Wir sind alle Özil

Nationalismus in der Einwanderungsgesellschaft

Aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist nicht Weltmeister! Es war der 7. Juli diesen Jahres, der für die einen das große Reinemachen einläutete – Säubern der Wangen, Abschmücken des Wagens, Wechseln der Glücksbringerunterhosen – und für die anderen die WM eröffnete – Niederlage Deutschlands im Halbfinale gegen Spanien.

Danach galt es Bilanz zu ziehen. Die konkret war nicht zimperlich und bemächtigte sich aufgrund der Dringlichkeit ihres Anliegen bereits kurz darauf eines ansonsten eher stiefmütterlich behandelten Mediums – des Internets – und veröffentlichte ein Memorandum der Schande: »No-go-area Deutschland. Fußball-WM-Special«. Die Bilanz, die die konkret zog, war verheerend: »Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und drei Tote: so die Bilanz des ›fröhlichen Partyotismus‹ bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft«. Die Details waren schließlich die Alltäglichkeiten des deutschen Rassismus, teils aber auch seltsame Dokumente der Schande: Von mehreren Verletzungen »bei diversen Autokorsos nach dem Spiel BRD-England« war da die Rede oder von der Verhaftung eines Krefelders, »nachdem dieser in einer Gaststätte randaliert hatte«.

Es ist durchaus richtig daran zu erinnern, dass das internationale Großereignis Fußballweltmeisterschaft der Männer immer wieder zur nationalen Enthemmung führt: Von der Bemalung unschuldiger Kinder durch gutmeinende Tagesmütter über den Vollsuff sprachbefreiter Jugendlicher bei der öffentlichen Leichenvorführung (public viewing) bis hin zur Gewalttätigkeit ganz gewöhnlicher Deutscher gegenüber allen möglichen anderen, wenn es scheiße läuft oder mittelmäßig oder gut oder hervorragend.

Und doch: Es lässt sich der deutsche Nationalismus, vorgeführt während der WM, nicht mit Totschlag, Gewaltexzessen und Hakenkreuzen erklären. Deniz Yücel blöffte folgerichtig Alex Feuerherdt bei einer Podiumsdiskussion über »Fußball und Nationalismus« an: »Ich habe fast den Eindruck, dir, Alex, gefällt, wenn Nazis Ausländer klatschen gehen, weil das dein Weltbild bestätigt. Als tot geprügelter Cacau, als Opfer, wäre er dir lieber denn als jemand, der hier seinen beruflichen Lebensweg geht und sich für Deutschland entscheidet, so wie das ein Schweinsteiger tut.«

Ganz unrecht hatte Yücel damit nicht, denn der deutsche Fußball der Spitzenklasse ist schon seit längerem auf dem Weg, sich von den Widerlichkeiten eines Fußballstils à la Sepp Herberger, Paul Breitner, Rudi Völler oder Mario Basler zu befreien und im Vorbeigehen auch gleich mal die Blut-und-Boden-Ideologie fallenzulassen. Nicht mehr der urdeutsche Franz, sondern der türkischstämmige Mesut gilt heute als Aushängeschild des Nationalen. Selbst die Frankfurter Aallgemeine Sonntagszeitung konstatiert in einer Hommage an Joachim Löw einen entscheidenden »Unterschied zu einigen seiner Vorgänger, etwa dem im Profifußball sozialisierten Kumpeltyp Rudi Völler oder dem feldwebelartig die Arme verschränkenden und im Kommisston seine Befehle herunterratternden Berti Vogts oder dem lauernd inspizierenden Fußball-Souverän Franz Beckenbauer: Joachim Löw versucht dem deutschen Spiel eine Art von genuiner Eleganz zu geben.« Die Süddeutsche Zeitung sekundiert fröhlich: »Löw will keine altdeutschen Stoppertypen, die wenig stehen und viel grätschen.«

2006 war man landauf landab noch damit beschäftigt, sich selbst und allen anderen zu erklären, wie toll und schön und normal der »neue deutsche Patriotismus« sei. Das System Klinsmann wurde zum »Modell für Deutschland« und er selbst zum »heimlichen Regierungschef des FC Deutschland« stilisiert. Die Zeit frotzelte, dass es lediglich »eine Frage der Zeit [gewesen sei], bis sich jene Kreise zu Wort melden würden, denen patriotische Gefühle von jeher höchst verdächtig sind« um jenen Miesepetern zu entgegen: »Trotz manch schriller Töne in der neuesten deutschen Patriotismus-Debatte besteht Hoffnung. Die WM 2006 könnte tatsächlich dazu beitragen, Deutschland zu einem frischen, normaleren Image zu verhelfen.«

Diese Aufregung hat sich gelegt. Im Jahre 2010 musste niemand mehr umständlich erklären, ob und warum man Deutschland lieben könne. Die Zeit sah sich gar bemüßigt in einem Artikel über »Public Nazi Viewing« das Bild vom »frischen, normalen Image«, das sie vier Jahre zuvor ausgerufen hatte, zu revidieren. Und auch die unzähligen linken »Fußball und Nationalismus«-Veranstaltungen waren mehr Pflichtprogramm denn Inspiration. Einzig die Tatsache, dass die Juden »65 Jahre nach dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte« wohl nun doch endlich mal verzeihen können, sorgte noch für freudiges Herzklopfen. Voll Staunen und Stolz schreibt Bild: »Überraschend viele Menschen in Israel unterstützen bei der Fußball-WM ausgerechnet die deutsche Nationalmannschaft!«

Standortvorteil Migrationshintergrund

Die entscheidenden Unterschiede von 2006 zu 2010 lagen einerseits im Abschwellen des selbstauferlegten Erklärungszwangs und andererseits in den Ikonen der Heldenverehrung. Das System Klinsmann besaß von Anfang an den bitteren Beigeschmack deutschen Führertums. Klinsmann war dabei kein Wilhelm oder gar Hitler, aber er war in gewisser Weise ein moderner Bismarck – ein Modernisierer und Reformator von oben. Es war Klinsmann, der die versteinerten DFB-Strukturen aufmischte, der den Fußballstil der Nationalmannschaft und des gesamten nationalen Fußballs revolutionieren wollte, und der aus einsamen Personalentscheidungen als Führer der DFB-Auswahl deren Erfolg zementierte. Sine Entscheidung war es, Michael Ballack in die Führerrolle auf dem Platz zu zwängen. Und es war die deutsche Medienlandschaft, die sich freudestrahlend ihrem Führer an den Hals warf und ihn gleich zum Reformator der deutschen Wirtschaft und der deutschen Nation kürte. Trotz aller Reformen und Modernisierungen – es blieb im Grunde ein klassisch deutsches Konzept: Von oben durchgesetzt von einer einzelnen dominanten Person.

Die deutsche Nationalmannschaft um Joachim Löw, die sich 2010 präsentierte war von anderem Schlag. Es kam ihr zugute, dass sich die entscheidende Altlast des Klinsmannschen Systems, Michael Ballack, wenige Wochen vor der WM nach einem Foul von Kevin Prince Boateng verletzte und nicht antreten konnte. Während noch ganz Deutschland verbal auf Boateng einprügelte, dämmerte es schon einigen, dass dieses Ereignis eine deutsche Chance sein könnte. Die taz jubilierte gar ekstatisch: »Der Führer ist tot, es lebe das Team!«

Also nicht Ballack, bzw. seine Art Nachfolger Sebastian Schweinsteiger oder der übermächtige Trainer waren die Stars der WM, sondern Mesut Özil, Thomas Müller und Sami Khedira. Neben spielerischer Finesse und ihrer Jugendlichkeit kam ihnen vor allem zugute, dass sie Teil jener »Internationalmannschaft« waren, die es so zuvor in Deutschland noch nicht gegeben hatte.

Es hatte sich freilich schon 2006 angedeutet, dass ein Migrationshintergrund durchaus popularitätsfördernd sein könnte. Gerald Asamoahs Auftritte in der deutschen Nationalmannschaft zwischen 2001 und 2006 waren noch mit rassistischer Skepsis verfolgt worden. Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb nach Asamoahs ersten Spiel für die Nationalmannschaft: »Natürlich war auch ich einer von vielen, die gespannt waren, wie Sie die Nationalhymne mitsingen. […] Sie haben […] die Situation gemeistert, indem Sie Ihre Lippen nicht bewegten […] Sie sind der erste Schwarze in der Nationalelf […] Sie sind nicht gemischten Blutes. Ihr Vater ist schwarz, Ihre Mutter ist schwarz, Sie sind vom reinen Schwarz Afrikas.«

Das Bild hatte sich gewandelt, als bei der WM 2006 plötzlich David Odonkor zum Lieblingsspieler der Deutschen avancierte. Ein wenig überspitzt lassen sich die fußballerischen Leistungen Odonkors auf eine Flanke im WM-Vorrundenspiel gegen Polen reduzieren, die zum wichtigen 1:0 führte. Weder davor noch danach hat Odonkor jemals irgendetwas geleistet, was seine Mitgliedschaft in der Nationalmannschaft, noch sein Starimage auch nur im Geringsten rechtfertigen könnte. Der Eindruck drängte sich förmlich auf, dass es wohl eher seine dunkle Hautfarbe war, als seine spielerische Finesse, die ihm jenen Ruhm verschaffte.

Von Franz Beckenbauer abgesehen, der via Bild gegen die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund giftete, sie sollten gefälligst die deutsche Nationalhymne mitsingen, hat sich dieser positive Multikultirassismus im Jahre 2010 im Grunde durchgesetzt.

Voll Stolz tönt die Presselandschaft von der »Internationalmannschaft«, von der Leichtigkeit, dem Spielwitz, der Freude und der modernen Spielweise, die von MigrantInnenkindern in die Nationalmannschaft getragen würde. Allerorten war man sich einig, dass hier ein neues, ganz anderes Deutschland antrete, das sich dieses Anderssein nicht erst herbeireden müsse, sondern durch den hohen Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund selbstständig hervorbringe.

Die Aufregung um den Ausfall Ballacks war schnell vergessen. Bezeichnenderweise wurde er nicht durch Schweinsteiger, Özil oder Khedira ersetzt, sondern man erklärte kurzerhand das Team zum Star, etwas was die deutsche Tradition der Führungsspieler so noch gar nicht kannte. Und so versäumte es keine Zeitung, einen eigenen Artikel zur »Internationalmannschaft«, zu »Das neue Deutschland« oder zu »Multischland« zu veröffentlichen. Der Stern titelte gar in seiner Ausgabe vom 1. Juli 2010: »Özil & Co. Wie Migrantenkinder das WM-Team beflügeln – ein Modell für Deutschland«.

Die Euphorie darum, dass elf der 23 Spieler der deutschen WM-Mannschaft das Prädikat »Migrationshintergrund« aufweisen können, scheint zunächst mehr als erstaunlich. Es ist noch gar nicht so lange her, dass alle »Nichtdeutschen« sowohl auf Vereins- als auch Verbandsebene vor unzähligen Hürden standen. Gerald Asamoah hat auf den Rassismus in Stadien und Vereinen seit Jahren hingewiesen, Hamit Altintop meinte noch im Jahre 2006: »Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber wir bleiben in Deutschland Ausländer. Am Ende, wenn es drauf ankommt, sind wir doch Türken.«

Zumindest was die Nationalmannschaft anbelangt, scheint sich das Bild gewandelt zu haben. »Migrationshintergrund« ist spätestens seit dieser WM hier kein Schimpfwort mehr, sondern fast schon eine Adelung. Micha Brumlik treibt das Spiel gar so weit, dass er aus der deutschen Popsängerin Lena Meyer-Landrut eine Antideutsche bastelt, als würde dieses Prädikat ihren Ruhm noch verfeinern. »Oberflächlich wirkt Lena Meyer-Landrut«, so heißt es bei Brumlik, »doch eher ›undeutsch‹. Dunkelhaarig […] sang sie ihr Liedchen [….] auf Englisch, der nationalen Wurzel entfremdet, sie geradezu verleugnend. Zudem dürfte es in solchen Augen kein Zufall sein, dass das Liedchen ›Satellite‹ heißt – überdeutlicher Tribut an die globale Herrschaft des amerikanischen Kapitals.«

Zugegeben ist diese satirisch gemeinte Verantideutschung Meyer-Landruts nicht das Paradigma des neuen Deutschlands, aber die Begeisterung ob der Fülle an Migrationshintergründlern in der deutschen Nationalmannschaft war und ist doch allerorten. Dass der Stern gar vom »Modell für Deutschland« sprach, ist bezeichnend.

Die globale Marke Fußball

Was das nun alles zu bedeuten hat, ist die Frage, die sich deutschlandweit die Medienlandschaft, das Soziologie-Business und die Linken gestellt haben. Klaus Bittermann konnte beobachten, »dass Fußball nach wie vor eine Angelegenheit der Unterschicht ist. Je mehr und je größer geflaggt wird, desto mehr Unterschicht.« Damit spielte er auf die Tatsache an, dass die Berliner Bezirke Kreuzberg, Wedding und Neukölln im (deutschen) Fahnenmeer ertranken, während in wohlhabenderen Bezirken wie Charlottenburg, Prenzlauer Berg oder Schöneberg die Fahnen eher eine Randerscheinung waren. Die »Deutschland-Bezirke« sind in dieser Erklärung nicht zufällig diejenigen mit hohem MigrantInnenanteil. MigrantInnen und ihre Nachkommen in zweiter und dritter Generation bilden in Deutschland noch immer eher die Unterschicht. Ihre Begeisterung für Symbole der kollektiven Gemeinsamkeit hat vermutlich tatsächlich viel mit diesem Status zu tun und dem Willen, mittels nationaler Symbolik Teil eines Besseren zu sein. Bei dem Bündnis Ums Ganze heißt es ähnlich: »Auch der tolerante Alltagsnationalismus des Bürgers gewinnt seine Energie und Befriedigung aus dem Versprechen, die ausweglosen Zumutungen kapitalistischer Konkurrenz innerhalb eines nationalen (oder wenigstens ethnischen) Kollektivs der Gleichen und Gleichberechtigten einzufrieden, in dem Überleben und Anerkennung nicht jeden Tag aufs Neue erkämpft werden müssen.«

Soweit diese Argumentationen einleuchtend sind, ist damit noch nicht die Frage geklärt, warum die das jetzt plötzlich dürfen, Teil des gemeinsamen Deutschen zu sein, auch ohne deutsches Blut, deutsche Physiognomie oder deutsche Sprachkompetenz. Das Ereignis »Fußball-WM der Männer« wird in der Linken häufig derart diskutiert, als komme hier der Stand des Nationalen in Reinform zur Geltung. Dabei vergessen wird, dass trotz aller nationaler Aufladung im Zentrum doch eines steht: Der Fußball selbst. In den Entwicklungen des globalen Fußballs gibt es schließlich mehr Antworten auf die Frage nach der Akzeptanz von Migranten in der deutschen Nationalmannschaft der Männer als in den Bewertungen des deutschen Nationalismus.

Der globale Fußball ist vor allem eines: Ein gigantisches Wirtschaftsunternehmen. Hier gilt es, die Konkurrenz am Laufen zu halten. Diese findet zwischen den Vereinen aber ebenso wichtig auch zwischen den Nationen (eigentlich deren Verbänden) statt. Der deutsche Fußball benötigt in diesem Spiel die Bundesliga ebenso wie den Fußballstandort Deutschland allgemein. Die Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland schien nach den erfolgreichen frühen 1990er Jahren jedoch katastrophal zu scheitern. Spätestens nach dem Europameistertitel 1996, mit dem schon damals eigentlich niemand mehr gerechnet hatte, befand sich der deutsche Fußball auf seinem absoluten Tiefpunkt. 1998 reichte es noch einmal bis zum Viertelfinale, zwei Jahre später schied das deutsche Team bereits in der Vorrunde aus – als Tabellenletzter mit einem Punkt. Im gleichen Jahr gewann die »Multikultimannschaft« Frankreichs souverän die Weltmeisterschaft. Der deutsche Fußball lag am Boden. Franz Beckenbauers Diktum von 1990, dass nach der deutschen Vereinigung auf absehbare Zeit wohl niemand mehr Deutschland schlagen könne, erwies sich als Treppenwitz der Geschichte. Die deutsche Blut-und-Boden-Ideologie schien gegen den Multikulturalismus Frankreichs aber auch der Niederlande verloren zu haben.

In dieser Zeit lässt sich der Beginn zweier Entwicklungen beobachten, die die heutige Situation der Nationalmannschaft entscheidend prägen. Zunächst beschloss der Deutsche Fußballbund (DFB) seine eigene Modernisierung. Die Gründung der ökonomisch ausgerichteten Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) im Jahr 2000 geschah noch gegen die Intentionen des DFB aber auf Druck der Vereine. Der Wahl des Modernisierers Theo Zwanziger zum DFB-Präsidenten 2004 und der damit einhergehenden schrittweisen Demontage des Deutschnationalisten Gerhard Mayer-Vorfelder gingen die ersten Schritte der Modernisierung des Verbandes voraus: Aufarbeitung der nationalsozialistischen und postnazistischen Geschichte des DFB, die ersten wirklichen Kontakte zu Fans und deren Vertretungen, die Etablierung von Antirassismus-Paragraphen in deutschen Stadienordnungen und vor allem die Gründung von Leistungszentren und damit der Beginn einer strukturierten Jugendarbeit.

Gleichzeitig beherrschte die späten neunziger Jahre die Diskussion um das Ende des deutschen Volkssports Fußball. Auf der einen Seite wurde Fußball damals zum unbeliebten Sport – attraktiv lediglich für die schlechter Situierten –, andererseits begann hier die Top-Ausbildung von jugendlichen Fußballspielern. Es waren also viele MigrantInnen-Kinder, die Ende der neunziger Jahre in die Leistungszentren strömten – die elf deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund entstammen alle den Jahrgängen 1984–1989.

Es setzte sich damals der Gedanke durch, dass wer konkurrenzfähig sein will, Jugendarbeit braucht, eine Entnazifizierung der deutschen Fußballkultur und eine Lockerung der Spielregeln, um das Potential der migrantischen Kids für das nationale Projekt nutzen zu können. Diese Gemengelage führte zu der heutigen Situation des hohen Anteils von Spielern mit Migrationshintergrund in der deutschen Nationalmannschaft. Dieser Anteil kann sich wieder relativieren, wenn die Generation 2006 das Nationalmannschaftsalter erreicht, das Jahr, in dem die Basketball-Trikots wieder in die Schränke verschwanden, um erneut den Fußballtrikots Platz zu machen.

Die aktivierte Gesellschaft

Die »Gesetze« des Produkts Fußball sorgten also für eine gewisse zivilisatorische Mäßigung des Nationalen. Gleichzeitig – und das vergaß auch keine Zeitung und keine Soziologin zu erwähnen – ist die heutige deutsche Nationalmannschaft lediglich Ausdruck der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Was für den popkulturellen Bereich schon länger gilt, setzt sich nun zunehmend auch in anderen Bereichen durch. Wer erfolgreich sein will, sei es kulturell, politisch oder sportlich, kann sich nicht mehr leisten, einen Großteil der deutschen oder in Deutschland lebenden Bevölkerung kategorisch auszugrenzen. »Der Ausländer lebt bei uns, der Ausländer spielt bei uns« hatte es Franz Josef Wagner in seiner ihm eigenen Weise noch 2001 auf den Punkt gebracht und nicht viel anders heißt es heute: »Die Nationalmannschaft spiegelt mittlerweile die Realität einer Einwanderergesellschaft.«

Dass das so ist, sagt aber noch lange nichts darüber aus, ob sich hier irgendetwas verallgemeinern lässt. Der Nützlichkeitsrassismus ist in Deutschland schon seit Jahren bekannt. Wenn Wagner kreischt: »Sie sind der erste ausländische Junge, wie ihn sich die Politiker wünschen«, dann ist das zwar gelogen, aber benennt den Kernbestand jenes Rassismus. Diejenigen, die für Einbürgerung und Integration in Frage kommen, haben tendenziell etwas Außergewöhnliches zu leisten und sich gleichzeitig anzupassen. Wenn Fußballer für den Ruhm der deutschen Nation antreten sollen, liegen die Einbürgerungshürden niedrig. Wenn sie dann noch artig sind, ist der Weg frei für eine schöne kitschige Migrationsgeschichte.

Das Beispiel der Brüder Boateng ist hierfür wohl paradigmatisch. Der eine, Kevin-Prince, eines der größten Talente des deutschen Fußballs der letzten Jahre, hat es nicht geschafft. Wie sein jüngerer Bruder Jérôme hat er alle Stationen des deutschen Nachwuchsfußballs durchschritten. Aber er war nicht bereit, sich anzupassen und als seine Karriere nach dem Wechsel zu Tottenham Hotspurs 2007 ihren ersten Tiefpunkt erreichte, ergab er sich nicht in Demut, sondern spielte den reichen Gangster. Aufgrund angeblicher »Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung« suspendierte ihn schließlich der DFB und verweigerte ihm eine Zukunft im deutschen Nationalteam. Die Zeit sprach schließlich von »einer Kette von Missverständnissen zwischen Kevin Boateng und dem deutschen Profifußball, einem Geschäft, in dem Spieler Kapitalanlagen sind, möglichst effizient, gewinnbringend, geräuschlos. Immer wieder hatte Boateng die ungeschriebenen Regeln dieses Geschäfts gebrochen. […] Es ist eine Welt, deren Helden sein sollen wie der Teammanager Oliver Bierhoff, glatt geschliffen und geföhnt. Mit Anfang Zwanzig sollen sie Playstation spielen, mit Mitte Zwanzig ein Fernstudium absolvieren und mit Ende Zwanzig an ihrem Golfhandicap arbeiten. Es ist eine Welt, in der es – anders als auf dem Bolzplatz – nicht reicht, einfach nur gut zu sein.«

Ganz anders sein Bruder Jérôme – Musterknabe deutscher Integrationsarbeit: Unauffällig, zurückhaltend, anpassungsfähig. Für Spieler wie Jérôme gibt es eine Zukunft im deutschen Fußball, für Kevin-Prince hingegen nicht.

Musterknabe der Integration ist sowieso Maria Barreto Claudemir da Silva, genannt Cacau. Als er im Februar 2009 zum deutschen Staatsbürger gemacht wurde, damit er im Mai des gleichen Jahres gegen China zum Einsatz kommen konnte, war die Medienlandschaft entzückt: Ein toller Ausländer – ruhig, fleißig, Christ. Die Kommentare eines Artikels in der Zeitung Die Welt sprechen Bände. »Was für ein sympathischer Mann! Demütig, fleißig, bescheiden und ein überzeugter Christ. Was für eine Bereicherung für unser Land! Mehr von solchen Neubürgern!« und die nächste: »Cacau ist wirklich sympathisch, eine wirkliche Bereicherung. […] Herzlich willkommen im Kreise der deutschen Staatsbürger, Herr da Silva, möge Gott Sie stets begleiten.« Und schließlich: »Deutschland braucht mehr Menschen mit Migrationshintergrund in der Nationalmannschaft! […] Nicht nur Deutschland sondern auch die Nationalelf muss bunter werden! Für ein buntes, weltoffenes, tolerantes Deutschland!«

Die lieben MigrantInnen sind willkommen, Deutsche zu werden, die bösen hingegen nicht. Nachdem Kevin-Prince in einem englischen Ligaspiel Michael Ballack verletzte, brach sich der deutsche Hass auf den bösen Buben Bahn: Bei Facebook verlangte man massenhaft seine Ausbürgerung und bedrohte ihn mit Gewalt bis hin zum Mord. Es gab ein paar wenige kritische Stimmen, die meinten, irgendwie passiere es doch auch mal beim Fußball, dass sich jemand verletzt, oder darauf hinwiesen, dass Ballack gemeinhin als brutaler und unfairer Spieler gilt. Der Allgemeinheit galt: Michael Ballack »wollte diese WM spielen und Weltmeister werden. Und ein Arschloch hat ihm seinen Traum kaputt gemacht. Ein drittklassiger Fußballspieler. Immer sind es Arschlöcher, die alles zerstören.«

Die guten MigrantInnen sind diejenigen, die trotz ausländischen Blutes irgendwie doch deutsch sind. Sie müssen diszipliniert und ordentlich sein, wie es schon Kevin-Prince zu spüren bekam. Ein weiterer Aspekt ist jedoch fast noch entscheidender. MigrantInnen fehlt das Gefühl der Sicherheit. Sie wissen, dass sie von sozialen Sicherungssystemen kaum profitieren und dass gesellschaftlicher Aufstieg, wenn überhaupt, nur über drei Faktoren möglich ist: Disziplin, Fleiß, Leistung. »Die Jungen mit ausländischen Verwandten bringen vor allem mehr Erfolgshunger mit« heißt es bei Matthias Sammer, Sportdirektor des DFB. Diese Tugenden werden als deutsch verstanden und diese Tugenden sind es, die an MigrantInnen besonders geschätzt werden. Die Nationalmannschaft sei mit ihren »bunten Perlen«, mit ihrem »Zauber der schwarzen Magie« damit vor allem eines: »typisch deutsch!« befindet die Welt. Die MigrantInnen beflügeln die WM-Mannschaft und seien damit ein »Modell für Deutschland«, konstatiert der Stern und preist in seiner Titelstory die Tatsache, »dass Kinder von Gastarbeitern stärker um Aufstieg ringen« und lauscht hingebungsvoll den Worten Sami Khediras: »›Alles dem Fußball unterordnen, keine Disco, kein Alkohol, dafür harte Arbeit: Das habe ich von meinem Vater.‹« Es ist dieses eine Wort, das den Stern so begeistert: »Immer wieder dieses Wort: Arbeit […] Ein klassisches Fundament.« Klaus Theweleit erwähnt noch einen weiteren Umstand, der MigrantInnen in eine besondere Lage versetzt: »Man entwickelt sich nur mit einer Fremdsprache oder dem Kennenlernen eines anderen sozialen Milieus weiter. Wer nur eine Heimat kennt und sonst nichts, ist dazu verdammt, blöd zu bleiben.«

Das Modell Theweleits setzt auf die positiven Effekte des Kosmopolitischen und ist damit eine Ausnahme im Reigen derjenigen, die im Migrantischen vor allem den »Farbtupfer« entdecken wollen, der den klassischen deutschen Tugenden lediglich eine neue Dynamik verleihen soll. Es ist durchaus eine Wohltat, wenn Zeitungen wie Die Welt genüsslich den deutschen Michel dekonstruieren: »Wie Lena strahlen die netten Jungs mit so urdeutsch-germanischen Namen wie Özil, Khedira oder Cacau ausgerechnet etwas aus, das man tatsächlich nicht mit dem alten Pickelhauben- und Stechschrittklischee von Deutschland in Verbindung gebracht hätte: unkomplizierte Leichtigkeit, entspannte Lebens- und Spielfreude. Junge, erfolgreiche Deutsche, so scheint es, sind heute zierliche Persönchen wie Lena und schlaksige Spargel-Tarzane wie Özil, Klose und Boateng. Mit dem Image der Deutschen als ›Panzer‹ und blonden Bestien, das einst durch die Dominanz von Spielertypen wie Horst Hrubesch und Andreas Brehme womöglich noch bestärkt wurde, lässt sich das wahrlich nicht mehr zusammenbringen.«

Und doch wird hiermit lediglich der deutsche Nationalismus auf die Höhe der Zeit gebracht. Er soll von alten Klischees befreit, seine Kernbestände damit aber erhalten werden. Die deutsche Nationalmannschaft der Männer repräsentiert genau das: Ein modernes deutsches Team, das Migranten integriert, aber nur dann, wenn sie am Ursprünglichen der deutschen Disziplin, Ordnung und Gemeinschaft nicht rütteln. Somit »verbindet der deutsche Erfolgsweg heute höchste Effektivität mit scheinbar schwereloser Ungekünsteltheit und unprätentiöser Authentizität. Der neue deutsche Fußballspieler ist wie Lena frei von vordergründigen Show- und Starallüren.«

Ganz abgesehen davon, dass die Fußballwelt der Stars und Sternchen für eine allgemeine Gesellschaftsanalyse wenig taugt, ist die »Aufnahme« der MigrantInnen an Bedingungen geknüpft, die sie nur erfüllen können, wenn sie etwas Außergewöhnliches leisten, dabei den ordnungsgemäßen Normalbetrieb nicht stören und sich dankbar erweisen. Kevin-Prince Boateng weiß, wovon er redet, wenn er genau dies gegenüber dem Stern moniert: »›Die Deutschen, die geben zwar etwas‹, sagt Boateng, aber das sei immer an Bedingungen geknüpft. ›Die wollen dafür immer wieder etwas zurückhaben‹.« Selbst Ausnahmespieler wie Boateng, einer der genialsten Spieler bei der diesjährigen WM, werden förmlich rausgeschmissen, wenn sie diesem Bild nicht entsprechen. Dies ist, wie allerorten permanent bemerkt wurde, hervorragende Integrationsarbeit, hat mit Antirassismus dann aber doch nicht sehr viel zu tun.

 

Von David Schweiger. Der Autor ist Mitglied der Phase~2 Redaktion Leipzig und war während der WM unser Mann am Kap.