Sexuelle Befreiung

Drei Debatten um den Platz der Sexualität im feministischen Denken

Seit dem Ende der 1960er Jahre hat Sexualität einen zentralen Platz in feministischen Vorstellungen von Emanzipation und Befreiung. Dieser Artikel versucht anhand von Beispielen aus Frankreich, Deutschland und den USA die Sexualität im feministischen Denken zu verorten und nachzuvollziehen, welche Befreiungsstrategien aus den jeweiligen Begriffen von Sexualität abgeleitet werden, ob sie beispielsweise als Unterdrückungs- oder Befreiungsinstrument verstanden wird, als Identität oder als Praxis. Was aber meint Sexualität? Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch erinnert uns mit Michel Foucault daran, dass die Sexualität eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Der Begriff Sexualität und damit auch die Vorstellung, dass es sich dabei um ein epistemisches Ding handelt, taucht in der Botanik an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert auf. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Sexualität auch auf Menschen angewendet. Gemeint sind damit dann vor allem die biologische Reproduktion der Menschen und deren Einteilung in Männer und Frauen. Sexualität hat also eine Geschichte, die etwas mit Bevölkerungspolitik und dem Aufkommen moderner bürgerlicher Subjektivität und damit auch mit Kapitalismus zu tun hat. Mit ihrem Ursprung in der Botanik ist Sexualität als Konzept stark an Vorstellungen biologischer menschlicher Reproduktion gekoppelt. Durch diesen Diskurs wird Sexualität hergestellt und er gruppiert und normalisiert eine Reihe von Praktiken und Aspekten, die vorher nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten.

In den 1970er Jahren werden eine Reihe von wichtigen sexologischen und sexualwissenschaftlichen Studien von Feministinnen aufgenommen und feministisch gewendet. Der Körper, die Leiblichkeit, die Bestimmung und Nutzung des Körpers, Körperpraktiken spielen eine große Rolle in sexuellen Politiken, da sie Gegenstand von Verhandlungen und sozialpolitischen Kämpfen sind. 

Zwar ist diese Aufzählung nicht vollständig, aber: Sexualität taucht im feministischen Denken (im weitesten Sinne) vor allem als Trieb, Sozialstruktur, Praktik, Identität, Begehren, gesellschaftliches Verhältnis, Selbstverhältnis, Liebe auf. Um zu verstehen, wie diese völlig verschiedenen Elemente zusammenhängen könnten, bietet sich eine Aufteilung nach Perspektiven an, die eher die Gesellschaft als Ganzes und ihre Strukturen betrachten, und solche, die sich eher auf der Ebene des Individuums abspielen. An der Schnittstelle befinden sich Aspekte, die dezidiert auf beiden Ebenen angesiedelt sind. Natürlich wirken sich die gesellschaftlichen Aspekte auf die Individuen aus. Und auch die als individuell angeführten Aspektesind natürlich in gesellschaftlichen Bedingungen gemacht worden.

Die sexuelle Revolution der 68er

Diesen Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft haben auch jene versucht zu bestimmen, die in den späten 1960ern eine sogenannte sexuelle Revolution voranbringen wollten. Sie war ein Bruch, ein Aufbruch gegen die repressiven Geschlechterpolitiken der 1950er, durch welche die Frauen, die in den Kriegsjahren zentrale Stellen in der Gesellschaft eingenommen hatten, zurück an den Herd gedrängt wurden. Birgit Sauer hat dies als einen Pakt des Kapitals mit dem Patriarchat beschrieben: Wenn es schon keine soziale Teilhabe des Proletariats an der Gesellschaft gebe, so sollten die Männer doch wenigstens zu Hause der Chef sein durften. In der sozial- und politikwissenschaftlichen Literatur wird dieser Aufbruch häufig an einer Reihe von Studien festgemacht. Indes sind die Studien selbst bereits Ausdruck einer gesellschaftlichen Fragestellung, die sich offenbar für einige stellte. Zu nennen wären hier der Kinsey-Report über das sexuelle Verhalten des Mannes (1948) und das sexuelle Verhalten der Frau (1953), Das Andere Geschlecht (1949) von Simone de Beauvoir, die Studie The Human Sexual Response (1966) von Masters und Johnsons, The Nature and Evolution of Female Sexuality (1966) von Mary Jane Sherfey und The Hite Report on Female Sexualität (1976) von Shere Hite. Diese Publikationen liefern die Grundlage für feministische Kritiken an Mythen über Sex.

In der bürgerlichen Presse liest man heute häufig, dass die sexuelle Revolution durch die Pille ausgelöst worden sei. Natürlich spielt die Erfindung und Legalisierung medikamentöser Verhütung eine Rolle bei der Entkopplung von Sexualität und Prokreation. 

Jedoch ist Technologie Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und gerade was die Pille betrifft, haben zahlreiche feministische Studien dies zu Genüge belegt (Nelly Oudshoorn zu hormoneller Kontrazeption oder Anita Hardon und Janita Janssen zu Herstellung von Fruchtbarkeit). Politische und soziale Veränderungen müssen als Faktoren sowohl für die Entwicklung der Pille als auch für den Kampf um den Zugang zu ihr gelesen werden. Der sexuellen Revolution der 68er ging es um mehr als sexuelles Vergnügen, wenn dieses auch zweifelsohne eine der zentralen Forderungen war und nicht zuletzt auch die Attraktivität der Bewegung ausmachte. Einige Autor_innen der Zeit glaubten im Zusammenhang von Sexualität und Kapitalismus die Grundfesten der bürgerlichen Ordnung ausgemacht zu haben, die sie mit einer sexuellen Revolution einreißen wollten. In Reimut Reiches einflussreichem Buch Sexualität und Klassenkampf lässt sich nachvollziehen, wie die Analyse ein Dreierverhältnis von »sozioökonomischer Organisationsform, kulturellem Ausdruck und kultureller Verfestigung dieser Organisationsform und der individuellen Weise, auf beide zu reagieren, sich in sie einzupassen oder sie zu verändern« aufspannt.

Feministische Kritiken der sexuellen Befreiung

Einige Frauen beschrieben die sexuelle Befreiung in den Hippie-Kreisen als ernüchternde Erfahrung, die sich um alles andere als um ihre Lust drehte. Die Frauenbewegungen können auch insofern als Reaktion auf die Verfehlungen dieser sexuellen Revolution gelesen werden, als dass die Idee menschlicher Befreiung zwar die Befreiung von Frauen denkbar machte, sie aber in der konkreten Praxis nicht einlöste. Es kam zum berühmten Tomatenwurf seitens des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen auf einer Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt; auch in Frankreich kamen Frauen aus linken Kreisen zusammen, um über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen und die geteilten Erfahrungen als gesellschaftliche Struktur kritisieren zu können. Es ist also ein komplexes Verhältnis, in welchem die neue Frauenbewegung entsteht – aus der neuen Linken heraus und dennoch in mancher Hinsicht in Abgrenzung zu ihr. Neben Hausarbeit, Gewalt, Kinderbetreuung, ökonomischer Ausbeutung, ideologischer Mutterschaft, Geschlechterrollen und politischer Partizipation steht Sexualität gleich von Anfang an im Zentrum der politischen Themen. In Deutschland ist natürlich nicht Der kleine Unterschied und seine großen Folgen von Alice Schwarzer zu vergessen. Das Buch beinhaltet 17 Interviews mit Frauen über deren Erfahrungen, aus denen Schwarzer ableitet, dass Sexualität Dreh- und Angelpunkt männlicher Herrschaft ist. »Sexualität ist zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen.«

Doch ist mit Sexualität nicht immer dasselbe gemeint, nicht mal in der feministischen Kritik der sexuellen Revolution und in den feministischen Debatten um Sexualität. Um sich dem komplexen Thema zu nähern, stelle ich drei Debatten vor, die ich jeweils einem der drei Kontexte entnommenen habe, um die zentralen Konflikte, Fragen und Themen im Bereich Sexualität im feministischen Denken zu erfassen. Für den deutschen Kontext steht der sogenannte Tuntenstreit in der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) und für den französischen Kontext die Diskussion um Lesbischsein als revolutionärer Praxis. Stellvertretend für die Debatten in den USA schließlich werden die sogenannten feministischen Sex Wars in den Blick gerückt.

Der Tuntenstreit

Nach der Reform des Paragraphen 175 und ausgelöst durch Rosa von Praunheims und Martin Danneckers Film Nicht der Homosexuelle ist Pervers sondern die Situation in der er lebt (1971) organisierten sich zum ersten Mal Homosexuelle offiziell und legal in der BRD. Es entstand die HAW, eine der größten Organisationen in West-Deutschland, die 1973 das erste Pfingst-Treffen und im Rahmen dieses Treffens die erste Berliner Homosexuellen-Demo veranstaltete. Zu dieser Demo waren auch Aktivist_innen aus Frankreich und Italien gekommen vom Front homosexuel d’action révolutionnaire (F.H.A.R., 1971 gegründet) und vom FUORI, dem Fronte Unitario Omosessuale Rivoluzionario Italianoder bereits 1970 aktiv und tonangebend für die europäische Homosexuellenbewegung war. Die Kleidung und das Auftreten einiger der französischen und italienischen Aktivist_innen wurde von einigen HAW-Teilnehmer_innen der Demo kritisiert, was zu einer folgenreichen Auseinandersetzung führte. 

Nach der Demo bildete sich in der HAW eine Gruppe, die sich von den Französ_innen und Italiener_innen inspiriert fühlte und sich »die Feministen« nannte. Sie positionierten sich gegen eine Toleranz- und Minderheitenpolitik und forderten, dass es auch in der Schwulenszene eine Auseinandersetzung mit dominanter Männlichkeit und Geschlechterverhältnissen geben müsse. Es ging ihnen einerseits darum, Sexualität und Geschlecht als miteinander verwobene Verhältnisse zu begreifen. Andererseits folgerten sie daraus, dass eine Politik der Sichtbarkeit notwendig sei, eine Politik des Coming Out, die nicht versucht die Bevölkerung zu versichern im Sinne von »Wir sind eigentlich wie Ihr«. Stattdessen brauche es eine Politik, die grundsätzlich die Einteilung von Menschen in Frauen und Männer, in Homos und Heteros bekämpft und konsequenterweise mit der Frauenbewegung Hand in Hand geht. 

Drei Artikel aus dem Tuntenstreit, zunächst im Kursbuch und in der Prokla abgedruckt, sind 1975 im Verlag Rosa Winkel als Broschüre veröffentlicht worden und bilden drei unterschiedliche Positionen ab. Zum einen gibt es die Feministen, für die Geschlechterverhältnisse und Sexualität ein und dasselbe Verhältnis zu sein scheinen, welches abgeschafft werden muss, um dem bürgerlichen Kapitalismus die Grundlage zu entreißen oder ihn immerhin stark zu erschüttern. Da in Frankreich der F.H.A.R. ziemlich direkt aus der Frauenbewegung, dem Mouvement de libération des Femmes (MLF), hervorgegangen ist, verwundert es wenig, dass in den Analysen von Guy Hocquenghem und anderen Aktivisten des F.H.A.R., die die Feministen der HAW inspirierten, Geschlechterverhältnisse zentral gesetzt werden. Eine zweite Position bildeten jene von Cristina Perincioli »Schulungsmarxisten« genannten sozialistischen Mitglieder, die eine Homosexuellenbefreiung nur über den Klassenkampf und den Sozialismus für möglich oder wünschenswert halten. Für sie hängen Sexualität und Geschlecht untrennbar mit der ökonomischen Organisation in einer Weise zusammen, die notwendig über die Veränderung der politischen Ökonomie angegriffen werden müsse. Die Schwulenbewegung sollte also konsequent in der Arbeiterbewegung aufgehen und als ein klassischer Hauptwiderspruch der Klassenverhältnisse gesehen werden. Eine dritte Position war jene, die vor allem Anerkennung und Toleranz gegenüber Schwulen erkämpfen möchte und die Verbindungen mit Geschlecht und Klasse zwar nicht leugnet, aber für strategisch unklug hielt. Sie werden manchmal angepasste Schwule genannt, die Minderheitenpolitik machen würden.

Marxismus ist eindeutig die intellektuelle Folie auf der der Tuntenstreit stattfindet. Im Tuntenstreit wird also einerseits diskutiert, ob Schwulenunterdrückung notwendiger Bestandteil der Klassenherrschaft ist oder ob im Gegenteil der Kapitalismus derart in Richtung Gleichmachung wirkt, dass dabei notwendig Schwulenemanzipation als Homosexuelle, wenn auch nicht als Menschen an sich, herauskommt.

Die homosexuellen Frauen in der HAW haben sich recht früh im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ) selbst organisiert und sich eher der Frauenbewegung zugewendet. In ihren Äußerungen zum Tuntenstreit findet sich häufig Unverständnis gegenüber der Weiblichkeit von Tunten, die genau solche Formen von Weiblichkeit reproduziert, von der die Frauen sich gerade zu befreien suchten.

Lesbianismus als feministische Befreiung

Die zweite Diskussion, die ich vorstellen möchte, betrifft die lesbische Bewegung in Frankreich. In Frankreich fing die lesbische Organisierung mit der Frauenbewegung zu Beginn der 1970er Jahre an. Bereits im Mai 1972 auf einer Tagung zu Gewalt gegen Frauen wird von einer Gruppe ein Flyer verteilt auf dem Lesben beschrieben werden als »Frauen die sich weigern sich dem Gesetz der phallokratischen und heterorepressiven (hétéroflic) Männer zu unterwerfen.« Bis zum Ende der 1970er bilden sich 25 lesbische Gruppen in Frankreich. 1980 kommt es zum großen Bruch, den man anhand von zwei Schlüsseltexten, die in der Zeitschrift Questions Feministen veröffentlicht wurden, beschreiben kann. In ihrem Artikel La pensée straight (Das straighte Denken) beschreibt Monique Wittig den heterosexuellen Vertrag damit, dass Sozialisierung in der Gesellschaft notwendig immer heterosexuelle Sozialisierung bedeuten würde. Entweder Du wirst straight oder Du wirst überhaupt nicht. Diese theoretische Figur wird später von Judith Butler für ihre heterosexuelle Matrix herangezogen. Wittig aber folgert anders als Butler, dass damit die Position Frau nur im heterosexuellen Ausbeutungskontext Sinn machen würde und jene Frauen, die diesem Ausbeutungsverhältnis entkommen, keine Frauen mehr seien. Eine Frau ist für Wittig definiert als eine vom Mann abhängige Person. Sie schließt mit der viel zitierten Bemerkung, dass demnach Lesben keine Frauen seien. 

Emmanuelle de Lesseps wiederum fragt in ihrem Artikel Heterosexualität und Feminismus, ob sexuelle Praktiken oder nicht Praktiken eine politische Entscheidung sein können. In einer ausführlichen Kritik an Jill Johnstons Buch Lesbian Nation verteidigt sie das Recht von Frauen auf Begehren und Vergnügen und kritisiert die Reduzierung von Lesbischsein auf eine politische antipatriarchale Strategie. Sie unterscheidet zwischen echten Lesben und Neulesben, die es nur aus politischen Gründen seien. Angesichts einer patriarchalen Situation in der Frauen eher begehrtes Objekt als begehrendes Subjekt seien, vertritt Lesseps, dass an sich schon feministisch sei, sich für das Recht auf ein eigenes Begehren und eigene Lust einzusetzen, egal auf wen es sich richtet.

Während eines großen Lesbentreffens am 21. und 22. Juni 1980 in Paris eskaliert der Konflikt. Die Gruppe Lesben von Jussieu organisiert eine Demo mit Transparenten auf denen steht: »Lesbische Kriegerinnen gegen die Männerklasse« oder »Vergewaltigung ist ein politisches Verbrechen gegen die Frauenklasse«. Auf einem dort verteilten Flyer liest man, dass Lesbianismus »eine politische Widerstandspraxis gegen die Macht der Männerklasse« sei. Der Term Geschlechterklassen bzw. Frauen- oder Männerklasse ist in diesen Texten allgegenwärtig. Damit ist deutlich, dass sich die hier organisierten radikalen Lesben ganz klar in die dominierende Analyse der Frauenbewegung Frankreichs einschreiben, welche mit diesen Termini operiert. Im April 1981 wird die Radikale Leobenfront gegründet, der in einem Brief an die feministische Bewegung schreibt, er wolle »die Logik des radikalen Feminismus konsequent zu Ende denken«. Wieso haben dann andere radikale Feministinnen damit ein Problem, wo doch alle auf der gleichen theoretischen Grundlage argumentieren?

Um dies zu verstehen, müssen zwei Fragen beantwortet werden. Die erste ist: Was ist eine Lesbe? Die zweite Frage ist die nach der Wahl, lesbisch zu sein oder nicht. Zur ersten Frage ist es wichtig, sich an Wittigs Analyse zu erinnern: Eine Frau ist demnach bestimmt über die Abhängigkeit vom Mann und die Lesbe definiert sich über ihre Unabhängigkeit vom Mann. Oder wie Michèle Larrouy es mit Bezug auf den erwähnten Flyer, auf dem stand, dass alle Frauen Lesben werden müssten, beschreibt: Es ging dabei nicht darum, dass alle Frauen mit Frauen Sex haben müssten, sondern darum »solidarisch in einer separatistischen Bewegung« zu sein. Diese Form von Lesbischsein stellt offensichtlich eher ein politisches Bewusstsein ins Zentrum als die sexuelle Praxis, was dazu beiträgt, dass für viele Feministinnen Lesben zur Avantgarde der feministischen Bewegung werden, wo sie Ende der 1960er noch das schmutzige Geheimnis waren. Das beschreibt auch Sabine Hark in ihrem Buch Deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität. Ob sie nun die Avantgarde sind oder einfach nur feministische Theorie logisch weiterdenken: Lesbischsein in dieser Sichtweise ist keine sexuelle Identität sondern eine politische Haltung. Wenn wie oben beschrieben, das sexuelle Begehren der Frau, egal auf wen es sich richtet, verteidigt werden soll, so sprechen wir über Lesbischsein als sexuelles Begehren, wohingegen die Wittigsche Perspektive über Lesbischsein als politische Positionierung spricht.

Drei Bedeutungsebenen von Sexualität überkreuzen sich hier: sexuelles Begehren, sexuelle Praxis und Sexualität als Herrschaftsinstrument. Jeder einzelne Strang ist komplex. Jenen, die das individuelle sexuelle Begehren gegen das Lesbischsein als politische Position verteidigen wollen, kann entgegnet werden, dass Begehren politisch und sozial geworden und nicht etwa natürlich gegeben ist. Dem Lesbischsein als politischer Position wurde entgegnet, dass sie damit jene Lesben unsichtbar machen, die ihre sexuelle Praxis gegen Diskriminierung verteidigen müssen. Und diesen in der Diskussion »Disko-Lesben« genannten Lesben (in Deutschland hießen sie Lesben aus dem Sub, also aus der Subkultur), die ihre sexuelle Praxis nicht politisch vereinnahmt sehen wollten, wurde entgegnet individualistisch zu agieren und sich nicht mit dem feministischen Kampf solidarisch zu erklären, obwohl sie als lesbische Frauen unter demselben Patriarchat zu leiden hätten.

Die feministischen Sex Wars

Die dritte Diskussion, die ich hier exemplarisch vorstellen möchte, ist eine Debatte aus den USA, die zum Beginn der 1980er Jahre geführt wurde und unter dem Namen feministische Sex Wars in die Geschichte feministischen Denkens eingegangen ist. Sie entstand als eine Diskussion um Pornographie, lesbische SM-Subkultur und butch-/fem-Rollen. 1981 wurde der zwölfte Band der Zeitschrift Heresies herausgegeben, der bereits eine Explosion der Themen um Sexualität darstellt. Im gleichen Jahr wurde eine Tagung am Barnard Women’s College unter der Leitung von Carol Vance vorbreitet, die neunte Ausgabe einer jährlichen Reihe mit dem Titel The Feminist and the Scholar, die für 1982 unter dem Thema »Towards a Politics of Sexuality« stattfinden sollte. In den letzten Jahren der 1970er hatte sich ein Konflikt zwischen Feministinnen entwickelt; auf der einen Seite standen diejenigen, die sich gegen Gewalt gegen Frauen am Beispiel der Pornographie engagierten und auf der anderen jene Feministinnen zum Beispiel in der lesbischen Subkultur, die sich um sadomasochistischen Sex organisierten. Die Konferenz sollte im Kontext dieser sich zuspitzenden Konfliktlage in den feministischen Diskussionen in den USA stattfinden. Die Anti-Porn-Fraktion mit Gruppen wie Women Against Pornographie (WAP) oder Women Against Violence Against Women (WAVAW), stellte sadomasochistische Praxen als per se patriarchal dar und kooperierte mit konservativen und religiösen gesellschaftlichen Kräften, um ein Pornographie-Verbot zu erstreiten. Sie wollten der zum Ende der 1970er Jahre etwas abgeebbten feministischen Bewegung durch eine Kampagne gegen Pornographie zu neuem Schwung verhelfen. Auf der Grundlage dieser Argumentationen fanden Razzien in schwullesbischen Buchläden statt, wurden Ausstellungen mit Aktfotographie verboten (z.B. von Robert Mapplethorpe) und Zeitschriften zensiert. Dagegen sprachen sich Gruppen wie Samois, Lesbian Sex Mafia oder No More Nice Girls aus, die sich auf die Seite sexueller Subkulturen, Sexarbeiterinnen und alternativer sexueller Kulturen positionierten und der anderen Fraktion Prüderie und Sittenterror vorwarfen. Beide Fraktionen bezeichneten sich gegenseitig als antifeministisch, als Ausdruck der neuen konservativen Reagan-Ära. In beiden Fraktionen waren sowohl heterosexuelle als auch lesbische Feministinnen.

Die Vorbereitungsgruppe der Barnard-Konferenz wollte eine differenzierte Diskussion um Sexualität im Spannungsfeld von Lust und Gefahr ermöglichen, lud aber zur Vorbereitung niemanden aus dem Antipornographie-Umfeld ein. Noch bevor die Tagung überhaupt stattfand, wurden der Universitätsleiter und die Leiterin der Helen-Rubinstein-Stiftung, welche die Tagung förderte, telefonisch darüber informiert, dass auf der Tagung unsittliche Themen und Personen vorkommen würden. Dies hatte zur Folge, dass am Konferenztag das Programm, ein liebevoll gestaltetes »Tagebuch« mit Auszügen aus der Vorbereitung und Literaturhinweisen zu den Tagungsthemen sowie künstlerischen Illustrationen, Zeichnungen und Fotos, von der College-Leitung konfisziert wurde. Am Konferenztag selbst erwartete die Teilnehmenden ein Begrüßungs-Komitee der WAVAW, WAP und den New York Radikal Feminists in T-Shirts mit dem Aufdruck vorne »Für eine feministische Sexualität« und hinten »gegen SM«. Sie verteilten Flyer, auf denen einzelne Vortragende und Workshopleitende namentlich denunziert wurden, darunter Pat Califia, Ellen Willis und Dorothy Allison, die als frauenfeindliche Antifeministinnen dargestellt wurden: »This glorification of dominance and submission carried to the point of explicit violence and degradation of minorities is nothing less than sexual facism.«

Neben den hohen persönlichen Kosten hatte diese Auseinandersetzung auch politische Kosten für das feministische Denken. Bis zur Tagung finden wir eine reiche und vielfältige Diskussion darüber, welchen Platz Sexualität im feministischen Denken haben könnte. Diese Diskussion hatte das Potential, der Konstruktion von Sexualität als Machttechnologie, wie Foucault sie beschrieben hat, auf die Schliche zu kommen und ihr eine mächtige Kritik entgegenzustellen. Die Sex Wars polarisierten die Positionen derart, dass die mit Heresiesund der Barnard-Konferenz begonnene Diskussion so nicht weiter geführt werden konnte. Die Konsequenzen davon spüren wir im feministischen Denken bis heute.

Für Gayle Rubin, eine an den Sex Wars Beteiligte, waren diese Auseinandersetzungen Grund genug in ihrem 1984 veröffentlichten Artikel Thinking Sex eine relative Trennung der Forschungsfelder zu Geschlecht und zu Sexualität zu fordern. Ihr Artikel kann dahingehend als Reaktion auf diese Debatten und Auseinandersetzungen betrachtet werden, als dass sie darin die Begrenztheit von auf Geschlecht fokussierten Perspektiven auf Sexualität feststellt und stattdessen fordert, dass Sexualität selbst als Vektor von Unterdrückung anerkannt werden sollte. Damit meint sie konkret, dass es einen wie sie es nennt »charmed circle« von gesellschaftlich anerkannten und gut geheißenen Sexualitäten gebe (vor allem ehelicher, heterosexueller, vanilla, nicht-kommerzieller Sex), während eine Reihe von anderen Sexualitäten marginalisiert würden (Sex mit mehreren Partner_innen, promisker Sex, kommerzieller, SM, usw.). Einige interpretierten Rubins Intervention in dem Sinne, dass sie Zusammenhänge zwischen Sexualität und Geschlecht leugnen würde. Im Kontext der Sex Wars betrachtet, lässt sich besser verstehen, worauf Rubin mit ihrem Einsatz hinaus wollte: Geschlecht stellt nur eine Perspektive unter vielen anderen auf Sexualität dar. Doch verweist diese Kontroverse darauf, dass innerhalb des feministischen Denkens keinesfalls Einigkeit über den Zusammenhang von Sexualität und Geschlecht besteht.

Sexuelle Modernität

Bei all dieser Verschiedenheit haben die dargestellten Vorstellungen eins gemeinsam: Sexualität ist, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, an Befreiung gebunden. Ob sich von oder durch Sexualität befreit wird, oder ob gar die Sexualität selbst befreit werden muss, in jedem Fall hat Befreiung etwas mit Sexualität zu tun. Meines Erachtens verweist dieser Umstand auf das modernistische Erbe all dieser Vorstellungen von Sexualität. 

Folgt man Foucaults Arbeit, so geht es darum König Sex abzusetzen, die Zentralität der Sexualität für moderne Subjektivität zu hinterfragen und Identitätspolitiken zugunsten von Lustpolitiken aufzugeben. Denn sie ist die Essenz des modernistischen Subjektivitätsprojektes, ein medizinisches und polizeiliches, also ein pathologisierendes, kriminalisierendes, normalisierendes Projekt. Das moderne politische Subjekt hat eine zusammenhängende, verstehbare Sexualität, die es bestmöglich darstellt und zeigt und die im Übrigen auf sein sexuelles Begehren abgestimmt sein muss, das sich wiederum auf eine bestimmte sexuelle Kultur beziehen muss. Und all dies ist die Grundlage dafür, ein anerkanntes und respektables Mitglied der modernen Gesellschaft sein zu können. Diese Vorstellung ein Subjekt in der Welt zu sein, ist einer bestimmten historischen Zeit entsprungen und damit von dieser Zeit geprägt. Das heißt aber auch, dass es vielleicht nicht die einzige Art ist, auf der Welt zu sein. Die medizinische und juristische Herstellung von Homo- und Heterosexualität ist selbst Ausdruck einer scheinbaren Notwendigkeit, die an Sexualität festgemachte und als gefährlich empfundene »menschliche Natur« in Identitäten einzudämmen. Dabei wird diese abgrenzbare menschliche Natur damit erst hergestellt.

Theodor W. Adorno und Max Horkheimer beschreiben ausführlich die Problematik dieserDialektik der Aufklärung. Die aufklärerische Vernunft, die vorgibt den Menschen aus seiner Unmündigkeit zu emanzipieren, ist ein ambivalentes Projekt insofern sie sich in Abgrenzung zur als Bedrohung empfunden Natur konstruiert. »Die Herrschaft über die Natur reproduziert sich innerhalb der Menschheit.« Das moderne Projekt entstand mit der französischen Revolution als Verspechen auf Gleichheit und menschliche Existenzbedingungen. Mit dem Aufstieg des Bürgertums zur neuen Herrschaft entstand ein unüberwindlicher Widerspruch, der im Aufklärungsprojekt bereits angelegt war. Die instrumentelle Vernunft, die scheinbar frei von Affekten als reine Technik die Welt kategorisiert, ist auch frei von Empathie für die von ihr Kategorisierten.

Cornelia Möser

Die Autorin forscht zu Sexualität und Subjektvorstellungen im feministischen und queeren Denken in Frankreich, Deutschland und den USA ab den 1960er Jahren.

 

Fußnoten

  1. Volkmar Sigusch, Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Frankfurt a.M. 2014.
  2. Hans-Jörg Rheinberger, Toward a History of Epistemic Things, Stanford 1997.
  3. Zu der Reihe von Studien gehören: Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia Sexualis, Stuttgart 1886; Magnus Hirschfeld, Der urnische Mensch, Leipzig 1903; ders., Berlins Drittes Geschlecht, Berlin/Leipzig 1904.; ders., Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem casuistischem und historischem Material, Berlin 1910; Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Reprint 1961, Frankfurt a.M. 1905. Um einiges später: John Moneyand/Anke A. Ehrhardt, Man & woman, boy & girl: the differentiation and dimorphism of gender identity from conception to maturit, Baltimore 1972; Robert Stoller, Sex and Gender: On the Development of Masculinity and Femininity, New York City 1968.
  4. Der Term sexuelle Revolution ist geprägt von Wilhelm Reich und dessen 1945 veröffentlichtem Werk »The Sexual Revolution«, im deutschen mit »Die Sexualität im Kulturkampf« deutlich weniger sexy übersetzt.Der Term sexuelle Revolution ist geprägt von Wilhelm Reich und dessen 1945 veröffentlichtem Werk »The Sexual Revolution«, im deutschen mit »Die Sexualität im Kulturkampf« deutlich weniger sexy übersetzt.
  5. Birgit Sauer, Geschlechtsspezifische Gewaltmäßigkeit rechtsstaatlicher Arrangements und wohlfahrtsstaatlicher Institutionalisierungen. Staatsbezogene Überlegungen einer geschlechtersensiblen politikwissenschaftlichen Perspektive, in: Reinhild Schäfer/Regina-Maria Dackweiler (Hrsg.), Gewalt-Verhältnisse. Feministische Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt, Frankfurt a.M. 2002, 81-106.
  6. Anne Koedt, Myth oft the Vaginal Orgasm, in: New York Radical Women, Notes from the First Year, New York 1968; Ti-Grace Atkinson, The Instution of Sexual Intercourse, in: New York Radical Women. Notes from the Second Year, New York 1969; Kate Millet, Sexual Politics. A Manifesto for a Sexual Revolution, in: ebd., Adrienne Rich, Compulsory heterosexuality and lesbian existence,in: Signs: Journal of Women in Culture and Society, Chicago 1980; Audre Lorde, The Use oft he Erotic as Power, in: Sister Outsider, Berkeley 1984.
  7. Reimut Reiche, Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Probleme sozialistischer Politik, Berlin 1968.
  8. Vgl. ebd., 36.
  9. Siehe auch: Kristina Schulz, Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976. Frankfurt a.M. 2002.
  10. Alice Schwarzer, Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen: Frauen über sich; Beginn einer Befreiung. 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1975, 17.
  11. Siehe auch: Patsy L’amour laLove, »Raus aus den Klappen – Rein in die Straßen«– Schwule Politiken in der Homosexuellen Aktion Westberlin von 1971 bis 1976. Abschlussarbeit Master of Arts, Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin Vorgelegt am 13. August 2012. [xii]Claudie Lesselier, Les regroupements de lesbiennes dans le mouvement féministe parisien: positions et problèmes, 1970-1982, In GEF (dir.), Crise de la société, féminisme, changement. Paris: Tierce 1991, 91.
  12. Monique Wittig, Le penseé straight, in: Questions Féministes 7 (1980), 53.
  13. Monique Wittig, Le penseé straight, in: Questions Féministes 7 (1980), 53.
  14. Jill Johnston, Lesben Nation. Die feministische Lösung, Berlin 1976.
  15. Lesselier, Les regroupements de lesbiennes , 96.
  16. Michèle Larrouy, Féminisme / Lesbianisme, in: ebd., 73.
  17. Sabine Hark, Deviante Subjekte: die paradoxe Politik der Identität, Opladen 1996.
  18. Aus dem dort verteilten Flugblatt, eingesehen in den Lesbian Herstory Archives, nachgedruckt in : Notes and Letters, Feminist Studies, Vol. 9, No. 1 (1983), 177-189, 180.
  19. Gayle Rubin, Thinking Sex, in: Carole S. Vance, Pleasure and danger: exploring female sexuality, Boston 1984.
  20. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Gesammelte Schriften 3, Darmstadt 1998, 130.