Wenn die Hose brummt

Erinnerungen an meinen Vater

Ist die Angst ein erstes oder ein letztes Argument? Allein schon wegen dieser Frage hasse ich das Thema. Ist sie etwas, dem man nachgehen oder dem man nachgeben muss? Inbegriff der Person oder im Gegenteil reine Triebmenge, so fremd wie angeboren? Im letzteren Fall wäre sie zwar eine Tatsache, aber keine Quelle für Schlussfolgerungen. Entladung wäre der einzige Weg, auf dem die Energie ersatzlos verschwindet. Bei allem Vermitteltem, von Panik bis Pogrom, wird man nicht mit einer Auflösung rechnen können, bei der die Angst die Rolle einer Ursache spielt. Dass sie der innerste Kern von Untaten ist, die ohne sie gar nicht zu erklären wären, ist ein Ammenmärchen, das im psychologischen Kurzschluss beseitigen will, was allererst wahrgenommen, in seiner Realität anerkannt und ausgehalten werden muss.

Wenn ich mich noch einmal mit der Angst beschäftige, dann nur in einer Form, bei der die Verweigerung ihrer Anerkennung inbegriffen ist. Woran mir am wenigsten liegt, ist, jene Rede über Angst zu fördern, die sie vermeintlich sinnvoll in das Arsenal politischer Begründungen einfügt, wenn es heißt, dass man die Menschen »abholen« muss. Ich will daher nicht argumentieren, sondern erzählen.

Ein Untertan

Andere Kinder meiner Nachkriegsgeneration hatten unter einem harten Vater zu leiden, ich unter einem weichen. Die finsteren Analogien zu Heinrich Manns »Untertan«, den ich als Lehrerin bis ins neue Jahrtausend hinein für das einzige Buch hielt, mit dem man die Zeit der Schüler im Deutschunterricht nicht vertrödelte, waren vorhanden, aber wenig ausgeprägt. Angesichts einer diskreditierten Obrigkeit gab es wenig Gelegenheit zu dienern und so wie wir lebten, auch wenig Gelegenheit für Männerbündnisse. Der Weg führte notgedrungen in die Reflexion. Sagte Heinrich Mann in jenem spektakulären ersten Satz seines Romans: »Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt«, so mein Vater immer wieder: »Ich war ein weicher Junge.« Was er damit voll umfänglich konstatierte, bekamen wir Kinder zu spüren, wenn wir, heranwachsend, etwas unternehmen wollten und unser Vater voller Vertrauen in die Verbindlichkeit seines Empfindens sagte: »Ich habe Angst.« Das war Entscheidung und Begründung in einem.

Weder er noch ich dachten in solchen Momenten daran, dass ich als kleines Kind die Familie mit meinen abendlichen Ängsten terrorisiert hatte und meine Eltern die wenigen Ausgehpläne, die sie überhaupt hegten, oft genug im letzten Moment aufgeben mussten, weil ich in Panik geriet; ich war eben auch ein »weiches Kind«. Bei solcher Gelegenheit empfand mein Vater durchaus das Erpresserische einer Ordnung, die die Angst zum obersten Bestimmer macht, und wenn meine sonst eher nüchterne Mutter dann kapitulierte und daheim bleiben wollte, war er tagelang beleidigt.

Später, als mein Verhältnis zu den Eltern sich eher anekdotisch gestaltete, verschreckte mich mein Vater gelegentlich mit einem Kommentar, an dem mir alles zuwider war: die Ehrlichkeit, die Unbefangenheit, die Treuherzigkeit, die Kindlichkeit. Ausgedrückt war er in einer von mir als landserhaft und burschenschaftlich empfundenen Sprache. In ihr gelangte die Vergangenheit, die meinen Vater, Jahrgang 1914, Kriegswaise, Mamakind, als Heranwachsenden geprägt hatte und die mir nicht nur generationell, sondern durch das Tabu des NS entzogen war, mit einem Mal vom Nichtsein zum Sein. »Mir brummt die Hose«, sagte er, wenn ihm eines meiner Vorhaben Angst machte, und sprang auf, als müsste er sofort aufs Klo. Ich stolperte vor allem über den Ausdruck, der eine kindliche Affinität zu den Körperfunktionen verriet, die die Differenz zwischen dem jungen Mann, der sich diese Sprache angeeignet hatte, und dem erwachsenen Vater verwischte. Wo war die Reife? Da mein Vater, der nicht nur als Arzt einen angesehenen Beruf, sondern als Philologenkind auch eine klassische Bildung hatte, in unserer Familie Kompetenz und Geist vertrat, war das nicht nur eine Peinlichkeit, sondern eine Kränkung, ja für mich eine Bedrohung. Gewiss ist es eine Rationalisierung, aber diese Redewendung, die ich als unzulässig intim, geradezu als Übergriff empfand, hat unterirdisch gewirkt. Sie hat mir schließlich zu einem skeptischen Standpunkt gegenüber Ängsten verholfen, wo immer sie nicht bloß erlebt, sondern als Argument ins Feld geführt werden. In imaginierten Auseinandersetzungen mit meinem Vater habe ich später die Rede formuliert: »Man darf ängstlich sein ? das heißt, man darf eigentlich nicht, man ist es ?, aber man darf die Angst nicht zum Kriterium der eigenen Einstellungen machen. Schlimm genug, wenn sie ein Kriterium des Verhaltens ist, hier kann man nur beten, dass man im Bedarfsfall mutiger ist, als man ist. Aber der Einstellungen nie und nimmer.« Verglichen mit der theoretischen Annahme, die seinerzeit modern wurde, dass ich, Jahrgang 1945, als Kriegs- und Flüchtlingskind nicht nur allen Grund hatte, ängstlich zu sein, sondern dass meine Ängste auch von quasi stofflicher Natur, einer ebenso fraglosen Tatsächlichkeit und Berechtigung waren wie die Kriegs- und Nachkriegsumstände, die sie angeblich ausgelöst haben, scheint mir das immer noch ein Fortschritt.

Familienbande

Dass ich nicht an die Authentizität der Fremdenangst glaube, dass ich sie im Grunde für ein Fake halte, an den nicht einmal glaubt, wer sich auf sie beruft, ist einerseits nur die logische Folge dieser Skepsis. Andererseits rührt es tiefer aber auch von der Erfahrung einer Familie her, in der – auf der Folie eines gewissermaßen arbeitslos gewordenen Untertanengeistes – Idealisierung und Intimität sich so verknäulten, dass der Eindruck einer nicht auszulotenden und nie zu überwindenden Schuldhaftigkeit entstand. »Versteh ich nicht«, sage ich noch heute in einer meiner Reden an mich selbst, »der einzige, vor dem man sich zu Recht fürchtet, ist man doch selbst. Alle andern kennt man ja gar nicht so gut. Nur bei sich selbst weiß man, worauf man sich gefasst machen muss.«

Jeder Unbekannte stellte für mich dagegen eine Verheißung dar: dass man anders konfiguriert sein kann, ohne Familien-, Angst-, Deutschtümelei. Übrigens auch ohne die Flucht- und Vertreibungstümelei, die das Klima in der nach dem Krieg neu gebildeten Großfamilie beherrschte, die  – das muss ich als Nachkriegsumstand anerkennen – sich als Überlebensgemeinschaft konstituiert hatte, als eine Notlösung, aus der mit allen Kräften ein edler Zweck gemacht wurde. Vor dem Hintergrund dieser Zwangsgemeinschaft erschienen mir sogar die alteingesessenen Bürger, mit deren Kindern ich in die Schule ging, als verheißungsvolle Fremde, unterstellte ich ihnen doch, dass sie nicht nur mir gegenüber, sondern auch untereinander von der Last der Verwandtschaft befreit waren. Beweis: Meine Freundinnen konnten in den Ferien zur Oma, zu den Kusinen verreisen, bei uns wohnten alle unter einem Dach, wir konnten einander nicht entkommen.

Obwohl es nur eine skurrile Folge der ebenso zeittypischen wie abnormen Familiensituation war, ist es nun mir peinlich, aber im Verfassen dieser Erinnerungen fällt mir ein, dass ich, heranwachsend, von einer solchen Sehnsucht weniger nach der Ferne als nach einem Leben ohne familiäre Nähe gepackt wurde, dass ich ausgerechnet meinen Vater bat, mir eine Gelegenheit zu verschaffen. Als Geburtshelfer kannte er in unserer Kleinstadt und noch weit bis über die Dörfer Hinz und Kunz und war stolz auf seine klassenlose Einstellung, seine klassenübergreifenden Kontakte, während bei uns zu Hause die verarmte Großmutter mit ihrem Klassendünkel regierte. »Denkt immer daran, dass ihr was Besseres seid!« so traktierte sie uns. Es war also nur logisch, dass ich meinen Vater fragte. Konnte er nicht einen seiner Lastfahrer-Bekannten bitten, mich auf seine große Fahrt mitzunehmen? Er würde mich wie seinen Augapfel hüten, davon ging ich aus. Meine Eltern schwiegen betreten und versuchten, meine Sehnsucht auf Harmloseres zu lenken.

Bis zum Beweis des Gegenteils sind noch heute alle Unbekannten eine Hoffnung für mich, und die Devise lautet: je fremder, desto besser. Bestimmt stehen sie mit beiden Beinen auf der Erde, denke ich. Und wenn sich über kurz oder lang herausstellt, dass auch sie mit dem Unterschied von Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr anzufangen wissen als ich, dass sie den absurdesten Verschwörungstheorien anhängen oder mit Welterklärungen aufwarten, dass einem die Haare zu Berge stehen, so ist diese Andersheit doch nicht so beängstigend wie die eigene. Totaler Wahnsinn vielleicht, aber nicht ambivalent.

Antiamerikanismus

Einmal offenbarte mein zwar leicht beleidigter und nachtragender, aber nie aufbrausender Vater eine ungehemmte Befriedigung darüber, dass »die Amerikaner«, die »sich für unfehlbar hielten« und »immer alles richtig machten«, sich im Vietnamkrieg dann doch in dies und das verstrickt hatten. Ich wunderte mich über den plötzlichen Affekt, da er sonst eine eher stoische Haltung pflegte, die für mich der Inbegriff väterlicher Überlegenheit war. Ich stieß mich auch an seiner nicht erbetenen Zustimmung zu uns 68ern, und dies zu einem Zeitpunkt, wo ich es aufgrund der wachsenden Militanz der Demonstrationen unerwartet wieder mit der Angst bekam; dabei hatte ich gedacht, das wenigstens, hätte ich hinter mir. Dass mein Vater sich für die Amerikaner interessierte, war mir neu und schien mir irgendwie gekünstelt. Wurde auch er von etwas Altem eingeholt? Der Teil seiner Biographie, der seinem Wutausbruch hätte einen Sinn geben können, war mir unbekannt. Hatte er sich von den Amerikanern gedemütigt gefühlt? Aber er war doch in englischer Gefangenschaft gewesen. Hatte er sie nach dem Krieg so idealisiert wie vor dem Krieg die Nationalsozialisten? In seiner Erinnerung horteten sie das Penicillin, das seiner Mutter, die vor den Augen des Medizinstudenten an Hirnhautentzündung gestorben war, das Leben gerettet hätte. Die Geschichte des Penicillins ist freilich ein wenig anders, aber für meinen Vater war es der Inbegriff amerikanischen Fortschritts, in einem zugleich Grund für Bewunderung und Hass. Vor allem aber hatte er wohl seine Schuld nicht verarbeitet, und es tat ihm gut, dass die Amerikaner jetzt auch schuld waren. Als ich in den fünfziger Jahren den Ungarnaufstand und die Suezkrise in meine kindliche Angstneurose einbaute, sagte er tröstend: »Wenigstens wird Deutschland nie wieder im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung stehen«, das hieß einerseits, nie wieder stark, andererseits, nie wieder schuld sein. Kein Grund, sich zu fürchten also.

Zu seiner eigenen Angst pflegte er ein Verhältnis unverbrüchlicher Treue, ja Zuneigung, deren mögliche Grundlage mir erst sehr viel später aufging. Früher dachte ich, er ist ein Feigling, und wunderte mich, dass er diese despektierliche Eigenschaft nicht nur nicht verbarg, sondern geradezu vorzeigte. Heute denke ich, dass er seiner Angst dankbar war, weil sie ihn gehindert hatte, so forsch zu sein, wie er es bei seinem raschen Geist, seiner Schlagfertigkeit, seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem Sinn für rhetorischen Schwung hätte sein können. Nicht auszudenken, wenn er, ein scharfer Hund im Geist, womöglich ein scharfer Hund im Tun geworden wäre. Aber er war ja Gott sei Dank ein ängstliches Kind. Er habe »viel Glück gehabt«, meinte er öfter, in Anspielung einerseits auf die Risiken seines Berufs, die er bravourös gemeistert, andererseits auf die Risiken jener Zeit, in der er ? 1933 achtzehn, 1945 dreißig Jahre alt ? sich wenigstens nicht hervorgetan hatte. Womöglich hat er mit diesem Ausdruck seine Angst gemeint. Jedenfalls war er überzeugt, dass sie nicht nur ein Makel war, sondern auch ein Glück sein konnte. In der nachträglichen Betrachtung hat er das bestimmt so gewertet. Dass er die Aura des Feiglings ertrug, ja kultivierte, erkläre ich mir weiß Gott nicht mit schwejkschen Ambitionen, sondern damit, dass richtiges Handeln bloß aus Angst – wahrscheinlich müsste ich sagen: richtiges Unterlassen ? zwar auch in seinen Augen verächtlich, angesichts einer als wesensmäßig empfundenen Unfähigkeit, ein Held zu sein, aber das kleinere Übel war. So war er eben ein Feigling, aber das, sagte er sich, war, wenn auch kein Verdienst, so doch ein Glück.

All das konnte er uns Kindern natürlich nicht vermitteln, und so mussten wir damit leben, dass unser Vater, wenn er sich in den familiären Kämpfen um den Jugendzeltplatz, der ihm als Hort von Libertinage und Beweis elterlicher Verwahrlosung galt, auf seine Angst berief, in unseren Augen ein Angsthase war, der bedauerlicherweise das Sagen hatte.

Heldentum

Für Angst wird man nur beim Militär bestraft (der zivile Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung lebt geradezu von ihrer Verleugnung). Feigheit vor dem Feind hätte mein Vater sicher bereits im Vorhinein für sich reklamiert, wenn ihm eine normale Militärkarriere gewunken hätte. Umso erstaunter war ich, als er in der Nacht nach dem Tod meiner Mutter nicht von ihr, sondern von seinem kurzen Kriegseinsatz in den allerletzten Tagen vor dem »Zusammenbruch« erzählte. Es war im Wesentlichen eine Fluchtgeschichte, von der russischen Front zu den Engländern, in strenger militärischer Beurteilung vielleicht sogar eine Desertionsgeschichte, und ich konnte mir nicht erklären, wie mein Vater ausgerechnet jetzt darauf gekommen war. Warum redete er über sich? Warum nicht über seine Frau, mit der er in ebenso rückhaltloser wie rücksichtsloser Symbiose gelebt hatte, die er, seiner eigenen pathetischen Empfindung nach, nicht entbehren konnte? Nach über fünfzigjähriger Zweisamkeit zum ersten Mal definitiv allein, erzählte er von diesem lausigen Krieg, so als hätte es sie nie gegeben. Das konnte kein Zufall sein. Er hatte sich das vorgenommen, das sah man, so wie er sich an den Küchentisch setzte, die Arme wie immer breit aufgestützt. Und wenn er es sich nicht vorgenommen hatte, dann stürzte er sich kopfüber hinein in jene Situation, in der seine Frau nicht vorkam und in der er sich trotzdem bewährt hatte.

Ich hörte ihm nur widerwillig zu, aber wenn ich mir die wenigen Informationen, die ich aufnahm, vergegenwärtige, dann würde ich sagen, er wollte vielleicht nur seiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass er in einer Situation, die wie der Albtraum eines Angsthasen anmutete, anstatt in Panik zu verfallen, die Übersicht bewahrt, ja ? worüber er vielleicht am meisten erstaunte ? unter den so ganz und gar unbekannten Kameraden sogar eine gewisse Führungsrolle übernommen hatte, die zwar seinem Alter und seiner Bildung, aber nicht seiner militärischen Erfahrung und schon gar nicht dem feigen Bild entsprach, das er von sich hatte. Mein Vater, ein Held?

Vielleicht wollte er sich mit dieser Erinnerung Mut zusprechen: er war schon einmal ohne seine Frau zurechtgekommen, womöglich würde er es auch diesmal schaffen. Oder er erzählte einfach eine der seltenen Episoden aus seinem Leben, in der sie nicht vorkam, in der es also keine Rolle spielte, dass sie tot war; eine komfortable, eine kostbare Konstellation. Was in Hinblick auf die fragliche Ermutigung aber eine Einschränkung ist: zu der Person, von der er so unvermittelt berichtete, hatte er gar keinen Bezug, auch wenn es sich, ich möchte am liebsten sagen, zufällig um ihn handelte. Aus ihrem Verhalten konnte er also auch keine Folgerung ableiten. Verwunderung färbte die exakte Erinnerung und ließ Zweifel aufkommen, nicht an den Fakten, sondern an dem Grundbezug zwischen ihnen und dem, der sie erlebt hatte. Wenn sie verlässlich waren, wer eigentlich, war er? Ich will es deshalb nicht mit Ironie probieren und sagen, es war nett, diesen Mann, der mein Vater war, wenige Jahre vor seinem Tod noch kennenzulernen. Außerdem erinnert mich die Anekdote vom unverhofften Heldentum meines Vaters an ein eigenes Erlebnis, eine Konfrontation vor vielen Jahren mit einem Möchtegern-Triebtäter, die mir der Umstände wegen ? ich fuhr mein Kind zur Unzeit im Berliner Tiergarten spazieren ? große Angst einjagte, in der ich aber unvermutet Unterstützung bekam von einer dritten Person oder vielmehr Stimme, die hässliche, hemmungslose Beschimpfungen ausstieß, wie ich sie noch nie gehört und mir in meinem Leben auch nie erlaubt hätte. Natürlich war diese Stimme meine, aber ich erkannte sie nicht. Vergeblich hatte ich mich nach der betreffenden Person umgeblickt. Zweifellos war sie ordinärer als ich, aber auch mutiger. In der Situation, in der ich mich befand, wäre es gut gewesen, wenn sie da gewesen wäre. Wär nett gewesen, sie kennenzulernen.

Schluss

Immerhin habe ich peu à peu den Glauben an die Angst verloren, den Glauben an ihre Autorität, den Glauben an ihre Dringlichkeit, den Glauben an ihre Wichtigkeit. Nicht daran, dass es sie gibt. Aber daran, dass sie etwas Bestimmtes ist. Oder dass sie etwas aussagt, was über sie hinausgeht. Einen wichtigen Hinweis enthält. Etwas verkörpert, was proportional zu ihr ist, kleine Angst, kleine Sache, große Angst: Schicksal, Sein und Weltuntergang. Oder dass sie der Hort der Identität ist, je schmählicher die Angst, desto identischer die Person. Dass sie überhaupt eine Sache ist, oder aber wenn eine Sache, dann in strikter Selbstbezüglichkeit leer wie Gott, wenn aber keine Sache, dann bloß ein Adjektiv, die Färbung von etwas, worüber zuerst geredet werden muss, und wenn dann noch Zeit bleibt – aber es bleibt keine ?, meinetwegen über sie.

Ilse Bindseil

Die Autorin hat 2016/2017 zusammen mit Christel Dormagen, #frauensinddoof, (= Ästhetik & Kommunikation, Nr. 173) herausgegeben. Alles Weitere unter www.ilsebindseil.de.

Fußnoten

  1. Im „Versuch über Angst“ (in: Ilse Bindseil/Ulrich Enderwitz, Der Wahnsinn der Wirklichkeit. Ideologiekritische Essays, Dülmen-Hiddingsel 1987, 134-159) habe ich mich noch umgekehrt mit der Erfahrung auseinandergesetzt, dass die Angst sich an die Stelle der zu bewältigenden Gefahr setzt, so dass die fatale Abfolge entsteht: zuerst muss die Angst stillgestellt, dann kann die Gefahr konfrontiert werden.