Von Fanon zu Critical Whiteness

Über die Dekolonisation des Unbewussten und der Sprache

Ein beliebte Methode zur Absicherung halb- und somit unwahrer Erkenntnisse besteht darin, sie zu zementieren, indem die Ursache des vermeintlich Erkannten in die Psyche verlagert wird – frei nach dem Motto: Was man sich nicht erklären kann, muss Unbewusstes sein. Da eine Gesinnung um so mehr Berechtigung zu besitzen scheint, je mehr sie durch die Idole der eigenen Szene legitimiert wird, beruft man sich auf gewisse Autoritäten, die dem Umfeld als Namen präsent, dem Inhalt nach jedoch höchstens als Gerücht bekannt sind. Für die antirassistische Theorieproduktion ist dies auf dem Gebiet der Psychologisierung vor allem Frantz Fanon. Mit breitem akademischen Wissen, Front- und Psychiatrieerfahrung avancierte er zum Messias der kritischen Weißen und ihres antirassistischen Sprachaktivismus.

In seinem Frühwerk Schwarze Haut, weiße Masken (1952) versuchte sich Fanon in Abkehr von den phylo- und ontogenetischen Erkenntnissen Sigmund Freuds an einer »Soziogenese« des schwarzen Subjekts, da es im Zuge des Kolonialismus »zur Verklumpung eines psycho-existentiellen Komplexes« gekommen sei. Gemeint ist damit ein »Minderwertigkeitskomplex«, an dem jedes kolonisierte Volke leide, »weil die lokale kulturelle Eigenart zu Grabe getragen wurde.« Bei diesem von Fanon angenommenen Minderwertigkeitskomplex handelt es sich um eine Reproduktion des bereits von Alfred Adler verhandelten Minder-wertigkeitsgefühls. Adlers Zeitgenosse Sigmund Freud hielt dem entgegen, dass es sich nur um ein, wenn auch bedeutendes, Symptom handle, das jedoch nichts wirklich erkläre und auch keinen gesonderten analytischen Befund darstelle: »In Wirklichkeit wird das Kunstwort Minderwertigkeitskomplex in der Psychoanalyse kaum verwendet. Es bedeutet uns nichts Einfaches, geschweige denn etwas Elementares.«

Auch Theodor W. Adorno nahm indirekt auf dieses Phänomen Bezug und verwies am Beispiel der Ohnmacht auf den maßgeblichen Unterschied zwischen der konkreten Erfahrung und dem diffusen Gefühl derselben. Die Postulierung dieses Gefühls stellt nur die Verdrängung der Ohnmacht dar: »Sie müssen die Erfahrung von der Ohnmacht zum ›Gefühl‹ verarbeiten und psychologisch sedimentieren, um über die Ohnmacht nicht hinauszudenken.« fn>Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: Ders., Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt a.M. 1981, 125. In diesem Sinne ist die Postulierung eines Ohnmachts- oder Minderwertigkeitsgefühls nichts anderes als die Weigerung, die reellen Ursachen des Behaupteten in der Erfahrung zu erkennen und zu reflektieren.

Es geht hierbei keineswegs darum, Rationalisierungen abstrakt zu verurteilen oder gar abzuschaffen, schon da Rationalisierungen und Ideologien nicht dasselbe darstellen. Beide beziehen sich allerdings aufeinander und daher bedeutet Ideologiekritik immer auch Rationalisierungskritik, die sich jedoch beide als bestimmte Negation am Gegenstand zu entfalten haben. Denn ebenso wie die Ideologie zumindest historisch noch ein Glücksversprechen als Überschuss oder Schein bewahrte, sind auch Rationalisierungen als »die Narben der ratio im Stande der Unvernunft« notwendiger Bestandteil begrifflichen Denkens. Problematisch wird die Rationalisierung erst, wenn sie nicht Ergebnis, sondern Ausgangspunkt des Denkens ist, da sie dann Erkenntnis nicht ermöglicht, sondern verstellt. Fanon kann als symptomatisch für diese Tendenz der Apriori-Rationalisierung betrachtet werden, da er sich auf zwei Stränge der Psychoanalyse bezieht, die sich am Weitesten von den Erkenntnissen Freuds entfernt haben: Zum einen die strukturalistische Verkehrung der Psychoanalyse durch Jacques Lacan sowie zum anderen die mystischen Postulate des kollektiven Unbewussten und der Archetypen von C.G. Jung. Nahezu jede psychoanalytische Theorie, die von vornherein eine politische sein wollte, bezog und bezieht sich nach wie vor auf diese beiden Ideen.

Die freudsche Psychoanalyse kränkte das scheinbar selbstbewusste bürgerliche Individuum, um es dadurch so weit als möglich (vor sich selbst) zu retten. Die politisierten Analysen jedoch haben sich vom Versprechen auf Individualität schon verabschiedet, bevor sie ihre Deutung auch nur beginnen. Oder in den Worten Fanons: »In bestimmten Augenblicken ist der Sozius wichtiger als der Mensch.« Wenn Fanon postuliert, »dass auf den französischen Antillen 97% der Familien außerstande sind, eine ödipale Neurose [er meint ödipalen Konflikt] zu erzeugen,« entdeckt er darin zwangsläufig die schon halb befreite Gesellschaft: »Eine Unfähigkeit, zu der wir uns mit Nachdruck beglückwünschen.« Die aus dieser Unfähigkeit resultierende Ich-Schwäche zu glorifizieren, bedeutet jedoch, sich von dem Ich und somit von jener Instanz zu verabschieden, die Ansätze einer Ausbildung von Individualität und Vernunft gewährleisten könnte. Zugleich wird so der Bezug auf das »kollektive Unbewusste« legitimiert. Dieses sei in Abgrenzung zu der Vorstellung Jungs, welcher unter der Formulierung vor allem gewisse Vorstellungen von konservierten archaischen Instinkten verstand, »die Gesamtheit der Vorurteile, der Mythen, der kollektiven Verhaltensweisen einer bestimmten Gruppe«? oder kürzer: »unreflektierter kultureller Zwang.«? Gegen diese mittlerweile omnipräsente Vorstellung ist die Unterscheidung Adornos zwischen Rationalisierung und Ideologie zu verteidigen, die zugleich eine zwischen Individuum und Gesellschaft ist, selbst wenn sie nur noch mit Einschränkungen gültig sein mag. Auch im Werk von Karl Marx ist diese Differenzierung angelegt, da er mit Bezug auf die ideologischen Veranstaltungen, die sich »hinter dem Rücken« der Akteure vollziehen, eben nicht von Unbewusstem, sondern von Bewusstlosigkeit spricht.?

Die Denkfigur des kollektiven Unbewussten ist stattdessen als Wunschbild der vielfältigen Ausformungen postmoderner Theorien zu verstehen, die in ihrem Verlangen nach Unmittelbarkeit energisch auf die negative Aufhebung des Unterschieds von Individuum und Gesellschaft, hinarbeiten. Die Vorstellung eines gemeinsamen Unbewussten suggeriert dabei eine Verbindung zwischen den Menschen, welche gegen ihre reelle Vereinzelung stehen soll, eigentlich jedoch nur Ideologie ist, der das schwache Ich nichts mehr entgegenzusetzen vermag. In der Sehnsucht nach einer community kommt der Wille zur Vergemeinschaftung zu sich selbst und in gewisser Hinsicht ist dies nur folgerichtig, da mit dem Individuum auch die Gesellschaft ihre Substanz und Geltung verliert und allmählich aufhört zu existieren. Ständig das kollektive Unbewusste ins Feld zu führen, drückt also in erster Linie den Wunsch aus, dass es existieren möge, und ist das Ergebnis einer Kette von Rationalisierungen: Die Erfahrung, die keiner mehr macht, sondern nur noch als Gefühl dumpf in sich spürt, wird in der Theorie zum Komplex, der, weil er keine Einzelnen mehr kennt, gleichzeitig das allgemeine Unbewusste selbst sein soll. Das kollektive Unbewusste ist also die rationalisierte und verinnerlichte Erfahrungslosigkeit und das Aufgehen in einer Masse. Für Fanon und seine Nachfolger hat dies den praktischen Effekt, dass die Schilderung eines Einzelnen automatisch Gültigkeit für alle anderen Gesinnungsgenossen hat. Beruhend auf dem nachvollziehbaren und letztlich doch falschen Wunsch, Ordnung ins Chaos zu bringen, werden hier lediglich die individuellen Beschädigungen verallgemeinert. Man konditioniert sich gemeinsam aufs (Selbstmit-)Leid. In einem Umfeld schließlich, in dem Theorie nur nach ihrer Anwendbarkeit bemessen wird, verlangt dieses Gruppenunbewusste konsequenterweise auch eine »kollektive Katharsis […] – einen Kanal, einen Notausgang, durch den die angestaute Energie in Form von Aggressivität abfließen kann.«?

Fanonsche Gewalttherapie

Diesen Kanal aufzuzeigen, ist der Anspruch von Fanons Spätwerk Die Verdammten dieser Erde (1961). Darin wird kollektive Katharsis zum Selbstzweck, zum »gewaltsame[n] Prozess« an und für sich: »Ich schlug zu, das Blut spritzte: Das ist die einzige Taufe, an die ich mich heute erinnern kann.«? Wer in dieser psychoanalytischen Weihe der Gewalt keine reine Blut-und-Boden-Ideologie, sondern die Verwirklichung der Menschheit oder zumindest ein Mittel dazu erkennen will, zeigt eine enorme Geschichtsvergessenheit und Erkenntnisresistenz. Und doch versuchen zahlreiche Adepten, diesen Gewaltfetischismus herunterzuspielen und wie Fanon selbst seinen »emanzipatorischen« Charakter zu betonen. »Der kolonialisierte Mensch befreit sich in der Gewalt und durch sie.«? In der brutalen Verzerrung Hegels ist diese mörderische »absolute Gewalt«?, diese »absolute Praxis« ganz banale Arbeit, insofern als »sich der Kämpfer als Arbeiter verstehen«? kann. Das Individuum ist dabei nicht der Zweck, sondern im Gegenteil das erklärte Ziel der Gewalt. »Die gewalttätige Praxis wirkt integrierend«, denn »es existiert ein in Blut und Zorn geschaffenes Bindemittel.«? Im Zuge dessen werden der Intellektuelle und sogar das städtische Proletariat aufgrund der mit ihnen verknüpften Dekadenz zum Feind des Aufstands erkoren. Alles, was im Entferntesten an Individualität, Schwäche oder Distanz zur (bäuerlich-militanten) Masse erinnern könnte, wird liquidiert: »Die Angelegenheit jedes einzelnen ist von nun an die Angelegenheit aller.«? Die Drohung, die in dieser Aussage mitschwingt, ist kaum zu überhören.

Der Teufel sitzt hier wie so oft im Detail, was im Falle Fanons bedeutet: in seinen Fallschilderungen am Ende des Werkes. In diesen konkreten Ausführungen zeigt sich die spezifische Auslegung dieser zu Tode revidierten, revolutionären Psychoanalyse und ihr zwangsläufiger Umschlag in menschenfeindliche Unwahrheit. Zwei Beispiele: Die erste drastische Schilderung widmet sich der »Impotenz bei einem Algerier infolge der Vergewaltigung seiner Frau« während eines Verhörs durch französische Soldaten. In völliger Absehung von den Verletzungen der Frau widmet sich Fanon ganz dem Mann. Dessen Impotenz entspringt nicht etwa dem physischen oder psychischen Leid seiner Frau, sondern ihrer »Entehrung« und »sein[em] persönliche[n] Unglück« in der »Rolle eines betrogenen Ehemannes«. Dass ihm der konkrete Zustand seiner Frau von höchst nebensächlicher Bedeutung ist, verkündet der Partisan mit einer erstaunlichen Offenheit: »Wenn sie sie gefoltert hätten, wenn sie ihr alle Zähne zerschlagen, einen Arm gebrochen hätten, hätte mir das nichts ausgemacht. Aber so etwas, kann man das vergessen? Und war sie gezwungen, mich über all das in Kenntnis zu setzen?«? Nun unterliegen aber in der fanonschen Psychoanalyse Kultur- und Moralvorstellungen, die beinhalten, dass sich eine Frau nach einer Vergewaltigung »entehrt« fühlt und in der es überhaupt zur Debatte stehen kann, sie »zurückzunehmen«, keineswegs der kritischen Betrachtung. Stattdessen werden explizit jegliche Bezüge zur islamischen Ideologie geleugnet, da diese »Besonderheiten« der Vorstellung der weltweiten Allianzen aller »Verdammten« widersprechen könnten. Aus seinem archaisch-männlichen Elend findet der Patient schließlich mit der Hilfe Fanons einen Ausweg, indem er diesem Elend revolutionären Sinn verleiht. So beschließt er, seine Frau »zurückzunehmen«, da sie letztendlich ihre Funktion für ihn und das Kollektiv erfüllt habe: »Diese Frau hat mir das Leben gerettet und die Organisation beschützt.«? Für die Gemeinschaft in Form der Bande zu leiden, ist somit ein gutes, sinnvolles und ehrenhaftes Leiden und die Scham verkehrt sich in ihr stolzes Gegenteil. Die Scham wird dadurch jedoch keineswegs aufgelöst, sondern unterdrückt oder verdrängt. Sie wirkt unerkannt fort, da die auf dem Individuum lastenden Zensuren durch die Einseitigkeit der Politisierung eben nicht aufgehoben, sondern vielmehr verstärkt werden. Freud hingegen legte vor allem die Einschränkungen durch die eigenen Kultur- und Moralvorstellungen bloß und ermöglichte so, dass es in gewisser Weise »legitim« wurde, unter dem Gewicht der gesellschaftlichen Konventionen und Bürden zu leiden.

Der zweite Fall beschreibt das »neurotische Verhalten einer jungen Französin, deren Vater, ein hoher Beamter, bei einem Feuerüberfall getötet wurde.«? Ihr Vater war der leitende Folterknecht in den Verhörzentren der Gegend. Für Fanon sind die frühere Abkehr der Tochter vom Vater und ihre Sympathie für den Algerischen Befreiungskampf keine nähere Deutung wert, da sie zu gut in seine eigene Wunschvorstellung passen, dass die psychischen Störungen der Tochter nach dem Tod des Vater auf den politischen Konflikt zwischen beiden zurückzuführen sind. Anzunehmen ist jedoch, dass die Gründe der Neurose weit weniger politischer Natur sind, dass nämlich der Vater die von der Tochter erreichte Aufmerksamkeit wieder von dieser abzieht und sich in ihrer Schilderung »leidenschaftlich« und »erregt« seinen Opfern zuwendet. Die fanonsche Politisierung dieses misslungenen ödipalen Konflikts beziehungsweise der inzestuösen Kränkung reiht sich ein in die klassischen Leugnungen infantiler Sexualität, inzestuöser Objektwahl und schließlich des Unbewussten selbst. Gegen diese revolutionäre Rationalisierung wäre in Anbetracht des Eingedenkens der Natur im Subjekt beharrlich auf dem Motto zu bestehen, welches Freud in der Traumdeutung formulierte: »Travailler comme une bête, d.h. so ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis.«? Dies ist notwendig, damit die Rationalisierung eine erlangte Erkenntnis auf den Begriff bringt und nicht in einer apriorischen Verschleierung die individuellen Entstellungen sedimentiert, statt sie nachzuvollziehen und im Idealfall aufzuheben. Dann jedoch könnte sich die Motivation der »guten/kritischen weißen AntirassistInnen« weit weniger altruistisch oder politisch darstellen.

Das gemeine Unglück meint bei Freud eben nur die notwendige Gleichmacherei der Menschen und keinesfalls das Aufgehen der neurotischen Entität in irgendwelchen Massenbewegungen, die dem Einzelnen zwangsläufig seine Hoffnung auf Glück, aber gleichzeitig sogar sein Recht auf Heilung versagt. Die beständige Gratwanderung Freuds zwischen seinem Beruf als Therapeut auf der einen Seite und seinen Arbeiten als Kulturkritiker auf der anderen kommt am besten zum Ausdruck in der von Freud selbst formulierten primären Aufgabe der Psychoanalyse, nämlich neurotisches oder »hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen das letztere werden [s]ie sich mit einem wiedergenesenden Seelenleben besser zur Wehr setzen können.«? Fanons Analysen hingegen können weder den kritischen noch den therapeutischen Errungenschaften der Psychoanalyse gerecht werden. Jede der Darstellungen bietet eine reine Affirmation des Beschriebenen statt einer kritischen Verurteilung.

Die Psychoanalyse Fanons ist eine politische und gerade deshalb unwahre. Die Deutung bricht nahezu immer dort ab, wo sie Erkenntnisse bringen könnte, die nicht dem revolutionären Pathos entsprechen und der Befreiungsideologie schaden würden. Die von ihm selbst aufgeworfene Frage, inwieweit oder vielmehr ob er überhaupt einem leidenden Patienten zu einer realistischen Einschätzung seiner Situation verhelfen würde, verneint er gegen das Realitätsprinzip und somit gegen seinen konkreten Patienten: »Eben nicht! Das werde ich nicht! Ich werde ihm sagen: das Milieu, die Gesellschaft sind verantwortlich für deine Mystifizierung. Das Übrige kommt dann von allein, und man weiß, worum es geht.«? Ja, man weiß, worum es geht. Es gibt nur einen Kanal, durch den die negative Energie abgeführt werden kann: »Auf der individuellen Ebene wirkt die Gewalt entgiftend.«? In einer grandiosen revolutionären Übertragungsleistung verordnet Fanon militante Entsublimierung und deren brutale Resultate als kollektive Gruppenselbsttherapie.

Verständnis brachte dafür vor allem Jean-Paul Sartre auf, der das berühmte und nur in wenigen Kreisen berüchtigte Vorwort zu Die Verdammten dieser Erde schrieb. In gewisser Weise stellt dieses die weiße Kehrseite zu Fanons Theorie dar, insofern Sartre im gleichen Maße, in dem Fanon gemeinschaftliche Gewalt und kollektiven Stolz verordnet, den Weißen die Scham lehrt: »Habt den Mut ihn [Fanon] zu lesen, aus diesem ersten Grund, daß er euch beschämen wird, und weil die Schande, wie Marx gesagt hat, ein revolutionäres Empfinden ist.«? Diese beiden radikal Stolzen beziehungsweise Beschämten verkennen jedoch, dass die Hypostasierung einer Regung ihren Gegensatz nicht einfach aufhebt. Vor allem bei Sartre ist in seinem ganz dezenten Wechseln zwischen »wir« und »ihr/sie« sehr deutlich zu erkennen, dass er sich heimlich doch zu den Guten, also zu den Verdammten dieser Erde, zählte. Schließlich ist es genau diese Ambivalenz, welche in der heutigen kritisch-weißen Linken zum Tragen kommt und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Wohngemeinschaften und Politgruppen, die sich ständig ungefragt als »dominant/mehrheitlich, ausschließlich/... weiß« betiteln, zumindest formell jenen Kollektiven gleichen, die »white power« oder »white pride« für sich in Anspruch nehmen. In der Lust am Weißsein, sei es aus purem Stolz, dem immer auch Scham beigestellt ist, weil man merkt, die angebliche weiße Überlegenheit nicht gerade vorteilhaft zu repräsentieren, oder aus Stolz auf die eigene militante Scham, finden sich diese Banden für ihre jeweiligen konformistischen Revolten zusammen. Ihr grundlegendes Ideal ist, wie Sartre – wenn auch mit etwas anderem Bezug – richtig registriert, jedoch keineswegs kritisiert, »weder ein Zustand noch ein bestimmter Komplex von Lastern und Tugenden, intellektuellen und moralischen Eigenschaften, sondern eine ganz bestimmte affektive Haltung gegenüber der Welt.«? Der Affekt, der das Subjekt gleichsam überkommt, benötigt zwingend eine Abfuhr, soll er sich nicht als »eingeklemmter« zu hysterischen Störungen auswachsen. Bei Fanon vollzog sich diese Abfuhr über die »emanzipatorische Gewalt.« Die heutigen antirassistischen Adepten Fanons stehen allerdings vor dem grundlegenden Dilemma, dass sie die heiße Phase der Dekolonisation schlichtweg verpasst haben und sich die Wut über die Verdammung zur Ohnmacht nicht unmittelbar abreagieren kann. Gewisse Teile der Szene scheinen dies eher als Pech statt als Glück der späten Geburt zu empfinden und die Sehnsucht nach dem vergangenen Aufstand verlangt nach einem neuen Objekt. Was eventuell übertrieben klingen mag, zeigt sich jedoch recht deutlich in den aktionistischen Ersatzhandlungen der heutigen Protagonisten. Allzu oft stehen nur diese zur Verfügung, um auf die zugrunde liegende Affekthaltung zu schließen.

Getreu der fanonschen Gewalttherapie versucht man also das Vergangene einzuholen und nimmt den Kampf auf neuem Terrain wieder auf. Es ist ein alter Wunsch, der sich hier offenbart: »Nicht, ein Kolonialherr werden, sondern den Platz des Kolonialherren einzunehmen.«? Dieser Platz wird in (post-)strukturalistischer Theorie zum Sprechort, begründet und abgesichert durch die Psyche. Jacques Lacan, der die Linguistik de Saussures in Freuds Ausführungen wiederzuerkennen meint, postuliert: »Das Unbewusste ist strukturiert als eine Sprache.«? Er selbst sagt dazu: »In Wirklichkeit ist meine Lehre ganz einfach die Sprache, absolut nichts anderes.«? Nicht die Erfahrung der Lebensnot oder die väterliche Kastrationsdrohung sind für Lacan die konstituierenden Momente der Ontogenese, sondern das Spiegelstadium, also das erste Selbsterkennen im Spiegel und die dualistische Spaltung des Subjekts in der Sprache. Freuds Erkenntnis, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus sei, führt bei ihm nicht zur Anerkennung der Ohnmacht und der Forderung »Wo Es war, soll Ich werden.« Was Freud an anderer Stelle sehr anschaulich in dem Bild des Reiters ausdrückt, der sein Pferd beherrschen soll, wird von Lacan in verschärfter Form auf das In-der-Sprache-wohnen Heideggers? übertragen: »Nicht nur wird der Mensch in die Sprache geboren, sondern er wird auch durch die Sprache geboren«? und der Mensch erscheine schließlich als ein bloßer »Signifikanteneffekt«?. Lacan versteht die Geburt nicht im klassischen Sinne als Bruch oder als erste Erfahrung der Lebensnot, sondern postmodern als allmähliches Werden, als Aushandlung von Identitäten. Um sich und die Welt zu ändern, gilt es also zunächst die Sprache zu beherrschen und ändern. Wie mittlerweile allgemein bekannt ist, bedeutet dieses Beherrschen der Sprache jedoch keineswegs, vernünftig lesen, schreiben oder sprechen zu können, sondern vielmehr die energische Kapitulation vor eben diesen Anforderungen. Das Widerstreben der Sprache gegen die Aneignung durch den Einzelnen oder gar das Kollektiv hat die französische Philosophie so nachhaltig getroffen, dass sich Georges Bataille anscheinend dazu genötigt sah, die Formulierung »Holocaust der Wörter«? zu gebrauchen, um diese »Erkenntnis« des linguistic turn angemessen auszudrücken.

Sartre und Lacan bilden zwar zwei gegensätzliche Lager der französischen philosophischen Landschaft der Nachkriegszeit, treffen sich aber gerade in ihrem Bezug auf die Sprache, also in gewisser Weise in der Verschiebung des Fetischcharakters der Ware auf die Sprache. Besonders Sartre bewundert in seinem erfahrungsfeindlichen Dauerengagement diejenigen, die »diese Sprache sprechen, um sie zu zerstören, da der Unterdrücker bis in die Sprache, die sie sprechen, präsent ist.«? Die Dekolonisation der Sprache ist postkolonialer Krieg im Feindesland und dementsprechend strategisch gestaltet sich das Vokabular sowie die Praxis der Kombattanten: Rufe nach Interventionen, Suche nach Verbündeten, Forderung eines verschwiegenen Korpsgeistes im Falle kritischer Einwände und Gehorsam gegenüber den durch Betroffenheit berechtigten Autoritäten. Da dieser Kampf sowohl in und mit der Sprache als auch gegen die Sprache geführt wird, verwirklicht er eben jene fanonsche Parole der »absoluten Praxis«. Bei der alle und alles verpflichtenden Einheit von objektiver Ideologie und subjektiver Rationalisierung in den postmodernen Theorien handelt es sich letzten Endes um eine Radikalisierung der linken Halbbildung, die die rohen Verbote und Befehle sowie das übergriffige Verlangen nach Nähe oder vielmehr nach Identifikation schließlich bündelt. Zum einen ist die »affektive Haltung gegenüber der Welt« einfach nur ein Zustand der Dauerempörung. Zum anderen jedoch kann man hier wiederum mit Sartre »von einem engagierten und sogar automatischen Schreiben sprechen.«? Automatische Kritik ist jedoch nichts anderes als vorbewusstes Urteilen und somit ein Oxymoron. Statt Kritik handelt es sich um ein permanent erregtes Lauern auf Signalwörter in der zur Kommunikation degradierten Sprache, welche endlich den wütenden Aufschrei als Abfuhr rechtfertigen. Der Jargon der charismatischen Betroffenheit verdoppelt das individuelle Leid, statt es anzugehen und verlangt von jedem zwanghaft die gleiche Härte, die man gegenüber sich selbst an den Tag legt. Denn das Leiden ist politisch und als solches kostbar, da erst die Betroffenheit zum Sprechen und Schreiben beruft. Leiden und Betroffenheit werden zur Währung – zur Königsware der Linken.

Antirassistische Sprachpolitik

Würde diese Linke erkennen, dass die Politisierung der Psyche und der Sprache eher Technisierung als Beherrschung bedeutet, könnte sie auch begreifen, dass sich ihre eigene Kommunikation in keiner Weise von der ganz gewöhnlichen kleinbürgerlichen Beamtensprache unterscheidet. Indem man beispielsweise beständig erläutert, wieso man etwas so oder so formuliert, formatiert oder sagt, erlangt jede Schrift den Charakter von Ratgeber- oder vielmehr Ordensliteratur, welche bei den autoritätshörigen Lesern auf ein dankbares und auf Anwendung erpichtes Publikum stößt. Es gilt jedoch vor allem den allgemeinen Szenesprachwandel innerhalb linker Kreise zu kritisieren, der eben nicht nur dort wirkt, wo er forciert wird. Im harten Kern der Sprachideologen kann man das Dilemma natürlich am deutlichsten herausstellen. Dort herrscht eine Vorstellung von Sprache, die durch und durch magisch ist. Es wird unterstellt, dass Sprache funktioniere wie das göttliche Wort, das schafft, was es benennt – dass also das Wesen einer Sache unmittelbar aus ihrer Bezeichnung hervorgehe.

Für die Darstellung des magischen Denkens in diesem Sprachaktivismus eignen sich besonders zwei Standardwerke der Szene. In Mythen, Masken und Subjekte erläutern die Herausgeberinnen ihre Strategie, durch die »Großschreibung von Schwarz (auch in der adjektivischen Verwendung)« und die Klein- sowie Kursivschreibung von weiß, »um den Konstruktcharakter markieren zu können und diese Kategorie [also: »weiß«] ganz bewusst von der Bedeutungsebene des Schwarzen Widerstandpotenzials, das von Schwarzen und People of Color dieser Kategorie eingeschrieben worden ist, abzugrenzen.«? Als Platzhalter für die reine Denkfaulheit avancierte dieses Zitat zum einleitenden Standardrepertoire von »kritischen« Hausarbeiten in geisteswissenschaftlichen Studiengängen. Der Sammelband ist zudem in drei Teile gegliedert; schwarze Autorinnen konnten ihre Text im ersten Teil, weiße im letzten Teil des Werkes platzieren. Die mitgelieferte Begründung erlaubt einen tiefen Einblick in diese Gesinnung: »Analog zu dieser Struktur werden auch die drei Schwarzen Herausgeberinnen vor der weißen Herausgeberin genannt, [um] die auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft strukturell und diskursiv verankerte weiße Dominanz und Ressourcenbindung zu zähmen.«? Die Vorstellung des »Zähmens« von Weißem bzw. Weißen ist eben so ernst zu nehmen wie infantile Allmachtsphantasien, die glücklicherweise in den meisten Fällen an der Realisation scheitern.

Ein weiteres Beispiel ist die Studie Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Ein kritisches Nachschlagewerk. Im Endeffekt handelt es sich hier um einen neoinquisitorischen Index, welcher unzählige Begriffe, wie »Häuptling«, »primitiv«, »Kannibalismus«, »Stamm«, »zivilisiert«, »Barbarei«, »Fetisch« und endlose mehr aus der Sprache streichen möchte. Auch hier bedient man sich einer emanzipatorischen Schreibweise, indem für die abzustrafenden Begriffe »eine lediglich einmalige Nennung« erfolge. »Für die Dekonstruktion der entsprechenden Lemmata dienen stattdessen Abkürzungen, Umschreibungen oder gegebenenfalls Fußnoten, sodass die Wörter ›gefiltert‹ auftauchen und eine kritische Distanznahme sowohl zu den jeweiligen Begriffen selbst als auch zu den historischen Quellen optisch wie inhaltlich sichtbar bleibt.«? Auch die kindliche Schau- und Zeigelust, die sich im Ringen um Sichtbarkeit in der Sprache ausdrückt, ist nicht einfach nur als die Spinnerei einiger Weniger zu kritisieren, die sie ist. Die von ihr ausgehende Gefahr liegt in der Verbreitung des neuen linken Jargons und noch viel mehr in der barbarischen Gewalt, die sie seit Fanon transportiert. Im Vergleich zur scheinbaren Harmlosigkeit des infantilen Spiels mit der Welt und der Sprache hat man es hier mit Menschen zu tun, die zu einem gewissen Maß über die Mittel zur brutalen Verwirklichung ihrer Regungen verfügen und von denen aus diesem Grund schon ein Mindestmaß an Triebbeherrschung erwartet werden muss. In diesem Sinne: Habt den Mut, Fanon und Konsorten zu lesen, auf dass sie euch beschämen mögen und auf dass sich eine Szene endlich aus Fremdscham von ihnen abwende.

 

Paulette Gensler

Die Autorin lebt in Berlin.

 

Fußnoten

  1. So beruht beispielsweise die Starrheit mit der Roswitha Scholz ihre Annahme der Wertabspaltung aufrechterhält zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Behauptung eines »androzentrisch-gesellschaftlichen Unbewussten«, von dem sie selbst jedoch immer wieder einschränkend erwähnen muss, es noch »nicht genügend entwickelt« zu haben. Vgl. Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus, Bad Honnef 2000, 63.
  2. Frantz Fanon, Schwarze Haut, weiße Masken, Wien 2013, 12f.
  3. Ebd., 18.
  4. Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Frankfurt a.M. 1985 57 [Herv. P.G.].
  5. »Die private Rationalisierung, der Selbstbetrug des subjektiven Geistes, ist nicht dasselbe wie die Ideologie, die Unwahrheit des objektiven.« Ebd., 116.
  6. Ebd.
  7. Fanon, Schwarze Haut, 98.
  8. Ebd., 142.
  9. Ein starkes Ich ist dabei keineswegs zu hypostasieren, sondern vielmehr als Notwendigkeit für die Einrichtung einer Welt, die keine Ich-Stärke mehr verlangt, zu betrachten. Die generelle Ich-Schwäche der heutigen Zeit ist jedoch, anders als es Fanon und andere nahelegen, historisches Resultat, das als solches zur Kritik stehen muss und nicht als etwas Widerständiges fehlgedeutet werden darf.
  10. Fanon, Schwarze Haut, 169.
  11. Ebd., 172.
  12. Katharina Klingan sei an dieser Stelle für den Hinweis gedankt, dass im Gegenzug beispielsweise Goethe in den »Wahlverwandtschaften« für psychische, subjektive Vorgänge in den Charakteren die Begriffe »un-« und »vorbewusst« nahezu in ihrer späteren freudschen Entsprechung verwendet.
  13. Fanon, Schwarze Haut, 136.
  14. Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt a.M. 1981, 74.
  15. Recht aktuell ist in diesem Kontext die Veröffentlichung von Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin 2014.
  16. Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 72.
  17. Ebd., 31.
  18. Ebd., 72.
  19. Ebd., 76f.
  20. Ebd., 40.
  21. Vgl. Fanon, Die Verdammten diese Erde, 213ff.
  22. Ebd., 215.
  23. Ebd., 217.
  24. Vgl. ebd., 137 bzw. 247.
  25. Ebd., 216f.
  26. Ebd., 232f.
  27. Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Frankfurt a.M. 2009, 514.
  28. Ders., Studien über Hysterie, Frankfurt a.M. 1991, 321.
  29. Fanon, Schwarze Haut, 196.
  30. Ebd., 77.
  31. Jean-Paul Sartre, Vorwort, in: Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 13.
  32. Jean-Paul Sartre, Schwarzer Orpheus, in: Ders., Schwarze und weiße Literatur, Hamburg 1984, 65.
  33. Ebd., 44.
  34. Lacan meint, dass Freud in seinen grundlegenden Schriften über Träume, Versprecher und Witze ausschließlich die Sprache zum Gegenstand habe. Dem muss zum einen entgegengehalten werden, dass gerade die Alltagspathologien, aber auch die Traumdeutung und das Werk über den Witz voller nichtsprachlicher Erscheinungen sind. Zum anderen erwähnt Freud mehrmals, dass dem Unbewussten vor allem in dem Versuch, sich sprachlich auszudrücken, immense Grenzen gesetzt sind. Das, was bei Freud im therapeutischen Rahmen noch als Not erscheint und durch die freie Assoziation aufgehoben werden soll, erhebt Lacan zum Ideal seiner eigenen konfusen Vorstellungen.
  35. Jacques Lacan, Meine Lehre, Wien 2008, 37.
  36. Ebd., 34.
  37. Hier sei die Frage vermerkt, inwieweit es nicht vielleicht gerade die von Lacan registrierte »Beschränktheit« der deutschen Sprache ist, die zu einer dialektischen Betrachtung von »Ich«, »Arbeit« und »Wert« zwingt und die bloße Spaltung in Dualismen (je/moi, labour/work, value/worth, aber auch gender/sex statt Geschlecht) versagt.
  38. »Die Sprache ist das Haus des Seins.« Martin Heidegger, Über den Humanismus. Frankfurt a.M. 1949, 5.
  39. Lacan, Meine Lehre, 35.
  40. Ebd., 89.
  41. In der deutschen Übertragung wird in verfälschender Sensibilität ausschließlich von dem »Opfer der Worte« gesprochen.
  42. Sartre, Schwarzer Orpheus, 52. Edward Said hat zu dieser Thematik mit seiner 1978 erschienen Arbeit »Orientalism« weitere Schritte zu einer Festigung dieses Halbwissens beigetragen. Durch seinen theoretischen Bezug auf Foucault und Gramsci würde eine Beschäftigung mit ihm den Rahmen jedoch sprengen.
  43. Sartre, Schwarzer Orpheus, 61.
  44. Susan Arndt/Maureen Maisha Eggers/Grada Kilomba/Peggy Piesche (Hgg.), Mythen, Masken und Subjekten. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2009, 13.
  45. Ebd., 11.
  46. Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard, Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster 2011, 16.