Backlash – wohin denn?

Ein Beitrag zur Aktualität feministischer Forderungen

Zurzeit ist verstärkt feministische Kritik an linken Szenestrukturen wahrzunehmen. Mehr und mehr taucht in diesem Zusammenhang das Wort Backlash auf. Das kann verschiedenes implizieren. Eine Möglichkeit ist, dass Feminismus eine breitere Basis gefunden hat, theoretisch diskutiert sowie mit mehr Vehemenz in politische Debatten getragen wird und dadurch ein selbstreflexiver Umgang mit Szenestrukturen gefunden werden soll. Allerdings verrät die Verknüpfung mit dem so genannten Backlash, dass eher anderes der Fall ist. Ein diagnostizierter Rückfall würde bedeuten, dass eigentlich schon erkämpfte Standards wieder in Frage gestellt werden und neu ausgehandelt werden müssen.

Dabei stellt sich die Frage, welche feministischen Forderungen bisher als Standard umgesetzt waren und wohin sie nun zurückfallen. Die Unplausibilität der Rede von einem Rückfall lässt sich an zwei konstruierten Veranschaulichungen darstellen. Kann beispielsweise behauptet werden, dass es in linken Strukturen durch quotierte Redelisten geschafft worden ist, dass mehr Frauen sich trauten, in Diskussionen das Wort zu ergreifen und sich überwinden konnten, ihre Meinungen zur Debatte zu stellen und nun zunehmend den Mut dazu verlieren? Die Realität sieht anders aus. Wissensbasierte Hierarchien, vorher getroffene Absprachen und Strategieentscheidungen zur Überzeugung eines Plenums sowie ein mit diesen in Zusammenhang stehendes abkanzelndes Redeverhalten führt ganz unabhängig von Quotenregelungen dazu, dass vor allem Frauen seltener das Wort ergreifen oder stets mehr Kraft brauchen, sich bewusst dieser Hierarchie entgegenzustellen, um auch einmal gehört und ernst genommen zu werden. Sie sind seltener Teil eingesessener Strukturen und müssen sich Respekt immer wieder bewusst erkämpfen. Von einem Backlash kann hier nicht gesprochen werden. Es hat sich nichts zurück entwickelt, sondern war schon immer so.

Eine weitere Möglichkeit könnte sein, dass es eine bestimmte Zeit lang in der Linken weniger bis gar keine sexualisierte Gewalt gab, die nun wieder häufiger auftritt. Ob dies nun die letzten zehn, zwanzig, dreißig oder mehr Jahre betreffen soll, bleibt unklar. Darüber hinaus entspricht es bei weitem nicht der Realität. Sexualisierte Gewalt, die nicht nur ein anderes Wort für Vergewaltigung ist, sondern genauso verbales Bedrängen und Bedrohen aufgrund oder anhand des Geschlechts oder auch unaufgefordertes und nicht gewolltes zu nahe Kommen und Berühren umfasst, passiert heute wie schon vor Jahren. Täter haben aus diesem Verhalten keine Konsequenzen zu tragen, sondern können sich weiterhin ihrer Anerkennung erfreuen. Während Betroffene sich gedemütigt fühlen und keinen Umgang mit der Situation und vor allem mit dem Täter finden können, der sich weiterhin in ihrem Umfeld bewegt. Im besten Fall finden sich Beschützer, die die »Ehre« der Betroffenen mit Fäusten retten wollen. Ansonsten bleibt Frauen nichts weiter als stets die nötige Stärke und Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren, um sexualisierte Gewalt gleich in den Anfängen abzuwehren. Auch in diesem Sinne hat sich nichts verschlechtert, sondern ist schlicht gleich schlecht geblieben. Sexismus war und ist in linken Strukturen verankert.

Es zeigt sich wie problematisch die Rede vom Backlash ist. Sie impliziert, dass antisexistische Kritiken schon in Szenestrukturen eingeflossen wären und nun verworfen würden. Der Begriff leitet in die Irre, weil er falsch ansetzt und zu schüchtern ist. Nicht ein Rückfall ist das Problem. Dieser würde andere Fragen aufwerfen. Die Probleme sind noch nie beseitigte direkt oder indirekt antifeministische und sexistische Tendenzen, von denen sich auch eine linke Szene nicht frei wähnen kann. Feministische Theorie wird nicht in allen Zusammenhängen gebührend ernst genommen und fließt kaum oder nur in extra Veranstaltungen in linke Debatten ein. Es stellt sich die Frage, warum feministische Kritik nicht greift, also noch nie richtig gegriffen hat, und wenn, sich dann nur mit oberflächlichen Etiketten zufrieden stellt ohne Geschlechterhierarchien grundlegend anzugreifen, was eigentlich Sinn der Sache gewesen wäre.

Was will feministische Theorie und Kritik?

Wenn wir wissen wollen, warum antisexistische Kritik nicht greift, muss erst gefragt werden, was eigentlich diese Kritik zum Thema hat und dann nicht konsequent umsetzt oder woran sie scheitert. Tragendes Element feministischer Theorie ist der Befund, dass Gesellschaft in zwei Sphären getrennt ist, die der Materialisierung von Geschlechterdualismus und Geschlechterhierarchie. Es gibt den öffentlichen Bereich. Hier wird gearbeitet, Gesellschaft organisiert und Politik betrieben, sich selbst verwirklicht. Der andere Teil ist die private Sphäre, in der die Welt auf das Häusliche beschränkt bleibt. Sie bildet Rückzugsraum und ermöglicht Familienleben. Diese zwei Bereiche sind mit zwei Geschlechtern besetzt: das eine, das Männliche, strebt nach Selbstverwirklichung in der öffentlichen Sphäre, während das zweite, das Weibliche, im privaten verborgen die Familie organisiert. Darin zeigt sich auch eine Hierarchie beider Räume und folglich ihrer Besetzung. Das Öffentliche ist eigentliches Leben, hier spielt sich alles ab. Während das Private zur Aufrechterhaltung des Öffentlichen dient. Daraus ergeben sich auch Attribute, mit denen die zwei Geschlechter belegt sind. Wenn das männliche Geschlecht am eigentlichen Leben teilhat, muss es auch rational, tatkräftig und durchsetzungsfähig sein, wohingegen das weibliche, um einen Rückzugsraum zu gestalten, einfühlsam, emotional und kommunikationsfähig sein muss. Feministische Kritik verlangt zuerst einmal grundsätzlich das Aufbrechen dieser Sphären, da hier das weibliche Geschlecht vom Leben außerhalb des Haushaltes ausgeschlossen wird und damit immanent bleibt, wohingegen der Mann gleich Mensch ist und transzendent nach allem streben kann, was ihm in den Sinn kommt.

Diese schlicht diskriminierende und repressive Beschaffenheit von Gesellschaft versuchten historisch zwei Strömungen des Feminismus anzugehen. Der Egalitätsfeminismus befand, dass auch die Frau Mensch und damit Mann sei und somit in die öffentliche Sphäre eintreten müsse und es dem Mann gleich tun solle. Auch die Frau sei durchsetzungsfähig und könne Politik betreiben, auch sie sei intelligent und könne studieren. Anders begriff es der Differenzfeminismus. Frauen und Männer seien grundsätzlich voneinander verschieden. Frauen können auch alles, aber anders. Dieser Theoriestrang übernahm die für die Geschlechter festgelegten Attribute und folgerte daraus, dass Frauen beispielsweise andere, friedlichere Politik betreiben würden und deswegen in den öffentlichen Raum hinein gehen müssen, um schlicht die Welt angenehmer zu gestalten. Beide Strömungen gingen aber nicht grundsätzlich die Hierarchisierung der zwei Sphären an. Der Egalitätsfeminismus verdammte die häusliche Sphäre und blendete den fundamentalen Funktionszusammenhang zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten aus, während der Differenzfeminismus die Hierarchie und Konnotation der zwei Sphären und ihrer Geschlechter umzukehren versuchte, um damit zu einer friedlicheren Welt zu gelangen.

Feministische Kritische Theorie versuchte nun zu begreifen, dass auch sie selbst sich nicht jenseits gesellschaftlicher Verhältnisse einordnen könne und verstehen müsse, dass sie aus dem Gesamtzusammenhang entsteht und deshalb Teil des Ganzen ist. Den Befund der Zweiteilung der Lebenswelt nach Geschlechtern übernimmt auch sie, will aber zeigen, dass diese Hierarchisierung Funktionsmechanismus der Gesellschaft ist. Sie belässt es jedoch nicht bei einer alleinigen Analyse der Lohnarbeit, sondern behauptet, dass das Funktionieren der privaten Sphäre Grundbedingung für das Gelingen der Lohnarbeit ist und kapitalistische Produktionsweise deshalb Geschlechterhierarchie benötige. Arbeitskraft werde durch den häuslichen Bereich reproduziert. Nicht nur durch Gebären von Nachwuchs, sondern auch durch, nennen wir es, Gewährleistung von Nahrungsmittel- und damit Energiezufuhr sowie durch psychischen Rückhalt. Insofern stelle die Ehe organisiert als heterosexuelle Beziehung mit der Aufgabe der Produktion von Nachkommen die Verknüpfung zwischen beiden Räumen dar, und schaffe damit stets neue Arbeitskraft, die zur Lohnarbeit benötigt wird.

Die Kritische Theorie selbst blendet diesen Zusammenhang aus oder, eigentlich problematischer, beschönigt ihn sogar, wenn die häusliche Sphäre durch die Mutterliebe als »Hort des Widerstandes« gegen die Tauschgesellschaft dargestellt und daraufhin behauptet wird, dass hier die Möglichkeit bestehe, ganz Mensch zu sein. »In der Sehnsucht mancher Erwachsenen nach dem Paradies ihrer Kindheit, in der Art, wie eine Mutter von ihrem Sohn, auch wenn er mit der Welt in Konflikt gekommen ist, zu sprechen vermag, in der bergenden Liebe einer Frau für ihren Mann sind Vorstellungen und Kräfte lebendig, die freilich nicht an die Existenz der gegenwärtigen Familie gebunden sind, ja, unter dieser Form zu verkümmern drohen, aber im System der bürgerlichen Lebensordnung selten eine andere Stätte haben als eben die Familie.« Es klingt zwar an, dass irgendetwas mit der bürgerlichen Familie nicht stimme, wenn hier »Kräfte zu verkümmern drohen«. Erstens wird das allerdings nur von männlicher Perspektive an anderer Stelle ausgeführt und der weibliche Teil in heterosexueller und -normativer Beziehung ausgeblendet, und zweitens Ehe, und im Besonderen irgendeine weibliche Emotionalität, als Ruhepol für Ehemann und Sohn vor der zermürbenden kapitalistischen Welt dargestellt. Dass die Familie eher Ort von Normierung, Repression und Gewalt ist, sollte eigentlich klar sein, wenn sie als »Produzentin von bestimmten autoritären Charaktertypen« bezeichnet wird. Die eigentliche Funktion dieser als naturgegeben dargestellten weiblichen Emotionalität, also die Reproduktion von Arbeitskraft zur Aufrechterhaltung der Tauschgesellschaft, wird vollständig verkannt.

Diese, hier am Beispiel Horkheimers gezeigte, vorgebrachte Beanstandung von feministischer Seite an der Kritischen Theorie zeigt, dass weiter gegangen wird als im Egalitäts- oder Differenzfeminismus. Nicht nur die Hierarchie beider Sphären wird herausgearbeitet, sondern auf das Private als Existenzbedingung für das Öffentliche, hier als Lohnarbeit, hingewiesen sowie ihre Verknüpfung durch Ehe und Familie erkannt. Die Aktualität dieser Kritik wird bei einem Blick auf die Eva-Hermann-Debatte deutlich: mit dem Verlust der »Weiblichkeit« durch Feminismus und Berufswelt würde die Frau ihre eigentliche Rolle als Mutter und Ehefrau vernachlässigen und damit löse sich jeglicher soziale Zusammenhalt auf und der Mann irrt rückhaltlos durch sein Leben. Genau das zeigt Feministische Kritische Theorie. Wenn die private Sphäre nicht mehr funktioniert, bricht auch die öffentliche zusammen.

Daraus ergibt sich die Frage, ob schon ein Aufbrechen der beiden Sphären stattgefunden hat, also feministische Kritik doch Anklang gefunden hat, wenn sich VerfechterInnen der traditionellen Familie genötigt sehen, die Frau zur Räson zu rufen. »Ein bisschen« ist die Antwort. Es lässt sich nicht leugnen, dass den Frauen nicht mehr nur die häusliche Sphäre überlassen wird, sondern sich mehr Frauen in der öffentlichen Sphäre wiederfinden. Dieser Befund muss aber genauer betrachtet werden. Erstens je niedriger der Lohn und/oder je geringer die Stellung in einem Berufsfeld, desto mehr Frauen sind hier anzutreffen. Zweitens sind die Arbeitsbereiche mit höherem Frauenanteil klassisch »weibliche« Aktionsfelder der privaten Sphäre und damit weniger prestigeträchtig, was von Kindergärtnerinnen bis Krankenschwestern reicht.

Zusätzlich ist zu bedenken, dass für Frauen in Berufen und mit heteronormativen Beziehungen eine Doppelbelastung entsteht. Die Frau erfüllt ihren Beruf und kümmert sich weiterhin um die Reproduktion, auch wenn kleinere Annäherungen zu erkennen sind, was z.B. Statistiken zu Vater- und Mutterschaftsurlaub zeigen. Sie bleibt die Hauptverantwortliche. Die Aufregung der Eva-Hermann-Debatte zeigt hier symptomatisch, dass sich schon allein durch diese Aufweichung der Grenzen zwischen beiden Sphären, Sorge um das Funktionieren der Gesellschaft regt, da, nach Hermann, Frauen durch Berufstätigkeit ihre Kinder vernachlässigen oder erst gar keine bekommen würden. Das Beharren feministischer Kritik auf das Recht von Frauen, sich auch in der öffentlichen Sphäre bewegen zu können, hat Früchte getragen, allerdings noch nicht den fundamentalen Funktionszusammenhang beider Sphären aufgebrochen. Insofern kann auch hier nicht von Backlash gesprochen werden, da die grundlegende Hierarchie noch nicht angegriffen ist.

Die Möglichkeit sich neben diesem Funktionszusammenhang einen anderen Lebensentwurf aufzubauen, bleibt begrenzt, da sich Individuen schwer vollständig aus ihrer Umwelt lösen können. Sie sind Teil ihrer Gesellschaft und müssen dazu eigenes erlerntes Verhalten erkennen und ablegen sowie einen Umgang in ihrem sozialen Umfeld finden, das nicht normgerechten Verhalten größtenteils skeptisch gegenübersteht.

Zwei Grundprobleme

Wenn feministische Theorie greifen soll und die Hierarchie beider Sphären mitsamt ihrer selbst abschaffen möchte, und das möchte sie, dann muss die Theorie selbst tiefer gehen, ihre eigene Prämisse ernst nehmen und dann vehementer vorgebracht werden. Wenn feministische Kritik als Kritische Theorie davon ausgeht, dass sie selbst Teil des Gesamtzusammenhangs ist und aus ihm erwächst, dann muss ihr auch klar sein, dass sie selbst tragende Elemente dieses Zusammenhangs in sich verankert hat. Feminismus erhält Zweigeschlechtlichkeit aufrecht, die eigentliche Bedingung für das Zusammenspiel von öffentlicher und privater Sphäre und ist damit grundsätzlich für das Funktionieren von kapitalistischer Gesellschaft verantwortlich. So verstanden, bleibt feministische Kritik an Frau und Mann als den einzig zwei existierenden und dichotomisch angeordneten Geschlechtern hängen. Wenn diese zwei Geschlechter so voneinander getrennt analysiert und festgelegt werden, bleiben sie in ihrer dadurch implizit angenommenen Verschiedenheit bestehen. Dabei findet sich hier ein wichtiger Aspekt zur Weiterentwicklung. Wenn, wie Feministische Kritische Theorie behauptet, sich öffentliche und private Sphäre nur durch geschlechtliche Arbeitsteilung und Hierarchie aufrechterhalten, dann wäre es doch geboten, grundsätzlich diesen Geschlechterdualismus als Funktionsmechanismus zu begreifen und aufzubrechen und in der Analyse nicht selbst an ihm haften zu bleiben. Nur wenn die Individuen in Mann und Frau als Geschlechter kategorisiert werden, können sie daraufhin mit unterschiedlichen Attributen belegt und ihnen unterschiedliche Rollen zugewiesen werden. Daraus ergibt sich auch das Problem, dass feministische Politik an Etiketten festhängen bleibt und sich mit, vorgeblich den von Frauen in Diskussionen erhöhenden, Redelisten zufriedengibt. Oberflächlich ermöglicht dieses Vorgehen ja den Eintritt in die öffentliche Sphäre.

Hier kommen zwei Grundprobleme der praktischen Umsetzung zum Vorschein, die Ursachen für das Nichtgreifen feministischer Kritik sind. Das gilt gesamtgesellschaftlich und auch für die linke Szene als Teil dieser. Ersteres ist, dass sich feministische Theorie zu klein gestaltet, wenn sie zu stark an ökonomischen Kategorien hängen bleibt. Um den Mythos des Nebenwiderspruchs zu bekämpfen, wird sich zu sehr auf diesen Bereich konzentriert, anstatt die Trennung von öffentlich und privat auch in linken Strukturen und bei sich selbst zu suchen. Sicherlich braucht Lohnarbeit Reproduktion. Doch zur öffentlichen Sphäre gehören genauso die Aushandlung von gesellschaftlicher Organisation, Politik, Bildung oder das Streben nach Selbstentfaltung. All dies wird Frauen, indem sie der unsichtbaren Reproduktionsarbeit zugewiesen werden oder sich für den Zugang ins Öffentliche besonders bewähren müssen, erschwert bis gewaltsam versperrt. Eine Analyse muss tiefer gehen und nicht nur irgendwie den Kapitalismus kritisieren. Die eigene, individuelle private Sphäre gliedert sich ebenso in den beschriebenen Gesamtzusammenhang ein. Warum trauen sich weniger Frauen in der Plenumsdiskussion das Wort zu ergreifen, aber schon mehr in der gemeinsamen Kneipenrunde unter FreundInnen danach? Welche ausschließenden Mechanismen arbeiten auch in Szenestrukturen? Eine Szene besteht nicht nur aus Plena und Demos, sondern auch aus »privaten« Beziehungen zwischen den Teilnehmenden. Selbstreflexion kann auch davor nicht halt machen. Antisexismus als Etikett reicht dazu nicht aus. Es bleibt nicht nur feministische, sondern emanzipatorische Aufgabe einer jeden Person, Sexismus zu erkennen und anzugreifen. Dass das auch und gerade »private« Beziehungen betrifft, macht es so schwierig.

Das zweite Grundproblem ist, dass das Anliegen Feministischer Kritischer Theorie nicht einfach abgetan werden kann. Wie dargelegt wurde, ist die heutige Gesellschaft nach Mann und Frau aufgeteilt, die in zwei verschiedenen Sphären ihre Aufgaben wahrnehmen. Diese Sphären verschwimmen zwar etwas, doch bleibt ein prinzipielles Missverhältnis bestehen. Die Belegung beider Sphären mit Attributen erschwert Frauen den Zugang ins Öffentliche. Die Frau kämpft sich an der ihr aufgedrückten Emotionalität, einhergehend mit unterstellter mangelnder Rationalität, ab. Sie muss stets beweisen, dass sie alles genauso gut kann, wie der Mann, weil es ihr per definitionem nicht zugetraut wird. Eine quotierte Redeliste, um am Eingangsbeispiel zu bleiben, erleichtert hier zumindest das zu Wort kommen, ändert aber nichts an den Hindernissen, die schon vor der Wortergreifung und in der Wahrnehmung der Zuhörenden anzusiedeln sind. Unterrepräsentanz während Diskussionen kann als Symptom von Geschlechterdualismus verstanden werden. Eine quotierte Redeliste kann dieses Symptom mildern, ändert aber nichts an seiner Ursache, die in der Zweigeschlechtlichkeit mitsamt ihren Festschreibungen liegt. Im Gegenteil, eine quotierte Redeliste reproduziert sogar wiederum den Dualismus, weil sie die Attributbelegung akzeptiert. Dennoch kann sie Frauen unterstützen, sich bewusst gegen Geschlechterhierarchie zu stellen und den Mund zu öffnen, da sie sich schlicht einer materialisierten Diskriminierung qua Geschlecht gegenübersehen und so formal auf Rederecht bestehen können. Das grundsätzliche Problem praktischer Umsetzung feministischer Kritik ist also, dass ein Weg zwischen Symptom- und Ursachenbekämpfung gefunden werden muss. Eine Symptombekämpfung, die Auswege aus der Immanenz des Privaten zeigt und öffnet, dabei aber nicht zu stark den Dualismus aufrechterhält, ist sinnvoll, darf aber nicht allein bleiben. Sondern muss Ergänzung in der Ursachenbekämpfung finden, d.h. überhaupt die Einteilung von Individuen in zwei Geschlechter hinterfragen, die Lebensentwürfe und Selbstentfaltung jenseits dieser Einteilung fast verunmöglicht.

SARAH SCHULZ

Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin und lebt in Leipzig.

Fußnoten

  1. Vgl. z.B. Alison M. Jagger und durchaus auch Simone de Beauvoir. Allgemein können auch Vertreterinnen der Frauenbewegung während und nach der französischen Revolution unter diesem Begriff subsumiert werden. Es wird statt Egalitätsfeminismus auch liberaler Feminismus als Bezeichnung verwendet. Die Zuordnung von Vertreterinnen bleibt aber in vielen Fällen diskutabel.
  2. Vgl. u.a. Antoinette Fouque, Luce Irigaray, Christine Sylvester und ihre Methode der empathetic cooperation oder Sara Ruddick und ihre Vorschläge zu friedlicher Politik. Auch bei diesen Einteilungen muss das Gesamtwerk der zugeordneten Vertreterinnen betrachtet werden.
  3. Vgl. u.a. Regina Becker-Schmidt, Gudrun Axeli-Knapp oder Ursula Beer.
  4. Max Horkheimer, Traditionelle und Kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt a. M. 1970, 219.
  5. Ebd. 217.