Von Kulturwissenschaften und Erfahrungshorizonten

Seltsam, die beiden vorliegenden Bücher sind thematisch und formal gar nicht so weit voneinander entfernt und doch grundverschieden. Das eine ist klug, informativ und mitreißend und das andere nicht dumm, weniger informativ und etwas langweilig. Fangen wir mit dem leichteren an: Von Menschen und Außerirdischen ist eine Aufsatzsammlung, die sich aus verschiedensten Blickwinkeln der Begegnung von Mensch und Alien widmet, wobei der Untertitel »Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft« eine vage Klammer andeutet, die dann tatsächlich so naheliegende Gegenstände wie Science-Fiction-Filme und eher Überraschendes wie »echte« Entführungen durch Außerirdische und »Transterrestrik in der Renaissance« einschließt. Eigentlich spannend, sollte man meinen. Um es vorweg zu nehmen – der kulturwissenschaftliche Anspruch des Ganzen scheint hier die Crux zu sein. Bei so gut wie jedem Beitrag kamen mir recht bald nach der Vorstellung des, meist interessanten Gegenstandes, eine Reihe von Fragen in den Sinn: Wann ich denn jetzt mal was lerne oder mich vielleicht ärgere oder an jemanden denken muss, dem oder der ich diesen Aufsatz unbedingt zeigen will, weil er diese oder jene zündende Idee enthält. Nach drei oder vier Essays war ich dann schon weniger damit beschäftigt, dem Text zu folgen, als vielmehr damit zu überlegen, was hier schief läuft: Alle, die da schreiben sind offenbar gebildete Menschen, die von ihrer Sache Ahnung haben und sich sprachlich vernünftig ausdrücken können. Trotzdem ist die Lektüre eher mühsam und mehr als einmal ertappe ich mich dabei, dass ich das Buch am liebsten zur Seite legen würde.

Ich komme so ohne weiteres nicht drauf, bis ich On Rules and Monsters zur Hand nehme. Im Unterschied zum ersten muss ich dieses Buch in einem Rutsch durchlesen. Zwischendurch rufe ich jemanden an, schwärme ein wenig: Davon, dass ich dank Benjamin Moldenhauer jetzt endlich weiß, wie ich als Jugendlicher in diese ganze Horrorfilmsache reingeraten bin und warum das auch seine guten Seiten hatte. Dass ich bei Dietmar Daths Buffy-Buch schon immer das Gefühl hatte, das Adoleszenzdrama käme ein bisschen zu kurz in der Betrachtung – und hier macht es mal einer richtig. Dass ich jetzt endlich kapiert habe, was dieses »Abjekte« ist, von dem damals im Gender-Seminar immer die Rede war, weil Jakob Schmidt mir erklärt, wie es hilft, Zombiefilme besser zu verstehen. Ich gerate ins Plaudern und dann ist es zu spät zum Weiterlesen – ich muss mich morgen eben krank melden. So ein Buch ist das. Nach der Lektüre ist mir auch klar, was mich an Von Menschen und Außerirdischen so gestört hat. On Rules and Monsters ist auch eine Aufsatzsammlung, widmet sich ebenfalls mithilfe eines literatur- bzw. kulturwissenschaftlichen Instrumentariums einem Thema der Massenkultur und zwingt dabei genau so eine ziemlich bunte Textmischung zwischen zwei Buchdeckel. Von Menschen und Außerirdischen allerdings erschöpft sich schnell in der Anwendung seines Theoriebestecks. Es bleibt entweder dann stehen, wenn gezeigt wurde, dass sich eine bestimmte Betrachtungsweise auf einen Gegenstand anwenden lässt. Gegebenenfalls wird noch eine lahme Schlussfolgerung hinterher geschoben, lahm deshalb, weil sie schon in der Auswahl des theoretischen Zugangs als Motivation mitschwingt. Die Formel lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Wollen doch mal sehen, ob sich in einem beliebigen Diskurs X (Psychoanalyse, Fremdenfeindlichkeit, Zivilisationskritik etc.) anstelle eines dort zentralen Begriffs (Sex, AusländerInnen, die verheerende Moderne) auch »Alien« einsetzen lässt, und das Ganze dann immer noch einen Sinn ergibt. Okay, das funktioniert. Aber was ist die Essenz? Dass, wenn von Aliens die Rede ist, eigentlich auch immer X gemeint ist? Auf diese Weise steht in Von Menschen und Außerirdischen viel Wahres, aber nur wenig Überraschendes. Wenn im Eingangsbeitrag von Martin Engelbrecht dann das Fazit sinngemäß lautet, dass Begegnungen mit Aliens eigentlich immer Begegnungen mit Bildern sind, die Menschen sich von sich selbst machen, dann ist dem schwerlich zu widersprechen. Ein wenig genauer hätte ich es aber doch gerne gewusst. Gleiches gilt für Marie-Luise Heusers Beitrag zur Konstruktion von Bildern außerirdischen Lebens im sich verändernden Weltbild der Renaissance. Dass die Bedingungen der Möglichkeit, über ein anderes Leben als das aktuell vorgefundene menschliche zu sprechen, sich radikal ändern, wenn der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums und Krone der Schöpfung ist, konnte ich mir auch selbst denken. Hier bekomme ich es aber noch einmal ausführlich belegt – und dann ist bereits Schluss. Oft sind die in Von Menschen und Außerirdischen versammelten Texte also nur Ausstellung einer Vorgehensweise. Über den Gegenstand, an dem sich die Autorinnen und Autoren methodisch abarbeiten, erfährt man jedoch zu wenig. Darüber kann auch die Bildung von Taxonomien, wenn zum Beispiel der Vorrat von Alienbildern in SF-Filmen und -Serien oder auch die Mythologie der UFO-Entführungen in verschiedene Klassen oder Typen eingeteilt wird, nicht hinwegtäuschen. Das suggeriert zwar Über- und Einsicht, erklärt aber an sich noch nicht viel. Die Streuung in die Breite trägt ehe och dazu bei, von einer Erklärung der produktiven Spannung zwischen dem bekannten Leben und seiner Verfremdung in Gestalt des Aliens abzulenken. Was verrät uns denn das Bild, das von Menschen in einer bestimmten Lage vom vorgeblich ganz anderen entworfen wird, über deren eigenes Leben? Welche Modelle finden wir in unseren Träumen vom grenzenlosen Weltall für eine andere Existenz im Wachen? Wenn es doch angeblich bei all dem Gerede, Geschreibe und Gefilme nie wirklich um Außerirdische geht, sondern um uns – warum sprechen wir dann nicht gleich von uns? Was ist gewonnen, wenn wir uns durch Teleskope sehen und uns von uns selbst entführen und sezieren lassen? Darüber verrät Von Menschen und Außerirdischen wenig Neues.
On Rules and Monsters weiß über seinen Gegenstand – den Horror – ungleich mehr zu erzählen. Zunächst, weil die AutorInnen ganz überwiegend zunächst an eigene Erfahrungen, selbst empfundenen Schrecken und dem Bedürfnis, diese Erschütterung verstehen zu wollen, anknüpfen. Es gelingt aber in allen Beiträgen, nicht in der Fan-Perspektive zu verharren, sondern diese – als möglicherweise mit den LeserInnen geteilten Erfahrungshorizont – zum Ausgangspunkt für ein besseres Verständnis des Themas zu machen. Der Theorieaufwand übersteigt dabei an mancher Stelle durchaus die »kulturwissenschaftliche« Perspektive von Von Menschen und Außerirdischen (in dem bereits erwähnten Zombie-Beitrag von Jakob Schmidt etwa muss man durchaus ein hartes PoMo-Gender-Psychoanalyse-kritische Theorie-Rassismus-Brot mitkauen), aber es bleibt hier eben nicht bei der Demonstration einer möglichen Zugangsweise. Die Theorie dient vielmehr durchgängig als Werkzeug, mit dem Gedanken umgegraben werden. Die Konzentration auf eine Serie, eine Handvoll Filme oder eine spezifische gedankliche Figur aus dem weiten Horrorgenre in den meisten Beiträgen trägt dazu bei, dass die LeserInnenschaft am Ende auch wirklich versteht, wie die AutorInnen diese Verfremdung unseres Erlebens auf unser Erleben selbst beziehen wollen. Nicht umsonst zitieren mehrere Beiträge Dietmar Daths Hinweis aus seinem Nachdenken über die Vampirjägerin Buffy, dass Monster zunächst mal Monster seien und nicht sofort als Repräsentationen von etwas anderem verstanden werden sollten. Ansonsten beraube man sich der Möglichkeit, das Neuartige zu erkennen und zu benennen, das sich in der Kontrastierung von Bekanntem und Fremdem ereignet (und so einem anderen Leben eine schwankende Form gibt, die noch auf keinen Begriff zu bringen ist). Dass aber in On Rules and Monsters der Versuch unternommen wird, das Schillern zwischen dem, was (furchtbarerweise) ist, und dem, was (furchtbarerweise) sein könnte, in Worte zu fassen, ohne es vorschnell festzuschreiben, ist der eigentliche Verdienst dieses Bandes. Es macht ihn, für alle, die an Horror und/oder einem möglichen anderen Leben interessiert sind, zu einem höchst lohnenden Lesestoff.

Lohnend ist allemal auch die parallele Lektüre beider Bücher, zeigen sie doch zwei grundverschiedene Ansätze, sich mit dem Fantastischen in Literatur, Film und allgemein aller Lebens- und Gedankenwelten auseinander zu setzen. Sie liefern auch den Beleg dafür, dass ein Teil der in den letzten Jahren so beliebten akademischen Beschäftigung mit »Genreliteratur« und sonstigen Randbereichen der Kulturproduktion immer dann in die Sackgasse führt, wenn WissenschaftlerInnen gerade das außer Acht lassen, was einen unabdingbaren Teil der Rezeptionshaltung in diesem Metier ausmacht: affektive Reaktion oder, um ein missbrauchtes Wort zu zitieren, Betroffenheit. Dass dem Fantastischen am besten, am gewinnbringendsten beizukommen ist, wenn es als Modus einer lebendigen, spielerischen, prozesshaften und vor allem unzufriedenen Auseinandersetzung mit dem, was ist, verstanden wird – und nicht nur als Artefakt, in dem sich ein gesellschaftliches Moment verkörpert, das lehrt der Vergleich die im besten Sinne radikale Kritik. Schön, dass On Rules and Monsters dann auch noch vormacht, wie Kritik und essayistische Reflektion ein selbstreflexiver Teil dieser lebendigen Auseinandersetzung sein können, statt diese nur zu beschreiben.

Michael Schetsche/Martin Engelbrecht (Hrsg.): Von Menschen und Außerirdischen. Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft, transcript Verlag, Bielefeld 2008, 286 S., € 27,80.

Benjamin Moldenhauer, Christoph Spehr, Jörg Windszus (Hrsg.): On Rules and Monsters. Essays zu Horror, Film und Gesellschaft, Argument-Verlag, Hamburg 2008, 191 S., € 9,90.

JASPER NICOLAISEN