Wannsee-Konferenz revisited

Zur Aktualität des dokumentarischen Theaters

»Berlin. Eine Villa am Großen Wannsee, Hausnummer 56-58. Im Kriegswinter 1942 Schauplatz einer der folgenschwersten und unheimlichsten Konferenzen des NS-Regimes. Am Dienstag, 20. Januar trafen sich hier vierzehn Spitzenvertreter aus SS, Partei und Ministerialbürokratie zu einer vertraulichen Besprechung mit Frühstück. […]. Einziger Punkt der Tagesordnung: die Endlösung der Judenfrage. 90 Minuten wurde verhandelt, 90 Minuten, die sich aus Dokumenten und mündlichen Zeugnissen mit großer Genauigkeit rekonstruieren lassen, 90 Minuten, die das Schicksal der Juden Europas besiegelten.«

So beginnt Die Wannseekonferenz (1984) – ein deutscher Fernsehfilm, der die Rekonstruktion des historischen Ereignisses in 90 Minuten Echtzeit versucht. Schwankend zwischen schicksalhaftem Pathos und soapartiger Klamotte zieht er seine Spannung vor allem aus einem aufgebauschten internen Konflikt und dem Zynismus der Konferenzteilnehmer, die pausenlos menschenverachtende Witze reißen.

Dasselbe Ereignis wird nun in einem Dokumentartheater-Projekt bearbeitet. Aus Anlass des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz hatte es seine Uraufführung am 22. Januar, um 12 Uhr zur Originalzeit am historischen Ort in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. An drei weiteren Tagen im Mai war es im Studio des Maxim Gorki Theaters zu sehen. Wie die filmische Adaption nutzt auch das Theater-Projekt das von Adolf Eichmann angefertigte Protokoll als Textgrundlage. Im scharfen Gegensatz zum Film wird die Konferenz hier jedoch nicht nachgespielt. Statt Authentizität zu suggerieren, werden Fakten und Dokumente montiert. Auf der Bühne stehen nicht professionelle Schauspieler­Innen, sondern 15 HistorikerInnen. Nach eingehender Beschäftigung mit jeweils einem der Konferenzteilnehmer, seiner Rolle, Funktion und Haltung zur »Judenfrage«, haben sie sich mit Regisseur Christian Tietz und Dramaturgin Kalliniki Fili in einen gemeinsamen Arbeitsprozess begeben. Herausgekommen ist dabei eben kein »realistisches« Reenactment, sondern eine vielstimmige Lesung mit minimalen szenischen Elementen. Eine performative Textcollage, die am Schnittpunkt von wissenschaftlicher Arbeit und experimenteller Theaterpraxis angesiedelt werden kann. In der Konzentration auf dokumentarisches Material gelingt mit ihr ein Zugang zur Geschichte, der sowohl der offiziellen Gedenkkultur als auch der herrschenden kulturindustriellen Dramatisierung à la Der Untergang Widerstände entgegensetzt.

Ermittlungen – ein Blick auf die Vorgeschichte des dokumentarischen Theaters

»Der Tod in der Gaskammer lässt sich nicht ›darstellen‹ […]. Die Darstellung von Auschwitz […] soll überhaupt nie möglich sein. Die ›Ermittlung‹ ist die Konzentration des Prozesses, der die Ereignisse filtert. Das Gesagte übermittelt Kenntnisse und Erfahrungen […]. Da der Prozess eine ganz andere Realität ist als das Lager, ist seine theatralische Darstellung möglich.«
Die Wannsee-Konferenz knüpft an die Traditionen genau jenes dokumentarischen Theaters an, das im Deutschland der sechziger Jahre gewissermaßen die Initialzündung für eine breite Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und der Shoah war. Rolf Hochhuth, Heinz Kipphardt und Peter Weiss sind die bekanntesten Vertreter dieser Generation von Dramatikern. Durch die Montage, das gezielte Zeigen und Arrangieren historischer Roh-Stoffe in ihren Texten wollten sie aufklären, konfrontieren, agitieren. Weiss’ Theaterstück Die Ermittlung etwa beruht auf Beobachtungen und Protokollen des ersten Frankfurter Auschwitz­prozesses, der in den Jahren 1963 bis 1965 stattfand.
Als wichtigster Vordenker und Wegbereiter dieses Theatergenres gilt Erwin Piscator. Ab Mitte der zwanziger Jahre als Reaktion auf den ersten Weltkrieg und später zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise richtete sich sein »Politisches Theater« gegen Kunst als Selbstzweck. Mithilfe von Fakten, Daten, Zahlen, Bildern und Dokumenten kämpfte es für die »Politisierung der Kunst« und gegen die faschistische »Ästhetisierung der Politik.« Nach seiner Rückkehr aus der Emigration wurde der glühende Kommunist in Westdeutschland zum größten Förderer des neuen Dokumentartheaters. Denn, so Piscator 1965: »schon einmal hat eine sterile, neutrale und ästhetische Kunst den Fall in die Barbarei nicht aufzuhalten vermocht – die Wiederholung ist zu vermeiden.«

Für die subjektiven Erfahrungen der Opfer gibt es in der Inszenierung außer einem symbolischen leeren Stuhl keinen Platz. Sie scheinen nur auf in den verharmlosenden bürokratischen Worten der Organisatoren und Administratoren des ersten industrialisierten Völkermordes der Geschichte. Die Realität der Konferenz dagegen lässt sich darstellen: Von »Evakuierungen«, »Mischlingen unterschiedlicher Grade«, »humanen Sterilisationen« und »Vernichtungserfolg« ist hier die Rede. Durch die nüchterne, gelesene Spielweise, die Verdichtung und Montage des Materials (neben dem Protokoll werden Auszüge aus Briefen, Notizbüchern, Gerichtsverhandlungen, Reden und Sekundartexten verwendet) sowie die verfremdenden Kommentare der HistorikerInnen entsteht ein brüchiges »Theater der Berichterstattung.«

LIVE ON AIR: Seitenblick auf das Making-of des ruandischen Genozids

Seit Ende der neunziger Jahre ist so etwas wie eine postmoderne Wiederkehr des Dokumentarischen im Theater zu beobachten. Gruppen wie Rimini Protokoll arbeiten verstärkt mit dokumentarischem Material. Sie zielen dabei auf die Verflechtung von Objektivität und Subjektivität, Geschichte und den eigenen Geschichten zu einer vielstimmigen Narration und die Erzeugung reizvoller Authentizitäts-Effekte ab. Etwas anders die Inszenierung Hate Radio, die 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war: Auch hier steht die Auseindersetzung mit einem Genozid im Zentrum – dem ruandischen von 1994 – und auch hier kann man sagen, es handelt sich um »Realtheater in der Tradition von Peter Weiss.« Inhaltlich wie formal weist die Arbeit jedoch bedeutende Unterschiede zur Wannsee-Konferenz auf, so dass es Sinn macht, einen kontrastierend ergänzenden Seitenblick zu wagen.
Beide Inszenierungen liefern so etwas wie ein »Making-of« eines Genozids, analysieren seine Produktionsbedingungen. Wie die Wannsee-Konferenz will auch Hate Radio nicht das Undarstellbare darstellen, sondern konzentriert sich auf die dokumentierten Reste eines entscheidenden Teilsystems des strukturierten rassistischen Wahns. Während die Inszenierung der Wannsee-Konferenz auf dem trockenen internen Konferenzprotokoll basiert, greift Hate Radio auf Propagandasendungen des ruandischen Radiosenders RTLM zurück: Hier sachlich vollzogene Auslöschung, dort der zynische, direkte Aufruf zum Morden.
Kernstück von Hate Radio ist das Reenactment einer Sendung von RTLM, welche wiederum eine Verdichtung aus hunderten Stunden Sendematerial darstellt. Die TheaterbesucherInnen folgen der Sendung über Kopfhörer und Kurzwellenempfänger und blicken in das originalgetreu nachgebaute Studio. Das Grauen besteht hier nicht in der Legalisierung und Organisation des Todes durch skrupellose Funktionäre, sondern darin, dass einem die Show gefällt, dass man sich dabei erwischt wie man mit dem Fuß zu Nirvanas Rape me wippt, oder fast über einen menschenverachtenden Witz lachen muss. Denn RTLM – oder »Radio verité«, wie es sich selber nannte – gab sich erfrischend frech und dreckig. In der komplexen postkolonialen und post-diktatorischen Geschichte Ruandas hat RTLM als erster privater Sender eine bedeutende Rolle gespielt. Denn im Laufe des sich zuspitzenden Konflikts zwischen Hutus und Tutsis (eine Unterscheidung, die erst von der belgischen Kolonialmacht formalisiert und festgeschrieben worden war) steigerte sich auch die Hetze des Senders. Auf dem Höhepunkt des Konflikts wurde live, interaktiv und in unmissverständlichem Ton berichtet. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, die Verstecke der »Kakerlaken« zu melden und für jede Denunziation mit einem Musikwunsch belohnt. Die Inszenierung reproduziert den Rhythmus aus treibender Musik, zynischem Gelächter, Bier und expliziten Tötungsaufrufen – um ihn im nächsten Moment zu brechen. Während man im Theatersaal sitzt, über Kopfhörer die Hits der 90er und die Propaganda von RTLM hört, blickt man plötzlich durch das nachgebaute Sendestudio hindurch und sieht sich gegenüber die andere Hälfte des Publikums sitzen. Man nimmt sich selbst als NachgeboreneR und die eigene Gesellschaft als posttraumatisch wahr. Hate Radio lässt einem so auch die eigene Geschichte auf die Pelle rücken.

Strukturen – Von der Vergesellschaftung zur logistischen Feinabstimmung

Während Hate Radio den Völkermord als Medien-Show und Jugendbewegung der neunziger Jahre im Kontext der neuen Weltunordnung vorführt, verdeutlicht Die Wannsee-Konferenz wie der Genozid – zentralisiert, beschleunigt und verdichtet von Experten – in das wissenschaftliche Zeitalter eintritt. Die Inszenierung stellt die Grausamkeit dieses Vorgangs auf einzigartige Weise vor Augen und Ohren: als Verwaltungsakt. In diesem Sinn treibt auch die szenische Reduktion das Theater an seine Grenzen. Die Darsteller »verkörpern« kaum so etwas wie dramatische Personen. Stattdessen verschwimmen die Positionen: Nicht handelnde Charaktere, sondern Funktionäre bei der Arbeit werden vorgeführt. Die Textcollage zeigt sie als Räder einer schwindelerregenden Maschine, die sich zum Zeitpunkt der Konferenz immer rasender beschleunigt.

Die historische Bedeutung der Wannsee-Konferenz wird durch Montagetechnik als ein Moment der Verdichtung akzentuiert. Es wird klargestellt: Die Vernichtung der europäischen Juden wurde hier nicht beschlossen. Nicht das »Was« wurde verhandelt, sondern das »Wie« koordiniert und vereinheitlicht. Es ging um die Verteilung von Kompetenzen und um Logistik, wie es heutige Technokraten nennen würden. Einem klassischen Schauspiel wäre die konsequente Darstellung einer solchen »sachlichen« Expertenrunde kaum möglich. Um seine Zuschauer nicht anderthalb Stunden zu langweilen, würde es Konflikte hinzudichten, dramatisierende Elemente auftragen – und damit genau die Ebene zum Verschwinden bringen, um die es hier geht. Im Dokumentartheater dagegen tritt sie unbarmherzig hervor. Zusätzliches dokumentarisches Material durchschießt die glatte und reduzierte Oberfläche von Eichmanns Protokoll und gibt den Blick auf dahinterliegende Schichten frei. Die Dringlichkeit, die in der Einladung zur Konferenz zum Ausdruck kommt, wird mit der Kriegserklärung an die USA zusammengebracht. Den Vermerk, abschließend seien »die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen« worden, ergänzt die Inszenierung um zahlreiche Texte, die verdeutlichen, dass es schon lange vor der Konferenz Experimente mit Zyklon B und Gaswagen gegeben hat. Eine von Eichmann angefertigte Tabelle mit elf Millionen Juden, aufgeschlüsselt auf verschiedene Länder, liegt bereits vor. Der Vernichtungsprozess ist längst im Gang, nur Feinabstimmungen zur maximalen Effizienz müssen noch getroffen werden.
So zeigt sich die Konferenz als historischer Kristallisationspunkt. Die Dynamik der »Bekämpfungsmethoden« – von den diskriminierenden Rassegesetzen, über die Abschiebepolitik und dezentralen Massenmorde, welche schließlich von der systematischen Vernichtung abgelöst werden – tritt noch einmal skizzenartig hervor. Die Wannsee-Konferenz markiert den Punkt, an dem Wasser zu Eis wird, wenn sich etwas endgültig verhärtet, offiziell beschlossen wird und plötzlich da ist. Sie schuf den rechtlichen Rahmen und Arbeitsplan, also die Formel zur Vernichtung der europäischen Juden. Das gesellschaftliche Klima von Unterstützung und Forderung wurde langfristig aufgebaut und war 1942 längst da. Zweiundzwanzig Jahre brauchte es vom Parteiprogramm der NSDAP zur »Endlösung der Judenfrage«. Zweiundzwanzig Jahre um die Tragbarkeit der Vernichtung von 11 Millionen Menschen zu vergesellschaften.
Reduktion auf das nackte Leben : Vom Auschluss zum Abschuss


Die Begründungsmuster der Schreibtischtäter machen sichtbar, wie diese »Frage« gestellt ist.
Was in der abfertigenden Alltagsrede oft einfach der »Judenhass« der Nazis ist, zeigt sich hier als Konstruktion mit unterschiedlichen Aspekten. In erster Linie geht es um die (subtil theologisch aufgeladene) Schuld, die der Jude trage. Goebbels wird zitiert, der sich wiederum auf eine frühe Rede Hitlers bezieht. Demnach sei jeder einzelne Jude »Urheber« nicht nur des ersten, sondern auch des gerade ausgebrochenen zweiten Weltkrieges und insofern direkt für jeden toten deutschen Soldaten verantwortlich, der etwa im Russlandfeldzug stirbt. Es wird also ein Verteidigungsfall imaginiert, bei dem das nationale Feindbild des Juden unmittelbar Krieg und Not verursacht. Zusätzlich wird die Dichotomie jüdisch/arisch-deutsch mit einer Reihe mächtiger Bilder aufgeladen: Neben der simplen Markierung als Gegner wird »der Jude« auch zum »Seuchenträger« und Herd von »Unordnung« – Attribute, die klassischerweise eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung bedeuten. Trotz aller Spezifik des wahnhaften Antisemitismus weist die Rhetorik zugleich über die »Judenfrage« im engeren Sinne hinaus: Noch bei seiner Vernehmung 1946 sprach Josef Bühler, der als Staatssekretär des Generalgouvernements an der Konferenz teilnahm, vom »Müllplatz des deutschen Reiches«, weil hierher »bei der Ausmistung anderer Gebiete […] Juden, Geisteskranke, Zigeuner und arbeitsunfähige Bewohner abgeschoben wurden«.
Im Bild der Krankheit, des Schmutzigen, des Chaotischen und des Unproduktiven kann das Muster eines konstitutiven Ausschlusses erkannt werden, wie es etwa der Philosoph Giorgio Agamben als wesentliches Charakteristikum auch moderner Demokratien westlichen Typs analysiert. Nach Agamben ist dieser Ausschluss, der die Konstruktion eines rechtlosen Lebens benötigt, konstitutiv, insofern die Opposition zu jenem als »Schädling« oder »Parasiten« wahrgenommenen Ausgeschlossenen zugleich der Akt ist, auf den die Identität der Gemeinschaft sich stets von Neuem gründet. Der Kampf gegen die Juden wäre so gleich ein Kampf für die Deutschen. Oder, wie es bereits das Parteiprogramm der NSDAP ehrlich zusammenfasste: »Kein Jude darf Volksgenosse sein«.
Die »Judenfrage« als Not- und Belagerungszustand zu definieren, rechtfertigt auch die Verhängung des Kriegsrechts. Die Ausrottung der zum Feindbild stilisierten Bevölkerungsgruppe wird so zum Verteidigungsfall. Ähnlich argumentiert in einem 2010 geführten Interview auch Valérie Bemeriki, die radikalste Hasspredigerin unter den Star-ModeratorInnen von RTLM: »In der gefährlichen Lage, in der sich das Land befunden habe, hätte man drastische Maßnahmen ergreifen müssen.« Diese Rechtfertigung reduziert die Ausgeschlossenen auf ihr nacktes Leben, verbannt sie aus der Gesellschaft und gibt sie zum Abschuss frei. Sie werden, wie es Agamben im Rückbezug auf eine Figur des römischen Rechts ausdrückt, zu homini sacri. Diese Operation der »Entkleidung« wird auch in einem Zeitzeugenbericht über die Abschiebungen von Juden anschaulich: »In der Praxis sah das so aus, daß der Jude wie an einem laufenden Band völlig ausgeplündert wurde. […] Im Augenblick des Eintritts war er noch ein deutscher Staatsbürger, im Besitz einer Wohnung, vielleicht auch eines Geschäfts, eines Bankkontos, einiger Ersparnisse […] als er den Saal verließ, war er ein staatenloser Bettler mit einem einzigen Besitzobjekt in der Hand: dem Auswanderungspass«.

Anders als bei Hate Radio besteht die Grausamkeit hier weniger in der sadistischen Lust am Töten, sondern in der kalten, von vermeintlichen Sachzwängen bestimmten Verwaltung des Todes (welche jedoch keineswegs frei von persönlichem Hass und Ressentiments sein muss). Die Schreibtischtäter wetteifern um die verantwortungsvollste Haltung gegenüber der »deutschen Volksgemeinschaft« und werfen sich gegenseitig »Sentimentalität« vor. Schließlich gilt ein Zögern in dieser Situation schon als Schwäche. Der nüchtern strukturierte Aufbau des Meet­ings spiegelt die Herangehensweise und Logik von an Sachproblemen orientierten Managern wider. Problem und Lösung, »Ist-Zustand« und »Soll-Zustand« – sind die Schemata, nach denen verfahren wird. Business as usual, geht es doch nicht nur um die »Reinigung des Lebensraums für das deutsche Volk«, sondern auch um die Verwertung von Humankapital.
Bis heute hält sich weitverbreitet der Mythos, dass die durchschnittliche Zivilgesellschaft im »Altreich« nichts von den Konzentrationslagern im Osten gewusst hätte. Stillschweigend wurde jedoch ohne nachzufragen eingezogen, angeeignet und profitiert. Und so auch materiell der Platz in der Gesellschaft eingenommen, der bis dahin jener des verhassten und zum Sündenbock gemachten »Weltjudentums« war.

»Ein gutes Stück Erinnerungskultur«
(Publikumsgespräch)

Die Darstellung eines geschichtlichen Ereignisses bezieht sich nie nur auf dieses Ereignis.
Ob explizit, offensiv oder subtil und leise – immer sind eine Vielzahl konkurrierender Erzählungen und Erzählformen mit im Spiel, die tradiert, modifiziert oder gebrochen werden. Das geschieht natürlich nicht im leeren Raum, sondern einem politischen Raum der von gesellschaftlichen Verhältnissen und hegemonialen Erzählungen strukturiert ist.
In vielen Ländern Lateinamerikas etwa ist zu beobachten, dass die traumatischen Erfahrungen der zurückliegenden »schmutzigen Kriege« extrem tabuisiert sind. Mit den immer gleichen Forderungen, nicht alte Wunden aufzureißen, sondern optimistisch einer fortschrittlichen Zukunft entgegen zu sehen, arbeiten vor allem die Mächtigen an diesem Schweigen. Denn es besteht die Gefahr, dass in einer differenzierteren Auseinandersetzung über die gesellschaftlichen Ursachen der Gräuel auch die weiterhin herrschende Ordnung zur Sprache kommt. Im Vergleich dazu ist der Nationalsozialismus in der deutschen Öffentlichkeit heute kein Tabu mehr. Doch die Wunde ist schräg vernarbt. So definierte der damalige Bundespräsident Christian Wulff aus Anlass des siebzigsten Jahrestages der Wannsee-Konferenz, die Erinnerung wörtlich als »nationale Aufgabe«, beschwor als wichtige Lehre der Geschichte eine ins Private gewendete »Hilfe füreinander« und schloss mit einer gruseligen Verklärung der Nation zum Vorkämpfer der Freiheit – am deutschen Memorialwesen soll die Welt genesen: »Unser aller gemeinsames Ziel muss es sein – und Deutschland tritt dafür ein – dass alle Menschen unbeschwert und frei miteinander leben, lachen und glücklich sein können, hier am Großen Wannsee, hier in Berlin, überall in unserem Land und überall auf der Welt«.
In diesem Feld ist auch die Inszenierung der Wannsee-Konferenz zu verorten. Produziert wurde sie für exakt dieselbe Gedenkveranstaltung, auf der auch Wulff seinen Auftritt hatte. Insofern ist sie Teil einer hegemonialen Erinnerungspolitik, mit der über »Jubilarien«, andere Spektakel und neu erschaffene Erinnerungsorte wie dem Berliner Stadtschloss an einer schlagkräftigen deutschen Identität gearbeitet wird. Zugleich jedoch stellt sie sich entschieden dagegen. Gegen die Abfertigung der Geschichte zu Ideologie, gegen die eloquente, ebenso pathetische wie hohle Phrase und die identifikatorische Geste eines Bundespräsidenten setzt sie ein Material, das erst einmal sprachlos macht, konfrontiert mit der Wucht des Faktischen. Sie bietet keine Auswege, sondern entlarvt ganz im Gegenteil die scheinbar vollzogene Versöhnung als neuen nationalen Mythos.
Auch gegenüber der gängigen Dramatisierung von Geschichte entfaltet sie eine widerständige Ästhetik. Während beispielsweise im Film von 1984 der Konferenzteilnehmer Stuckart als Zweifler für dramatische Konflikte sorgt, verweist die Inszenierung nüchtern auf seine Funktion für das Innenministerium. Er votiert für die vermeintlich humanere Zwangssterilisation von »Mischlingen«, um »Unruhe in der Bevölkerung« zu verhindern. Entgegen einem konsumierbaren Hollywood-Realismus zwingen die fragmentarische Sprödigkeit und Materialfülle des Dokumentarischen zum Innehalten, erfordern Konzentration und Mühe. Geschichte begegnet den ZuschauerInnen so nicht »wie sie gewesen ist«, sondern tritt mit der Gegenwart in eine spannungsvolle Konstellation.

Während Eichinger und Wulff das Ereignis weit von sich weisen, gibt sich die Inszenierung mit der Undarstellbarkeit nicht zufrieden. Im ernsthaften Bemühen zu begreifen, öffnet sie sich auch inhaltlich. Die monströse Konferenz erscheint auf einmal gar nicht mehr so unvorstellbar, die Begründungsmuster auf unheimliche Weise bekannt. Ohne es jemals explizit zu machen und jenseits verallgemeinernder Gleichsetzung stellen sich wie von selbst Fragen an die politische Praxis und die gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart:
Warum bedient Wulff ausgerechnet das Kriterium des Werts, wenn er sich empört, dass mit den Juden ausgerechnet die »Kulturschaffende(n)« vernichtet werden sollten? Wäre der Verlust anderenfalls weniger bedauernswert? Wie aktuell sind Notstands-Rhetoriken, die zur Verteidigung der inneren und äußeren Sicherheit die Menschen von ihren Rechten entkleiden? Was bedeutet es etwa, dass europäische Staaten illegalisierte Einwanderer deportieren oder ihren Tod im Mittelmeer aktiv in Kauf nehmen oder dass britische, deutsche und italienische Regierungen  sie aus libyschen Auffanglagern für die einheimische Ökonomie rekrutieren, wenn sie »ökonomisch nützlich« sind?? Ist es ein bloßer Versprecher, wenn der italienische Kultusminister Rocco Buttiglione in diesem Kontext versehentlich von »Konzentrationslagern« spricht?
Die Inszenierung begräbt das Trauma nicht, sondern sucht aus ihrer Gegenwart heraus den Dialog mit dem Gespenst. Zur Untermauerung dieser Haltung abschließend Adorno:
»Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.«

Michael Beron und Tina Turnheim
Michael Beron war längere Zeit im Dramaturgie-Team des Theaterdiscounter Berlin und ist derzeit im AStA der FU Berlin aktiv.
Tina Turnheim lebt in Berlin, ist Mitbegründerin der Initiative Europäische Gemeinschaft für kulturelle Angelegenheiten und erforscht die politische Dimension der Wiederkehr des Dokumentarischen in Theater und Foto­grafie. 

Fußnoten

  1. Heinz Schirk (Regie), Paul Mommertz (Drehbuch), Die Wannseekonferenz [Film]. Deutschland 1984.
  2. Zitate ohne Fußnoten verweisen auf den im Programmheft abgedruckten Spieltext.
  3. Erwin Piscator, Politisches Theater heute, in: ders., Schriften 2, Berlin 1968, 336-337.
  4. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: ders., Medienästhetische Schriften, Frankfurt a.M. 2002, 383.
  5. Erwin Piscator, Politisches Theater heute, 340.
  6. Peter Weiss, Notizen zum Dokumentarischen Theater, in: Joachim Fiebach, Manifeste europäischen Theaters: Grotowski bis Schleef, Berlin 2003, 67.
  7. Milo Rau/Rolf Bossar,Wenn aus Wasser Eis wird. Ein Gespräch über Hate Radio, in: Milo Rau/ International Institute of Political Murder, Hate Radio (Begleitheft), Berlin 2011, 7.
  8. Jens Dietrich, Bei Valérie Bemeriki, in: Rau/International Institute of Political Murder, HateRadio, 14.
  9. Zit. n. http://www.youtube.com/watch?v=8dTan7DYf5Y.
  10. Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, Gesammelte Schriften (GS) 1.2, Frankfurt a.M. 1990, 695.
  11. Bernard Schmid, Libyen wird zum hofierten Partner der westlichen Staaten, zit. n. http://www.heise.de/tp/artikel/19/19491/1.html
  12. Ralf Streck, Libyen wird Außenposten der EU, zit. n. http://www.heise.de/tp/artikel/20/20457/1.html.
  13. Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders., Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt a. M. 1996, 146.