Wie emanzipatorisch können Psychologie und Psychotherapie sein?

Eine Replik auf Christina Kaindls Artikel »Fit für den Markt?«

In der letzten Ausgabe der Phase 2 erschien Christina Kaindls Artikel »Fit für den Markt? Psychologie und Therapie in Zeiten der Selbst-Aktivierung«, in dem sie dem kritischen Potential von Psychotherapie und Psychologie unter kapitalistischen Verhältnissen nachgeht und zu einem eher ernüchternden Fazit gelangt. Kaindl kritisiert den in jüngerer Zeit zunehmenden Trend eines Psychomarktes und psychologische Interventionen in Form von Selbst-Aktivierungsprogrammen im Sinne des neurolinguistischen Programmierens (NLP).

Auch wenn ich mich der Kritik dieser Phänomene grundsätzlich anschließe, so denke ich doch, dass Kaindl es sich zu einfach macht, wenn sie sich gerade die schwächsten und kritikwürdigsten Ausformungen psychologischer Praxis heraussucht, um diese dann zu demontieren. Viel schwieriger wird es, wenn man sich mit einer Theorie und Praxis einlässt, die die Potenz zu beidem hat: »Befriedungsverbrechen« zu sein, wie Kaindl in Anlehnung an Basaglia hervorhebt, aber eben auch Theorie und Methode zur Linderung menschlichen Leids. Die Felder der Psychologie und Psychotherapie müssten meines Erachtens zunächst genauer bestimmt werden, bevor an die Demontage derselben gegangen wird. Und hier würde ich auch meinen ersten Kritikpunkt an Kaindl verorten: nämlich an der mangelnden Unterscheidung zwischen Psychologie und Psychotherapie. Ob ich über die Potenz einer Theorie oder die Grenzen und Möglichkeiten einer praktischen Behandlungsmethode spreche, sind zwei verschiedene Dinge, die Kaindl aber diskutiert, als würde es sich dabei um dasselbe handeln.

Ähnliches gilt auch für die Felder der Psychologie und der Psychotherapie selbst, die jeweils in sich äußerst heterogen sind. Was bei der Psychotherapie noch recht überschaubar ist, seit der Begriff der psychologischen Psychotherapeutin gesetzlich geschützt ist und sich weitestgehend auf die Anwendung der drei kassenärztlich anerkannten Verfahren beschränkt, sieht bei der Psychologie schon anders aus: Es ist kaum möglich, zu definieren, was eigentlich unter der Psychologie heutzutage verstanden werden kann und wer das Definitionsrecht für diese Zuschreibung besitzen soll. Ein Vergleich des Lehrangebots an verschiedenen Universitäten zeigt, dass Psychologie als reine Naturwissenschaft, statistisch-mathematisches Anwendungsfach, als empirisch arbeitende Sozialwissenschaft oder sogar mit einem geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt studiert und gelehrt werden kann (oder zumindest konnte). Auch die Lehrbücher über das Studienfach Psychologie zeugen davon, dass sich die Psychologie primär durch eines auszeichnet: Heterogenität und Vielfalt. Die einzelnen »Fächer« der Psychologie wie die »Klinische Psychologie«, die »Pädagogische Psychologie« oder die »Arbeits- und Organisationspsychologie« verweisen auf so differente Arbeitsbereiche, dass sie von (sehr gut bezahlter) Unternehmensberatung oder Personalmanagement in der Leitung eines Unternehmens bis hin zu einer (schlecht bezahlten und/oder halb ehrenamtlich arbeitenden) Beratung von Überfallopfern rechter Gewalt reichen können. Die Frage nach dem emanzipatorischen Gehalt der Psychologie oder des psychologischen Berufsfeldes kann somit gar nicht einheitlich beantwortet werden.

Dennoch gibt es eine – von Kaindl leider mit keiner Silbe erwähnte – längere Tradition kritischer Gesellschaftstheorie, die sich explizit auf bestimmte psychologische, allen voran psychoanalytische Theorien, bezieht. Hier ist in erster Linie das Frankfurter Institut für Sozialforschung zu nennen, das in den zwanziger und dreißiger Jahren für ihr Projekt der Neuformulierung einer kritischen Theorie der Gesellschaft auf Methoden und Theorien der analytischen Sozialpsychologie und Psychoanalyse zurückgegriffen hat. Für die Theoriebildung der Frankfurter Schule, die sich nach dem Krieg nicht mehr mit Fragen der ausgebliebenen Revolution, sondern mit einer »Theorie der ausgebliebenen Zivilisation« beschäftigte, war die Psychoanalyse ebenfalls zentral. Auch die von Klaus Horn und Alfred Lorenzer Ende der sechziger Jahre formulierte »Kritische Theorie des Subjekts« gehört in diese Aufzählung. Leider ist sie, wie die Psychoanalyse allgemein, heute nur noch höchst selten Gegenstand universitärer Lehre. Der Psychoanalyse wird von Seiten der »Mainstream-Psychologie« nicht selten sogar Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Auch die von Kaindl bevorzugte »Kritische Psychologie« nach Klaus Holzkamp hat ihren Kampf um institutionelle Absicherung schon so gut wie verloren. Kaindls Beklagen, dass kritische psychologische Ansätze eher auf dem Rückzug, denn auf dem Vormarsch seien, muss also grundsätzlich zugestimmt werden. Dennoch gab und gibt es diese kritischen Strömungen innerhalb der Psychologie. Aus diesem Grund fällt es auch schwer, Kaindls Kritik, die Psychologie verfüge nicht über Begriffe und das praktische Wissen, mit denen gesellschaftliche Anforderungen als solche gedacht werden können, vorbehaltlos zu unterschreiben. Dieses Wissen und auch die Begrifflichkeiten existieren bereits und müssen nicht erst erfunden werden. Ob sie gelehrt werden dürfen und in der Praxis zur Anwendung kommen, ist allerdings eine Frage der Hegemonie.

Sollte es einen denn wirklich verwundern, dass es im Kapitalismus Tendenzen gibt, auf ein bestimmtes, nämlich für Produktionsabläufe verwertbares und anwendbares Wissen zurückzugreifen, um diese Abläufe zu optimieren? Warum sollte sich die Erkenntnis, dass motivierte Arbeitskräfte, die sich mit dem eigenen Unternehmen identifizieren, bessere Arbeitsleistungen erbringen als geknechtete und unzufriedene ArbeiterInnen, nicht in der Art etablieren, dass sich Firmen für diese Optimierungsgestaltungen PersonalberaterInnen und Coachs in die eigenen Reihen holen? Und natürlich versuchen diese, die Mitarbeitenden »fit« für den Markt und die Konkurrenz zu machen, das ist schließlich ihre Aufgabe. Konsequent auch, dass der »Psychojargon« mittlerweile Einzug in Markt und Werbung gehalten hat, dies war nur eine Frage der Zeit. So funktioniert Marktwirtschaft. Der Aspekt, dass menschliches Wohlbefinden heute mehr und mehr zur Ware wird, von der suggeriert wird, dass man sie in Selbsterfahrungsgruppen, Relaxing-Programmen oder esoterischen Selbstfindungstrips käuflich erwerben kann, gehört ebenfalls zu dieser Logik. Aber das Brandmarken dieser Entwicklungen, wenn auch im Kern richtig, ist ein bisschen so, als würde man beklagen, dass es Kaufhäuser und Geschäfte gibt, die versuchen, ihre Produkte »an den Mann oder die Frau« zu bringen. In jeder Berufssparte dürfte es Tätigkeiten geben, die mehr oder weniger systemstützend wirken, die einen eher emanzipativen oder ideologischen Charakter haben.

Problematisch wird es aber dann, wenn die Tätigkeiten von Coachs, PersonalberaterInnen oder TrainerInnen mit dem gleichgesetzt werden, was unter dem Begriff Psychotherapie eigentlich eine ganz andere Praxis bezeichnet.

Die Frage des emanzipatorischen Gehalts von Psychotherapie ist eine spannende Frage, die in linken Zusammenhängen immer mal wieder diskutiert wird. Die Grundfrage ist dabei die, ob, überspitzt formuliert, Psychotherapie den PatientInnen ihr revolutionäres Potential raubt und sie – einer Gehirnwäsche gleich – (wieder) zu angepassten und funktionierenden Subjekten formt oder ob sie im Gegenteil menschliches Leid verringern und helfen kann, den individuellen Glücksansprüchen ein Stück näher zu kommen.

Die klarste Trennung zwischen der Psychologie als (psychoanalytischer) Theorie und ihrer praktischen Anwendung hat wohl Adorno gezogen, der zugleich auch als der schärfste Kritiker der psychoanalytischen Praxis gelten darf: Adorno schätzte zwar die analytische Sozialpsychologie als empirische Forschungsmethode und die Psychoanalyse als Kulturtheorie und Teil der oben erwähnten kritischen Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule, der psychoanalytischen Behandlungsmethode stand er jedoch zeit seines Lebens äußerst kritisch gegenüber. Kaindl bewegt sich mit ihrer Kritik, dass Psychotherapie unter den gegebenen Bedingungen primär Herrschaftsinstrument sein kann, um die Menschen wieder »fit für den Markt zu machen« also zunächst durchaus in der Tradition Adornos: »Die Praxis der Psychoanalyse, die, ihrer Ideologie nach, noch die Neurosen zu heilen beansprucht, gewöhnt bereits im Einverständnis mit der allherrschenden Praxis und ihrer Tradition den Menschen die Liebe und das Glück zugunsten von Arbeitsfähigkeit und healthy sex life ab. Glück wird zur Infantilität und die kathartische Methode zu einem Bösen, Feindlichen, Unmenschlichen.« Anstatt die gesellschaftlichen Widersprüche zu erkennen und im Subjekt selbst zu verorten, sollen sie individuell befriedet werden: »Das Ziel der ›gut integrierten Persönlichkeit‹ ist verwerflich, weil es dem Individuum jene Balance der Kräfte zumutet, die in der bestehenden Gesellschaft nicht besteht und auch gar nicht bestehen sollte, weil jene Kräfte nicht gleichen Rechtes sind. Man lehrt den einzelnen die objektiven Konflikte vergessen, die in jedem notwendig sich wiederholen, anstatt ihm zu helfen, sie auszutragen.«

Eine emanzipatorische Psychotherapie kann es deshalb nach Adorno nicht geben: »Die gesellschaftlich irrationale Konsequenz wird auch individuell irrational. Insofern wären in der Tat die Neurosen der Form nach aus der Struktur einer Gesellschaft abzuleiten, in der sie nicht abzuschaffen sind. Noch die gelungene Kur trägt das Stigma des Beschädigten, der vergeblichen und sich pathisch übertreibenden Anpassung. Der Triumph des Ichs ist einer der Verblendung durchs Partikulare. Das ist der Grund, der objektiven Unwahrheit aller Psychotherapie, welche die Therapeutiker zum Schwindel animiert. Indem der Geheilte dem irren Ganzen sich anähnelt, wird er erst recht krank, ohne dass doch der, dem die Heilung misslingt, darum gesünder wäre.«

Dort wo es kein richtiges Leben im Falschen gibt, kann es konsequenterweise auch keine richtige Psychotherapie geben. Adorno ist für seine überaus ablehnende Haltung gegenüber der psychoanalytischen Psychotherapie, die man wohl getrost als eine Alles-oder-Nichts-Position bezeichnen kann, schon häufig kritisiert worden. Kirchhoff wirft ihm vor, an diesem Punkt die »Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, deren Meister er sonst ist«, nicht auszuhalten. Gleichzeitig sieht sie in seiner Übertreibung aber auch ein Moment der Wahrheit bzw. einen »Stachel«. Busch dagegen betont eher die selbst-relativierende Position des späten Adorno gegen seine eigenen Texte aus den fünfziger Jahren, denen er 1966 ein Postscriptum folgen ließ, in dem er seine allzu harsche Polemik gegen die Psychoanalyse wieder ein wenig abschwächte. Tatsächlich rekurriert der späte Adorno bei seinen Überlegungen, wie denn eine Erziehung nach Auschwitz aussehe könnte, häufig auf die Psychoanalyse als Forschungs- und Behandlungsmethode. Er nennt als psychische Fähigkeiten, die Menschen mitbringen müssten, um quasi einen Schutzschild gegen nationalsozialistische Tendenzen entwickeln zu können, folgende Voraussetzungen: »Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.« Dies sind aber genau Fähigkeiten, die nicht zuletzt in einer Psychotherapie resp. Psychoanalyse erworben oder gestärkt werden könnten.

Die klarste Formulierung dessen, was Psychotherapie leisten kann und was nicht, hat indes Freud selbst geliefert, in dem er auf einen berechtigten Einwand eines (?) seiner Patienten – nämlich, dass Psychotherapie ja nicht die (krankmachenden) Verhältnisse ändern könne – antwortete: »Ich habe wiederholt von meinen Kranken, wenn ich ihnen Hilfe oder Erleichterung durch eine kathartische Kur versprach, den Einwand hören müssen: ›Sie sagen ja selbst, dass ein Leiden wahrscheinlich mit meinen Verhältnissen und Schicksalen zusammenhängt: daran können Sie ja nichts ändern; auf welche Weise wollen Sie mir denn helfen?‹ Darauf habe ich antworten können: ›Ich zweifele ja nicht, dass es dem Schicksale leichter fallen müsste als mir, Ihr Leiden zu beheben; aber Sie werden sich überzeugen, dass viel damit gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen das letztere werden Sie sich mit einem wiedergenesenen Seelenleben besser zur Wehr setzen können‹.«

Freud spricht hier den entscheidenden Punkt an: dass es nämlich in einer Psychotherapie primär darum gehen muss, überhaupt wieder handlungsfähig zu werden und gewisse Schutzmechanismen gegen das Übel der Welt entwickeln zu können. Dies ist ein berechtigter Anspruch unter kapitalistischen Verhältnissen, wie ich meine. Dass Menschen, die leiden und denen es schlecht geht, gegen die herrschenden Bedingungen zu revoltieren beginnen, darf zumindest für den psychischen Bereich als Illusion zurückgewiesen werden. Menschen, die psychisch krank sind, sitzen meist zu Hause und sind depressiv. Die machen keine Revolution. Oder sie besorgen sich – um mal zynisch zu werden – im schlimmsten Fall (und wenn es denn die Waffengesetze ihres Landes zulassen) eine Pumpgun und stürmen in ein Arbeitslosencenter, um dort ihrem Frust freien Lauf zu lassen. Dies kann aber nicht die Alternative sein. Adornos ablehnende Haltung gegenüber jedweder Art von Psychotherapie, wenn auch dem Kern und seiner Theorie nach konsequent, richtig und wahr, führt auf einer Handlungsebene in eine Sackgasse. Wenn man die Minima Moralia so liest, dass es im falschen Ganzen überhaupt nichts Richtiges mehr geben kann, bliebe nur noch der Griff zum Strick. Gerade denen von Kaindl und der von ihr zitierten Psychiaterin Margarete Steinrücke geschilderten PatientInnen, die unter den Hartz IV-Bedingungen psychische Probleme entwickeln, könnte meiner Ansicht nach mit einer Psychotherapie geholfen werden: Um eben gesellschaftliche Verhältnisse nicht zu personalisieren, sondern das von Freud so trefflich geschilderte hysterische Elend (ich bin unfähig und wertlos, weil ich keinen Job finde) in gemeines Unglück zu verwandeln (die Bedingungen sind objektiv schwierig, deshalb geht es mir schlecht, aber vielleicht kann ich dennoch etwas dagegen tun), könnte Psychotherapie hilfreich sein und eine stützende und die Subjekte handlungsfähig machende Funktion ausüben.

Dass eine psychische Diagnose für die Betroffenen ein zweischneidiges Schwert ist, soll an dieser Stelle aber nicht unterschlagen werden: Psychische Diagnosen stigmatisieren eine Person zunächst einmal und können sich mitunter negativ auf eine Arbeitsplatzsituation oder die Einstufung bei einer privaten Krankenkasse auswirken. Dennoch muss es als Fortschritt bezeichnet werden, dass jemand, der durch seine Tätigkeit oder sonstige Umstände psychisch krank wird und nicht mehr arbeitsfähig ist, sich krankschreiben lassen darf. So gesehen haben psychische Diagnosen für die Betroffenen auch eine entlastende Funktion, denn sie machen psychisches Leiden benennbar und damit in einem weiteren Schritt auch behandelbar. Auch dass die Ausbildungsbedingungen an den psychoanalytischen Instituten oftmals von Hierarchie, Unterordnung und Infantilisierung der AusbildungskanditatInnen geprägt sind, muss konsequenterweise erwähnt werden. Die psychoanalytischen Institute sind nicht notwendigerweise ein Ort der Aufklärung oder der konsequenten Anwendung der eigenen selbstreflexiven Methode. Aber auch wenn nicht alle PsychotherapeutInnen gleich fähig oder reflektiert sein mögen: Sie sind sicherlich nicht die AgentInnen des Kapitals, zu denen Kaindl sie zeitweise machen möchte.

Mit Adorno wäre die konsequenteste Therapie für menschliches Leiden immer noch eine andere Gesellschaftsform. Diese oder der konkrete Weg dorthin ist jedoch mit Adorno nur schwer zu denken, weil seine Position in der konsequenten Negation verbleibt. Bei Kaindl scheint es dagegen durchaus einen Begriff von politisch-psychologischer Praxis zu geben, der in der Tradition von Gramsci auf die Zurückgewinnung oder Herstellung von Hegemonie in zentralen zivilgesellschaftlichen Bereichen zielt, etwa durch die Bildung von Netzwerken, etc. Dem ist auch grundsätzlich zuzustimmen. Bei Kaindl nicht vorgesehen, bzw. vermutlich sogar kategorial ausgeschlossen, ist ein Leiden an sich selbst; sie spricht konsequent nur von einem »Leiden an den Verhältnissen«. Ich würde dagegen behaupten, dass es durchaus so etwas wie ein »Leiden an sich selbst« geben kann, dass in letzter Konsequenz natürlich immer auf die Gesellschaft, etwa in Form einer schwierigen Kindheit o.ä. zurückzuführen ist. Aber das nützt den stark neurotischen oder persönlichkeitsgestörten und damit leidenden Personen im konkreten Fall herzlich wenig. Die müssen irgendeinen Weg finden, mit ihrem Leiden umzugehen, es bestmöglich abzuschwächen oder gar zu überwinden. Und dafür müssen sie zunächst einmal an sich selbst arbeiten. Dabei kann eine Psychotherapie helfen. Streng genommen werden dadurch natürlich die bestehenden Verhältnisse gestärkt, das ist richtig, aber welche Art von Praxis außer der konsequenten Negation tut das nicht? Auch wenn, wie Adorno und auch Holzkamp es beschreiben, die gesellschaftlichen Widersprüche als individuelle Konflikte zu Tage treten, so spricht doch nichts dagegen, die Position des Einzelnen gegen das irre Ganze zu stärken, ganz im Sinne des Freudschen Satzes: Wo Es war, soll Ich werden. Gerade weil die Psychoanalyse, wie Busch im Anschluss an Habermas hervorhebt, die PatientInnen nicht entmündigt, sondern als gleichberechtigte PartnerInnen und als ExpertInnen ihres eigenen Seelenlebens adressiert, und somit im Idealfall in der psychoanalytischen Behandlung eine herrschaftsfreie Kommunikation erzielt werden kann, ist ihr ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse zuzuerkennen. Damit soll nicht gesagt sein, dass jeder Psychotherapie ein subversives Moment innewohne oder sie gar als politische oder linke Praxisform anzusehen sei. Im besten Fall ist sie im Stande, Leiden zu lindern, Reflexionsvermögen zu fördern und das Ich gegen die gesellschaftlichen Anforderungen stark zu machen (was auch schon mal nicht wenig ist). Subversive linke Praxis ist sie damit noch lange nicht. Aber in Theorie und (empirischer) Forschung ist mit der Psychoanalyse immerhin das theoretische Rüstzeug gegeben, »die Strukturbildung der Subjekte eigens konzeptuell aufzurollen und damit gleichzeitig gesellschaftlichen Einfluss und individuelle (Gegen-)Wirkung betrachten zu können.« Diese Art der Betrachtung ist meiner Ansicht nach unverzichtbar für jede Form von linker Gesellschaftskritik.

MERVE WINTER

Die Autorin ist Psychologin und promoviert an der Universität Zürich zum Thema Lebendorganspende und Gender. Sie ist Mitglied der »Gruppe in Gründung« Leipzig.

Fußnoten

  1. Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse.
  2. Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, München 1997, 347.
  3. Vgl. Hans-Joachim Busch, Kritische Theorie des Subjekts und emanzipatorische Praxis. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Psychoanalyse, in: Oliver Decker / Christoph Türcke (Hrsg.), Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis, Gießen 2007, 168-181.
  4. Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: Soziologische Schriften I, Frankfurt a.M. 1979, 60.
  5. Ebd., 65.
  6. Ebd., 57.
  7. Christine Kirchhoff, Übertreibungen. Adornos Kritik psychoanalytischer Theorie und Praxis, in: Decker/ Türcke (Hrsg.), Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis, 72.
  8. Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt a.M. 1969, 90.
  9. Ich beziehe mich im Folgenden, wenn ich von Psychotherapie spreche, auf die Psychoanalyse, weil ich sie von den drei kassenärztlich anerkannten Verfahren für das emanzipatorischste halte. Das heißt aber nicht, dass für bestimmte Störungsbilder nicht z.B. eine Verhaltenstherapie durchaus angemessen sein kann.
  10. Sigmund Freud, Zur Psychotherapie der Hysterie, in: ders., Studienausgabe. Schriften zur Behandlungstechnik (Ergänzungsband). Frankfurt a.M. 1975, 97.
  11. Vgl. Tillmann Habermas, Die Bulimie als moderne ethnische Störung, in: Psychotherapie im Dialog 2, Jg. 2, 2001, 206-212.
  12. Vgl. Hans-Joachim Busch, Kritische Theorie des Subjekts und emanzipatorische Praxis. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Psychoanalyse, in: Oliver Decker / Christoph Türcke, Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis, 168-181.
  13. Ebd., 175.