Was noch? Kommunismus natürlich… und ein eigenes Haus

Interview mit der Redaktion der neuen Zeitschrift »outside the box«

Im Dezember 2009 erschien die erste Ausgabe der in Leipzig und Berlin herausgegebenen Zeitschrift »outside the box«. Im Editorial heißt es, der Name diene als Metapher für den Versuch »gängige und als unverrückbar geltende Denkweisen zu kritisieren, zu durchleuchten und ihren Status der Unveränderbarkeit zurückzuweisen.« Um genauer zu erfahren, was die »Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik« sich darunter vorstellt, haben wir die Redaktion um ein Interview gebeten.

 

Phase 2 Zu Beginn wäre es schön, wenn ihr euer Projekt vorstellen könntet. Wer seid ihr, was genau ist outside the box und warum stellt ihr das alles auf die Beine?

Nancy outside the box ist eine Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik. Sie will sich weder in den Tenor des gesellschaftlich etablierten Feminismus einreihen, noch Gesellschaftskritik ohne feministische Perspektive üben. Um diesen Anspruch näher zu kommen, haben wir uns entschlossen, eine Zeitschrift zu machen. Denn die Verknüpfung von Gesellschaftskritik und Feminismus ist notwendig, muss debattiert werden und kommt nicht aus dem Nichts. Ebenso wollen wir ein Medium haben, das auch die feministischen Diskussionen weitertreibt und dafür eine Plattform bietet. Die Idee zur Zeitschrift kam uns vor mehr als einem Jahr. Seitdem hat sich die Redaktionsgruppe vergrößert und teilt sich zwischen Berlin und Leipzig auf. 

Phase 2 Ihr habt euch entschieden, eine neue Zeitschrift zu gründen. Welche Lücken seht ihr bei bestehenden linken bzw. feministischen Publikationen? Habt ihr auch darüber nachgedacht, in bestehende Zeitungsprojekte einzusteigen, um eure Inhalte dort zu stärken?

Nina Aus unserer Wahrnehmung wird Feminismus häufig als »Frauenthema« behandelt. Dessen Relevanz als Querschnitt für alle gesellschaftlichen Bereiche ist dabei nicht einmal hinreichend anerkannt. Oder Feminismus, wie er ebenfalls aktuell zu erleben ist, meint ohne radikale Gesellschaftskritik auszukommen. Somit ist beispielsweise auch der Mainstream-Feminismus Teil der zu kritisierenden Gesellschaft. Wir wollen erstens eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Feminismus vorantreiben und dabei zweitens linke Themen in den Fokus nehmen – Feminismus also nicht als Nischenthema behandeln. Denn gerade in gesellschaftskritischen oder auch kapitalismuskritischen Diskussionen wird diese Perspektive nicht als notwendig dazugehörend betrachtet. Die bisher existierenden linken Publikationen haben dann vielleicht eine Rubrik »Gender«, vernachlässigen aber die feministische Dimension ihrer anderen Themen. Nico: Gegenüber dem »Einsteigen« in bereits bestehende Projekte gibt uns die Arbeit in der eigenen Redaktion die Möglichkeit, grundsätzlich bei allen Beiträgen das zu verlangen, was Nina gerade dargestellt hat: Feminismus und Gesellschaftskritik zusammen zu denken. Außerdem können wir so auch über einen längeren Zeitraum kontinuierlich an gesellschaftskritischen Themen zusammenarbeiten, was sich schließlich auch im Gruppenkonsens und in der Gruppenorganisation niederschlägt. Die Themen der Ausgaben stellen für uns im Idealfall also auch immer das Ergebnis der jeweils aktuellen Diskussion in der Redaktion dar.

Phase 2 Ihr schreibt, dass die Zeitschrift »aus der Beobachtung heraus entstanden ist, dass feministische Theorie und Praxis nicht genügend in Debatten einer emanzipatorischen Linken einfließen.« Welche Debatten bzw. Standpunkte vermisst ihr denn?

Nancy Es gibt zahllose dieser Debatten oder Strömungen, die auf dem »feministischen Auge« blind sind. Um ein paar Beispiele zu nennen: Fangen wir an bei antifaschistischen Männergruppen, die sich weiterhin oft als linke Schlägertrupps formieren und wo ähnliche Werte zählen wie bei linken Fußball-Ultras. Weiter geht`s mit sich selbst als links definierenden Menschen, die sich aber keine Gedanken machen über ihr Redeverhalten, ihr (Liebes-)Beziehungsverhalten, ihre Homophobie etc.. Und dann sind wir bei linken Theoriediskussionen, in denen die Frage der Gender-Diskriminierung weiterhin als Nebenwiderspruch behandelt wird, der erstens in der westlichen, bürgerlichen Gesellschaft nicht akut sei und zweitens sich auflösen wird, wenn die Gesellschaft emanzipiert ist. Hier fehlt es überall an Bewusstsein für feministische Anliegen. Es muss sich noch immer empört werden über gesellschaftliche, sexistische Verhältnisse hierzulande, aber natürlich auch außerhalb des engen deutschen Kontextes. Das fehlt zwar ein wenig in unserer ersten Ausgabe, wird aber mehr thematisiert werden. So soll etwa der Feminismus auch gegen kulturrelativistische Positionen verteidigt werden, die manchmal so weit gehen zu behaupten, Gewalt an Frauen (bspw. Witwenverbrennung in Indien) sei legitim, wenn die jeweilige Kultur es so handhabt, da die Frauen es dann auch so wollen würden. Aber auch unreflektierte universalistische Positionen müssen kritisiert werden, die noch immer vergessen, wen sie eigentlich zum Subjekt und wen zum Objekt ihrer Belange machen – also häufig »übersehen«, dass hier schon wieder über spezifisch weibliche Erfahrungswelten hinweggegangen wird. »Spezifisch weiblich« meine ich nicht differenzfeministisch. Universalistische Positionen reflektieren oft nicht, dass ihre Kategorien nicht geschlechtsneutral sind. Das führt dann dazu, dass das, was gesellschaftlich als das »männliche« gilt, zum Allgemeinen gemacht wird und der gesellschaftlich konstituierte Gegenpart des »weiblichen« übergangen wird. Konkret fällt in Leipzig, das ja häufig noch als »antideutsche Hochburg« bezeichnet wird, auf, dass sich bei Diskussionsveranstaltungen, die feministische Themen betreffen, kaum Männer sehen lassen, bei anderen »harten« Themen (also Marxismus u.ä.) jedoch manchmal nicht eine Frau spricht. Das sind schlimmere Verhältnisse als im Universitätsbetrieb! Nina: Mich erinnern einige Darstellungen oft an den berühmten Nebenwiderspruch. Sarah Schulz hat dies in ihrem »Beitrag zur Aktualität feministischer Forderungen« in der Phase 30/2008 dargelegt. Sie wendet sich vor allem gegen die Behauptung, dass Geschlecht eine identitätsstiftende Kategorie sei, die dem im Kapitalismus umherirrenden Subjekt Halt gebe. Denn in dieser Argumentation wird völlig verkannt, dass erstens die Geschlechterdichotomie ein Herrschaftsverhältnis ist, das beide Geschlechter einzwängt. Hierbei wird der weibliche Pol strukturell und gewaltvoll unterdrückt. Zweitens hängt Kapitalismus in puncto Produktion und Reproduktion mit Geschlecht zusammen – diese Erkenntnis sollte eigentlich schon längst Standard sein. Drittens gehören Nation(alismus) und Geschlecht zusammen. Ich erinnere nur an Analysen von Soldatenbildern in Klaus Theweleits Männerphantasien. Und viertens wird auch in der konkreten Diskussion um eine antinationale oder antideutsche Position vernachlässigt, dass der spezifisch deutsche Nationalismus ein sexistisch-völkischer ist. Dieser Aspekt kam leider in den Debatten zur »Still not loving Germany«-Kampagne 2009 kaum vor. Momentan ist in Deutschland der Versuch erkennbar, einen – sagen wir – offiziellen Nationalismus zu etablieren, der eher an die staatsbürgerliche Dimension erinnert. Hierbei scheint aber stets in puncto Geschlecht die völkische Dimension durch – ich erinnere in dem Zusammenhang an den Demographiediskurs um aussterbende Deutsche. Eine Kritik also, die die Geschlechterperspektive nicht beinhaltet, bleibt noch weniger vollständig als sie ohnehin schon ist.

Phase 2 Verortet ihr euer Projekt eher als feministische Einmischung in linke bzw. antideutsche Diskussionen oder wollt ihr eine linke bzw. antideutsche Stimme in feministischen Kreisen hörbar machen?

Nina Wir wollen natürlich beides! Eine Gesellschaftskritik, die emanzipatorisch sein will, muss die feministische Dimension mitdenken, sonst vernachlässigt und verkennt sie gesellschaftliche Verhältnisse, die u.a. auch kapitalistische Herrschaftsstrukturen etablieren. Ganz klar ist es dabei notwendig den Begriff »Feminismus« auszudifferenzieren. Feminismus ist nicht automatisch links. Schließlich gibt es sogar Nazis wie z.B. die Gruppe Jeanne D., die sich feministisch nennen. Es muss analysiert und kritisiert werden, wo Feminismus regressiv wird, d.h. nicht die Auflösung von bestehenden Herrschaftsverhältnissen meint, sondern sich mit rassistischen und antisemitischen Ressentiments verbindet. Feminismus in linker Kritik aufgehen zu lassen, stellt jedoch nicht nur eine ideelle Herausforderung dar, sondern ist vor allem auch eine methodische. Auf der feministischen Seite gibt es für uns noch große Lücken, die ausgefüllt werden müssen. Die Idee und Umsetzung des Gender-Mainstreaming als personale Gleichstellung von Männern und Frauen in Institutionen und Organisationen macht dies deutlich. Hier lässt sich erkennen, wie feministische Positionen für den Kapitalismus logisch nutzbar gemacht werden. Schließlich ist es alles andere als rational, weite Teile des potenziellen Humankapitals vom Produktionsprozess auszuschließen.

Phase 2 In eurer ersten Ausgabe habt ihr einige klassische Themenfelder linker Theorie angerissen. Relativ präsent sind eher materialistische Kritiken. War das eine bewusste Entscheidung und wollt ihr diese Themenfelder um einen feministischen Standpunkt bereichern? Gibt es dabei eine bewusste Abgrenzung zu poststrukturalistischen feministischen Ansätzen?

Nina: In der Redaktion selbst diskutieren wir, wie feministische Theorien weiter entwickelt werden können. Meiner Meinung nach benötigt es eine Debatte um die Möglichkeit einer Verknüpfung von materialistischer und poststrukturalistischer Kritik. An einer materialistischen Kritik ist gutzuheißen, dass dieser Ansatz bereits in der Vergangenheit eng mit einer kapitalismuskritischen Position verbunden war und ist und dabei das Thema menschlicher Emanzipation in den Mittelpunkt stellt – was ja genuin sehr zum Anspruch der outside the box passt. Dabei hat sie das strukturelle Gewaltverhältnis der Geschlechterdichotomie im Blick. Die poststrukturalistische Kritik, gerade am klassischen Feminismus, kann aber nicht vernachlässigt werden. Für eine emanzipatorische Kritik, die ihren Standpunkt reflektiert, ist es unabdingbar, beispielsweise zu verdeutlichen, dass ihre Sprechposition eine weiße und bürgerliche ist.

Nico Ja, poststrukturalistische Perspektiven gehen an diesem Punkt in der Tat etwas weiter, indem sie die Legitimation der Zweigeschlechtlichkeit bzw. der Heteronormativität oder das Patriarchat grundlegend in Frage stellen. Ein Freiheitsbegriff, der die Einzelnen doch wieder im vordefinierten Geschlechterkorsett belässt, ist aus dieser Perspektive unbefriedigend. Das heißt, dass bereits die Erziehung zu Frau oder Mann einen Gewaltakt darstellt. Aus der Annahme der Existenz von mehr bzw. weniger sozialen Geschlechtern als dem weiblichen und männlichen ergibt sich vielmehr die Möglichkeit, die Herrschaftsstrukturen aufzubrechen, auf denen patriarchale Natürlichkeit aufbaut. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Läuferin Caster Semanya, die sich permanenten Untersuchungen ausgesetzt sieht, in denen sie immer wieder »beweisen« soll, eine Frau oder eben ein Mann zu sein. Etwas dazwischen oder jenseits davon ist jedoch kaum denkbar. Vor allem ist es nicht von den gängigen Methoden der Statistik oder anderen gesellschaftlichen Institutionen zu fassen. Stellen wir uns beispielsweise zusätzlich zu bestehenden olympischen Disziplinen einen 300m-Lauf der – was? Freaks? – vor. Oder bei Umfragen und Formularen nicht nur ein kleines w und m für weiblich und männlich, sondern zusätzlich ein kleines s für sonstige. Auf diese Weise durchzieht nicht nur das biologische Geschlecht, sondern die ständige Reproduktion seiner sozialen Bedeutung (Gender) unser Alltagsdenken und die Verwaltung von Gesellschaften. Die spannende Frage ist nun, welchen Beitrag poststrukturalistische Ansätze zu einer umfassenden Ökonomiekritik leisten können. Denn die Produktion von Geschlechternormalität hat natürlich einen materiellen Aspekt und ist kurz- und mittelfristig sehr relevant für die Organisation von Gesellschaften im Kapitalismus.

Nancy Da gibt es in der Redaktion unterschiedliche Meinungen. Meiner Ansicht nach ist dem Poststrukturalismus ein Optimismus abzugewinnen, der einen Teil der Utopie, in den die materialistische Kritik die befreite Gesellschaft drängt, hier und heute verwirklichen will. So hat die Queer Theory mit die Grundlage dafür geliefert, dass Menschen ihr Leben ansatzweise so wie in Shortbus leben können und so ihre Gender- und Sex-Identity mehr ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechend leben können. Dennoch sehe ich es nicht einfach so, dass man beide Theorien nur erfolgreich verknüpfen muss. Im dialektischen Materialismus gibt es einen Anspruch von Wahrheit, der in der poststrukturalistischen Theorie dezidiert abgelehnt wird. Ich halte jedoch an dieser Wahrheit, etwa an der kommunistischen Utopie der Assoziation freier Individuen, fest. Sie ist für mich Grundlage jeder Kritik, die Realität muss an der Möglichkeit gemessen und kritisiert werden, wo Begriffe und Verhältnisse uns den Weg zum Glück verschleiern und versperren. Und es gibt auch Ansätze einer feministischen kritischen Theorie, etwa bei Walter Benjamin, aber auch bei Theodor W. Adorno und erst recht bei der »neuen kritischen Theorie« wie bei Joachim Bruhn und Stephan Grigat. Bei den Letztgenannten werden die Ansätze jedoch in eine Fußnote zu Wertkritik und Rassismus verbannt mit dem Hinweis, dass hier über das sexistische Verhältnis weiter nachgedacht werden müsse. Roswitha Scholz versucht es, aber schafft es nicht viel weiter, als von der Reproduktion als »Schattenseite« des Werts zu sprechen. Ich denke schon, dass unser Heft einen Beitrag dazu leisten kann, darüber weiter nachzudenken und den Zusammenhang von Wertform und Sexismus, von Aufklärung und Geschlechterverhältnis weiter zu untersuchen.

Nina Ich würde jedoch nicht sagen, dass wir uns per se von poststrukturalistischer Theoriebildung abwenden. Im Gegenteil. Natürlich heißt das aber auch nicht, dass wir deshalb undiskutiert alle Theorien, Strategieentwürfe, etc. übernehmen. Aber das können und wollen wir wohl genauso wenig über »die« materialistischen Ansätze sagen. Da es also weder das Ziel ist, eklektizistisch vorzugehen, noch ein Theorie-Bashing zu betreiben, ist es sinnvoll, die Reichweiten und Grenzen der Theorien im Blick zu haben. Die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Redaktion helfen uns, ermutigen uns, auch in der Kontroverse konsequent an feministischer Gesellschaftskritik weiterzuarbeiten.

Phase 2 Warum ist gerade »Emanzipation« der Schwerpunkt eurer ersten Ausgabe und somit auch Ausgangspunkt eurer Auseinandersetzungen? Fehlt euch eine Debatte um diesen Begriff, bzw. seht ihr die Notwendigkeit, den Emanzipationsbegriff in Bezug auf das Geschlechterverhältnis zu zu bestimmen?

Nina Wir haben uns dafür entschieden, weil wir bei internen Diskussionen gemerkt haben, dass wir den Begriff »Emanzipation« auf unterschiedliche Weise verwenden und er auch in verschiedenen politischen Strömungen unterschiedlich vorkommt. Er ist einerseits klassisch mit der Frauenbewegung verknüpft und impliziert in einem alltäglichen Sprachgebrauch eher Gleichberechtigung. Auch »Emanze« taucht ja in diesem Zusammenhang – sogar pejorativ besetzt – auf. Andererseits wird der Begriff in der marxistischen Theorie weiter gefasst und auf alle Menschen angewendet. Hier wäre die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Erweiterung des Begriffs im Marxismus und seiner Reduzierung im Zusammenhang mit der Frauenbewegung. Die Frage, die sich für ein linkes und feministisches Zeitschriftenprojekt hier also stellt, ist, ob der Begriff der »Emanzipation« in verschiedenen – sich teilweise überschneidenden – politischen Strömungen dasselbe meint, oder ob es nur dasselbe Wort ist, aber mit einem anderen Inhalt gefüllt. Die Debatte um diesen Begriff erscheint uns zentral und ist somit das Schwerpunktthema für die erste Ausgabe geworden – und sozusagen die Grundlage für unsere weitere Arbeit.

Nancy Worauf sollte Gesellschaftskritik hinauslaufen? Auf die Emanzipation des Menschen und der Menschheit aus den Gewaltverhältnissen der heutigen Gesellschaft. Diese ist doppelt zu kritisieren: Sie ist (z.B. in ihrem liberal-bürgerlichen Verständnis des Subjekts) hochzuhalten gegen regressive Tendenzen. Aber eben diese bürgerliche Gesellschaft konnte auch im Nationalsozialismus und Faschismus zur Volksgemeinschaft werden. Sie weist nicht die notwendigen Formen auf, die sich dem widersetzen. Emanzipation wird heute allerdings, wie Nina schon meinte, vor allem als die der Frau verstanden, wobei es immer eine Minderheit oder Gruppe gab, die sich politisch noch emanzipieren, also dieselben Rechte wie die Mehrheit oder andere Gruppen genießen wollte. Dies darf nicht sofort als unzulänglich kritisiert werden – die politische Emanzipation der Frau (oder anderer unterdrückter Gender) ist noch längst nicht erreicht. Aber beides – politische und menschliche Emanzipation – als grundlegendes Thema der Gesellschaftskritik, erst recht einer feministischen, zu denken und zu besprechen, das war unser Anliegen mit der ersten Ausgabe.

Phase 2 Worin seht ihr Probleme mit dem derzeitigen Feminismus und welche Praxisansätze jenseits von Gender-Mainstreamingprogrammen und dem popfeministischen Ansatz eines Missy-Magazine gibt es für euch?

Nina Wir haben schon öfter erwähnt, dass Feminismus insbesondere in linken Zusammenhängen als Spartenthema behandelt wird. Das bringt uns zum Stichwort Praxis – denn der, verständlicherweise ja auch benötigte, exklusive Schutzraum führt auch dazu, dass viele Debatten im eigenen Kämmerlein ausgetragen werden. Das bringt mit sich, dass Theoriebildung und Argumente außerhalb des Schutzraumes eher oberflächlich diskutiert oder gleich nur mitgedacht werden. Denn man geht davon aus, sich prinzipiell eigentlich einig zu sein. Uns erscheinen feministische Allgemeinstatemens oft als oberflächliches Etikett, ohne beispielsweise konkret geklärt zu haben, wie Queer, Feminismus und Antisexismus zusammenhängen. Daraus ergibt sich auch, dass Forderungen nach feministischer Politik z.B. in Bündnissen weniger stark vertreten werden. Hier gilt es bei aktuellen politischen Ereignissen und Diskussionen eine feministische Perspektive vehement einzufordern und sich nicht zu verstecken oder mit Minimalzielen zufrieden zu geben. Dann müssen Tendenzen, wieder hinter bisher erkämpfte Standards zurückzufallen, stärker kritisiert werden – auch öffentlich.

Nico Ein Beispiel ist der Versuch der Leipziger »Gruppe in Gründung«, das als »männlich« dominant empfundene Diskussionsklima bei Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen zu problematisieren. Recht schnell konnten sich bei einem Treffen die vertretenen Gruppen darauf einigen, dass sie sich der Problemlage bewusst sind, dass sie die Initiative ideell unterstützen – dass bereits auch Instrumente ausprobiert wurden, um diesen Zustand zu ändern. Selbst, dass bisher angewandte Standards nicht ausreichen, wurde als Konsens aufgenommen. Im Folgenden wurden Erklärungsansätze für diesen Mangel entworfen, sogar Ziele und konkrete Gegenstrategien diskutiert. Neben der rigideren Durchsetzung unterschiedlicher Quoten für die Moderation wäre u.a. ein realistisches Instrument, aktiv den schrittweisen Aufbau eines geschlechtersensibleren Referentinnen-Pools voranzutreiben. Ich denke da an eine vergleichbare Praxis, wie sie sogenannte wissenschaftliche Frauen-Netzwerke betreiben. Die Podien, die hier in Leipzig geboten werden, gehören im erweiterten Sinne zum Wissenschaftsbetrieb. Das Thema Geschlecht und Wissenschaft ist in diesem Zusammenhang sowohl aktuell als auch dringend. Warum sollte hierbei eine linke Szene, warum sollte Leipzig davon ausgeschlossen sein? Mittel- und langfristig ist auch auf den Podien Parität denkbar, die sich hoffentlich auch auf das Gesamtklima positiv auswirkt. Das geht nicht von heute auf morgen; es bedeutet mit Sicherheit einen Mehraufwand und würde des Öfteren wohl auch bedeuten, auf name dropping zu verzichten. Aber letztendlich wollte sich kaum eine Gruppe weiter »verpflichten«, in den meisten Fällen unter der Berufung auf mangelnde »Praktikabilität«. Kurz gesagt: Alle fanden den Diskussionspunkt politisch sehr wichtig – Antisexismus gilt also nach wie vor als eines der selbstreferenziellen Schlagworte linker Gruppen. Die Möglichkeit – und damit auch die Verantwortung – tatsächlich antisexistische (Alltags-)Praxen zu etablieren und durchzusetzen wurde bei dieser Gelegenheit jedoch weit von sich gewiesen, noch dazu unter den geradezu laboratorischen Bedingungen einer recht überschaubaren Szene. Das Thema Redekultur in Leipziger Veranstaltungen war damit – zumindest vorerst – wieder vom Tisch.

Nina Es gibt einen weiteren auffälligen Punkt. Bei uns in der Redaktion sind nur Frauen, obwohl wir nie gesagt haben, dass keine Männer Redaktionsmitglieder werden sollen. Führt das Attribut feministisch automatisch dazu, dass Nicht-Frauen sich nicht angesprochen fühlen oder weniger Interesse haben? Darüber hinaus ist Feminismus auch in der Frage nach politischer Organisation relevant. Nicht nur haben wir neben der redaktionellen Arbeit noch weitere Verpflichtungen wie Studium und Job. In der Redaktion sind auch zwei Mütter, was für sie zu einer »Dreifachbelastung« führt. Und für die Redaktion bedeutet das, Sitzungen zu haben, bei denen eben auch Kinder anwesend sind. Und das muss möglich sein – auch in anderen Politgruppen. Ein politischer Zusammenhang sollte ja nicht nur Kampagnen rocken, sondern eben auch darauf achten, wie es den einzelnen Individuen geht, ob nun mit oder ohne Kind. Es geht auch darum, sich gegenseitig zu unterstützen und Verständnis für Überbelastung zu haben. 

Phase 2 Wie geht es mit »outside the box« weiter? Was wünscht ihr euch zukünftig?

Nico Wir versuchen, halbjährlich eine Zeitschrift herauszubringen. Es wäre also toll, dieses Jahr noch zwei Ausgaben herauszubringen. Klar ist das viel Arbeit, jedoch bleiben wir trotz des ambitionierten Ziels prozessorientiert – das heißt, dass uns auch gruppeninterne Diskussionsabläufe und -bedürfnisse wichtig sind und nicht einfach angesichts des Terminkalenders hinten runterfallen sollten. Zurzeit diskutieren wir das zweite Schwerpunktthema und sind voll in der Planung der nächsten Ausgabe. Zusätzlich werden wir einen Verein gründen und neben der Zeitschrift Möglichkeiten wahrnehmen, Diskussionsveranstaltungen, Partys und andere Initiativen zu organisieren bzw. uns an ihnen zu beteiligen. Was noch? Kommunismus natürlich … und ein eigenes Haus. 

Phase 2 Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Phase 2 Leipzig.