Welcher Körper überhaupt?

Ein Häufchen unvermeidlich (de-)konstruierte Leiblichkeitserfahrung

Der Körper und seine Verfasstheit sind seit Langem Streitobjekte innerhalb der feministischen und queeren Theoriebildung. Häufig wird dabei nach zwei Richtungen hin polarisiert: Entweder wird der Körper als vollständig diskursiv, durch Text und Sprache erzeugter bestimmt, oder es wird – um den Aspekten seiner Materialität gerecht zu werden – auf seine »Naturhaftigkeit« und seine »biologischen Imperative« rekurriert. Diese Polarisierung und Grundkontroverse im Sinne eines Essentialismus versus Konstruktivismus findet sich nicht nur innerhalb der feministischen Theoriebildung und der aktuellen Debatten der Genderstudies, sondern hat auch Einzug in linke Diskussionszusammenhänge gehalten.

Im folgenden Beitrag soll es darum gehen, die Kontroverse um den Körper sowie um den scheinbaren Gegensatz von (de-)konstruktivistischen und essentialistischen Ansätzen am Beispiel der Medizin und der medizinischen Praxis und ihrem Verhältnis zu den Gendertheorien zu diskutieren. Gegen Ende soll aufgezeigt werden, ob und wo sich gegebenenfalls Vermittlungspunkte finden lassen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten schien alles bedeutend einfacher gewesen zu sein: Der Körper galt lange Zeit als unhinterfragter Referenz- und sicherer Bezugspunkt für feministische AkteurInnen, auf seine »Andersartigkeit« und Eigenlogik konnte wie selbstverständlich rekurriert werden. Mit der zweiten Frauenbewegung und der Erfindung der Pille wurden Fragen rund um das Selbstbestimmungsrecht über den Körper, speziell den Frauenkörper sowie Fragen zu Sexualität und Verhütung virulent. Kritisiert wurde dabei ein patriarchal strukturiertes Medizinalsystem, das Frauen als Abweichung von der Norm des Mannes definierte und in dem vor allem männliche Gynäkologen eine Definitionsmacht und ein Zugriffsrecht auf weibliche Körper und Körperfunktionen sowie weibliche Sexualität hatten. Auf juristischem Gebiet wurde der Abtreibungsparagraph 218 kritisiert und für eine Selbstentscheidung von Frauen plädiert. Parolen wie »Mein Bauch gehört mir« oder die Losung »Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine«, stehen für diese Formen der öffentlichen Kritik. In der Praxis entstanden zahlreiche Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Frauenhäuser und feministische Frauen-Gesundheitszentren, in denen Frauen in Selbstuntersuchungskursen den eigenen Körper kennenlernen und den selbstbestimmten Umgang mit alternativen Verhütungsmethoden wie dem Diaphragma oder der Portiokappe lernen konnten. Auf die Doppelbödigkeit, die diesen Entwicklungen allerdings auch eigen war, hat Duden hingewiesen: »So ermutigend und befreiend der Aufbruch mit Spekulum und Vaginaldusche persönlich auch für die Aktivistinnen gewesen sein mag, ohne Frage stellte die Frauengesundheitsbewegung die Weichen auf dem Weg zur zukünftigen Konsumentin eines expandierenden Gesundheitsmarktes: die informierte Klientin, die zwischen den Optionen des medizinischen und des alternativen Angebots selbstbestimmt entscheidet.«

Duden zufolge kann vom Beginn der Frauenbewegung an, also von ca. 1970 bis zu den neunziger Jahren, die Genese eines »neuen« Körpers konstatiert werden. Mit dem Aufkommen der modernen Medizin und immer neuen medizinischen Erkenntnissen über den Körper und seine Funktionsweisen, zum Beispiel das Immunsystem, veränderte sich die Wahrnehmung des Selbst als körperliches, auch jenseits der hier behandelten Frage, allerdings mit handfesten Konsequenzen für diese: Wenn der aktuelle Wissensstand es nahe legt, sich selbst als komplexes »System« zu denken, das in allseitiger Abhängigkeit vernetzt und das für das optimale Funktionieren seines Immunsystems auch noch selbst verantwortlich sein soll, dann bezeichnet dies einen Umbruch im Verständnis des Körpers, dergestalt, dass eine Funktion hypostasiert und aus einer Funktion ein Subjekt gemacht wird: Der Mensch ist dann (s)ein Immunsystem und dieser Logik zufolge hätte »eine befriedende Liebesnacht oder ein Glas Zitronensaft […] tendenziell einen gleich günstigen Einfluss.«

Auf den Aspekt der »Verwaltung« des eigenen Körpers und des Verantwortlich-Seins für dessen Funktionieren sowie die Frage, wie dies eine Leiberfahrung verändert, wird später noch zurückzukommen sein.

War der Körper, und eben vor allem der Frauenkörper in seiner Verschiedenheit und Besonderheit, in den siebziger und achtziger Jahren also noch zentraler Referenzpunkt für eine linke und feministische Bewegung in Westdeutschland, so erreichten die Debatten um den Begriff gender, die in den USA bereits seit Ende der sechziger Jahre geführt wurden, erst Ende der achtziger Jahre mit fast zwanzigjähriger Verspätung auch den deutschsprachigen Raum. Die in den siebziger und achtziger Jahren noch selbstverständliche und zu diesem Zeitpunkt wohl auch tatsächlich emanzipatorisch zu nennende Trennung von sex und gender machte dabei eine Unterscheidung zwischen einem biologischen und einem sozialen Geschlecht begrifflich überhaupt erst möglich und eröffnete damit zugleich einen Rahmen, um die Frage nach der Konstruiertheit von Geschlecht – sowohl von gender, als auch von sex – erstmals aufzuwerfen. Diese Frage wurde dann zweifelsohne am deutlichsten Anfang der neunziger Jahre von Judith Butler aufgeworfen, die mit ihrem Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« die Kategorie sex radikal aus ihrer bis dahin meist unhinterfragten Situiertheit im Bereich der Biologie entriss und selbst als Konstruktion entlarvte. Sex löst sich bei Butler gleichsam in gender auf und die Trennung wird damit hinfällig. Ihre Thesen lösten vielfältigste Rezeptionen aus, begeisterte wie skeptische. Gerade die feministischen Wissenschaftlerinnen fürchteten nicht zu unrecht, mit dieser Auflösung den bis dahin als sicher geltenden Bezugspunkt »weiblicher Körper« und damit das Fundament für eine feministische Praxis, zu verlieren. Gerade vor dem Hintergrund der oben angerissenen Themen der Frauenbewegung der siebziger Jahre schien es für viele feministische AkteurInnen nach wie vor sinnvoll, auf eine Andersartigkeit von Frauen und Frauenkörpern zu beharren, um beispielsweise eine bessere und adäquatere medizinische Forschung und Versorgung für Frauen durchsetzen zu können.

Welche Schwierigkeiten die so genannte poststrukturalistische Wende innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung gerade auch für das Fachgebiet der Medizin und der Gesundheitswissenschaften mit sich brachte und bringt, möchte ich im Folgenden etwas näher erörtern. Mit der Etablierung einer sogenannten Gender-Medizin, die Geschlecht als relevante Variable in der medizinischen Forschung berücksichtigt wissen will, haben Begriffe und theoretische Ansätze aus der Frauen- und Geschlechterforschung Eingang in dieses Fachgebiet gefunden. Es stellt sich dabei die Frage, in welchem Verhältnis die in der Gender-Medizin aufgeworfenen Forschungsfragen und Ergebnisse zu den theoretischen Diskussionen innerhalb der Genderstudies stehen. Kann hier überhaupt von einer Vereinbarkeit gesprochen werden, oder hat mit dem Begriff »gender« lediglich ein Modewort Einzug in die Medizin gehalten, das dort streng genommen gar nichts zu suchen hat, da es dort nach wie vor um die Kategorie »sex« im biologischen Sinne geht?

Während in den Genderstudies die Kategorie Geschlecht grundsätzlich in Frage gestellt bzw. als eine Analysekategorie kritisch auf ihre Herstellungs- und Aufrechterhaltungsbedingungen hinterfragt wird, bilden Geschlecht und Körper feste Bezugspunkte in der Medizin sowie der Gender-Medizin. Dieser Ansatz, der sich aus der Frauengesundheitsbewegung entwickelt hat, hat zum Ziel, eine bessere und geschlechtergerechte Versorgung für Männer und Frauen in der Medizin und im Gesundheitsbereich zu erreichen, indem der jeweiligen Spezifik der Geschlechter – sowohl auf einer physiologischen als auch auf einer sozialisatorischen Ebene – gerecht zu werden versucht wird. Medikamente sollen künftig nicht nur an Männern getestet und Krankheitssymptome grundsätzlich geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt werden. Die Variable Geschlecht soll darüber hinaus in allen medizinischen Forschungsstudien Berücksichtigung finden, um eine gender-sensible Forschung zu gewährleisten. Beide Ansätze verfolgen also einen emanzipatorischen Anspruch: den der Dekonstruktion und Ideologiekritik auf der einen und den einer besseren und geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung auf der anderen Seite. Genau an diesem Punkt zeigt sich meines Erachtens ein Grundwiderspruch. Im Kern geht es nämlich um eine erkenntnislogische Frage bzw. ein gänzlich anderes Erkenntnisinteresse in beiden Disziplinen: Genau das, was die eine Theorie dekonstruieren und als Ideologie entlarven möchte – einen biologisch fundierten und in einer spezifischen und differenten Weise funktionierenden Männer- oder Frauenkörper – stellt in dem anderen Zugang das Ziel der Erkenntnis und das Forschungsobjekt dar. Kann demzufolge behauptet werden, dass in der Medizin der Anspruch verfolgt wird, etwas über den Körper und seine Funktionsweise als ein »Ding an sich« aussagen zu können? Und tritt die Medizin damit in Widerspruch zu der zumeist in den Genderstudies vertretenen Position, die mit Kant davon ausgeht, über »das Ding an sich« gar keine Aussage treffen zu können, und sich mit der »Welt der Erscheinungen« und den dort anzutreffenden »Konstruktionen« zufriedengeben zu müssen? Ich würde an dieser Stelle behaupten, dass sich die Medizin als primär »praktisches Fach« keine allzu großen Gedanken über ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen macht und diese Frage deshalb in der Medizin selbst auch so gut wie gar nicht diskutiert wird. Es handelt sich ja in der Tat um eine philosophische Frage. Aber die Medizin ist zusammen mit der Biologie der Ort, an dem eine bestimmte Form der Wissenschaft und der »Erkenntnisproduktion« vorangetrieben wird, und die gilt es, an anderer Stelle zu reflektieren und zu kritisieren. Und dabei stellt sich für die Streitobjekte »Körper« und »Geschlecht« immer wieder die Frage, ob über die ihnen zugrunde liegende Biologie und damit letztlich über ihre »Wesenheiten« wahre und objektive Erkenntnisse produziert werden können oder eben nicht. Umgekehrt heißt etwas als eine »Konstruktion« zu entlarven nicht gleichzeitig, dass diese Konstruktion nicht »real« wäre oder »nur« etwas Artifizielles darstellen würde. Im Gegenteil: »Geschlecht als Existenzweise« ist eine höchst reale und auch leibliche Daseinsform aller Menschen, die selbstverständlich auch einer naturwissenschaftlichen Erforschung zugänglich ist. Es soll an dieser Stelle also nicht etwa die Philosophie als antiaufklärerische Gegenbewegung gegen die moderne Naturwissenschaft oder die Medizin in Stellung gebracht werden. Mir ging es viel eher darum, ein – wie mir scheint – für die Geschlechterforschung immer noch hochaktuelles und ungelöstes Problem, nämlich den Umgang mit den Naturwissenschaften und der Medizin und den dort produzierten Erkenntnissen – zu diskutieren. Für den Umgang in der Praxis hat Meuser zu dem Problem der Reifizierung von Zweigeschlechtlichkeit durch eine politische Praxis wie folgt Stellung genommen: »Vermutlich kann Geschlechterpolitik (vorerst) gar nicht anders, als den politischen Aktionen und Maßnahmen ein Verständnis von Geschlecht im Sinne der üblichen bipolaren Unterscheidung zugrunde zu legen. Geschlechterpolitik muss an dem in der sozialen Welt vorherrschenden Verständnis von Geschlecht anknüpfen, um überhaupt als Politik, die für die Belange und Interessen von Frauen und Männern relevant ist, wahr- und ernst genommen zu werden. Andernfalls liefe sie Gefahr, die Erfahrungen der Gesellschaftsmitglieder zu ignorieren und zu entwerten. Geschlechterpolitik zu betreiben ohne die Existenz von Frauen und Männern vorauszusetzen, geht solange nicht, wie die Unterscheidung von Frauen und Männern ein Grundstein der Sozialstruktur der Gesellschaft und ein grundlegendes soziales Ordnungsmerkmal ist.«

Das, worauf Meuser hier hinaus will – nämlich dass Geschlecht als Existenzweise ein Ausgangspunkt für politische Handlungen sein muss – gilt meiner Ansicht nach in gleichem Maße auch für die Medizin. Die Frauengesundheitsforschung und die Gender-Medizin müssen zwangsläufig Geschlecht (wieder neu) konstruieren, um in Forschungsstudien nach Männern und Frauen unterscheiden zu können, weil sie ansonsten geschlechterblind forschen und weitere Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern unangetastet lassen würden. Eine geschlechtergerechte Versorgung im Gesundheitsbereich scheint derzeit also nur um den Preis einer erneuten Reifizierung und Hypostasierung der Zweigeschlechtlichkeit zu haben zu sein. Der Philosophie, bzw. den Genderstudies kommt damit aber die Aufgabe zu, diese Grundwidersprüchlichkeit auf einer abstrakteren Ebene zu reflektieren. Eine Haltung, die den Naturwissenschaften wie der Neurobiologie oder der Biochemie per se Ideologieproduktion vorwirft, scheint indes wenig hilfreich. Die Diskussion darum, welchen Stellenwert medizinische und naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse für eine Theoriebildung in den Genderstudies und/oder den Queerstudies haben, scheint meiner Meinung nach viel eher die Aufgabe der Genderforschung in den nächsten Jahren zu sein.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Ansätzen, die sich dem scheinbaren Widerspruch zwischen Essentialismus und Konstruktivismus bei der Bestimmung von Geschlecht angenommen haben. Da eine ausführliche Darstellung an dieser Stelle nicht vorgenommen werden kann, soll im letzten Teil auf die Benennung zentraler Grundfragen sowie erster theoretischer Vermittlungsversuche Bezug genommen werden. Ulle Jäger stellt diesbezüglich die entscheidende Frage: »Wie kann der Körper als etwas Gesellschaftliches, Soziales und nicht Natürliches begriffen werden, ohne zugleich seine Materialität und die mit dieser verknüpfte gelebte Erfahrung zu ignorieren?«. Und in ähnlicher Weise fragt auch Carmen Gransee: »Wie lässt sich das dialektische Verhältnis von Materie und ihrer diskursiven Vermittlung bestimmen, ohne vereinseitigende Bezugnahmen zur einen oder zur anderen Seite hin? Wie lassen sich Prozesse der Materialisierung von ›Natur‹ in den naturtheoretischen Konstruktionen adäquat begreifen? Welche Schlüsse sind schließlich aus den gewandelten Konstruktions- und Wahrnehmungsformen in der Medizin, in den Biowissenschaften und speziell der Molekularbiologie für die Bestimmung der Kategorie ›Geschlecht‹ zu ziehen?«

Das »Eingedenken der Natur im Subjekt«

In den Genderstudies wird also im Anschluss an die bereits angesprochene poststrukturalistische Wende derzeit um die Frage gerungen, wie viel »Körper«, bzw. wie viel »Natur« es denn nun sein darf. Dabei wird den einen gerne der Vorwurf der »Essentialisierung«, bzw. »Naturalisierung« von Geschlechterverhältnissen gemacht, während die Betroffenen die andere Seite des (linguistischen) »Idealismus« bezichtigen. Mit Blick auf die maßgeblich durch die Veröffentlichungen von Butler angestoßenen Kontroversen um den Körper und »das Materielle« erscheint es mir noch einmal wichtig zu konstatieren, dass es Butler – so jedenfalls meine Ansicht – nie um eine »Entkörperung« oder das Infragestellen jeglicher Materialität geht, auch wenn dies in der Rezeption immer wieder nahe gelegt wird. Zu diesen Vorwürfen, die in Anschluss an Gender Trouble zu vernehmen waren, hat Butler in dem Vorwort zur deutschen Ausgabe ihres zweiten Buchs von 1993 Bodies that Matter (dt. Körper von Gewicht) ausführlich Stellung genommen. Trotz des Versuchs dieser Klarstellung in Bezug auf ihr Materialitätsverständnis hält sich gegenüber Butlers Theorie nach wie vor hartnäckig die Lesart, dass es bei ihr keinen Körper mehr gebe oder der Körper bei ihr auf Text und Sprache reduziert sei. Kritisiert wird jedoch zurecht die buchstäbliche Abwesenheit des »Leibes« und seine Nichtbehandlung in der Butlerschen Theorie. Welcher Butler-Lesart und Rezeption man/frau sich letztlich auch anschließt, das Problemfeld »(Geschlecht-)Körper« und die Frage nach der Materialität wurden mit Butlers Thesen und den darauf folgenden Repliken unwiederbringlich eröffnet, und die von Gransee und Jäger in Anschluss an Butler aufgeworfenen Fragen besitzen aus diesem Grund auch eine ausgesprochene Aktualität.

Gransee plädiert in ihrer dem Anspruch nach zu leistenden Neubestimmung des Verhältnisses von Geschlechtskörper (sex) und der kulturellen Konstruiertheit des Geschlechterdualismus für den Natur-Begriff als Grenzbegriff. Die Gefahr einer erneuten Naturalisierung sieht sie hierbei nicht gegeben, da sie darauf verweist, dass in der modernen Biomedizin »Natur« ohnehin zunehmend zu etwas werde, das im Sinne einer wissenschaftlich hergestellten und damit veränderbaren Natur aufgefasst werde. Auch wenn Gransee die Mechanismen der Naturalisierung von Sozialem in den sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskursen erkennt und kritisiert, so zielt ihre Hauptkritik auf ein bestimmtes Moment der »Naturvergessenheit« in der Moderne. Die kulturelle Konstitution des Geschlechterverhältnisses bietet sich Gransee zufolge als Ausgangspunkt für eine Diskussion eines instrumentellen Umgangs mit »innerer« und »äußerer« Natur an. Das »Eingedenken der Natur im Subjekt«, das Gransee dabei in Anlehnung an Horkheimer und Adorno fordert, müsse ihrer Ansicht nach nicht zwangsläufig mit einer Ontologisierung von »Natur« zusammengehen, stelle aber ein unverzichtbares erkenntniskritisches Motiv für eine theoretische Erfassung der Aporie der Kategorie »Geschlecht« dar. Weil es sich eben auch einer Identifizierung von »Natur« verweigert, wie es gleichermaßen dem Moment der Unverfügbarkeit im Verhältnis von »Natur« und »Kultur« Respekt erweist. »Die Anerkennung, dass es etwas gibt, das sich der vollständigen Kulturalisierung, der Textualisierung, ja auch dem Begriff entzieht, nötigt zur Reflexion auf Nichtidentisches.«

 Auf das Widerständige »lebendiger Natur«, das nicht in der wissenschaftlichen Konstruktion des Lebendigen aufgeht, da es einen »irreduziblen Rest« mit einer »eigenen Materialität« besitzt, die, selbst »wenn man sie nur im Denken vorstellen kann, doch nicht durch Denken hervorgebracht ist«, gilt es sich vor einem gesellschaftskritischen Hintergrund notwendigerweise zu beziehen. Eine Kulturalisierung von Natur liefe Gefahr, Natur restlos in Kultur aufzulösen, womit Momente der Unverfügbarkeit in ihr bis zur Irrelevanz verschwinden würden.

Maihofer und Gransee weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Infragestellung des geschlechtlichen Körpers und der Natur interessanterweise genau in dem Moment eingesetzt habe, in dem gesellschaftlich, bzw. biotechnologisch die Möglichkeiten artifizieller Reproduktion zumindest denkbar geworden waren und in der Technoscience Natur mehr und mehr zu etwas Artefaktischem wurde. Auch Duden weist in einer etwas anderen Schwerpunktsetzung darauf hin, dass der Streit um das Für und Wider eines prädiskursiv gegebenen biologischen Geschlechtskörpers interessanterweise im gleichen Jahrzehnt entbrannte, in dem Frauen und Männer lernten, sich als »System« zu fühlen: »Dieser Streit entsprach genau den entkörperten Begrifflichkeiten, die zu Selbstverständlichkeiten geworden waren. (...) „Körper" war zu einem leeren Wort geworden und wurde doch noch gebraucht, um dem Gefühl der beliebigen Machbarkeit Gewicht zu geben.« Mit einer solchen Fokussierung liefe man aber nach Duden Gefahr, nach dem »Tod der Natur« in den Neunzigern nun ihre Konstruiertheit zu »naturalisieren«.

Konstruiert und materiell vorhanden

Jägers Anspruch folgt einer Vermittlung zwischen konstruktivistischen und essentialistischen Theorien über den Körper. Mit der Differenzierung zwischen Körper und Leib sieht Jäger eine Möglichkeit gegeben, den Körper sowohl in seiner Materialität als auch in seiner diskursiven Bestimmtheit sozialwissenschaftlich beschreibbar zu machen. In der Differenzierung zwischen Körper und Leib sowie dem Konzept der Verschränkung in Form des »körperlichen Leibs« sieht sie den Schlüssel für eine verallgemeinerbare Umgangsweise mit dem Gegenstand »Körper«, der diesen einerseits präzisiert, der aber auch dem Anspruch gerecht wird, diesen Körper als gleichzeitig sozial konstruiert und dennoch materiell gegeben zu begreifen. Materialität wird in dieser Konzeption nicht als eine unveränderliche, vorgängige Materialität verstanden, sondern als eine, die sich auf der Ebene des Leibes in der Erfahrung des Selbst realisiert und bemerkbar macht. Das, was ich von mir selbst spüre, was sich mir als Hier und Jetzt aufdrängt, ist materiell und zugleich Ergebnis eines sozial geprägten Prozesses der Materialisierung (wie bei Butler). Damit nimmt Jäger angelehnt an Plessner und dessen zentrische Position eine Aufwertung der leiblichen Verfasstheit des Menschen vor, die den körperlichen Leib weiter fasst, als nur als Ergebnis von Diskursen und Disziplinartechniken. Mit Plessner begreift sie den Menschen als »natürlicherweise künstlich«, weil seine Leiblichkeit ihn an die zentrische Position bindet, er aber zugleich exzentrisch qua Reflexionsfähigkeit von seinem Umweltbezug distanziert ist.

Den weitestgehenden Vorschlag hinsichtlich eines Umgangs mit dem »Körper« und hiermit verbundenen Leiblichkeits- und Konstruktionsproblemen unterbreitet meiner Ansicht nach Duden, indem sie für eine »nicht nur begriffliche, sondern begreifende Distanz zum postmodernen ›Körper‹« plädiert. Letztlich möchte sie auch auf den »Körper« als Begriff und Kategorie der Untersuchung am liebsten ganz verzichten. Der Begriff »Körper« ist ihrer Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß, weil er eine zeitlich begrenzte Epoche in der Medizin- und Sozialgeschichte beschreibt, die im späten 18. Jahrhundert begann und im Laufe der dritten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Ende gekommen sei. Erweiterungen oder Ergänzungen im Sinne Jägers oder Lindemanns, die versuchen, mit dem Leib-Begriff oder dem »Körperschema« eine begriffliche Erweiterung vorzunehmen, lehnt Duden mit dem Hinweis ab, dass sich mit diesen a-perspektivischen Begriffen und erlebnisunfähigen Kategorien keine Reste von »Lebendigkeit« zurückholen ließen, »wenn das Gespür für den Unterschied nicht mehr ›gewusst‹ wird?«

Ob jedoch mit der von ihr stattdessen vorgeschlagenen Referenz auf den »somatischen Referenten« der ersten Person Singular, bzw. die »reflexive« und auf sich verweisende somatische »deixis« deutlich mehr gewonnen ist und damit die von ihr geforderte »Lebendigkeit« in die Auseinandersetzung mit dem Körper zurückgeholt werden kann, bleibt meiner Ansicht nach fraglich. Und es bleibt auch offen, wieso sie nicht, ähnlich wie Jäger es vorschlägt, statt allein auf den Körper zu rekurrieren, eine Stärkung des Leib-Begriffes vornimmt, um mit ihm dieses Stück »Lebendigkeit« oder »Sinnlichkeit« in die Debatte zurückzuholen. Ich denke, dass das, was Jäger in Anschluss an Plessner mit der Verschränkungsthese und der begrifflichen Definition als »körperlicher Leib« vorschlägt, der Idee nach gut mit Dudens Forderung vereinbar wäre, zu den »Resten somatischen Erlebens« zurückzukehren und nach den »epochenspezifischen modi der sinnlichen Wahrnehmung« zu suchen. Mit Plessners Stufenmodell der exzentrischen Positionalität würde sich eine Möglichkeit bieten, das von Duden beschriebene menschliche Spannungsverhältnis von »Leib-sein« auf der einen Seite (zentrische Position) und gleichzeitig »Körper-haben«, bzw. »Wissensobjekt-sein« (exzentrische Position) in einer spezifischen Zeitepoche zu erfassen. Denn wie Jäger hervorhebt, weiß das Selbst, das immer in beiden Positionen gleichzeitig situiert ist, »dass es einen Körper hat. Diesen begreift es gemäß dem jeweiligen historischen Wissen über den Körper. Die Leibempfindung folgt diesem Wissen, und das leibliche Selbst erfährt sich gemäß dem Körper, den es hat.« Auch wenn Duden vehement dafür plädiert, sich bestimmte Diskurse und Logiken der Medizin »vom Leib zu halten«, liegt meiner Ansicht nach heutzutage genau die Spezifik darin, sich diese Logiken und Diskurse eben nicht vom »Leib« und erst recht nicht vom »Körper« halten zu können. Um es noch einmal mit Jäger zu sagen: »Da der Leib mit dem Körper verschränkt ist, wird der objektivierte Körper zu einem normativen Code für die Erfahrung des Leibes. Dieser wird in Form des objektivierten Körpers erfahren, d.h. die Gestalt des Körpers, den das Selbst hat, wird erfahren als der Leib, der das Selbst ist.«

Vor diesem Hintergrund ließe sich fragen, ob Techniken und Wissensformen wie die genetische Beratung, die Pränataldiagnostik oder auch die kürzlich eingeführte (zwar immer noch umstrittene aber dennoch breit empfohlene) Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs für Frauen nicht inzwischen zu normativen Codes für eine spezifische Leibeserfahrung in Form eines objektivierenden und instrumentellen Körpererlebens geworden sind, die schon längst inkorporiert worden sind und von denen sich vollends zu distanzieren entsprechend schwierig sein dürfte.

~Von Merve Winter.

Fußnoten

  1. Barbara Duden, Frauen-»Körper«: Erfahrung und Diskurs (1970–2004), in: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden, 2008, 594.
  2. Ebd. 598.
  3. Siehe hierzu: Christina von Braun/ Inge Stephan (Hrsg.), Gender-Studien. Eine Einführung, Stuttgart/Weimar, 2000.
  4. Die erste deutsche Ausgabe erschien ein Jahr nach der Veröffentlichung der Originalausgabe Gender Trouble, siehe: Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M. 1991.
  5. Andrea Maihofer, Geschlecht als Existenzweise, Frankfurt a. M. 1995.
  6. Michael Meuser, Gender Mainstreaming: Festschreibung oder Auflösung der Geschlechterdifferenz? Zum Verhältnis von Geschlechterforschung und Geschlechterpolitik, in: Ders./ Claudia Neusüß (Hrsg.), Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente. Bonn. 333.
  7. Ulle Jäger, Der Körper, der Leib und die Soziologie. Entwurf einer Theorie der Inkorporierung. Königstein, 2004, 37.
  8. Carmen Gransee, Grenz-Bestimmungen. Zum Problem identitätslogischer Konstruktionen von »Natur« und »Geschlecht«, Tübingen,1999, 201.
  9. Gransee, 205.
  10. Gudrun-Axeli Knapp, Politik der Unterscheidung, in: Institut für Sozialforschung Frankfurt (Hrsg.) Geschlechterverhältnisse und Politik, Frankfurt a. M. 1994, 277.
  11. Gransee, 40.
  12. Maihofer, 13, Gransee, 201.
  13. Duden, 601.
  14. Ebd., 602.
  15. Jäger, 47.
  16. Ebd., 210.
  17. Duden, 604.
  18. Ebd.
  19. Duden, 604.
  20. Jäger, 154.
  21. Ebd., 146.