Homosexuelles Verlangen in der Krise

Ein Rückblick auf Guy Hocquenghems »Monsieur le Sexe und Madame la Mort«

Als Guy Hocquenghem 1972 in Das homosexuelle Verlangen »die Furcht vor Geschlechtskrankheiten als Schutzgitter der sexuellen Normalität« bezeichnete, konnte er die Tragweite seiner Aussage nicht erahnen, die sie über zehn Jahre später im Angesicht von Aids haben würde. In seinem schwulenpolitischen Manifest sprach er von der Syphilis als Ideologie, da einige französische Politiker der Zeit vorschlugen, die Krankheit mittels Strafverfolgung von Homosexuellen zu bekämpfen. Die ideologische Verknüpfung besagte demnach: »[D]er Homosexuelle überträgt die Syphilis, wie er die Homosexualität überträgt.«

Mit einem engen Bezug zum Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari forderte er eine Umkehrung der Macht des Phallus, welcher er die Öffentlichmachung des Anus gegenüberstellte. Ziel sei eine Entsublimierung der kulturell nur sublimiert gestatteten Homosexualität. Angelehnt an Reichs Vorstellung einer Sexualität, die nach Freiheit trachtet, rief er zu ihrer revolutionären Entfesselung auf. Dieses Verständnis einer an sich glänzenden Sexualität verleitete ihn dazu, die Konflikte, welche ihr grundsätzlich innewohnen, zu glätten. So führte sein unbedingtes Drängen hin zu dieser Utopie mitunter zur Glorifizierung der sexuellen Verkehrsformen in der schwulen Subkultur der Zeit. Dort vermutete er einen »sexuellen Urkommunismus«: »Man denke an die öffentlichen Dampfbäder, jene berühmten Orte, an denen sich die homosexuellen Begierden anonym treffen und verbinden, ungeachtet der Angst vor der jederzeit möglichen Anwesenheit der Polizei. Die Gruppalisierung des Anus bietet der Sublimierung keinen Ansatzpunkt mehr und auch keinerlei Spalt, durch den das Schuldbewußtsein eindringen könnte.« Die damalige Schwulenbewegung habe diese Vorgänge, in welchen Hocquenghem eine Form selbstbewusster sexueller Freiheit erblickte, in ein bewusstes politisches Handeln überführt.

In Folge der 68er-Proteste stellte sich in Frankreich wie in der BRD das Gefühl einer allgemeinen Liberalisierung ein. Die aufkommende Schwulenbewegung war unter anderem deshalb auch bei vielen Homosexuellen verpönt: Weshalb sollte man sich beschweren, wo es uns so gut wie nie zuvor geht? Doch Hocquenghem, wie seine Schwestern in Deutschland, warnte davor, dem Mythos vom sittlichen Fortschritt zu glauben. Die Liberalisierung war für ihn der Übergang von einer barbarischen Intoleranz in eine zivilisierte Intoleranz, die ohne Weiteres wieder umschlagen könne.

Ein Jahr vor seinem Tod und 15 Jahre nach Das homosexuelle Verlangen konstatiert er 1987 in Monsieur le Sexe und Madame la Mort einen solchen Backlash. Hocquenghem äußert seine Angst vor der sich verschärfenden Rhetorik gegen Aids und damit gegenüber jenen, die daran erkrankt sind. Wie früher die Syphilis steht nun Aids für die Homosexualität als Krankheit. Seit den ersten Meldungen über die zunächst mysteriöse Erkrankung mit tödlichem Verlauf aus den USA ab 1981 heftete sich Aids an das Schwulsein und an schwule Sexualität, die dadurch unwiderruflich mit dem Tod verknüpft sein sollte. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, Theoretiker und Aktivist der Schwulenbewegung, bringt diese neue, unheilvolle Verbindung 1991 in Der homosexuelle Mann im Zeichen von Aidsauf den Punkt: »Aids brachte den Tod mitten ins Leben der homosexuellen Männer.«

Sex, Tod und Sinnlichkeit

In Monsieur le Sexe und Madame la Mort ruft Hocquenghem dazu auf, nicht mit dem Sex aufzuhören und dem Tod, der sich so spürbar in die Lust mischte, zu trotzen. Die Verschmelzung von Tod und Sexualität soll entdramatisiert werden. Damit meint er insbesondere die zunehmende Feindseligkeit gegenüber HIV-Positiven und an Aids Erkrankten. Hocquenghem schreibt damit gegen die Vorstellung an, welche sich in der Gesellschaft festsetzte, die HIV-Infizierten hätten sich schuldig gemacht. Darin äußerte sich schließlich der Wunsch nach Bestrafung der Erkrankten und der Homosexuellen als Kranke.

Der Umgang mit Sexualität veränderte sich zu dieser Zeit insgesamt. Die sexuellen Fantasien wurden durch Aids umgeschrieben, so Dannecker in seinem 1991 veröffentlichten Nachwort zu Der Homosexuelle und die Homosexualität: »Nachgewiesen wurde das die Krankheit verursachende Virus im Blut, im Schweiß, im Sperma und in Tränen. Alle Stoffe, aus denen die Mythen und die Leidenschaften zusammengesetzt sind.« Besonders aber galt das für die Schwulen.Die »monströse« Verquickung von Aids und Homosexualität beeinflusste, wie Dannecker es ausdrückt, die sexuellen Wünsche der homosexuellen Männer bis in ihre unbewussten Fantasien.

Das spezifisch schwule an der Erfahrung von Aids lässt Hocquenghem in seinem Text 1987 dagegen in den Hintergrund treten. Dabei ist Aids von der männlichen Homosexualität zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu trennen. Die Scham darüber, mit dem Virus infiziert zu sein, vermengte sich mit dem Selbsthass, der von der Feindseligkeit gegenüber dem Anderen in der heterosexuellen Gesellschaft ausgeht. Die lebensgeschichtlich spätere, mehr oder weniger geglückte Errichtung eines schwulen Selbstbewusstseins wurde durch Aids bei vielen Schwulen zurückgenommen. Die mit der Krankheit verbundenen Bilder und Schuldzuweisungen warfen die infizierten Schwulen auf einen Zustand vor ihrem Coming-out zurück, in welchem die drängende Frage, ob man trotz des Andersseins liebenswert sei, zur quälenden Angst und zu einer nahezu erstickenden Scham wird.

In der BRD wurden zu jener Zeit heftige (schwulen)politische Auseinandersetzungen geführt. Einerseits war man mit einer Gesellschaft konfrontiert, in welcher Figuren wie Peter Gauweiler von der CSU ihren Fantasien öffentlich freien Lauf lassen durften, Schwule in Quarantäne auszusondern. Andererseits stellte sich die Frage, wie eine sinnvolle Prävention zur Eindämmung von HIV-Neuinfektionen aussehen sollte – ohne dabei die bereits Infizierten und Erkrankten zu stigmatisieren. Während sich Rosa von Praunheim im Spiegel etwa für die Abgewöhnung von »promiskem Verhalten« unter Schwulen aussprach, da gegenseitige Ansteckung einer »fahrlässigen Tötung« gleichkomme, sprachen sich Theoretiker und Aktivisten wie Dannecker, Michael Bochow oder Herbert Gschwind dagegen aus, zwischen schlechtem und gutem Sexualverhalten der Schwulen zu unterscheiden. Damit riefen sie dazu auf, sich auf der Seite der Subjekte zu positionieren und beispielsweise deren Trauer über eine verlorene sexuelle Unbeschwertheit ernst zu nehmen.

Trauer um die verlorene Sexualität

Hocquenghems Artikel von 1987 kann als Trauertext über diese verlorenen schwulen Freiheiten vor Aids gelesen werden. Hierzu zählt der zumindest im späteren Vergleich unbeschwerte Sex in den siebziger Jahren ebenso, wie das sich damals einstellende Gefühl einer wachsenden Toleranz gegenüber Homosexuellen. Der schwule Sex jedenfalls in seiner vormaligen Form war verloren. Hocquenghem fragt vor diesem Hintergrund nach einer Ethik der Lüste, in der sich Sinnlichkeit und Körperlichkeit begegnet sollen. Damit schreibt er einerseits gegen eine repressive Sexualmoral an, die die Konflikthaftigkeit des Sexuellen durch Verbote zu verdrängen suchte. Andererseits richten sich seine Worte an linke VertreterInnen der sexuellen Revolution, die diese Konflikte schlicht leugneten und für die jedes Unbehagen und jede Hemmung im Bereich der Sexualität bloß als Zeichen dafür galt, dass man bürgerliche Moralvorstellungen noch zu sehr verinnerlicht hatte.

Das Plädoyer, mit dem Sex und der Lust nicht aufzuhören, beinhaltet bei Hocquenghem zugleich den Versuch, eine bessere Form von Sex und Lust auszuloten. Gegenüber dem »bloßen Körper« soll »Sinnlichkeit», statt »rohem Sex« soll »Takt« maßgebend sein. Zwar spricht sich Hocquenghem gegen eine Trennung dieser Komponenten der Sexualität aus, die Aufhebung dieser Trennung sei sogar zentraler Bestandteil seiner Ethik der Lüste. Nichtsdestotrotz spricht er der Sinnlichkeit und dem Takt eine größere Bedeutung zu, die somit das Triebhafte überlagern sollen. Das Konflikthafte in der Sexualität, ihre aggressiven und mit dem Dunklen assoziierten Seiten, werden einerseits benannt. Andererseits warnt die Rede vom »rohen Sex« vor einer Verarmung der Sexualität, sofern die Sinnlichkeit zu kurz kommt. Zwar dürfe die Ethik der Lüste »weder puritanisch noch obszön» sein, doch überwiegt in Hocquenghems Darstellungen die Verwerfung des Obszönen. Schließlich gilt ihm der Orgasmus als Höhepunkt des Todes, der »eine Abflachung der Liebe auf das Sexuelle» bedeute. So als sei das sexuelle Erleben losgelöst von der Psyche, warnt Hocquenghem vor der Entkopplung von Sinnlichkeit und Sex. Der Psychoanalytiker Reimut Reiche weist dem gegenüber gerade in Hinblick auf den Orgasmus darauf hin, dass dieser nicht ohne seelische Vorgänge vonstattengehen könne. Der Orgasmus sei, wie die Sexualität insgesamt, an Fantasien und psychische Besetzung gebunden, die in Hocquenghems Vorstellung vom rohem Sex gegenüber einer psychisch besetzten Sinnlichkeit nicht aufgeht: »Der Mensch kann wegen seiner Instinktentbundenheit nur sexuell erleben, indem er sexualisiert und nur das als sexuell erleben, was er sexualisiert – also indem er den physiologischen Orgasmus psychisiert

Hocquenghem trennt die Sinnlichkeit nicht rigoros vom Körper und vom rohem Sex ab. Vielmehr fordert er, diese künstliche Trennung zugunsten einer Ethik der Lüste aufzuheben. Mit seinem Plädoyer übergeht er aber ein Stück weit das, was Sexualität ohnehin schon grundlegend auszeichnet. So liest sich seine Ethik der Lüste mitunter doch wie der Versuch, die sexuellen Konflikte zugunsten dessen, was er unter Sinnlichkeit versteht, zu glätten. Vor dem Hintergrund der damaligen Zeit bietet dieses Vorgehen wiederum zumindest einen gedanklichen Weg zur Loslösung des Schwulseins von Aids und Tod. Der Tod solle nicht mehr mit Angst besetzt, sondern als selbstverständlicher Teil der Sexualität integriert werden. Damit hätte der Tod abgedient und schließlich stellt diese Fantasie eine Möglichkeit oder zumindest einen theoretischen Versuch dar, dem eigenen Leiden in der Hochphase von Aids das Katastrophale zu nehmen oder ihm sogar einen Sinn zu verleihen.

Entscheidend hierfür ist mit Sicherheit die lebensweltliche Rolle des Todes zur Zeit der Veröffentlichung. Vor diesem Hintergrund ist Monsieur le Sexe und Madame la Mort als ein Versuch zu lesen, den Schrecken und die Trauer, das Unaussprechliche, das mit dem Tod und mit Aids verknüpft war, in Worte zu fassen und damit weniger unerträglich werden zu lassen. Tjark Kunstreich beschreibt diesen Vorgang in seiner Dialektik der Abweichung: »Es ist und war notwendig, diesen Bruch, den es vor dreißig Jahren mit Aids gegeben hat, zu rationalisieren, was ja sowohl heißt, etwas rational nachzuvollziehen im Sinne von verstehen, als auch das, was nicht gefühlsmäßig verstanden werden kann, abzuwehren, indem es auf eine Verstandesebene gehoben wird, ohne wirklich verstanden worden zu sein.« Womöglich ist damit auch zu erklären, weshalb Hocquenghem, nachdem er zuvor Fürsprecher der schwulen Promiskuität und der sexuellen Flüchtigkeit war, nun daran glaubt, dass man mit einer Ethik der Lüste den gesellschaftlichen Backlash angehen könne.

Das Ende von Aids

Während sich die offene Schwulenfeindlichkeit verschärfte, mussten eigene Formen des Trauerns gefunden werden. Unter anderem weil die Verstorbenen häufig von der Familie aus ihrem schwulen Umfeld gerissen und fernab ihres vorherigen Lebensmittelpunktes beerdigt wurden. Die sexuelle Subkultur, die Hocquenghem 1972 noch schwärmend schilderte, hatte sich ebenso wie die schwule Sexualität insgesamt stark verändert. Dannecker spricht von einer zunehmenden »Leibfeindlichkeit« und »sexuellen Verarmung«, die Aids bei den Schwulen verursachte. Nach einer Phase der »Vergötzung der flüchtigen sexuellen Begegnungen« in den siebziger Jahren, die wie bei Hocquenghem bis hin zu ihrer politischen Proklamation ging, hat Aids »bei allen das Bewusstsein eines unmittelbaren Zusammenhangs zwischen Sexualität und Krankheit, zwischen Sexualität und Katastrophe wiederbelebt.«

Die Zeit, zu welcher Hocquenghems Text entstanden ist, habe ich selbst nicht miterlebt. So kenne ich auch die Erfahrungen der Schwulen, die zahlreiche Freunde wegen Aids verloren, nur aus deren Erzählungen. Heute steht die Herausgabe von Medikamenten zur präventiven Einnahme gegen eine HIV-Infektion an und man kann als Seropositiver in den meisten Fällen unter medikamentöser Behandlung ein Leben ohne Angst vor Aids führen. Die Veränderungen in der schwulen Sexualität durch Aids sind jedoch bis heute bemerkbar. Unter anderen Vorzeichen spielen sich nun Diskussionen zur Promiskuität, Bareback-Sex (Sex ohne Gummi) oder Chemsex (Sex mit Drogen) nicht bloß nach dem kulturellen Maßstab einer gezügelten und kontrollierten Sexualität ab. Gerade wenn es um schwule Sexualität geht, sind die Reminiszenzen an die sogenannte Aids-Krise kaum zu übersehen.

Für einen Sturm der Entrüstung sorgte etwa der LGBT-Aktivist Christian Naumann, als er am 17. November 2015 auf Facebook postete: »Ich habe HIV und würde es wieder tun! Ich habe regelmäßig Sex ohne Kondom. Schutz durch Therapie macht es möglich. Menschen mit HIV sind nicht kriminell!« Die Folgen seines Posts fasste Paul Wrusch in der tazzusammen: »Naumann, der unter anderem Sprecher des Schulsexualaufklärungsprojekts SchLAu NRW war, wurde massiv kritisiert. Sat1 etwa berichtete empört (›Unglaublich, dass er wirklich so was macht‹), Facebook-Nutzer wollten ihn ›kastrieren‹, ›wegsperren‹ oder gleich ›kaputtschlagen‹. Zwei FDP-Landtagsabgeordnete nutzten die Diskussion, um in einer von Diskriminierung durchzogenen Anfrage an die Landesregierung Stimmung gegen Naumann und andere HIV-Positive zu machen.« Die Deutsche Aids-Hilfe stellte sich hinter ihn, was Barbara Steffens von den Grünen und Gesundheitsministerin Nordrhein-Westfalens dazu veranlasste, die Aids-Hilfen gegen alle Kenntnisse aus der Medizin zu einem Überdenken ihrer Botschaft aufzufordern und behauptete: »Eine HIV-Therapie allein ist kein Safer Sex.« Die Reaktionen aus unterschiedlichsten Richtungen auf die nun wirklich nicht besonders provokanten Äußerungen Naumanns zeigten, wie das Monströse in der Verknüpfung von Homosexualität und Aids, von Sex und Tod, zwar weniger häufig auf der alltäglichen Bildfläche erscheint, aber jederzeit aufgerüttelt werden kann.

Die Scham, welche mit der Homosexualität und dem Anderssein nach wie vor grundlegend verknüpft ist, hat sich auch von der Infektion mit HIV immer noch nicht gelöst. Während sonstige chronische Erkrankungen zumeist als Schicksalsschlag wahrgenommen werden, sehen sich viele HIV-Positive mit Vorwürfen konfrontiert. Nichts deutet darauf hin, dass sich solche Schuldzuweisungen in den nächsten Jahren erledigen werden. Denn mittlerweile sind viele Fälle bekannt, in denen HIV-Positive wegen gefährlicher Körperverletzung dafür belangt wurden, dass sich jemand beim Sex mit ihnen ansteckte. So als gehöre nur eine der beiden Personen zum Sex und so als wüssten die Menschen nichts von sexuell übertragbaren Infektionen.

Die Sexualität bleibt konfliktbeladen und die schwule Subkultur mit ihren spezifischen Verkehrsformen hat sich zwar historisch verändert, doch finden sich in ihrer Freizügigkeit immer noch gleichzeitig Ahnungen sexueller Befreiung und zwanghaftes, kollektiv neurotisches Verhalten. Und auch heute ist die Einteilung in bessere und schlechtere Homosexuelle beliebt. Nicht selten anhand ihres (vermeintlichen) Sexualverhaltens. Zu einem Zeitpunkt wie jetzt bietet es sich für viele an, den Weg einer schlechten Anpassung zu wählen, um den unmöglichen Ausstieg aus dem Zwangskollektiv der Anderen zu versuchen. Sowohl die Ablehnung der promisken Schwulen um der eigenen angeblichen Anständigkeit willen, als auch aktuelle Formen queeren Aktivismus', demzufolge bürgerliche Schwule und Lesben als reaktionär abzulehnen seien, spielen den wahrlich Reaktionären in die Hände. Hocquenghems Artikel aus einer Zeit der Krise ist, wie ich versucht habe darzustellen, in seiner Argumentation und Kampfeslust durchaus brüchig. Zwischen einem Rückzug ins Sentimentale und dem Vorstoß sexueller Befreiung fordert er aber eine Emanzipation für alle. Seine angestellte Ethik der Lüste ist dem gegenüber vor allen Dingen als Umgang mit der Krise, der Trauer und als eine Bewältigung von Aids zu verstehen.

Dannecker formulierte in Der homosexuelle Mann im Zeichen von Aids eine Vision für die Zeit nach Aids, die nicht bloß die Krankheit, sondern auch das eigene Verhältnis zur Homosexualität unter einem besseren Stern sah: »Noch eine geraume Weile werden die homosexuellen Männer der Verarmung ihres Lebensgefühls standhalten müssen. Und noch ist ihre Trauer nicht am Ende. Aber wenn diese aufgezehrt sein wird, werden die Hinterbliebenen wieder frei auf die Homosexualität blicken und ihr neue, vielleicht sogar bessere, Möglichkeiten als in der Vergangenheit abgewinnen.«Dannecker, Der homosexuelle Mann, 97. Die Konflikte, die Feindseligkeit und die Trauer, welchen sich Hocquenghem und viele andere Schwule der Zeit ausgesetzt sahen, konnten nicht umgangen werden. Schwule Aktivisten und Theoretiker wie Hocquenghem und Dannecker betteten Aids aber in eine Kritik an der Gesellschaft ein. Das Konkrete und Wesentliche, das Leiden der Subjekte – und das ist wohl einer der wichtigsten Impulse dieser Generation schwuler Theoretiker – wurde nicht übergangen, sondern im Zeichen von Aids mit Hoffnung versehen.

Patsy l'Amour laLove

Patsy l'Amour laLove, Geschlechterforscherin und Polit-Tunte, organisiert unter anderem »Polymorphia – die TrümmerTuntenNacht« im Berliner SchwuZ.

Fußnoten

  1. Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Verlangen,München 1974, 37.
  2. Ebd., 38.
  3. Vgl. ebd., 96.
  4. Ebd.,97.
  5. Ebd., 98.
  6. Martin Dannecker,Der homosexuelle Mann im Zeichen von Aids, Hamburg 1991, 12.
  7. Martin Dannecker, Der Homosexuelle und die Homosexualität, Hamburg 1991, 116.
  8. Vgl. Dannecker,Der homosexuelle Mann,47ff.
  9. Rosa von Praunheim, Gibt es Sex nach dem Tode? Thesen zum Thema Aids, in: Der Spiegel Nr. 48. (November 1984), 228-229,228.
  10. Reimut Reiche, Orgasmus, in: Wolfgang Mertens (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Stuttgart 2014, 681-684,683f.
  11. Tjark Kunstreich, Dialektik der Abweichung. Über das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation, Hamburg 2015, 75.
  12. Dannecker, Der homosexuelle Mann, 49.
  13. Ebd., 25.
  14. Ebd., 31.
  15. Christian Naumann, Facebook-Post vom 27. November 2015, http://0cn.de/gvwq.
  16. Paul Wrusch,Genug geschützt. HIV-Infizierte und Sex ohne Kondom, 17.12.2015, http://0cn.de/iv1d.
  17. zitiert nach Ebd.