Gute Zeiten, noch schlechtere Zeiten

Über die Eigenarten des Bewusstseins in der Krise

Wenn die Krise tobt, werden einige Dinge auf einmal völlig offensichtlich. Mit einem Schlag etwa werden Versuche überflüssig, vermittels seitenlanger ideologiekritischer Deutungen darüber aufzuklären, dass der ohnehin staatstragende Charakter der attac-Ideologie auch die Affirmation des Kapitalverhältnisses, so wie es ist, beinhaltete und nicht etwa eine reformistische Kritik an ihm bedeutete. Es reicht, stattdessen auf den letzten Talkshow-Auftritt vom ehemals führenden attac-Aktivisten Sven Giegold zu verweisen, der bei Anlässen geschwätziger Art durchaus glaubwürdig rüberbringen kann, dass all sein vergangenes Warnen und Wirken gegen wilde Spekulation auf den Finanzmärkten nichts anderem galt als der Verhinderung des aktuellen Debakels.

Ähnliche Effekte produzieren momentan auch die Kommentarspalten der Zeitungen. Bei der Frankfurter Rundschau etwa verhält es sich so: »Verstaatlicht alle Banken!« lautete die Forderung am 30. September, und eine Woche später wurde dann, unter der Überschrift »Mehr Staat wagen«, eine Chance beschworen: »Diese Krise erzwingt eine Neuorientierung nicht nur an den Kapitalmärkten. Diese Regierung hat die Chance, den Nutzen eines starken Staates für die Gesellschaft zu demonstrieren.« Am nächsten Tag wurde die Chance dann auch schon Wahrheit: »Die Wahrheit ist: In letzter Instanz ist der Unterschied zwischen Staat und Markt kaum vorhanden. Am Ende ist alles Staat, am Ende sind es die Steuerzahler, die ihr Geld, ihre Bonität hergeben, damit sie auch morgen noch Geld verdienen können.«

Die Absicht der AutorInnen dieser Zeilen dürfte sein, die LeserInnen äußerlich fixiert in innerer Sicherheit zu wiegen. Wer aber derartiges liest und sich zudem traut, über das Gelesene nachzudenken, braucht wiederum keine längeren Abhandlungen, um die Rede vom selbstzweckhaften Charakter der Verwertung des Werts zwar nicht zu begreifen, aber zumindest doch als Ergebnis gesellschaftskritischer Reflexion plausibel zu finden. Die verkündete Bereitschaft, Geld herzugeben, um anschließend wieder welches verdienen zu können, geht locker als Wink des automatischen Subjekts mit dem Zaunpfahl durch. Auch die Rede von der neoliberal verblendeten Öffentlichkeit gerät mit einem Schlag ins Wanken. Wer freilich nicht wahrhaben möchte, dass die vorherige Rede vom Neoliberalismus im wesentlichen Ressentiment war, wird die momentane Staatsfixierung wohl als politischen Sieg wahrnehmen.

Auch ergibt sich in der Krise für einen Augenblick ganz ohne theoretische Herleitung die Plausibilität des Satzes, dass Wert nicht nur eine ökonomische Größe ist, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Das ist schon eine ganze Menge, immerhin handelt es sich dabei um das primäre Lernziel aller halbwegs akzeptablen Einführungsseminare in Das Kapital. Es muss wohl irgendwie so sein, wenn alle Welt sich darüber den Kopf zerbricht, wie es wohl kommen kann, dass die Pleite von Banken in Irgendwo unmittelbar Auswirkungen auf die eigenen Lebensbedingungen hat. Und nicht nur auf die Höhe des Werts des bescheidenen eigenen Besitzes. Selbstredend befinden sich darunter auch diejenigen, die noch nie eine Aktie aus der Nähe besessen haben. Der Begriff der Totalität verwandelt sich so in etwas anderes als die negative Kategorie gesellschaftskritischer Reflexion, die er seinem Wesen nach ist. Und darüber, dass die Totalität des Weltmarkts seiner universellen Natur nach in konkurrierende Nationalökonomien zerfällt, braucht nicht einmal mehr diskutieren wer zur Kenntnis genommen hat, wie schnell alle im engeren Sinne Verantwortlichen betonten, dass jeder Staat seine eigenen Banken zu retten habe.

Allerdings bleibt es gewöhnlich bei diesem kurzen Augenblick der Erkenntnis. »Man muss das Kapital vielmehr abschaffen wollen, wenn man es begreifen will, und dieser Wille, das Kapital abzuschaffen, hat [...] außertheoretische Gründe.« So hat Wolfgang Pohrt einmal die Voraussetzungen dafür formuliert, unter denen mit der objektiven Widersprüchlichkeit ein einigermaßen angemessener Umgang gefunden werden kann.

In der Krise kommt unmittelbar zu Bewusstsein, dass in der Welt sachliche Abhängigkeit im wahrsten Sinne des Wortes herrscht. Gleichzeitig ist dies aber die Voraussetzung dafür, dass alle Beteiligten ihre übliche strukturelle Dummheit in bewusste Entscheidungen verwandeln. Die strukturelle Dummheit ergibt sich aus der für sie in der konkreten notwendig undurchsichtigen Relation ihrer eigenen ökonomischen Praxis zur Reproduktion des Gesamtsystems. Dies konnten sich die Charaktermasken leisten, weil zum einen der Wert als automatisches Subjekt sie dazu brachte, sich an den sachlich gegebenen Zwang zur Produktion anzupassen. Die Akte der Anpassung führen zu einer Summe bornierter Einzelperspektiven, die weitgehend identisch, aber unfähig sind, ihre Identität zu erkennen. Reproduzieren und als gesellschaftliches Verhältnis durchsetzen kann der Wert sich objektiv, hinter dem Rücken der Einzelnen. Wenn dies im Desaster endet, ist es mit der Einheit des Bewusstseins entsprechend schnell vorbei und autoritäre Garantien der Einheit sind gefragt. Der segensreiche Charakter der sachlichen Abhängigkeit aller von allen soll auf einmal eine reine Willensanstrengung sein. Die »Rettungspläne« müssen zwar nicht plausibel, dafür aber »gewaltig« sein.

Spiegel online etwa berichtete über eine geplante Maßnahme des »gewaltigen Rettungsplans« so: »Gleichzeitig werde geprüft, ob die Regierung für neu emittierte Anleihen der Banken garantieren könne. Das würde den Banken erleichtern, sich über die Ausgabe festverzinslicher Wertpapiere neues Geld zu beschaffen.« Dies scheint das zu sein, was aktuell als Maßnahme zur Ermöglichung der Refinanzierung der Banken am Kapitalmarkt läuft.

Es braucht nicht sonderlich viel ökonomischen Sachverstand, um an derartigen Sätzen den Wunsch abzulesen, dass alles trotz Krise weiterlaufen soll wie bisher. Die Resultate des bisherigen Krisenprozesses sollen fixiert werden. Im Gegenteil dürfte derartiger Sachverstand eher hinderlich sein, denn dieser kennt ökonomische Gesetze grundsätzlich nur, um sie praktisch zu erzwingen. Daher muss dem Ideal der Widerspruchslosigkeit theoretischer Sätze gefolgt werden, dem das Kapital in der Realität unmöglich entsprechen kann. In dem typischen Gedanken zur Geldbeschaffung mittels Staatsgarantie geht aber gerade deshalb alles drunter und drüber, weil in ihm ein durch keine politische Maßnahme überbrückbarer Widerspruch keine Beachtung findet. Dieser Widerspruch besteht zwischen den bornierten, aber identischen Perspektiven aller einzelnen Banken und der Objektivität der Zirkulation des Kredits. Denn einmal angenommen, der Staat wäre in der Lage, für die Ausgabe von Wertpapieren zu bürgen. Selbstverständlich stimmt es dann, dass einer Bank die Geldbeschaffung leichter fällt. Nur: Was für jede einzelne Bank stimmt, stimmt unter Berücksichtigung der Vorgänge in der Zirkulationssphäre, welche die einzelnen Perspektiven im Tausch miteinander verbinden, gerade nicht mehr. Denn die neu emittierten Anleihen, die den Banken Geld verschaffen sollen, müssen mit bislang anderswo deponiertem Geld bezahlt werden. Die Summen, um die es hier geht, hat ja niemand unterm Kopfkissen. Der Staat rettet mit solchen Garantien gerade nicht alle »systemrelevanten Banken«, sondern setzt die Bedingungen, unter denen diese sich erst recht in den Ruin konkurrieren. Der einzige Unterschied zu vorher ist der, dass diejenigen Banken die Gewinner sein werden, deren Staat dieses Spielchen am längsten durchhält. Daher der urplötzliche Zerfall des scheinbar globalisierten Kapitals in nationale Fraktionen, den die bornierten Einzelperspektiven permanent leugnen.

Der kollektiv angestrengte staatliche Wille in der Krise dichtet sich gegen Erkenntnis ab und vermeidet um jeden Preis diejenige, dass der Finanzmarktkrise eine Entwertung des produktiven Kapitals vorausgegangen sein muss. Dass also der laut Begründung des Finanzmarktsicherungsfondgesetzes (FMStFG) ursächliche Mangel an Vertrauen durchaus zurecht besteht, weil alle hoffen, dass die Entwertung am eigenen Kapital vorübergehen möge. Praktisch hingegen, aber unbewusst, erkennen daher alle Einzelnen diese Entwertung an und setzen sich das paradoxe Ziel, die Konkurrenz als objektive Gegebenheit auszusetzen, um die Konkurrenzbetriebe mit der blinden Gewalt des Wertgesetzes persönlich niederzustrecken. Dies erscheint notwendig, weil in der Überakkumulationskrise nicht notwendigerweise die in der Konkurrenz unterlegenen Betriebe die Pleitekandidaten sind.

In der aktuellen Krise erfährt so der allgemeine Antiamerikanismus projektive Unterstützung. Denn wenn es subjektives Versagen einzelner in den USA gegeben hat, haben deren Handlungen nicht als Krisenursachen auch den eigentlich soliden Nationalökonomien geschadet, sondern umgekehrt dem genauso krisenanfälligen restlichen Kapital genutzt, indem sie den Entwertungsschock auf das eigene Kapital gelenkt haben. Würden die EuropäerInnen ihr nationales Interesse nicht wahnhaft im Sinne der deutschen Ideologie geltend machen, sondern rational, wären sie den amerikanischen Managern zu Dank verpflichtet. Die Behauptung, subjektive Gier amerikanischer Manager habe die Krise verursacht und die dortige Regierung habe auch unverantwortlich reagiert, ist die Projektion des Wunsches, nach dem in der nächsten Runde wiederum die USA die Hauptverlierer sein sollen. Die Wut nicht nur auf die amerikanischen Manager sondern auch auf die eigenen Ackermänner wiederholt diese Bewegung und nationalisiert die Phantasie von der »Realwirtschaft«, weil sie an einzelnen Personen nicht nur das eigene bornierte Eigeninteresse festmachen, sondern an ihnen auch jede vom Staat nicht kontrollierbare Objektivität ausschließen möchte. So wird die antisemitische Differenz von »raffend« und »schaffend« aktualisiert und die Universalität des Weltkapitals kaschiert. Die Idee, Banken mittels Verbraucherschutzmaßnahmen dazu zu verpflichten, eine korrekte Risikoeinschätzung abzugeben, spricht hier Bände. Hätte jemand dies etwa bezüglich der Lehmann-Pleite getan, wäre ihm oder ihr nicht nur vorgeworfen worden, alles schlecht zu reden. Die Pleite wäre zusätzlich auch früher gekommen und es wären diejenigen die Verlierer gewesen, denen die Pleitepapiere nicht abgekauft wurden. Im Kapitalismus können nicht alle gut beraten sein.

Der gleiche objektive Widerspruch zwischen den Perspektiven aller und dem des Ganzen wird offenbar, wenn nicht einfach vorausgesetzt wird, dass der Staat in der Lage ist zu bürgen, sondern wenn gefragt wird, woher der Staat das Geld für die Garantien nimmt. Es kann nur aus entweder Steuereinnahmen oder aus Staatsschulden stammen. Steuern senken die Liquidität derjenigen, die sie zahlen, d.h. wenn die Umsätze nicht einbrechen sollen, und das sollen sie nicht, steigt der Bedarf an Kredit in dem Maße, in dem er staatlich garantiert wird. Soll das Geld aus Staatsschulden stammen, muss Kreditfähigkeit nicht-staatlicher Stellen bestehen, bevor der Staat die vermeintlichen Mittel hat, sie herzustellen. Damit wird endgültig deutlich, dass die Zirkulation ihren Namen zurecht hat. Es dreht sich in ihr alles im Kreis, weil sich die vermeintlich unabhängige »Realwirtschaft« nur in ihren Formen bewegen kann. Das FMStFG entscheidet sich im Wesentlichen für die Staatsschulden, indem es die Bedingungen festlegt unter denen sich der Fond seinerseits »refinanzieren« kann.

Das Bewusstsein von den wechselseitigen Tauschbeziehungen innerhalb der Zirkulationssphäre, im autoritären Staat ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt, kommt in der akuten Krise vollends unter die Räder, obwohl sie gerade hier Thema werden müssten.

Auch die subjektive Motivation, sich an der risikoreichen Zirkulation zu beteiligen, der Profit, erscheint nicht nur anrüchig, sondern wird zeitweise völlig aus dem Denken verbannt. Anders ist wohl nicht zu erklären, dass sich nun alle fragen, warum die privaten deutschen Banken so zögerlich bei der Annahme der staatlichen Hilfen sind. »Private Banken geben Finanzminister Steinbrück ein Rätsel auf«, überschrieb die Frankfurter Rundschau einen Artikel. Eine andere Antwort als Stolz wird nicht gegeben, nebst Erörterung der Frage, ob die Banken gezwungen werden sollten, Hilfe anzunehmen. Dabei wäre das vermeintliche Rätsel schon mit einem Blick in den nebenstehenden Artikel zu lösen gewesen. In diesem wurde mit empörtem Unterton verkündet, dass in den USA Teile der staatlichen Hilfen als Dividenden ausgezahlt würden. Berichtet wird von einem demokratischen Abgeordneten, der fordert, dass die Dividendenzahlung einzustellen sei, sobald staatliche Hilfen angenommen würden, »so wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall sei«. Ins Bewusstsein gelangt der Profit aber nur zum Zwecke der Empörung über »die anderen«.

Das Bewusstsein ist in der Krise von dem Glauben bestimmt, die Souveränität des Staates erlaube es, sich über die auf Marktbewegungen reduzierte Bewegung des Werts hinwegzusetzen, um so die Resultate zu erzwingen, welche die Produktion eigentlich hätte zeitigen müssen, wenn niemand die zum Finanzcrash verniedlichte Krise verursacht hätte. Formal wird dies insbesondere daran deutlich, dass das FMStFG neue Bilanzierungsregeln festschreibt, die den Banken erlaubt, den durch den Crash erfolgten Wertverlust ihrer Papiere zu ignorieren. Womit jede Menge Insolvenzen umgangen wurden. Und falls das nicht ausreicht, wurde auch noch der Zustand der Überschuldung neu definiert: »Überschuldung liegt« nun »dann vor, wenn das Vermögen des Schuldners die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt, es sei denn, die Fortführung des Unternehmens ist nach den Umständen überwiegend wahrscheinlich.« Was auch immer Wirtschaftsexperten, die das Gewitter erst sehen, wenn es aufgehört hat zu regnen und das Haus weg geschwommen ist, so für »überwiegend wahrscheinlich« halten.

All diesen Ideen liegt die Weigerung zugrunde, den in der Krise zutage tretenden vergänglichen Charakter des Kapitals als gesellschaftliches Verhältnis zur Kenntnis zu nehmen. Es soll fixiert, und damit um sein dynamisches Wesen gebracht werden. Erst hieraus ergibt sich die Schlagseite der Ideen zur Rettung der vermeintlichen »Realwirtschaft«. Denn mit den Widersprüchen innerhalb der Zirkulation hört die Sache ja nicht auf. Die Idee, die Bankenkrise lasse sich durch die Gewährung großer Mengen von Kredit beheben, negiert auf reichlich eigenartige Weise den Ausgangspunkt, von dem aus der Gedanke gestartet war. Denn durch sie wird rückwirkend Kapitalmangel als Krisengrund fingiert. Das ist wiederum gerade dann irrwitzig, wenn die Überbewertung der amerikanischen Immobilien als Krisengrund betrachtet wird. Denn die geschah ja, weil Überfluss an Kapital herrschte. Die schlecht abgesicherten Kredite wurden vergeben, weil die Banken nicht wussten, wohin mit dem Geld. Auch hier waltet wieder der Widerspruch zwischen Besonderem und Allgemeinem: Subjektiv scheint es nun allen an Geld zu fehlen, weil es zuvor objektiv zufiel gab. Die Staatsaktion hat den in sich selbst widersprüchlichen Zweck, diesen Zustand beizubehalten.

Eine Krise ist auf eine solche Art noch niemals gelöst, sondern immer nur der Crash in die Zukunft verschoben worden. Die aktuellen Phantasien machen glauben, die sozialen Resultate der seit den achtziger Jahren prozessierenden Krise des Kapitals des autoritären Staats seien fixierbar. Geschielt wird dabei permanent auf den Verlauf der Weltwirtschaftskrise 1929, die ja im Rückblick tatsächlich als gelöst erscheint, weil sie in der Nachkriegsprosperität mündete. Dass dazwischen in Deutschland der Nationalsozialismus herrschte und alle relevanten Nationalökonomien unter der Bedingung eines Weltkriegs organisiert werden mussten, gilt nicht nur hierzulande als erschwerender Umstand, der das »Wirtschaftswunder« nur umso größer macht. Dass in der akuten Krise die Idee des »starken Staates« wieder ins Blickfeld der Debatten rückt, macht aber sehr viel mehr Sinn, wenn es als Hinweis darauf gedeutet wird, dass Faschismus und Krisenlösung keinesfalls so weit auseinander liegen, wie es die BürgerInnen gerne hätten.

Zumal sich auch das faschistische Bild vom gesellschaftlichen Ganzen, mit dem sich seither alle an der universellen Emanzipation Interessierten konfrontiert sehen, aus dem Wunsch ergab, eine Form gesellschaftlicher Herrschaft fortzusetzen, die dies aus eigener Kraft nicht mehr schafft – der Kapitalismus ist in der Weltwirtschaftskrise tatsächlich zusammengebrochen –, aber auch jede Option auf etwas anderes. »Wenn einmal die herrschende Klasse den Arbeiter ›ernähren muss, anstatt von ihm ernährt zu werden‹, ist die Revolution an der Zeit. Diese Theorie des Endes entspringt einem Zustand, der noch mehrdeutig war; sie ist selbst doppelsinnig: Entweder sie rechnet mit dem Zusammenbruch durch die ökonomische Krise, dann ist die Fixierung durch den autoritären Staat ausgeschlossen [...]. Oder sie erwartet den Sieg des autoritären Staates, dann ist nicht mit dem Zusammenbruch durch die Krise zu rechnen, denn sie war stets durch die Marktwirtschaft definiert. Der Staatskapitalismus beseitigt aber den Markt und hypnotisiert die Krise für die Dauer des ewigen Deutschland.« So fasst Max Horkheimer zum historischen Zeitpunkt ihrer Entstehung die Paradoxien, die das Kapitalverhältnis seither produziert.

Der vermutlich einschlägigste Experte des Kapitals hierzulande, Hans-Werner Sinn, machte auf seine ganz eigene Art auf diesen Zusammenhang aufmerksam: »Der Nationalsozialismus ist aus der Krise zwischen 1929 und 1931 entstanden. Auch heute stehen Rattenfänger wieder parat.« Weil er sich zu letzteren vermutlich nicht zählt, wusste er bereits den Anfängen zu wehren und warnte davor, dass die Manager die Juden von heute seien. Diese Äußerung ist aus völlig falschen Gründen als Skandal behandelt worden. Denn auf der Ebene der logischen Struktur des Ressentiments ist er ja nicht falsch. Skandalös ist er, weil er die Rolle unterschlägt, die das antisemitische Denken gerade bei der Fixierung derjenigen Herrschaftsverhältnisse spielt, die Sinn und seinen Managern am Herzen liegen. Denn der Antisemitismus geht in der Vorstellung vom jüdischen Tun einen Schritt weiter in der Abstraktion von den individuellen Personen, die, wie die Manager, als Charaktermasken agieren. Die realen Charaktermasken des Kapitals werden ja, egal ob EigentümerInnen, ManagerInnen oder ArbeiterInnen, als »schaffend« vereinheitlicht. Die derzeitige Managerkritik folgt dem und aktualisiert die Trennung von »raffend« und »schaffend«, weil sie impliziert, dass diejenigen Manager, die sich dem an der Macht des Staates orientierten kollektiven Willen unterwerfen, berechtigterweise das Opfer fordern dürfen, das die Produktionsweise erzwingt, die sie vollstrecken. Als Entschuldigung ließ Sinn verbreiten, es sei ihm bei seinen Äußerungen allein darum gegangen, Verständnis dafür zu wecken, dass die wirklichen Ursachen weltwirtschaftlicher Krisen Systemfehler seien. So wird es wohl tatsächlich gewesen sein, denn damit hat er unfreiwillig zu Protokoll gegeben, dass sein Vergleich die Abwehr der Ahnung beinhaltet, dass der moderne Antisemitismus die Akzeptanz des Systems mit dem »Fehler« historisch immer beförderte und dass er ungern noch einmal darauf angewiesen wäre.

Damit wagt er sich im Rahmen der aktuellen Debatten zwar ein Stück weiter aus dem Fenster, letztlich macht er aber auch nichts anderes als die meisten anderen, die in den letzten Wochen die »Identität von Staat und Markt in letzter Instanz« entdeckt haben. Es ist durchaus bemerkenswert, dass im Rahmen der aktuellen Krisenberichterstattung innerhalb weniger Tage Entwicklungen durchgemacht wurden, für welche die ökonomische Theoriebildung von Friedrich List (Das natürliche System der politischen Ökonomie, 1838) bis zu Walter Eucken (Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 1950) über 100 Jahre brauchte. So undenkbar ist die nicht nur in der Frankfurter Rundschau propagierte »Identität« einmal gewesen. Sie ist zwar tatsächlich wahr, aber eben keine zeitlose Wahrheit. Vielmehr war sie als faschistische Identität von Staat und Staatsvolk die historische Voraussetzung der »Sozialen Marktwirtschaft«, die nun gerettet werden soll. Als deren Haupttheoretiker gilt zurecht Walter Eucken, auf den noch immer rekurriert wird, wenn von »Ordnungspolitik« die Rede ist. Eucken konnte diese Identität nur deshalb theoretisch fassen und diejenigen Formen staatlicher Intervention theoretisieren, die seither praktiziert wurden. Ohne Staat lief im 20. Jahrhundert nichts.

Heute, und dies macht noch die düsteren Phantasien von Hans-Werner Sinn zu Wunschdenken, ist dieses Staatsprogramm in der Krise. Die Kommentare und Rettungsprogramme sind daher weniger als Hinweis auf die mögliche Wiederholung derjenigen Konzepte zu deuten, welche die Identität erzwangen, sondern als wehmütige Erinnerung an den Fortbestand des Erzwungenen. Es ist fetischistisches Bewusstsein zu denken, die kapitalistische Wiederkehr des Immer gleichen habe keine innere Geschichte. Genau deswegen und nicht nur aus blankem Interesse können Krisen nur als zeitweilige Störung beim ansonsten notwendigen Fortgang gedeutet werden.

Wie wenig die faschistische Einheit der Gesellschaft noch unmittelbar zu Geltung kommen kann, d.h. wie sehr sie als Voraussetzung, nicht aber als Möglichkeit erscheint, zeigt sich daran, dass diverse Elemente des Massenbewusstseins, die genauso als postfaschistisch benannt werden müssen wie die Reaktionen auf die Krise, nicht ergänzt werden konnten, sondern vergessen werden mussten. Die Betrachtung des kapitalistischen Ganzen aus der Perspektive der Einzelnen, als Arbeitskraftbehälter konditionierten Subjekte, und diejenige aus der Perspektive des Ganzen in der akuten Krise, die sich der Subjektlosigkeit des Kapitals an verwandeln, schließen einander heute zunächst einmal aus. Die Hartz-IV-Debatten lebten vom Ausschluss der Möglichkeit, dass die Arbeitslosigkeit das Resultat von Bedingungen sein könnten, welche die Arbeitslosen auch in der Summe nicht zu verantworten haben. In der Krise hingegen muss in Betracht gezogen werden, dass die Unfähigkeit des Kapitals, soviel Arbeit zu verwerten, wie es zur Fortsetzung der Akkumulation nötig ist, objektiv ist und unabhängig davon, ob die einzelnen nun arbeiten wollen oder nicht. Alle Maßnahmen, die den Einzelnen Faulheit unterstellen, um sie zu höherer Arbeitsleistung zu zwingen, verschärfen diese Situation nur noch, weil sie die Produktivität noch weiter erhöhen.

Das Resultat war dementsprechend ein Bewusstsein, dass alle anderen für den Klotz am Bein der eigenen Produktivität hielt. Dies schloss auch die Manager ein, aber das Ressentiment gegen sie hatte einen anderen Ausgangspunkt. Heute bricht es sich nicht mehr aus der Perspektive der Einzelnen Bahn, aus der die Manager vermeintlich den Erfolg der eigenen Produktivität sabotieren, sondern es kommt dieser aus der des Ganzen entgegen. Offensichtlich aber, ohne es treffen zu können. Die Krise stellt die eigene Produktivität selbst in Frage. Die eigene Fähigkeit zu produktiver Arbeit wird, auch hier wieder einen Moment lang zutreffend, als Resultat gesellschaftlicher Objektivität verstanden und nicht als seelisch-körperlicher Zustand.

Auch diese Einsicht hält aber nicht lange, weil sie abgewehrt werden muss. Zuvor sollten die paar Millionen der Spitzenmanager für Entlassungen verantwortlich gewesen sein. Das ist zwar auch nicht plausibel, aber vermutlich hätten sie tatsächlich, verteilt auf alle LohnempfängerInnen, für ein zusätzliches Weihnachtsgeld in Höhe von EUR 52,40 gereicht. Bei den Summen, die gerade im Schwange sind, müsste aber eigentlich deutlich werden, dass die Gehälter in Bezug auf das gesamte zirkulierende produktive Kapital noch weniger als Peanuts sind. Aber dies ist gerade der Grund für den Perspektivwechsel und als Einwand notwendig wirkungslos. Und wenn es keine Peanuts wären: Wenn sie zur Rettung des Finanzsystems ins Spiel kommen sollen, müssen sie auf die Reproduktion des Kapitals bezogen werden. Was aber wäre da der Unterschied? Entweder machen die Manager auch nichts anderes mit dem Geld, als es diejenigen gemacht hätten, die es ihnen zahlen, nämlich anderswo investieren – und wenn es Lehman-Papiere waren, ist es nun futsch. Oder aber sie bauen hübsche Häuschen mit Swimmingpool, und gegen die kann vergleichsweise nur etwas haben, wer den Gedanken von der revolutionären Enteignung der Dinge nicht kennen möchte.

Nicht, dass die individuell bornierte Perspektive nicht bald wiederkehren wird. Das fetischistische Bewusstsein wird sich dann aber an den Widersprüchen aus gleichen Gründen nicht stoßen wie daran, dass in der Daily Soap die weltgewandte Tochter des Grafen zwei Monate zuvor noch das verschüchterte Pflegekind des Stallburschen war und sich der Graf benahm, als hätte er nie ein uneheliches Kind gehabt. All das bedeutet freilich nicht, dass die Welt so harmlos ist, dass die innerkapitalistischen Entwicklungen mit der gleichen Gleichgültigkeit betrachtet werden könnten. Umgekehrt gilt, dass bereits die in der Soap verhandelten Phantasien damit drohen, dass den Subjekten nichts anderes heilig ist als der Wunsch, mit Haut und Haar nichts anderes sein zu wollen als die Substanz der bestehenden Gesellschaft. Wer aber Phasen gelingender Kapitalakkumulation für gute Zeiten hält, wird in der Krise von Panik ergriffen und die schlechten Zeiten noch schlechter machen. Solange es an den außertheoretischen Gründen mangelt, die Wert und Kapital begreifbar, und damit abschaffbar machen, wird der Wandel, den die Krise erzwingt, mit derjenigen Gewalt vonstattengehen, die die Weltgeschichte im Rückblick zu einer Einheit macht. Genau so, wie die Weltwirtschaftskrise vom Aufstieg des autoritären Staats und vom Faschismus her zu bestimmen ist, wird sich der Charakter der aktuellen Krise aus den Maßnahmen ergeben, die aufgeboten werden, um den gesellschaftlichen Reichtum in der falschen Form zu bannen. Besser wäre es selbstverständlich, wenn sie mangels Fortsetzung nicht mehr bestimmt werden könnte.

JUSTIN MONDAY

Der Autor lebt in Hamburg

Fußnoten

  1. Wolfgang Pohrt, Vernunft und Geschichte bei Marx, in: Ders., Theorie des Gebrauchswert. Über die Vergänglichkeit des historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt, Berlin 1995.
  2. Inzwischen festgeschrieben im Finanzmarktstabilisierungsfondgesetz (FMStFG), Artikel 1, §7.
  3. FMStFG, Artikel 1, § 9.
  4. Frankfurter Rundschau vom 31. Oktober 2008.
  5. FMStFG, Artikel 5.
  6. Max Horkheimer, Autoritärer Staat (1942), 14, in ders., Gesellschaft im Übergang, Frankfurt/Main 1972.
  7. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,586614,00.html.