Autoritäre Befreiung

Die Russische Revolution als Geschichtszeichen

Die Russische Revolution verkörperte einst die Hoffnung auf Befreiung von Abermillionen Geknechteten weltweit. Diese wurde enttäuscht, und zwar bitterer als es sich selbst die größten PessimistInnen hätten ausmalen können. Was bleibt von diesem authentischen Akt der Selbstbefreiung, der sich in Windeseile in eine totale Herrschaft verwandelte, deren Gewalt und Tyrannei den keinesfalls zu bagatellisierenden Schrecken des alten Regimes bei weitem in den Schatten stellten? Welches »Geschichtszeichen« (Kant), so ließe sich das Problem zuspitzen, stellt die Russische Revolution einhundert Jahre, nachdem sie die Welt der Herrschaft erschütterte, dar? Symbol der Möglichkeit des realen Erfolgs universeller Befreiung oder ihres kompletten Scheiterns? Beides zugleich oder doch nur einen tragischen Unglücksfall der Geschichte unter vielen anderen? Ist der Tragödie der Russischen Revolution ein Moment inhärent, welches nicht allein der spezifischen historischen, komplett desaströsen russischen Situation geschuldet ist, sondern das von etwas mitbestimmt ist, das jeglichen Handlungsbedingungen von Menschen zugrunde liegt? Wie viel universell Gültiges steckt in der besonderen Erfahrung der Russischen Revolution? – Fragen, die anzugehen unumgänglich ist, auch wenn sie, der Leser oder die Leserin mag es erahnen, selten einer eindeutigen Antwort zugeführt werden können.

1917-1921: ein authentischer Akt der Selbstbefreiung

Wie hatten die Revolutionäre in Russland, in Europa, ja in der ganzen Welt, auf sie gewartet und gehofft: die Revolution! Auf jene revolutionäre Welle, die die korrupte und marode zaristische Autokratie endlich hinwegspült. Seit etlichen Jahrzehnten liefen die RevolutionärInnen unterschiedlichster Couleur Sturm gegen die Herrschaftsbastionen des alten Regimes, das bereits etliche Blessuren davongetragen hatte. Aus der historischen Ferne wirken die entschlossene Kampfkraft und der Opfermut ganzer Generationen schier übermenschlich – und lassen zugleich erahnen, wie drückend die Verhältnisse auf den Menschen gelastet haben müssen. Spätestens seit den Revolutionsversuchen von 1905 war es nur noch eine Frage der Zeit, wann das überkommene zaristische Herrschaftssystem seinen wohlverdienten Todesstoß erhalten würde. Ende Februar 1917 war es soweit. Hunger und Kriegsmüdigkeit verbanden sich zu einer politischen Energie, die die russische Autokratie in kürzester Zeit zur Abdankung zwang. Der welthistorische Prozess der Russischen Revolution, die sich nicht in eine (gute) bürgerlich-demokratische Februarrevolution und eine (böse) proletarisch-sozialistische Oktoberrevolution auseinanderdividieren lässt, hatte begonnen. Es waren, wie schon in der Französischen Revolution, die hungernden Frauen, deren Proteste in Petrograd die Initialzündung waren für einen sich radikalisierenden Prozess der Selbstbefreiung der Massen.

Auf staatspolitischer Ebene kam es zum Sturz des Zarismus und zur Etablierung einer repräsentativ-demokratischen Verfassung, zu dem, was gemeinhin als eine bürgerliche Konstitution der Staatsgeschäfte verstanden wird. Das war nicht wenig. Ein jahrhundertealtes, mit religiösem Weihrauch sakralisiertes Regime wurde in die Knie gezwungen. Und doch bekam diese Geschichte einen sozialrevolutionären Einschlag, der in seiner Radikalität und Vehemenz einzigartig war und den Sturz einer alten Herrscherdynastie zum Epiphänomen degradierte. Die Soldaten desertierten, das Proletariat formierte seine politische Macht in den Sowjets, den Räten, die sie für sich bereits 1905 entdeckt hatten und vor allem: die ungeheure Masse an Bauern und Bäuerinnen stand auf und nahm sich ihr Land in Akten der sogenannten schwarzen Umverteilung.

Frieden, Land und Brot – das waren die großen Schlagworte, die die russischen Massen, gelinde gesagt, bewegten. Die wechselnden Koalitionsregierungen hatten hierauf keinerlei Antwort. Sie führten den Krieg weiter, konnten die Bedürfnisse des städtischen Proletariats nicht befriedigen und hatten die Lage auf dem Land schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Es war nicht die politisch organisierte sozialistisch-revolutionäre Avantgarde, sondern es waren die Massen selbst, die den Prozess der Revolution radikalisierten. Sie waren enttäuscht von den Resultaten des Sturzes des alten Regimes und nahmen das Heft des Handelns in die eigenen Hände. Es etablierte sich die sogenannte Doppelherrschaft, die Machtteilung zwischen den Sowjets, allen voran dem Petrograder, und der offiziellen Regierung. Im Grunde genommen war es aber nicht eine bloße Doppelherrschaft, in der sich neben der (primär) bürgerlichen Staatspolitik eine autonome sozialistische Macht konstituierte, sondern ein dynamisches Gebilde, in dem die Aktionen der städtischen und ländlichen Massen den entscheidenden Ausschlag gaben.

Im Juni 1917 kam es zu einer erneuten Kriegsoffensive und der Wiedereinführung der Todesstrafe in der Armee, was die Massen weiter radikalisierte und immer wieder auf die Straßen trieb. In Petrograd und Kronstadt folgten im Juli blutige Revolten, die unter dem Banner »Alle Macht den Sowjets« geführt wurden. Die Niederschlagung dieser revolutionären Unruhen und das Verbot der Bolschewiki führten zu jenen Verwerfungen, die den Weg zur Oktoberrevolution pflasterten. Einerseits tat sich eine zunehmend unüberbrückbare Kluft zwischen den linken und den rechten SozialistInnen auf, die ihre Hegemonie über die enttäuschten revolutionären Massen verloren, wie nicht zuletzt Wahlergebnisse belegten. Andererseits lag die offene, gewaltsame Konterrevolution in der Luft, die in General Lawr Georgijewitsch Kornilow ihren ersten Anführer fand. Kornilow putschte am 26. August 1917 gegen die Notstandsregierung Alexander Fjodorowitsch Kerenskis, von der er selbst ins Amt gehievt worden war. Was nun geschah, stellte die Weichen für die weitere Entwicklung. Wie so oft waren es die Aktionen der Massen, die Russland vor einer reaktionären proto-faschistischen Diktatur retteten. Die Zeichen standen von nun an auf Sturm. Die politischen und sozialen Gegensätze spitzten sich zu und es entstand zunehmend jenes Machtvakuum, das, wie kein Zweiter, Lenin zu füllen bestrebt war.

Wohin der Weg gehen würde, war offen. Ob sich eine sozialistische Umwälzung anbahnte, war überaus umstritten, und zwar gerade auch unter den Bolschewiki, deren Führer im April 1917 aus dem Exil zurück nach Russland kam. Es kann nicht von der Russischen Revolution gesprochen und von Lenin geschwiegen werden. Er war es, der es wie kein anderer verstand, die revolutionäre Energie der Massen aufzunehmen und zuzuspitzen. Bereits aus dem Exil intervenierte er auf diese Art und Weise. Für ihn war klar, dass nichts Geringeres als die sozialistische Revolution auf der Tagesordnung stand und die bürgerliche Regierung bereits abgewirtschaftet hatte, bevor sie sich überhaupt richtig finden konnte. Lenin peitschte diesen Kurs kompromisslos gegen die Mehrheit seiner zaudernden ParteigenossInnen durch. All sein Tun und Schreiben diente 1917 dazu, die Machtübernahme vorzubereiten. Er sah ganz richtig, dass die Macht bereits auf der Straße lag und sie nur noch aufgenommen werden müsste: dass die bolschewistische Partei die Führung über die Massen übernehmen muss, die im Hier und Jetzt das Land bisher ganz eigenständig revolutionierten. Lenin wollte nicht mehr hinterherlaufen, sondern vorweg. Sein unbedingter Wille zur Macht, den er spätestens im Sommer 1917 offen bekundete, sollte wegweisend werden. All seine Interventionen atmen den Geist, dass die Stunde gekommen sei und man jetzt nur noch konsequent handeln müsse, um die Welt aus den Angeln zu heben: »Der Erfolg der russischen sowohl wie der Weltrevolution hängt von zwei, drei Tagen des Kampfes ab.«

Die politische Macht wanderte damals bereits zunehmend in die größten, immer weiter links stehenden Sowjets. Mit der Ernennung eines von bolschewistischen Kräften beherrschten Militärischen Revolutionskomitees durch den Petrograder Sowjet am 9. Oktober 1917 wurde eine schlagkräftige und konzentrierte Organisation zur Verteidigung geschaffen. Als Kerenski zum Gegenschlag ausholen wollte, wurde nicht nur deutlich, dass er den Vorsitz über eine Pseudo-Staatsmacht innehatte. Seine hilflose Aktion gegen die Revolution spielte zudem abermals Lenin in die Hände. Er nahm Kerenskis machtloses Aufbäumen zum Anlass, in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober die provisorische Regierung noch vor Zusammentreten des Rätekongresses, der für den Folgetag angesetzt war, aus dem Amt zu jagen und die Revolution in sozialistische Bahnen zu lenken. Am Vorabend der Revolution beschwor Lenin die Gunst der Stunde, die ergriffen werden müsse: »Das hat die Geschichte aller Revolutionen bewiesen, und maßlos wäre das Verbrechen der Revolutionäre, wenn sie den Augenblick vorübergehen ließen, obwohl sie wissen, daß die Rettung der Revolution, das Friedensangebot, die Rettung Petrograds, die Rettung vor dem Hunger, die Übergabe des Grund und Bodens an die Bauern von ihnen abhängen. Die Regierung wankt. Man muß ihr den Rest geben, koste es, was es wolle! Eine Verzögerung der Aktion bedeutet den Tod«.  Lenin verkörperte in jenen Tagen in geradezu idealtypischer Weise das, was Hegel in seiner Geschichtsphilosophie als welthistorisches Individuum bezeichnete: eine Person, in deren unbedingten Willen sich die geschichtliche Tendenz einer ganzen Epoche verkörpert, die »ganz rücksichtslos dem einen Zweck dient«, wobei es ihr welthistorisches Recht sei, »manche unschuldige Blume zertreten« zu dürfen. Ob man das nun, wie Hegel, als schicksalhaftes Heldentum bewundern mag, das in seiner über-moralischen Größe nur von Knechtsnaturen an ihren kleingeistigen Maßstäben gemessen werde, oder aber mit Emma Goldmann zum Anlass nimmt, über einen emanzipatorischen Begriff politischer Größe zu sinnieren, der sich abhebt von Erfolg und Macht – so oder so: die politisch-strategische Genialität Lenins (und auch Trotzkis), deren Persönlichkeiten in diesen Tagen bestimmend für die Weltgeschichte wurden, sollte anerkannt werden .

Die Oktoberrevolution war »in hohem Maße ein authentischer Ausdruck der allgemeinen Enttäuschung über die Ergebnisse der Februarrevolution«. Sie wurde von den Massen getragen und nicht gegen sie durchgeführt. Dennoch ragte von nun an ein putschistisches Element in die Ereignisse hinein, das seine Brisanz vor allem dadurch erhielt, dass Lenin, anders als viele andere Bolschewiki, von Anfang an die diktatorische Alleinherrschaft im Visier hatte und seinen Konfrontationskurs weiter fortsetzte. Die Zeit war reif gewesen. Lenin wollte allerdings die provisorische Regierung Kerenskis unbedingt vor dem Zusammentreffen des II. Gesamtrussischen Sowjetkongresses stürzen, nicht nur um nicht auf Mehrheitsentscheidungen angewiesen zu sein, denen das Element des schnellen Angriffs abgeht. Er wollte sich vielmehr grundsätzlich seinen Handlungsspielraum nicht durch ein Mandat begrenzen lassen, das ihn in irgendeiner Form hätte binden können. Die damalige politische Situation war dadurch charakterisiert, dass einerseits die rechten SozialistInnen die neue Lage der Dinge schlicht nicht erkannten oder ignorierten, und andererseits die linken Bolschewiki um Lenin dieselbe auf jede erdenkliche Art und Weise in ihrem Sinne, d.h. in Richtung ihrer Parteidiktatur zuzuspitzen bestrebt waren. Mit dem Rat der Volkskommissare schufen sie bereits eine revolutionäre Notstandsregierung, die weitgehend unabhängig von den Sowjets als den ursprünglichen Machtorganen agierte. Es gab zu jenem Zeitpunkt in den revolutionären Massen eine Mehrheit, die für eine einheitliche und pluralistische sozialistische Regierung eintrat. Die linken SozialrevolutionärInnen, linke Menschewiki und, was keineswegs zu vergessen ist, gemäßigte Bolschewiki um ihren Führer Kamenev, der dem mächtigen Petrograder Sowjet vorsaß, folgten diesem Anliegen. Hierin liegt eine frühe historische Alternative zur späteren Entwicklung begraben, die sowohl von den rechten SozialistInnen, die jeden Sinn für die wahren Machtverhältnisse verloren hatten, als auch von dem kompromisslosen Konfrontationskurs der linken Bolschewiki um Lenin, der in Richtung Alleinherrschaft zielte, zu Grabe getragen wurde.

Da die Bolschewiki für eine Parteidiktatur zu diesem Zeitpunkt aber noch zu schwach waren, mussten sie Bündnisse schließen. Die linken SozialrevolutionärInnen, die sich gerade erst als eigenständige Partei konstituiert hatten, traten daher am 10. Dezember 1917 in den Rat der Volkskommissare mit der Besetzung von sieben Ämtern ein. Diese libertäre, nicht-marxistische Fraktion der Revolution sollte eine tragische Rolle bei der Konstitution der bolschewistischen Macht spielen. Sie waren sich über die weltanschaulichen Gräben, die sie von den autoritären Bolschewiki trennten, durchaus bewusst. Auch erahnten die linken SozialrevolutionärInnen, welchen Willen zur Alleinherrschaft (im Namen des Proletariats) Lenin und seine Partei aufboten. Sie waren trotzdem von dem Glauben beseelt – vor allem die Bauernmassen hinter sich wissend – die Revolution in ihrem Sinne entscheiden zu können. Es kam bekanntlich anders. Dem bolschewistischen Willen zur Macht hatten die linken SozialrevolutionärInnen nichts entgegenzusetzen. Anstatt die bolschewistische Diktatur zu verhindern, dienten sie ihr wider Willen als Steigbügelhalter. Ohne ihre Unterstützung wäre es überaus fraglich gewesen, ob sich die Bolschewiki an der Macht hätten halten können. Im Januar 1918 trugen die linken SozialrevolutionärInnen die Sprengung der lang herbeigesehnten Nationalversammlung mit, was gemeinhin als Ausdruck des anti-demokratischen Charakters der Oktoberrevolution gewertet wird. Fraglos hatte die Konstituante ihre politische Substanz bereits verloren und war Ausdruck einer bereits vergangenen Epoche; niemand verteidigte sie. Und dennoch war dies nur ein Zeichen mehr in Richtung Diktatur; die Tscheka, die gefürchtete Geheimpolizei, war bereits im November errichtet worden.

Die Etablierung des roten Terrors, die Anfänge der Verfolgung auch der sozialistischen Opposition, die Friedensschlüsse mit dem deutschen Imperialismus und schließlich die brutale Politik des Bauernausraubens – all das führte zum Bruch der ersten Koalitionsregierung und von hier aus zur Alleinherrschaft der Bolschewiki. Die Selbstbefreiung der Bauern und Bäuerinnen als zentrales sozialrevolutionäres Ereignis wurde von den Bolschewiki alsbald im Namen des proletarischen Staates vernichtet. Dieser hat erst mit aller Brutalität vorgehende Requisitionstruppen aufs Land geschickt, die revolutionäre Einheit von Bauern und Arbeiterinnen zerstörend, und darauffolgend an die Stelle der bäuerlichen Selbstorganisation der Landwirtschaft eine despotisch-bürokratische Staatswirtschaft platziert. Der sich im Aufbau befindende, ineffiziente Staatskommunismus stellte das Gegenteil der dörflichen Landkommune und ihrer Autonomie dar. An die Stelle der (Wieder-)Aneignung der Lebens- und Produktionsmittel durch die unmittelbaren ProduzentInnen trat ihre Enteignung durch einen monströsen terroristischen Staatsapparat, der im Namen eines zunehmend entmachteten Proletariats die Bauern und Bäuerinnen in ArbeitssklavInnen verwandelte. Die Abschaffung des Privateigentums auf dem Wege seiner kollektiven Aneignung durch die Massen wurde durch das universelle Staatseigentum substituiert, das alle in eigentumslose ArbeiterInnen transformierte, die der totalen politischen und ökonomischen Staatsmacht schutzlos ausgeliefert waren. Der Krieg gegen die Bauern Bäuerinnen, die der marxistisch-bolschewistischen Ideologie zufolge ein passives, reaktionäres oder doch zumindest ein kleinbürgerliches soziales Element waren, dieser Krieg führte, vermutlich mehr noch als die konterrevolutionäre Gewalt, in den sich verselbstständigenden Staatsterror. Die Bauern und Bäuerinnen antworteten noch lange und vehement auf die bolschewistische Kriegserklärung mit unzähligen (keinesfalls per se konterrevolutionären) Aufständen, die am Ende durch Stalins desaströse, millionenfachen Tod bringende Zwangskollektivierung niedergeschlagen wurden.

All das geschah vor dem Hintergrund des infernalischen Bürgerkriegs. Die russischen KonterrevolutionärInnen stürmten im Verbund mit den ausländischen Mächten auf das rote Russland ein. Sie entfesselten eine Gewalt, auf die die Bolschewiki mit ebensolcher reagierten. Die Revolution nahm die Form der »Konterkonterrevolution« an. Es wurde auf altbewährte Herrschaftsmittel zurückgegriffen. Neben der Ausweitung des roten Terrors durch die Tscheka wurde die Rote Armee unter Federführung von Trotzki organisiert, in der das wieder aufstand, was gerade abgeschafft worden war: Todesstrafe, Kadavergehorsam, Hierarchien. Kein nicht-bolschewistischer Revolutionär, keine Revolutionärin hat die Notwendigkeit der bewaffneten Verteidigung der Revolution geleugnet. Die wahrhaft apokalyptischen Handlungsbedingungen waren für alle offenbar und der konterrevolutionäre Terror keine legitimationsideologische Erfindung der Bolschewiki. Dementsprechend kämpften auch nicht-bolschewistische Linke in der Roten Armee und in den Partisanenverbänden, deren Eigenmacht von den Bolschewiki freilich mit allen Mitteln bekämpft wurde, wozu auch böswilligster Verrat gehörte. Nur waren die meisten Nicht-Bolschewiki nicht bereit, aus der Not eine Tugend zu machen und den physischen Terror zur ureigenen revolutionären Praxis zu verklären.

Wir verdanken dem linken Sozialrevolutionär Isaak Steinberg eine bis heute weitestgehend unübertroffene Kritik der bolschewistischen Politik des Terrors. Steinberg war der erste Justizkommissar der Sowjetunion und in dieser Funktion ein (erfolgloser) Gegner der Errichtung einer über dem Gesetz stehenden Geheimpolizei. In seinem Buch Gewalt und Terror in der Revolution. Oktoberrevolution oder Bolschewismus, das 1931 in Deutschland erschien, dessen russischer Urtext aber in die Zeit des Bürgerkriegs zurückreicht, zerpflückt er die bolschewistischen Rechtfertigungsstrategien für den Terror. Er übergeht dabei weder die äußerst widrigen Rahmenbedingungen der Revolution noch den Terror der internationalen Konterrevolution. Er urteilt auch nicht bequem vom Schreibtisch aus, befreit von jeder Verantwortung; er stand auf Seiten der linken SozialrevolutionärInnen vielmehr an der vordersten Front der Revolution. Was Steinberg allerdings kompromisslos vor Augen führt, ist, dass die politischen Methoden der Bolschewiki sowohl anti-emanzipatorisch als auch strategisch falsch waren, wenigstens sofern das Überleben der Revolution und nicht der Erhalt der Macht das Ziel der politischen Praxis sein sollte.

Ohne in abstrakte Gesinnungsmoral zu verfallen, die er vielmehr als »Tolstoismus« kritisiert, zeigt Steinberg, dass der bolschewistische Klassenkampf in Methode und Ziel nicht auf die universelle Befreiung, sondern auf die physische Vernichtung des Klassenfeindes gerichtet war. Dass in der Revolution die niedrigsten Instinkte des Menschen – Hass, Ressentiment, sadistische Rachelust – freigesetzt werden, ist angesichts ihrer äonenlangen Unterdrückung verständlich. Einiges von jener Energie, welche den revolutionären Prozess antreibt, dürfte aus diesen menschlichen Abgründen stammen; wer sich der Revolution verschreibt, sollte dies wissen. Die Bolschewiki haben aber nicht, was unter emanzipatorischen Gesichtspunkten geboten gewesen wäre, diese Elementargewalt in rationale politische Formen kanalisiert, sondern ideologisch befeuert und staatlich institutionalisiert: »Das Unglück der früheren Revolutionen bestand darin, daß der revolutionäre Enthusiasmus der Massen, der ihren gespannten Zustand aufrechterhält und ihnen die Kraft gibt, die Elemente der Zersetzung schonungslos zu unterdrücken, nicht lange anhielt.« Die Überführung dieser elementaren revolutionären Gewalt in ein beständiges Instrument des Staates ist demnach zentrale Aufgabe bei der Errichtung der sogenannten Diktatur des Proletariats: »In dem Maße, wie zur Hauptaufgabe der Staatsmacht nicht die militärische Unterdrückung, sondern die Verwaltung wird – wird zur typischen Erscheinungsform der Unterdrückung und des Zwanges nicht die Erschießung an Ort und Stelle, sondern das Gericht.« Diese frühe Weichenstellung war eine der vielen Voraussetzungen des Stalinismus, diesem legitimen Abkömmling des Bolschewismus, und blieb desaströse Erblast des real-existierenden Sozialismus. Darüber hinaus galt die Revolution der Vernichtung alles Alten, der Klassenkampf der Ausrottung der Bourgeoisie und des Adels. Der Kapitalist war der schmarotzende Parasit, von dem die russische Erde befreit werden musste. Steinberg hatte Recht damit, dass dies keine sozialistische Politik sein kann und jeder Moral der Befreiung widerspricht: dass es die Reproduktion und Forcierung von Herrschaft darstellt. Und Steinberg hatte auch damit Recht, dass auf diese Art und Weise zwar für eine gewisse Zeit die eigene Parteidiktatur (über ArbeiterInnen und Bauern und Bäuerinnen) aufrechterhalten werden kann, das eigentliche Lebenselement der Revolution, die Aktivität der Massen, aber getötet wird.

Lenin und seine Partei hielten sich bekanntlich tatsächlich gegen alle Widerstände an der Macht, die im Kriegskommunismus der Bürgerkriegsjahre sich endgültig zu einer terroristischen Staatsdiktatur formierte. Sie waren angesichts der völlig desolaten ökonomischen Lage allerdings gezwungen, vom polit-ökonomischen Kurs unmittelbaren Raubes und bürokratischer Totalzentralisation Abstand zu nehmen. Als die Macht der bolschewistischen Partei mit dem Ende des Bürgerkriegs konsolidiert war, schwenkte Lenin mit der Neuen Ökonomischen Politik in Richtung Restauration der Marktwirtschaft um. Den KapitalistInnen und technischen SpezialistInnen wurden politische Kommissare zur Seite gestellt, jede Form der Arbeiterdemokratie und Selbstverwaltung hingegen abgeschafft. Während auf dem 10. Parteitag im März 1921 das Fraktionsverbot durchgesetzt, also auch die Möglichkeit der innerparteilichen Opposition vernichtet wurde, wurde das letzte Aufflammen der Revolution in Kronstadt mit allen Mitteln politischer Macht niedergemacht: mit brutalster militärischer Gewalt und mit der Lüge, dass es sich um eine konterrevolutionäre Aktion handele. Ein letztes Mal bäumte sich die Revolution in Gestalt ihrer besten Kräfte gegen ihre immanente Verkehrung auf. Ausgangspunkt der dritten Revolution, der libertären Verteidigung der Rätemacht gegen ihre bolschewistische Okkupation, waren Streiks der Petrograder ArbeiterInnenschaft, die sich an den unmöglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen entzündeten und sofort eine politische Dimension annahmen. Während die Bolschewiki in der Absicht der Niederschlagung der renitenten ArbeiterInnenschaft das Kriegsrecht über Petrograd verhängten, solidarisierten sich die Kronstädter Matrosen und ArbeiterInnen mit ihren KlassengenossInnen. Die Kronstädter, seit jeher der Revolution treu ergeben, hatten noch einmal versucht, den ursprünglichen Impetus der Selbstbefreiung gegen die Usurpation der Revolution durch die bolschewistische Diktatur zu verteidigen; vergebens. Der emanzipatorische Ursprungsimpuls der Revolution war versiegt, der Weg in das Terrorregime Stalins bereits gepflastert. Alles Weitere ist, wie es so brutal heißt, Geschichte. Die Geschichte des Irrsinns des Stalinismus, der die letzten emanzipatorischen Reste der Oktoberrevolution vernichtete und Millionen Menschen das Leben kostete.

Epitaph

Victor Serge hat in seinem 1939 erschienenen Roman S’il est minuit dans le siecle, der 2014 unter dem Titel Schwarze Wasser erstmals auf Deutsch erschien, die Geschichte des Scheiterns der Revolution ähnlich eindringlich geschildert wie kurz nach ihm Arthur Koestler in seiner ungleich bekannteren Sonnenfinsternis. Serges Protagonisten sind Versprengte, gleichermaßen heroische wie überlebte Überbleibsel des revolutionären Bolschewismus, die noch in der Verbannung – die großen Säuberungen Stalins bereits vorausahnend – an die innere Reformkraft der »einzigen Partei der Revolution« im Geiste des authentischen Leninismus glauben. Sie ahnen zwar die Grenzen ihrer sie beseelenden materialistischen Weltanschauung, können aber nicht von ihrer Passion lassen. Einer von ihnen, Kostrow, Professor für historischen Materialismus, stößt, wie Koestlers Protagonist Rubaschow, auf das Verdrängte der eigenen Doktrin: »Das Nahen des Schlafes schwächte sein Denken […] Michail Iwanowitsch beobachtete sich, wie er in den allerältesten Idealismus zurückfiel. Und was sagst du zum Tod, alter Bruder? Noch so ein metaphysischer Begriff. Auch der Tod hat nichts mit dem Ökonomischen zu tun. Vor Schmerz biss er stöhnend ins Kopfkissen, löschte in sich das letzte Licht der Welt […] Irgendwo in seinem Gehirn oder in seiner Seele nahmen die gefangenen Ideen weiterhin nutzlos ihren Lauf: ›Und dennoch, die Revolution […]‹ Er stöhnte.«

Einem der Revolutionäre gelingt am Ende der Erzählung gar die Flucht aus dem Lager. Er entrinnt jedoch nur scheinbar der Ausweglosigkeit einer unendlich leidvollen Geschichte, die, wie in der Revolution selbst, nicht gesprengt, sondern erneut zementiert wird. Der Überwachung entronnen, landet er inkognito in einer Arbeitsbrigade, die gerade ein neues Haus der Staatssicherheit hochzieht; um überleben zu können, muss er der Revolution ihr Grab mitschaufeln. Nicht Hoffnung steht am Ende der Geschichte, sondern »Angst«, die von der Revolution, was nach Adornos emphatischem Verständnis doch ihr Endzweck wäre, nicht abgeschafft, sondern dermaßen potenziert wurde, dass die Angst vor der Revolution nicht mehr per se affirmativ erscheint.

Die Russische Revolution ist der praktische Beleg dafür, dass autoritäre Befreiungsmodelle in die Irre führen. Diese mögen angesichts der Übermacht der herrschenden Verhältnisse attraktiv, womöglich sogar als alternativlos erscheinen. Auch ist eine Revolution ohne eine gesellschaftliche Fundamentalkrise wohl so unwahrscheinlich wie revolutionäre Handlungsbedingungen, die sich gnädiger Weise den guten Willen der sich Befreienden anpassen. Zugespitzt: Jede Revolution basiert substantiell auf Voraussetzungen, die das Ziel der Selbstbefreiung nahezu zwangsläufig konterkarieren. Die autoritäre Zerschlagung dieses der Revolution immanenten Zirkels der Selbstzerstörung ist dennoch keine Alternative, weil sie Herrschaft prinzipiell nicht abschaffen kann, sondern reproduzieren muss. Die Idee der Befreiung ist mit dieser Einsicht in ihre Aporie nicht im Schlund der Affirmation versenkt. Sie wird notwendig solange lebendig bleiben, wie die Menschheit in Knechtschaft dahinvegetiert. In diesem Sinne ist die Russische Revolution ein »Geschichtszeichen«, das von der Notwendigkeit, der Möglichkeit und dem persistierenden Scheitern der Selbstbefreiung gleichermaßen kündet.

 

Hendrik Wallat

Der Autor lebt in Hannover und hat kürzlich im Unrast Verlag Das Scheitern der Befreiung, eine Sammlung politisch-philosophischer Essays veröffentlicht.

Fußnoten

  1. Wladimir Iljitsch Lenin, Ratschläge eines Außenstehenden (8.10.1917), in: ders.: Ausgewählte Werke, Bd. II, Berlin 1970, 495.
  2. Wladimir Iljitsch Lenin, Brief an die Mitglieder des ZK (24.10.1917), in: Ebd., 519.
  3. Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Berlin 2015, 49.
  4. Alexander Rabinowitch, Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen 2010, 18.
  5. Bini Adamczak, Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Münster 2007, 144.
  6. Wladimir Iljitsch Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: ders.: Ausgewählte Werke, Bd. II, 759.
  7. Ebd., 760.
  8. Victor Serge, Schwarze Wasser, Zürich, 2014, 226.
  9. Ebd., 41.
  10. Ebd., 286.