Prostitution, Ungleichheit und die (hetero-)sexuellen Verhältnisse

Das Fortleben von Doppelmoral und sexueller Ausbeutung im Neoliberalismus

Die gegenwärtige Debatte um Prostitution verheddert sich in der unproduktiven Zuspitzung »Liberalisierung versus Verbot«. Das verstellt den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die das Phänomen überhaupt erst hervorbringen. Im neoliberalen Kapitalismus werden Frauen zunehmend zu »Marktsubjekten« emanzipiert, ohne dass herrschaftliche und geschlechtshierarchische Strukturen des Marktes und jenseits des Marktes in Frage gestellt würden. Ebenso sollen nun Prostituierte als autonome vertragsfähige Rechtssubjekte emanzipiert werden. Dabei war die Freiheit des Vertrages auf Seiten der »doppelt freien« ArbeiterInnen immer schon in Zweifel zu ziehen. Unter den Bedingungen von sozialstaatlichem Leistungsabbau, Deregulierung und Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen sowie einer Individualisierung der Folgen sozialer Ungleichheit, verschärft sich diese Problematik umso mehr. Freiheit und Selbstbestimmung – ehemals zentrale Werte der sozialen Bewegungen ab den 1960er Jahren – werden durch die ökonomischen Zwänge im Neoliberalismus konterkariert. Der Freiheitsbegriff verändert seine Bedeutung und so kommt Freiheit für ökonomisch schwache Gruppen zunehmend einer Freisetzung gleich.

Positionierungen

Dennoch berufen sich Berufsverbände von Prostituierten, NGOs und WissenschafterInnen, die für eine Liberalisierung der Prostitution eintreten, vor allem auf die Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit der Sexarbeit. So auch der »Appell FÜR Prostitution« , den der deutsche Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. im Herbst 2013 – als Antwort auf die EMMA-Kampagne für die Abschaffung der Prostitution – startete. Hauptanliegen sind die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung von Prostituierten sowie bessere Arbeitsbedingungen. Prostitution wird dabei als »Arbeit wie jede andere« verstanden, die selbstbestimmt und frei gewählt ausgeübt werde, aber einer besseren rechtlichen wie sozialen Absicherung und gesellschaftlicher Anerkennung bedürfe.

Was bedeutet aber eine freie Wahl, wenn die Alternativen fehlen? Arbeits- und Lebensbedingungen werden zwar angesprochen, bleiben in der Folge aber weitgehend unthematisiert. Unklar bleibt auch, über wessen Arbeitsbedingungen gesprochen wird und wer hier für wen spricht; ist das Prostitutionsfeld doch von extrem unterschiedlichen Bedingungen und Zugängen gekennzeichnet: vom hoch bezahlten Call Girl, der selbstständigen Bordellbesitzerin oder der Domina bis hin zur illegalisierten Migrantin, die ihre Familie im Herkunftsland unterstützt, oder der drogenkonsumierenden Prostituierten.

Prostitution wird aus ihren Verbindungen mit sozialen Strukturen wie Klassenverhältnissen, ethnische und Geschlechterverhältnisse weitgehend herausgelöst. Silvia Kontos betont, dass viele jener NGOs, die im Gefolge der Frauenbewegung als Interessengruppen von Frauen in der Prostitution entstanden, heute in die Normalisierung von Prostitution als regulärem Beruf eingebunden sind. Da sexuelle Dienstleistungen vor allem von Frauen für heterosexuelle Männer angeboten werden, sind sie – wenn auch nicht ungebrochen – Teil der Reproduktion einer hegemonialen heterosexuellen Männlichkeit. Die Rede von »Kund_innen« in diesem Kontext – etwa im »Appell FÜR Prostitution« – reduziert die soziale Interaktion nicht nur auf einen marktmäßigen Vorgang, sie verschleiert die zugrunde liegende Asymmetrie in den Geschlechterverhältnissen.

Dies geht mit dem Unsichtbarmachen des Freiers als zentralem Akteur im Feld der Prostitution einher. Die Problemverschiebung von der »Angebotsseite« zur (männlichen) »Nachfrage«, wie sie etwa mit der Diskussion um die Bestrafung von Freiern im »Nordischen Modell« vorgenommen wurde, wird aber kaum aufgegriffen. Kern dieses Modells, wie es in Schweden mit der Gesetzesreform von 1998 umgesetzt wurde und auch im Honeyball-Bericht an das Europäische Parlament 2014 den EU-Mitgliedsländern empfohlen wurde, ist nicht nur eine Bestrafung von Freiern. Abgesehen von der Frage, wie Prostitution staatlich reguliert werden soll, wird sie als Ausdruck asymmetrischer Geschlechterverhältnisse verstanden, die der Gleichberechtigung der Geschlechter grundsätzlich widerspreche und der im Rahmen einer umfassenden Gleichstellungspolitik begegnet werden soll. Die Annahme, dass sich Frauen freiwillig prostituieren, löse die Prostitution aus ihrem gesellschaftlichen Kontext und führe zu einer Individualisierung der Problematik, so die Argumentation. Während also die Liberalisierungs-Position im Wesentlichen eine Gleichstellung von Prostituierten als Marktsubjekte forciert, reflektiert die abolitionistische Position gesellschaftliche Bedingungen und die hierarchische Struktur von Geschlechterverhältnissen. In Frage gestellt wird dabei auch ein männliches Recht auf sexuelle Befriedigung, das lange Zeit – bis zu den Gesetzesreformen Mitte der 1970er Jahre – auch in Ehegesetzgebungen garantiert war. Weiter eingeschränkt wurde dieses Recht mit der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. Während also ein Verständnis von Sexualität als »Dienst am Mann« im Rahmen von Ehe und Partnerschaften rechtlich und gesellschaftlich obsolet geworden ist, lebte es in der Prostitution weiter.

Männliche Triebe und Prostitution

Die Unsichtbarkeit des Freiers im Feld der Prostitution und die Voraussetzung eines männlichen Prostitutionsbedarfs sind charakteristisch für aktuelle wie historische Debatten. Während sich ordnungspolitische Maßnahmen ausschließlich auf die in der Prostitution Tätigen beziehen, findet gleichzeitig eine Naturalisierung männlichen, heterosexuellen Sexualverhaltens statt. Prostitution wird dabei gerne als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet, um sie als unabänderliche Tatsache oder »anthropologische Konstante« – als quasi zum Mensch-/Mann-Sein gehörig – zu legitimieren. Männliches sexuelles Begehren wird als stets vorhanden imaginiert: einerseits als Stützpfeiler männlicher Identität, anderseits als Bedrohung und/oder als Mittel zum Zweck der ökonomischen Existenzsicherung von Frauen.

Hartnäckig halten sich auch in den aktuellen Diskussionen überkommene Vorstellungen über Geschlecht, Sexualität und (Liebes-)Beziehungen, die auf Theorien zu Geschlechterdifferenz und Sexualität des 19. Jahrhunderts zurückgreifen. Da ist die Rede von der aggressiven männlichen Sexualität, die durch die Prostitution zu kanalisieren sei und sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, wenn schon nicht verhindern, so doch reduzieren könne. Dass Männer dabei als ihren »Trieben« absolut unterworfen charakterisiert werden, tat und tut einem ansonsten mit Rationalität und Kontrolliertheit assoziierten Männlichkeitsbild keinen Abbruch. Auch der »starke männliche Trieb« – von der Sexualwissenschaft längst als Mythos entlarvt – wird nach wie vor ins Treffen geführt.

Udo Gerheim stellt fest, dass für den Prostitutionsdiskurs die »wissenschaftliche und kulturelle ›Geburt‹ eines biologisch begründeten Geschlechtstriebs im Kontext des Sexualitäts- und Geschlechterdiskurses der Moderne von elementarer Bedeutung« ist. Der Diskurs um den Geschlechtstrieb war dabei eingelagert in einen Prozess der Verwissenschaftlichung der Geschlechterdifferenz in der bürgerlichen Gesellschaft, in dem kulturelle, soziale und politische Fragen in naturhafte und damit unpolitische Gegebenheiten umgemünzt wurden. Die Konstruktion von zwei polarisierten Geschlechtscharakteren ging, wenn auch nicht widerspruchsfrei, mit einer Hierarchisierung einher: Einer überhöhten Männlichkeit wurde eine abgewertete, unterlegene Weiblichkeit gegenübergestellt.

Das 19. Jahrhundert – »ganz und gar ein Jahrhundert des Mannes«, konstatiert Klaus Theweleit, aber auch das »Jahrhundert der Prostitution«. Im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft bildete sich, wie Kontos anmerkt, die Prostitution als »Komplementärinstitution der bürgerlichen Eheverfassung heraus« und wird dementsprechend als Sicherheitsventil für Moral und öffentliche Ordnung verstanden. Die »unterschiedliche Triebausstattung« der Geschlechter und die daraus resultierende Einengung der männlichen Sexualität in der – ihrem Anspruch nach monogamen – bürgerlichen Ehe diente als Begründung für den (vorerst) unhinterfragten Prostitutionsbedarf von Männern. Diese Konstellation verwies aber auch auf spezifische Problematiken, denn das aufkommende Bürgertum wollte sich über die Moral der bürgerlichen Ehe vor allem von der »dekadenten«, sexuell ausschweifenden Aristokratie aber auch der »Unsittlichkeit« der unteren Klassen abheben. Das Objekt der »neuen Sittlichkeit« war dann sowohl in der bürgerlichen Bewegung als auch später in der Arbeiterbewegung der Frauenkörper.

Auch wenn die weibliche Sexualität bzw. ihre Hysterisierung generell im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, wurden Prostituierte am stärksten von den normierenden Diskursen in Medizin, Psychiatrie, Justiz und Pädagogik getroffen. Die Einseitigkeit und Doppelmoral in der staatlichen Regulierung der Prostitution wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der bürgerlichen Frauenbewegung thematisiert. Zum einen wandte sie sich gegen die Herrenmoral der Männer der eigenen Klasse und forderte eine einheitliche Moral für beide Geschlechter. Zum anderen sollte der Moralanspruch der bürgerlichen Ehe auch gegen die unteren Klassen erhoben und mit erzieherisch-fürsorgerischen Mitteln umgesetzt werden.

Erneut aufgegriffen wurden die alten Themen von Doppelmoral und sexueller Ausbeutung – wenngleich mit neuer Rhetorik – von der neuen Frauenbewegung. Die überfällige Korrektur des Blicks auf Prostitution sollte die disziplinierende Spaltung der Frauen in »Heilige« und »Hure« aufheben und Männer als Akteure in der Prostitution thematisieren.

Eine Wende in der Debatte um Prostitution kam mit den 1980er Jahren, als sich Prostituierte erstmals selbst zu Wort meldeten, von ihrer Arbeit berichteten und sich politisch organisierten. Auch wenn die Prostituierten, die nun an die Öffentlichkeit traten, nicht repräsentativ waren, und sich in den Vereinen und Berufsverbänden (damals wie heute) eher privilegierte Gruppen organisierten, wurde Prostitution aus dem einseitigen Opferdiskurs der alten und neuen Frauenbewegung herausgelöst und eine differenziertere Sicht auf das Feld der Prostitution und die sozialen Interaktionen dort eröffnet.

Neue Sexualitäten und alte Prostitution?

Nun hat sich die Bedeutung der Sexualität grundlegend verändert, manche sprechen sogar vom »Ende des sexuellen Zeitalters«. Der Sex scheint nach den Erkenntnissen der Sexualwissenschaft in den letzten Jahrzehnten entmystifiziert und entdramatisiert worden zu sein. Die Versprechen der sexuellen Revolution, die Sexualität mit einer Mächtigkeit ausstattete, dass mit ihrer »Befreiung« die ganze Gesellschaft verändert werden könne, sind verblasst. Dies nicht zuletzt durch die Kritik der Frauenbewegung, die die Defizite der sexuellen Revolution monierte und als einseitig-männliches Modell der sexuellen Befreiung kritisierte.

Sowohl der »Sittlichkeitsterror« der bürgerlichen Gesellschaft als auch der »Orgasmusterror« der sexuellen Revolution gehören der Vergangenheit an. Sie haben, wie der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch schreibt, einer neuen Moral Platz gemacht, die individuell zu gestalten und zu verantworten ist (auch weil allgemeine und praktisch gewordene moralische Ideen fehlen).

Aber auch wenn Monogamiegebote ihre normative Kraft verloren haben, alles verhandelbar scheint und sich auch Machtverhältnisse in den Geschlechterbeziehungen verschoben haben, bleibt die Prostitution als »Entlastungsinstitution« für Männer erhalten. Allen »Neo-Tendenzen« zum Trotz argumentiert auch Sigusch unter dem programmatischen Titel »Lob der Prostitution« weiterhin mit der »Ventilfunktion« der Prostitution, »ohne die sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung mit großer Wahrscheinlichkeit drastisch zunehmen würden«. In einer Aufsatzsammlung von 2011 wird daraus: »Das Lob der Ehe ist zugleich das Lob der Prostitution«. Die Argumentation scheint in einer »prä-neosexuellen« Zeit verhaftet. Wie Prostitution mit Neosexualität oder mit der neuen Verhandlungsmoral und Verhandlungssexualität in Einklang zu bringen ist, bleibt offen. Kontos Frage ist berechtigt: Wieso gibt es »im fröhlichen Nebeneinander von Liebesbeziehung und sexueller Eventkultur«, wie den Love Parades und Rave Parties, Prostitution überhaupt noch, und wie verträgt sie sich »mit der Egalität in den Geschlechterbeziehungen, auf die die Theoretiker der neuen Sexualität gerne verweisen?« Was fehlt, ist eine Theorie der Geschlechterbeziehungen in der Sexualforschung, die feministische Debatten bislang allenfalls selektiv aufgegriffen hat.

Bei Sigusch liest sich das so: »Die Prostitution wird als Ablaufrinne benutzt, die die Reinheit der Paläste garantiert. [...] Deshalb sollten unsere Hetero-Ehe-Realpolitiker der Prostitution das geben, was ihr nach dieser Logik gebührt: den besonderen Schutz der Verfassung. Sollen Frauen aus sexueller Erniedrigung herausgebracht werden, muss damit in gesellschaftlichem Maßstab begonnen werden, zunächst im Ökonomischen und Sozialen. Jede andere Forderung ist Peep-Moral.«

Die vielfältigen sozialen und ökonomischen Benachteiligungen machen sicher den Gutteil der Motive für Frauen aus, in der Prostitution tätig zu sein. Das erklärt, wenn auch nicht zur Gänze, die Angebotsseite, aber nicht die Seite der Nachfrage. Der Freier wird damit einmal mehr unsichtbar gemacht. Sexualität wird in den neuen Forschungen aus den widersprüchlichen und konflikthaften gesellschaftlichen Beziehungen herausgelöst. »Der brisante Zusammenhang von Macht, Gewalt und Sexualität erscheint so als Schnee von gestern, mit dem die neue, frei flottierende Sexualität offensichtlich nichts mehr zu tun hat.«

Dabei scheint es gerade die neue sexuelle Verhandlungsmoral in den Beziehungen zu sein, die Männer auf käuflichen Sex ausweichen lassen, weil diese »durch die ökonomische Logik des Prostitutionsfeldes überwunden oder außer Kraft gesetzt« wird. Der Vertrag verschafft ein Anrecht auf das, wofür bezahlt wird. Die Ansprüche der Männer sind dabei kaum »abnorm«: Es geht um komplikationslosen Sex, Konsum und Kontrolle. Die Attraktion der Prostitution nach der sexuellen Befreiung liegt eben darin, auf Frauen und ihre Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen zu müssen und in Bezug auf eigene Defizite mit Nachsicht rechnen zu können.

Die Selbstbezüglichkeit von männlichen Prostitutionskunden verweist darauf, dass die hierarchische Struktur der Geschlechterverhältnisse keineswegs in der allseitig proklamierten Gleichberechtigung aufgegangen ist. Verhandelt wird dies derzeit allerdings oft unter dem Schlagwort der Männlichkeitskrise, wie sie etwa in den auflagenstarken Romanen von Michel Houellebecq abgebildet wird. Gesucht und beschrieben wird – auch in Verbindung mit dem Reiz der »exotischen Frau« die Bereitschaft für männliche Bedürfnisse einfach zur Verfügung zu stehen, die den Frauen der westlichen Gesellschaften aufgrund von Emanzipation und Karriereerfordernissen verloren gegangen sei und nun nur noch bei Prostituierten gefunden werden könne. Dabei wird der »sexuellen Misere« der westlichen Gesellschaften – verursacht durch Feminismus und Neoliberalismus – eine »intakte«, »natürliche« Sexualität der »fernen Frau« gegenübergestellt.

Die Freiheit des Marktsubjekts

In einer globalen Ökonomie der Ungleichheit werden derlei Phantasien auch für weniger finanzkräftige Männer greifbar. Deregulierung von Arbeitsmärkten, Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen und der Leistungsabbau des Sozialstaates haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen Arbeit zu jeder Bedingung akzeptieren müssen. Die Wirkungen dieser Politik sind geschlechtsspezifisch unterschiedlich: zum einen, weil Frauen in Bezug auf ihre (persönliche) Unabhängigkeit und Arbeitsmarktintegration stärker auf den Sozialstaat angewiesen sind, zum anderen, weil das Segment der atypischen und prekären Beschäftigungsformen überwiegend weiblich ist. Für die ehemals realsozialistischen Staaten stellt sich die Situation noch drastischer dar. Die mit dem Systemwechsel stark steigende Arbeitslosigkeit war insbesondere in den mitteleuropäischen Staaten begleitet von einer massiven Ausdehnung der informellen Ökonomie. Arbeitsmarktflexibilisierung brachte die Menschen zwar in Beschäftigung, garantierte aber kaum Existenzsicherung. Der Rückbau des Sozialstaates wurde dabei radikaler als in Westeuropa durchgeführt. Dass der überwiegende Anteil der in Österreich tätigen Prostituierten Migrantinnen sind, erstaunt dann kaum. Drei Viertel der Prostituierten in Wien kamen 2013 aus drei ehemals realsozialistischen Staaten: 38 Prozent aus Rumänien, 26 Prozent aus Ungarn und 10 Prozent aus Bulgarien.

Die vielfach proklamierte Freiwilligkeit, Freiheit oder Selbstbestimmung ist vor dem Hintergrund aber fraglich und im Kontext neoliberaler Politik ihres emanzipatorischen Charakters längst entkleidet. Sie ist nicht (mehr) zu erkämpfen, sondern wird eingefordert, freilich ohne die nötigen Bedingungen dafür zu schaffen. Selbst jene, deren Handlungsmöglichkeiten extrem eingeschränkt sind, müssen sich noch darauf berufen, wollen sie nicht als VerliererInnen eines Systems dastehen, das die Ursachen des Scheiterns radikal individualisiert hat. Wenn etwa der deutsche Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen zur Prostitution festhält, dass »ein solches Geschäft auf Freiwilligkeit [beruht]. [Und] nicht nur deutsche Frauen, sondern auch Migrant_innen [...] überwiegend freiwillig und selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig« sind, folgt er dieser Logik und reproduziert gleichzeitig den abwertenden Opferbegriff einer neoliberalen Rhetorik der Eigenverantwortung. Denn: Über Opfer von ökonomischer und sexueller Ausbeutung zu sprechen, wird als »Akt der Diskriminierung« verstanden.

Die kommerzielle Logik des Arguments blendet zudem die weiterbestehenden hierarchischen Geschlechterverhältnisse aus. Frauen und Männer begegnen sich auf dem Prostitutionsmarkt nicht als Gleiche, da die Gleichheit im Vertrag sozial nicht gegeben ist – nicht nur aufgrund mangelnder rechtlicher Absicherung. Überdies besteht im Unterschied zu anderen Arbeitsverhältnissen der Gegenstand des Vertrages im unmittelbaren Zugriff auf den Körper, was eine weit größere Gefahr in sich birgt, dass Grenzen überschritten und die Selbstbestimmung der Prostituierten unterlaufen werden. Tatsächlich ist Prostitution sehr viel stärker mit Gewalt verknüpft als andere Bereiche. Dennoch wird das Bild eines friedlichen Marktes entworfen. Die vorherrschende unkritische Akzeptanz stützt damit ein »neoliberales Prostitutionsregime«, das, wie Kontos schreibt, »die Prostituierte als Unternehmerin ihrer selbst [charakterisiert], also die weibliche Variante einer Ikone des Neoliberalismus«.

Birgit Sauer betont, dass der Freier weit mehr Macht über die Anbieterin sexueller Dienstleistungen hat als Kunden in anderen Dienstleistungsökonomien, die in ökonomischer als auch sexueller Ausbeutung begründet sind. So berichteten Sexarbeiterinnen aus Oberösterreich und Wien, dass sie 60 bis 70 Stunden in der Woche arbeiten und/oder über 40 Prozent ihrer Einnahmen an den Inhaber des Lokals abgeben müssen. Damit relativiert sich auch der Mythos des »schnellen Geldes«, selbst wenn die Zahlen unsicher sind. »Die Preise und Verdienste [sind] in den letzten 10 Jahren extrem gesunken; es kam zu einem regelrechten Preisverfall in der Sexarbeit – oft durchgesetzt von Bordell- und Barbesitzern oder Zuhältern.« Die steigende Konkurrenz erzeugt auch einen Druck, der Nachfrage nach ungeschütztem Sex nachzugeben und schränkt die Möglichkeit ein, Kunden abzuweisen oder bestimmte sexuelle Aktivitäten zu verweigern. Trotz dieser Veränderungen, die sich nicht zuletzt Umbrüche und Verwerfungen der globalen Ökonomie verdanken, werden im herrschenden Diskurs Macht- und Zwangselemente in die Praxis von Frauenhandel und Zwangsprostitution ausgelagert.

Kritisch muss angemerkt werden, dass in der Debatte der letzten Jahre eine enge Verknüpfung von Prostitution und Menschenhandel erfolgte, die die Vielfalt des Feldes und die unterschiedlichen Problematiken simplifizierte. Die allzu rasche Identifizierung von Tätern und Opfern wird mit rassistischen Bildern unterlegt: Als Täter werden meist Männer und als Opfer Frauen aus den ost- oder südosteuropäischen Ländern vorgestellt. Täterschaft als auch Opferstatus werden damit externalisiert. Solche Bilder bedienen, wie Sauer schreibt, eine »Affektökonomie des Mitleids oder der Abscheu, [...] in der sich vermeintlich alle wohlfühlen können, die Prostitution abschaffen wollen.« Es stellt sich allerdings die Frage, ob nicht auch die von Befürworter_innen der Prostitution ins Feld geführte Abspaltung von Zwangsprostitution und Gewalt eine emotionale Komfort-Zone für alle jene schafft, die sie als »sauberes Geschäft« sehen wollen.

Resümee

Wesentlich für die Debatte um Prostitution ist vor diesem Hintergrund eine Einbettung in globale Strukturen der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, Klassen und Ethnien bzw. Nationen, weil die Freiheit der Individuen genau darin ihre Grenzen findet. Freiheit und Selbstbestimmung müssen rückgebunden werden an Forderungen nach ökonomischer Gleichheit, weil ihr Gehalt sonst entleert wird. Dass die Diskussion zwischen Liberalisierung oder Verbot von Prostitution aufgespannt wird, ist – zumindest für feministische und kritische Auseinandersetzungen – nicht nur begrenzt, sondern auch unproduktiv. Es geht auch kaum um unterschiedliche moralische Standards, wie oft unterstellt wird. Eine Verbesserung der Bedingungen für in der Prostitution Tätige steht ganz und gar nicht im Widerspruch mit einer gesellschaftspolitischen Kritik an der Prostitution. Es kann aber auch nicht Ziel einer kritischen und feministischen politischen Praxis sein die Problematisierung der Bedingungen in der Prostitution mittels Normalisierung und Entpolitisierung

herrschaftlicher Verhältnisse im Neoliberalismus zu verfolgen, indem Prostitution als »Geschäft wie jedes andere« proklamiert wird.

Alexandra Weiss

Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin und forscht zu Kapitalismusentwicklung, sozialen Bewegungen, Wohlfahrtsstaatsregimen, Geschlechterpolitik und zur Regulierung von Sexualität.

 

Fußnoten

  1. Der Beitrag erschien zuerst unter dem Titel »Prostitution zwischen ›männlichem Herrenrecht‹ und neoliberaler Normalisierung«, in: Monika Jarosch u.a. (Hrsg.), Gegenstimmen, Gaismair-Jahrbuch 2015, Innsbruck u.a. 2014, und wurde für die vorliegende Publikation überarbeitet.
  2. Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V.: Appell FÜR Prostitution, 2013, http://bit.ly/2io4wqZ.
  3. Silvia Kontos, Öffnung der Sperrbezirke. Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution, Sulzbach/Taunus 2009, 366.
  4. Europäisches Parlament, Bericht über sexuelle Ausbeutung und Prostitution und deren Auswirkungen auf die Gleichstellung, A7-0071/2014, 3.2.2014, Brüssel, http://bit.ly/2hEjewZ .
  5. Barbara Kavemann, Das deutsche Prostitutionsgesetz im europäischen Vergleich, in: Dies./Heike Rabe (Hrsg.), Das Prostitutionsgesetz. Aktuelle Forschungsergebnisse und Weiterentwicklung, Opladen/Framington Hills 2009, 13-33, hier 23-25.
  6. Johanna Dohnal, Innensichten österreichischer Frauenpolitiken. Innsbrucker Vorlesungen, hrsg. von Erika Thurner/Alexandra Weiss, Innsbruck u.a. 2008, 169-173.
  7. Sabine Grenz, Prostitution, eine Verhinderung oder Ermöglichung sexueller Gewalt? Spannungen in kulturellen Konstruktion von männlicher und weiblicher Sexualität, in: Dies./Martin Lücke (Hrsg.), Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart, Bielfeld 2006, 319-342, hier 332.
  8. Udo Gerheim, Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Studie, Bielefeld 2012, 63.
  9. Claudia Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, Frankfurt a.M./New York 1991, 1-9; Eva Kreisky, Diskreter Maskulinismus. Über geschlechtsneutralen Schein politischer Idole, politischer Ideale und politischer Institutionen, in: Eva Kreisky/Birgit Sauer (Hrsg.), Das geheime Glossar der Politikwissenschaft. Geschlechtskritische Inspektionen der Kategorien einer Disziplin, Frankfurt a.M./New York 1997, 161-213, hier 167.
  10. Klaus Theweleit, Männerphantasien, Bd. 1, Basel/Frankfurt a.M. 1986, 422.
  11. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 32.
  12. Ebd.
  13. Ebd., 32-68, 177.
  14. Theweleit, Männerphantasien, 465.
  15. Gerheim, Die Produktion des Freiers, 84-85.
  16. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 84-90, 367-374.
  17. Ebd., 161-163.
  18. Vgl. z.B. Pieke Biermann: »Wir sind Frauen wie andere auch!« Prostituierte und ihre Kämpfe, Hamburg 2014.
  19. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 375.
  20. Volkmar Sigusch, Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Frankfurt/New York 2005, 29.
  21. Andrea Bührmann, Das authentische Geschlecht. Die Sexualitätsdebatte der Neuen Frauenbewegung und die Foucaultsche Machtanalyse, Münster 1995, 103-104.
  22. Sigusch, Neosexualitäten, 39-40
  23. Volkmar Sigusch, Lob der Prostitution, Frankfurter Rundschau online, 27.06.2006, zit. n. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 149.
  24. Volkmar Sigusch, Über Prostitution. Sexualwissenschafltiche Thesen, in: Ders. (Hrsg.), Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik, Frankfurt/New York 2011, 160-167, hier 165.
  25. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 149.
  26. Sigusch, Über Prostitution, 165.
  27. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 147.
  28. Gerheim, Die Produktion des Freiers, 118.
  29. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 197.
  30. Vgl. z.B. Michel Houellebecq, Plattform, Köln 2002.
  31. Alexandra Weiss, Regulation und Politisierung von Geschlechterverhältnissen im fordistischen und postfordistischen Kapitalismus, Münster 2012, 133-134.
  32. Björn Hacker, Sozialpolitik in Mittelosteuropa: Unterschiedliche Reformstrategien mit liberalem Hintergrundrauschen, in: IGP 3 (2009), 36-49.
  33. dieStandard: Wien: Zahl registrierter Sexarbeiterinnen in zehn Jahren fast verfünffacht, 25.7.2014, http://bit.ly/2iP62BA.
  34. Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V., Appell FÜR Prostitution.
  35. Ebd.
  36. Birgit Sauer, Money, Sex and Power. Paradoxien der politischen Regulierung von Prostitution, Vortragsmanuskript aus der Reihe »Was kostet die Welt? Zur Ökonomisierung der Gesellschaft«, 11.12.2013, Dresden, http://bit.ly/2hCJEO0.
  37. Kontos, Öffnung der Sperrbezirke, 356.
  38. Sauer, Money, Sex and Power, 9.
  39. Hendrik Wagenaar/Sietske Altink/Helga Amesberger, Final Report of the International Comparative Study of Prostitution Policy: Austria and the Netherlands, Den Haag 2013, http://bit.ly/2hW9p9N.
  40. Sauer, Money, Sex and Power, 10.
  41. Ebd., 3.