Unzuverlässige Kämpfer

Intellektuelle als Objekte und Subjekte von Politik

Am Ende ihres Lebens legen die Intellektuellen die Hände in den Schoß. Nachdem sie vor Jahren noch eine ordentliche Professur ergattert haben, eine der letzten, können sie nun schmunzelnd auf die Irrungen und Wirrungen ihrer politischen Existenz blicken. Was man so las, haben sie gelesen, alle Moden mitgemacht, alle Illusionen geteilt, alle Fehler begangen, erst an Adorno, dann an Marcuse, dann an Mao, dann an Max Weber und schließlich an gar nichts mehr geglaubt, sich in Politgruppen über einen Satz im Kapital bis aufs Messer gestritten, versucht, erst die Proletarier und Proletarierinnen, dann die Kolleginnen und Kollegen und schließlich nur noch die Doktorandin oder den Doktoranden zu agitieren. Gebracht hat zwar alles nichts, aber das Leben ging glimpflich vorüber und die Grünen gäbe es ohne sie gewiss nicht.

Einen solchen desillusionierten, durchaus amüsanten Rückblick bietet Helmut Lethen in seiner Suche nach dem Handorakel. Das Büchlein beginnt mit der Feststellung, es habe sich doch gut getroffen, dass er und andere ihre aggressive Energie in K-Gruppen verpuffen ließen. Man denke, was sonst hätte passieren können! Mord und Totschlag! Außerdem wisse man doch, »dass einige der Kader nach Auflösung ihrer Partei als Realos eine vernünftige Rolle in der Partei der Grünen spielten.« Er behauptet, »dass die K-Gruppen der Bundesrepublik objektiv gesehen gutgetan« haben.

Dann lässt er seinen Blick voller Genugtuung über seine Handbibliothek schweifen. Lethen hat immer das gelesen, was alle anderen auch gelesen haben, also in den Fünfzigern Adorno, Benjamin und Mitscherlich, in den Sechzigern H.M. Enzensberger und Kluge, sodann die üblichen roten Klassiker, wenn auch Marx eher oberflächlich, in den Siebzigern war man, schon ganz Realo, nah an Carl Schmitt, milderte das Ganze mit Theweleit und Kittler ab, nahm Foucault noch zur Kenntnis und war am Ende (aber Lethen wohl nicht mehr) bereit für Niklas Luhmann.

Immer der Herde nach

Die deutschen Intellektuellen nach dem Krieg folgten ihrem Herdentrieb. Mal waren sie alle skeptisch, dann waren sie alle kritisch, dann waren sie alle kommunistisch, dann wurden sie alle sensibel und schließlich waren sie alle grüne Genießer und Genießerinnen sowie bewusste Konsumentinnen und Konsumenten, erst Kettenraucher und Kettenraucherin, dann Frischluftfanatiker und Frischluftfanatikerin. Für die Generation danach (meine eigene) gilt das genauso. Ich kenne keine Intellektuellen in meinem Alter, die nicht mit 20 Adorno und Arno Schmidt gelesen hätten. Danach blieben die einen bei diesem Programm, ergänzten es vielleicht noch mit Goethe und Hacks, und gingen in die FAZ oder zur ZEIT. Die anderen lasen (in dieser Reihenfolge) Walter Benjamin, Gilles Deleuze, Giorgio Agamben und Bruno Latour und wurden mit einer Juniorprofessur belohnt.

Diese immer gleichen Abläufe machen stutzig. Zugegeben, damit eine intellektuelle Diskussion aufkommt, sollte ein Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin ungefähr wissen, was die anderen gelesen haben. Aber dass einem nie jemand über den Weg läuft, der, meinetwegen, von Arendt auf Averroës oder von Augustinus auf Althusser gekommen ist, frustriert. Denn es bedeutet erstens, dass unter deutschen Intellektuellen die Neugier äußerst schwach ausgebildet ist, und zweitens, dass Kritik jeweils bloß eine vorübergehende Phase ihres Milieus ist. Denn Adorno und Mao haben ihnen nicht die Erkenntnis, sondern die Peer Group aufgedrängt. Kritik und Protest waren kein Gebot der Einsicht, sondern der Gruppenmoral. Und irgendwann kommt dann Luhmann daher und schreibt, dass Protest nichts als ein Code der Protestierenden sei. Und dann sagen sie, nicht zu Unrecht, aha, so ist das bei uns auch.

Lethen zieht nach dieser intellektuellen Biographie das nicht allzu überraschende Fazit: »Was die Politik betrifft, nahm ich mir auf die Reise in die folgenden Jahrzehnte drei Sätze aus einer Notiz von Brecht aus den 20er Jahren mit, deren Fortführung ich strich: ›Ich will zum Beispiel leben mit wenig Politik. Das heißt, ich will kein politisches Subjekt sein. Aber das soll nicht heißen, daß ich ein Objekt von viel Politik sein will.‹«

Er ist so freundlich, die von ihm gestrichene Fortführung in einer Fußnote nachzutragen: »Da aber die Wahl nur lautet: Objekt von Politik zu sein oder Subjekt, muß ich wohl Politik machen, und die Menge davon bestimme ich auch nicht selber. Es ist bei dieser Sachlage wohl möglich, daß ich mein ganzes Leben zubringen muß in politischer Betätigung und es sogar dabei verliere.«

Lethen kann sich getrost die erste Hälfte des brechtschen Bekenntnisses zu Eigen machen, für viele andere gilt allein die zweite. Ein Mann in saturierten Verhältnissen, ein emeritierter Professor, ist relativ selten Objekt von Politik. Er leidet vielleicht darunter, dass die Fahrradwege in seinem Ort nicht ausgebaut werden, und sieht sich genötigt, eine entsprechende Petition zu unterschreiben. Dass sich Näherinnen oder Näher in Bangladesch für T-Shirts in deutschen Ladenketten zu Tode schuften, empört ihn, aber seine empfindliche Haut verträgt diese billigen Hemden sowieso nicht.

Für prekär Beschäftigte, für einen Migranten oder eine Migrantin, für eine Körperbehinderte oder einen Körperbehinderten oder auch für einen Gefangenen oder eine Gefangene gilt das alles nicht. Sie alle sind, ob sie es wollen oder nicht, Objekte von Politik. Entweder der Politik des Staates oder der Gemeinde, die ihnen beispielsweise lebensnotwendige Mittel vorenthalten, oder irgendeiner kapitalistischen Klitsche, von der sie nach Strich und Faden ausgebeutet werden. Einem solchen Objekt von Politik und Wirtschaft kann nur empfohlen werden, zu einem politischen Subjekt zu werden, allein schon, weil es mit diesem Akt bekundet, an seinem Elend nicht selbst schuld zu sein.

Verleugneter Egoismus

Intellektuelle gehören, auch wenn sie wie Lethen aus einfachen Verhältnissen stammen, eher selten zu dieser zweiten Gruppe. Sie gleichen den Adligen, die sich der Französischen Revolution anschlossen, weil sie die Ungerechtigkeit der eigenen Klasse nicht länger ertrugen, vielleicht auch mit der Zeit gehen wollten. Die meisten dieser Adligen ließen aber Revolution und Politik spätestens mit dem Terreur wieder fallen, wenn sie nicht ohnehin hingerichtet worden sind. Deshalb schrieb Ronald M. Schernikau: »wer nicht aus egoistischen motiven revolutionär ist, wird immer ein unzuverlässiger kämpfer bleiben. der marquis de sade war der revolution noch treu, als auch unter ihr er wieder im gefängnis saß.«

Das wirft die Frage auf, ob Intellektuelle zuverlässige Kämpfer oder Kämpferinnen sein können. Schernikau würde als Kriterium dafür das (egoistische) Interesse einfordern. Was für ein Interesse haben Intellektuelle am politischen Kampf? Helfen sie anderen oder sich selbst?

Helfen sie anderen, ist es ihnen kaum zu verdenken, dass sie sich irgendwann sagen: »Nun habe ich Stunden, Tage, Wochen mit nutzlosen Diskussionen vertrödelt, habe die Verdammten dieser Erde zum Aufstand aufgerufen, bin von ihnen nicht gehört worden, habe Flugblätter verfasst und verteilt, die keiner lesen wollte, habe meine Beförderung verpfuscht, bin möglicherweise sogar vom Verfassungsschutz abgehört worden – nun ist es genug und ich will einmal etwas für mich tun.«

Sind sie aber prekär beschäftigt, Leiharbeitende, Migrantin oder Migrant, Körperbehinderte oder Gefangene, wissen sie nicht, wo sie das Geld für das Nötigste hernehmen sollen, und werden sie in ihrer Wohnung regelmäßig morgens um fünf Uhr von Razzien heimgesucht, dann haben sie nicht nur einen guten, egoistischen Grund, politisch aktiv zu werden, auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie zuverlässig aktiv bleiben, wächst enorm. Sie sind wie der Marquis de Sade ein Objekt der Politik, das zu einem politischen Subjekt wird. Français, encore un effort, si vous voulez être républicains!?

Intellektuelle in Aktion

Leider ist aber mit ihrer Zuverlässigkeit noch nicht sichergestellt, dass der Beitrag der Intellektuellen zum politischen Kampf von hohem Wert ist. Es machte sich die Sache viel zu leicht, wer behauptete, Prof. em. Dr. phil. Helmut Lethen habe nur von den Spiegelfechtereien seiner Klasse zu berichten. Denn jede und jeder, die oder der sich jemals in politischen Gruppen engagiert hat, weiß von ähnlicher Zeitverschwendung zu berichten, von ähnlich idiotischen Grabenkämpfen, von ähnlich falschen Analysen und Aktionen.

Was war denn der Beitrag der deutschen Intellektuellen zum politischen Kampf seit den sechziger Jahren? Die Antwort Lethens – »Realos« – fällt läppisch aus. Denn wenn das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes um soziale Gerechtigkeit die Einführung des Dosenpfands wäre, müsste man sich betrogen fühlen. Indem Lethen einen einstigen Feind, den deutschen Staat, nun einen Freund nennt, wird aus seinem Unvermögen, dem Feind etwas anhaben zu können, ein Freundschaftsdienst. So könnte ein Hacker oder eine Hackerin sagen: »Ich habe euch doch nur angegriffen, um euch zur Verbesserung eurer Sicherheitsstandards zu zwingen.« Das ist etwas für originelle Konformistinnen und Konformisten.

Also noch einmal: Was war der tatsächliche Beitrag der Intellektuellen? Intellektuelle Beiträge wirken unterschwellig, sind kaum messbar. Dennoch scheint es nicht übertrieben, zu vermuten, dass die Intellektuellen zu dem sehr Wenigen, was in den letzten Jahrzehnten politisch erreicht worden ist, höchstens die Begleitmusik gespielt haben. Das gilt für den Feminismus und den Kampf gegen die Homophobie ebenso wie für den für die Migrantinnen und Migranten. Dass sich heute sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine kontrollierte Einwanderung nach Deutschland einsetzt, lässt sich nicht etwa darauf zurückführen, dass sie heimlich linke Zeitschriften lesen würde oder ihr Günter Grass etwas ins Ohr geflüstert hätte, sondern auf den demographischen Wandel, der neue ökonomische Bedingungen schafft. Auch hat der Neoliberalismus mehr zur Befreiung der Schwulen beigetragen als sämtliche deutschen Intellektuellen, die sich um die Minoritäten ohnehin lange Zeit nicht geschert haben.

Aber, wieder anders gefragt: Können die Intellektuellen denn überhaupt etwas zum politischen Kampf beitragen? Lethen erzählt, der Politologe Ossip K. Flechtheim habe ihm gesagt: »Glauben Sie im Ernst, dass Ernst Thälmann den Benjamin gelesen hat, oder Bloch, oder Horkheimer? Western-Heftchen hat der gelesen, Western-Heftchen!« Da mag das in Deutschland verbreitete anti-intellektuelle Ressentiment mitschwingen, aber die Bemerkung ist andererseits unmittelbar einleuchtend. Wird ein Intellektueller gebraucht, um ein Flugblatt zu formulieren, einen Streik zu organisieren, eine Petition zum Erfolg zu führen oder eine Partei zu gründen? Ist für diese praktische Politik nicht eine Praktikerin oder ein Praktiker viel besser geeignet? Und was hilft Theorie in der Praxis? – Nein, nicht beim Verständnis der Praxis, sondern bei der Ausführung konkreter Operationen.

Der pragmatische Vorbehalt

Kann es nicht sogar sein, dass Intellektuelle manchmal im Wege stehen? Der linke Filmhistoriker Günter Peter Straschek schreibt: »Mit Jean-Marie St(raub) und Danièle H(uillet) der Meinung, dass in Westeuropa, entstünde eine revolutionäre Situation, linksradikale Intellektuelle aus Sicherheitsgründen für ein paar Monate in Gewahrsam gebracht werden müssten. Zu Nutzen des Erfolgs. Diese radikalen Linksintellektuellen sind ein Risiko insofern, als sie von einer enormen Unpraktischheit sind und dies durch Nurbeschlüssemachen und sonstiges Herumtheoretisieren wettzumachen versuchen. Man kann und möge sie nach dem Sieg vorsichtig verwenden, während der bewaffneten Auseinandersetzung jedoch ausschalten: sie können kein Gewehr halten, haben von Technik keine Ahnung, sind ohne praktische Erfahrung: sie würden herumstehen oder Pamphlete schreiben. Ein Blick in die Geschichte der sozialistischen Bewegung einzelner Länder bezeugt, dass dieser Vorschlag keine Ungeheuerlichkeit vorstellt.«

Wer pragmatische Ansprüche erhebt und Politik auf das Pragmatische verengt, wird die Intellektuellen früher oder später ausschließen oder gleich »in Gewahrsam nehmen«. Der pragmatische Vorbehalt scheint der Hauptgrund dafür zu sein, weshalb es nach dem Krieg nicht mehr zu einem nennenswerten intellektuellen Leben in Deutschland gekommen ist. Wer immerzu Taten und nicht bloß Worte sehen will, der hört den Worten bald nicht mehr zu. Die Wirkungslosigkeit der deutschen Intellektuellen erklärt sich aus ihrer Angst vor der Wirkungslosigkeit. Wieso sollten Worte nichts bewirken? Kann uns nicht schon ein einziger Satz lehren, die Dinge anders zu sehen?

Wer die Dinge anders sieht, hat sie nur virtuell geändert. Aber jeder wahren Änderung geht eine virtuelle voraus. Als ihr Orden Sor Juana Inés de la Cruz einer mexikanischen Nonne des 17. Jahrhunderts das Lesen und Schreiben verbot, das sich für Frauen nicht schicke, habe sie, so erzählt sie, aus den Ansichten des klösterlichen Schlafsaals im Kopf die Regeln der Perspektivik berechnet, beim Spielen mit Kindern geometrische und beim Kochen chemische Experimente durchgeführt. Sie konnte nicht anders, als immerzu zu denken, und das heißt, wenigstens gedanklich die Welt auf den Kopf zu stellen und unaufhörlich zu erweitern, weit Abgelegenes miteinander zu verbinden und Funken aus Widersprüchen zu schlagen. Sie ist eine Frau, die einen auf Ideen bringt, und vielleicht sollte von einem Intellektuellen oder einer Intellektuellen nicht mehr, aber auch nicht weniger erwartet werden.

 

~ Von Stefan Ripplinger.

Fußnoten

  1. Helmut Lethen, Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht, Göttingen 2012, 12. Für den Hinweis danke ich Felix Klopotek.
  2. Niklas Luhmann, Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, hrsg. von Kai-Uwe Hellmann, Frankfurt a.M. 1996.
  3. Ebd., 127.
  4. Ronald M. Schernikau, die tage in l. / darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur, Hamburg 1989, 45 f.
  5. Donatien Alphonse François de Sade, La Philosophie dans le boudoir, Œuvres complètes, III, Paris 1965, 478–489.
  6. Lethen, Suche, 98.
  7. Günter Peter Straschek, Straschek 1963–74 Westberlin, in: Filmkritik 212 (1974), 339–391, 388.
  8. Sor Juana Inés de la Cruz, Antwort an Sor Filotea de la Cruz, in: dies., Erster Traum, Übertragen von Fritz Vogelgsang, Frankfurt a.M. 1993, 97–159, 131 ff.