Editorial

Linke Theorie und Praxis ist ein Tummelplatz von/für Irrungen und Wirre. Die Recherche zum Schwerpunkt dieser Ausgabe hat uns das mal wieder vor Augen geführt. Auf der Suche nach einer Gruppe aus dem sogenannten klimakritischen Umfeld, die soziale und ökologische Frage verknüpft und mit uns über Sinn und Unsinn von Umweltaktivismus diskutiert, stießen wir auf so manche, nun ja, Abwegigkeit. Bei den ganzen Aufforderungen an das Individuum, das Klima zu retten, Strom zu sparen, klimaneutral (oder gar nicht) zu fliegen, zu recyceln, Bäume, Sträucher und Gräser zu schützen, möchte man den idiotischen Wahlslogan der Grünen von 1990 umdrehen und sagen: »Alle reden vom Wetter. Wir reden von Deutschland.« Dass sich im Schwerpunkt letztendlich kein Interview mit einer Umweltgruppe findet, spricht für sich.

Aber ist die Linke wirklich der Ort, an dem sich besonders viele Absurditäten finden lassen? Ein Blick in Naturwissenschaft und Soziologie gibt eine klare Antwort. Da wird beforscht, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Vielleicht ist es gar nicht der demografische Wandel, sondern die nach­lassende Fähigkeit vor den Forschenden davonzulaufen, die ältere Menschen zu einem beliebten ?Forschungsfeld werden lässt. Jedenfalls kann man erfahren, dass optimistische Alte eine kürzere Lebenserwartung haben, Alte weniger gerne teilen als Junge, dafür zufriedener mit ihrem Leben sind, aber häufiger auf Betrüger reinfallen, weil sie nicht mehr zwischen gestelltem und echtem Lächeln unterscheiden können usw. Das klingt alles gar nicht so abwegig? Dann gibt’s da noch die Studie zum Flatulenzverhalten in Flugzeugen, die über »Auswirkungen der Kern-Körpertemperatur oder der ?Tageszeit auf das Liege- und Stehverhalten von laktierenden Milchkühen« und die Langzeitstudie zum Vergleich von Trockenäpfeln- und pflaumen. Bestimmt ergibt all das in einem anderen Universum ?einen Sinn, genauso wie die Konferenzen, deren CfP die Accounts fluten. Unser Konferenztitel der Saison: Fifty Shades of Brecht. C‘mon, really? Das wiederum ist ein guter Zeitpunkt um auf den Schwerpunkt der nächsten Phase hinzuweisen: Akademismus und die Linke. Wenn ihr unseren CfA erhalten wollt, mailt uns.

Für die Bildstrecke in diesem Heft erkundete die Leipziger Fotografin Sandra Schubert den Yachthafen Marina Neuhof am Strelasund in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Mensch vor Umwelt

~Phase 2