Trümpfe der Herrschaft und Arschkarten der Befreiung

Über die Notwendigkeit der Revolution

Wenn man die Linke nach den Gründen massenhaften systemkonformen Verhaltens fragt, dürfte der Hinweis auf Fetischismus und Kulturindustrie ganz vorne bei den Antworten liegen. Dass es dafür gute Gründe gibt, ist nicht zu bezweifeln. Darüber hinaus gibt es allerdings auch handlungstheoretische Hindernisse, die der Revolution  im Wege stehen, die, auch aufgrund der Dominanz ideologiekritischer Perspektiven, zu wenig Beachtung finden, obwohl sie, so meine These, ebenfalls sehr gute Gründe für das Ausbleiben der Befreiung liefern.

Kulturindustrieller Kitt und Fetischismus

Während sich der Fetischismus auf die objektiv-notwendige und kollektiv-unbewusste Falschheit basaler Bewusstseinsformen kapitalistisch vergesellschafteter Individuen bezieht, wird mit der Kritik der Bewusstseinsindustrie und ihrer massenmedialen Vermittlung auf die intentional-bewusste und affektual-psychologische Vernebelung der bestehenden Verhältnisse gezielt. Dass die Kulturindustrie in einem alles überragenden Maße jenen emotionalen Kitt produziert und verbreitet, dem auch abstrakte und verdinglichte Formen von Herrschaft zu ihrer Reproduktion bedürfen, steht außer Frage: Die Legitimation der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse im und durch das Bewusstsein der vereinzelten Einzelnen geschieht auf dem Wege kulturindustrieller Medien und Erzeugnisse nicht weniger effektiv und universal als in traditionellen Gesellschaften mittels überlieferter Sitten, Werte‹ und religiöser Kulte. Gegenüber staatsbürgerlicher Indoktrination, die den Charme von schnarchigen Sachkundebüchern für gelangweilte Schüler_innen versprüht, erweist sich die kulturindustrielle Formierung von Bewusstsein und vereinheitlichter Meinung, auf die zu haben noch jeder pocht, um doch nur in die aller einzustimmen, als komplett überlegen: Sie ›entertaint‹ und dockt maßgeschneidert am Gefühlsleben ihrer Konsument_innen an. Kulturindustrie reproduziert das Bestehende zumeist nicht durch Belehrung und politische Propaganda, sondern durch die Wiederholung ihrer Prinzipien in anderer Form: Sie baut auf das Bekannte, auf die alltägliche Erfahrung, ohne sie Irritationen und Widersprüchen auszusetzen, die zum eigenständigen Denken nötigen könnten. Stattdessen nimmt sie der Realität ihren Schrecken, indem sie ein emotionales Versöhnungsangebot unterbreitet, das anstelle von aufklärerischer Reflexion, der immer auch Anstrengung und Schmerz inhäriert, passive Behaglichkeit, Bestätigung und vermehrt auch sadistische Kompensation für gesellschaftlich aufgezwungene Fremd- und Selbstzurichtung anzubieten hat. In dieser inszenierten Wiederholung dessen, was ohnehin der Fall ist, liegt das Geheimnis ihres Erfolges, der den Bewusstseins- und Gefühlshaushalt der von der Realität traktierten Menschen auf eine Art und Weise gekonnt auszubeuten weiß, die ihn zugleich effektiv reproduziert. Kulturindustrie (re-)produziert den hegemonialen konformistisch-liberalen Charakter, der den autoritätsgebundenen alten Schlags zunehmend ablöst, indem er dessen typische ›Radfahrernatur‹ (Adorno/Horkheimer) modernisierend konserviert – Mobbing und Narzissmus anstatt Pogrom und Uniform wüten zunehmend im Dienste der Herrschaft. Nicht im Amüsement liegt der Betrug an den Massen, das nur protestantische Arbeitsfanatiker hassen, sondern in dessen Glückssurrogat, das sie um ihr wahres Glück bringt, indem es sie an das Unglück des Bestehenden fesselt: »Gelacht wird darüber, daß es nichts zu lachen gibt.«  

Neben dieser Form der Bewusstseinsbildung in kapitalistischen Gesellschaften steht mit Recht der Fetischismus der gesellschaftlichen Verhältnisse im Mittelpunkt aufklärerischer Kritik. Der ökonomische Fetischismus besteht bekanntlich darin, dass die sozio-ökonomischen Formen der kapitalistischen Produktionsweise und ihre gegenständliche Vermittlung nicht als Ausdruck dieses historisch-spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisses begriffen werden, sondern als Natureigenschaften von Gegenständen und ihrer vermeintlich natürlich-dinglichen Beziehungen erscheinen, und somit als unhistorisch-unabschaffbar gelten. Dieser Fetischismus steht mit zentralen politisch-rechtlichen Ideologien in einem engen Zusammenhang. In Bezug auf politisch-rechtliche Formationen wie Staat, Recht und Nation haben wir es ebenfalls mit notwendig-falschen Bewusstseinsformen und -inhalten der übelsten Sorte (Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Leistungsideologie etc.) zu tun, die ein Fundament in den herrschenden Verhältnissen und ihrer Praxis haben; ob diese politisch-rechtlichen Ideologien als (politische) Fetische bezeichnet werden können, lasse ich dahingestellt – direkt und zwingend aus dem ökonomischen Fetisch entspringen sie jedenfalls nicht.

Meistens ist es mit Hinweisen auf diese Übel – Manipulation und objektive Verblendung – getan, wenn sich Linke das Ausbleiben der Revolution erklären wollen. Doch es kommt noch weit schlimmer, wenn man die handlungstheoretischen Probleme der Revolution fokussiert. Was von Linken gerne übersehen wird, ist, dass die Alltagsakteur_innen nicht nur kulturindustriellen Verdummungen und den ubiquitären Gedankenformen des Fetischs unterworfen sind, die abzuschütteln und zu durchschauen jenes Stück harte Arbeit verlangt, das zu leisten, sofern überhaupt Zeit und Mittel vorhanden sind, nur Wenige bereit sind. Unbeachtet bleibt zumeist auch, dass die Menschen ganz und gar zweckrationale Gründen haben, ihr Leben nicht der Revolution zu verschreiben. Während die Kritik an Kulturindustrie und Fetischismus auf die strukturellen Blockaden des Urteilsvermögens der Gesellschaftsmitglieder zielt und ihnen tendenziell, wohl nicht zu Unrecht, mangelnden ›Durchblick‹ attestieren, führen die folgenden handlungstheoretischen Annahmen zu umgekehrt-ergänzenden Schlüssen: Das gesellschaftliche Unbewusste – sie wissen es nicht, aber tun es – und das individuelle Unbewusst-Bewusste – sie wissen, was sie tun, wissen aber nicht, wieso sie es tun müssen – erweisen sich als zwei Seiten einer unschönen Medaille.

Die Logik kollektiven Handelns und die Macht des Bestehenden

Der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson hat in seiner Logik des kollektiven Handelns (1965) unter anderen genau den angedeuteten Sachverhalt expliziert: die Menschen haben zweckrationale Gründe, keine Revolution zu machen, da ihre subjektiven Handlungsbedingungen diesem Vorhaben entgegenstehen. Olson legt stichhaltig dar, dass der proletarische Verzicht auf Revolution nicht auf eine Manipulation durch die Herrschenden – ein Sachverhalt, der gar nicht geleugnet werden muss – und auch nicht auf einen Mangel an Einsicht in die eigenen Interessen basiert, sondern (auch) ihrer zweckrationalen Klugheit entspringt. Olson verfolgt konsequent einen rational-choice Ansatz und nimmt die Fiktion des homo oeconomicus zum Ausgangspunkt. Die Stärke dieses Erklärungsansatzes liegt gerade in seinem ideologischen Anteil, der nicht dazu dienen sollte, die von ihm produzierten Einsichten zu übergehen oder gering zu schätzen: »Die Allgemeingesetzlichkeit, welche die statistischen Elemente entqualifiziert, bezeugt, daß Allgemeines und Individuelles nicht versöhnt, daß gerade in der individualistischen Gesellschaft das Individuum dem Allgemeinen blind unterworfen, selbst entqualifiziert ist.«  Die folgende Argumentation Olsons ist stichhaltig, weil er die Menschen als das nimmt, was sie unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung an sich sind: vereinzelte Individuen, deren jeweils besondere Handlungsweise zugleich einen uniformierten Charakter aufweist, weil ihre Handlungsimperative einem vorrangigen und übermächtigen Allgemeinen entspringen, dem sie allesamt gleichermaßen subsumiert sind. Mit anderen Worten: Sie folgen mit guten Gründen irrationalen und übermächtigen Zwängen in (zweck-)rationaler Form.

Die Menschen sind demnach nicht zu dumm oder gar irrational, sondern wissen recht genau, wie der Hase läuft. Sie haben unter dem Gesichtspunkt von individuellen Nutzen und Interessen sehr gute Gründe, sich nicht mit dem ungewissen Abenteuer der Revolution einzulassen: »Denn wenn die Einzelnen, die eine Klasse bilden, rational handeln, wird es nicht zu klassenorientiertem Handeln kommen. […]. Das marxistische Klassen-Handeln nimmt somit die Züge aller übrigen Bestrebungen um die Verwirklichung kollektiver Ziele großer, latenter Gruppen an. […]. Wie in jeder großen latenten Gruppe wird es jeder für sich vorteilhaft finden, wenn alle Kosten oder Opfer, die zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles notwendig sind, von anderen getragen werden.«  Wenn wir also den individuellen Nutzen zum Ausgangspunkt der Revolution machen, wird diese, was die Tragik in der Logik kollektiven Handelns ausmacht, niemals eintreten, selbst wenn jeder einzelne tatsächlich von ihr profitieren würde: Mein Beitrag als ein Einzelner ist so gering, dass ich entweder vom kollektiven Gut des Sozialismus auch ohne subjektiven Einsatz profitiere, weil bereits alle anderen die Arbeit für mich miterledigt haben, oder aber ich gehöre, wenn alle nur ihrer eigenen Kosten-Nutzen-Rechnung folgen, zu denjenigen Deppen, die ihren Kopf für die hinhalten, die gar nicht daran denken, ihren eigenen für eine sehr ungewisse Zukunft »aufs Spiel zu setzen«. Im ersten Fall profitiere ich, ohne einen Finger krumm gemacht zu haben, im zweiten Fall, indem ich mich nicht für andere opfere und somit meine Selbsterhaltung effektivere – ergo werde ich meinen Hintern nicht von der Coach bewegen.

Sicher ist der/die unterstellte atomisierte Nutzenmaximierer_in eine unhistorische Fiktion. Nirgends in Geschichte und Gegenwart haben Menschen strikt so gehandelt, wie von der Rational-Choice-Theorie unterstellt. Starke emotionale Antriebe zum Handeln wie Liebe, Hass, Stolz, Mitleid etc. können, wenn überhaupt, nur sehr vermittelt als nutzenmaximierend gelten; der Irrational-Choice dürfte ebenfalls alltäglich und geschichtsmächtig sein. Zudem folgen vorkapitalistische Ökonomien anderen Imperativen als der universalisierten Profitlogik. Das unterstellte Verhalten des/der atomisierten Nutzenoptimierer_in wäre geradezu irrational unter vor- oder nichtkapitalistischen Reproduktionsbedingungen. Und selbst in durchkapitalisierten Gesellschaften kann man die Hoffnung hegen, dass jemand, der dem Idealtypus des homo oeconomicus wirklich entspräche, wohl als pathologischer Sozialcharakter wahrgenommen werden würde. Dennoch trifft die Abstraktion der ökonomischen Charaktermaske etwas von den Handlungsbedingungen und –zwängen, die der Kapitalismus systematisch produziert. Und das, was sie trifft, bietet eine Erklärung für das Ausbleiben der Revolution: Keinesfalls zwingend, wohl aber strukturell nahegelegt ist ein Verhalten, das der Handlungslogik des Systems folgt.

Die Trümpfe der Herrschaft erweisen sich noch in einer anderen Hinsicht als Arschkarten der Befreiung: Potenziert wird die beschriebene Zweckrationalität konformistischen Handelns durch die Logik von asymmetrischen Handlungsbedingungen, die durch Macht und Herrschaft geniert werden. Heinrich Popitz hat in seinem soziologischen Klassiker über die Phänomene der Macht auf die ungleichen Handlungsbedingungen von Herrschenden und Beherrschenden hingewiesen, die aus dem Herrschaftsverhältnis selbst resultieren und für letztere einen fundamentalen strategischen Nachteil bedingen. Prinzipiell hat Macht einen akkumulativen Charakter. Einmal im Besitz derselben, ist man in einer strategisch begünstigten Position. Das eigentümliche Wesen der Macht besteht in der Spezifik einer sozialen Relation, die durch Asymmetrie(n) gekennzeichnet ist. Positiv ist Quelle der Macht der exklusive Besitz von zentralen materiellen und ideellen ›Gütern‹ und Mitteln, die die eigene soziale Handlungsreichweite und die Durchsetzungschance von partikularen Interessen vergrößert. Ex negativo ist die Quelle der Macht der Ausschluss von diesen Gütern/Mitteln oder die Verknappung dieser aufseiten einer unterprivilegierten, ohnmächtigen Mehrheit.

Wir haben es mit einer Dialektik der Macht zu tun, die zuungunsten der Ohnmächtigen ausschlägt.  Entscheidend für den Machtbildungsprozess ist zum einen die Okkupation der Subsistenzmittel, zum anderen eine überlegene, gewaltgestützte Organisation. Beides zusammen wirkt auf Seite der Machthabenden akkumulierend und sich gegenseitig stärkend, während die Lage der personellen Mehrheit prekärer und heteronomer wird. Diejenigen, denen es gelungen ist, sich zentrale materiellen Ressourcen anzueignen, ›erarbeiten‹ sich hiermit zugleich weitere Vorteile, da sie über exklusive Mittel des Austausches (medialer wie ökonomischer Natur; sie sind besser vernetzt, können sich Personal kaufen etc.) und über ein unmittelbar gemeinsames Interesses verfügen: Das Privilegium wie auch die Notwendigkeit es gegen eine Mehrheit durchzusetzen, schweißt zusammen. Während der Machtbildungsprozess als Prozess der (tendenziellen) Monopolisierung von zentralen sozio-ökonomischen, politischen und kulturellen Ressourcen, den Machthabenden wie von selbst in die Hände spielt und ihren sozialen Aktionsradius auf Kosten der Mehrheit immer mehr erweitert, geraten die Unterlegenen in eine negative Akkumulationsdynamik der Ohnmacht.

Die zentrale ökonomische Bedingung der Etablierung und Aufrechthaltung von Macht ist die (gewaltgestützte) Exklusivität von Eigentum an den Mitteln und/oder Resultaten/Erträgen der materiellen Reproduktion, welche die Besitzlosen – die ökonomischen Ohnmächtigen – in Abhängigkeit hält. Und diese Abhängigkeit ist, Marx hat es vor Augen geführt, von besonders perfider Natur: Sie reproduziert die eigene Ausbeutung und Machtlosigkeit, indem sie zugleich die (ökonomische und strategischen) Ressourcen auf Seiten der Machthabenden akkumuliert. Ihr exklusiver Besitz an Produktionsmitteln und/oder Gewaltmitteln zwingt die Abhängigen für sie zu arbeiten und das geschaffene Mehrprodukt an sie abzuführen, wohingegen ihnen nur die kärgliche Reproduktion ihrer materiellen Existenz bleibt, die sie zugleich an diejenigen ausliefert, die über die lebensnotwenigen Mittel zu ihrer Sicherung verfügen. Die Machtbildungsprozesse nutzen und produzieren zugleich die »Ausnutzbarkeit und Manipulierbarkeit eines Vergesellschaftungsdefizit der andern.«  Ihr Clou ist die wechselseitig sich forcierende Akkumulation von ökonomischer und organisatorisch-politischer Macht; ihre privilegierten Zugriffsmöglichkeiten auf Wissen und Medien spielen eine weitere wichtige Rolle, zielen sie doch auf das beherrschte Bewusstsein, dessen Konformität Bedingung der störungsfreien Reproduktion der herrschenden Verhältnisse ist.

Die überlegenen organisatorischen Mittel der Macht bestehen in einem ganzen Konglomerat von Machttechniken, deren basal-materielle Voraussetzung die dauerhaft sich reproduzierende und akkumulierende ökonomische Macht ist. Aufbauend auf diese schafft sich das Machtsystem einen Verwaltungs- und Exekutivstab, der materiell abhängig von ihr ist, den Beherrschten aber möglichst fremd gegenübersteht. Das Machtzentrum wird dadurch effizienter, kann sich auf Organisationsarbeit beschränken und muss sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen; ein positiver Nebeneffekt ist, dass die Macht in ihrer direkt-repressiven Form nur von Stellvertretern ausgeübt wird, die schnell zu Sündenbock avancieren können, während die Zentren der Macht unangetastet bleiben. Entscheidend für den weiteren Ausbau der Macht ist die ökonomisch bedingte Fähigkeit ungleiche Abhängigkeiten vom Machtzentrum zu schaffen. Ein Mittel konstanter Machtverhältnisse ist die Zerstörung von Interessensolidarität – also einer kollektiven Macht von Unten – zwischen den Beherrschten. Zwischen ihnen müssen selbst ungleiche Machtbeziehungen bestehen und unterschiedliche Verbindungen zum Machtzentrum installiert werden.

Die Macht hat sich dann vollständig als Herrschaft etabliert können, wenn sich ihre offen-repressiven Mittel erst in die wirksame Drohung wandeln, um schließlich als unhinterfragte Selbstverständlichkeit sozialer Wirklichkeit zu erscheinen: Die Akzeptanz durch die Ohnmächtigen wird selbst zu einer überaus entscheidenden Ressource der Macht. Auch für diesen letzten Sieg einer sich ursprünglich qua Okkupation setzenden Macht gibt es (leider gute) Gründe im System der Macht selbst, was an die Argumentation von Olson erinnert. Die machterhaltende Konformität der Ohnmächtigen resultiert aus ihrer sozio-ökonomischen Bindung und Verstrickung in das bestehende System, das sich als etablierte (Herrschafts-)Ordnung gleichsam von selbst legitimiert: Solange Menschen etwas zu verlieren haben und das System nicht eines zu ihrer offenen Vernichtung ist, generiert sich die Ideologie, dass jede Ordnung besser ist als keine, auch bei den Ausgebeuteten und Unterdrückten quasi wie von allein. Der »Ordnungwert« des Systems produziert zugleich aus sich heraus die Legitimität des Systems als solches, »Basislegitimität«  die sich aus der täglichen Praxis auch der Ohnmächtigen generiert: »So wie jeder daran interessiert ist, den Ertrag seiner Handlungen nicht zu verlieren, so wird er auch am Bestehen der Ordnung interessiert, in die er diese Handlungen eingezahlt hat. […]. Entscheidend dürfte die Tatsache sein, daß sich der eigene alltägliche Aufwand in die jeweils bestehende Verhältnisse verstrickt.«  

Dieses Dilemma der Habenichtse ist konstitutiv für jede Revolutionstheorie. Während die Herrschenden ein gemeinsames Interesse an der Aufrechterhaltung der Herrschaft haben, die bei aller Konkurrenz zugleich eine spontane Solidarität generiert, ist dies bei den Beherrschten nicht der Fall. Die Ungewissheit der Befreiung und das Risiko, dass eine Revolution darstellt, macht es für die Beherrschten ungleich schwerer zusammenzufinden. Der ›Lohn‹ ihrer Mühen liegt in einer ungewissen Zukunft und der Weg zu ihr ist voller individueller Gefahren. Es besteht nicht zuletzt die von der Geschichte hinlänglich bestätigte, dass man nur den Weg frei macht für die nächste Gruppe von Herrschenden; der Sturz des Alten ist bekanntermaßen an sich kein Garant dafür, dass sich die Situation selbst verändert. Popitz fasst das Problem treffend zusammen, vor dem die Beherrschten stehen: »Nicht auf einen Augenblicksvorteil, sondern auf ein fernes Ziel muß die Organisationsbereitschaft sich konstituieren […]. Sie kann sich nur auf ein spekulatives Vertrauen gründen, auf eine spekulative Solidarität – eine unvergleichlich viel höhere Leistung, als sie den Privilegierten zugemutet wird. Die Bildung eines solchen Vertrauens wird aber noch zusätzlich durch spezifische Manipulationschancen der Privilegierten erschwert. Die Privilegierten sind in der Lage, die Hoffnung auf zukünftige Vorteile ständig durch das Angebot gegenwärtiger Vorteile zu konkurrenzieren: in Form materieller Prämien für Dienstleistungen und Treue, Chancen des relativen individuellen Aufstiegs.«  

Kurzum: Hat sich die Macht von einer ersten Okkupation – am Anfang steht immer menschliche Tat – exklusiver ökonomischer Mittel und ihrer gewaltsamen Verteidigung, zu einer Macht erweitern können, die macht-kompatible soziale Differenzierungsprozesse und Arbeitsteilung anstößt, so hat sie wesentliche Schritte zu einem System der Selbstreproduktion – zur Herrschaft – vollzogen, das auf der Machtlosigkeit der Mehrheit basiert. Die Macht der Macht liegt am Ende darin begründet, dass sie von jenen produziert wird, die zugleich durch sie hindurch ihre eigene Ohnmacht reproduzieren: »Ordnungen dieser Art gleichen Maschinen, Machtmaschinen, deren Antriebsenergie die Beherrschten selbst liefern.«  

Auch bei Opitz haben wir es mit einer tendenziell ahistorischen Machtanalyse zu tun. Diese universalisiert nicht kapitalistische Verhältnisse, sondern abstrahiert vielmehr von ihnen. Nimmt die Herrschaft wie im Kapitalismus zunehmend subjektlose Formen an, so werden auch die Mitglieder der herrschenden Klasse zu privilegierten, aber prinzipiell austauschbaren Funktionär_innen des verselbstständigten Vergesellschaftungsprozesses der Machtmaschine. In der Tat gibt es weder eine/n Potentat_in, die/der souverän über seine Untertanen und ihr Eigentum verfügt, noch eine herrschende Klasse, die qua verbrieften Privilegs das Zentrum der Gesellschaft und ihrer Dynamik bildet, auch wenn sich Reichtum zumeist vererbt. Zudem werden in Popitz Modell Konflikte und Differenzen innerhalb der herrschenden Klasse genauso unterbelichtet wie das Problem der Konstitution einer gemeinsamen Strategie zum effektiven Herrschen bei gleichzeitiger herrschaftsinterner Konkurrenz. Dennoch gilt es festzuhalten, dass auch unter Bedingungen subjektloser und abstrakter Herrschaft der sich verselbstständigten gesellschaftlichen Verhältnisse weiterhin geherrscht wird, d.h. das ein Willen den anderen Willen fremdbestimmen kann, da er über entsprechende Mittel verfügt, wie das Lohnarbeitsverhältnis täglich vor Augen führt. Auch vermittelte Herrschaft ist Herrschaft, wie sowohl Foucaults Machtanalytik als auch Luhmanns Systemtheorie entgegenzuhalten ist, die beide den Herrschaftsbegriff in Bezug auf den modernen Kapitalismus als inadäquat ablehnen. Staat und Recht – der politische Gewaltapparat – sind auf die kapitalistische (Eigentums-)Ordnung vereidigt. Sie sind weder beliebige soziale Systeme, der sich funktional ausdifferenzierenden modernen Gesellschaft, noch bloße »Hegemonie-Effekte« im ewigen Spiel der »Kräfteverhältnisse«  der Macht. Die strukturelle Verselbstständigung sozialer Formen wie Kapital, Staat, Recht etc. gegenüber den politischen Machthaber_innen und ökonomisch Verfügenden nimmt diesen zwar den Status, das Subjekt bzw. der »Generalstab«  der Gesellschaft zu sein. Sie hebt jedoch nicht den von Popitz analysierten strategischen Vergesellschaftungsnachteil der eigentumslosen Massen gegenüber den Verfügenden auf, die in der Regel auch ganz gut wissen, wie sie ihren Vorteil ausnutzen und zementieren können.

Keine Befreiung ohne moralische Einsicht

Aus dem Dargelegten ergeben sich drei Konsequenzen: Erstens sprechen die Erkenntnisse für die Ent-Paranoidisierung linker Theorie. Sicherlich werden die Menschen von Kindesbeinen an nach Strich und Pfaden verarscht und verdummt; die sog. ›ideologischen Staatsapparate‹ (L. Althusser) mitsamt der Kulturindustrie leisten ganze Arbeit. Dennoch steht hinter der Ideologie kein/e allmächtige/r Produzent_in, der/die sie bewusst und wissend in die Welt setzt. Ohne Frage gibt es mächtige Akteur_innen, die ganz wesentlich von den herrschenden Verhältnissen und ihrer Aufrechterhaltung mittels systematischer Verdummung profitieren. Das Problem jeder ›Priestertrugstheorie‹ – die Annahme, dass die Religion ein bewusster Betrug der Priesterkaste ist – war aber immer schon, dass sie den Betrügenden ein solch überlegenes Wissen unterstellen muss, dass sie alles, inkl. ihrer eigenen Täuschung, durchschauen und somit bewusst die Beherrschten im Geist der Lüge erziehen. Niemand wird aber den Herrschenden oder den von der Herrschaft Profitierenden attestieren wollen, dass sie die Funktionsweise der Gesellschaft vollends durchblicken und bewusst steuern; zudem gehört zu jeder Lüge immer auch einer, der sie glaubt. Sicherlich gehören Manipulation, Desinformation und exklusive Beziehungen zur Substanz realer Machtpolitik – nicht aber die großen Verschwörer_innen oder das Kollektiv von Herrschenden, die die Strippen im Hintergrund ziehen und somit die wahren Subjekte der Geschichte wären.  

Zweitens ist mit dem Rekurs auf Interesse und Nutzen keine Parteinahme für die Revolution zu begründen. Der subjektive Nutzen und das Interesse des Einzelnen sind vielmehr die rational nachvollziehbaren Gründe, sich nicht der Revolution zu verschreiben. Ohne einen emphatischen Vernunftbegriff, der sich als moralische Einsicht kundtut, wäre es daher, wie Christine Zunke es in einem bestechenden Aufsatz ausführt hat, völlig zweckrational mit allen (legalen und, wenn es sich auszahlt, illegalen) Mitteln, »unter den bestehenden Bedingungen den für mich angenehmsten Weg zur Bedürfnisbefriedigung zu finden«, der, abgesehen von Politmasochist_innen, sicherlich nicht der beschwerliche und ungewisse Pfad der Weltrevolution ist. Die Befreiung lässt sich nur moralisch aus der Universalität und Unbedingtheit der Vernunft begründen. Fraglos wird niemand durch den ›Amoklauf der reinen Vernunft‹ (A. Koestler) zur Revolte gebracht und niemand wird Revolutionär_in, weil sich ihr/ihm die Analyse der Mehrwertproduktion und -aneignung erschlossen hat. Die Idee der Befreiung muss im wahrsten Sinne des Wortes anziehend wirken, da ohne sinnliches Begehren – also ohne elementar materielles Interesse – nach Freiheit, es überhaupt keine Befreiung gibt; dass der Kommunismus nicht nur mit Terror, Zwangsarbeit und Armut assoziiert wird, sondern auch mit Betonruinen und Atommüll ist daher kein geringes Problem. Aber subjektive Interessen und Bedürfnisse verfügen, wie Kant richtig erkannte, über keinen überindividuellen Maßstab. Glück und Begierde sind stets individuell; wer Herrschaft und Gewalt für erstrebenswerte Güter hält, wird mit der bisherigen Geschichte keine Probleme haben. Zudem sind das Bedürfnis nach oder das Interesse an Herrschaft unmittelbar nicht weniger legitim als dasjenige nach Freiheit. Es gibt an sich überhaupt keinen immanenten Maßstab der Abwägung von verschiedenen Interessen und Bedürfnissen. Kritik hieran bedarf vielmehr eines vernünftigen Maßstabs, der die Zufälligkeit individueller Wünsche transzendiert, was sich nicht mittels des Interessen- und Nutzenbegriffs entwickeln lässt.

Soll die Befreiung sich schließlich als Verpflichtung der Menschheit gegenüber sich selbst ausweisen, also kein partikularer politischer Standpunkt unter anderen sein, den man, wieso auch immer, nun einmal begrüßenswert findet, ohne ihn begründen zu können, so muss drittens darlegt werden, wieso eine befreite Gesellschaft eine reale Möglichkeit darstellt, auf die zu hoffen, kein vollständig verzweifelter Glaubensakt darstellt; Gewissheit kann es nicht geben, da Freiheit aus Notwendigkeit und Hoffnung ohne potentielles Scheitern sich selbst widersprechen und jegliche menschliche Aktivität überflüssig machen würden. Will die radikale Linke ihre Praxis nicht auf ideologiekritische Interventionen, auf dem Standpunkt der Negativität verharrend, beschränken, wird sie darlegen müssen, dass sie für eine Alternative steht, die mehr ist als ein bloßes Lippenbekenntnis auf Flugblättern, den Sonntagspredigten der Linken. Mit dem ewigen Wiederkäuen einer Paradoxie, die Gläubige aller Schattierungen gerne als höhere Weisheit ausgeben, um den Ungläubigen zu irritieren und imponieren, ist niemand hinter dem Ofen hervorzulocken: Ein Kommunismus, der angeblich das Einfache sei, was seltsamerweise aber so schwer zu machen ist, ist nichts, erstrecht nicht nach den historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, was verständige Menschen zu überzeugen vermag, sofern sie nicht eh schon an die Revolution als säkulare Wiederkehr des Wunders glauben.  Die heilige Zweifaltigkeit aus Einfach und Schwer ist weder plumpe noch tiefgründige Dialektik, sondern einzig jenes Opfer des Intellekts, in den sich der Glaube nur allzu gern als vermeintlich höhere Weisheit flüchtet. Dies sich nicht einzugestehen, ist nur ein weiterer Grund, der gegen die Revolution spricht, obgleich deren Notwendigkeit ebenfalls von keinem vernunftbegabten Wesen geleugnet werden kann.

 

Hendrik Wallat

Der Autor lebt in Hannover und plädierte schon in der Phase 2.45 für eine ideologiefreie Utopie mit Geschichtsbewusstsein.

Fußnoten

  1. Der Begriff der Revolution wäre einer eigenen Entmythologisierung zu unterziehen. Im Folgenden steht er allein als Chiffre/Abkürzung für den Anspruch auf radikale und bedingungslose Abschaffung aller Herrschaftsverhältnisse.
  2. Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a.M. 1988, 148f.
  3. Alexander Neupert, Staatsfetischismus. Rekonstruktion eines umstrittenen Begriffs, Münster 2013.
  4. Theodor W. Adorno, Soziologie und empirische Forschung, in: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a.M. 1997, 207.
  5. Mancur Olson, Die Logik kollektiven Handelns, 2. Aufl. Tübingen 1985, 104f.
  6. Ebd., 105.
  7. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, 2. stark erweiterte Aufl., Tübingen 1992, bes. 185ff.
  8. Ebd., 215. In den Worten von Marx: »aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave eines anderen Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben« (MEW 19, 15); eine der zentralen Einsichten materialistischer Herrschaftskritik.
  9. Ganz knapp und verkürzt: Herrschaft ist Macht in einem festen (institutionalisierten) Aggregatzustand mit einer charakteristischen Sozialbeziehung: Der Wille der Einen wird durch den Willen der Anderen qua Befehls- und Zwangsgewalt, worauf immer diese sich auch stützt, fremdbestimmt.
  10. Popitz, Phänomene der Macht, 225.
  11. Popitz, Phänomene der Macht, 225.
  12. Ebd., 224f.
  13. Ebd., 195
  14. Ebd., 221
  15. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1983, 95.
  16. Ebd.
  17. »Es wäre absurd, ausgerechnet auf der Ebene der Staatsmacht den subjektiven Faktor abzustreifen […]. In der Vormacht des Staates kann jederzeit ein Wille handeln, der die Vormacht als Vollmacht absorbiert. […]. Ihm fehlt aber in heutigen Zeiten das Merkmal der universalen Anmaßung (l’etat c’est moi) […]. Selbstredend bedarf die institutionelle Strategie der Personen, der Machträger; gewiß bringen diese ihre eigenen Interessen und Ziele ein. Davon wird aber die Strategie nicht selbst strukturell bestimmt.« Johannes Agnoli, Der Staat des Kapitals und weitere Schriften zur Kritik der Politik, Freiburg. 1995, 186; 63.
  18. Christine Zunke, Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral, in Sven Ellmers/Ingo Elbe (Hgg.), Die Moral in der Kritik. Ethik als Grundlage und Gegenstand kritischer Gesellschaftstheorie, Würzburg 2011, 15.
  19. So Simone Weil bereits in den 1930er Jahren: »Im Grunde denkt man heute nicht an die Revolution als Lösung der gegenwärtig gestellten Probleme, sondern als Wunder, das von der Lösung der Probleme entbindet.«