Über Die Dynamik der europäischen Rechten

Den 70. Jahrestag des Überfalls des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Republik Polen nahm das Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus zum Anlass, um auf einer Tagung über die historischen und gegenwärtigen rechten Strömungen Europas zu debattieren. Aus den Tagungsbeiträgen entstand das Buch Die Dynamik der europäischen Rechten – Geschichte, Kontinuitäten und Wandel. Auch wenn das Werk aus 17 zum Teil völlig distinkten und eigenständigen Beiträgen besteht und keine gemeinsame Definition zur Frage, was heute eigentlich »Rechts« bedeutet, anstrebt, so lässt sich die Antwort auf diese Frage aus der Summe der einzelnen Beiträge doch ableiten: Eine eindeutige und klar abgrenzbare Definition gibt es nicht, aber mit den Zustandsbeschreibungen antisemitisch, -demokratisch, -liberal, -modern, -westlich, -amerikanisch, kulturpessimistisch und gegenaufklärerisch hält man die wesentlichen Parameter zur Charakterisierung der (extremen) Rechten in der Hand.
Die Klammer des Buches wird durch einen kurz gehaltenen Überblick über den Stand der Faschismusforschung gebildet. Zeev Sternhell eröffnet die Diskussion und das Buch mit seiner bekannten These vom historischen Faschismus als extremer Form der Gegenaufklärung und zugleich paneuropäischem Phänomen. Während Roger Griffin im letzten Beitrag des Buches aufzeigt, wie sich in der Faschismusforschung die Erkenntnis durchsetzte, dass Faschismus als eine eigenständige Ideologie anzusehen ist »und nicht als ein Sonderfall, der sich hauptsächlich über seine Negation, Organisationsformen, oder Stil und Ästhetik definierte«, sondern selbst eine »utopische Vision eines idealen Gesellschaftszustandes« lieferte und liefert.
Das Herzstück des Sammelbandes bilden zwei klar voneinander getrennte inhaltliche Blöcke. Im ersten Part geben die Autoren und Autorinnen Einblicke in die (extrem) rechten Gruppierungen und Erscheinungsformen verschiedener Staaten (Ungarn, Polen, Russland, Deutschland, England, Frankreich, Schweiz). Im zweiten Abschnitt werden zum einen Antiamerikanismus und Antisemitismus als Ideologien unabhängig von möglichen Länderspezifika näher betrachtet. Daran schließen sich Beiträge zu Ethnopluralismus, den Verbrechen an den Roma im Nationalsozialismus und dem ambivalenten Verhältnis der Rechten zum Islam an.
Der Sammelband über Die Dynamik der europäischen Rechten ist sowohl gut aufgestellt in der Bandbreite der Themenauswahl als auch tief gehend in der analytischen Schärfe. Die heraus stechende Qualität des Buches als umfassender, zugleich aber nicht oberflächlicher Sammelband ist aber auch seine Schwäche. Denn die Breite und Tiefe des Buches kommt erst durch die Kombination der einzelnen Beiträge zustande. Die Unterteilung der Beiträge in Texte, die empirisch die europäische Rechte auf Länderspezifika hin untersuchen, und eine zweite Variante von Texten, die sich den Phänomenen der rechten Strömungen Europas auf einer theoretischen Ebene widmen, tut vor allem der länderspezifischen Variante von Texten nicht gut. Die Beiträge zu den einzelnen europäischen Staaten mögen für die Forschung zwar essentiell sein, da sie die empirische Basis für politische Schlussfolgerungen bilden, für den oder die Nichtexperten/in stellen sie aber eine trockene Faktensammlung mit unzähligen Jahreszahlen und Parteikürzeln dar. Das soll die Berechtigung dieser Beiträge und ihre Form nicht in Frage stellen, sondern betonen, dass man schon sehr am Detail interessiert sein muss, wenn man z.B. die Artikel Taktische Zivilisierung der extremen Rechten in Deutschland und Großbritannien oder Inwieweit ist ein Vergleich der rechtskonservativen Kräfte Frankreichs und der Schweiz möglich? liest.
Besonders zu empfehlen sind zwei Beiträge des Buches. Zum einen der Text Deutschland uns Deutschen, Türkei den Türken, Israelis raus aus Palästina von Claudia Globisch, in dem die Autorin zwei wesentliche Eckpunkte der heutigen (extremen) Rechten aufzeigt: Erstens Ethnopluralismus und Kulturalismus sind die gegenwärtigsten Erscheinungsform der Rechten und zweitens bei der ethnopluralistischen Aufteilung der Welt ist kein Platz für Juden und Jüdinnen. Ethnopluralismus ist demnach heute oft mit Antisemitismus verknüpft. Zum anderen ist der Beitrag von Detlev Claussen Ist der Antisemitismus eine Ideologie? sehr lesenswert. Lesenswert deshalb, weil Claussen die Rationalisierung des Antisemitismus durch die wissenssoziologische Forschung kritisiert: »Der Antisemitismus wird auf diese Weise zu einer raison d'être der Sozialwissenschaften«. Und lesenswert auch, weil Claussen der einzige Autor des Sammelbandes ist, der sich von der steifen Wissenschaftlichkeit des Bandes löst und seinen Beitrag in essayistischer Form verfasst.

BRUNO BERHALTER

Claudia Globisch/Agnieszka Pufelska/Volker Weiß (Hrsg): Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel, VS Verlag, Wiesbaden 2011, 317 S., € 39,95.