Russischer Nationalismus

Der postsowjetische politische Diskurs und die neue faschistische Gefahr

Die Intervention Moskaus im Kaukasus vom August 2008 hat noch einmal die wachsende Bedeutung nationalistischer Elemente in der Ideologie, öffentlichen Diskussion und außenpolitischen Doktrin Russlands deutlich gemacht. Mit fast einhelliger Zustimmung der russischen Bevölkerung ließ sich der Kreml auf ein militärisches Abenteuer ein, dessen negative Nachwirkungen in den Beziehungen Russlands zu seinen Partnern in Europa und Asien jeglichen Gewinn übersteigen, den Moskau aus der faktischen Annexion Südossetiens und Abchasiens zu ziehen vermag.

Die Ursprünge des neuen russischen Nationalismus

Die Wurzeln des in Russland aktuell erstarkenden Nationalismus sind dreifacher Art: prä-sowjetisch, sowjetisch und post-sowjetisch. Die Vorstellung Moskaus als »Drittes Rom«, so die Vorstellung einer bestimmten »russischen Mission« in der Weltgeschichte, ist mehrere Jahrhunderte alt. Russischer Nationalismus war seit den dreißiger Jahren – im Gegensatz zu einem verbreiteten Glauben im Westen – ein wichtiges Element der sowjetischen Ideologie. Wie bereits im frühen 19. Jahrhundert, als Moskau so genannte slavophile Ideen des deutschen Nativismus adaptierte, waren und sind die verschiedenen aktuellen nationalistischen Bewegungen in Russland auf ideologische Importe aus dem Westen angewiesen. Ein weiterer gewichtiger Faktor für das Wiederaufleben nationaler Ideen liegt in der an sowjetischen Schulen und Universitäten vermittelten dualistischen Weltsicht begründet, die scharf zwischen »uns« und »denen« unterscheidet. Obwohl sich die Definitionen des »Wir« und des »Anderen« verändern mussten, haben einige sowjetische Stereotype, beispielsweise die USA betreffend, die Glasnost-Ära bis heute überdauert.

Eine neue Sensibilisierung bezüglich faschistischer Tendenzen?

Angesichts der eskalierenden rassistischen Gewalt und politischen Aktionen gegen MigrantInnen hat die Diskussion faschistischer Tendenzen in den russischen Medien heute einen neuen Höhepunkt erreicht. Die aktuelle Diskussion weist Parallelen zu Debatten Mitte der neunziger Jahre auf. Damals führten die Konfrontation zwischen Präsident Boris Jelzin und der sog. »unversöhnlichen Opposition«, die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Oktober 1993 in Moskau, der Aufstieg Wladimir Shirinowskijs, das Auftauchen neonazistischer Parteien sowie der erste Tschetschenien-Krieg zu Warnungen vor einem »Weimarer Russland«. Wenngleich dieses Konstrukt in den letzten Jahren nur in wenigen Kommentaren bemüht wurde, ist die aktuelle Mediendebatte teilweise von einem ähnlichen Alarmismus geprägt.

Es ist zu begrüßen, dass die zunehmenden rechtsradikalen Tendenzen in der Parteienlandschaft und Jugendkultur, nachdem sie von der russischen Öffentlichkeit lange Zeit ignoriert wurden, mittlerweile zumindest teilweise zur Kenntnis genommen und Gegenmaßnahmen debattiert werden. Sogar die russischen Gerichte, bekannt für nationalistisch-tendenziöse Rechtsprechung, beugen sich mehr und mehr dem Druck der Öffentlichkeit (bzw. Präsidialadministration) und wenden den Fremdenfeindlichkeitsparagrafen des russischen Strafrechts häufiger an als noch in den neunziger Jahren.

Weitere viel versprechende Entwicklungen waren die scharfen Reaktionen von Regierungsstellen auf eine fremdenfeindliche Kampagne der Parteienallianz Rodina (Vaterland) im Vorfeld der Wahlen zum Moskauer Stadtparlament 2005 und verschiedene Maßnahmen gegen die oft tödlichen Naziskinhead-Angriffe gegen ImmigrantInnen und Gaststudierende. In den diesbezüglichen offiziellen Stellungnahmen wird sich bisweilen auf das »antifaschistische Erbe« der Sowjetunion und die vorgeblich tief verwurzelte Aversion des russischen Volks gegen den Faschismus berufen.

Ambivalente Reaktionen

Trotz solch ermutigender Signale nehmen die vom Kreml kontrollierten Massenmedien letztlich eine ambivalente Haltung gegenüber rechtsradikalen Tendenzen ein. Wenngleich offener Antisemitismus und gewaltförmiger Rassismus mittlerweile öffentlich kritisiert und gebrandmarkt werden, bleiben xenophobe Muster fester Bestandteil der Auslandsberichterstattung und politischer Kommentare. Neben den traditionell starken antiwestlichen, antibaltischen, antiziganistischen und antipolnischen Reflexen, wird dies in zunehmendem Maße an Vorurteilen gegen UkrainerInnen, KaukasierInnen und zuletzt besonders gegen GeogierInnen deutlich. Platz eins unter den von den staatlich kontrollierten Massenmedien projizierten »Feinden Russlands« halten fraglos die USA. Ein primitiver und abgrundtiefer Antiamerikanismus wird allwöchentlich in Primetime-Politshows wie Odnako (»Dennoch«, moderiert von Michail Leontjew), Realnaja politika (»Realpolitik», moderiert von Gleb Pawlowskij) oder Post Scriptum (moderiert von Alexej Puschkow) propagiert. Der Antiamerikanismus wird zum außenpolitischen Paradigma in welchem die USA für den großen Teil der Missgeschicke und Fehlschläge der jüngeren Geschichte nicht nur Russlands, sondern der gesamten Welt verantwortlich gemacht werden. Der US-amerikanischen Gesellschaft fällt dabei die Rolle des »negativen Anderen« der russischen Kultur zu.

Interessanterweise ist Deutschland – als jenes Land, das Russland in der jüngeren Geschichte den größten Schaden zugefügt hat – häufig von dieser paranoiden Wahrnehmung der Welt ausgenommen. Dies hängt nicht zuletzt mit entsprechenden Präferenzen Putins zusammen und ist eine Sichtweise, die durch die »unorthodoxe« Russland-Politik des deutschen Ex-Kanzlers Gerhard Schröders geschürt wurde.

Darüber hinaus werden der Regierung nahestehende ultranationalistische Gruppen, trotz zunehmender öffentlicher Kritik an der Rechten, von entsprechenden Kampagnen des Kremls ausgenommen. Dies gilt etwa für Shirinowskijs so genannte Liberal-Demokratische Partei, obwohl viele Äußerungen Shirinowskijs und seines Anhangs ähnlich xenophoben Hass in der Bevölkerung schüren wie die vom Staat verfolgten Gruppierungen. In seinem notorischen Pamphlet »Der letzte Sprung nach Süden« von 1993 beispielsweise, beschuldigt der studierte Turkologe Shirinowskij die »Südler« (d.h. vor allem das muslimisch geprägte Asien), für die meisten historischen und aktuellen Probleme Russlands verantwortlich zu sein und schlägt als konkrete Maßnahme die Einverleibung der Türkei, des Irans und Afghanistans in ein neu zu errichtendes russisches Imperium vor. Nichtsdestotrotz wurde diesem Mann, der im September 1995 vor laufenden Kameras die Parlamentsabgeordnete Jewgenija Tischkowskaja körperlich angegriffen hatte, 2006 von Putin persönlich der »Orden für die Verdienste um das Vaterland« Vierten Grades verliehen.

Der Grund für den uneindeutigen Umgang mit dem Ultranationalismus ist, dass die Politiktechnologen des Kremls in der Manipulation nationalistischer Tendenzen ein passendes Werkzeug zur Veränderung des allgemeinen politischen Diskurses gefunden haben.

In der schönen neuen Welt des Kremls stehen Putin und sein Anhang nicht im Wettkampf mit alternativen politischen Programmen oder Parteien. Die Gegenpole zur aktuellen Regierung bilden nicht Sozialisten, Liberale oder andere politische Bewegungen. Vielmehr wird die russische Führung tschetschenischen Terroristen, estnischen Faschisten, georgischen Russlandhassern, ukrainischen Neo-Nazis, dem US-amerikanischen Imperialismus und westlichen Verschwörungen insgesamt gegenübergestellt – also all jenen, die danach trachten, Russland zu zerstören, aufzuteilen oder wenigstens zu demütigen. In dieser paranoiden Atmosphäre erscheint es nur logisch, dass Gegner von Putins Kurs nicht als legitime (oder gar nützliche) politische Opposition anerkannt werden. Stattdessen werden Oppositionelle als »fünfte Kolonne« des Westens gebrandmarkt, die, in Putins Worten, die Botschaften fremder Staaten wie Schakale umschleichen.

So hat der Kreml leichtes Spiel: Wenn die Regierung damit beschäftigt ist, die Integrität und Würde des Landes zu verteidigen, müssen demokratischen Feinheiten wie unabhängige Massenmedien, pluralistische öffentliche Debatten oder faire Konkurrenz der politischen Parteien zurückstehen. Anstatt darüber zu debattieren, was die beste Strategie für Russland sein könnte, suchen politische DiskussionsteilnehmerInnen nach Vorwänden, mit denen sich ihre Opponenten zu Feinden des russischen Staates und Volkes erklären lassen.

Verirrungen der Intelligenzija

Neben derlei Tendenzen in der breiteren Öffentlichkeit finden sich ähnlich widersprüchliche Entwicklungen auch im Diskurs der Eliten und politischen Experten. Auf der einen Seite treibt die politische Führung eine Integration Russlands in westliche Organisationen wie die G8 oder Welthandelsorganisation voran. Andererseits sind politische Debatten unter politischen Experten und Intellektuellen generell von einem immer stärker werdenden antiwestlichen Grundkonsens charakterisiert, der sich oft als »eurasisch« bezeichnet und dessen Essenz in der Annahme besteht, dass Russland »anders« als die USA ist und die Rolle ihres natürlichen Gegenparts auf der Weltbühne spielt.

Die radikalen, oft neo-faschistischen Ausprägungen des russischen Nationalismus sind im Windschatten dieser Gesamtbewegung ebenfalls gewachsen. Zwar wird offener Rassismus sowohl vom Kreml als auch vom öffentlichen Mainstream demonstrativ verurteilt. Dennoch ist die radikale Rechte, von der Neonazi-Szene bis zu den AutorInnen verschwörungstheoretischer Spekulationen in Intellektuellenzeitschriften, ein wichtiger Bestimmungsfaktor und Bestandteil der allgemeinen xenophoben Hysterie, die heute in der russischen Gesellschaft zu beobachten ist. Der russische Buchmarkt, um ein Beispiel zu nennen, wird von politischen Schmähschriften überflutet, die von pathologischem Antiamerikanismus, absurden Verschwörungstheorien, apokalyptischen Zukunftsvisionen und bizarren Wiedergeburtsfantasien strotzen. Unter den mehr oder weniger breit rezipierten Autoren solcher Gebräue finden sich Sergej Kurginijan, Igor Scharafewitsch, Oleg Platonow, Maxim Kalaschnikow (alias Wladimir Kutscherenko) oder Sergej Kara-Mursa.

Ein Hauptunterschied zwischen Nationalismen russischer und westlicher Spielart ist, dass sich der intellektuelle und politische Mainstream der Staaten des heutigen Westens für gewöhnlich mehr oder weniger deutlich von den jeweiligen – teilweise ebenfalls starken – ultranationalistischen Bewegungen distanziert. Obwohl sich auch der russische Mainstream bei der Verurteilung rassistischer Gewalt beeilt, bleibt sein Verhältnis zum Weltbild, das hinter dieser Gewalt steht, ambivalent.

So nehmen Autoren mit für westliche Verhältnisse indiskutablen Positionen, wie etwa der ultra-nationalistische Publizist Alexander Prochanow, in Russland problemlos an politischen und intellektuellen Debatten zur besten Sendezeit teil. Die bizarren pseudo-wissenschaftlichen Gedanken des verstorbenen neorassistischen Gelehrten Lew Gumiljow sind Pflichtlektürestoff an Russlands mittleren und höheren Schulen. Gumiljow lehrt, dass die Weltgeschichte vom Aufstieg und Fall von Ethnien bestimmt wird, was wiederum durch biologische Impulse und kosmische Strahlung hervorgerufen wird.

Der wahrscheinlich bekannteste Autor und Kommentator dieser Art ist jedoch Alexander Dugin (Jahrgang 1962). Dugin wurde von einem obskuren Provinz-Institut mit einem Doktortitel in Politikwissenschaft ausgestattet und ist Gründer, Chefideologe sowie Vorsitzender der sogenannten »Internationalen Eurasischen Bewegung«, zu deren Vorstandsmitgliedern neben dem ehemaligen Kulturminister der russischen Föderation Alexander Solokow und dem Vizesprecher des Föderationsrats Alexander Torschin verschiedene andere bedeutende Persönlichkeiten gehören, darunter Diplomaten, marginale westliche Intellektuelle und Politiker aus der GUS. Die wachsende Berühmtheit Dugins ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass der führende »Neo-Eurasier« nicht nur zu den einflussreichsten, sondern auch dreistesten ultra-nationalistischen Publizisten zählt: Während Autoren wie Kurginijan oder Kara-Mursa sich in ihren Pamphleten mit der Verbreitung klassischer anti-westlicher Ressentiments zufrieden geben und sich dabei nur subtil westlicher Quellen bedienen, gesteht Dugin öffentlich ein, dass seine Hauptgedanken auf nicht-russischen antidemokratischen Konzepten basieren. Dazu gehören die Schriften integraler Traditionalisten (René Guénon, Julius Evola, Claudio Mutti etc.), westlicher Geopolitiker (Alfred Mahan, Halford Mackinder, Karl Haushofer u.a.), Vertreter der deutschen »konservativen Revolution» (Carl Schmitt, Ernst Jünger, Arthur Moeller van den Bruck etc.) und der frankophonen Neuen Rechten (Alain de Benoist, Robert Steuckers, Jean Thiriart).

Daneben ließ Dugin in den Neunzigern wiederholt Sympathien für ausgewählte Aspekte des italienischen Faschismus und des Nationalsozialismus, beispielsweise der SS und ihrer »Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe«, erkennen und beschrieb das Dritte Reich als bisher konsistentesten Versuch, den von ihm propagierten »Dritten Weg« zu implementieren. Im Kapitel »Faschismus – grenzenlos und rot« der Online-Version seines 1997 erschienen Buchs Tamplery proletariata (Die Tempelritter des Proletariats) verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass die halbherzige Umsetzung ursprünglich richtiger Ideen durch Hitler, Mussolini u.a. durch den Aufstieg eines »faschistischen Faschismus« im postsowjetischen Russland korrigiert werde. In Dugins apokalyptischem Geschichtsbild ist die Weltgeschichte von einem Jahrtausende währenden Konflikt zwischen einer hierarchisch organisierten »eurasischen« Kontinentalmacht und den liberalen »Atlantikern« bestimmt. Heute werde diese Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA als Hauptrepräsentanten zweier antagonistischer Kulturen ausgetragen, und der »Endkampf« in dieser Schlacht stehe bevor (Dugin benutzt dieses deutsche Wort mit NS-Konnotation, ohne es ins Russische zu übersetzen).
Man würde erwarten, dass Dugin und anderen Autoren radikal rechter Provenienz eine ähnliche öffentliche Stigmatisierung zuteil wird wie den Neonazi-Parteien und Skinhead-Gruppen. Dies ist jedoch bisher nicht der Fall. Im Gegenteil: Dugin und seinesgleichen »Morgiger Tag« sind häufige Gäste in Primetime-Politshows wie Wremena (»Zeiten«, moderiert von Wladimir Posner) oder Tem wremenjem (»Inzwischen«, moderiert von Alexander Archangelskij). Manchmal werden Dugin und Co. gar in populäre Talkshows wie Pust goworjat (»Lasst sie sprechen«, moderiert von Andrej Malachow) eingeladen.

Das postsowjetische Faschismuskonzept

Die Tatsache, dass Dugin bis dato von den Kreml-kontrollierten Medien und seinen politischen Gegnern verschont wurde, hat nicht nur etwas mit seiner jüngsten Selbststilisierung als »radikaler Zentrist« und fanatischer Unterstützer Putins oder mit seiner Fähigkeit, die Sympathien der russischen politischen Nomenklatur auf sich zu vereinen, zu tun. Er hat es bisher auch vermocht, Faschismus-Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, indem er seine Schriften und sein öffentliches Image dem von der sowjetischen Propaganda übernommenen verzerrten Faschismus-Konzept angepasst hat. Im postsowjetischen Diskurs wird Faschismus dem deutschen Nationalsozialismus und seinen Symbolen, wie Hakenkreuz und Hitlergruß, gleichgesetzt. Teilweise wird so weit gegangen, den Begriff Faschismus auf alle als anti-russisch identifizierten Ideen anzuwenden. In diesem Falle wird der Terminus paradoxerweise zu einem rhetorischen Instrument in der xenophoben Agitation russischer Ultranationalisten.

Wie das Beispiel Dugin illustriert, reicht es – vor dem Hintergrund des eigenartigen Faschismusverständnisses im postsowjetischen Russland – aus, sich rhetorisch von den größten Verbrechen Nazi-Deutschlands zu distanzieren und von der Verwendung offenkundiger Nazi-Symbole abzusehen, um eine öffentliche Stigmatisierung als Faschist zu vermeiden. Dies würde zumindest erklären, warum einerseits Neonazi-Organisationen wie die Russische Nationale Einheit Alexander Barkaschows oder Skinhead-Gruppen lautstark von der Regierung und den Gerichten Russlands unterdrückt werden, während andererseits ultra-nationalistische Autoren, die in ihrer Rhetorik nicht weniger radikal auftreten, nicht nur toleriert sind, sondern ungehinderten Zugang zu öffentlichen Plattformen genießen und teilweise eine aktive Rolle in den PR-Projekten der Polittechnologen PR-Strategie des Kremls spielen.

1984 – Déjà vu

Ein weiterer begünstigender Faktor für Dugin und vergleichbare Publizisten ist die Rückkehr der russischen Führung zu quasi-Orwellschen Formen der Organisation öffentlicher Debatten. Die regierungsgesteuerte politische Berichterstattung in den Massenmedien ist zu einer Aneinanderreihung von nationalpatriotischen Happenings geworden, in denen internationale Ereignisse jedweder Art – ein Gipfeltreffen zwischen Russland und China, der Auftritt russischer Athleten bei den Olympischen Spielen, die »Orange Revolution« oder der Auslandserfolg eines russischen Fantasyfilms – zum kollektiven Triumph respektive zu geteilter Demütigung der russischen Nation und ihrer treuen Führung zugespitzt werden. Oberflächliche und emotionale öffentliche Debatten, die mitunter zu bizarren Schreiwettkämpfen unter TeilnehmerInnen von TV-Shows degenerieren, ersetzen seriöse Analysen. Politische Kommentare sind auf das »Hier und Jetzt« fixiert, was im Fall Dugins dazu beigetragen haben dürfte, dass dessen wohlbekannte neofaschistische Äußerungen aus den Neunzigern in Vergessenheit geraten sind.

Die gebetsmühlenartige Verunglimpfung des Westens, welche die russische Auslandsberichterstattung seit Jahren begleitet, erweitert das Spielfeld für anti-westliche Agitation allgemein. Dies wiederum fördert die Verbreitung der Ideen von neofaschistischen Theoretikern wie Dugin.

Ausblick

Wird die neu gewonnene russische Sensibilisierung bezüglich ultranationalistischer Tendenzen zu einer nachhaltigen Rückbesinnung auf tolerante und liberale Aspekte in der politischen Tradition Russlands führen? Oder ist diese neue Entwicklung wenig mehr als eine Episode in Moskaus wechselhaften Medienkampagnen?

Es lassen sich zwei gegenläufige Trends identifizieren – ein ideologischer und ein pragmatischer – deren Kollision ein gewisses Maß an Kontroverse in der sonst eher flauen öffentlichen Debatte Russlands wiederhergestellt hat. Einerseits erfüllt die von Putins Gefolgschaft eingeführte dualistische Weltsicht – der Kampf der einfachen aber ehrlichen Russen gegen den verschlagenen, seelenlosen und imperialistischen Westen – eine wichtige Funktion in der Legitimation des »harten« Kurses des »wiedererstehenden« Russland. Diese offiziell geförderte Paranoia öffnet jedoch gleichzeitig die Schleusen für radikale Schlussfolgerungen. Vor dem Hintergrund der Darstellung der USA als Antithese zur russischen Kultur ist es nicht überraschend, wenn jugendliche Schlägerbanden auf ihre Art eine »Amerikanisierung« der russischen Gesellschaft zu verhindern suchen. Der dadurch angerichtete Schaden für das internationale Image Russlands wiederum steht in Kontrast zu dem ebenfalls starken Verlangen des Landes nach respektierter Partnerschaft mit dem Westen und einem Platz in der »zivilisierten Welt« (dies der in Russland bevorzugte Begriff für die Gemeinschaft der ökonomisch hochentwickelten demokratischen Staaten). Extremer Nationalismus hat bereits für einen ausgesprochen schlechten Ruf der Russischen Föderation als internationalem Studienort gesorgt, werden in russischen Universitätsstädten doch regelmäßig Studierende mit dunkler Hautfarbe geschlagen – manchmal zu Tode. Beim ihren Versuchen, die wachsende Welle der Gewalt aufzuhalten, beschränkt sich die Regierung jedoch auf die Bekämpfung von Symptomen. Um das Problem bei der Wurzel anzupacken, müsste sich die gesamte Logik der gegenwärtigen russischen Politik ändern – etwas, das selbst ein wohlmeinender Ministerialbürokrat nicht vermag.

Überdies scheint die Kreml-Führung Einwanderung großen Umfangs als Weg anzusehen, die rapide schwindende Population der Russischen Föderation aufzufüllen – was wiederum zu neuen, potentiell explosiven Spannungen führen würde. Nicht zuletzt stehen der fanatische Antiamerikanismus und die pro-iranischen Positionen Dugins und anderer ähnlicher kremlnaher Publizisten im Widerspruch zu einer Anzahl sicherheitspolitischer Interessen Moskaus und der Bestrebungen der russischen Führung zu einer dauerhaften Vollmitgliedschaft in der internationalen Anti-Terror-Koalition. Mit Blick auf diese und andere Herausforderungen gewinnt die – zumindest teilweise – Aufteilung politischer Macht nach der Wahl Medwedjews zum russischen Präsidenten und Putins zum Ministerpräsidenten an Bedeutung. Es wird interessant sein zu beobachten, welche der beiden konträren Tendenzen, die im gegenwärtigen Russland zu finden sind – die nationalistisch anti-westliche oder das Bestreben nach Integration in formelle und informelle internationale Netzwerke – letztlich Oberhand gewinnen wird.

Für beide Szenarien gibt es Argumente. Eine verbreitete Sorge unter westlichen und russischen AnalystInnen angesichts des sich ausbreitenden russischen Nationalismus ist, dass der Kreml die Kontrolle über den von ihm aus der Flasche gelassenen Geist verlieren könnte (oder bereits hat). Der russische Nationalismus könnte den zynischen Manipulatoren in der russischen Regierung über den Kopf wachsen und sich von einem polittechnologischen Instrument in eine unkontrollierbare soziale Kraft verwandeln. Für den Fall, dass sich die »Nationalisierung« der russischen Politik der letzten acht Jahre in der Zukunft fortsetzen wird, würden wir nicht nur Zeugen eines zweiten Kalten Krieges werden. Die Russische Föderation könnte sich sogar zu einem neuen Apartheidstaat entwickeln, in welchem zwischen Fremden bzw. nichtslawischen BürgerInnen einerseits und der weißen russischen Bevölkerung andererseits getrennt wird. Es ist diese Vorstellung, die einige BeobachterInnen, die das postsowjetische Russland mit dem Zwischenkriegsdeutschland vergleichen, von einem »Weimarer Russland« sprechen lässt. Auch wenn gegenwärtig nicht zu erwarten ist, dass Russland zu einem faschistischen Staat wird – dass die russische Gesellschaft in näherer Zukunft toleranter wird, scheint ebenso unwahrscheinlich.

Auf der anderen Seite verheißt der Aufstieg des als liberal geltenden Juristen Dmitrij Medwedjews die Hoffnung, dass die reformerischen und prowestlichen Sektionen in der russischen Elite im Präsidentenamt einen institutionellen Rückhalt finden. Idealerweise würde dies auch dazu führen, dass der akademische, publizistische und journalistische Diskurs wieder moderater und selbstkritischer wird. Wenn es Medwedjew gelingen sollte, die In- und Auslandsberichterstattung sowie Kommentierung politischer Ereignisse in den Massenmedien zu öffnen, wäre ein Stimmungswandel, wie er sich schon einmal in der Sowjetunion der späten Achtziger vollzog, nicht ausgeschlossen. Dies könnte zu einer Entlarvung des faschistischen oder zumindest ultranationalistischen Charakters der Ideologien der heute einflussreichen radikal antiwestlichen Politikinterpreten wie Dugin führen und würde eine neuerliche Annäherung an den Westen befördern. In einem Best-Case-Szenario könnte solch eine Entwicklung eine Eigendynamik entwickeln, die zu einer umfassenden Redemokratisierung Russlands führt.

ANDREAS UMLAND

Der Autor lehrt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist Herausgeber der Buchreihe »Soviet and Post-Soviet Politics and Society«.