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Dezember 2013

Blame it on the Brain

Der Hype um die Neurowissenschaften

Editorial

Deutschland ist ein kaltes Land. Wenn es nur um die Temperaturen ginge, würden wir die Heizung aufdrehen oder das Inlay in die Funktionsjacke knüpfen, doch die Kälte ist eine unwirtliche, geistige. Es scheint als formiere sich an jedem Ort, in dem Geflüchtete zentral untergebracht werden sollen, eine unheilige Phalanx. Statt Menschen in Not nur ein wenig Empathie entgegenzubringen, organisieren sich Deutsche, egal welcher Partei sie ihr Kreuz geben, gegen »Fremde«. Mal wieder wird noch das älteste Vorurteil und jede rassistische Verblendung aus dem Volksgemeinschaft-Koffer gekramt, um gegen Asylunterkünfte zu hetzen Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Blame it on the Brain

Einleitung zum Schwerpunkt

»Bei Kapitalverbrechern oder Personen, die eine regelrechte Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben, findet sich fast immer ein hirnbiologischer Hintergrund«. Seit rund 25 Jahren stimmen Erklärungsansätze wie die des Leiters des Instituts für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld Hans J. Markowitsch, merklich lauter in den kaum noch zu überhörenden Chor neurowissenschaftlicher Interpretationen über menschliche Devianz ein. Ansatz der unter dem modisch verbrämten Titel auftretenden Neurokriminologie ist es, Ursachen eines als delinquent etikettierten Verhaltens sogenannten kognitiven Fehlfunktionen und Defiziten zu suchen. Mit den Methoden der Neurowissenschaften könnten in den VerbrecherInnengehirnen, so die Mutmaßungen der NeurokriminologInnen, fehlende emotionale Sensibilität, verkümmerte Empathie, Verantwortungslosigkeit und Aggressivität über den Vergleich mit dem »Normalhirn« aufgeschlüsselt werden. Moralisches, ethisches und emotionales Empfinden und Handeln, so ließe sich die Hypothese zugespitzt auflösen, korreliert unmittelbar mit der Aktivität spezifischer Hirnregionen oder anders gefasst, kriminelle Energien und Handlungen entspringen nicht der gesellschaftlichen Reichtumsverteilung, sondern sind biologisch zu begründen. weiter

Christoph Schneider

Das Spiel mit der Letztinstanz

Wie die Hirnforschung einmal das Menschenbild revolutionierte

Zwischen 2001 und 2004 preschte eine Reihe von HirnforscherInnen mit ihren Thesen an die Öffentlichkeit. Der Sachbuchmarkt, die Wissenschaftsseiten großer Tageszeitungen, auch Feuilletons und Talkshows wurden nicht einfach mit Forschungsergebnissen vertraut gemacht, ihnen wurden Umwälzungen angekündigt. Programm: neues Menschenbild, Gestus: Entzauberung. Beispielsweise: Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt a. M. 2001. Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt a. M. 2003. Wolf Singer, Der Beobachter im Gehirn, Frankfurt a. M. 2002. Wolf Singer, Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2003. weiter

Christine Kirchhoff, Judith Heckel

Zurück zur Natur?

Eine Kritik der Neuropsychoanalyse

In der Geschichte der Psychoanalyse finden sich sowohl Tendenzen zur Medizinalisierung, der Reduktion auf die Behandlungsmethode, als auch Tendenzen zu einer breiten Interdisziplinarität. Die Psychoanalyse selbst ist zugleich klinische Theorie, Subjekt- und Kulturtheorie. Das liegt an ihrem Gegenstand, der zwischen Medizin und Philosophie, zwischen Natur und Kultur liegt. Psyche ist ohne den Körper nicht zu denken, als Psyche ist Körper aber immer schon ein anderes, das Produkt eines Prozesses, in dem Biologie und Kultur verstrickt sind. Diese Zwischenstellung scheint immer wieder ein Bedürfnis nach Eindeutigkeit hervorzubringen, die Bestimmung des Menschen aus den Naturwissenschaften. Aktuell sind dabei die Neurowissenschaften die Naturwissenschaft der Wahl. weiter

Christine Zunke, Francisco Gomez Rieser

Big Brain Theory

Von der Freiheit im Kapitalismus zur Unfreiheit des Gehirns

Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform freier Bürger_innen; ihre Freiheit ist für den Kapitalismus konstitutiv. Formal frei konkurrieren die Mitglieder der Gesellschaft auf dem Markt (sei es Warenmarkt oder Arbeitsmarkt) und schließen Verträge. Die Arbeiter_innen in den Fabriken sind nicht versklavt, sondern haben ihre Arbeitsverträge freiwillig abgeschlossen und die/der Besitzer_in der Firma ist frei in der Wahl der Mittel der Profitoptimierung oder darf ihr/sein Eigentum auch verschenken. weiter

Stine Meyer

Lost in Attention

Eine Annäherung an die Optimierung des aufmerksamen Individuums

Aufmerksamkeit ist etwas, das man nicht sehen kann. Dem gegenüber steht das Diktum des Psychologen und Philosophen William James aus dem Jahr 1890, dass »jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist«.»Every one knows what attention is. It is the taking possession of the mind, in clear and vivid form, of one out of what seem several simultaneously possible objects or trains of thought. Focalization, concentration, of consciousness are of its essence. It implies withdrawal from some things in order to deal effectively with others and is a condition which has a real opposite in the confused, dazed, scatterbrained state which in French is called distraction, and Zerstreutheit in German.« William James, The Principles of Psychology, New York 1890, 403-404. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Aufmerksamkeit steht damit vor einem Dilemma: Sie beschäftigt sich mit etwas, das alle kennen und niemand vollständig zu charakterisieren vermag. Oft wird Aufmerksamkeit als gegeben verstanden, deswegen wird ihre Abwesenheit problematisiert oder pathologisiert; Unaufmerksamkeit beeinträchtigt Gesellschaftsfunktionalität. Allerdings ist fraglich, ob das, was Forschung und Gesellschaft heute unter »natürlichen« Aufmerksamkeitsprozessen verstehen, immer schon natürlich war. weiter

Hannah Fitsch

Scientifically assisted telepathy?

Objektivierung und Standardisierung in der modernen Hirnforschung

In seiner Einführungsvorlesung über physikalische Modelle des Gehirns beschreibt der Biophysiker Werner Gruber seinen geschätzten Kollegen und Kolleginnen die Welt des Brain Modelling ganz informell als »wunderbare, friedliche, ruhige Welt, wo alles nach eindeutig deterministischen Gesetzen abläuft.«Werner Gruber, Vorlesung zu höheren Funktionen des Gehirns, Vorlesung im Sommersemester 2005, http://brain.exp.univie.ac.at/y_vorlesung_ss05.htm. Ganz so wunderbar und ruhig wie Gruber die Welt der auf Statistik gestützten Hirnforschung in seiner Vorlesung beschreibt, ist sie, wenn sie es denn je war, sicherlich nicht mehr. Konfrontiert mit methodischen Unzulänglichkeiten und dem Wissen darum, wie schwierig es ist, dem Gehirn verlässliche Daten zu entlocken, würden heute wohl die wenigsten Hirnforscher_innen die Frage »Wie der Mensch denkt« damit beantworten, dass dies »eindeutig mit Computern nachvollzogen werden« kann.Ebd. Dennoch nehmen deterministische Interpretationen neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse gesamtgesellschaftlich zu und sind ein wichtiges Deutungsangebot in der Diskussion um das Wesen des Menschen. Der nunmehr lang anhaltende Streit um die Frage, wer oder was mehr Einfluss auf den Menschen habe, die Kultur oder doch die Biologie, scheint in den letzten Jahren wieder verstärkt vom Biologismus dominiert zu werden. weiter