Widerstand gegen sich selbst

Konsumkritik als subversive Praxis oder kapitalistische Selbstoptimierung

Kaufe niemals beim Discounter, iss regional und saisonal, sieh nicht so viel fern, repariere und wirf nicht weg, wechsle zu Ethikbanken und mach häufiger einen Spaziergang: Längst hat Konsumkritik die Nischen des politischen Aktionismus verlassen. Bio und Fair-Trade-Siegel leuchten in den Regalen der Supermärkte, Großkonzerne werben mit klimaneutralen Produkten, Tauschbörsen und Sharing-Plattformen boomen.

Die Verhaltensregeln, die der Autor Peter Marwitz in seinem Buch Überdruss im Überfluss aufstellt, entsprechen damit einer Haltung, die zumindest weite Teile der besser verdienenden Mittelschichten und Akademiker_innen erfasst hat. Für Marwitz ist Konsumkritik »Teil einer grundsätzlichen Systemkritik.« Das kritische Hinterfragen des eigenen Kaufverhaltens soll ein Anfang sein, sich Gedanken über das falsche Ganze zu machen.

»Verzicht ist zur Modetugend geworden«, schrieb auch der Spiegel und lieferte vergangenes Jahr mit seinem Titelthema »Konsumverzicht. Weniger haben, glücklicher leben« einen Beleg dafür. Darin begegnet uns Jonas Lage: 23 Jahre, linkes Milieu, nachdenklich, geht zweimal die Woche containern, bringt sich selbst das Nähen bei, verzichtet auf Autofahrten, Urlaubsflüge und Fleisch. Die Aktivist_innen der Konsumkritik werden nicht mehr als weltfremde Spinner, sondern als sympathische und weitblickende Zeitgenoss_innen vorgestellt. Die FAZ, früher gerne als »Stimme des Kapitals« apostrophiert, berichtet in der Rubrik »Menschen und Wirtschaft« nahezu rührselig über die sogenannte Transitionsbewegung, die sich auf ein Leben ohne Erdöl vorbereitet, Gemüse in der Innenstadt anbaut und sich in der Kochgruppe trifft. Einer davon ist Michael Schem, der mit seinem Gemüsehobel in Bielefeld Sauerkrautabende veranstaltet: »Sauerkrautherstellung verstehen wir auch als Reskilling«, sagt er im Beitrag der FAZ. »Wir eignen uns alte Techniken wieder an, die wir in einer Zeit brauchen können, in der es weniger Öl gibt.«

Jonas und Michael sind Teil eines Massenphänomens: Nach einer Umfrage des Umweltbundesamtes von 2012 gehören Umwelt- und Klimaschutz für die Deutschen zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart. Fast zwei Drittel der Bevölkerung fordern, dass die Bundesregierung mehr für den Umweltschutz tun solle. Umweltprobleme und Klimawandel sind aber nicht die einzigen Gründe, die Menschen zu Bio und Fair Trade greifen lassen. Es ist auch der Zweifel am Wachstumsparadigma, daran, dass Wachstum Arbeitsplätze schaffen, soziale Sicherung herstellen und generell für Wohlstand und Glück sorgen soll. Erste Bedenken kamen schon 1972 auf, als der Club of Rome die Studie Die Grenzen des Wachstums vorstellte. Ihr Fazit: Innerhalb der nächsten 50 bis 100 Jahre steige die Bevölkerungszahl exponentiell an, der Lebensstandard sinke und die Wirtschaft werde kollabieren. Die Prognosen waren zwar übertrieben, die Szenarien an sich regten aber einen Prozess des Nachdenkens an.

Dass mehr kaufen, mehr verkaufen, mehr arbeiten, effizienter handeln und produzieren keine Allheilmittel gegen Armut sein können, stellte gut 40 Jahre nach dem Club of Rome auch die Bundesregierung fest. Im Frühjahr 2014 erschien der 975 Seiten lange Abschlussbericht der Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Er schlug die Entwicklung eines neuen Wohlstandsindikators vor, der im Unterschied zum Bruttoinlandsprodukt auch soziale und ökologische Aspekte mit einbezieht.

Aus der Kontroverse um das grenzenlose Wachstum hat sich eine neue soziale Bewegung gebildet: Degrowth. Wie viel Zulauf die Bewegung inzwischen hat, zeigte deren Konferenz in Leipzig im Herbst 2014. Mehrere Tausend Teilnehmer_innen diskutierten ihre Kritik an einer von Gewinn getriebenen Wirtschaft, der Kommerzialisierung von vielen Lebensbereichen und der uferlosen Ausbeutung von Rohstoffen. Das Medienecho war immens. Aus den Schlagzeilen sprach die Hoffnung auf ein besseres Leben: »Gut leben« – »Für eine andere Gesellschaft« – »Die Suche nach dem Notausgang« – »Die Welt besser machen«.

Im Mittelpunkt der Bewegung steht die Kritik an einer sozialökologischen Krise, an Entfremdungserscheinungen wie Stress, erzwungener Beschleunigung, Flexibilisierung und Konkurrenzdruck. Wie dem entgegengewirkt werden kann, dazu gibt es unter den Wachstumskritiker_innen verschiedene Ansätze: Mehr Re- und Upcycling, neue demokratische Institutionen, die gemeinsam entscheiden, was gebraucht und produziert wird, progressive Arbeitszeitpolitik, Stärkung der Gemeingüter und der urbanen Landwirtschaft, solidarisches und vorsorgendes Wirtschaften. Die Handlungsvorschläge, die die Konsumkritiker_innen machen, setzen auf der individuellen Ebene an und propagieren die Macht der Konsument_innen: Durch individuellen Verzicht soll die Wirtschaft dazu bewegt werden, ihre Geschäftspraktiken und Herstellungsprozesse umzustellen. Die Grenzen dafür sind aber eng gesteckt: Wer sich nicht damit begnügen will, ausschließlich Gemüse aus dem eigenen Garten zu essen und nicht klauen möchte, muss zwangsläufig Lebensmittel kaufen. Darüber hinaus braucht jede_r Dinge, die nicht selbst herzustellen sind, und ist damit wohl oder übel Teil des kapitalistischen Systems.

Doch nicht nur die Konsument_innen meinen, am Hebel der Veränderung zu sitzen, gelegentlich gibt es Beispiele aus der Wirtschaft selbst: So berichtete die Zeit schon vor vier Jahren von einem IT-Beratungsunternehmen in Bremen, das trotz Erfolgs nicht mehr als fünf Mitarbeiter_innen einstellen will. Und der Outdoor-Ausstatter Patagonia machte sogar Negativ-Werbung für seine Jacke: »Kauf diese Jacke nicht«, stand Ende 2011 in großen Lettern auf Werbeplakaten. Patagonia legte die Umweltbilanz seiner Jacken offen und forderte seine Kund_innen auf, genau nachzudenken, ob sie diese Jacken wirklich bräuchten.

Weniger Konsum – und alles ist gut?

Solche Praktiken klingen vielleicht erstmal sinnvoll, sind aber doch nur Marketingideen im Wettbewerb um Abnehmer_innen. Wenn ein Unternehmen eine Verpackung aus Maisstärke auf den Markt bringt und von Plastiktüten abrät, dann hat das höchstens in zweiter Linie etwas mit ökologischem Bewusstsein zu tun. Zuallererst will es damit die Bedürfnisse der anspruchsvolleren Konsument_innen befriedigen und den eigenen Gewinn steigern. Abgesehen davon sind diese vermeintlich grünen Verpackungsmaterialien nicht so ökologisch, wie von der Anti-Plastik-Lobby propagiert. Wegen der neuen Mais-Monokulturen droht der Boden zu versauern, außerdem lassen sich die Tüten nicht komplett kompostieren. Die Öko-Tüte ist also auch nur ein Millionen-Geschäft.

Die Konsum- und Wachstumskritik in ihrer gängigen Form ist unrealistisch, weil »das Öko-Kamel niemals durch das Nadelöhr der Verwertung gehen wird.« Das Nadelöhr muss weichen, denn das Wachstum liegt im Kapitalismus selbst begründet. Der ist nicht an einer ökologisch und sozial verträglichen Produktion interessiert, sondern an der Steigerung von Profit und der Akkumulation von Kapital. Das Wachstumsdenken wird den Menschen damit regelrecht als natürliche Denkform aufgedrängt. Dass maßlose Individuen der Ursprung des Übels seien, ist deshalb zu kurz gegriffen. Sollte es im Kapitalismus kein Wachstum geben, sorgt der technische Fortschritt dafür, dass die Zahl der Arbeitslosen wächst und die Kaufkraft und folglich die Profite der Unternehmen sinken. Die Produktion müsste ganz eingestellt werden. Das bedeutet, dass es im Kapitalismus unter allen Umständen eine Produktionssteigerung geben muss – egal ob Natur oder Mensch dabei Schaden nehmen. Darüber hinaus zählen vor allem schnelle Profite und Produktionsprozesse. Diese ständig geforderte Beschleunigung benötigt rasante Abbauprozesse und benachteiligt die zeitintensive Regeneration von Ressourcen beziehungsweise die langwierige Suche nach kreativen Lösungen. Individuelle Kaufentscheidungen können am großen Ganzen nichts ändern. Versuche von Ökolog_innen, die Umwelt zu retten, ohne die Klassengesellschaft und damit das Konkurrenzverhältnis abzuschaffen, enden demzufolge zwangsläufig beim Zurechtstutzen der ökologischen Forderungen auf die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals.

Sollten ökologische Prinzipien das Wirtschaften bestimmen, müssten Regeln für die Produktion vorgegeben werden. Umweltpolitische Themen stehen zwar bei allen Parteien auf der Agenda und Umweltschutz ist seit 2002 sogar als Staatsziel im Grundgesetz festgeschrieben. Doch die grünen Ideale reichen nur so weit, wie sie der Wirtschaft und damit dem Standort Deutschland nicht schaden – oder noch besser: ihn sogar beflügeln.

Die Abwrackprämie ist das beste Beispiel: Für die Verschrottung eines funktionstüchtigen Gebrauchtwagens und den Kauf eines Neufahrzeugs schenkte der Staat vor sechs Jahren jedem Fahrzeughalter 2.500 Euro. Hunderttausende energieaufwendig produzierte Neuwagen wurden verkauft, nicht selten ein größeres Modell mit mehr Verbrauch. Selbst das Umweltministerium musste im Nachhinein zugeben, dass die Umweltbilanz nicht stimmte. Aber der Standort war gerettet und das Öko-Image auf den ersten Blick gestärkt. Ein ähnlicher Fall ist die Solarenergie. Jahrelang hat die Bundesrepublik deren Ausbau gefördert. Das ging ihr leicht von der Hand, denn Deutschland war lange Weltmarktführer für Photovoltaik. Durch die öffentliche Förderung bekam die Solarbranche einen zusätzlichen Schub – bis ostasiatische Länder den hiesigen Unternehmen durch billigere Produktion den Rang abliefen.

Die Probleme der Umweltverschmutzung und des Klimawandels sollen kaufend gelöst werden – mit moderneren, effizienteren Produkten. Doch die industrielle Produktion neuer Waren ist bereits mit einem hohen Energieverbrauch verbunden. Gleichzeitig liegt das Augenmerk der Wirtschaft nicht darauf, aus Liebe zur Natur nachhaltigere Produkte herzustellen, sondern den Kaufinteressen der Kundschaft gerecht zu werden und mit neuen Waren den Absatz zu steigern.

Selbstkontrolle und Selbstoptimierung

Konsumkritik richtet sich in der Masse aber nicht gegen das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Den Weg zu einer Ökonomie im Einklang mit der Natur sehen Aktivist_innen der Nachhaltigkeitsbewegung vor allem durch eine falsche Lebenspraxis der Einzelnen verstellt. Ob nun persönliche Ernährung, Kleidungskauf, Mobilität oder der Umgang mit Verpackungsmüll – die alltägliche Lebenswelt wird als Möglichkeitsraum präsentiert, in dem Veränderungen beginnen müssten. Der Lohn für dieses anstrengende Unterfangen lockt im Hier und Jetzt: Für manche steigt das Selbstbewusstsein, wenn sie sich den einen oder anderen Konsumwunsch versagen. Wieder andere sehen der Wegwerfindustrie eins ausgewischt, wenn sich Gebrauchtes erstehen lässt. Konsumkritik kann zudem das schlechte Gewissen beruhigen, falls sich dieses einstellt, wenn Medien über Umweltschmutz, Klimaerwärmung und hungernde Kinder in Afrika berichten, das gequälte Selbst aber feststellen muss, dass es ihm mit Job, Eigentumswohnung, Privatwagen, Sommer- und Winter-Urlaubsreise eigentlich gut geht. Ein weiterer Idealtypus schließlich sucht nach einem Rückgewinn an Kreativität und bestätigt sich mit der Autosuggestion einer unabhängigeren Arbeits- und Freizeitgestaltung. Ein Irrglaube, mit der sich Formen urbaner Subsistenzwirtschaft und prekäre Lebensweisen verklären lassen.

Dass Menschen das Konsumangebot und die Verschwendung von Ressourcen als Wahnsinn empfinden, macht zwar auch Hoffnung, problematisch ist allerdings der Fokus auf die individuelle Handlungsfähigkeit. Die Kritik an Wachstum und Konsum ist das Ideal einer ökolibertären Mittel- und Oberschicht. Befragte mit höherem Einkommen und Bildungsabschluss offenbaren einer Umfrage des Umweltbundesamtes zufolge ein stärkeres Umweltbewusstsein als sozial-schlechter-Gestellte. Dass dabei mitunter etwas elitäres Unverständnis für die sozial schwächere Masse mitschwingt, die sich den Gemüsekorb vom Bio-Hof eben nicht leisten kann, ist nur eine der Kehrseiten des Öko-Trends.

Politik wird heute im Einkaufskorb gemacht, ließe sich zugespitzt sagen. Das alternative Milieu flüchtet in pseudopolitische, individualistische Ersatzhandlungen, weil ihm kollektive politische Auseinandersetzungen nicht möglich scheinen. So beschreiben die Autoren Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht in ihrem soziologischen Porträt über die Generation Y eine sehr politische Generation, gerade in Fragen des Konsums, der es nur nicht um die großen Fragen geht: »Das komplette System zu ändern, der Gedanke ist uns zu mühsam.« Stattdessen sorge die Generation Y über bewusstes Konsumverhalten und die Sehnsucht nach Nachhaltigkeit »fast unbemerkt […] für einen Wandel, der unsere Welt nachhaltig verändern wird.« Oder wie es in einem thematisch ähnlich angelegten Werk von Oliver Jeges heißt: »Politik machen wir heute über die Kreditkarte.«  Dann, wenn es Spaß und persönliche Erfahrungen bringt, also Softskills für die neue Arbeitswelt herausspringen.

Diese Diagnose ist beklemmend – auch mit Blick auf einen weiteren Aspekt. Denn noch verlockender als politische Handlungsfähigkeit ist ein anderes Versprechen des konsumkritischen Bewusstseins: Wer sich an die Maßgaben der Nachhaltigkeit hält, lebt gesünder und länger, hat schönere Haut und glücklichere Kinder. Konsumkritik reproduziert auf diese Weise die Vorstellung von Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit, die sich im gesellschaftlichen Zusammenhang als überhaupt nicht freier Optimierungszwang für die Konkurrenzsubjekte erweist. Der Bio-Konsument und die Bio-Konsumentin sind die notwendige Entsprechung zur staatlichen Durchsetzung verlängerter Lebensarbeitszeit. Er und Sie sind willige Produkte desselben marktgerechten Auftrags, der zum lebenslangen Lernen, zu sportlicher Aktivität, Schönheit und Fitness ermahnt. Was wie eine persönliche Entscheidung an der Ladentheke wirkt, ist doch nur die – wenn auch unbewusste – Befolgung dessen, was von Staat, Institutionen und Verbänden öffentlich gefordert wird: Jeder muss seinen Beitrag leisten. Nimm keine Plastiktüte! Nutz Energiesparlampen! Tank E10 statt Super! Dass dadurch aber zum Beispiel auf den Feldern Sprit statt Nahrung wächst, wird erstmal ausgeblendet. Und dass diese Öko-Kampagnen eben auch der Wirtschaft dienen, wird von Konsument_innen wenig hinterfragt – und soll es auch nicht werden. Der kritische Konsument ist insofern eher ein unkritischer Experte für Kaufentscheidungen, nicht aber ein rebellischer Verweigerer. Entgegen dem Selbstbild der vermeintlich umweltbewussten Deutschen zeigt eine aktuelle Studie, dass in Deutschland mehr Hausmüll produziert wird als sonst in Europa, alles in allem sogar 136 Kilogramm mehr als im EU-Durchschnitt.

Mit der Palette an Entscheidungsoptionen steigt auch die Anforderung für die Einzelnen. Der richtige Konsum fordert ein spezifisches Wissen und Information. Welches Bio-Label ist das Beste, wo beginnt Betrug? Der permanente Druck, den die Menschen im neoliberalen Wirtschaftssystem vor allem an ihrem Arbeitsplatz empfinden und der sich unter anderem in der Zunahme psychischer Erkrankungen offenbart, setzt sich im Privaten fort. Wir sollen nicht mehr einfach einen Apfel kaufen, sondern uns vorher erkundigen, woher er stammt, ob und welches Öko-Label auf ihm prangt und in wie viele Schichten Plastik er eingewickelt ist. Auf diese Weise verplempern wir Stunden und Tage mit Produktbeschreibungen und auf Vergleichsportalen. Konsumverhalten wird damit auf eine moderne Weise zu einem Kriterium des ständigen Habitus-Abgleichs: Wer nicht bedacht konsumiert, macht sich verdächtig. Wahrscheinlich mangelt es an Bildung und politischem Bewusstsein.

Fazit: Grenzen der Konsumkritik

Wahrscheinlich ist das übertrieben. Aber in Dave Eggers aktuellem Roman Der Circle finden sich einige Parallelen: Das Buch behandelt die hippe Firma Circle, einen freundlichen Internetkonzern, der alle Kund_innen mit einer Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann – natürlich mit guten Zielen: Armbänder messen die Körperdaten der Beschäftigten, damit die Angestellten gesund bleiben, Kameras verhindern Kriminalität, Chips in Kindern sorgen dafür, dass diese nicht entführt werden. Die Romanheldin ist zu Beginn begeistert vom veganen Essen auf dem Firmengelände, den Yoga-Kursen und Freizeitangeboten. Ihr Konsumverhalten wird aber immer mehr zu einem Bereich verschärfter Selbst- und Fremdkontrolle mit einer schier erschlagenden Menge an Produktinformationen. Der Phänotyp des »kritischen Konsumenten« wird zum Produkt eines weiter entwickelten Marketings.

Vor diesem Hintergrund, dieser Dystopie eines Kontroll- und Disziplinierungswahns, macht die Einforderung eines bewussten Konsumverhaltens Angst. Denn Konsumkritik hat dabei nichts mit Rebellion gegen das Bestehende zu tun, sondern ist lediglich ein weiteres gesellschaftliches Integrationsmoment. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass bewusstes Konsumieren auf individueller Ebene sinnvoll sein kann, dass leckeres Essen, Fleisch ohne Antibiotika und schadstofffreie Kleidung zu Wohlbefinden und Gesundheit beitragen können. Die grundsätzlichen Systemimperative des warenproduzierenden Kapitalismus bleiben aber trotz geänderter Konsumgewohnheiten erhalten. Es mag partielle Verbesserungen geben, gleichzeitig verschlechtern sich aber Aspekte des Lebens, die das Modell des Menschen als unternehmerisches Selbst und Wettbewerbssubjekt betreffen. Sinnvoller wäre es in Anbetracht dessen, die eigenen Kaufentscheidungen weniger am guten Gefühl beim Erwerb eines Pullovers aus Öko-Baumwolle auszurichten, sondern mehr an den Produktionsbedingungen und den Löhnen, die die Arbeiter_innen dahinter für ihre Tätigkeit bekommen. Dann würde es zumindest eine Chance auf etwas mehr Gerechtigkeit in einem ungerechten System geben. Mit einem Steak vom glücklichen Bauernhof-Schwein gehen noch keine gesellschaftlichen Veränderungen einher.

Lydia Jakobi

Die Autorin ist Teil der Leipziger Gruppe Roter Salon im Conne Island, die sich 2014 in mehreren Veranstaltungen mit Konsumkritik auseinandergesetzt hat.

 

 

Fußnoten

  1. Der Artikel basiert auf Veranstaltungen der Leipziger Gruppe Roter Salon im vergangenen Jahr mit dem selben Titel.
  2. Peter Marwitz, Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft, Münster 2013.
  3. Markus Brauck, / Dietmar Hawranek, Konsumverzicht. Weniger haben, glücklicher leben, in: Der Spiegel, 14 (2014), 34 ff.
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2014, 13.
  5. Umweltbundesamt, Umweltbewusstsein in Deutschland 2012, 2013, http://0cn.de/pj4g.
  6. Dennis Meadows u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, München 1972.
  7. www.zeit.de/2010/39/Wirtschaftswachstum.
  8. Freundeskreis Weltcommunismus, Geht das Öko-Kamel durchs Nadelöhr?, 13.02.2007, http://0cn.de/mhpo.
  9. Umweltbundesamt, 2013.
  10. Klaus Hurrelmann / Erik Albrecht, Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert, Landsberg 2014, 119.
  11. Oliver Jeges, Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche, Berlin 2014, 129.
  12. Dave Eggers, Der Circle, Köln 2014.