No chance in hell

Warum die Antwort auf die rassistische Mobilmachung unversöhnlich sein muss

Angesicht von marodierenden Straßenmobs, Anschlägen auf Geflüchtete sowie deren Unterkünfte und Wohnungen, den Wahlerfolgen der Alternative für Deutschland (AfD) und der verschärften Asylpolitik der Bundesregierung, gibt es innerhalb der radikalen Linken gezwungener Maßen wieder verstärkt Debatten darüber, wie auf diese Entwicklung zu reagieren sei. Anfang Februar 2016 fand beispielsweise in Frankfurt am Main der von dem Bündnis ...ums Ganze! organisierte Kongress "Antifra [sic] wir müssen reden" statt. Dort trafen sich linksradikale Gruppen unterschiedlicher Couleur, um die Frage zu diskutieren, wie eine antifaschistische Praxis aussehen könnte. Einigkeit herrschte über die Dringlichkeit der gebotenen Intervention und abschließend wurde als dessen Ergebnis die Kampagne "Nationalismus ist keine Alternative!" initiiert. Diese ruft dazu auf, sowohl die AfD als auch die deutsche Abschiebemaschinerie zu attackieren. Uneinigkeit herrschte jedoch darüber, wie die aktuelle Situation in Deutschland zu begreifen sei und was dies für die radikale Linke bedeute. Die verschiedenen, sich teils widersprechenden Strategien, wie auf die gegenwärtige Situation zu reagieren sei, sind auch Resultat unterschiedlicher Gesellschaftsanalysen und verweisen auf differierende Vorstellungen darüber, was Rassismus eigentlich ausmacht beziehungsweise welche Ursachen dieser überhaupt hat. Ohne sich darüber im Klaren zu sein, wird innerhalb der radikalen Linken von verschiedenen Rassismusdefinitionen ausgegangen. Der Kongress, der im Rahmen der aktuellen Entwicklung als erster bundesweiter Versuch gelten kann, sich über eine antifaschistische Politik zu verständigen, machte diese Widersprüche besonders deutlich.

Linke Verirrungen in der Krise

Neben der im bürgerlich-linksalternativen Spektrum etablierten Ansicht vom Rassismus als Vorurteil sind in linksradikalen Kreisen zwei verschiedene Auffassungen gängig, aus denen unterschiedliche Praxen resultieren. Grob gesprochen geht es einerseits um die Vorstellung Rassismus leite sich direkt aus dem Konkurrenzverhältnis im Kapitalismus ab. Andererseits um ein Verständnis von Rassismus als einem Phänomen, das unbewusst in den Subjekten entsteht und die Gesellschaft strukturiert.

Innerhalb der antideutschen Strömung kommt eine Kritik des Rassismus häufig zu kurz. Denn die legitime Frage nach dem Antisemitismus verengt oft den Blick, anstatt ihn zu erweitern. Häufig wird das eine gegen das andere ausgespielt, was im schlechtesten Fall zu rassistischen Äußerungen führt. In Zeiten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) und rassistischer Mobilmachung kann eine antideutsche Linke es sich nicht leisten, diesen entscheidenden Aspekt völkischen Denkens zu ignorieren. Vielmehr müsste das Anliegen lauten, beides zu verstehen, um es kritisieren zu können und das spezifisch Deutsche in der hiesigen Ausformung zu erfassen.

Welche Blüten ein falscher Begriff von Rassismus und eine so fehlgeleitete Analyse der Gesellschaft und ihres emanzipatorischen Potentials treiben können, zeigt sich an einem Zitat, das auf oben genanntem Kongress fiel. So argumentierte eine Aktivistin der Interventionistischen Linken in Bezug auf den Rückzug des Staates aus der Geflüchtetenhilfe, dies sei "die größte Chance, die wir je hatten". Ihr Hauptargument lag darin, dass dadurch Teile der Bevölkerung politisiert würden. Angesichts rassistischer Mobilmachung, steigender Zustimmung für die AfD und täglichen Attacken auf Geflüchtete witterte sie allem voran eine Chance für linke Mobilisierung, statt beim Rückzug des Staates an die Gefahren eines wild gewordenen deutschen Mobs zu denken. Diese Meinung ging beim Podium des Kongresses bei allen sich zu Wort meldenden Diskutierenden unwidersprochen durch. So aber verblassen das Elend der Wartenden, beispielsweise vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) im Sommer 2015 oder die prekären Zustände in den von freiwilligen UnterstützerInnen geschaffenen Strukturen im Lichte der Hoffnung auf ein neues Agitationsfeld der Linken. Es zeugt von einer selektiven Wahrnehmung, angetrieben vom Wunsch die Mehrheitsgesellschaft als potenzielle MitstreiterInnen zu sehen, anstatt deren Rassismus ernst zu nehmen.

Anhand der Äußerung der Aktivistin der Interventionistischen Linken kann ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal für die verschiedenen Begriffe von Rassismus deutlich gemacht werden - nämlich eine unterschiedliche Einschätzung in Bezug auf die Mehrheitsfähigkeit rassistischer Positionen. Sehen die Einen es als aufzuklärendes Oberflächenphänomen, welches vor allem auf Konkurrenzängsten beruht, steht dem die Einschätzung gegenüber, es handele sich hier um etwas viel Grundlegenderes, wie weiter unten noch zu erläutern sein wird. Die Position, die in dieser vielleicht unscheinbaren Aussage vertreten wird, markiert eine Seite in dem aktuell stets wiederkehrenden Konflikt.

Zum Beispiel wird auf Demonstrationen an Orten rassistischer Gewalt immer wieder diskutiert, wie mit der (örtlichen) deutschen Bevölkerung umgegangen werden soll. Während ein Teil dieser unversöhnlich gegenüberstehen will, haben andere den Wunsch, sie aufzuklären. So ist auch zu erklären, dass auf dem Kongress ernsthaft der Vorschlag gemacht wurde, den WählerInnen der AfD eine "linke Alternative" als populistisches Gegenangebot anzubieten. Rassismus ist aber keine Fehlleitung, die mit ein paar Kurskorrekturen auf den Pfad Richtung Kommunismus geführt werden kann. Stattdessen muss die rassistische Bewegung auf der Straße, die ihre Entsprechung in politischen Entscheidungen findet (Kürzungen der Leistungen von Schutzsuchenden, Verschärfungen des Asylrechts, anlaufende Abschiebungen nach Afghanistan etc.), als Feind jeder Emanzipationsbewegung verstanden und angegriffen werden. Der Traum einer sozialen Revolte im Angesicht einer reaktionären Massenbewegung zeugt von einer gefährlichen Ignoranz und Hybris jener Linken, die meinen, hier sei auch nur irgendetwas zu holen.

Die in Frankfurt vorgetragene Analyse passt zu dem, was die Interventionistischen Linke zu Rassismus schreibt:"Womit die politische Elite droht und die Rechte rassistisch mobilisiert, ist im Grunde nichts anderes als die verschärfte soziale Konkurrenz zwischen den Unterprivilegierten: Zwischen den Neuankommenden und den Alteingesessenen: Auf dem Arbeitsmarkt, um Sozialleistungen, angemessenen Wohnraum usw. In dem Maße, wie die Geflüchteten die Lager und Heime verlassen, sich um Jobs und angemessenen Wohnraum bemühen werden, werden die Verteilungskämpfe zunehmen. Ähnliches gilt für den Bedarf an Plätzen in Schulen und Kindergärten, für soziale Beratung und Betreuung."

Die rassistisch Markierten sind hier ausschließlich KonkurrentInnen in der kapitalistischen Gesellschaft. Rassistische Hetze und Gewalt sind der Versuch, die eigenen Pfründe zu schützen - mit unlauteren Mitteln vielleicht, aber alles strikt nach Marktlogik. Kritikwürdig ist hier vor allem der Umstand, dass die Interventionistische Linke dabei verbleibt zu beschreiben, wie sich RassistInnen ihr eigenes wahnhaftes Handeln begründen, anstatt die Hintergründe in den Blick zu nehmen. Der Erklärung bedarf ja ebenso, warum auch Menschen, die akut keinen sozialen Abstieg zu befürchten haben, rassistisch agieren. Gerade diese irrationalen Anteile und die Dimension des rassistischen Gesellschaftsprojekts lassen sich aus der Perspektive der Interventionistischen Linken nicht erfassen. Stattdessen wird Rassismus auf das Konkurrenzverhältnis reduziert und dessen Gewalt rationalisiert.

Ableitungsmarxismus ist auch keine Alternative

Noch vor wenigen Jahren standen VertreterInnen von ...ums Ganze! vehement für eine antinationale Position ein, die sie gegen die vermeintlich antiquierte antideutsche Politik in Stellung brachten. Konkret beinhaltete diese Position, die spezifische Kritik an deutscher Vergesellschaftung, ausgehend von den Erfahrungen des deutschen Nationalsozialismus und von Auschwitz, als überholt zu betrachten. Dem Charakter des eliminatorischen Antisemitismus und des völkischen Rassismus wurde in der Folge nicht besonders Rechnung getragen. Stattdessen seien die killing fields der Welt zu beachten und der deutsche Nationalismus einer unter vielen, die sich global gegenüberstünden. Im Resultat wurde die politische Kategorie der Volksgemeinschaft durch die des Standortnationalismus ersetzt. Eine allgemeine Kritik an Staat, Kapital und Nation verdrängte die Kritik an deutschen Zuständen, welche kaum noch Erwähnung fanden.

Der gerade veröffentlichte Kampagnentext "Nationalismus ist keine Alternative!" identifiziert die AfD zurecht als den parlamentarischen Arm des rassistischen Mobs auf der Straße. Anders als bisher attestiert ...ums Ganze! dem deutschen Nationalismus, der sich dort Bahn bricht, einen völkischen Charakter und arbeitet dessen Mythos vom Volkskörper ebenso heraus wie dessen Opposition gegen die herrschenden Eliten. Auf die Frage aber, woher der Rassismus kommt, begegnet einem beim Lesen schlicht das altbekannte Mantra der Konkurrenz. "

Bereits jetzt fürchtet die von ihrer Stammpartei wie immer verratene ArbeiterInnenschaft die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn die Zugangsbarrieren vorerst noch zu hoch sind. Ebenso geht bereits die Angst um, die Flüchtenden könnten den Druck auf die sozialen Sicherungssysteme erhöhen. Angesichts des Mangels an gesellschaftlichen Alternativen erscheint der Weg in die nationale Abschottung als rationale Option, um die eigenen Besitztümer zu sichern. Doch aus dem Kalkül wird Misstrauen, aus dem Misstrauen Angst, Wut, Paranoia, Pegida und AfD."

Hieraus spricht ein Rassismusbegriff, der auf der subjektiven Ebene nur eine rationale Entscheidung zur Sicherung der eigenen Besitztümer erkennt, welche dann unter mysteriösen Umständen in Angst, Wut und Paranoia kippt. Hier muss nachgebessert werden, denn der völkische Rassismus funktioniert anders, als es Standortnationalismus vielleicht tut. Es braucht einen Rassismusbegriff, der es leisten kann, unbewusste Regungen der Subjekte zu erfassen, sowie rationale und irrationale Momente zusammen zu denken.

Die aktuelle Kampagne setzt an den richtigen Stellen an - ob sie eine Wirkung entfalten wird, ist fraglich, bleibt aber zu hoffen. Dennoch, linksradikale Praxis kann immer nur so gut sein, wie die Analyse, mit der sie vermittelt ist.

Völkischer Rassismus und bürgerliche Subjektivität

Völkisches Denken ist konstitutiv für diverse Erscheinungsformen der aktuellen rassistischen Mobilmachung. Darin enthalten ist nicht nur eine Vorstellung von "den Anderen" als Minderwertige, sondern auch eine Vorstellung vom eigenen Volk als Höherwertiges, das es zu schaffen, rein zu halten und zu verteidigen gilt. JustIn Monday spricht hier von "Selbstrassifizierung". Darin drückt sich eine Vorstellung darüber aus, wie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft beschaffen sei. Anstelle der ökonomischen Beziehungen wird ein natürlicher Verbund qua Blut und Boden gesetzt. Trotz aller Anstrengungen, diese Imagination zu stabilisieren, bleibt sie permanent bedroht von der Krisenhaftigkeit der Wertproduktion. Verschoben auf "die Anderen" wird die Abwehr der Bedrohung des eigenen gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Fremdrassifizierung ausagiert. In die "Anderen", die ebenso nur als völkische Gruppe gedacht werden können, werden jene Anteile des Selbst projiziert, die in der Triebunterdrückung der bürgerlichen Subjekte abgespalten und negiert werden müssen. "In Folge rigider, moralisierender Erziehung", wie Ljiljana Radoni? es nennt, "werden nichtzulässige Gefühle verdrängt, ihr Bewusstwerden muss ständig abgewehrt werden". Diese Form der Erziehung und Selbstzurichtung entspricht den Anforderungen bürgerlicher Vergesellschaftung, sich selbst zu verwerten. Insofern ist die Konkurrenz auf dem Markt eine Konstitutionsbedingung bürgerlicher Subjektivität, doch kann Rassismus nicht einfach daraus abgeleitet werden. Rassismus hat zwar immer auch etwas mit dem Konkurrenzverhältnis zu tun, aber eben nicht zwangsläufig unmittelbar. Vielmehr vermittelt sich der Zusammenhang über den Umweg, dass die Subjekte im Kapitalismus nur als beschädigte existieren und im Rassismus einen, wenn auch schlechten Ausweg finden, sich damit zu arrangieren. Der Zusammenhang zwischen Konkurrenz und Rassismus ist weder ein unmittelbarer, noch rationaler, sondern ein spezifisch vermittelter.

Im Zusammenspiel aus Verdrängung und Projektion formt sich das bürgerliche Subjekt die Objekte seiner Ressentiments. Eigene Regungen wie Faulheit, sexuelle Lust, antizivilisatorische Triebe oder unbequeme Emotionen werden abgespalten und an den vermeintlich Anderen bekämpft. Historisch haben sich verschiedene Ressentiments etabliert, die mit je eigenen Bildern und Narrativen unterschiedliche Gruppen von Menschen umkreisen, obwohl sich die Triebregungen überschneiden, die dabei verarbeitet werden. Den rassistisch Markierten wird vor allem eine Nähe zur Natur unterstellt sowie der Unwille oder die Unfähigkeit, sich gemäß den bürgerlichen Verkehrsformen zu verhalten.

Angst vor Degeneration - Kern des völkischen Rassismus

Die Projektion der eigenen verdrängten Natur ist charakteristisch für jeden Rassismus, darüber hinaus muss er jedoch gesellschaftlich und historisch spezifisch untersucht werden. Rassismus ist kein Relikt alter Zeiten und RassistInnen sind keine "Ewiggestrigen", wie es gerne in bürgerlichen und linksliberalen Kreisen kolportiert wird. Die Imagination, dass eine ahistorische, natürliche und transzendente Entität den gesellschaftlichen Zusammenhang herstelle, erneuert sich stetig und entfaltet sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen. So wurde aus der "Rasse" die "Kultur". Dabei knüpfen die Erscheinungsformen natürlich in Topoi und Bildsprache aneinander an, denn der Rassismus selbst hat eine Geschichte. Seine Dynamik jedoch gewinnt er aus dem hier und jetzt, es sind keine "Nachwehen" eines rassistischen Zeitalters, das eigentlich bereits zurückgelassen wurde. Der Kern des völkischen Rassismus ist die imaginierte Bedrohung des Eigenen (Rasse/Volk/Kultur) durch Degeneration, dem aktiv entgegengewirkt werden muss. Es ist der Mythos, dass alles anders werden muss, damit das immer schon Gewesene erhalten bleibt. Dieser Mythos findet sich in der nationalsozialistischen Rassenbiologie ebenso wie in Thilo Sarrazins Thesen und bei Pegida.

Im Unterschied zum modernen Antisemitismus nach Auschwitz hat Rassismus auch heute insofern eine materielle Grundlage, als dass der psychischen Verarbeitung sowohl phylo- als auch ontogenetisch reell bestehende Machtverhältnisse vorhergehen. Während die jüdische Weltverschwörung keine Entsprechung findet, war und ist die ökonomische Subordination der rassistisch Markierten sowohl innerhalb Deutschlands als auch global, brutale Wirklichkeit. Dies wird vor allem seit der kolonialistischen Sklavenhaltung als Begründung für die Minderwertigkeit Nicht-Weißer herangezogen. Menschen werden in Rollen gedrängt, die die über sie existierenden Stereotype scheinbar bestätigen. Fremdrassifizierung dient also auch dazu, Machtverhältnisse abzusichern. In diesem Zusammengehen vom Wahn des rassistischen Gesellschaftsprojekts mit der Ratio der Herrschaft liegt der besondere Charakter des Rassismus, den es zu begreifen gilt.

Vom Humanismus im Staatsauftrag zur Abschottung

Die Bedrohung durch die Krisenhaftigkeit der wertverwertenden Gesellschaft, deren Abwehr verschoben in der Fremdrassifizierung ausagiert wird, tritt den bürgerlichen Subjekten entindividualisiert entgegen. Das heißt, einzelne Weißdeutsche sehen in den rassistisch markierten Personen die VertreterInnen ihrer vermeintlichen "Rasse", "Kultur", "Wertesysteme" etc. und damit Personifikationen des als bedrohlich wahrgenommenen allgemeinen Anderen. Im Ausleben von rassistischer Diskriminierung oder Gewalt an einzelnen Personen werden diese als Konkretes in die abstrakte Bedrohung eingesetzt. Ob dies wahllos auf dem Schützenfest passiert oder nach kalkuliertem Auskundschaften, wie es der NSU vorgemacht hat, ist für die Betroffenen vermutlich irrelevant. Für ein Verständnis von Rassismus und antirassistischer Praxis wirft das jedoch ein Licht auf die Grenzen, die eine Politik der "Begegnung" mit sich bringt. Diese ergibt sich logisch aus einer Vorstellung von Rassismus, die diesen vor allem als Vorurteil begreift. Persönliche Erfahrungen mit MigrantInnen oder anderen rassistisch Markierten können zwar eine Stärkung der Empathiefähigkeit gegenüber denjenigen bewirken, die potentiell zu jeder Zeit von Diskriminierung und Gewalt betroffen sein können. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen kann das eine gute Strategie sein, die Hemmschwelle für das Ausleben von Rassismus zu erhöhen. Ob das persönliche Kennenlernen von Geflüchteten allerdings dazu führt, rassistische Einstellungen insgesamt abzubauen, bleibt fraglich, ebenso wie der Gedanke falsch ist, schwarze FreundInnen zu haben, würde von Rassismus befreien. Andernfalls wäre es nicht so bruchlos möglich gewesen, dass im Laufe des Sommers der Willkommenskultur auch diejenigen, die vorher bei Kleiderspenden tatkräftig mithalfen, in den Ruf nach Grenzschließungen und Selektion mit einstimmten; allen voran jene, die ihre geleistete Hilfe als Dienst für Deutschland verstanden hatten.

Wie fragil das Fundament der neuen deutschen Willkommenskultur war, zeigte sich nach den sexualisierten Übergriffen der Silvesternacht in Köln. Statt zu einer dringend notwendigen Kritik an Männlichkeit und patriarchalen Verhältnissen führten die Vorfälle mehrheitlich zur willkommenen Bestätigung eines rassistischen Stereotyps. Da die Taten von rassistisch Markierten begangen worden sein sollen, wurde die gesamte Gruppe, der die Markierten vermeintlich angehören, im Rahmen des rassistischen Diskurses verurteilt werden. Die Vorfälle von Köln bewirkten so einen öffentlichen Stimmungsumschwung: Wo vorher noch "Wir schaffen das!" galt, wurde umgehend die Unterscheidung in "wirkliche Flüchtlinge" und "Wirtschaftsflüchtlinge" sowie Abschottung und Verschärfung der Asylgesetzgebung gefordert. Lediglich solche Hilfsinitiativen, die sich von vornherein als politische verstanden, forderten weiterhin offene Grenzen und menschenwürdige Versorgung für alle.

Was nicht tun wenn's brennt

Eine antifaschistische Praxis ist dringend geboten, daran gibt es keinen Zweifel. Also, was tun? Wir haben leider auch kein Patentrezept. Wir können nur zurückblicken und feststellen, was sich bereits als Sackgasse entpuppt hat. Zuallererst: Appeasement gegenüber dem Mob gibt diesem nur mehr Handlungsspielraum. Weiter muss der Spagat in der Geflüchtetenhilfe zwischen der Unterstützung Not leidender Menschen und der Erfüllung neoliberaler Privatisierungswünsche des Staates problematisiert und nicht gefeiert werden. Mit Deutschland keine gemeinsame Sache zu machen bedeutet auch, sich nicht auf "XY bleibt bunt"-Demonstrationen und Willkommensfesten zum Aushängeschild des "hellen Deutschlands" machen zu lassen. Auch wenn solche Feste den Betroffenen zum Ausbruch aus dem bitteren Alltag verhelfen sowie den lokalen AktivistInnen den Rücken stärken können, muss mitgedacht werden, dass diese zugleich zu einer Verklärung der alltäglichen rassistischen Gefahr und zur Standortpflege beitragen. Willkommensfeste helfen beim Reinwaschen der deutschen Volks- und Dorfgemeinschaft anstatt sie zu denunzieren. Dieser Widerspruch ist jeglicher anti-rassistischen Arbeit immanent und muss immer mitgedacht werden.

Bei allem Handlungsdrang, Raum für Analyse muss bleiben. Sich einen Begriff von dem zu bilden, wogegen gekämpft werden soll, ist kein Selbstzweck. Die Analyse kann einem Wege aufzeigen, die sich lohnen zu betreten. Viel wichtiger jedoch kann sie auch darauf hinweisen, auf dem Holzweg zu sein. Dazu bedarf es ständiger Reflexion der eigenen politischen Arbeit und Analysen, die daran kontinuierlich wachsen, anstatt in der Schublade zu verschwinden. In der Realität vieler Gruppen, in Sachsen aber auch anderswo, scheitert dieses Diktum an dem Druck, unter dem der alltägliche Abwehrkampf geführt werden muss. Daher plädieren wir für eine überregionale Vernetzung und die Unterstützung lokaler Strukturen, die vor allem aus Regionen geleistet werden kann, in denen die rassistische Mobilmachung weniger stark ist. So sind wir zum Beispiel Teil der "Irgendwo in Deutschland"-Kampagne, deren Ziel es unter anderem ist, AntifaschistInnen aus westdeutschen Metropolen auf Demonstrationen nach Sachsen zu bringen und den deutschen, rassistischen Normalzustand anzugreifen.

Die Zuspitzung der Lage in den letzten zwei Jahren macht deutlich, dass von Chancen nicht die Rede sein kann. Unseren Ausführungen folgend gehen wir davon aus, dass Rassismus der kapitalistischen Vergesellschaftung inhärent ist. Wir schätzen daher die Chancen als recht gering ein, einen Großteil der Bevölkerung zu "kurieren", zumal in Deutschland. Die propagierte Unversöhnlichkeit gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist daher lediglich ein konsequenter Schritt.

Wie also den Massen begegnen, wenn Rassismus eine tief verwurzelte Denkstruktur ist, deren Tabuisierung stetig schwindet, und das rassistische Gesellschaftsprojekt vielen attraktiver zu sein scheint als das kommunistische? Strafexpeditionen und Stärke zeigen gegen autoritäre Charaktere sind weiterhin zu begrüßen. Angesichts Zehntausender, die Pegida versammeln konnte, bleibt jedoch der nagende Zweifel, ob das mehr als punktuell zu leisten ist. Die AfD und die deutsche Abschiebemaschinerie anzugreifen, trifft ebenso zwei wichtige Akteure ebenjenes rassistischen Gesellschaftsprojekts, das es zu verhindern gilt.

Abwehrkämpfe beglücken einen nicht mit der Aussicht auf eine rosige Zukunft. Ebenso wenig existiert ein eindeutiges Handlungskonzept. Kein Text, keine Aktion und keine Demonstration werden einem das Gefühl geben, wirklich das Richtige gemacht zu haben. Verschiedene Ansätze und Praxen auszuprobieren und gemeinsam Analysen zu diskutieren ist angebracht, um weder an der eigenen Lähmung zu verzweifeln, noch in blinden Praxiswahn zu verfallen.

sous la plage/antigravitationistische linke

Die Hamburger Gruppe versteht sich als ein kommunistischer Zusammenhang. Ältere wie aktuelle Texte und Redebeiträge der Gruppe finden sich auf der Seite souslaplage.org.

Fußnoten

  1. Mittlerweile gibt es dieses Angebot von Seiten der Linkspartei, in Person von Sarah Wagenknecht.
  2. Interventionistische Linke, Die soziale Frage ist offen. Lassen wir sie nicht rechts liegen!, interventionistische-linke.org, 19. Januar 2016, http://0cn.de/p6dp.
  3. Eine Übersicht über die Debatte findet sich unter: http://nevergoinghome.blogsport.de/nationalismusdebatte.
  4. Beispielhaft dafür: ...ums Ganze!, Kein Tag für die Nation! Kein Tag für Deutschland!, ...ums Ganze!, 2010, umsganze.org/historie/2010-bremen-kein-tag/aufruf/.
  5. ...ums Ganze!, Nationalismus ist keine Alternative! Gegen die Festung und ihre Fans!, ...ums Ganze!, 27. März 2016, https://umsganze.org/kampagnentext-2016/.
  6. Ebd.
  7. Anmerkung: Zurzeit wird von diversen Seiten, u.a. der AfD, versucht den Begriff des "Völkischen" wieder salonfähig zu machen. Dabei stellt diese Denkweise schon lange den Kern rassistischen Denkens in Deutschland dar, mal offener, mal tabuisiert verdeckter. Selbst wenn im europäischen Kontext meist von "Kultur" gesprochen wird, findet höchstens eine sprachliche Verschiebung weg von "Rasse" statt. Dies brachte Etienne Balibar bereits Ende der 1980er Jahre auf den Begriff, als er vom "Rassismus ohne Rassen" sprach.
  8. "Die doppelte Natur des Rassismus. Über den Mythos der Gesellschaft in der Krise.", in: Jungle World vom 23. Juli 2013.
  9. Ljiljana Radoni?, Beschädigtes Leben und antisemitische "Schiefheilung" - Freud und Adorno revisited, in: Brigitte Marschall/Christian Schulte/Sara Vorwalder/Florian Wagner (Hrsg.): (K)ein Ende der Kunst. Kritische Theorie