Über brasilianische Zustände und die Heterogenität der dortigen Linken

Über die Linke in Brasilien zu schreiben ist nahezu unmöglich. Das fängt schon bei der alten Frage an, was überhaupt »links« ist. Hinzu kommt die unglaubliche Größe des Landes, die einerseits zu einer Ausdifferenzierung in sehr unterschiedliche Lebenswelten mit verschie-denstem »Links-Sein« führt und andererseits eine landesweite Koordination und Organisierung aufgrund der enormen Distanzen erschwert. Rein flächenmäßig lässt sich Brasilien mit Europa vergleichen. Dabei dürfte Europa von den Lebensbedingungen her jedoch noch einheitlicher sein als Brasilien. Zudem ist Brasilien eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit weltweit. Es findet sich eine enorme Bandbreite an gesellschaftlichen Gruppen mit verschieden hohen Lebensstandards und den unterschiedlichsten Lebensbedingun-gen. Neben vor allem im Amazonasgebiet lebenden »Jäger- und Sammlergesellschaften« gibt es eine hauptsächlich im Nordosten in feu-dal-ähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen fristende Landbevölkerung und eine vornehmlich an den Küsten und im Süden angesiedelte Stadtbevölkerung, die derjenigen in Europa – bis auf eine extremere Ausprägung der untersten und obersten Klassen – ähnelt. So reichen auch die Kämpfe einer im weitesten Sinne »Linken« von der Verteidigung indigener Lebensräume zur Organisierung der ArbeiterInnen-schaft, der Kritik gentrifizierender Stadtpolitik oder der Veranstaltung von Punkkonzerten.
Nimmt man an Veranstaltungen der autonom/anarchistischen städtischen Linken in Brasilien teil, so lassen sich die Beteiligten bezüglich Style, gesellschaftlichem Hintergrund, Umgangs- und Kommunikationsformen und Politikschwerpunkten beinahe mit denen in Deutschland austauschen. Auch hier kommen viele aus der Mittelschicht, haben einen akademischen Hintergrund, sind gegen Kapitalismus und verfügen leider über wenig wirklichen Einfluss. Es geht allenfalls noch prekärer zu, weil finanzielle Unterstützung fehlt. Dagegen hat die Szene teilweise mehr Verbindungen zu sozialen Bewegungen und Gruppen anderer gesellschaftlicher Klassen als in Deutschland.
Diese autonome Linke bildet jedoch nur einen geringen Teil der brasilianischen Linken, denn auch wenn sie ähnliche Forderungen formulieren, finden sich die meisten in verschiedensten linken Parteien und Gruppierungen, in den sozialen Bewegungen oder in sich gar nicht als links bezeichnenden Gruppen wieder.
Bei vielen Kämpfen spielt die Sicherung der eigentlichen Existenz eine große Rolle, sie finden in einem Klima allgemein hoher Armut und Gewalt statt. So werden jedes Jahr hunderte Menschen bei Landkonflikten ermordet, die indigene Bevölkerung weiterhin direkt durch Morde oder indirekt durch die Bedrohung ihrer Lebensräume dezimiert und in den städtischen Armenvierteln sterben durch Polizei, Milizen oder Gangs so viele Menschen wie anderswo in Bürgerkriegen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum.
In den letzten Jahren hat Brasilien einen enormen Aufschwung erfahren und das ewige »Schwellenland« gilt als eine der zukünftigen Großmächte. Trotz wirtschaftlichen Wachstums und einer zunehmenden Mittelschicht, bleibt die soziale Ungleichheit jedoch enorm. Sie ist eine der höchsten weltweit. Bestimmte Gruppen sind vor allem von Armut betroffen: Kinder und Jugendliche, Indigene und Nicht-Weiße, Arbeitslose, LandarbeiterInnen und informell Arbeitende.
Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit bestimmter benachteiligter Gruppen trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen vom wirt-schaftlichen Wachstum zu profitieren und sozial »aufzusteigen«, ist gering. Daran hat sich auch mit den linken Regierungen nichts geändert. Der soziale Ausschluss armer Bevölkerungsgruppen, vor allem von AfrobrasilianerInnen, hat sich in den letzten Dekaden trotz Verbesserung der Bildungsniveaus und Armutsbekämpfungsprogrammen sogar noch verschlimmert.

Brasiliens Verständnis von Diskriminierung

In Brasilien herrscht der Mythos der »Rassenmischung«, laut Statistikinstitut IBGE gelten 43,8 Prozent der Bevölkerung als »pardos« (»Mulatten«). Die Kolonisatoren vergewaltigten vorurteilsfrei jede, die ihnen über den Weg lief. Bei den SklavenhalterInnen war es üblich, ihren »Besitz« durch eigene Sklavenproduktion zu vermehren. Daher hätten alle BrasilianerInnen angeblich etwas von allen »Rassen« und es gäbe keinen wirklichen Rassismus. Trotz dieses Mythos gibt es jedoch inzwischen in der Verfassung Antidiskriminierungsparagraphen und es wurden Mindestquoten für schwarze Studierende an den Universitäten eingeführt. Die Existenz von Diskriminierung wurde also durchaus anerkannt, das Problem aber noch nicht gelöst.
Ein Grund für die Benachteiligung von AfrobrasilianerInnen ist sicherlich die Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe. Hinzu kommen sonstige Bedingungen, die zu sozialem Ausschluss führen. AfrobrasilianerInnen sind überdurchschnittlich oft arm. Arme Menschen werden häufiger Opfer von Gewalt, leben häufiger in illegalen und informellen Siedlungen (Favelas), werden daher auch häufig aufgrund ihres Wohnorts als potentiell »kriminell« diskriminiert und leiden häufiger unter mangelnder Infrastruktur, wie fehlender Gesundheitsversorgung, schlechte Schulen, etc. Mit einer mangelnden Ausbildung bekommen sie wiederum schlechtere oder keine Jobs und es gibt kaum einen Ausweg aus dem Armutskreislauf.
Erst 1888 wurde die Sklaverei abgeschafft. In abgelegenen Gegenden sind zwar noch sklavereiähnliche Zustände anzutreffen, viel weitreichender ist jedoch die Benachteiligung, die viele NachfahrInnen der ehemaligen SklavInnen bis heute zu spüren bekommen. Oft ist die Kritik am Rassismus daher gekoppelt an eine Kritik an den Bedingungen und Folgen von Armut allgemein. Dem Kampf gegen Rassismus und der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen widmen sich daher viele Linke in Brasilien.
Wie fast überall ist neben Rassimus auch Sexismus ein großes Problem. Die Geschlechterrollen sind in Brasilien noch sehr starr, es herrscht ein starker Sexismus. Homophobie ist ebenso weit verbreitet. Mit Dilma Rousseff steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze des brasilianischen Staates. Zwar sind in Brasilien viele Frauen trotz des weit verbreiteten Machismos auch in höheren Positionen tätig, dies geht aber nur dank der Hausangestellten. Fast jeder Mittelschichtshaushalt hat eine Putzfrau oder ein Kindermädchen, die Vereinbarung von Familie und Beruf klappt also meistens nicht, weil der Mann auch seinen Teil macht, sondern weil Hausangestellte billig zu haben sind.
Ein weiteres Merkmal der brasilianischen Gesellschaft sind die Spuren, die die Militärdiktatur (1964-1985) hinterließ. Die für die öffentliche Sicherheit zuständige Militärpolizei (PM, Polícia Militar) geht auf die Diktatur zurück und ist nicht zimperlich im Umgang mit Demonstrierenden, aber auch sonstigen Verdächtigen. Die Gesellschaft ist nach wie vor recht autoritär und hierarchisch aufgebaut und die Angst vor Verfolgung lähmt anscheinend weiterhin kritisches politisches Engagement vieler Menschen. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen und Folgen der Militärdiktatur ist dennoch kein spezifisch linkes Thema, sondern beschäftigt eher allgemeine Menschenrechtsgruppen.
Obwohl es einige Parallelen zu deutschen oder europäischen Linken bezüglich politischer Schwerpunkte gibt, schaffen die erwähnte Gewalt, extreme soziale Ungleichheit und autoritäre Strukturen natürlich andere Ausgangsbedingungen für gesellschaftliche Kämpfe in Brasilien.
Viele dieser Kämpfe finden zunächst aus direkter Betroffenheit statt. Ein Beispiel sind die ständigen Streiks. Vor kurzem erregten die streikenden Feuerwehrleute im Bundesstaat Rio de Janeiro Aufsehen. Da sie als Angehörige des Militärs eigentlich gar nicht streiken dürfen, kidnappten sie ihre Vorgesetzten und besetzten das Hauptquartier. Die zur Aufstandsbekämpfung hinzugezogene Militärpolizei weigerte sich gegen die Kameraden vorzugehen und so griff schließlich die Spezialeinheit BOPE (Batalhão de Operações Policiais Especiais, bekannt aus dem Film Tropa de Elite) ein, die einem anderen Kommando untersteht. Mehrere hundert Feuerwehrleute wurden festgenommen. Interessanterweise solidarisierten sich weite Teile der Gesellschaft, u.a. Gewerkschaften, streikende LehrerInnen und TaxifahrerInnen mit den Inhaftierten. Neben verschiedenen Demonstrationen signalisierten rote Bändchen an Autos, Geschäften und anderen Orten Solidarität mit den Feuerwehrleuten. So kann die Forderung der Streikenden nach einer höheren Entlohnung und besseren Arbeitsbedingungen und der Widerstand gegen Autoritäten zwar irgendwie als links bezeichnet werden, die sonstige Mobilisierung jedoch kaum.
Andere Beispiele für nicht als »links« wahrgenommene Praktiken und Organisierung, die dennoch die gesellschaftliche Ordnung stören und für mehr (soziale) Gerechtigkeit eintreten, sind z.B. Gruppen in Favelas, die sich gegen staatliche Gewalt und Diskriminierung und für die Wahrung von Menschenrechten und bessere Infrastruktur einsetzen.
Eine andere Bewegung, die viele sich nicht unbedingt als links bezeichnende Menschen mobilisieren konnte, forderte unter dem Namen Passe Livre kostenlosen Transport, bzw. günstige Tarife öffentlicher Verkehrsmittel. Die Transportkosten sind tatsächlich sehr hoch und belasten beispielsweise Studierende, vor allem aber Geringverdienende der Peripherie, die weite Arbeitswege auf sich nehmen müssen. Diese Kämpfe der unmittelbar Betroffenen führen natürlich nicht immer über eine Kritik an niedrigen Löhnen, teuren Tickets, etc. hinaus, es finden sich aber auch Hinweise auf eine generelle Kritik am Kapitalismus. Besonders deutlich wird dies aktuell bei Gruppen, die gegen Phänomene der städtischen Aufwertungs- und Sicherheitspolitik, wie Vertreibung informell Arbeitender, Gentrifizierung, Räumungen, etc. kämpfen. Die von Vertreibung oder Mietsteigerungen direkt Betroffenen sind deswegen nicht links, die sich formierende Kritik nennt aber sehr wohl die verschiedenen Folgen der Stadtpolitik in einem Zusammenhang mit und als Folge des Kapitalismus.
Der Kontakt mit »linken« Ideen und eine dahingehende Politisierung findet daher manchmal erst während der Teilnahme an be-stimmten Kämpfen statt. Obwohl Brasilien eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit ist und die meisten BrasilianerInnen diese erkennen und meist auch verurteilen, sehen sie die Verantwortung für eine Veränderung der Verhältnisse beim Staat, nicht bei sich selbst oder einer basisdemokratischen Organisierung. Dabei wird der Staat zugleich als korrupt und ineffizient wahrgenommen.
Dieses Paradox erklärt vielleicht den erneuten Erfolg der Arbeiterpartei (PT – Partido dos Trabalhadores). Insgesamt führten die linken Regierungen bisher jedoch nicht zu einer Stärkung der außerparlamentarischen Linken. Zwar ist Brasilien bekannt für seine sozialen Mas-senbewegungen, wie die der Landlosen (MST – Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra), die Bewegung gegen die negativen sozialen und ökologischen Folgen großer Staudämme (MAB – Movimento dos Atingidos por Barragens) oder selbst die PT als Sammelbecken vieler Bewegungen, doch trotz emanzipatorischer Ansprüche folgen viele der Mitglieder oft nur den Führungspersonen und sind insgesamt wenig politisiert. Viele soziale Bewegungen und linke Gruppen konzentrieren sich in Wahlzeiten vor allem auf die Unterstützung »ihrer« KandidatInnen und vernachlässigen ihre sonstige politische Arbeit.
Ein weiteres Phänomen ist der coronelismo, der zwar als überwunden gilt, in einigen Gegenden und strukturell im politischen System jedoch noch zu finden ist. Zu Beginn der brasilianischen Republik, die 1889 gegründet wurde, herrschten coronéis, also reiche Großgrundbesitzer, über weite Teile Brasiliens. Sie kauften sich Wählerstimmen im Tausch gegen kleine Geschenke oder durch bloße Einschüchterung und fälschten Wahlen. Dies wiederholte sich auf höheren Politikebenen. Heute kommt es immer noch vor, dass Wählerstimmen für T-Shirts oder, je nach materieller Ausstattung der Wählerschaft, durch den Bau eines Sportplatzes in der Gemeinde o.ä. erkauft werden, ebenso wie Wahlfälschung und Einschüchterung weiterhin praktiziert werden.
In Brasilien herrscht Wahlpflicht. Bei der Bewerbung um öffentliche Stellen und um Dokumente zu beantragen muss man seinen Wahlnachweis vorzeigen. Geht man unentschuldigt nicht wählen, muss man eine Strafe zahlen oder kann bei mehrmaligem Nichtwählen sogar seine zukünftige Wahlberechtigung verlieren. Eine Kampagne der radikalen Linken gegen Wahlen scheiterte vor allem am Mangel an Alternativen. Freiheit und Selbstbestimmung wirken im Vergleich zu den Sanktionen oder Versprechungen anscheinend nicht attraktiv genug.
Seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 haben als »links« eingestufte Parteien fast immer die Wahlen gewonnen. Von den Parteien PMDB (Partido do Movimento Democrático Brasileiro, Demokratische Partei), PSDB (Partido da Social Democracia Brasileira, sozial-demokratisch) und PT, die jeweils das Parlament dominierten, bezeichneten sich die ersten beiden als Mitte-Links und die PT als links. Zusammen mit kleineren linken Parteien konnten sie auch im Parlament die Mehrheit erlangen. Seit 1995 waren – laut Selbstbezeichnung – nur linke PräsidentInnen im Amt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie tatsächlich eine linke Politik machten, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit oder sogar der Abschaffung des Kapitalismus geführt hätte. Sie gewinnen die Wahlen als Linke, aber regieren nicht in diesem Sinne.
Der Sozialdemokrat Fernando Henrique Cardoso machte sich als erfolgreicher Neoliberaler einen Namen. Sein Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silva (Lula) setzte diese Politik zwar weitestgehend fort, verunsicherte jedoch die internationalen Finanzmärkte zunächst als Angehöriger der Arbeiterpartei und ehemaliger Gewerkschaftsführer, was im Wahljahr 2002 in Brasilien zu einer Finanzkrise führte.
Die 1980 noch während der Militärdiktatur gegründete PT bestand aus kämpferischen GewerkschaftlerInnen, AnhängerInnen der Befreiungstheologie und revolutionären Linken. Ihr Ziel war ein demokratischer Sozialismus. Lange Zeit war die PT eng mit der Basis und sozialen Bewegungen wie z.B. der Landlosenbewegung MST verbunden. So setzten die sozialen Bewegungen und viele Linke auch große Hoffnungen in eine PT-Regierung. Diese wurden jedoch enttäuscht als Lula sich vor allem an den Bedürfnissen der Finanzmärkte orientierte und eine Wirtschaftspolitik vertrat, die einer ökologisch und sozial nachhaltigen Entwicklung entgegenstand. Auch die versprochene Landreform wurde nicht wirklich umgesetzt. Hinzu kam 2005 die Aufdeckung eines enormen Korruptionsskandals. Die PT hatte sich die Unterstützung von Abgeordneten anderer Parteien mit Geldspenden erkauft, die sie von Unternehmen erhalten hatte, die wiederum vom Staat begünstigt worden waren. Doch bereits 2003 war es zu einem Bruch gekommen, als einige Abgeordnete und SenatorInnen linker Strömungen innerhalb der PT ihre Zustimmung zur Rentenreform verweigerten, die eine Senkung der indirekten Lohnanteile vorsah. Sie wurden aus der Partei ausgeschlossen. Zusammen mit anderen linken PolitikerInnen gründeten sie schließlich die Partei des Sozialismus und der Freiheit (PSOL, Partido Socialismo e Liberdade), die später auch einige Erfolge verbuchen konnte. Der Großteil kritischer Stimmen versuchte jedoch eine Reform der PT »von innen« voranzutreiben.

Aufarbeitung der Militärdiktatur

Anscheinend haben die Skandale und leeren Versprechungen der PT nicht allzu sehr geschadet. Zumindest konnte sie wieder eine Präsidentin stellen. Seit Anfang des Jahres ist mit Dilma Rousseff eine ehemalige Guerillera im PräsidentInnenamt. Statt ihrer revolutionären Vergangenheit betonte Dilma im Wahlkampf neben ihrer politischen Kompetenz vor allem ihre Rolle als Mutter und den Kampf gegen ihre Krebserkrankung. Unter der Regierung Lula war sie lange Jahre Ministerin und trat bei den Präsidentschaftswahlen auch für die regierende PT an. Während der Militärdiktatur war sie in den linken Untergrundgruppen Colina (Comando de Libertação Nacional – Kommando für Volksbefreiung) und VAR-Palmares (Vanguarda Armada Revolucionária Palmares – Vorhut der Revolutionären Armee Palmares) aktiv, plante bewaffnete Banküberfälle und Entführungen. Sie bestritt jedoch jede weitergehende Beteiligung. Die Militärs hatten Dilma für ihren politischen Aktivismus inhaftiert und gefoltert.
Bisher fand kaum eine Aufarbeitung der Verbrechen der von 1964 bis 1985 dauernden Militärdiktatur statt. Der Militärputsch am 31. März 1964, als Antwort auf einen allzu linken und populistischen Kurs unter der Regierung João Goularts (1961–64), markierte den Beginn der Diktatur. Die Vorgängerregierung hatte demokratische Reformen durchgesetzt und soziale Bewegungen wie die Studenten-bewegung und Bauernverbände gestärkt. Darin sahen die konservative Mittelschicht und die Eliten, die traditionelle Kirche und die USA eine Bedrohung durch den Kommunismus und unterstützten den Militärputsch. Mit ihrer anschließenden »Entwicklungsdiktatur« verfolgten die Militärs das Ziel, Brasilien möglichst schnell auf das Niveau der Industrieländer zu bringen. Es gab riesige Infrastruktur-projekte, die »innere Kolonialisierung« des Landes wurde vorangetrieben und ein Atomprogramm aufgelegt, das den Großmachtsanspruch absichern sollte. Heute noch finden sich viele BefürworterInnen der Militärdiktatur, da sie neben Wirtschaftswachstum vor allem »Ordnung« in die teils chaotischen Zustände des riesigen Landes gebracht hatte. Vergessen werden die Opfer dieser wirtschaftlichen und politischen »Stabilität«. RegimegegnerInnen wurden damals – allesamt als »KommunistInnen« diskreditiert – verfolgt, inhaftiert, gefoltert, entführt und/oder ermordet. Viele kritische KünstlerInnen und PolitikerInnen mussten ins Exil. Es entwickelte sich aber auch eine ländliche und urbane Guerilla, die gegen das Regime zum bewaffneten Kampf aufrief, wie bereits erwähnt im Falle Dilmas.
Neben der Partei Aliança Renovadora Nacional (ARENA) der Militärs war zwar das Oppositionsbündnis Movimento Democrático Brasileiro (MDB), das verschiedene Strömungen vereinte, als Partei zugelassen, von freier politischer Betätigung konnte aber nicht die Rede sein. Ab Mitte der 1970er Jahre setzte ein von den Militärs selbst eingeführter Öffnungs- und Demokratisierungsprozess ein, der schließlich zum Ende der Diktatur mit freien Wahlen führte.
Zwar erhielten einige Opfer der Militärdiktatur oder deren Angehörige inzwischen Entschädigungen, ein 1979 noch unter General João Figueiredo während der Diktatur erlassenes Amnestiegesetz bewahrt jedoch sowohl die mordenden und folternden Militärs als auch damalige RegimegegnerInnen vor strafrechtlicher Verfolgung. Obwohl sie selbst auch für ihre Aktionen während der Militärdiktatur belangt werden könnte, richtete die Präsidentin Dilma Rousseff nach ihrem Amtsantritt dieses Jahr erstmals eine Wahrheitskommission ein. Dies geht auch auf Druck der Gruppe Tortura nunca mais
(Nie mehr Folter) zurück, die seit 1985 für die Aufklärung der Verbrechen, Wahrung der Menschenrechte, Entschädigung der Opfer, etc. kämpft. Allerdings hat die Wahrheitskommission bisher keinen Zugang zu Archiven der Militärdiktatur. Einige Dokumente wurden auch verbrannt, um Spuren zu verwischen.
Doch zurück zur Linken Brasiliens. Ein Hauptindiz für die Verortung politischer Bewegungen ist sicherlich ihr Verhältnis zum Ka-pitalismus, bzw. ihre Art der Kritik daran. Die anarchistische Linke orientiert sich bei ihrem Antikapitalismus häufig an einer D.I.Y.-Kultur und somit dem Versuch, sich aus kapitalistischen Strukturen einfach auszuklinken. Kapitalismuskritik bei Linken in Brasilien paart sich teilweise auch mit Antiamerikanismus und einem plumpen Antiimperialismus.
Bei Barack Obamas Besuch im März gab es verschiedene Proteste. Es traten einige linke Gruppen auf, die in alter antiamerikanischer Manier Obama als Teufel oder größten Terrorist darstellten und die auch die Teilnahme nationalistischer Gruppen an ihrem Demozug nicht abschreckte. Die trotzkistische PSTU (Partido Socialista dos Trabalhadores Unificado – Geeinte Sozialistische
Arbeiterpartei) feierte nach der Festnahme einiger ihrer Mitglieder diese als antiimperialistische Befreiungskämpfer. Daneben kritisierten viele Linke jedoch auch konkret US-amerikanische Wirtschaftspläne im Gepäck Obamas, die nur weitere Nachteile für brasilianische ArbeiterInnen, Umwelt, etc. bringen würden.
Die autonome, »moderne« Linke, die nicht mehr klassischen antiimperialistischen Argumentationen anhängt, weiß meist zwischen Kritik am Kapitalismus und Antiamerikanismus zu unterscheiden.
Obwohl Brasilien selbst bereits unter Imperialismus, vor allem der USA, gelitten hat und noch nicht ganz in der Liga der führenden Industrieländer angekommen ist, bleibt der eigene Imperialismus nicht unbeachtet. So kritisierten brasilianische Linke z.B. die militärische Präsenz in Haiti. Der eigene Staat und sein Großmachtgebahren werden ebenso verurteilt wie der Imperialismus anderer Staaten.
Plumper Antiimperialismus lässt sich immer seltener ausmachen, ein schwieriges Thema bleibt leider aber das Existenzrecht Israels. Hier wird man kaum UnterstützerInnen für die Existenz des Staates finden. Die palästinensische Seite erfährt dagegen mehr Wohlwollen. Die PalästinenserInnen gelten als die ebenfalls unterdrückten Brüder und Schwestern. In der Regierungspolitik näherte sich der Ex-Präsident Lula dem Iran und Venezuelas antisemitischem Hugo Chávez an und auch in linken Verschwörungstheorien tauchen antisemitische Stereo-type auf.
Ein wichtiges Forschungsinstitut zum Thema Antisemitismus in Brasilien ist Arqshoah, ein Archiv zur Erforschung von Brasiliens Haltung zur Zeit der Shoah und gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Es untersucht u.a. den Antisemitismus unter Getúlio Vargas (Präsident von 1930 bis 1945). Inoffiziell wurde damals z.B. mit klar antisemitischen Begründungen die Einreise jüdischer Flüchtlinge verboten. Das Institut beschäftigt sich allerdings eher mit historischen Fällen von Antisemitismus, allgemein ist das Thema keines, das in der brasilianischen Linken besonders viel diskutiert wird. Historisch und gesellschaftlich bedeutender sind die postkoloniale Situation und die Folgen der Sklaverei, sowie die Ausrottung der indigenen Bevölkerung.
Trotz der erwähnten mangelnden Bereitschaft zur Selbstorganisierung und der weit verbreiteten Erwartungshaltung der BrasilianerInnen an den Staat, alle Probleme zu lösen, ist die Linke in Brasilien in all ihren Strömungen sehr aktiv. Bemerkenswert ist vor allem, dass politische Arbeit auch unter ungünstigsten materiellen Bedingungen und manchmal unter Gefahr für das eigene Leben stattfindet. Für die radikale Linke wäre es wichtig, sich auch unter der derzeitigen PT-Regierung kritisch an stattfindenden Kämpfen zu beteiligen.

NICOLE TOMASEK
Die Autorin lebte elf Monate in Rio de Janeiro bei freundlichen Anarchopunks.

Fußnoten

  1. Vgl. Estanislao Gacitúa Marió/Michael Woolcock (Hrsg.), Social Exclusion and Mobility in Brazil, Washington 2008. online: http://www.wds.worldbank.org/external/default/WDSContentServer/WDSP/IB/2008/02/13/000020953_20080213161830/Rendered/PDF/424860ISBN0978101OFFICIAL0USE0ONLY1.pdfitors.
  2. Vgl. Luiz Carlos Bresser-Pereira, O paradoxo da esquerda no Brasil, CEBRAP 74, São Paulo 2006. online: http://www.scielo.br/scielo.php?pid=S0101-33002006
    000100003&script=sci_arttext
    .
  3. http://dielinke.at/artikel/hintergrund/krise-und-neuformierung-der-linken-in-brasilien/.
  4. http://www.arqshoah.com.br/.