Wann ist ein Mann ein Mann?

Männliche Identitätskonstruktion ist ein heikler Prozess, vor allem, wenn die Erwartungen an die erfolgreiche Mannisierung sich ändern. Ob das derzeit beschleunigt geschieht und eine »Krise der Männlichkeit« ein neues, postmodernes oder neoliberales Männerbild hat entstehen lassen, wird in einem Sammelband aus der Reihe »Forum Frauen- und Geschlechterforschung« und in einer kulturwissenschaftlichen Untersuchung über »präödipale Helden« diskutiert.
Die meisten der neun Beiträge in dem Sammelband  In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert nehmen Bezug auf die kritische Männerforschung nach Raewyn (bzw. Robert oder Bob) Connell, die in den neunziger Jahren in Anlehnung an Antonio Gramsci den Begriff der »hegemonialen Männlichkeit« prägte. Der Ansatz betont, dass es in der Gruppe der Männer neben dem herrschenden (hegemonialen) Typ marginalisierte, unterdrückte und komplizenhafte Männlichkeiten gibt, die sich zwar in einem Unterordnungsverhältnis zur hegemonialen Männlichkeit befinden, mit ihr gemeinsam aber über einen Machtvorteil gegenüber Frauen verfügen. Hegemonietheorie im Sinne von Connell (und Gramsci) hat den Anspruch, gesellschaftliche Strukturdynamiken in ihrem Verhältnis zu kulturellen (Vor-)Bildern zu fassen. Dass dieses Programm oft verkürzt wurde, benennen die Herausgeberinnen Mechthild Bereswill und Anke Neuber in der Einleitung ihres Sammelbandes und verteidigen dagegen den hohen Anspruch, das Verhältnis von materiellen Prozessen, Diskursen und alltägliche Praxen zu bestimmen. Dies gelingt den Beiträgen unterschiedlich gut.
Jürgen Martschukats historischer Beitrag reinterpretiert eine Studie, die in den dreißiger Jahren in den Vereinigten Staaten die Auswirkung der Wirtschaftskrise auf  Familien, insbesondere auf arbeitslose Familienväter untersucht hat. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die damalige Wirtschaftskrise als Krise hegemonialer Männlichkeit interpretiert wurde und sozialpolitische Gegensteuerung entsprechend darauf  hin arbeitete, den männlichen Familienvorständen des weißen Mittelstands das Gefühl der Selbstbestimmung zurückzugeben. Verbunden war das mit dem durchaus bewusst in Kauf genommenen Nebeneffekt, die durch die Krise beschleunigten Tendenzen zur Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt zurückzudrängen sowie mit der Dethematisierung schwarzer Armut. In diesem Sinne funktionierte die Krisendiagnose als Begründung für die Thematisierung eines ganz bestimmten – damit als soziales Problem identifizierten – Teils sozialen Wandels. Die Erforschung der Krise der weißen Mittelklasse-Männlichkeit hat in diesem Sinne dazu beigetragen, ihren Gegenstand zu restabilisieren. Martschukats Beitrag legt nahe, dass die aktuelle Klage über die Krise der Männlichkeit eine ähnliche Stoßrichtung hat.
Ähnlich argumentiert Annette Brauerhoch in ihrer filmtheoretischen Erörterung des deutschen »Trümmerfilms«. Sie kommt zu dem Schluss, dass in diesem Genre über Umwegkommunikation die gefallenen deutschen Soldaten zum Opfer gemacht und damit das durch den Nationalsozialismus desavouierte Männerbild gerettet wird. Auch hier endet die Thematisierung einer Krise der Männlichkeit mit einer Wiederherstellung männlicher Handlungsfähigkeit.
Michael Meuser und Sylka Scholz reinterpretieren das Konzept hegemonialer Männlichkeit soziologisch als »spezifisches kulturelles Muster im Sinne einer normativen Zielvorgabe«, das sich in der sozialen Praxis der gesellschaftlichen Elite ausbildet und das im Bourdieu‘schen Sinne einen Habitus konstituiert, an dem sich die Masse der Männer orientiert. Ob in dieser soziologischen Konzeption Platz für den Kampf um Hegemonie im gramscianischen Sinne ist, ist zu bezweifeln. Meuser/Scholz konzentrieren sich auf die hegemoniale Form einer »transnational business masculinity«, die verstärkt auf Wettbewerb setzt und die neoliberalen Dezentrierungen und Flexibilisierungen nutzt, um sich selbst nach vorne zu bringen, dabei aber durchaus ihre eigene geschlechtliche Konstruktion reflektiert. Den Männern, die bei diesem Spiel nur am Rande stehen, bleibt lediglich das Festhalten an alten Männlichkeitsidealen, die aber durch einen Strukturwandel immer weniger der sozialen Praxis entsprechen. Dies könnte jedoch mehr und mehr zu Irritationen führen.
Aus einer ganz anderen Perspektive schließen Rolf Haubl und Katharina Liebsch an diesen Befund an. Sie deuten das Ausufern der Diagnose von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bei Jungen als Ausdruck einer Krise des männlichen Sozialcharakters. Die sich rapide verändernden Anforderungen an eine gelungene männliche Sozialisation und ein verknapptes Angebot an stabilen Bindungen in flexibilisierten Verhältnissen sorgen dafür, dass Verhaltensweisen, die im Grunde zentrale Momente hegemonialer Männlichkeit sind – wie z.B. Wut – nicht mehr gelungen bewältigt, sondern als Störung etikettiert und medikamentiert werden.
Birgit Sauers umfassender Beitrag legt dar, dass sowohl die Erklärungsansätze als auch die Bewältigungsversuche der aktuellen ökonomischen Krise Männer privilegieren. Dabei zeigt sie, wie »im Kontext von ökonomischer Globalisierung [...] Männlichkeit als geschlechtsspezifische Herrschaftsform rekonfiguriert und [...] wiederhergestellt wird«. Dabei werden weiblich konnotierte Elemente in Männlichkeitsentwürfe übernommen und Frauen spezifische Positionen in Machtanordnungen zugewiesen. Damit wird das nach wie vor wirkmächtige Geschlechterregime gegen Kritik und weitere Gleichstellungsforderungen immunisiert.
Die Rolle von Misogynie in der Debatte über die Krise der Männlichkeit diskutiert Rolf Pohl am Beispiel von Männern, die sich als Opfer einer marxistisch und feministisch motivierten »gigantischen Verfolgungsindustrie« imaginieren. Diesen Antifeminismus analysiert Pohl als Externalisierung krisenbedingter Zurücksetzung. Er kommt daher zu dem Schluss, dass Männlichkeit als fragiles, durch Weiblichkeitsabwehr konstituiertes Konstrukt in der marktradikalen Verschärfung der Verhältnisse angerufen wird, um die Erfahrung der ökonomischen Krise zu bewältigen.
Alle Beiträge des Bandes sind für interessierte Laien lesbar. Die zehnseitige Einleitung bietet einen dichten, gehaltvollen und kritischen Einstieg in die Diskussion der im Ganzen eher als »rhetorische Waffe gegen die angebliche Dominanz feministischer Definitionsmacht des Geschlechterverhältnisses« gedeuteten Rede von der »Krise der Männlichkeit«.

Der gesellschaftstheoretische Rahmen von Präödipale Helden. Neuere Männlichkeitsentwürfe im Hollywoodfilm ist der Übergang zur Postmoderne, in der die großen Erzählungen der Moderne enden und damit das (implizit männlich konstruierte) Subjekt als Form der Individuation seine Verbindlichkeit verliert. Damit geht aber – davon geht der Autor Hans-Christian Mennenga aus – nicht eine Enthebung von der Notwendigkeit des Erheischens männlicher Subjektivität einher, sondern es entstehen neue Subjektivationsmuster einer präödipalen Männlichkeit. Mennega nutzt dabei den Begriff Subjektivation im Sinne des englischen »Subjection«, das als »Unterwerfung« übersetzt werden kann, aber auch den Prozess der Subjektwerdung bezeichnet.
Diese präödipale Männlichkeit ist laut Mennenga vor allem dadurch geprägt, dass es nicht mehr gelingt, den Ödipuskonflikt durch eine erfolgreiche Identifikation mit dem Vater zu lösen. Sie findet ihren Ausdruck in einer durch Narzissmus, Hedonismus und Masochismus geprägten Persönlichkeit, die nicht dazu fähig ist, stabile heterosexuelle Beziehungen zu erhalten. Entsprechend kann der (ödipale) John Wayne nach getaner Schießerei als Preis für die Wiederherstellung der symbolischen Ordnung die Frau mit nach Hause nehmen. Für Michael Douglas' Helden hingegen ist Weiblichkeit – wenn sie nicht eine umsorgende Mutterrolle bedeutet – per se ein Problem, das sich gegen eine Integration in den männlichen Lebensentwurf sperrt. Methodisch fügt Mennenga sozial- und kulturwissenschaftliche Zeitdiagnosen mit einer an Lacan orientierten psychoanalytischen Subjekttheorie zusammen und kann nicht so recht darin überzeugen, so verschiedene Bezüge wie Michel Foucault, Herbert Marcuse, Ulrich Beck und Jacques Lacan zu einer stimmigen Erzählung zu vermengen. Der theoretische Befund soll anschließend anhand der filmtheoretischen Analyse der Helden von Michael Douglas und Tom Cruise belegt werden. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass in den untersuchten Filmen in der Tat verschiedene präödipale Männlichkeitstypen auftreten, die am Beispiel herausgearbeitet werden. Ob das Fazit, postmoderne männliche Subjektivität habe mit traditionellen (ödipalen) Männertypen nicht mehr viel gemein dadurch wirklich belegt ist, ist zu bezweifeln – schon allein, weil auch die Heldentypen von Douglas und Cruise heterosexuell begehren und meist durch Lohnarbeit zumindest das Potential haben, als Familienernährer aufzutreten. Ein stärkerer Bezug auf die kritische Männerforschung hätte vielleicht zu einem anderen Ergebnis geführt. Z.B. könnten die hedonistischen und narzisstischen Allmachtsphantasien der Hollywood-Helden Teil einer modernisierten Reformulierung hegemonialer Männlichkeit unter neoliberalen Vorzeichen sein. Auch dass die Männerfreundschaft für die präödipalen Helden wichtiger ist, als die ständig problemhaft dargestellten Beziehungen zu Frauen, ließe sich als Kontinuität misogyner Männlichkeitsentwürfe deuten, ebenso wie die gegensätzliche Konstruktion der Weiblichkeit mit den AntagonistInnen »mütterlichen Gefährtin« und »bedrohliche selbstbewusste Frau«.
Während der Sammelband die Frage nach der Krise der Männlichkeit in weiten Teilen eher verneint, sondern das Krisengerede als Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche deutet, konstatiert Mennenga einen seit den siebziger Jahren signifikanten Umbruch vorherrschender Männerbilder, den er aber eher als Chance denn als Risiko bewertet. Eine feministische und herrschaftskritische Perspektive ist damit eher bei Bereswill/Neuber vorhanden. Die Perspektive von Veränderung wird aber auch hier nur am Rande thematisiert – im Vorschlag der Entwicklung neuer, weniger verbindlicherer und nicht mehr so misogyner Subjektivtäten von Männlichkeit. Die queere Perspektive einer gezielten Dekonstruktion der weithin als problematisch anerkannten Konstruktion von Männlichkeit wird in beiden Büchern nicht diskutiert.

KARL MEYERBEER

Hans-Christian Mennenga: Präödipale Helden. Neuere Männlichkeitsentwürfe im Hollywoodfilm, transcript Verlag, Bielefeld 2011, 258 S., € 29,80.
Mechthild Bereswill/Anke Neuber: In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2011, 194 S., € 24,90.