Wahnsinn und Geschlecht

Plädoyer für eine queere Psychiatriekritik

Psychatriekritik ist in der deutschen Linken noch nie ein großes Thema gewesen. Diese Ignoranz zeigt sich ein weiteres Mal an der aktuellen Kampagne gegen die Pathologisierung von Trans*Menschen, die selbst innerhalb der politischen Queer-Szene kaum Beachtung gefunden hat. Dabei bietet sie das große Potenzial, die zu Unrecht oft vergessene Kritik an der Institution Psychiatrie und dekonstruktivistische Geschlechterpolitik anhand konkreter und für viele Menschen alltäglich bedeutsamer Punkte zu verbinden und damit auch die Institution Psychiatrie wieder in den Blickwinkel der Geschlechterkritik zu bringen. Dieser Artikel soll die Verhandlung von Geschlecht in der psychiatriekritischen Bewegung nachzeichnen und ein Plädoyer besonders an die heutige antisexistische Bewegung sein, der Institution Psychiatrie als sehr wirksamer und gewaltförmiger Normierungsinstanz wieder mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

»Der Wahnsinn existiert nur in einer Gesellschaft, er existiert nicht außerhalb der Formen der Empfindsamkeit, die ihn isolieren, und der Formen einer Zurückweisung, die ihn ausschließen oder gefangen nehmen.« Diese These Michel Foucaults kann als Grundlage aller psychiatriekritischen und antipsychiatrischen Schulen und Bewegungen gesehen werden. Es wird davon ausgegangen, dass psychiatrische Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen nicht jenseits ihrer gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umwelt verstanden werden können, sondern nur mit diesen in wechselseitiger Abhängigkeit existieren. Dies ist gut an ihrer historischen Inkonsistenz zu lesen, welche sich wiederum in Diagnosen wie z.B. die der Homosexualität, Drapetomanie – des »krankhaften« Wandertriebes schwarzer Sklav_innen, der sie zur ständigen Flucht vor ihren weißen Herren führte – und »Hysterie« zeigt.

Im Rahmen moderner Macht- und Herrschaftsstrukturen wird der_die »Irre« als »Anderes« konstruiert, über das sich die »normale« Identität definiert. Nicht-Funktion und/oder Nicht-Einpassungsvermögen wird durch psychiatrisches Wissen in den Bereich des »Kranken« verschoben, wo es jenseits gesellschaftlicher Ursachen im psychiatrisierten Individuum selbst und dessen Biografie verortet wird. Damit bestand und besteht die gesellschaftliche Funktion der Psychiatrie – die nicht von ungefähr ihren Ursprung in den Zucht- und Arbeitshäusern hat – in ihrem Wesen daraus, soziale Ordnung zu (re)produzieren. Individuelles Leiden und Hilfebedürfnis der Betroffenen sollen hier nicht geleugnet werden, jedoch die Begriffe der »Krankheit« – inklusive allen enthaltenen Setzungen von »gesund«, »normal«, »problematisch« usw. – und »Heilung«, als Zurechtkommen in aktuellen gesellschaftlichen Umständen, in Frage gestellt werden. Ganz bewusst wird in diesem Artikel auf eine Definition von »Geisteskrankheit« verzichtet. Es kann nicht das Anliegen emanzipativer Kritik sein, einfach zu fordern, dass XY nicht mehr als Krankheit gesehen werden soll, XZ hingegen durchaus weiter so zu betiteln ist. Wie beispielsweise die Arbeiten von Barbara Duden zeigen, ist selbst die Definition dessen, was wir heute ganz selbstverständlich als körperliche Leiden wahrnehmen (Schnupfen, blutende Wunden u.a.), historisch schon ganz anders rezipiert worden. Wie gesagt: Es geht hier nicht darum, Menschen ihr individuelles Leid oder ein Gefühl des krank seins abzusprechen. Vielmehr steht die Erweiterung der Perspektive auf die gesellschaftlichen Umstände als mögliche Ursache des individuellen Leidens im Fokus. Aufgrund der im Krankheitsbegriff enthaltenen normierenden und individualisierenden Elemente scheint es mir sinnvoller, auf diesen zu verzichten. Stattdessen wäre zum Beispiel von Leiden, Unglücklich sein o.ä. zu sprechen und dabei genau zu schauen, worunter gelitten wird. So ist das beliebte Argument, dass ja viele Menschen »freiwillig« die psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen, kein Argument gegen die antipsychiatrische Position. Schließlich gehen auch viele Menschen freiwillig einer Lohnarbeit nach – und dass der Großteil der Menschheit freiwillig in binären Geschlechterrollen lebt, nimmt der Kritik an jenen zu Recht selten den Wind aus den Segeln.

Psychiatrisches Wissen ist ein wesentliches Instrument gesellschaftlicher Normierung; psychiatrische Diagnosen definieren Verhalten und Charaktere als »(un)normal« und wirken dadurch sozial stigmatisierend. In Form psychiatrisch legitimierter Zwangsbehandlung entwickeln sie eine enorme Wirkmacht. Demnach stellt die Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin und gesellschaftliche Institution ein hoch relevantes Thema für emanzipative Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie dar. Der Zusammenhang von moderner kapitalistischer Arbeitsethik und der psychiatrischen Institution und Disziplin wurde vielfach herausgearbeitet. In der klassischen Antipsychiatrie wenig beachtet wurde bisher hingegen die Bedeutung von Geschlecht als grundlegendes Strukturelement moderner Gesellschaften für die Psychiatrie sowie die Rolle, die der psychiatrische Diskurs wiederum für das moderne Geschlechterarrangement spielt: »Even the most radical critics of psychiatry are concerned with class rather than with gender […]. Although anyone who writes about the history of madness must owe an intellectual debt to Michel Foucault, his critique of institutional power in ›Madness and Civilisation‹ (1961) does not take account of sexual difference.« Doch hat Geschlecht von jeher eine strukturgebende Bedeutung für die Disziplin und Institution Psychiatrie gespielt. Diese Kritik ist Dreh- und Angelpunkt der, im Rahmen allgemeiner antipatriarchaler Gesellschafts- und Wissenschaftskritik entstandenen, feministischen Psychiatriekritik. So bedeutsam und wichtig diese Kritik grundlegend war und ist, so tappte sie jedoch selbst oft in die Falle binärer essentialistischer Geschlechterkonstruktionen, auch lässt sie teilweise eine tiefgehende Kritik an der Institution und Disziplin Psychiatrie vermissen. Eine tatsächlich emanzipative Perspektive muss radikale Kritik am Geschlechtersystem und an der Psychiatrie zusammen denken, um den gewaltförmigen Charakter der Psychiatrie auch als Herstellungs- und Sicherungsinstanz der Zweigeschlechternorm begreifen zu können.

Die »klassische« Antipsychiatrie

Der von Thilo von Trotha als »Januskopf« der Psychiatrie beschriebene Grundwiderspruch, zum einen helfende Therapie und gleichsam repressive Ordnungsmacht zu sein, ist zentraler Ansatzpunkt der in den sechziger und siebziger Jahren erstarkenden internationalen antipsychiatrischen/psychiatriekritischen Bewegung.

Als Begründer der »Antipsychiatrie« werden Ronald D. Laing und David Cooper gesehen, die in London zu der Zeit als Psychiater tätig waren und neben ihrer theoretisch reflektierenden Kritik an der Institution Psychiatrie und ihrer Diagnosedefinitionen an praktischen Alternativen in Form antipsychiatrischer Wohneinrichtungen arbeiteten. In Italien leisteten Franco Basaglia sowie seine Frau Franca Basaglia-Ongaro vergleichbare Arbeit. Während es sich bei der eben genannten um Kritik »direkt aus dem Feld« handelt, wurde die damalige Bewegung gleichsam von einem breiten Spektrum außer-psychiatrischer wissen(schaft)stheoretischer Kritiker_innen getragen. Kernpunkte der Kritik waren immer die bereits beschriebene Ablehnung des Begriffs der Geisteskrankheit und die Theorie der sozialen Konstruktion des Irren als soziale Ausschlusskategorie sowie die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen in Form von Zwangsinternierungen und -behandlungen.

Charakteristisch für die psychiatriekritische wie antipsychiatrische Bewegung war die klare Dominanz einer männlichen, weißen und sozial privilegierten Perspektive. Alle namhaften Akteure der Bewegung waren, ob nun aus der psychiatrischen Profession oder aus den Gesellschaftswissenschaften, akademisch gebildete weiße Männer. Zwar beanspruchten sie für sich eine herrschafts- und machtkritische Position und die Solidarität mit, wenn nicht gar Vertretung von, gesellschaftlich marginalisierten und damit von Psychiatrisierung betroffenen Personen. Es blieb jedoch der Beigeschmack einer stellvertretenden Homogenisierung, und so formierte sich ab den späten achtziger Jahren eine praxis- und standpunktorientiertere »Neue Antipsychiatrie«. Diese bestand nun weniger aus gesellschaftskritischen Institutionenanalysen, als aus verschiedenen Ent-Marginalisierungsbewegungen – so auch der damaligen Frauenbewegung –, welche die Psychiatrie als einen von vielen Hebeln ihrer Unterdrückung benannten und bekämpften.

Von feministischer Seite wurde die »Alte Antipsychiatrie« kritisiert für ihre Ferne zur Lebensrealität derer, über die sie spricht, sowie für die unbenannt privilegierte und eingeschränkte Position, aus der sie dies tut. So analysieren und kritisieren Hauptvertreter der Antipsychiatrie der sechziger und siebziger Jahre wie Laing, Cooper und Sasz zwar Konzepte der Kernfamilie, die Paradigmen weiblicher Sozialisation und z.T. sogar die kulturelle Verbindung von »Weiblichkeit« und »Wahnsinn«. Das geschah jedoch stets aus einer androzentrischen und paternalistischen Perspektive. Die Struktur des Geschlechterarrangements der »normalen« Psychiatrie wurde auch in der klassischen Antipsychiatrie nicht aufgebrochen: »Like other radical movements of the 1960s, antipsychiatry in practice was male-dominated, yet unaware of its own sexism. The movement never produced a woman theorist of Laing’s stature and power; moreover, it came perilously close to exploiting its women patients.«

Dem kritisierten männlich dominierten Blick wurde nun eine explizit weibliche Perspektive entgegengesetzt, die die Bedeutung der Psychiatrie als patriarchales Unterdrückungsinstrument aufzeigte und versuchte, kritische Erklärungen für die höhere Psychiatriebetroffenheit von Frauen zu finden. Gemein ist allen ihr zugehörigen Strömungen eben jene Kritik am Androzentrismus und Sexismus der etablierten (Anti)Psychiatrie. Innerhalb dieses Rahmens aber existieren verschiedene Einschätzungen und Ansätze, von radikaler Institutionen- und Gesellschaftskritik bis zu reformistischen Forderungen nach mehr Psychiaterinnen. 

Feministische Psychiatriekritik

Ich werde mich im Folgenden auf einige Veröffentlichungen beschränken, wobei auf die insgesamt recht geringe Publikationsdichte zu feministischer Psychiatrieanalyse hingewiesen sei. Als bekannte Vertreter_innen werden hier Sibylle Duda und Luise F. Pusch, Phyllis Chesler und Elaine Showalter betrachtet.

Pusch/Duda gründen ihr Verständnis des Verhältnisses von Geschlecht und Psychiatrie auf der Annahme, dass der »Wahnsinn von Frauen« kein psychiatrisches oder individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt. Patriarchale Machtasymmetrie und ungleiche Ressourcenverteilung zwischen den Geschlechtern und »die daraus resultierenden Einschränkungen, Beschränkungen und Unterdrückungen« ließen vielen Frauen oft nur »den Wahnsinn als heimischen Ort.« Sie arbeiten anhand historischer Frauenbiografien heraus, wie Frauen »zu Unrecht« aus politischen Gründen psychiatrisiert oder durch ihre Lebensumstände in patriarchalen Gefügen »krank« wurden. Der gängigen Psychiatrie werfen sie Blindheit gegenüber weiblichen Lebensrealitäten und entsprechenden Ursachen für psychische Leiden vor – wie etwa die Verteilung der Erfahrung sexualisierter Gewalt. Vermutet wird vielmehr, dass »Männer unter anderem deshalb seltener psychisch krank sind als Frauen, weil sie in ihrer Kindheit seltener von Männern vergewaltigt werden« und konstatieren: »drei von vier Frauen, die in der Psychiatrie landen, sind Opfer sexueller Gewalt.«

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Phyllis Chesler. Geschlechtsgebundene Sozialisation und gesellschaftliche Rollenstereotype, die ein weit geringeres Maß an »akzeptablem« Verhalten für Frauen z.B. in Konfliktsituationen beinhalten, führten zu einem »ungesünderen« Umgang mit und einer schnelleren Pathologisierung von »weiblichen« Krisen. Das geht einher mit einer höheren Akzeptanz »männlichen«, auffälligen Verhaltens – beziehungsweise wird letzteres juristisch schneller und härter verfolgt, was auch eine Repression, aber eben keine Pathologisierung beinhaltet. Geschlecht wird hier recht binär und als gegeben gesehen, ebenso wie Wahnsinn, beziehungsweise Geisteskrankheit. Zwar wird auch die Möglichkeit einer Etikettierung von »geisteskrank« als Instrument einer patriarchalen Politik angeführt. Das Grundparadigma geistiger Gesundheit und Krankheit bleibt dabei dennoch recht unhinterfragt; die psychiatrische Diagnostik wird »nur« in Bezug auf ihre Ätiologie, also ihr Krankheitsursachenverständnis, hin kritisiert. Interessant ist in dieser Hinsicht die Pusch/Duda’sche Interpretation des Phänomens Hysterie, die ein gewisses Potential zur Dekonstruktion des Krankheitsbegriffes beinhaltet. Hysterie wird eher als subtile Widerstandsform denn als Krankheit gesehen und aus der angenommen Position der Betroffenen interpretiert. Das »Erkranken« wird als Akt der Rebellion und Kommunikation verstanden. 

Von Kritiker_innen wird diese Analyse als romantisierende, homogenisierende und essentialisierende Instrumentalisierung der betroffenen Frauen kritisiert, die die kulturelle Verbindung von Weiblichkeit und Wahnsinn unhinterfragt lässt. Hieran verdeutlicht sich der konzeptionelle Schwachpunkt der standpunktorientierten feministischen Psychiatriekritik. Durch die essentialistische Fokussierung auf die mutmaßlich »weibliche« Perspektive werden sämtliche psychiatrisierte Frauen und ihr individuelles Erleben zugunsten eines homogenen feministischen Subjektes verallgemeinert bis negiert. Zudem fehlt diesem Ansatz eine Kritik des Geisteskrankheitsbegriffes, der zugunsten der jeweiligen Analyse mal als Resultat gesellschaftlicher Umstände, mal als diktiertes Label, mal als selbstgewählte Protestform erscheint. 

Eher postmodern kann dagegen Elaine Showalter verstanden werden. Ihr Fokus liegt auf der kulturell-repräsentativen Ebene. Sie schlägt – in direkter Abgrenzung zu Chesler – eine kontextgebundene Analyse vor: »Rather, it must investigate how, in a particular cultural context, notions of gender influence the definition and, consequently, the treatment of mental disorder.« Geschlecht wie Geisteskrankheit werden hier als soziale Konstrukte betrachtet, die sich gegenseitig beeinflussen. So liegt Showalters Schwerpunkt bei der Interpretation des Phänomens Hysterie in der Kontrastierung zur Diagnose des shell shock syndrome. Sie zeigt auf, wie die geschlechtliche Konnotation von Hysterie zur Entwicklung einer neuen »männlichen« Diagnose und Therapie führte, als nach dem Ersten Weltkrieg tausende »hysterische« Männer von der Front heimkehrten. Showalter deckt damit auf, wie Krankheits- und Gesundheitskonzepte geschlechtlich konnotiert sind, entsprechend variieren und selbst wiederum Teil der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit sind. Das kommt einer queeren, dekonstruierenden Psychiatriekritik schon sehr nahe, wenngleich sich Showalter mit der Forderung nach einer feministischen Frauen-Therapie-Bewegung begnügt und eben nicht Zweigeschlechtlichkeit als solche kritisiert.

Die Stop-Trans*Pathologisierungsbewegung
Neue Queere Antipsychiatrie?

Eine queerere Kritik an der Psychiatrie vertritt die Kampagne zur Streichung der Diagnose »Geschlechtsidentitätsstörung« aus den internationalen Krankheitskatalogen DSM und ICD. Hier wird nicht mehr (nur) analysiert, wie Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen mit psychiatrischem Wissen wechselwirken, sondern wie die Psychiatrie Zweigeschlechtlichkeit als solche (re)produziert, beziehungsweise von deren Bias durchzogen ist. Es wird postuliert, dass zwar konkrete Vorstellungen von Männlichkeits- und Weiblichkeitsrollen sowie das soziale Diktat der Heterosexualität mittlerweile breit gesellschaftlich hinterfragt würden und Verschiebungen der hegemonialen gender policy auch Eingang in das Feld des psychiatrischen Wissens fänden. Gleichzeitig bleibe der Zwang zur Einordnung in ein binäres Geschlechterschema aber unhinterfragt. Damit hat die Kampagne gegen die Pathologisierung von Trans*Menschen eine Art »Brückenpotential«, um dekonstruktivistische Geschlechts- und Psychiatriekritik auf einer sehr greifbaren Ebene zu verbinden und inhaltliche Leerstellen der »alten« (feministischen) Antipsychiatrie zu überwinden.

Die von der Anti-Trans*Pathologisierungsbewegung kritisierte Diagnostizierung »Geschlechtsidentitätsstörung« orientiert sich klar an einem binären Geschlechtersystem. Damit stellt sie für Menschen mit dem Bedürfnis nach Transitionsbehandlung perfider Weise gleichzeitig unterdrückendes Stigma und Mittel zum Ziel dar. Das Bündnis »Stop Trans-Pathologisierung 2012« erklärt: »Die Pathologisierung stellt die Ablehnung einer starren Zwei-Geschlechter-Ordnung als abnormal und krank dar. Sie gibt zudem der Medizin und dem Staat die Kontrolle über unsere Geschlechtsidentität. In diesem System haben wir nur dann ein Recht auf medizinische und rechtliche Schritte der Geschlechtsangleichung, wenn wir uns als psychisch gestört definieren lassen.« Um Transitionsmaßnahmen bewilligt und finanziert zu bekommen, müssen Betroffene »nachweisen«, dass sie das stigmatisierende Label der psychischen Störung akzeptieren. Dazu sind wiederum klassisch zweigeschlechtliche Muster zu bedienen: Wer Östrogen verschrieben haben möchte, der_dem sei geraten, als Kind lieber mit Puppen als Autos gespielt zu haben; wer Testosteron möchte, hat hoffentlich noch nie freiwillig ein Kleid getragen. Zwar bietet die Diagnose der Transsexualität eine Möglichkeit, über »korrigierende« Maßnahmen der psychiatrischen Pathologisierung zu entkommen. Über das Konstrukt einer chirurgischen Diagnose des im-»falschen«-Körper-Seins wird eine eindeutige Einordnung erreicht – für viele Betroffene ein positiver und gewünschter Schritt. Jedoch werden damit dualistische Strukturen und die Verknüpfung von (Geschlechts-)Körper und Geist weiter stabilisiert. Eine Identität jenseits der geschlechtlichen Bipolarität ist im psychiatrischen Diskurs einer bipolargeschlechtlichen Gesellschaft nicht denkbar. Die Möglichkeiten der Behandlung vom Leiden an der zugeschriebenen Geschlechtsrolle ist nur im Rahmen einer »Anpassung« an die, bipolar gedacht, »andere« Geschlechtsidentität möglich – unter Einhaltung eines starren Leidensnarratives, das eine generelle Ablehnung beider vorhandener Geschlechter und eine Verortung außerhalb dieser nicht zulässt. Das Ergebnis einer gelungenen »Heilung« ist immer eine »eindeutig« männliche oder weibliche Person. Dies gilt es zu kritisieren und ein Recht auf alle Maßnahmen und medizinischen Versorgungen zu erstreiten, dessen Trans*Menschen bedürfen, ohne das Stigma einer »psychischen Störung« und das erzwungene Einordnen in bestehende binäre Geschlechtervorstellungen.

Die Aktivist_innen der Stop-Trans*Pathologisierungskampagne problematisieren damit sowohl die Diskriminierung durch bipolare Geschlechternormierung als auch die strukturelle Gewaltförmigkeit der psychiatrischen Institution und weisen ganz konkret auf deren Zusammenwirken hin. Bedauerlicher Weise ist die deutsche Fraktion dieser Bewegung bisher vergleichsweise bedeutungslos, auch innerhalb der antisexistischen und queeren Szene. Das hängt wohl auch mit der allgemeinen Marginalität psychiatriekritischer Positionen in der deutschen Linken zusammen. Dabei könnte diese spezifische Psychiatriekritik der Falle der »klassischen« – alten wie neuen – Antipsychiatrie entkommen. Die hat es nicht geschafft, eine Brücke zwischen abstrakter theoretischer Analyse und selbstorganisierter Betroffenenpolitik zu schlagen und büßt dies mittlerweile mit ihrer relativen Interventionsunfähigkeit. Sie bringt die Geschlechterebene in die Psychiatriekritik ein, ohne gleichzeitig in eine essentialistisch-binäre Patriarchatskritik zu verfallen. Es ist also zu hoffen, dass es gelingt, die Betroffenenperspektive der Anti-Trans*Pathologisierungsbewegung zu verbinden mit einer größeren kritischen Analyse der Psychiatrie als gesellschaftliche Institution als einen Ort, an dem Geschlecht und Zweigeschlechtlichkeit in bedeutendem Maße produziert werden. 

Corinna Schmechel 

Die Autorin ist im AK Psychiatriekritik Berlin aktiv.

Fußnoten

  1. Siehe bspw. www.stp2012.info.
  2. Diese Krankheitsbeschreibung geht auf das 1851 erschienene Werk Diseases and Pecularities of the Negro Race von Samuel A. Cartwright zurück.
  3. Elaine Showalter, The Female Malady. Women, Madness and English Culture 1830-1980, London 1985, 6.
  4. Vgl. exp.: Corinna Schmechel, »…die Aufgabe, Röcke zu tragen…« Zum Zusammenhang moderner Geschlechterordnung und der Institution Psychiatrie, BA-Arbeit an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Universität Potsdam 2010 (genderini.files.wordpress.com/2010/12/schmechel_corinna.pdf).
  5. So hat sich etwa Erving Goffmans, Asyle – Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt a.M. 1973 aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive der gesellschaftlichen Konstruktion von Geisteskrankheit gewidmet. Klaus Dörner und Robert Castel untersuchten hingegen die Rolle der Psychiatrie in der bürgerlichen Gesellschaft. Klaus Dörner, Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie, Frankfurt a.M. 1969; Robert Castel, Die psychiatrische Ordnung. Das goldene Zeitalter des Irrenwesens, Frankfurt a.M. 1979.
  6. Vgl. Thilo von Trotha, Unterwegs zu alten Fragen: Die Neue Antipsychiatrie, in: Karin Roth (Hrsg.), Antipsychiatrie. Sinnerzeugung durch Entfesselung der Vielstimmigkeit, Dortmund 2001, 203.
  7. Siehe Phyllis Chesler, Frauen – das verrückte Geschlecht? Wien 1972, 88f.
  8. Showalter, Malady, 246.
  9. Neben der relativen Marginalität dieser Bewegung liegt ein weiterer Grund für die geringe Zahl an Veröffentlichungen in deren Praxisorientierung. So konzentrierte sich die feministische Psychiatriekritik in ihrer ersten Welle auch eher auf die Entwicklung einer feministischen Therapiebewegung als auf den Ausbau eines theoretischen Analysekataloges.
  10. Welche entsprechend des tripple-oppression-Ansatzes in ihrem Werk noch die Kategorien Rasse und Klasse einbezieht.
  11. Sibylle Duda/Luise Pusch (Hrsg.), WahnsinnsFrauen 1-3, Frankfurt a. M. 1992-1998 (hier: 1992), 7.
  12. Duda/Pusch, WahnsinnsFrauen, 35.
  13. Duda/Pusch, WahnsinnsFrauen, 349.
  14. Showalter, Malady, 5.
  15. Hier sei auf die Studie von Inge Broverman u.a. hingewiesen, die mittels einer Befragung von Psychiater_innen einen geschlechtlich gebundenen Doppelstandard in deren Begriff von »geistiger Gesundheit« herausarbeitete.
  16. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM); International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD).
  17. Siehe stp2012berlin.blogsport.de
  18. Eine Demonstration der STP 2012-Kampagne mit mehreren tausend Teilnehmenden, wie 2010 in Barcelona, ist in Deutschland fast unvorstellbar.