Zeitlebens verfolgt

Diese Biographie war überfällig. War von Simon Wiesenthal (1908–2005) bislang vor allem ein verschwommenes Bild als unerbittlicher und rachsüchtiger »Nazijäger« aus Wien verbreitet – eine Wahrnehmung, die bereits selbst Nähen zu antisemitischen Zuschreibungen einer jüdischen Allmacht aufweist –, wird diese Deutung im neuen Buch des israelischen Journalisten Tom Segev, selbstbewusst untertitelt als »Die Biographie«, nun endlich zurechtgerückt. Segev zeichnet das Bild eines Einzelkämpfers, der von einem kleinen Wiener Büro aus unermüdlich Zeitungsinserate auf der Suche nach NS-Verbrechern auswertete, und letztlich viel weniger allmächtig war, als die Bezeichnung »Nazijäger« nahelegt . Dieses Bild bestätigt jene Rezeption freilich insofern, als sie zugleich ein Stück Wahrheit über die Bedingungen offenbart, unter denen das Wirken von Wiesenthal sich entfaltete: Die periphere Rolle des Holocaust in der Wahrnehmung der ersten Nachkriegsjahrzehnte bedurfte derartiger Einzelpersonen wie Wiesenthal, um Sühne einzufordern und das Gedenken zu befördern. Durch sein Wirken wurde Wiesenthal zudem selbst zu einer Person, die der Wahrnehmung des Holocaust zur Geltung verhalf und ohne die wir heute sicher eine andere Vorstellung von der Vernichtung der europäischen Juden hätten.

Der 1908 im damals noch habsburgischen Buczacz geborene Jude Wiesenthal hatte den Holocaust nur durch Zufall überlebt. Er hielt sich mehrere Monate versteckt, war Insasse verschiedener Konzentrations- und Arbeitslager und entging mehreren Hinrichtungen nur in letzter Minute. Im Mai 1945, nach einer Odyssee, während der er gemeinsam mit anderen jüdischen Häftlingen von einer sich ins Reich zurückziehenden SS-Einheit als Geisel gehalten wurde, befreite ihn die US-Armee im österreichischen KZ Mauthausen. Nach dem Krieg erfuhren er und seine Frau, dass sie mehrere Dutzend Angehörige durch den Holocaust verloren hatten. Bereits während des Kriegs hatte der gelernte Architekt stets Informationen über seine Peiniger gesammelt. Nach der Befreiung begann er unmittelbar, dieses Wissen zu vervollkommnen und den Amerikanern zur Verfügung zu stellen – eine Tätigkeit, die er bald zu seiner Lebensaufgabe machen sollte.

Segevs Buch folgt Wiesenthals Entwicklung Fall für Fall. Im vordergründigen Motiv Wiesenthals, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, wurde dieser früh durch die Situation, die in seiner neuen Heimat Österreich (aber auch in Deutschland) herrschte, bestärkt: NS-Täter der mittleren und unteren Ebene wurden im Wesentlichen nicht belangt. Dies entsprach dem Geist der Zeit, der mit dem Einsetzen des Kalten Kriegs andere Prioritäten setzte, als auf dem als Ereignis weniger bekannten Holocaust und der Praxis, dass ehemalige Nationalsozialisten auch als Agenten westlicher Geheimdienste angeworben wurden. Es kam deshalb vor, dass Wiesenthal, der sich mit primitivsten Mitteln, etwa dem Telefonbuch, auf die Suche nach Nazis machte, völlig unerwartet in das Leben von zu neuem Ansehen gelangter NS-Täter trat, wie in das des »Schlächters von Wilna« Franz Murer, der auf einem Hof in der Steiermark ein unbeschwertes und respektiertes Leben führte. Die Wiesenthal relativ leicht von der Hand gehende Identifizierung von NS-Verbrechern führte angesichts mangelnder Bereitschaft der Behörden jedoch nicht immer zur Anklage und Verurteilung; nicht wenige wurden nach einigen Jahren Haft begnadigt. Rückblickend hielt Wiesenthal deshalb einmal fest, dass die blödesten Nazis die gewesen seien, »die beim Zusammenbruch des Dritten Reiches Selbstmord begangen haben«. Trotz aller Widrigkeiten gelang es Wiesenthal in seiner langen Karriere als selbsternannter »Detektiv mit sechs Millionen Klienten« mehr als 3000 Hinweise auf NS-Täter zu geben, von denen etwa 1000 – die bekanntesten darunter Adolf Eichmann und Franz Stangl, ein an der »Aktion T4« Beteiligter und Kommandant der Vernichtungslager Treblinka und Sobibor – juristisch belangt wurden.

Letztlich lässt sich Wiesenthals Leben, und diese Deutung gibt Segevs gut lesbares, mitunter jedoch etwas detailreich geratenes Buch en passant preis, als Folie für den Verlauf der Wahrnehmungsgeschichte des Holocaust an sich lesen. Genau genommen spiegelt sich in seinem Wirken die Genese, die die Rezeption des Holocaust überhaupt nahm: Vom mit dem anhebenden Blockkonflikt einsetzenden Desinteresse der Nachkriegsgesellschaften, über die wachsende Teilnahme, die sich seit den sechziger Jahren an solchen Eckpunkten wie der Rezeption von Anne Franks Tagebuch oder dem Eichmann-Prozess entzündete, bis zu der paradoxen Situation in den achtziger Jahren, als Wiesenthal angesichts der Waldheim-Affäre selbst in Konflikte mit amerikanischen Juden der zweiten Generation und deren stark ausgebildeter Identifikation als Überlebende des Holocaust geriet. Oftmals war er es selbst, der mit spektakulären Enthüllungen an dieser Entwicklung Anteil hatte, wie etwa 1963, als er jenen Wiener Polizeibeamten enttarnte, der 1944 in Amsterdam die Verhaftung der Familie Frank durchgeführt hatte.

Zeit seines Lebens hatte Wiesenthal dabei neben dem Wunsch nach Belangung der Täter – so Segevs Fazit – eine zweite, übermächtige Motivation beseelt: das viele Überlebende verfolgende Gefühl der »Schuld«, überlebt zu haben. Nicht zuletzt verstand er sein Wirken als Verpflichtung des Davongekommenen gegenüber den Ermordeten, an ihr Schicksal zu gemahnen. Da diese Verpflichtung in einer Welt, die sich für den Holocaust lange Zeit nur am Rande interessierte, an ihre Grenzen stieß, erklärt sich auch, warum Wiesenthal praktisch nur als Einzelakteur tätig werden konnte.


Tom Segev, Simon Wiesenthal: Die Biographie, Siedler Verlag, München 2010, 574 S., € 29,95.

PHILIPP GRAF