Je suis asozial

Asozialität als Konstrukt, Verfolgungsgrund und Hype

»Asozialer Parasit« pinnen Punks als Buttons auf ihre Jacken, in einem Songtext von Toxoplasma heißt es »doch da wir uns nicht fügen, sind wir der letzte Dreck, für etablierte Hirnkastrierte asozial«. Eine Band nennt sich Mülheim Asozial und die APPD (Anarchistische Pogo Partei Deutschlands) propagiert die Aufteilung Deutschlands in drei Zonen – in einer davon sieht sie sich selbst: die Asoziale-Parasiten-Zone für Leistungsunwillige. Im Hip-Hop kürt sich derweil ein Deutschrapper selbst zum »Gossenboss«, ein anderer benennt seinen Lebensstil im eigenen Track als »Asozial 4 Life«. Fußballfans des FC St. Pauli besingen sich als »asoziale Zecken«, während die Ultras Wuppertal zur »Wuppertal asozial«-Mottotour aufrufen, bei der die Fans mit Bomberjacke, Fischerhut und Jogginghose zur Auswärtsfahrt erscheinen sollen.

»Asozial« als selbstbewusste und provokante Selbstbezeichnung ist in bestimmten sub- und popkulturellen Kreisen en vogue geworden. Sehnsüchte nach Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen und Pflichten scheinen dabei genauso eine Rolle zu spielen wie die Aneignung und positive Umdeutung von Zuschreibungen. Der Duden unterscheidet für das Adjektiv asozial drei Bedeutungsebenen: »unfähig zum Leben in der Gemeinschaft, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend; am Rand der Gesellschaft lebend«, »(meist abwertend) die Gemeinschaft, Gesellschaft schädigend« oder »(umgangssprachlich abwertend) ein niedriges geistiges, kulturelles Niveau aufweisend; ungebildet und ungehobelt«. In genau dieser Weise wird der Begriff in zahlreichen Kontexten verwendet, von der Beleidigung auf dem Schulhof bis hin zur Begründung für den Mord an einem Obdachlosen: So wurde zum Beispiel am 27. Juli 2000 der 51-jährige Norbert Plath in Ahlbeck mit der Begründung »Asoziale und Landstreicher hätten im schönen Ahlbeck nichts zu suchen« zu Tode geprügelt.

Was drückt sich in der Fremd- und Selbstzuschreibung »asozial« aus? Worauf verweist diese parallele Bewegung von Abwertung, Hass und Verfolgung alles »Asozialen« einerseits und der Romantisierung und Sehnsucht, die andererseits damit verknüpft wird? Bringt die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ein Konzept der Asozialität hervor, das in ihr eine bestimmte Funktion erfüllt? Und was wäre eine adäquate Antwort aus Sicht einer linksradikalen Gesellschaftskritik? Hat das A-Soziale als Antagonist zur bestehenden Gesellschaft möglicherweise gar emanzipatorisches Potenzial?

Historische Kontinuitäten der Stigmatisierung und Kriminalisierung

Während im Mittelalter Arme und Bettler_innen einen akzeptierten Platz in der Gesellschaft hatten und Arbeit als gottgewollte Strafe in Erinnerung an den Sündenfall wahrgenommen wurde, begann im 15. Jahrhundert die Ausgrenzung sogenannter Schmarotzer. Einen entscheidenden Teil dazu trug Martin Luther bei, der in seinen Spätschriften vor allem ab 1543 offen zum Mord an Bauern sowie Juden aufrief und gegen als Zigeuner Stigmatisierte, Menschen mit Behinderungen und Frauen hetzte. Das protestantische Arbeitsethos der frühkapitalistischen Zeit erklärte Arbeit zum Selbstzweck. Stetige Tätigkeit bedeute Pflichterfüllung vor Gott und der Gemeinschaft. Der Arbeitsbegriff brauchte seine negative Abspaltung: ehrliche (deutsche) Arbeit versus schmarotzerhaftes Lumpenproletariat bzw. jüdische Nicht-Arbeit.

Dieses Arbeitsethos ging mit einem Arbeitszwang einher; mit der Vorstellung, Arme und Arbeitslose, die vermeintlich dem Müßiggang frönten, seien durch Arbeit zur Arbeit zu erziehen. Bereits im 17. Jahrhundert entstanden in diesem Geiste Arbeitshäuser, die verschiedene Funktionen erfüllen sollten: als polizeiliche Bewahrungs- und Strafanstalt sowie staatlich gesteuerte Armenfürsorge zu dienen. Disziplinierung und Arbeitszwang bewegten sich damit zwischen Strafe und vermeintlich pädagogisch-helfender »Erziehung zur Arbeit«, wobei stets das Wohl der Gemeinschaft, nicht das der Betroffenen im Vordergrund stand. Mit der nationalsozialistischen Vorstellung eines deutschen Volkes als Gemeinschaft von Arbeiter_innen radikalisierten sich diese Ideen und Praxen. Neben dem antisemitischen Motiv des Juden, der unfähig zu produktiver Arbeit sei und durch Wucher von der Arbeit anderer lebe, wurden auch Sinti und Roma als angeblich arbeitsscheu stigmatisiert und systematisch als Asoziale verfolgt. Unter anderem galten Bettler_innen, Obdachlose, Alkoholiker_innen, sogenannte Arbeitsscheue, Sexarbeiter_innen oder Frauen, die sexueller Freizügigkeit beschuldigt wurden, als asozial. Die Repressionen und Zwangsmaßnahmen gegen die Menschen, denen vorgeworfen wurde, nichts zur Volksgemeinschaft beizutragen und ihr »auf der Tasche zu liegen«, erfuhren im Nationalsozialismus eine Ausweitung und Verschärfung: Sie wurden als asozial stigmatisiert, verhaftet, zur Arbeit gezwungen, in sogenannten Fürsorge-Institutionen interniert, zwangssterilisiert und ab 1938 auch in Konzentrationslager eingewiesen – dort bildeten sie zu dieser Zeit sogar die größte Häftlingsgruppe. Den Hardlinern in den Debatten über den Umgang mit »Asozialen«, die bereits in der Weimarer Republik aufflammten, waren nun keine Grenzen mehr gesetzt. Arbeitsscheue sollte es im homogenen »arischen Volkskörper« nicht geben.

Trotz aller Veränderungen in Rechtslage und gesellschaftlicher Situation nach 1945 gab es in beiden deutschen Staaten Kontinuitäten zur nationalsozialistischen Zeit. So blieb eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen (deutschem) Arbeitsethos und nationalsozialistischer Verfolgung aus. In der DDR setzte sich – wenngleich in einem qualitativ anderen Maße – die Verfolgung jener fort, denen Prostitution, Nichtsesshaftigkeit, Arbeitsbummelei oder Unangepasstheit vorgeworfen wurde. Auch Punks oder (Fußball-)»Rowdys« waren davon betroffen. Die gesetzliche Grundlage bot der 1968 eingeführte §249 StGB, der sogenannte Asozialen-Paragraf, der die »Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten« unter Strafe stellte. Menschen, die sich auf »andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschaff[en]« – gemeint war unter anderem Spekulation – wurden ebenfalls kriminalisiert. An diesem Punkt unterschied sich der Begriff des Asozialen in der DDR gegenüber jenem der Nationalsozialisten, da er gewissermaßen auch »nach oben« zielte und nicht nur gegen Arme und Marginalisierte gerichtet war. Der Antisemitismus war also geradezu eingemeindet worden. Im antisemitischen Wahn wird imaginiert, Juden und Jüdinnen würden parasitär von der Gesellschaft leben und selbst keiner produktiven Arbeit nachgehen. Diese Vorstellung verdichtet sich im Bild des jüdischen Spekulanten oder des jüdischen Finanzkapitals und scheint sich mit dem Feindbild des asozialen Spekulanten zu decken. Damit trafen sich in der DDR zwei ideologische Linien: der spezifisch deutsche Arbeitsbegriff und die sowjetmarxistische Vorstellung, nach der gesellschaftliche Teilhabe ebenfalls zentral über Arbeit bestimmt wird.

Auch in der Bundesrepublik war zunächst die Bestrafung »asozialen Verhaltens« rechtlich verankert. Der Tatbestand fand allerdings selten Anwendung und wurde 1969 aufgehoben. Andere Formen der Stigmatisierung setzten sich fort; so musste die Landfahrerkartei in Bayern, die eine direkte Kontinuität in der Verfolgung von sogenannten »Zigeunern« darstellte, zwar 1970 als grundgesetzwidrig aufgelöst werden, aber die Polizei erfasste dennoch bis mindestens 1998 den »Personentyp« Sinti und Roma aus »rein polizeifachlichen Gründen«.

In beiden Staaten erfuhr die Gruppe der sogenannten Asozialen offiziell keine Anerkennung als Opfergruppe des Nationalsozialismus und hatte somit keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen. In Ost und West dominierte die Vorstellung, die Verfolgung »Asozialer« sei durchaus legitim, wenn auch im NS teilweise überzogen gewesen. Die Ausgrenzung setzte sich materiell und ideologisch fort. Selbst in den KZ-Gedenkstätten und Überlebendenverbänden, die als Lobby für die Betroffenen hätten fungieren können, fand die Häftlingsgruppe der Asozialen lange keine angemessene Repräsentation und wurde, wenn überhaupt, vorwiegend aus der Perspektive der Mithäftlinge oder aus der Sicht der Täter_innen gezeigt.

Gleichzeitig schrieben Wissenschaftler_innen, Politiker_innen, Polizei sowie Debatten um Fürsorge und Soziale Arbeit gesellschaftliches Wissen über »Asozialität« fort. So wurden zum Beispiel auf dem Marburger Kongress »Genetik und Gesellschaft« 1969 über Zwangssterilisationen und genetische Ursachen für Asozialität Wortbeiträge wie der folgende diskutiert:

»Wir kennen doch in den Randgebieten der großen Städte die Asozialen-Siedlungen. Hier haben viele Mütter doch schon vor ihrem dreißigsten Lebensjahr sieben oder acht Kinder, obwohl es ihnen wirtschaftlich schlecht geht und sie mit ihren Kräften dekompensiert und den Erziehungsproblemen weitgehend hilflos gegenüberstehen. Diese Mütter bekommen ihre Kinder nicht nur, weil sie unfähig zur Empfängnisverhütung sind, sondern auch, weil die Familie praktisch vom Kindergeld lebt. Hier glaube ich, ist die soziale Indikation zur Sterilisation zugleich auch eine humane und eugenische.«

Die Aussage stammte von Widukind Lenz, der während des Nationalsozialismus Mitglied der SA und Arzt der Luftwaffe, ab 1952 Oberarzt an einer Hamburger Kinderklinik gewesen war. Sie löste auf dem Kongress keineswegs einen Skandal aus, sondern unterschied sich in ihrer Argumentation kaum von anderen Beiträgen.

Aktuell finden sich vor allem in der medialen und politischen Auseinandersetzung über den Umgang mit Langzeitarbeitslosen viele der Vorwürfe und Stereotype, die sich mit der Vorstellung von Asozialen decken. In der Hartz-IV-Gesetzgebung finden sie ihre praktische Umsetzung. Auch gegen andere marginalisierte Gruppen wie Wohnungslose, Sexarbeiter_innen oder Drogenkonsument_innen gab und gibt es eine Vielzahl von Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen, die Menschen zu einer bestimmten Ordnung und Gesellschaftsfunktion hin disziplinieren sollen.

Sehnsüchte und Verbote der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft

Bei der Kriminalisierung und Stigmatisierung von »Asozialen« handelt es sich um einen Kampf gegen jene, die vermeintlich oder tatsächlich an der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung scheitern oder sie durch fehlendes Mitmachen infrage stellen: Arme, Wohnungslose, Sexarbeiter_innen, Arbeitslose, gesellschaftlich Marginalisierte, Sozialleistungsbezieher_innen, Drogenkonsument_innen. A-sozial als das Andere der Gesellschaft ist in seiner gemeinschaftsgefährdenden Konstruktion gerade konstitutiv für diese Gemeinschaft. Seit der Aufklärung und der Durchsetzung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung versammelt der Begriff »asozial« all die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die das bürgerliche Subjekt im Zuge der Zurichtung durch gesellschaftliche Zwänge an sich selbst unterdrücken muss: Faulheit, Müßiggang, Zügellosigkeit, ausschweifende Sexualität, Genuss, Rausch, Sich-gehen-Lassen. Wo Selbstkontrolle, Selbstdisziplin und Verzicht Bedingungen der eigenen Subjektkonstitution sind, gilt das Gegenteil als asozial.

Eine These wäre also, dass die Abwertung des »Asozialen« Ausdruck eines Ressentiments ist, das in der Organisation der Gesellschaft als bürgerlich-kapitalistische angelegt ist. Denn im Kapitalismus im Allgemeinen und in seiner spezifisch deutschen Ausformung im Speziellen wird gesellschaftlicher Zusammenhalt über Arbeitsbeziehungen hergestellt, d.h., all jene, die ihre Arbeitskraft verkaufen, können potenziell teilhaben. Diejenigen, die das vermeintlich nicht tun, sondern »parasitär« vom Finanzkapital leben oder ihre Faulheit ausleben, werden hingegen ausgeschlossen. Die eigene unbewusste Unzufriedenheit darüber, dass die bürgerlichen Versprechen auf Wohlstand und das schöne Leben nicht aufgehen, wird dann im Hass ausagiert und trifft jene, die sich scheinbar oder tatsächlich der eigenen Zurichtung versperren.

Eine Gesellschaft, die sich über diesen Arbeitswahn konstituiert, produziert zur Selbstlegitimierung den Hass auf die vorgeblich Untätigen. Menschen werden nur anhand ihres »Nutzens für die Gesellschaft«, also der Möglichkeit der Verwertung ihrer Arbeitskraft durch das Kapital bewertet. Wer nicht nützlich ist, gilt als Gefahr.

»Generalstreik das Leben lang«

Parallel zu dieser Abwertung und Verfolgung gibt es aber auch eine Geschichte von Aneignung und Affirmation der mit Asozialität assoziierten Verhaltensweisen. Die Vagabundenbewegung (1927–1933) ist ein frühes historisches Beispiel für eine Form der Aneignung von Vorwürfen, die gegen Landstreicher_innen, Obdachlose und Erwerbslose vorgebracht wurden. Dies ging mit der Infragestellung gesellschaftlicher Normvorstellungen von Arbeit, Sittlichkeit und Kontrolle einher. Die internationale Bewegung von Landstreicher_innen und Vagabund_innen setzte sich solidarisch für Obdachlose ein und verdeutlichte mit Slogans wie »Generalstreik das Leben lang« ihren Wunsch, in einer anderen Gesellschaft, ohne Arbeit als zentralen Bezugspunkt zu leben.

Die Aneignung des Stigmas ist im Zusammenhang mit der Vagabundenbewegung als ein politisches Programm zu verstehen, als ein Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft und als eine Rebellion. Die Gammler-, und Hippiebewegung in der Bundesrepublik der sechziger Jahre war hingegen eine (zumeist bürgerliche) Jugendkultur, die Normen und Lebensformen der Elterngeneration sowie der bürgerlichen Gesellschaft negierte. Diese Art der Aneignung trug nun vielmehr einen romantisierenden Charakter, indem sie Müßiggang, ungepflegtes Haar, Herumlungern, Obdachlosigkeit sowie Erwerbslosigkeit als Befreiung verklärte. Die Protagonist_Innen teilten also die Lebensrealitäten der tatsächlich Marginalisierten nicht zwangsläufig, sondern proklamierten diese angebliche Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen meist aus einer Position, aus der sie im Zweifelsfall zu einem geregelten (bürgerlichen) Leben mit Wohnsitz und gepflegtem Erscheinungsbild zurückkehren konnten. Mitunter korrelierte die antibürgerliche Haltung jedoch mit antiintellektualistischen Ressentiments. Trotzdem existierte so in der Bundesrepublik eine Jugendbewegung, die sich gegen die Nützlichkeitsideologie positionierte und in der Popkultur eine Gegenkultur mit abweichenden Identitätskonzepten entwickeln konnte.

Ein Blick auf die aktuelle deutsche Fußballfanszene lässt erkennen, dass auch dort positive Bezüge zu einer als unnütz konnotierten, »asozialen« Lebensweise hergestellt werden. Auf einer der szenebekanntesten Fan-Zaunfahnen heißt es »Workless Class – Hansa Rostock und Hartz IV, Ostdeutschland wir steh’n zu dir«, »Assi« wird als Kennzeichnung für ein bestimmtes Ausleben des Fanseins oder als Selbstbeschreibung  – neben beispielsweise Ultras und Hooligans – benutzt, Slogans wie »Auswärts ist man asozial« kursieren im Netz und auf Auswärtsfahrten. Dabei geht es weniger um eine »asoziale« Lebensrealität, die mit einer Stigmatisierung als randständiges und nicht verwertbares Subjekt einhergeht, also auch weniger um die Aneignung von »Asozialität« als politisches Moment, das auf die Solidarisierung mit Stigmatisierten setzt oder durch nonkonformes Verhalten Systemkritik äußern möchte. Das Verhalten auf Auswärtsfahrten, bei denen Fans ohne Fahrscheine unterwegs sind, auf Raststätten klauen, in Zugabteilen rauchen und Bahnsteige anderer Städte grölend betreten, ist als »asozial« konnotiert. »Asozialität« wird damit als ein Habitus romantisiert, in dem Umherziehen, sich treiben lassen, die Freiheit lieben und nicht zu arbeiten das zu erstrebende Ideal darstellen. Zugabteile werden als Freiräume verklärt, in denen Fans gezielte Abweichungen von Normkonstruktionen legitimieren und »einmal am Wochenende Asozial-Sein« abfeiern dürfen.

In der deutschen Punkszene ist »Asozialität« ebenfalls ein präsentes und beliebtes Motiv. Der Begriff taucht in Bandnahmen auf und gibt Songtexten ihre Titel. Der Punk-Mailorder Nix Gut verkauft Buttons mit der Aufschrift »Faulheit ist kein Verbrechen« und Aufnäher der APPD mit den Slogans »Asoziale an die Macht« oder »Nie wieder Arbeit«. Faulheit, nicht zur Arbeit gehen, Suff, dem Staat und den Spießer_innen auf die Nerven gehen, sich nicht an gesellschaftliche Regeln und Normen halten – weder an Gesetze noch an unausgesprochene Benimmregeln, sich nicht an hegemonialen Schönheitsnormen orientieren, mit vermeintlich abstoßender Erscheinung provozieren. »Asozialität« wird hier als Rebellion und Opposition zur herrschenden Gesellschaft verstanden und soll eine radikale Ablehnung gegenüber dem Staat, Deutschland, Lohnarbeit und allen zugehörigen Normen ausdrücken. Dagegen gehalten wird das Recht auf Faulheit, Schnorren als legitimes Mittel zum Selbsterhalt und das Recht auf den eigenen Körper – auch auf Selbstzerstörung. In Songtexten wie »Bürgerschreck» von den Pestpocken oder »Asozial« von Toxoplasma erscheint die Selbstbezeichnung »asozial« sowohl als Produkt wie auch Reaktion auf gesellschaftliche Verhältnisse. Stigmata werden hier aufgegriffen, positiv umgedeutet und zur trotzigen Kampfansage: Wir wollen gar nicht Teil eurer Gesellschaft sein!

Da sich in der Punkszene Menschen verschiedener sozialer Hintergründe treffen, sind die Übergänge fließend: von der positiven Aneignung gesellschaftlicher Zuschreibungen im Sinne eines empowerment, zu einer selbst gewählten Außenseiterposition als Ausdruck von Protest.

Waren die langen Haare der Gammler noch Ausdruck ihrer Ablehnung hegemonialer Männlichkeitsvorstellungen, hat die positive Bezugnahme auf Asozialität heute meist maskulinistische Züge und nimmt Frauen den (öffentlichen) Raum. Eine Fußballszene, die sich den Begriff stark aneignet, zeigt meist auch sexistische Spruchbänder. Ein Graffitifilm, der in der Szene als »assig« gilt, kommt nicht ohne obligatorischen Kameraschwenk auf einen Frauenhintern aus. Im Hinblick auf Geschlechterrollen zeigt die Aneignung von »Asozialität« Widersprüche: So sind klassisch neoliberale Anforderungen wie Konkurrenz, Ehrgeiz, Stärke und Wettkampf männlich konnotiert. Eine positive Bezugnahme auf »asoziale« Zuschreibungen tut aber der männlichen Performance keinen Abbruch, sondern reiht sich in ein ebenfalls als männlich geltendes Bild ein. Als asozial gelesene Weiblichkeit hingegen ist deutlich weniger akzeptiert. Die selbstbewusste Aneignung geschlechtsspezifischer Zuschreibungen – Promiskuität, »abnorme«/»verwahrloste« Sexualität, viele Kinder bei gleichzeitigem Nicht-Erfüllen der Mutterrolle – findet allenfalls in feministischen Kontexten statt und wird stärker gesellschaftlich sanktioniert.

Asozial 4 Life?

Werden einerseits Aspekte des als »asozial« vorgestellten Lebensstils romantisiert und mit Zügellosigkeit und Freiheit, dem nicht an starre Konformitäten gebundenen Leben und Müßiggang assoziiert, tritt gleichzeitig die Abwertung all dessen ins Blickfeld. Beides kann durchaus zusammengehen: Die Aneignung und Übernahme bestimmter Verhaltensweisen, Sprachgewohnheiten oder Kleidungsstile vermag eine gleichermaßen sehnsuchtsvolle wie ironische sein. Sie ist imstande Stereotypen zu bedienen und zu verstärken und dabei stets eine gewisse Distanz hervorzuheben, die das Ausleben erlaubt, ohne sich den Stigmatisierten gleichzumachen. Oder ein Ausbruch geschieht nur am Wochenende, während unter der Woche munter weiter gegen »Leistungsverweigerer« gehetzt wird. Wie ein Ventil, um zeitweilig aus den bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen auszubrechen, alles auf die Schippe zu nehmen und einmal auf ‘ner Auswärtsfahrt, beim Punkkonzert oder auf ‘ner Trashparty so richtig »assig« sein zu können. Schließlich ist Malle nur einmal im Jahr und die restliche Zeit wird sich mit der Sehnsucht nach einer Insel befriedigt, auf der niemand arbeitet und alle sich bedingungslos besaufen können (und wollen).

Faszination und Sehnsucht widersprechen also Abwertung und Verfolgung nur scheinbar. Das »Asoziale« ist verlockend und dient gleichzeitig als Repräsentation des genauen Gegenteils: seines verrohten und verdorbenen Charakters. Abwertung und Abfeiern von »Asozialität« sind nicht voneinander zu trennen und verweisen auf Sehnsüchte und Verbote der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Jogginghose bis zum Kommunismus? Oder: Was heißt das für politische und (sub-)kulturelle Praxis?

Bei der bloßen Aneignung eines Styles oder positiv konnotierter Zuschreibungen von »Asozialität« ist nicht auf das große subversive kritische Moment zu hoffen, abgesehen davon, dass die Affirmation vermeintlich »asozialer« Verhaltensweisen und Accessoires nicht allen gleichermaßen (zu-)steht.

Barfuß mit Gitarre über eine Wiese zu tanzen und sich »Gipsy Lifestyle« in Schnörkelschrift zu tätowieren, ist keine brauchbare Solidarität. Mit Vokuhila-Perücke in der ersten Reihe bei der Cindy-aus-Marzahn-Show sitzen stellt keine Auseinandersetzung mit der Lebensrealität im Plattenbau des Ostens dar. Second-Hand-Läden sind nicht nur Ausstattungsorte für ironisch gemeinte Vintage-Outfits mit dem nostalgischen Flair vergangener Hypes, sondern für viele Leute finanziell die einzige Möglichkeit, an neue Winterschuhe zu kommen. Und wer im Bewerbungsgespräch den Gossen-Slang ablegen und die Lebenslauflücke mit »Erfahrungen sammeln und Selbstentfaltung« begründen kann, ist und bleibt privilegiert, auch nach zwei wilden Sommern in der Gammlerbewegung.

Der Wunsch nach Kontrollverlust als Teil des sehnsuchtsvollen Blicks auf »Asozialität« ist verständlich, als Bedürfnis, die internalisierten gesellschaftlichen Normen zu durchbrechen. Gleichzeitig kann gelebter Kontrollverlust – als Wegfall der Reflektion auf eigenes Verhalten – nicht nur bedeuten, sich punktuell frei und gelöst zu fühlen, sondern auch ein enthemmtes Ausleben der eigenen Ressentiments zur Folge haben. In dieser Gesellschaft, die die Einzelnen kaputt und gebrochen zurücklässt, die Subjekte als rassistische und sexistische formiert, ist der Versuch, das ersehnte Glück unmittelbar zu realisieren, eigentlich zum Scheitern verurteilt. Die romantisierende Bezugnahme auf Dinge, die einem im Kapitalismus verwehrt werden, führt eben leider noch lange nicht ins außerhalb oder auf die bessere Seite. Auch im Lumpenproletariat steckt nicht das ersehnte revolutionäre Subjekt, das die Arbeiter_innenklasse als linke Projektionsfläche ablösen könnte. Nicht jede_r Wohnungslose ist kapitalismuskritische_r Kämpfer_in gegen die Gentrifizierung, nicht jede_r Sexarbeiter_in radikal feministisch, seine/ihre Ausgrenzung und Stigmatisierung jedoch trotzdem falsch. Wir müssen uns von linken Projektionen lösen und die Strukturen und Verhältnisse reflektieren, um die Bezugnahme auf Konstrukte wie Asozialität gesellschafskritisch einzuordnen.

Die Dekonstruktion einer romantisierten Vorstellung von Asozialität kann helfen, sich über die Verteilung von Ressourcen wie Wissen, staatliche Leistungen, soziale Netzwerke, materielle Güter, Rechte und soziale Anerkennung klar zu werden. Lebensweisen, die mit ihrer ungerechten Verteilung einhergehen, dürfen nicht als Kultureigenschaften von Gruppen imaginiert werden, sondern sind Ausdruck von Machtverhältnissen. Statt einer verklärenden Romantisierung von »Asozialität« bedarf es der konkreten Auseinandersetzung mit den stigmatisierenden Folgen dieser Konstruktion. Statt einer unkritischen und verkleidenden Aneignung bedarf es konkreter Solidarität mit den Kämpfen der Betroffenen. Zum anderen gilt es, nicht die Perspektive auf ein mögliches Anderes zu verlieren, in dem Bedürfnisbefriedigung, Faulheit, Lust und Genuss nicht nur als unterdrückte Sehnsüchte und maximal partielle Ausbrüche gegen gesellschaftliche Zwänge eine Rolle spielen, sondern Mittelpunkt gesellschaftlicher Organisierung wären. In dem Arbeit kein Selbstzweck mehr wäre, sondern gerade nur Mittel, um all das zu ermöglichen.

AK Kritische Asozialität

Der AK Kritische Asozialität ist eine Gruppe aus Hamburg, die sich mit der Konstruktion des »Asozialen«, der historischen Verfolgung sogenannter Asozialer und ihrer Kontinuität bis in die Gegenwart sowie einer Annäherung an das Phänomen der positiven Aneignung des Begriffs auseinandersetzt.

 

Fußnoten

  1. http://bit.ly/2hpGmxj.
  2. Holger Schatz/Andrea Woeldike, Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion, Hamburg 2001.
  3. Adolf Adrian, Das Arbeitshaus in der deutschen Strafrechtsreform. Ein Beitrag zur Lehre von den Sichernden Maßnahmen, Hannover 1925, 27f.
  4. In der Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Beispiel war 1978 die einzige Stelle, die die Verfolgung sogenannter Asozialer erwähnte, die Beschreibung der »Winkel«-Kennzeichnung: »Anfangs gab es nur politische Häftlinge, Sozialdemokraten, Kommunisten; christliche und liberale Politiker. Um sie in der Öffentlichkeit als minderwertige Menschen zu diffamieren, wurden auch Kriminelle und sog. Asoziale ins Lager eingeliefert.« Zit. n. Comité International de Dachau (Hg.) Konzentrationslager Dachau 1933–1945, München 1978, S. 54.
  5. Ingrid Tomkowiak, »Asozialer Nachwuchs ist für die Volksgemeinschaft vollkommen unerwünscht« Eugenik und Rassenhygiene als Wegbereiter der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter, in: Dietmar Sedlaczek/Thomas Lutz/Ulrike Puvogel/Ingrid Tomkowiak (Hrsg.), »minderwertig« und »asozial«. Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Aussenseiter, Zürich 2005, 33–50.