What did we learn today?

Die Serie South Park gegen ihre Liebhaber verteidigt

South Park von Trey Parker und Matt Stone will sich nicht so recht in das Schema komischer Animationsserien mit sozialkritischem Impetus einfügen. Auf den ersten Blick kennzeichnet die Serie tatsächlich bloß ein infantiler Fäkal-Humor und ein bis ins Groteske getriebenes Übertreten jedweder Tabus. Doch aus der Perspektive der vier Grundschüler Stan, Kyle, Cartman und Kenny wird nicht nur die Einfalt der Erwachsenen-Welt in der US-Kleinstadt South Park bloßgestellt, sondern es werden vor allem auch gesellschaftliche Widersprüche auf durchaus subtile Weise kommentiert.

Dementsprechend adelt die »seriöse« Sekundärliteratur die Serie gar zu einem der »philosophisch bedeutsamsten« TV-Formate. Von den Simpsons und Family Guy etwa unterscheidet South Park, dass der Spott häufig radikaler ist und sich auch gegen »linke« Glaubensgrundsätze und Prominenz richtet. Viele sehen deshalb über die keineswegs schonende Darstellung Konservativer in der Serie hinweg und begreifen diese im Sinne der politischen Republicans als Bündnispartner im Kampf gegen die Zumutungen der Political Correctness.

»Why don`t you chicks go wash some dishes or get pregnant or something?« (Cartman)

Political Correctness gilt allenthalben als pejorative Formel, als Chimäre, gegen die sich mit Verve anrennen lässt. Kritik an Israel etwa oder der Ruf nach Restauration von Geschlechterrollen geht in aller Regel einher mit dem Lamento über das drückende Diktat der Political Correctness – auch dann, wenn entsprechend »Unkorrektes« an prominenter Stelle, z.B. in großen Tageszeitungen, artikuliert wird. Die Pose »man wird doch wohl noch sagen dürfen« unterstellt implizit, dass man dies eben nicht dürfe; und so immunisiert man noch jedes zähneknirschend sublimierte misogyne, fremdenfeindliche oder revisionistische Ressentiment gegen Kritik, indem man es zum genuinen Ausdruck von Meinungsfreiheit adelt. Als Streiter gegen die Political Correctness formuliert der Journalist Klaus J. Groth diese Haltung folgendermaßen: »[P. C.] ist die Herrschaft der Minderheit über die Mehrheit. Die Minderheit der Political Correctness terrorisiert mit ihrem einseitig erklärten Tugendkanon, erstickt in Deutschland die Meinungsfreiheit.« Solche Abwehrkampf-Rhetorik, durchsetzt mit Phantasien von allmächtigen »organisierten Kreisen«, folgt der Logik der Verschwörungsphantasie. In den USA bedient man sich dieser Denkfigur z.B. in der gegen die Politik Obamas gerichteten Tea-Party-Bewegung. Man glaubt dort Opfer einer linken Mediendiktatur zu sein, gleichwohl Fox News, quasi der mediale Arm der Bewegung, der mit Abstand beliebteste US-Nachrichtenkanal ist.

Verbindet man mit Political Correctness spezifisch linke Normen, die politischen Diskursen wie der Emanzipations- oder Ökologiebewegung entsprungen sind, dann kann South Park durchaus als politisch unkorrekt gelten. Denn die Serie richtet sich häufig gegen linke Gewissheiten und entlarvt sie als unreflektierte Dogmen und Tabus – so spottet man z.B. über die Selbstzufriedenheit der Fahrer von Hybrid-Autos oder zeigt wie ein dogmatischer Kampf gegen Diskriminierung widersinnige Effekte haben kann. South Park betreibt insofern Kritik durch Darstellung, als erst durch die Verletzung solcher Normen implizite Dogmen und Tabus explizit gemacht werden können. Es wäre aber falsch, im selben Zuge South Park einen konservativen Duktus zuzuschreiben. Zur Restauration von family values wider den politisch korrekten Zeitgeist taugt die Serie wahrhaftig nicht, sind doch Familie und autochthone Gemeinschaft in South Park ebenso degeneriert wie jede andere Institution. In dem Aufsatz »South Park and the Open Society« von David Valleau Curtis und Gerald J. Erion wird entsprechend die Auffassung vertreten, dass South Park stets die Position einer »Mitte« beziehe und gegen totalitäre Bedrohung von links wie von rechts verteidige. Dem widerspricht allerdings, dass in South Park der common sense der einfachen Leute keineswegs in besserem Licht erscheint, vielmehr konstituiert sich die Stadt stets als manipulierbarer Mob, dessen Borniertheit seinen dämlichsten Ausdruck im stets wiederkehrenden xenophoben Mantra »They took our jobs!« findet.

Wie in South Park Tabubruch und Kritik vermittelt sind, zeigt eindrücklich die Episode »Entity«, in der Kyle von seinem jüdischen Cousin besucht wird. Die Figur ist belegt mit antisemitischen Klischees: der Cousin ist schwach, sparsam und will Investment-Banker werden. Unter den Kindern ist Cartman die Personifikation reaktionärer und antisemitischer Ressentiments. Er ist geldgierig, manipulativ und intrigant, glaubt aber überall die Verschwörung der Juden am Werk. Als Musterfall von »pathischer Projektion« schreibt Cartman Regungen, die er sich nicht als die eigenen eingestehen will, den Juden zu. Um seinen Cousin zu schützen, verspricht Kyle Cartman vierzig Dollar, sollte er sich antisemitischer Witze enthalten. Cartman, der das Geld nicht ausschlagen kann, leidet Höllenqualen, weil er die Steilvorlagen des Cousins für seinen Spott nicht ausnutzen darf.

»Buddha, don`t do coke in front of kids!« (Jesus)

Die wohlwollende konservative Rezeption findet ihre Grenzen insbesondere am drastischen Umgang mit religiösen Befindlichkeiten. Religiöse Figuren treten in South Park als quasi-weltliche Personen mit unbedeutenden Superkräften auf. Diese Darstellung der Religion entspricht durchaus einer realen Tendenz. Während auch im Westen die Religion relevanter zu werden scheint und etwa in der Debatte um Kreationismus gesellschaftlich intervenieren kann, ist sie doch nur eine Verfallsform, die Adorno als »ungeglaubten Glauben« auf den Begriff brachte. Galt Gott einst als Vernunft, setzt die Religion sich von dieser ab und zieht sich in Nischen zurück, die von der herrschenden Rationalität unberührt bleiben sollen. In dieser Rolle verkommt sie zu Ornament und Lebensberatung. Es ist also weniger blasphemisch denn realitätsgerecht, wenn Jesus in albernen Talkshows auftritt. Gleichwohl distanziert sich South Park von positivistischer Religionskritik, wie sie im »Neuen Atheismus« z.B. von Richard Dawkins betrieben wird. Weil dessen Insistieren auf Wissenschaft gegenüber religiösem Wahn fruchtlos ist, predigt er den Atheismus nur umso verbissener und erinnert dabei an den Eifer evangelikaler Missionare.

Kritisiert wird hingegen die »Religion des Alltagslebens« – anschaulich in der Episode »Margaritaville«, die unmittelbar Kommentar zur Finanzkrise von 2008/09 sein will, also einer Situation, in der der Fetischismus der Verhältnisse im bangen Starren auf die Börsenkurse zu Tage trat. Das von der Krise gebeutelte South Park ruft folgerichtig die Ökonomie als Gottheit an. Man glaubt sie durch Konsumverzicht bändigen zu können, worauf die Stadt in vorindustrielle Verhältnisse zurückfällt. Kyle will sich damit nicht abfinden; sein Einspruch: »The economy is not a supernatural all knowing entity. It`s just an idea, made up by people. [...] The economy is not real and yet it is real.« erinnert an die marxsche Rede von der Ware als »sinnlich übersinnlichem Ding«. Marx zufolge lässt sich die kapitalistische Warenwelt nicht auf bloß technische oder physiologische Prozesse reduzieren. Sie tritt den Menschen in der Tat auch als etwas Unzugängliches, eben als Übersinnliches gegenüber. In Analogie zu Jesu irdischer Mission befreit Kyle die Bewohner_innen South Parks von all ihren Schulden, indem er diese auf seine unlimitierte American Express-Kreditkarte umbucht, so dass die Bewohner_innen wieder unbesorgt einkaufen können und sich die Ökonomie erholt. Stan, der verzweifelt einen kredit-finanzierten Margarita-Mixer zurückzugeben versucht, wird indessen Zeuge, wie man im Finanzministerium Entscheidungen trifft: Ein Huhn wird geköpft und auf ein Spielfeld mit finanzpolitischen Optionen (»Bail Out«, »Bad Bank«, »Run for the Hills«, etc.) geworfen, um, nachdem es noch ein paar Schritte umher geirrt ist, auf einem der Felder tot liegen zu bleiben.

Zuletzt hat die Kontroverse um Blasphemie in South Park einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In zwei Episoden wird der Umgang mit Abbildungen des Propheten Mohammed thematisiert. 200 Prominente, die in South Park verspottet wurden, zwingen die Stadt, ihnen Mohammed zu überstellen, da dieser der einzige Prominente sei, über den nicht gelacht werden darf. Quell dieser Eigenschaft soll ein Körperschleim sein, den man sich aneignen will. Mohammed ist Mitglied in einer Gruppe von Religionsführern – den »Super Best Friends« – und wurde in einer gleichnamigen Episode, die noch vor den Ausschreitungen um die Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten ausgestrahlt wurde, bereits unbeanstandet gezeigt. Nun aber lebt Mohammed versteckt in South Park. Er kann sich nicht mehr öffentlich zeigen, weil Gewaltausbrüche befürchtet werden, und tritt nur noch als stummer Zensurbalken in Erscheinung. Nach Ausstrahlung des ersten Teils veröffentlichten Islamisten implizite Mordaufrufe gegen Parker und Stone. Daraufhin zensierte der Sender Comedy Central ohne Zustimmung der Autoren den zweiten Teil, so dass der Name Mohammeds und ganze Dialoge mit einem Piepton überlegt wurden. Alle drei Episoden wurden seitdem nicht mehr ausgestrahlt bzw. von den offiziellen Websites entfernt. Die kalkulierte Provokation entlarvt die Willkür des religiösen Furors und ebnet wesentliche Differenzen zwischen den einzelnen Religionen nicht ein: Während Mohammed in beiden Episoden weder zu hören noch zu sehen ist, werden zugleich andere Religionen ostentativ beleidigt: Buddha kokst und Jesus konsumiert Pornos.

»A simpler coffee for a simpler America!« (Mr. Tweek)

Jenseits von konservativen Sympathien zeichnet sich insbesondere die wissenschaftliche Rezeption von South Park durch eine starke libertaristische Schlagseite aus. Libertarismus ist eine Entlehnung des englischen libertarianism, was zunächst mit dem Attribut libertär, das man gemeinhin dem sozialistisch-anarchistischen Kontext zuordnen würde, wenig gemein hat, sondern »Anarcho-Kapitalismus« meint. Die ursprüngliche Bedeutung von »anarchistisch« klingt hier höchstens noch an. Nicht nur Leser_innen von Direkte Aktion oder Graswurzelrevolution dürften über eine solche Bedeutungsverschiebung, die sich auch im deutschen Sprachraum vollzieht, empört sein. Wie kommt es dazu? Weil man sich von der Dichotomie conservative-liberal in ein ideologisches Prokrustesbett eingezwängt fühlt, und zudem in den USA der Begriff »liberal« mit staatsinterventionistischer Politik konnotiert ist, sieht man sich genötigt, begrifflich auf den Libertarismus auszuweichen, der einen »dritten Weg« propagiert. Da conservatives ökonomische Freiheit forcierten, aber gleichermaßen die gesellschaftliche einschränkten, liberals wiederum die entgegengesetzte Politik betrieben, verspricht allein der Libertarismus Heil. Stünde doch nur er für die volle Entfaltung sowohl ökonomischer als auch gesellschaftlicher Freiheit. Die Staatsskepsis, die sich auf ein für die USA konstitutives Misstrauen gegenüber (bundes-)staatlichen Institutionen stützen kann, teilt der Libertarismus mit dem Anarchismus. Als Bewegung, die neben der Libertarian Party auch entsprechende Think Tanks und einzelne Akademiker_innen umfasst, fristete der Libertarismus lange ein eher randständiges Dasein. Mit dem Aufkommen der Tea-Party-Bewegung erleben libertaristische Positionen jedoch einen regelrechten Hype. Und das, obwohl die diffuse, affektgeleitete konservative Bewegung in vielen Punkten durchaus libertaristischen Auffassungen widerspricht.

Gerade für jene, die den Teufel der vollständigen Disjunktion (rechts-links oder liberal-conservative) mit dem Beelzebub des »Libertarismus« austreiben wollen, scheint South Park ein gefundenes Fressen zu sein, werden dort doch linke und konservative Positionen gleichermaßen karikiert! Ein Paradebeispiel für eine ökonomisch-libertaristische Aneignung von South Park ist die Deutung, die der Literaturwissenschaftler Paul A. Cantor zur Episode »Gnomes« formuliert hat. Die Episode greift ein zum Klischee geronnenes Motiv auf: den Kampf eines mittelständischen Unternehmers – hier der Kaffeehaus-Besitzer Mr. Tweek – gegen einen globalen Konzern, das »Harbucks« Kaffee-Franchise, welches in South Park eine Filiale eröffnen will. Um dies zu verhindern, spielt Tweek geschickt das Sentiment der Bevölkerung aus. Er diktiert den Kindern einen Schul-Aufsatz, eine Kampfschrift gegen das »corporate America«.Medial unterstützt werden die Kinder zu Galionsfiguren einer Kampagne, die Harbucks aus der Stadt verbannen will und auf große Resonanz in South Park stößt. Eine Bande Unterwäsche raubender Gnome jedoch klärt die manipulierten Kinder über »corporate takeovers« auf. Als sie daraufhin in einer Ansprache über den Nutzen großer Konzerne referieren, denen man schließlich »cars and computers and canned soup« zu verdanken habe, kippt die Stimmung der Bevölkerung. Die schroffe Ablehnung gegenüber Harbucks vergeht, als man deren Kaffee erstmals probiert und überraschend für wesentlich besser als den von Mr. Tweek befindet. Ein salomonisches Urteil wird gefällt: Harbucks darf nun in South Park bleiben und Mr. Tweek soll die Filiale leiten.

In der Medienkampagne gegen Harbucks meint Cantor das Abbild einer realen Voreingenommenheit »der Medien« gegen den Kapitalismus zu entdecken. Ein »intellectual establishment« oder die »Hollywood elite« monopolisierten die öffentliche Meinung. So seien auch die Bewohner_innen South Parks von einer intellektuellen Elite manipuliert worden. Erst die Aufklärung der Gnome habe sie dem Einfluss solcher Agitation entzogen. Cantors These lautet, dass die Episode »Gnomes« eine ausgefeilte Verteidigung des Kapitalismus biete. Diese sei offenbar nötig, denn den Amerikaner_innen sei ein völliges Unverständnis ökonomischer Mechanismen zu diagnostizieren. Kapitalistisches Handeln werde allgemein als Diebstahl missverstanden. Cantor behauptet, die Episode würde dieses Missverständnis aufdecken und ihm libertaristische Gedanken wie jene des Ökonomen Ludwig von Mises entgegensetzen: »In a daily plebesicite [...] consumers determine who should own and run the plants, shops and farms.« Abgesehen davon, dass das Paradigma von Angebot und Nachfrage – nichts anderes meint das blumige Zitat – wohl den meisten bekannt sein dürfte, impliziert eine solche Auffassung politisch-ökonomischer Verhältnisse, in denen die Produktion ganz und gar durch Konsumtion bestimmt ist. Dabei müsste doch zumindest klar sein, dass konsumtive Bedürfnisse ihrerseits (re-)produziert sind.

Apropos (Re-)Produktion und Konsumtion: Was tun eigentlich die Gnome? Im Versteck der Gnome finden die Kinder einen riesigen Berg Unterwäsche vor. Erstaunt erkundigen sie sich nach dem Zweck des Unternehmens. Das Geschäftsmodell lautet: »Phase 1: collect underpants, Phase 2: ?, Phase 3: profit«. Die »Phase (2)« bleibt auch den Gnomen ein Rätsel. In diesem Schema erkennt Cantor nun das vorherrschende Zerrbild des Kapitalismus, in dem Profit aus dem Nichts zu entspringen scheint. Die unsichtbaren Gnome seien ferner eine Metapher der invisible hand, also jener liberalen Vorstellung des klassischen schottischen Ökonomen Adam Smith, der zufolge sich im Verfolgen der Interessen jedes isolierten Einzelnen ein Gesamtinteresse bewusstlos durchsetze. Die Gnome sollen also die durchaus konträren Funktionen erfüllen, einerseits für das Zerrbild des Kapitalismus zu stehen und andererseits eben dieses aufzulösen – denn trotz ihrer Konfusion über »Phase 2« sind die Gnome hinsichtlich »corporate takeovers« offenbar fachkundig. Wenn Cantor also über »ökonomischen Analphabetismus« der Bürger_innen im Kapitalismus klagt, so ist es widersinnig, gegen diesen das Modell der invisible hand anzuführen, bezeichnet die theologische Metapher in der liberalen Theorie doch gerade das Unbewusste ökonomischen Handelns. Für den Liberalismus zeichnet sich der Mensch seit jeher durch einen Tauschtrieb aus, und der Neandertaler dürfte auch als homo oeconomicus schon ein ökonomischer Analphabet gewesen sein. Cantors Interpretation ist also zu entgegnen, dass das Schema der Gnome durchaus nicht völligem Unverständnis entspricht, sondern die kapitalistische Alltagspraxis angemessen abbildet – mit Marx also: die Gnome »wissen es nicht, aber sie tun es«. Die rätselhafte »Phase 2« wäre dann zu lesen als Metapher des Unbewussten, eben der invisible hand. Inwieweit ein ökonomisch kundiger Bürger nun zu durchschauen vermag wie gesellschaftliche (Re-)Produktion von einer unsichtbaren Hand gesteuert wird, das anzugeben bleibt Cantor schuldig.

Cantor will zeigen, dass die Grundlage, auf der Mr. Tweek die Stadt gegen Harbucks mobilisieren kann, die verbreitete Auffassung sei, die kapitalistische Akkumulation gründe allein auf Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit. Es sei kaum zu begreifen, dass dabei niemand übervorteilt oder ausgebeutet werde. Soweit ist gegen diesen Befund nichts einzuwenden. Auch Marx merkt an, dass die (ideelle) Praxis auf dem Markt – auch auf dem »Arbeitsmarkt« – der gerechte Tausch von Äquivalenten zwischen rechtlich gleichen und freien Akteur_innen sei. Ausbeutung ist demnach also keine moralische, sondern eine funktionale Kategorie. Die Empörung über ungerechte Entlohnung impliziert den Glauben an einen gerechten Lohn, der dem Wert der Arbeit entspräche – eine Vorstellung, die Marx als ideologische Form entlarvt. Horkheimer und Adorno halten fest, dass Affekte gegen die Zirkulation nicht auf bloßer Unkenntnis gründen: »Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben. Jener ist der Gerichtsvollzieher fürs ganze System und nimmt das Odium für die andern auf sich. Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein.« Cantor weiß solchem Schein nur mit der Feststellung zu begegnen, dass der Profit des Unternehmers durch dessen Urteilskraft und Risikobereitschaft legitimiert sei. Indes, wo eine Wette gewonnen wird, wird auch eine verloren – das allgemeine Prinzip der Akkumulation, »Geld heckendes Geld«, vermag dies nicht zu erklären. Cantor betrachtet ausschließlich isolierte Handlungen Einzelner, nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen diese handeln. Seine Argumentation setzt unreflektiert voraus, dass Arbeit Lohn schafft und das Kapital als allgemeines stets Profit bzw. Zins abwirft. So kann Cantor der Ideologie einer harmonischen Gleichgewichtsökonomie, wie sie sich gegen Harbucks richtet, wenig entgegensetzen, weil er sich auf demselben, ideologischen Boden wie diese bewegt. Er erkennt zwar, wie »Gnomes« die Gegenüberstellung von gutem Mittelstand und bösartigen Konzernen dekonstruiert, aber dies lässt für ihn nur den Schluss zu, dass im Sinne letzterer Stellung bezogen werde. Die Kritik des falschen Antikapitalismus ist ihm nur denkbar als Affirmation eines angeblich »richtigen«, radikalen Kapitalismus.

Das ist nicht verwunderlich, denn der Libertarismus geht von einer rein gesellschaftlichen Sphäre aus, die unabhängig von staatlicher Autorität existieren soll – was ihn wiederum mit dem Anarchismus verbindet. Vielleicht wirkt es vor diesem Hintergrund auch nicht mehr länger paradox, dass der Begründer des Anarchokapitalismus Murray Rothbard behaupten konnte, der Kapitalismus sei der höchste Ausdruck des Anarchismus und vice versa. Der Libertarismus formuliert einer Art verquerer Basis-Überbau-Theorie, in der staatliche Institutionen von der Ökonomie abhängen. Die Abhängigkeit wird dabei jedoch als die des Parasiten von seinem Wirt verstanden. Man fällt dabei hinter den Liberalismus zurück, dem die Verschränkung von Staat und privatem Wirtschaften wohl bewusst war. Für den Anarchisten Errico Malatesta gilt hingegen, dass »Sozialismus und Anarchie dasselbe bedeuten, da ja doch die Bedeutung beider die Abschaffung der Herrschaft und der Ausbeutung der Menschen durch den Menschen ist«. Die kapitalistische Ökonomie wird demnach allein als Herrschaft von Menschen über Menschen vorgestellt – traditionell eine staatliche Domäne. Die marxsche Kritik zeigt jedoch, dass Kapitalismus gerade die Transformation der Gewaltverhältnisse von direkter in sachlich vermittelte Herrschaft bedeutet. Und so musste dem Anarchismus beschieden werden, »dass er absolut nichts von politischer Ökonomie versteht«. Uneins sind sich Libertarismus und Anarchismus zwar über die Perspektiven ihrer Antistaatlichkeit: mal soll der Kapitalismus prosperieren, mal soll er verschwinden. Womöglich ist aber der Anarchokapitalismus, der als contradictio in adiecto, als Widerspruch in sich verschrien ist, nicht der einfache Label-Betrug, für den man ihn gemeinhin hält.

»You know, I learned something today!« (Stan)

Der Liberalismus von Adam Smith war als immanente Kritik gegen herrschende Verhältnisse (den Merkantilismus) gerichtet und geprägt von der Hoffnung durch freien und gerechten Handel den kantischen »ewigen Frieden« zu realisieren. Im Libertarismus ist das Kritisch-Utopische stillgestellt und das aufklärerische Motiv, Gesellschaft in ihrer Totalität zu begreifen, zum Dogma geronnen. Die Bewegung tritt als restaurative auf, weil man der Fiktion eines ehemals idyllischen Kapitalismus in herrschaftsfreier Gesellschaft anhängt. Derart Erbauliches leistet South Park zum Glück nicht. Die darin entfaltete Kritik entzieht sich solcher Vereinnahmung schon der Form wegen. South Park ist ein radikal-kritisches Format, besonders weil keine politischen oder ideologischen Standpunkte vertreten werden. Zwar bleibt die Beziehung der Serienmacher Parker und Stone selbst zum Libertarismus mindestens ambivalent. Doch bekunden beide in vereinzelten Interviews neben ihrer Nähe zum Libertarismus, auch ihren Widerwillen, South Park an dessen politisches Programm binden zu lassen. Außerdem sollte man der hermeneutischen Einsicht folgen, dass nicht der Autor allein über die Deutungshoheit seines Werks verfügt. Insofern wäre South Park in jedem Fall gegen seine libertaristischen Liebhaber zu verteidigen. In der virtuellen US-amerikanischen Kleinstadt werden keine Meinungen produziert oder Standpunkte bezogen, von denen aus dogmatisch die Welt gedeutet werden kann, sondern es wird durch groteske Darstellung ätzende Kritik betrieben, die nicht konstruktiv sein will, sondern kaputtmacht. Die naiven Resümees der Kinder (»I learned something today«), die am Ende vieler Episoden der vorangegangenen, zumeist bluttriefenden Sinnlosigkeit einen Sinn verleihen wollen, können als Parodie auf eine falsche Versöhnung, die konstruktive Kritik verspricht, begriffen werden. Am Ende steht kein Positives – und sollte South Park »philosophisch« sein, dann vor allem, weil Destruktion die »Bestimmung des Gelehrten in dürftiger Zeit« ist.

Christian Wadephul, Magnus Kulke

Die Autoren leben in Stuttgart und haben die Veranstaltungsreihe »South Park und Philosophie« mitorganisiert.

Fußnoten

  1. Vgl. Richard Hanley, Bullshit Alarms, in: Ders. (Hrsg.), South Park and Philosophy: Bigger, Longer, and More Penetrating, Chicago 2007, xii.
  2. Vgl. Brian C. Anderson, South Park Conservatives. The Revolt against Liberal Media Bias, Washington 2005.
  3. Dt.: »Warum geht ihr Tussen nicht ein paar Teller waschen oder werdet schwanger oder sowas?«
  4. Zit. n. Katrin Auer, »Political Correctness« – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten, in: ÖZP 31 (2002), 291–303.
  5. Vgl. Smug Alert, Staffel (S) 10, Episode (E) 2; Chef Goes Nanners, S 4, E 7; The F Word, S 13, E 12.
  6. Dt.: »Familientugenden«.
  7. David Valleau Curtis/Gerald J. Erion, South Park and the Open Society. Defending Democracy through Satire, in: Robert Arp (Hrsg.), South Park and Philosophy: You Know, I Learned Something Today, Malden/Oxford/Carlton 2007, 116.
  8. Dt.: »Gesunder Menschenverstand«.
  9. Dt.: »Sie nehmen uns die Arbeit weg!«
  10. Entity, S 5, E 11.
  11. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a. M. 1988, 196.
  12. Dt.: »Buddha, lass das Koksen vor den Kindern sein!«
  13. Theodor W. Adorno, Aberglaube aus zweiter Hand, in: Ders., GS Bd. 8, 147–176.
  14. Vgl. Go God Go, S 10, E 12; Go God Go XII, S 10 E 13.
  15. Karl Marx, Das Kapital Bd. 3, in: MEW 25, 838.
  16. Margaritaville, S 13, E 3.
  17. Dt.: »Die Ökonomie ist kein allwissendes übernatürliches Wesen. Sie ist bloß eine Idee, erdacht von Menschen [...] Die Ökonomie ist nicht real, und doch ist sie real.«
  18. Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, in: MEW 23, 85.
  19. Vgl. 200, S 14, E 5; 201, S 14, E 6.
  20. Super Best Friends, S 5, E 3
  21. Dt.: »Ein schlichterer Kaffee für ein schlichteres Amerika.«
  22. Vgl. Paul A. Cantor, The Invisible Gnomes and the Invisible Hand. South Park and Libertarian Philosophy, in: Arp, South Park and Philosophy, 97–111; Richard Hanley, Die, Hippie, Die! South Park Liberals, in: Ders., South Park and Philosophy, 53–64; Matt Becker, »I Hate Hippies«. South Park and the Politics of Generation X, in: Andrew Weinstock (Hrsg.), Taking South Park seriously, New York 2008, 145–164.
  23. Murray Rothbard, For a New Liberty: The Libertarian Manifesto, New York 1973.
  24. Gnomes, S 2, E 17.
  25. Dt.: »Das Amerika der Konzerne«.
  26. Dt.: »Übernahme durch große Konzerne«.
  27. Dt.: »Autos, Computer und Dosensuppe«.
  28. Dt.: »Intellektuelle Oberschicht« bzw. »die Elite Hollywoods«.
  29. Dt.: »Konsumenten bestimmen tagtäglich durch ein Plebiszit, wer Fabriken, Geschäfte und Höfe besitzen soll.«
  30. Dt.: »Phase 1: Sammle Unterwäsche, Phase 2: ?, Phase 3: Profit.«
  31. Dt.: »Unsichtbare Hand«.
  32. Gerhard Stapelfeldt, Der Liberalismus. Die Gesellschaftstheorie von Smith, Ricardo und Marx, Freiburg 2006, 321.
  33. Marx, Kapital 1, 88.
  34. Vgl. Ebd., 177, 190.
  35. Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, 183.
  36. Marx, Kapital 3, 405.
  37. Vgl. Exclusive Interview With Murray Rothbard, in: The New Banner: A Fortnightly Libertarian Journal vom 25. Februar 1972.
  38. Errico Malatesta, Anarchie, Berlin 1975, 60
  39. Karl Marx/Friedrich Engels, Über Anarchismus, Berlin 1977, 173.
  40. Dt.: »Weißt Du, ich habe heute etwas gelernt.«
  41. Johannes Agnoli, Der Staat des Kapitals und weitere Schriften zur Kritik der Politik, Freiburg 1995, 10.