Wahre Liebe kann warten

Kulturindustrielle Sexualberatung und der Wandel der Geschlechtsidentitäten in der BRAVO

Die Sexualität und das Geschlechterverhältnis haben seit dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt einen immensen Modernisierungsprozess durchlaufen. Die Ehe ist nicht mehr der einzig legitime Ort für Sexualität, niemand behauptet mehr, dass Selbstbefriedigung zu Rückenmarkserkrankungen führt und homosexuelle Paare dürfen sogar eine eingetragene Lebensgemeinschaft eingehen, wenn diese auch nicht mit der heterosexuellen Ehe gleichzusetzen ist. Jedoch sind die Aufklärung, der Liberalismus und die Angleichung der Geschlechter, die oftmals dahinter vermutet werden, mehr Schein als Sein. Denn die früheren offenen Verbote, die sich in Gesetzestexten widerspiegelten, sind, so die These, keineswegs vollkommen aufgehoben, sondern vielmehr von den Individuen verinnerlicht worden, so dass die Gesetze nicht mehr notwendig sind. Und auch die Geschlechtsidentitäten werden weiterhin reproduziert, wenn auch in gewandelter Form. Um zu verstehen, wie diese Entwicklung stattgefunden und wie sich dieser Verinnerlichungsprozess vollzogen hat, bietet es sich an, die Jugendzeitschrift BRAVO genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gegründet 1956, schlug sie gleich ein wie eine Bombe und war mit ihrer Mischung aus Popkultur und Lebens- und Sexualberatung bis zum Ende des Jahrtausends das meistgelesene Jugendorgan in der BRD. Zwischen 1965 und 2000 hatte die BRAVO eine Auflage zwischen 1 und 1,7 Millionen und jedes Exemplar ging durch drei bis vier Hände. Auch wenn die BRAVO vielfach kritisiert wurde und nicht als besonders niveauvoll galt, haben doch fast alle Jugendlichen in dieser Zeit die BRAVO irgendwann einmal – wenn auch heimlich – durchgeschmökert, und wenn es auch nur die Kolumne von Dr. Sommer war. Schon allein diese Zahlen spiegeln die ungeheure Bedeutung wider. Der Einfluss der BRAVO auf die Jugendlichen ist allerdings höchst umstritten. In den siebziger Jahren gab es eine breite gesellschaftliche Diskussion über den negativen Einfluss der Zeitschrift. Der BRAVO wurde vorgeworfen, die Jugendlichen zu manipulieren. Je nach politischer Couleur wurde behauptet, dass die BRAVO die Jugendlichen von der Revolution, der Emanzipation oder der Leistungsbereitschaft abhalte. Heute überwiegt in der Rezeption der Gedanke, dass die BRAVO die Subjektivität der Leser_innen widerspiegelt, auch wenn ein gewisser Einfluss selten geleugnet wird. Dieser ist im Anschluss an die Thesen der cultural studies jedoch schwer zu bestimmen und differiert von Individuum zu Individuum. Allgemein kann gesagt werden, dass die BRAVO als wirtschaftlich arbeitende Zeitschrift die Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen aufnehmen musste, um erfolgreich zu sein. Dies gelang sowohl durch die Berichterstattung über Stars, die dem allgemeinen Geschmack entsprachen, als auch über eine zu ihrer Zeit in großen Teilen als fortschrittlich zu bezeichnende Pädagogik, die wiederum ab 1968 die Einflüsse aktueller Strömungen der Sozialpädagogik und der »sexuellen Revolution« in sich aufnahm. Ab den achtziger Jahren fanden auch Grundsätze des Feminismus, wie die sexuelle Selbstbestimmung, auf diese Weise eine weite Verbreitung.

Die BRAVO entwickelte sich in den fünfziger Jahren schnell als Zeitung für den neu entstandenen Typus des Teenagers mit eigener Jugendkultur. Die BRAVO berichtete über amerikanische Filme und bald auch über Rock’n’Roll und Jazz. Stars wie James Dean, Elvis, die Beatles, Marylin Monroe und Liz Taylor kamen so ins Haus. Es war zu diesem Zeitpunkt die einzige Zeitschrift, die diesen Hauch von kulturindustriell geprägter Jugendrebellion in den bundesdeutschen Nachkriegsmief der fünfziger und frühen sechziger Jahre hineintrug. Die Krawalle bei den Bill Haley Konzerten waren ebenso Thema wie die Halbstarken oder das turbulente Liebesleben der Brigitte Bardot. Eine besonders enge Form der Leser_innenbindung entstand dadurch, dass jenseits der Identifikation mit den Stars schon früh eine direkte Ansprache an die jugendliche Leserschaft stattfand. Ab 1958 wurde die Kunstfigur Steffie eingeführt, die einen Einblick in die Sorgen und Nöte des Teenagers ermöglichte. Darauf folgte Dr. Vollmer (ein Pseudonym für die Bestseller-Autorin Marie Louise Fischer), die sich jetzt mit vorgeblicher Professionalität den Liebesnöten junger Menschen widmen sollte und die die schon damals eindrucksvolle Anzahl an Briefen (50.000 pro Monat nach Selbstaussage) bearbeitete. In der BRAVO wurden die zu dieser Zeit üblichen gesellschaftlichen Ideale von Enthaltsamkeit und Triebbeherrschung für Jugendliche vor der Ehe vertreten, wenn auch stets betont wurde, dass man nicht prüde sei. 1968 gab es dann einen Umbruch. Zwar kamen weder Studenten- noch Frauenbewegung in der BRAVO vor, aber immerhin zeigte der Geist der sexuellen Befreiung auch hier seine Auswirkungen, wenn auch nicht verbunden mit dem Anspruch einer gesellschaftlichen Revolution. Sexuelle Fragen wurden überhaupt das erste Mal erläutert und ein neues Konzept für die sexuelle Aufklärung entwickelt, das bis heute für die BRAVO als verbindlich gelten kann und unter dem Namen Dr. Sommer zum Synonym für Jugendaufklärung schlechthin geworden ist.

Genau dieser Form der Sexualberatung hat nicht nur dazu beigetragen, dass neue Normen errichtet wurden, sondern auch, dass sich eine spezifische Subjektivität herausgebildet hat, die Selbstreflexivität zur Voraussetzung hatte und für die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Ansprüche notwendig war. Dabei wurde – wie zu zeigen sein wird – immer wieder eine jeweils männliche und weibliche Sexualität geschaffen, die sich an die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse angepasst hat.

Weibliche und Männliche Sexualität?

»Aber sind Männer denn von Natur aus treu? Nein, sie sind es nicht. [...] Das lernen sie aber nur mit Hilfe ihrer Eltern, die ihnen Vorbild sein sollten. Sie können es lernen, wenn sie sich in ein anständiges Mädchen verlieben, das ihnen hilft, ein wirklicher Mann zu werden, ein Mann der weiß, dass er eine Verantwortung trägt. Oft bekomme ich Briefe, in denen es heißt, wir können höchstens in zwei Jahren heiraten. Kann ich denn verlangen, dass sich mein Freund so lange zurückhält? Oder Mädchen schreiben mir. Aber jetzt will mich mein Freund ganz besitzen. Er sagt: er hält es einfach nicht mehr aus! Es liegt an euch Mädchen, die Männer zur Beherrschung ihres körperlichen Triebes und damit zur Treue zu erziehen.«

Die in der BRAVO dargelegten Ideen über die Natur von Männern und Frauen entsprachen, wie das Zitat zeigt, Mitte der sechziger Jahre immer noch den sich im 19. Jahrhundert in der bürgerlichen Gesellschaft herausgebildeten Vorstellungen. Der Mann sei von triebhafter Natur, die er lernen muss, zu disziplinieren, um ein verantwortungsbewusster Ehemann zu werden. Dies bedeutete konkret, dass er nicht mehr jeder x-beliebigen Frau hinterher rennen solle, sondern für den Rest seines Lebens für Frau und Kind zu sorgen habe. Disziplinierung bedeutete immer auch Disziplinierung der Sexualität. Eine Sexualität, die in den engen Verhältnissen der bürgerlichen Familie zwar ordentlich angeheizt wurde, wie es Freud für die ödipale Szenerie in der Familie beschrieb, aber durch das Inzest- und Onanie-Verbot, sowie durch das Verbot von vorehelicher Sexualität, als drängendes, nicht zu erfüllendes Bedürfnis erhalten blieb. Auf diese Weise wurde das sexuelle Begehren in seiner drängenden Variante überhaupt erst einmal hergestellt.

Da das Verbot vorehelicher Sexualität für Jungen niemals so strikt durchgesetzt wurde, wie bei Mädchen, wurde die Sexualität der Mädchen noch viel stärker unterdrückt. Nach einer Studie von 1912, die Männer mit Universitätsabschluss nach ihrem Sexualleben befragte, hatten alle Männer vor der Ehe sexuelle Beziehungen mit Frauen aus niedrigen sozialen Schichten, weitgehend frei von Affektivität, getrennt von Liebe und Beziehungen. Die bürgerlichen Mädchen lebten als potenzielle Ehefrauen weitgehend enthaltsam. Proletarische Mädchen konnten viel schwerer kontrolliert werden, da sie viel eher auf eigenen Füßen stehen mussten. So hatten sie mehr Freiheiten, gerieten aber auch deutlich häufiger in Zwangslagen, vor allem durch ungewollte Schwangerschaften und finanzielle Abhängigkeit, wie zum Beispiel in den Romanen und Novellen von Arthur Schnitzler nachgelesen werden kann.

Das Zitat in der BRAVO macht deutlich, dass die bürgerlichen Mädchen, in Kooperation mit den Eltern, für die Disziplinierung der Männer zuständig waren. Sie hatten als das Korrektiv für die Männer herzuhalten. Mochte es auch ein Mythos sein, dass die Mädchen keine sexuellen Bedürfnisse hätten, bevor sie vom Mann in die Liebe eingeführt werden, der gesellschaftliche Druck zur Keuschheit führte auch in der Realität dazu, dass die Frauen oftmals eine andere Natur entwickelten als die Männer: Ihre sexuellen Bedürfnisse hatten sie oftmals soweit verdrängen müssen, dass sie sich – wenn überhaupt – in dem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Streicheln ausdrückte.

Obwohl den Frauen oftmals eine eigenständige Lust abgesprochen wurde, repräsentierten sie für den Mann die Sexualität. Der Mann könne den Reizen einer Frau kaum widerstehen und wolle aufgrund seiner Natur den Widerstand der Frauen immer brechen. So gesehen ist die männliche Natur, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft hergestellt wird, zweigeteilt. Der Mann sei zwar triebgesteuert, müsse aber, um ein »wirklicher« Mann zu werden, seiner Erstnatur widerstehen. Das Mannhafte liegt also – der bürgerlichen Vorstellungen nach – in der Natur des Mannes, sowie in ihrem Gegenteil: Es liegt einerseits in seinem Penis, der aggressiv sein Ziel, das Eindringen in die Vagina, erreichen will, sowie andererseits in dem Verhältnis, das der Mann zu sich selber einnimmt, indem er die Herrschaft der Vernunft über die Natur errichtet. Auf diese Weise können auch Frauen zu Männern werden, wenn auch niemals vollständig, da ihnen der Penis mit seiner aggressiven Variante des sexuellen Begehrens fehle. Auch wenn Frauen, die solche Eigenschaften entwickeln oftmals viel Häme einstecken müssen, weil sie nach den gesellschaftlichen Kriterien vielfach nicht als attraktiv gelten und für »Mannsweiber« gehalten werden.

Mit der weiblichen Lust verhalte es sich dagegen genau umgekehrt: Von Natur aus galt sie als wenig vom Trieb durchdrungen. Die Lust der Frau würde erst durch den Mann entfacht werden, dem deshalb die Aufgabe zukam, sie in die Liebe einzuführen. Freud hat diesen Prozess – wenn auch enthistorisiert und affirmativ – auf den Punkt gebracht: Das Mädchen muss schon in ihrer Kindheit, um eine richtige Frau zu werden, ihre klitorale Lust aufgeben, um dann durch den Mann zur vaginalen Lust zu gelangen, denn ansonsten läuft sie Gefahr, kein passendes Liebesobjekt für den Mann zu sein.

Geschlechtsidentität im Zeitalter der sexuellen Revolution

Ab Ende 1968 wurde die Beratung in der BRAVO modernisiert. Es wurde überhaupt erst so etwas wie eine Sexualberatung implementiert. Dafür wurde mit verschiedenen Beratern experimentiert. Der erfolgreichste war Dr. Martin Goldstein, der unter den Pseudonymen Dr. Korff und Dr. Sommer publizierte und hauptberuflich als Berater in einer evangelischen Familien- und Jugendberatungsstelle arbeitete.

Doch trotz der neuen Toleranz und des Anliegens, sich der Probleme der Jugendlichen anzunehmen und ihnen die Schuldgefühle zu nehmen, blieben die Vorstellungen über die Natur der Geschlechter und ihres Begehrens im Wesentlichen gleich, wie der Fall ›Barbara‹ zeigt, den Korff aus seiner Beratungspraxis übernommen haben will. Ein Vater hatte seine sechzehnjährige Tochter Barbara in Korffs Praxis geschickt, um sie von der Onanie zu »heilen«. Sie selber hatte große Schuldgefühle, die ihr Dr. Korff nehmen mochte: »Sie sind kerngesund! Schauen Sie! Onanie führt weder zu gesundheitlichen Schäden, noch zu späterer Frigidität.«

Jedoch hielt er trotz dieser fortschrittlichen Position an dem Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bezüglich der Funktion und der Natur der Selbstbefriedigung fest: Sei diese für den Jungen Selbstzweck und Ausdruck der natürlichen Funktion des männlichen Sexualorgans, könne bei der Onanie von Mädchen nur von einer Ersatzhandlung »für die Form von Zärtlichkeiten, die ein junges Mädchen später von dem Mann, den sie einmal lieben wird, erwarten darf« gesprochen werden. Der jungen Frau wurde zwar nun auch schon als Jugendliche eine gewisse Form eigenständiger Lust zugestanden, aber um eine wirkliche Frau zu werden, musste sie diese Form von klitoraler Befriedigung immer noch aufgeben

Laut Freud besetzt die Frau, nach dieser erzwungenen Aufgabe der aktiven Lust, mit einem Teil von dieser, sich selbst als Objekt und wünscht geliebt zu werden. Die Lust der Frau wird durch diesen Prozess zu einer Lust, die ihre Befriedigung daran findet, geliebt zu werden, statt selbst zu begehren. Ihr eigenes Begehren kann seit dem Aufkommen der Kulturindustrie im 20. Jahrhundert auf die Filmstars und später die Popstars verschoben werden. Seit in den zwanziger Jahren in den USA der Tod des Schauspielers Rudolph Valentino zu großen Ansammlungen von kreischenden Mädchen und Krawallen kam, beschäftigt die mediale Öffentlichkeit immer mal wieder das Phänomen des weiblichen Fan, der als hysterisch gilt, bei Konzerten reihenweise in Ohnmacht fällt und die Stars von den Beatles bis Take That versucht aufzuspüren. Meistens wird sich über diese Mädchen lustig gemacht, die doch nur eine gesellschaftlich akzeptierte Lösung für widersprechende Anforderungen gefunden haben. Vielfach wird sich der reale »boyfriend« als eine Verkörperung der Stars imaginiert.

In einer großen Umfrage, die 1968 von der BRAVO durchgeführt wurde, um Veränderungen bei den Jugendlichen durch die sexuelle Revolution aufzuspüren, kam unter anderem heraus, dass die Mädchen immer noch viel Zeit und Energie damit verbringen, sich ihren Traummann auszumalen. An diesen wurden widersprüchliche Erwartungen geknüpft. Gesucht wurde der »Vollmann«, der nicht nur dunkelhaarig und breitschultrig, sondern sowohl draufgängerisch, als auch zärtlich ist. Auf diese Weise imaginierte sie sich in die Rolle des begehrenswerten Objektes, das in ihren Tagträumen von ihrem nach den Stars modellierten Traumboy entdeckt und nach romantischer Liebesgeschichte zum Traualter geführt wird. Auf diese Weise nimmt das Mädchen im kulturindustriellen Zeitalter ihre gesellschaftlich gewünschte passive Rolle ein. In einem zweiten Schritt müssen die Träume, für die die BRAVO in Form der Film- und Popstars geeignete Projektionsflächen zur Verfügung hingestellt hat, auch wieder aufgegeben werden, wofür wiederum die BRAVO Beratung zuständig ist. 1968 wurde den Mädchen nahelegt, dass die von ihnen imaginierten Traumboys nicht die richtigen Heiratskandidaten wären. Die Umfrage brachte auch hervor, dass die Träume der Jungen deutlich weniger ausgefeilt waren, als die der Mädchen. Ihre Traumfrau sollte »sich hingeben, ohne sich zu zieren« und »schlank sein, mit den Kurven an den richtigen Stellen«.

Das »Erste Mal« 1968

Sexuelle Verfügbarkeit der Frauen wurde erwartet. Kein Wunder, dass ca. 70 Prozent der Mädchen angaben, dass sie das erste Mal mit einem Jungen geschlafen haben, weil sie sich unter Druck gesetzt gefühlt hätten. Heterosexueller vorehelicher Geschlechtsverkehr war zur neuen Norm geworden. Dies war die große Neuerung von 1968: Nun hatten nicht nur die meisten Jungen schon Sex vor der Ehe, sondern auch ein Großteil der Mädchen. Um an ihr Ziel zu kommen, mussten die Jungen keine planvollen, phantasievollen Verführer mehr sein, wie die Figur des Don Juan oder der Vicomte de Valmont in Gefährliche Liebschaften. Es reichten in der Regel ein eigenes Zimmer, Liebesschwüre oder das Anheizen von Verlassensängsten, wie folgendes Zitat eines Mädchens aus der Umfrage nahelegt: »Wenn ich höre, daß ein Junge mich einladen will zu sich aufs Zimmer, dann zucke ich immer zurück. Man kann sich noch so stark vorkommen, noch so viele gute Vorsätze haben. Schummeriges Licht, Musik, Liebesschwüre und ein bißchen Alkohol haben schon Stärkere weich gemacht, und dem will ich ausweichen«. Die meisten Mädchen ließen sich schnell »rumkriegen« wie man damals noch sagte. Schon dem »ersten ernsten Eroberungsversuch«, wie es in der BRAVO hieß, wurde von 55 Prozent der befragten Mädchen nachgegeben. Aber viele bereuten ihr schnelles Nachgeben auch (40 Prozent) und/oder hatten nur mit dem Jungen geschlafen, weil der Freund ihnen »ewige Treue und Liebe« geschworen hatte, was jedoch von beiden Seiten oftmals nicht eingehalten wurde. Immerhin knapp ein Drittel der Mädchen hatte es jedoch auch aus eigenen Stücken gewollt oder es aus Neugier getan.

Die alte Klarheit, so viel stellte sich nun heraus, war auf jeden Fall in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre abhandengekommen. Das »Erste Mal« – immer verstanden als das erste Mal heterosexueller Geschlechtsverkehr und nicht etwa »Küssen« oder »orale Befriedigung« – bekam nun erst seine bis heute stark aufgeladene Bedeutung. Diese neue Uneindeutigkeit machte überhaupt erst so etwas wie eine Sexualberatung notwendig, die vorher in der Form keine gesellschaftliche Relevanz gehabt hatte. Die BRAVO füllte hier eine Leerstelle, die zu diesem Zeitpunkt niemand anders ausfüllte, und war damit überaus erfolgreich. Gegen alle gesellschaftlichen Widerstände, die der Sexualberatung in der BRAVO über die Jahre entgegenschlug, konnte diese sich nicht nur über Jahrzehnte erhalten, sondern wurde immer mehr als professionelle, nach sozialpädagogischen Standards arbeitende Beratungsstelle geschätzt. Das Thema »Das Erste Mal« blieb in der BRAVO ein Dauerbrenner. Unzählige Aufklärungsserien, wie zum Beispiel »Erste Liebe. Erster Sex«, waren die Folge. Während die Jungen nun ganz ohne schlechtes Gewissen versuchen konnten, die Mädchen »rumzukriegen«, kam auf die Mädchen ein neuer Berg an Problemen zu. Sie hatten sich nun mit widersprüchlichen Vorgaben rumzuschlagen: Denn wenn sie auch mittlerweile als prüde galten, wenn sie bis zur Ehe mit dem Geschlechtsverkehr warten wollten, so hatte sich doch nichts daran geändert, dass sie bei einer Schwangerschaft die Konsequenzen zu tragen hatten und bei allzu zu großer sexueller Offenheit schnell als »Hure« galten. Beides wurde auch in der BRAVO thematisiert. Trotz der seit Mitte der sechziger Jahre zur Verfügung stehenden Pille waren ungewollte Schwangerschaften immer noch weit verbreitet. Dr. Korff spricht 1971 in einem Artikel von gut einer Millionen Abtreibungen pro Jahr in Deutschland und berichtet von einem Mädchen aus seiner Praxis, das nach einer illegalen Abtreibung fast gestorben wäre. Er lässt durchblicken, dass er für eine Liberalisierung des §218 ist.

Einige Mädchen schienen die neue sexuelle Freizügigkeit auch »falsch« verstanden zu haben. Immerhin gaben in der Umfrage von 1968 fünf Prozent der Mädchen an, beim »Ersten Mal« selbst die Initiative ergriffen zu haben. Mochte dies von besonders schüchternen Jungens auch geschätzt werden, »Weiblichen Casanovas«, wie diese Mädchen in der BRAVO tituliert wurden, wurden dagegen von Mädchen als auch von Jungen im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants nicht geschätzt.

Für die Mädchen wurde die Partnersuche auch als deutlich relevanter dargestellt, als für den Jungen, da der Ehemann ihren Status im Leben bestimmen würde: »Denn schließlich ist es ja der Beruf des Mannes, der das Milieu bestimmen wird, in dem die Frau ihr Leben verbringen soll. Vom Beruf des Mannes hängt es ab, ob sie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung oder einem Häuschen im Grünen leben werden.«

Kein Wunder also, dass die Aufklärungsseiten in der BRAVO hauptsächlich von Mädchen gelesen wurden: Sie hatten die deutlich größeren Probleme mit den neuen Freiheiten, obwohl vermeintlich gerade sie nun endgültig »befreit« zu sein schienen. Sie mussten erstmal einen neuen Umgang lernen, wo alte Gewissheiten abhandengekommen waren. In der BRAVO fanden sie Rat, wie sie mit Jungen umgehen können, die unbedingt Sex haben wollten. So wird zum Beispiel in der Aufklärungsfolge von 1968 »Wenn Mädchen noch nicht alles geben wollen« erklärt, dass die Mädchen mit Petting »ihren sexgeladenen Freund auf andere Weise ›entschärfen‹ könnten. Damit könnten die Mädchen das Problem des Zeitpunktes des »Ersten Males« nach hinten verschieben, aber letztlich müssten sie sich mit dieser Frage doch auseinandersetzen, denn auch das Petting bliebe letztendlich eine Ersatzbefriedigung, mit der sie irgendwann aufhören müssten, »um sich nicht für immer dran zu gewöhnen.« Doch auch auf die Frage, weiß die BRAVO eine Antwort: »Ab welchem Alter soll oder darf ein Mädchen sich schon wie eine Frau fühlen und den Freund auch körperlich in sich eindringen lassen? Für die sexuelle Liebe gibt es weder nach unten noch nach oben Altersgrenzen. Es gibt für Mädchen nur ein menschlich unanfechtbares Leitmotiv: Gib dich niemals hin, wenn du Angst hast! Für einen Jungen müsste dieser Satz heißen: Verführe kein Mädchen, das Angst hat! In den Entwicklungsjahren ist es für ein Mädchen nicht nur wichtig zu wissen, daß man beim anderen Geschlecht ankommt, sondern auch, daß man nichts tut, was man selbst nicht will. Das heißt: Lieber einen Freund riskieren als seine Freiheit einbüßen. Ein Mädchen sollte auch erst mal lernen, sich die Jungen vom Leib zu halten bzw. nur das zuzulassen, was es ohne Sorge tun kann.«

Wenn man dann das erste Mal miteinander schläft, soll es möglichst geschmeidig vor sich gehen. Mit einem langen Vorspiel soll das Mädchen erregt werden, denn das erste Mal präge gerade das Mädchen für das ganze Leben: »Wie läuft eine Entjungferung richtig ab? Mädchen brauchen weniger Angst vor dem Schmerz zu haben, der beim Durchdringen des Hymens (Jungfernhäutchen) entsteht: Sie sollten vielmehr Angst vor einem Partner haben, der sie auf diesen Liebesakt nicht richtig vorbereitet. Denn durch schnelles oder gewaltsames Eindringen verletzt man mehr die Seele als das Jungfernhäutchen. Das erste Erlebnis programmiert weitgehend die Empfindungen bei späteren Vereinigungen. Es ist inzwischen auch bekannt, daß ein Mädchen durch den Schreck und Schmerz beim ersten Mal gefühlskalt werden kann oder zumindest lange braucht, bis es ihr richtig Spaß macht.«

Bis es zum ersten Geschlechtsverkehr kommt, soll mit Rücksicht auf die Mädchen ein langsamer Prozess stattfinden, indem durch Zärtlichkeit und Kommunikation die Angst der Mädchen abgebaut wird. Der männliche Jugendliche müsse weiterhin lernen, sich zu disziplinieren, indem er lernt sich zurückzuhalten. Zusätzlich hat er jedoch auch ursprünglich weibliche Fähigkeiten in sich auszubilden, um den Mädchen die Angst zu nehmen. Liegt es also weitgehend in männlicher Hand für die Bereitschaft der Mädchen zum Geschlechtsverkehr zu sorgen, während diese hauptsächlich lernen müssen, in sich hineinzuhorchen, um ihre innere Bereitschaft zu spüren. Sind sie in erster Linie also zur Passivität bestimmt, so wird es zumindest als wünschenswert angesehen, wenn auch sie mehr Bereitschaft zu Aktivität aufbringen, da sie sich dann weniger ausgeliefert fühlen würden. Letztendlich hat hier tatsächlich eine Annäherung der Geschlechter stattgefunden, jedoch nur um die grundsätzliche Dichotomie aufrechtzuerhalten. Vorgeblich gibt jetzt nicht mehr die gesellschaftliche Norm an, wann ein Paar das erste Mal miteinander schläft, sondern die innerliche Bereitschaft des Mädchens, die sich in der fehlenden Angst ausdrücken würde. Da diese jedoch der Vorstellung nach nur in einer längeren Beziehung aufgebaut werden könne, die durch gegenseitiges Vertrauen bestimmt sei, wird auch nach 1968 in der BRAVO noch dem Mädchen die Disziplinierung des allseits bereiten Jungen zugeschrieben. Dem sie, wie auch schon davor, beibringen muss zu widerstehen, nicht mehr bis zur Ehe, aber zumindest bis er sich als vertrauensvoll erwiesen und sie sich auch umfassend mit dem Thema Schwangerschaft auseinandergesetzt hat.

Das »Erste Mal« 2001

Diese Form der Verinnerlichung, die hier ihren Anfang nahm, wurde im Laufe der Jahrzehnte weiter ins Selbst hinein verlagert. Gab es um 1970 noch scheinbar rationale Ängste um »Nein« zu sagen: Pille war nicht so selbstverständlich, Abtreibung gesetzlich verboten, Freund nicht zärtlich genug, so wird für das Wollen oder Nichtwollen des Mädchens 2001 in der BRAVO gar kein rationales Entscheidungskriterium mehr angeführt. Jetzt bekommt ein Mädchen, das nicht mit ihrem Freund schlafen will, weil sie sich wegen eines Muttermals hässlich findet, folgende Antwort:

»Ein Glück, dass Du das Muttermal hast, Verena! Es hat dich nämlich sehr gut davor geschützt, dich auf den Jungen einzulassen. Du hast es einfach verschoben, wenn das auch nur in deinem Kopf stattgefunden hat. Und das ist wirklich super so! (…) Es war einfach zu früh und zu schnell, wie du ja selbst schreibst. Total verständlich und gut, dass du da nicht mitgemacht hast. In Zukunft wirst du Dein Muttermal nicht brauchen, um Nein zu sagen, weil es den Jungen, der dich lieb hat, nicht im Geringsten stören wird. Und wenn du ihn länger kennst, nett findest und Dich wohl fühlst mit ihm, dann wird Dich auch Dein Muttermal nicht davon abhalten, mit ihm zu schmusen oder irgendwann mit ihm zu schlafen«

In der BRAVO von 2001 wird ein Mädchen positiv bestärkt, das dem Drängen ihres Freundes nach Sex nicht nachgegeben hat, so dass sich an der ewigen Konstellation vom drängenden Jungen und dem abwehrenden Mädchen immer noch nicht so viel verändert zu haben scheint. Aber nicht mehr die gesellschaftlichen Ansprüche werden angeführt und zum Bedürfnis des Mädchens erklärt, sondern es geht jetzt um das reine Bedürfnis. Dieses wird als unmittelbar angesehen und nicht als gesellschaftlich vermittelt.

Die Gründe, warum dem Mädchen 2001 angeraten wird, dem Jungen ein selbstbewusstes Nein entgegen zu halten, werden gar nicht mehr angeführt. Allein der Wille zählt. Es bleibt jedoch vollkommen unklar, wie dieser Wille entsteht, und somit wird die abwehrende Haltung des Mädchens ebenso wie die drängende des Jungen letztendlich ontologisiert. Auch ist es im Gegensatz zu 1968 noch schwieriger geworden, den richtigen Zeitpunkt für das erste Mal zu finden. Nicht mehr die Angst kann zum Seismographen gemacht werden, sondern ein metaphysischer Wille. In der Praxis ist das freilich längst nicht so einfach und eindeutig: Um den richtigen Moment herauszubekommen, muss das Mädchen sich ständig selbst befragen, sie muss in sich hineinhorchen und nach ihren wirklichen Bedürfnissen forschen. Mit solchen Ratschlägen propagieren die BRAVO-Kummerberater eine bestimmte Sexualität, in der die authentischen Bedürfnisse erkannt und nur diese ausgelebt werden sollen. Jedoch ist die vermeintlich verständnisvolle Sexualerziehung der Gegenwart, deren Ideale von Selbstbestimmung und partieller Bedürfnisbefriedigung bis in die Wortwahl an die Frauen- und Studentenbewegung erinnert, nicht viel emanzipatorischer als ihre offen autoritäre Varianten von vor ´68. Ging es damals darum, dass das Mädchen sich aus gesellschaftlichen Gründen zurückhalten soll, so wird das Warten nun als ihr eigenes Bedürfnis verkauft, das ins Unbewusste verdrängt wurde. Heute muss sie selbst abschätzen, in welchem Alter und welcher Phase der Liebesbeziehung sie wann und mit wie vielen Jungen welche sexuellen Spielarten ausleben will – und darf natürlich die Verhütungsmittel nicht vergessen. Damit hat sie gegenüber früher zwar einerseits formal mehr sexuelle Freiheiten, muss sich aber andererseits ständig befragen, inwieweit ihr Verhalten den nicht mehr offen ausgesprochenen, aber nichtsdestotrotz immer noch herrschenden gesellschaftlichen Normen entspricht. Was für ein Mädchen an sexueller Freizügigkeit erlaubt ist, muss sie quasi erfühlen und sensible Antennen entwickeln, damit sie zwar einerseits noch als beliebt und begehrenswert erscheint, aber auch nicht als eine, die alles mit sich machen lässt und somit als »Schlampe« gilt. Indem jedoch dieser komplizierte Prozess ausgeblendet wird und auf die Durchsetzung des Willens reduziert wird, erscheinen die sozialen Normen nicht mehr durch den äußeren Druck einer repressiven Gesellschaft durchgesetzt, sondern als das ureigene Bedürfnis. Doch diese als unmittelbar gedachten Bedürfnisse entstehen erst in der Auseinandersetzung mit der BRAVO und deren Normvorstellung. Denn nur wenn »Miteinanderschlafen« und das »erste Mal« als etwas hochaufgeladenes angesehen wird, an das man sich ein Lebtag erinnern wird, wenn nicht nur Lust, sondern auch Liebe im Spiel sein soll, dann wird es notwendigerweise zu einer schwerwiegenden Entscheidung, wann man sich diesen Frust abholt. Für Mädchen ist diese Entscheidung bis heute schwerwiegender als für Jungen. Sie haben mehr zu verlieren.

Monogamie und Treue

Mit der Aufhebung des Verbots von vorehelicher Sexualität geriet auch das bis dahin durchgesetzte Ideal der lebenslangen Treue ins Wanken. Schon in der Umfrage von `68 merkten die Redakteure der BRAVO an, dass es selbst die Mädchen nicht mehr ganz so ernst meinten mit ihren Ansprüchen an ewige Treue. Sie trennten sich nach dem ersten Sex, obwohl sie vom Freund zuvor Treueschwüre verlangt hatten. Hier kann wohl der Beginn dessen angesehen werden, was sich bis heute durchgesetzt hat: Die serielle Monogamie für beide Geschlechter als Norm, mit der Hoffnung irgendwann schon die Liebe fürs Leben zu finden, wenn auch erst in den späten Zwanzigern, frühen Dreißigern. Die Jugend gerät hier nun zur Phase des Ausprobierens, aber auch zum Einüben der Monogamie. In der BRAVO ist man hier durchaus nicht moralisch, setzt aber das Bedürfnis nach Monogamie als naturgegeben voraus, wie folgende Antwort des Dr. Sommer-Teams aus dem Jahr 2012 zeigt. Jolina, 15 hatte sich an die BRAVO gewandt, weil sie sich nach elf Monaten Beziehung mit einem Jungen, mit dem sie sich super verstehen würde, in einen anderen »verknallt« habe, und jetzt ganz durcheinander und verwirrt wäre. Das Dr. Sommer-Team rät ihr, »erst mal gar nichts zu machen und einige Dinge in Frage zu stellen. Ist die Beziehung langweilig geworden? Ist es nur der Reiz des Neuen? Will sie einfach mal wieder solo sein?« Ihr werden ganz viele Möglichkeiten aufgezeigt, nur nicht die, mit beiden Jungen gleichzeitig zusammen zu sein: »Denk mal in Ruhe über all das nach, und achte auf deine Gefühle. Wenn du magst, rede mit jemandem darüber, dem du vertraust. Irgendwann wirst du spüren, wonach dein Herz sich sehnt. Und dann weißt du, was zu tun ist. Ich wünsche dir eine Lösung, die dich glücklich macht.«

Die noch verwirrenden und nicht klar einzugrenzenden Gefühle sollen durch Nachdenken vereindeutigt werden, indem man sich selbst zum Objekt der Befragung macht. Nach der im Beratungssetting herrschenden Ideologie ist die Wahrheit der Gefühle jedoch schon immer da. In Wirklichkeit wird diese Wahrheit jedoch erst durch die Befragung hergestellt: Nur wenn davon ausgegangen wird, dass man nur einen Menschen auf einmal lieben kann, müssen beide potenziellen Liebespartner gegeneinander abgewogen werden, um sich dann zwischen ihnen zu entscheiden. Das Einüben der Treue wird hier nicht mehr als äußeres Treuegebot betrachtet, das durch die Ehe seine gesetzliche Form bekommt, sondern als innerstes Bedürfnis nach Treue, das in jeglicher Beziehung ab dem Teenageralter erwartet wird. Dafür bedurfte es vonseiten der Berater keinen moralischen Impetus mehr, sondern kann als verständnisvolle Ansprache formuliert werden, die dir bei der Suche nach deinen authentischen Gefühlen behilflich sind.

Ausblick

Nach der Jahrtausendwende sank die Auflage der BRAVO kontinuierlich. Zu ihrem 60. Jahrestag hat die BRAVO mit ihrem Konzept aus einer Mischung an Starberichterstattung und Liebes- und Sexualberatung zunehmend an Bedeutung verloren. Die Subjektivität, die sich unter anderem in der Auseinandersetzung mit der BRAVO, aber auch in den unzähligen anderen Beratungssettings entwickelt hat, hat sich weitgehend verallgemeinert. Im Beruf, in der Liebe, beim Sex, beim Essen, aber auch in der Freizeit, überall soll man sich auf die Suche nach seinen wahren Bedürfnissen machen, nach denen man sein Handeln ausrichtet. Auch wenn durch die Befragung in Abgleich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen diese Bedürfnisse überhaupt erst entstehen und den gesellschaftlichen Anforderung entsprechen. Auf diese Weise wird die Notwendigkeit einen Job zu haben ebenso zur Erfüllung eines inneren Bedürfnisses wie der monogame Lebensstil, sich gesund zu ernähren und in der Freizeit Sport zu treiben, um sich fit zu halten. Auch wenn sowohl Männer als auch Frauen diese Form der Subjektivität herausgebildet haben, ist diese noch geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Bestand das Ziel der Pädagogik bis in die sechziger Jahre hauptsächlich darin die Selbstdisziplinierung der Männer zu forcieren, weil in diesem Prozess am meisten schief gehen konnte, hat sich der Schwerpunkt der Fokussierung auf die Mädchen verlagert. Waren die Mädchen noch in den Siebzigern das selbstverständliche Bollwerk gegen die männlichen Ansprüche, gegen die zügellose Ausbreitung der Lüste, so muss dies in einem Subjektivierungsprozess mühsam erst wiederhergestellt werden. Dann ist sie mit Verweis auf ihren Willen und ihre Selbstbestimmung, sowohl für die Disziplinierung der Männer als auch für die Bevölkerungskontrolle zuständig. Natürlich wird auch dem Jungen nahegelegt, auf die Bedürfnisse des Mädchens zu achten, Empathie zu entwickeln und Verantwortung für die Verhütung zu übernehmen, aber Dreh- und Angelpunkt ist heute das Mädchen, da an ihren gesellschaftlich hergestellten Bedürfnissen das Herrschaftsinteresse leichter ansetzen kann.

Andrea Trumann

Die Autorin ist selber mit intensivem BRAVO und Dr. Sommerkonsum aufgewachsen, hat sich in der Relektüre davon aber hoffentlich emanzipiert. Weiteres zum Thema gibt es in ihrem Buch Feministische Theorie.

 

Fußnoten

  1. Dr. Vollmer, Wer ist ehrlich verliebt. Alles über Sie und Ihn, sagt Dr. Vollmer im Bravo-Knigge. Lerne richtig zu lieben, in: BRAVO, 28. März 1966.
  2. E. Meirowsky/ A. Neisser, Eine neue sexualpädagogische Statistik, in: Zeitschrift zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 12 (1912), 1-38.
  3. Dr. Peter Timm, Wenn du nicht mehr weiter weißt, in: BRAVO, 1968.
  4. Dr. Korff, Die heißen Fragen der Liebe, in: BRAVO, 1971.
  5. BRAVO-Redaktion, Was Mädchen träumen- was Mädchen erleben. Jugend und Sex 68, in: BRAVO, 29. Januar 1968 (Nr.5).
  6. BRAVO-Redaktion, Was Mädchen träumen- was Mädchen erleben. Jugend und Sex 68, in: BRAVO, 29. Januar 1968 (Nr.5).
  7. Rolf Berger und Ota Richter, Wenn Mädchen noch nicht alles geben wollen. erste Liebe erster Sex, in: BRAVO 1971 (Nr.32).
  8. Ebd.
  9. Dr. Sommer-Team, Ich mache immer einen Rückzieher. Du bist keinem Jungen ausgeliert, in: BRAVO 2001 (Nr.32).
  10. Dr. Sommer-Team, Ich bin in zwei Jungs verliebt!, in: BRAVO 2012.