»Vom Kommunismus soll schweigen, wer von Stalinismus nicht reden will!«

Warum tun sich Linke mit einer radikalen Kritik an der DDR so schwer? Und was meint überhaupt: »radikal«?

»Vom Kommunismus soll schweigen, wer von Stalinismus nicht reden will!« – dieser Satz bringt Sinn und Zweck einer linken Kritik an der DDR auf den Punkt. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, eine Zukunft jenseits von Kapitalismus und jenseits der diktatorischen Gesellschaften des Ostens, die ich hier unter Stalinismus fasse, zu entwerfen. Wir müssen ihre Natur erkennen und einen Gegenentwurf diskutieren, der sich von beiden Gesellschaften gleichermaßen und prinzipiell unterscheidet. Eine linke Kritik an der DDR hat also den Sinn und Zweck, uns die Möglichkeit zu eröffnen, Kommunismus mit den Erfahrungen der Diktaturen des Ostblocks neu zu denken.

Und hier liegt der fundamentale Unterschied zu einer rechten, das meint hier: pro-kapitalistischen Kritik an der DDR: Sie wird mit dem Ziel betrieben, den Nachweis zu erbringen, dass es absurd ist, überhaupt über eine kommunistische Perspektive nachzudenken. Man sehe ja an der DDR, wohin es führt, wenn KommunistInnen die Macht ergreifen. Konservative KritikerInnen an der DDR meinen aufzeigen zu können, dass sich mit diesem Gesellschaftstyp die Frage nach einer Alternative zum Kapitalismus erledigt hätte. Sie gehen noch weiter und verunglimpfen all jene als gefährliche UtopistInnen, die damals wie heute nach Alternativen suchen.

Die Schwierigkeit im Umgang mit solchen Ideen besteht darin, dass rechte KritikerInnen, auch die sogenannten TotalitarismustheoretikerInnen, durchaus den Finger auf die Wunden legen und zum Teil scharfe Analysen liefern, die nicht ignoriert werden können. Stattdessen – und hierin sehe ich eine erste Ursache für die Unfähigkeit großer Teile der Linken, eine radikale Kritik an der DDR zu leisten – reagieren Linke reflexartig mit Empörung und Ablehnung auf diese Kritik, bestreiten die Fakten und behaupten einfach das Gegenteil. Sie argumentieren nicht und können auf diese Weise auch keinen eigenen Standpunkt entwickeln. Ein bekanntes Beispiel stellen die Debatten um den Charakter der DDR als aus totalitarismustheoretischer Sicht »durchherrschter Gesellschaft« dar. Statt sich daraufhin dem Herrschaftscharakter der DDR analytisch zu zuwenden, um dem ausschließlich politischen Verständnis von Herrschaft eine am Marxschen Gesellschaftsbegriff geschulte Betrachtung entgegenzusetzen, werden Bilder von der »Nischengesellschaft« erinnert, als wären diese der Beweis dafür, dass es »so totalitär« und »so schlimm« gar nicht gewesen sei in der DDR. Auf diese Weise wird die Linke zu keiner qualifizierten Einschätzung des von der SED-Führung so genannten real existierenden Sozialismus kommen.

Der Mythos vom guten Anfang …

 Die Entstehungsgeschichte der DDR wird bis heute von einem Großteil der Linken nicht in ihrer realen historischen Dimension begriffen. Dieser diskutiert die DDR-Gründung gern – selbstredend im Ergebnis auch kritisch – als Idee, die zur Wirklichkeit wurde, als kommunistisches Ideal, welches nun Staatsform angenommen hätte. Aber Geschichte ist nicht die mehr oder weniger gelungene Materialisierung von Ideen, sondern ein lebendiger Prozess von Macht- und Kräfteverhältnissen. Und die sahen nach 1945 bezogen auf die Frage nach der Natur der DDR so aus: Deutschland war unter den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges aufgeteilt, den Ostteil, die spätere DDR, bekam die Sowjetunion, welche sogleich damit beginnen ließ, das eigene Gesellschaftsmodell in der SBZ/DDR aufzubauen. Dieses Gesellschaftsmodell war ein diktatorisch-zentralistisches und auf absolute Vorherrschaft der Partei ausgerichtetes Gebilde. Um solche monopolistischen Strukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen errichten und reibungslos reproduzieren zu können, brauchte es einen bestimmten Typ von Funktionär, in diesem Fall tatsächlich beinahe ausschließlich männlich: Der in der kommunistischen Partei, namentlich in der SU-Emigration, oder in den sowjetischen Antifa-Schulen ausgebildete Funktionär brachte jene Eigenschaften in besonders ausgeprägter Weise mit; seine parteilich autoritäre Sozialisation entsprach genau der in der SBZ/DDR nach 1945 aufzubauenden Herrschaftsstruktur.

Die deutsche ArbeiterInnenbewegung – vor 1933 eine starke Bewegung mit langer Tradition – bestand jedoch nicht nur aus den stalinistisch sozialisierten Mitgliedern und Funktionären der kommunistischen Partei. Es gab auch andere KommunistInnen, es gab die KPO, es gab SozialdemokratInnen und eine starke Gewerkschaftsbewegung mit unterschiedlichsten Richtungen. Deren FunktionärInnen und Mitglieder engagierten sich nach 1945 auch in der SBZ. Im Vorbereitungskomitee eines neu zu gründenden Gewerkschaftsverbandes arbeiteten z.B. zahlreiche gestandene SozialdemokratInnen; in den Territorien und in den Betrieben halfen GewerkschafterInnen, KommunistInnen und andere politisch engagierte Menschen, das Nachkriegschaos zu ordnen, Entnazifizierungen wurden vorgenommen und Interessenvertretungsstrukturen für ArbeiterInnen und Angestellte aufgebaut. In den Betrieben der SBZ ordneten Betriebsräte das Nachkriegschaos und etablierten Selbstverwaltungsstrukturen.

 Diese Vielfalt antifaschistischer Bewegungsformen und engagierter Personen unterschiedlicher politischer Traditionen war jedoch bereits Anfang der fünfziger Jahre im Großen und Ganzen auf das dann bis 1989 existierende strukturelle und personelle Grundmuster reduziert. Der einer monopolistischen Parteistruktur entsprechende Funktionärstyp hatte bald alle wichtigen Ämter in den staatlichen und gewerkschaftlichen Institutionen besetzt; Basisorganisationen wie die genannten Betriebsräte, aber auch die spontan entstandenen Antifa-Komitees, waren seit 1949 bzw. seit 1945 verboten. Bis Anfang der fünfziger Jahre gab es über 800 000 freiwillige und unfreiwillige Parteiaustritte aus der 1946 gegründeten SED, die nun zu großen Teilen aus einem jungen, häufig in der NS-Zeit sozialisierten Funktionärskörper bestand. Die Terrorkampagnen gegen TrotzkistInnen, TitoistInnen, RäteKommunistInnen, AnarchistInnen, SozialdemokratInnen, ZionistInnen und alle nicht linientreuen KommunistInnen sind voller politischer und persönlicher Dramatik gewesen, waren doch alle angetreten, eine bessere Welt aufzubauen. Es lohnt sich, entsprechende Zeitzeugenberichte zur Kenntnis zu nehmen und sie nicht in der Sprache der stalinistischen »Sieger« als »Renegaten« abzutun.

Zur »Realität«, respektive zur Macht, gekommen war nach einem kurzen Prozess am Ende lediglich eine Richtung der kommunistischen und ArbeiterInnenbewegung, nämlich deren stalinistischer, moskauhöriger Flügel. Nicht erkannt und benannt zu haben, dass das Herrschaftssystem in der DDR aus der Unterdrückung jeglicher unabhängiger Richtungen der ArbeiterInnenbewegung hervorgegangen war, scheint mir ein weiteres Hindernis für eine radikale linke Kritik an der DDR.

Damit soll nicht gesagt werden, dass – obgleich die Geschichte wohl anders verlaufen wäre – die Dominanz etwa der SozialdemokratInnen in der frühen DDR die Chance einer »wirklichen« kommunistischen Entwicklung eröffnet hätte. Mitnichten! Hier geht es lediglich darum zu begreifen, dass nach 1945 in der DDR nicht eine sozialistische Entwicklung ihren Anfang genommen hatte, der durch die historischen Umstände etwa des so genannten Kalten Krieges zunichte gemacht wurde, sondern, dass mit der Übertragung des stalinistischen Systems auf die SBZ/DDR zu keiner Zeit eine Alternative zu einer privatkapitalistischen Gesellschaft verbunden war.

In der Diskussion wurde ich wiederholt auf den Faktor »nationalsozialistische deutsche Bevölkerung« hingewiesen, den ich als eine entscheidende Ursache für die nach 1945 eintretende Entwicklung in der DDR unterschlagen würde. Tatsächlich ist die Beschreibung dieser Bevölkerung, die eben noch Hitler zugejubelt, einen Krieg »verloren«, sich nur wenige Wochen später freudig der Siegerin Sowjetunion zur Verfügung gestellt und in Kürze alles Mittun vergessen hatte, eine politisch und kulturell fast unglaubliche Geschichte. Im Rahmen der Fragestellung nach dem sozialistischen Charakter der Entwicklung in der SBZ/DDR spielt sie jedoch nur insofern eine Rolle, als dass hier nicht zuletzt angesichts der Stalinschen Versöhnungspolitik mit dem »deutschen Volk« und der Strategie der Einbindung ehemaliger »kleiner Nazis« in den Aufbau der neuen Gesellschaft ein hoher Grad an mentaler Kontinuität zu registrieren ist. Sehr vereinfacht gesagt: Die im Nationalsozialismus sozialisierte Bevölkerung passte gar nicht so schlecht in das neue diktatorische Regime – mit einer anderen Bevölkerung, die selbstbewusst ihre emanzipatorischen Vorstellungen von einer neuen Gesellschaft formuliert hätte, wäre die Übertragung des sowjetischen Modells sicher nicht so reibungslos verlaufen.

Die Ignoranz »bürgerlicher Rechte« …

Spätestens seit dem 17. Juni 1953 hätte für die ZeitgenossInnen erkennbar werden können, dass mit der DDR kein alternativer Entwicklungsweg zu einer kapitalistischen Gesellschaft eingeschlagen worden war. Die streikenden ArbeiterInnen waren nicht nur gegen die Normerhöhung, sie wollten das ganze Ulbricht-Regime zum Teufel jagen; es war entgegen allen offiziellen Beschwörungen nicht »ihr Staat«. Guckt man sich die Losungen vom Juni 1953 genau an, sieht man, dass sie keine Forderungen nach einer faschistischen Restauration enthalten, auch keine nach der Re-Privatisierung bereits verstaatlichter Betriebe, sondern solche Rechte einklagten, die sie eigentlich mit der DDR-Gründung erwartet hatten: freie, von der Partei unabhängige Gewerkschaften, Streikrecht, Versammlungsrecht, Presse- und Meinungsfreiheit. Das waren in der deutschen ArbeiterInnenbewegung längst erkämpfte »bürgerliche Rechte«, die der stalinistische Staat DDR eliminiert hatte oder richtiger: an die er nach der NS-Zeit nicht wieder anknüpfte.

 An dieser Stelle möchte ich meine dritte Argumentation zu den Ursachen einer fehlenden wirklich radikalen linken Kritik entwickeln: Die Linke hat mehrheitlich die positive Bedeutung solcher bürgerlichen Rechte nicht erkannt; sie hat darum auch nicht begreifen können, was es für die DDR-Gesellschaft insgesamt bedeutete, dass solche Rechte nicht vorhanden waren. Das ist ein Grund dafür, dass sie sich nie ernsthaft mit den Folgen einer fehlenden Interessenvertretung für ArbeiterInnen und Angestellte in der DDR auseinandergesetzt hat, sich nicht empörte, als 1968 das Streikrecht endgültig aus der Verfassung der DDR gestrichen wurde und nie die Forderung aufstellte, dass ArbeiterInnen und Angestellte sich bei Bedarf auch in der DDR versammeln dürfen müssen, um ihre Anliegen diskutieren zu können. Solche Forderungen haben Linke lieber der bürgerlichen Propaganda überlassen und die Nase gerümpft, wenn in den Westmedien von »Meinungsfreiheit für unsere Ostzonenarbeiter« die Rede war. Anders gesagt, sie hat zwar mit Recht deren ambivalenten Charakter hervorgehoben – »Freiheit, für wen?« – die historische Bedeutung der bürgerlichen Freiheitsrechte für ihre Einschätzung des »realen Sozialismus« jedoch unterschlagen.

 Allerdings will ich es mir nicht zu einfach machen und wenigstens noch hinzufügen, dass ich selber erst 1989 im Zuge meiner Bemühungen, eine unabhängige gewerkschaftliche Basisbewegung (IUG) ins Leben zu rufen sowie im Rahmen meiner historischen Arbeiten zur DDR auf eben dieses Problem aufmerksam geworden bin. Jetzt erst wurden mir die Defizite bewusst, die solche fehlenden Erfahrungen, sich versammeln oder eine Öffentlichkeit nutzen zu können, für widerständiges Verhalten nach sich ziehen. Es wurde für mich im Herbst 1989 zu einem Schlüsselerlebnis, in den Versammlungen der IUG auf Beschäftigte zu treffen, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort in ihrem Interesse ergriffen.

Vor allem im Ergebnis meiner Untersuchungen über die Situation in den Betrieben der DDR in den siebziger und achtziger Jahren habe ich feststellen können, welche verheerenden Folgen es für den Betriebsalltag und für das Verhalten von ArbeiterInnenn in der DDR letztlich hatte, ohne die von der ArbeiterInnenbewegung historisch bereits erkämpften Standards auskommen zu müssen. Die Generation, die nach 1945 in der SBZ/DDR arbeitete, kannte diese ihre Rechte noch und klagte sie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ein. In den Verhörprotokoll der Staatssicherheit mit den GewerkschafterInnen, die nach dem 17. Juni 1953 verhaftet wurden, kann man lesen, dass sich die Angeklagten keiner Schuld bewusst waren und wiederholt darauf verwiesen, dass sie nur das gewerkschaftliche Recht auf Streik wahrgenommen hätten. Tatsächlich stand dieses Recht noch in der Verfassung der DDR und wurde erst 1968 daraus gestrichen. Längst jedoch waren Streiks, Protestversammlungen oder andere Demonstrationen faktisch verboten, was allen angesichts der Verhaftungswellen nach 1953 und des Umgangs mit Streikenden in den folgenden Jahren auch klar war.

 Auf welche Art und Weise konnten nun ArbeiterInnen in der DDR ihre Interessen ohne das Druckmittel des Streiks durchsetzen, ihren Forderungen nach Löhnen oder besseren Arbeitsbedingungen Gehör verschaffen? Der FDGB, quasi eine Staatsgewerkschaft, war für die Produktionssteigerung zuständig, nicht dafür, den Widerstand der ArbeiterInnen zu organisieren. Die Beschäftigten in der DDR griffen bald auf das weniger risikovolle und auch erfolgreichere Mittel des individuellen Widerstandes bzw. der individuellen Interessendurchsetzung zurück: Das persönliche Gespräch mit dem Meister, die Androhung einer Kündigung und das Verfassen einer Bittschrift in Form einer Eingabe wurden massenhaft praktiziert und waren übliche Verhaltensweisen, um in der DDR eine betriebliche Forderung durchzusetzen. Das Erlebnis eines kollektiven Widerstandes und eines gemeinsamen, solidarischen Vorgehens gegen Entscheidungen der Betriebsleitung verschwand in den siebziger und achtziger Jahren völlig aus dem Erfahrungs- und Erlebnisschatz von DDR-ArbeiterInnen. Die oft zitierte »Nischenkultur«, der Rückzug in die Privatsphäre, das »Sich-Durchwurschteln«, aber auch eine ausgeprägte Kleine-Mann-Ideologie, die nichts mehr vom Selbstbewusstsein einer Arbeiterklasse der Vorkriegszeit an sich hatte, bestimmten die Atmosphäre in den Betrieben und unter den ArbeiterInnen und Angestellten. Nicht nur, aber auch als Folge einer fehlenden ArbeiterInnenbewegungskultur war die ArbeiterInnenschaft in der DDR am Ende weitgehend atomisiert. Diese fehlenden ArbeiterInnenrechte, die ich hier unter bürgerliche Rechte subsumiert habe, mögen nicht der einzige Grund für den beschriebenen Zustand der DDR-ArbeiterInnenschaft gewesen sein. Sie haben jedoch den Charakter der Herrschaft insgesamt entscheidend geprägt, zumal an ihre Stelle keine anderen (geschweige denn über bürgerliche Formen hinausgehende) Partizipationsmöglichkeiten getreten waren. Eine zwar mehrheitlich gegen die herrschende Staatspartei eingestellte, aber widerstandslose Bevölkerung, die sich in den Verhältnissen eingerichtet hatte, bestimmte dieses Herrschaftsverhältnis.

Die kritische Haltung der Linken gegenüber den, wie ich es hier nenne, bürgerlichen Rechten und ihr aktueller Kampf gegen die Verlogenheit solcher liberalen Selbstzuschreibungen wie der von der »freiheitlichen Gesellschaft« hat offensichtlich dazu geführt, dass sie weder die historische noch die aktuelle Bedeutung von »ArbeiterInnen- und Bürgerrechten« für den emanzipatorischen Kampf um eine alternative Gesellschaft wahrhaben will. Angesichts der geschilderten Erfahrungen mit der DDR würde ich demgegenüber den Gedanken von der Wichtigkeit bürgerlicher Rechte deutlich weiter treiben und die Frage stellen wollen: War die DDR bezogen auf eine reale Chance für Emanzipation auf Grund dieser Defizite nicht eher ein gesellschaftliches Rücklaufmodell? Und ist die Wahrnehmung bürgerlicher Rechte – wie ambivalent auch immer – nicht eine historische Voraussetzung für eine Entwicklung, die über die kapitalistischen Strukturen hinausweist? Eine positive Antwort würde einige linke Einschätzungen der revolutionären Ereignisse von 1989 infrage stellen, ein Diskussionsverbot ist dennoch keine Antwort.

Das Unverständnis, Vergesellschaftung als Prozess zu denken …

Vielleicht am meisten verbreitet ist unter linken KritikerInnen der DDR die folgende Auffassung: Tatsächlich hätte es – so sagen sie – in der Realität wenige bis gar keine ordentlich funktionierenden Mitbestimmungs- und Partizipationsmöglichkeiten gegeben – welche sie zu Recht als wesentliche Merkmale einer Gesellschaft ansehen, die sich die Emanzipation des Menschen auf die Fahnen geschrieben hat. Diese KritikerInnen beschreiben zum Beweis die diversen Mitmach-Hindernisse im Betrieb und in der übrigen Gesellschaft. Sie erinnern daran, dass die Redebeiträge auf den Betriebsversammlungen hohl klangen, was darauf schließen lasse, dass die ArbeiterInnen und Angestellten hierin keine wirklichen Beteiligungsmöglichkeiten sahen. Dieselben KritikerInnen aber verteidigen den Gedanken, dass mit der Aufhebung des Privateigentums und der Verstaatlichung der Produktionsmittel in der DDR »an sich« strukturelle mithin juristische Bedingungen jenseits des Kapitalverhältnisses geschaffen worden waren, die eine durchaus gute Voraussetzung für Emanzipation gewesen seien. »Die Menschen haben diese Strukturen nicht genutzt« oder » Die ökonomischen Strukturen sind nur ungenügend durch demokratische Strukturen ergänzt worden«, heißt es.

Wo liegt hier das Problem, was ist fragwürdig an dieser Auffassung? Die als »Aufhebung des Privateigentums« bezeichnete Verstaatlichung in der DDR wird nach dieser Lesart nicht problematisiert; es wird nicht gefragt, ob und welche emanzipatorischen Vorzüge eine derartige Verstaatlichung überhaupt hatte und ob mit dem juristischen Titel des »Volkseigentums« – in der Realität Staatseigentum – tatsächlich die Voraussetzungen für ökonomische Ausbeutung und eine entfremdete Arbeit verschwunden waren? Viele Linke geben sich mit dem Titel »sozialistisches Eigentum« zufrieden und fragen nicht danach, welche realen Prozesse von tatsächlicher, praktischer Aneignung diesen Titel rechtfertigen könnten. Damit befinden wir uns an der Wurzel radikaler Kritik an der DDR und an den Gesellschaften stalinistischen Typs überhaupt. Es ist die Infragestellung eines fast zur heiligen Kuh gewordenen linken Essentials, das »Verstaatlichung« und »Vergesellschaftung« synonym setzt und die DDR wenigstens »objektiv« auf dem richtigen alternativen Weg sieht, der »subjektiv« noch nachhinke.

 Ich würde dagegensetzen, dass die undemokratischen Strukturen, die hier angeprangert werden, durchaus kein »Fehler« des Systems, sondern integraler Bestandteil einer derart zentralistisch verfassten Gesellschaft wie der DDR waren. Ich würde weiter zu bedenken geben, dass jede Form von Emanzipation, jeder kleine Ansatz, den angeblichen Fehler zu beseitigen, unweigerlich das ganze Gebäude hätte zusammenbrechen lassen, wie im Sommer und Herbst 1989 dann auch zu beobachten war. Und ich würde konsequenterweise den Schluss ziehen, dass eine derartige Verstaatlichung, wie sie in der DDR praktiziert worden ist, kein Schritt hin zu einer Alternative war. Es drängt sich im Gegenteil der Gedanke auf, ob die völlige Abwesenheit bestimmter bürgerlich-demokratischer Strukturen und Regeln wie ein Streik- oder Demonstrationsrecht, eine Organisations- und Versammlungsfreiheit nicht sogar als Rückschritt gesellschaftlicher Entwicklung gewertet werden müsste? Daran schließt sich die nicht mehr nur theoretische, sondern für politisches Handeln höchst brisante und folgenreiche Frage an, ob dieser Typ von Verstaatlichung, wie ihn die DDR und andere Ostblockstaaten repräsentierten, eine günstigere oder eher ungünstigere Voraussetzung für die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse darstellte? Immerhin hat dieser Typ von Verstaatlichung trotz oder wegen seiner zentralistischen und undemokratischen Natur eine weit weniger starke Differenzierung in arm und reich und ein hohes Maß an gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen für den größten Teil der DDR-Beschäftigten hervorgebracht. Sind das per se gute Voraussetzungen für einen antikapitalistischen Entwicklungsweg? Die jeweilige Antwort hat Konsequenzen für die Einschätzung auch der jüngsten (deutschen) Geschichte. Wer über sozialistische Alternativen nachdenkt, muss sich solche gesellschaftstheoretisch schwierigen und aktuell politisch höchstbrisanten Fragen stellen.

 

~Von Renate Hürtgen.Der Artikel stellt eine überarbeitete Fassung eines Vortrags dar, der im Rahmen einer Veranstaltung der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX): »Was war die DDR? Zur Kritik an der realsozialistischen Gesellschaft« am 22. September 2009 im Conne Island Leipzig gehalten wurde. Die Autorin ist Zeithistorikerin am ZZF in Potsdam. Im Oktober erschien: Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Angestellten in der DDR im Verlag Westfälisches Dampfboot. In der DDR war sie in der Opposition aktiv.

Fußnoten

  1. Vgl. Wolfgang Leonhard, Die Revolution entlässt ihre Kinder, 5. Auflage, Köln 1992.
  2. Thomas Klein, »Für die Einheit und Reinheit der Partei.« Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln 2002; Wilfriede Otto: Visionen zwischen Hoffnung und Täuschung. Statistische Anlagen zur innerparteilichen Entwicklung der SED, in: Thomas Klein u.a.: Visionen Repression und Opposition in der SED (1949-1989), 2. überarbeitete Auflage. Frankfurt Oder 1997, 496-513.
  3. Hermann Weber, Geschichte der DDR, erweit. Neuausgabe, München 1999.
  4. Christoph Jünke, Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln 2007.
  5. IUG = Initiative für eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung, gegründet von 12 Oppositionellen in der DDR im Oktober 1989 zur Unterstützung einer erwarteten betrieblichen Bewegung. Den Aufruf der Initiative verlas Heiner Müller am 4. 11. 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin.
  6. Renate Hürtgen, Konfliktlösungsstrategien ohne Öffentlichkeit: Individualisierung respektive Privatisierung der Interessendurchsetzung in den siebziger und achtziger Jahren, in: dies., Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauenslaute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln Weimar Wien 2005, 247-298.
  7. Regina Bittner, Der kleine Mann – Paradoxien und Ambivalenzen einer ostdeutschen Arbeiterfigur vor und nach der Wende, in: Renate Hürtgen/ Thomas Reichel, Der Schein der Stabilität. DDR-Betriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2001, 217-228.
  8. Vgl. Bernd Gehrke, 1968 – das unscheinbare Schlüsseljahr der DDR, in: Bernd Gehrke/Gerd-Rainer Horn (Hrsg.): 1968 und die Arbeiter. Studien zum proletarischen Mai in Europa, Hamburg 2007, 120-127.
  9. Renate Hürtgen, Vergesellschaftung und Partizipation oder: Was findet man auf der Suche nach sozialistischen Alternativen im VEB, in: PROKLA 155 (2009), 325-343.