunismus ›als Menschheitslösung‹ vor der Hand nicht annehmen zu wollen. Aber es handelt sich ja eben darum, durch die praktikablen Erkenntnisse desselben (des Kommunismus) die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen, ja überhaupt die unbescheidene Perspektive auf ›totale‹ Systeme aufzugeben, und den Versuch zumindest zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch seinen Tag antritt.«

Die Perspektive auf totale Systeme war es gerade, worin sich der Faschismus in seiner ursprünglichen Gestalt und der Sozialismus in einem Land glichen – sodass die Politisierung der Kunst doch nur wieder auf Ästhetisierung der Politik hinauslief. Soweit es um diese Gleichung geht, hat die Totalitarismustheorie ihr gutes Recht, auch wenn sie nicht weiterführt – im Unterschied zu Benjamins Rettung des Kommunismusbegriffs, die nebenbei das Wichtigste über den Faschismus lehrt: Was Faschismus ist, lässt sich nicht unabhängig davon erfassen, wie fern der Kommunismus rückte, wie groß der Bruch ist, der die Wendung zum Besseren verhindert. Er ist der äußere Ausdruck des inneren Abfalls von kommunistischer Befreiung, Niederschlag ihrer Negation durch die Linken. Mussolinis geistige Physiognomie ist die zwar niederträchtige, aber doch wahre Karikatur Lenins, skizziert am Ende des Ersten Weltkriegs und ausgemalt Anfang der zwanziger Jahre: Der Faschismus in Italien war Parallelaktion des Sozialismus in einem Lande. In dem Jahr, in dem Lenin starb, wurde die Sowjetunion vom faschistischen Italien, früher als von allen anderen westlichen Siegermächten, offiziell anerkannt. Ein Handelsabkommen zwischen beiden Staaten schloss sich an. Und nach dem Aufstieg Hitlers »hoffte Stalin, Italien als Hebel gegen Deutschland einsetzen zu können. Im Mai 1933 unterzeichnete man ein neues Wirtschaftsabkommen.« 1936, als die Sowjetunion längst ihre eigene Karikatur hervorgebracht hatte (der Duce bezeichnete Stalin auch einmal anerkennend als einen »Kryptofaschisten«), berief sich schließlich das Zentralkomitee der PCI unter Führung Togliattis auf die eigentliche Herkunft des Faschismus, richtete einen Appell an die »Fascisten der alten Garde« und die »Jungfascisten« und erklärte sich einverstanden mit dem faschistischen Programm von 1919, das sich dem Frieden, der Freiheit und der Verteidigung der Arbeiterinteressen verschrieben habe: »Wir sind bereit, mit Euch und dem ganzen italienischen Volk für die Verwirklichung des fascistischen Programms zu kämpfen.« Und die Kommunistische Partei Österreichs eröffnete zur selben Zeit mit ihrem Konzept der »österreichischen Nation« eine ähnliche Politik gegenüber den heimischen Faschisten, den sogenannten Austrofaschisten.

Faschismus heißt also das zur Gegenmacht, zum lebendigen Feind verselbstständigte Resultat dessen, was mit dem Kommunismus selbst geschehen war: statt Assoziation der Individuen Vergöttlichung der Kollektive, statt Freiheit Despotie, statt Weltrevolution Staat um jeden Preis. Die Massen auf den Souverän einzuschwören, war das gemeinsame Band zwischen Mussolinis und Lenins Politik, faschistischen und »kommunistischen« Avantgardisten. In dieser Gemeinsamkeit liegt begründet, warum Georges Sorel 1919 die vierte Auflage seiner Schrift Über die Gewalt Lenin widmete und der revolutionäre russische Maler und Kunsttheoretiker Malewitsch sich noch 1923 zu dem Faschisten und Futuristen Marinetti bekannte. Den Faschismus unterscheidet von diesem sich selbst negierenden Kommunismus auf den ersten Blick nur die Entschlossenheit, mit Marx zu brechen, aber von Marx war durch den Marxismus nichts mehr übrig geblieben als ein Missverständnis, das die Produktion betraf. Sie als Selbstzweck zu inthronisieren, dem alles zu opfern sei, insbesondere die Freiheit des Individuums – mit einem solchen Verständnis von Sozialismus ließ sich Staat machen: »Diktatur des Proletariats« als Diktatur über die Produktion. Das war der Schluß, den die bolschewistische Partei nach der »1. Weltkriegskrise« (Heinz Langerhans) aus der Kritik der politischen Ökonomie zog. Aber das hieß nichts anderes als Verwertung des Werts ohne Privateigentum, oder genauer: durch ein einziges Privateigentum, das dem Staat gehört und mit dem er am Weltmarkt partizipiert, als wäre er ein Konzern.

Die Faschisten zogen den anderen Schluss aus dem »speziellen Werk einer jeden Krise«, wie Langerhans die »Vernichtung von nicht verwertbarem Wert« im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg und in Vorausschau auf den Zweiten begriff. Während die Staatskommunisten eine krisenfreie Produktion durch den Souverän als dem einzigen Unternehmer der Gesellschaft anstrebten und die politische Gewalt unmittelbar im Dienst dieser Produktion handhabten, da sich mit diesem Unternehmer eben kein Vertrag abschließen ließ, verliehen die Faschisten der Gewalt denselben Stellenwert wie der Produktion, als wollten sie den Weltkrieg verewigen, in dem, wie Langerhans sagt, »Vernichtung Gegenstand einer über das eigne Maß hinaus gesteigerten Produktion« geworden ist.

So stellt der Faschismus die ganze Wahrheit über die Halbheit des Staatskommunismus dar: Was es bedeutet, wenn der Staat die Produktion um jeden Preis gegen das »Minimum der Freiheit« (Franz Neumann) des einzelnen Bürgers vorantreibt – daraus macht er eine eigene Ideologie. Nach ihr ist nicht nur die Produktion, sondern ebenso die Gewalt der Selbstzweck, und um Letzterem Rechnung zu tragen, wird auch wieder das Privateigentum in seiner üblichen Gestalt salonfähig, wenn nur das Individuum dadurch keine Chancen zu Emanzipation erhält. Es soll sich selbst opfern für die Gemeinschaft, die in einem Fall durch die Produktion, im anderen durch den Krieg bestimmt wird. »Die Stunde des Opfers hat für alle geschlagen. Wer nicht sein Blut gegeben hat, wird sein Geld geben.« Für die Linken ist der Arbeiter, der sich zu Tode rackert, das Ideal; für die Rechten der Soldat, der fürs Vaterland fällt und möglichst viele Feinde mit in den Tod reißt. Am wichtigsten ist, dass es zu Grunde geht und darin seine Selbstbestimmung findet.

Es ist nur logisch, dass Georges Sorel – mit seiner Verherrlichung der Gewalt vielleicht die wichtigste Inspirationsquelle der Faschisten – Hobbes verabscheute. Denn der Autor des Leviathan war in seiner Bewertung der Gewalt in einem bestimmten Sinn vom Individuum ausgegangen: davon nämlich, dass es der Zweck des Staates sei, den einzelnen zu schützen und dessen Leben zu erhalten; ja dass dieser Einzelne nicht darauf verpflichtet werden kann, für den Staat sich zu opfern.

Stato totalitario oder totaler Feind

Der Faschismus, so Benjamin, »betreibt die hemmungslose Übertragung der Thesen des l'art pour l'art auf den Krieg.« L'art pour l'art bedeutet in der Politik nicht zuletzt Gewalt um ihrer selbst willen. Wenn es hier aber heißt, der Faschismus übertrage diese Kunstanschauung auf den Krieg, so ist das auch ein Hinweis, dass darin gerade an der Einheit des Staats festgehalten wird. Sie ist es, die sich im Krieg zu bewähren hat, einem Krieg, der durchaus noch im Sinn des 18. und 19. Jahrhunderts verstanden und geführt wird: mit klaren Kriegszielen und traditionell strukturierter militärischer Ordnung. Der Faschismus betrieb wirklich eine Militarisierung der Gesellschaft, und darin erscheint er altmodisch gegenüber dem Nationalsozialismus, für den diese Militarisierung nur der Weg war, die Einheit des Gewaltmonopols aufzulösen.

»Für den Faschismus«, so Mussolini, „ist der Staat ein Unbedingtes, vor dem Einzelmenschen und Gruppen das Bedingte sind.« Giovanni Gentile führte diese »Lehre des Faschismus« systematischer aus und beseitigte die vielen Ungereimtheiten, die sich zwischen anarchistischen, sozialistischen und nationalistischen Elementen in Mussolinis Entwicklung und Marinettis ursprünglichem Manifest ergaben, indem er kurzerhand den Staat als das eigentliche Individuum, nämlich das von allen zufälligen Unterschieden befreite Individuum, definierte. So standen sich also in faschistischer Sicht die Staaten wie Individuen gegenüber, in denen die wirklichen Individuen vollständig aufgehen mussten. Auch darin wurde eigentlich nur die anthropologische Konsequenz aus der staatskommunistischen »Kriegsmaschine« gezogen, die den Souverän als singulären Kapitalisten generiert hat, der Verträge eben nur mit anderen Kapitalisten, aber nicht mit seinen Arbeitern schließt.

Hier wäre auch der Ursprung der verschiedenen zivilisatorisch erscheinenden »Errungenschaften« zu verorten, mit denen der Faschismus etwa in Italien aufwarten konnte, soweit er die Produktivität und Modernisierung des Landes vorantrieb. Sie unterschieden sich zunächst nicht so sehr von den entsprechenden Maßnahmen im Zuge des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion und konnten aufgeklärte Intellektuelle wie Benedetto Croce und Luigi Pirandello durchaus beeindrucken. Sigmund Freud schickte Mussolini 1933 sogar seinen als Buch unter dem Titel Warum Krieg? erschienenen Briefwechsel mit Einstein – mit der persönlichen Widmung: »Von einem alten Mann, der im Diktator den Kulturheros erkennt«; und Franklin D. Roosevelt betrachtete Mussolini insbesondere im ersten Jahr seiner Amtszeit als Freund der USA und wichtigen Verbündeten in Europa. Was solche distanzierten Freunde des Faschismus nicht erkennen konnten oder wollten: dass alle Modernisierung auf Kosten des »Minimums an Freiheit« ging, das eine bürgerliche Gesellschaft den Individuen als Individuen zugesteht. Der Faschismus gesteht es ihnen – etwa gegenüber der Religion oder den überkommenen feudalen Produktionsformen – nur als Teil der Masse zu, die er im Geist der Einheit des Staats formiert, und schafft dafür neue, quasi-religiöse und quasi-feudale Bewusstseinsformen und Abhängigkeitsverhältnisse.

Vor allem unmittelbar nach 1933 erschien Mussolinis Staat für nicht wenige vom Nationalsozialismus Verfolgte geradezu als Bastion gegen den NS-Staat – so wie für andere, die zur »Volksfront« tendierten, die Stalinsche Sowjetunion. Man hatte nicht vergessen, dass Italien auf der Seite der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten war und dass aus diesem Krieg gegen Deutschland und die Habsburgermonarchie die faschistische Bewegung überhaupt entstand. Der Antisemitismus des italienischen Faschismus war, bis Deutschland Einfluss gewann und als Hegemon die Politik auch in diesem Land bestimmte, ungefähr dem der frühen sowjetischen Herrschaft vergleichbar. So war es für Juden durchaus möglich, in der faschistischen Partei Karriere zu machen.

Im Mai 1933 schrieb Leo Strauss aus Paris an Karl Löwith: »Daraus, dass das rechts-gewordene Deutschland uns nicht toleriert, folgt schlechterdings nichts gegen die rechten Prinzipien. Im Gegenteil: nur von den rechten Prinzipien aus, von den fascistischen, autoritären, imperialen Prinzipien aus, läßt sich mit Anstand, ohne den lächerlichen und jämmerlichen Appell an die droits imprescriptibles de l'homme [unverlierbaren Rechte des Menschen], gegen das meskine [durchschnittliche] Unwesen protestieren.« Der Hobbes-Kenner Strauss konnte, ähnlich wie zur selben Zeit Freud, nicht wahrhaben, dass jene faschistischen Prinzipien einen Staat kennzeichnen, der, mit Hobbes gesprochen, nicht der bessere Leviathan ist, sondern weder Leviathan noch Behemoth; einen Souverän, der irgendwo zwischen beiden angesiedelt ist, und zwar als der nach beiden Seiten hin Schwächere. Der Faschismus lässt sich am besten durch seine Unterlegenheit bestimmen, die er mit all seinem propagandistischen Brimborium zu übertönen suchte: dadurch, dass er nicht bestehen kann, sowohl gegenüber Leviathan als auch Behemoth, sowohl gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Vermittlungsformen als auch gegenüber einem »Unstaat« (Neumann) wie dem Nationalsozialismus, sobald der seinen totalisierenden Vernichtungsfeldzug beginnt.

Totalität kennt der Faschismus überhaupt nur als Attribut für den Staat – aber als solches hat er dem Wort zur großen Karriere verholfen. Er selbst wollte total sein in den Grenzen der Nation, was die Perspektive auf koloniale Eroberung einschloss; aspirierte aber nicht auf die Weltherrschaft, oder wenn, dann wie der italienische Faschismus absurderweise mit dem Muster des römischen Imperiums. Charakteristisch darum, dass Mussolini Außenpolitik »mittels des normalen Systems von Karrierediplomaten« betrieb, »anders als Hitler schuf er keine eigenständigen Parteidienststellen für auswärtige Politik.« Von den Umrissen der Nation aus wurde auch die Bevölkerung anderer Länder nach »Rassen« kategorisiert, je nach dem Stellenwert, den sie als Arbeitskräfte oder Konkurrenten für den eigenen Staat haben können.

Die »totale Mobilmachung« aber war kein Marsch auf Rom. Als Ernst Jünger das Epitheton aufgriff und in Deutschland heimisch machte, gewann es einen anderen Sinn, den wiederum Benjamin bereits 1930, in seiner Rezension von Jüngers Schrift, erahnte. Die Kräfte, die Jünger repräsentiere, machten eben jenes »Versagen der Staatsmacht«, das sie selbst als Teufel an die Wand malten, zu ihrer eigenen Sache: »Die Formationen, die bei Kriegsende zwitterhaft zwischen ordensartigen Kameradschaften und regulären Vertretungen der Staatsmacht standen, konsolidierten sich baldigst als unabhängige staatslose Landsknechtshaufen, und die Finanzkapitäne der Inflation, denen der Staat als Garant ihres Besitzes fraglich zu werden begann, haben das Angebot solcher Haufen, die durch Vermittlung privater Stellen oder der Reichswehr jederzeit greifbar wie Reis oder Kohlrüben anrollen konnten, zu schätzen gewußt. Noch die vorliegende Schrift ähnelt dem ideologisch phrasierten Werbeprospekt eines neuen Typus von Söldnern oder besser Kondottieren.« In dem Bild solcher Haufen (Kondottieren ist eine Anspielung auf die Söldner- und Bandenführer des Frühkapitalismus), in einem derartigen Bürgerkriegsszenario, wie es Benjamin hier Jüngers Schriften entnimmt, zeichnet sich schon das Dritte Reich ab, und es verwundert nicht, dass in diesem Reich die Bezeichnung totaler Staat (die der Carl-Schmitt-Schüler Ernst Forsthoff ins Spiel gebracht hatte) umstritten sein musste. Dem Nationalsozialismus, so Roland Freisler, sei die Betrachtung des Staates »als eines Lebewesens für sich« völlig fremd; damit würde, wie Alfred Rosenberg im Völkischen Beobachter schrieb, »nach und nach […) wieder der Begriff des Staates an sich ins Zentrum rücken«, es sollte aber immer von der »Ganzheit« der nationalsozialistischen Weltanschauung und Bewegung ausgegangen werden. Diese Ganzheit konnte der Faschismus in seiner bisherigen Form nicht bieten, denn sie war nichts anderes als das Ziel, die Juden zu vernichten.

Der faschistische Staat kann darum auch nicht als bloße Vorstufe des nationalsozialistischen Unstaats verstanden werden. Sieht man von den rasch wechselnden Regierungen kurz vor 1933 ab, die aber an den Strukturen der Weimarer Demokratie kaum etwas änderten, entwickelte sich der Nationalsozialismus direkt aus dieser Demokratie, die Strauss als eine »ohne das Schwert« charakterisierte und in der Benjamin nach Lektüre von Jüngers Totaler Mobilmachung bereits gewisse Konturen des Behemoth wahrnehmen konnte. Jünger selbst schrieb, »der Faschismus« sei »unzweifelhaft nichts als ein später Zustand des Liberalismus, ein vereinfachtes und abgekürztes Verfahren«; für Deutschland aber sei er »ebensowenig wie der Bolschewismus gemacht«, man dürfe »von diesem Lande schon hoffen, daß es einer eigenen und strengeren Lösung fähig ist.« Im Unterschied zu Faschismus und Liberalismus ginge es um »einen neuen Blick«, der »nicht durch die Abstraktion, sondern durch das Eigentümliche in die Tiefe einzudringen sucht. Obwohl sich diese Haltung, die neue deutsche Haltung schlechthin, mit dem Zivilisationsjuden gar nicht zu beschäftigen braucht, wird sie ihn mit Sicherheit bei jedem ihrer Schritte als einen Gegner antreffen, der sich unmittelbar durch sie gefährdet sieht. Denn am Ende dieses Willens steht die Gestalt des Deutschen Reiches als einer auf ihren eigentümlichen Wurzeln ruhenden Macht. Wo in Wahrheit die deutschen Grenzen liegen, was deutsche Literatur, deutsche Geschichte, deutsche Wissenschaft, deutsche Psychologie eigentlich ist, was der Krieg, die Arbeit, der Traum, die Kunst für uns bedeuten: daß dies und noch viel mehr gesehen und erkannt und also wirksam wird, das ist die einzige Gefahr, die den Zivilisationsjuden droht.« Diese Grenzen nämlich gibt es gar nicht, es sei denn, die Juden sind endgültig vernichtet.

Darin ist zuletzt der Grund zu sehen, warum Franz Neumann seine wichtigsten Erkenntnisse über den Nationalsozialismus aus dessen Gegensatz zum italienischen Faschismus gewinnen konnte, auch wenn ihm selber dieser Grund zunächst ganz verborgen blieb. Die »äußerste Formlosigkeit«, die er am NS-Staat wahrnahm, sah er in deutlichem Kontrast zum italienischen Faschismus. Wenn dieses Dritte Reich propagandistisch auch vielfach die faschistischen Vorstellungen vom Staat zur Selbstdarstellung übernahm, realisierte es doch mehr und mehr ihr genaues Gegenteil. Unter der Herrschaft Mussolinis war die faschistische Partei »ein untergeordneter Teil des Staates, eine Institution innerhalb des Staates«; und auch darin erinnert sie durchaus an die leninistische bzw. stalinistische Staatspartei. Neumann griff eben gerade auf Hobbes und dessen Bezeichnung für den Banden- und Bürgerkrieg zurück, weil er es – in bewusster Abgrenzung von der Linken, selbst von Horkheimer – vermeiden wollte, im Fall des Nationalsozialismus vom Faschismus zu sprechen, er suchte förmlich nach einem Gegenbegriff aus einer ganz anderen Sphäre und einem anderen Zeitalter und fand ihn nur bei Hobbes.

Trotz seiner grundstürzenden Erkenntnisse bleibt aber die Analyse des Behemoth, soweit sie die Ökonomie des Unstaats darstellen möchte, doch der Faschismustheorie verhaftet. Nationalsozialismus wird wie Faschismus als eine auf die Unterdrückung der Arbeiterklasse ausgerichtete Strategie betrachtet, und tatsächlich konnte hier wie dort die formal freie Verfügung über die Arbeitskraft beseitigt und die Lohnarbeit kraft staatlicher Zwangsregelungen wie eine einzige gesellschaftliche Arbeitskraft betrachtet und eingesetzt werden. Aber als neue Form der Versklavung des Proletariats verstanden, wird die Identifikation mit der Volksgemeinschaft, die den Einzelnen als Teil der kollektiven Arbeitskraft nicht nur freiwillig, sondern mit dem größten Engagement handeln ließ, ausgeblendet – und damit auch der Punkt, an dem sich die Wege von italienischem und deutschem Faschismus wieder trennten: im Untergang. Mussolini konnte vom Großen Faschistischen Rat zum Rücktritt gezwungen werden, weil jene Identifikation unter dem Druck der militärischen Niederlagen auseinandergebrochen war. Ihr fehlte im Faschismus das entscheidende Moment, das dem Nationalsozialismus den totalen Krieg bis hin zur Selbstzerstörung ermöglichte. Erst in einer Bemerkung der zweiten Auflage von 1944 konnte Neumann etwas wie eine »kollektive Schuld« erkennen, die sich aus der Teilnahme immer breiterer Schichten an der Verfolgung der Juden ergab.

Das ist fast schon die Antwort auf die Frage, die Neumann sonst offen lässt: die Frage, welche Kräfte die nationalsozialistische Gesellschaft zusammenhalten, obwohl ihr innerstes Gesetz doch der Zerfall war; wodurch dieses Gebilde, das als Staat gar nicht mehr bezeichnet werden konnte, doch zusammenhielt, als wäre es ein Staat. Die totale Mobilmachung brauchte im Unterschied zum totalen Staat den totalen Feind. Sie musste von Anfang an die Weltverschwörung des Judentums als den bereits herrschenden Weltsouverän imaginieren, um in Gang zu kommen. Richtig und sinnvoll sei es allein, so Carl Schmitt 1937, wenn »eine vorherbestehende, unabänderliche, echte und totale Feindschaft zu dem Gottesurteil eines totalen Krieges führt.«

Islamofascism

Wenn Faschismus als eine politische Form bestimmt werden kann, die der Einheit des Staats Rechnung trägt, heißt das: Faschismus beruht auf Grenzen, setzt Grenzen und hält Grenzen ein. So gesehen sind der Nationalsozialismus und der Djihadismus grenzenloser Faschismus. Anders als der italienische und der spanische Faschismus gehen die nationalsozialistische wie die djihadistische Bewegung von vornherein aus von der Weltverschwörung des Judentums, sie sind im Grunde nur die politisch-praktische, »positive« Umsetzung der Protokolle der Weisen von Zion. Diese größte, am inständigsten geglaubte Lüge aller Zeiten in die politische Tat umzusetzen, ist es aber nötig, die jeweiligen regionalen und nationalen Voraussetzungen zu berücksichtigen – und hier unterscheiden sich folgerecht die Bewegungen ganz deutlich. Wobei es in beiden Fällen darum ging, aus der Tradition jene Elemente herauszufiltern, die es erlauben, aufs Ganze zu gehen: Bei den Deutschen war das die Vorsehung des Führers und der Glaube an die Dominanz der arischen Rasse; bei den Muslimen ist es die politisch-theologische Vorstellung der umma und die Lehre vom »Haus des Krieges«.

Zugleich bedeutet diese Totalisierung nach außen die Desintegration des Staats nach innen: Nationalsozialismus wie Djihadismus betreiben auf ganz unterschiedliche Weise die Auflösung des Gewaltmonopols und Zerschlagung des Staats in ein Konglomerat von Banden, die sich jeweils ad hoc arrangieren und die Existenz eines einheitlichen politischen Gebildes nur noch vortäuschen.

Um die Totalisierung zu fassen, spricht Norman Podhoretz auch von World War IV, die nun nach dem Zweiten Weltkrieg, der den Nazis, und dem dritten, der den Sowjets galt, gegen die Islamofaschisten zu führen sei. Allerdings ist das mehr als nur ein Aufwärmen der Totalitarismustheorie, insofern Podhoretz – in Anlehnung an Bernhard Lewis' Studien – eine Entwicklung wahrnehmen kann: »the influence first of Nazism and then of Soviet Communism had everything to do with the emergence of Islamofascism as a political force.« Streng genommen stellt die Politik der Sowjetunion so etwas wie den missing link im Übergang von der nationalsozialistischen zur djihadistischen Bewegung dar. Sie konnte diese verheerende Vermittlung nur übernehmen, sofern sie selbst den Kommunismus begraben hatte im Sozialismus in einem Land – zugleich aber an der Universalisierung, die doch im kommunistischen Ziel der Weltrevolution liegt, festhielt: Statt die staatenlose Welt zu verwirklichen, betrieb sie die weltweite Verbreitung des Sozialismus in einem Land. Statt Weltrevolution hieß das Ziel Sozialismus in allen Staaten. So wurden aber überall nur die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Stalin sich kopieren ließ: nicht nur in Gestalt von Mao, Tito, Hodscher, Pol Pot, Kim Il Sung usw., sondern eben auch in der von Nasser, Assad, Saddam Hussein, Gaddafi etc., bei denen immer auch eine andere Kopiervorlage aus der Zeit vor 1945 deutlich durchscheint. Diese Länder nahmen für die Entstehung des Djihadismus ungefähr die Funktion ein, die der italienische Faschismus für das Naziregime besessen hatte. Darüber hinaus aber waren sie ihrerseits direkt geprägt worden durch den Unstaat des Nationalsozialismus. Auf solchen Voraussetzungen gründend kann sich heute der Islamofaschismus, vom Iran bis Syrien, vom Gazastreifen bis zu französischen Banlieus als die große Synthese all dessen anbieten, was an politischen Verbrechen möglich geworden ist. Inwieweit dieses Angebot angenommen wird, kann nur die einzelne Analyse zeigen.

GERHARD SCHEIT.

Der Autor veröffentlichte verschiedener Bücher zum Antisemitismus und ist Mitglied der Wiener Gruppe Café Critique.

Fußnoten

  1. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [1935], Gesammelte Schriften, Bd. I/2, Frankfurt a.M. 1981, 508.
  2. Brief an Werner Kraft [vom Ende Juli 1934?]. Walter Benjamin, Briefe, Hg. v. Gershom Scholem u. Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1978, 616.
  3. Stanley Payne, Geschichte des Faschismus, Wien 2006, 285.
  4. Benito Mussolini, Opera omnia, Hg. v. Edoardo u. Duilio Susmel, Bd. 29, Florenz 1951-63. Zit. n. Payne, Geschichte des Faschismus, 286
  5. Palmiro Togilatti, Per la salvezza dell 'Italia riconciliazione del popolo italiano! in: Lo Stato operaio (Paris), Nr. 8, August 1936; vgl. ders.: Appel aux fascistes. Paris 1983; sowie: Rundschau. Organ der kommunistischen Internationale (Basel), Nr. 30, 2. 7. 1936; u. Nr. 37, 20. 8. 1936; Georg Scheuer, Genosse Mussolini. Wurzeln und Wege des Ur-Fascismus, Wien 1985, 96.
  6. Heinz Langerhans, Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution [1934], in: Karl Korsch, Krise des Marxismus, Schriften 1928-1935, Hg. v. Michael Buckmiller, Amsterdam 1996, 769.
  7. Ebd.
  8. Vgl. hierzu Zeev Sternhell u.a. (Hrsg.), Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg 1999, 286.
  9. Wie genau Mussolini die Lenin'sche Politik, gerade auch in der Phase der NEP, beobachtet hat, siehe Scheuer, Genosse Mussolini, XIV.
  10. Benito Mussolini, Per l'espropriazione del capitale, in: Il Popolo d 'Italia vom 10. 6. 1919; zit. n. Sternhell, Die Entstehung der faschistischen Ideologie, 279.
  11. Vgl. hierzu die Polemik von Sorel gegen Renan und die Auffassungen, die Sorel dem „jüdischen Denken " zuschreibt: Georges Sorel, Über die Gewalt [1906], Frankfurt am Main 1981, 33f.
  12. Walter Benjamin, Theorien des deutschen Faschismus, Gesammelte Schriften, Bd. III, 240.
  13. Benito Mussolini, Die Lehre des Faschismus [1932], Rom o. J. (1940), 50.
  14. »Wir wollen den Krieg verherrlichen – die einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörerische Tat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.« Zit. n. Sternhell, Die Entstehung der faschistischen Ideologie, 19.
  15. Giovanni Gentile, Che cosa é il fascismo, Firenze 1924, 35.
  16. Von 1922 bis 1939 wuchs die Wirtschaft mehr als doppelt so schnell wie die Bevölkerung, das jährliche Wachstum in der verarbeitenden Industrie lag bei 4 Prozent, Mitte der dreißiger Jahre überstieg der Wert der Industrieproduktion den der Landwirtschaft.
  17. Vgl. Ernest Jones, Sigmund Freud. Leben und Werk, München 1984, 3. Bd., 216.
  18. Führende Katholiken waren etwa in Italien über die religiösen Toleranzgesetze von 1931/32 erzürnt, durch die Protestanten und Juden größere Freiheiten erhielten als sie je unter dem Liberalismus hatten und nach '45 unter den Christdemokraten haben sollten; vgl. Payne, Geschichte des Faschismus, 270.
  19. Fünf der 191 Gründungspersonen (sansepolcristi) kamen aus dem Judentum; Mussolini wurde öffentlich vom Hauptrabbiner in Rom gesegnet; 1938 hatte die Partei 10215 erwachsene jüdische Mitglieder (vgl. Payne, Geschichte des Faschismus, 297). Zu diesem Zeitpunkt war allerdings die faschistische Politik längst umgeschwenkt und richtete sich nun immer offensiver gegen die Juden.
  20. Leo Strauss, Briefe, Gesammelte Werke, Bd. 3, Stuttgart/Weimar 2001, 625.
  21. Payne, Geschichte des Faschismus, 282.
  22. Benjamin, Theorien des deutschen Faschismus, 248. Der Essay Jüngers über die »Die Totale Mobilmachung« erschien 1930 in dem von ihm selbst herausgegeben Band Krieg und Krieger, den Benjamin rezensierte.
  23. Roland Freisler, Totaler Staat? Nationalsozialistischer Staat! in: Deutsche Justiz 1934, 43f.; vgl. hierzu Die deutsche Staatsrechtslehre in der Zeit des Nationalsozialismus, Hg. v. Horst Dreier u.a. Berlin 2001, 80f.
  24. Alfred Rosenberg, Totaler Staat? In: Völkischer Beobachter, 9.1.1934.
  25. Ernst Jünger, Über Nationalismus und Judenfrage, in: Süddeutsche Monatshefte 27/Oktober 1929-September 1930, 844f.; sowie in: Ernst Jünger, Politische Publizistik 1919 bis 1933, hg. v. Sven Olaf Berggötz, Stuttgart 2001, 590f.
  26. Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Frankfurt a.M. 1998, 105.
  27. Ebd., 583.
  28. Carl Schmitt, Totaler Feind, totaler Krieg, totaler Staat [1937]. in: ders., Frieden oder Pazifismus. Arbeiten zum Völkerrecht und zur internationalen Politik, hg. v. Günter Maschke, Berlin 2005, 485.
  29. Norman Podhoretz, World War IV: the long struggle against Islamofascism. New York 2007, 6.