Trommelkreis im globalen Dorf

Über die Aufhebung der Öffentlichkeit in der Occupy-Bewegung

»Nach Tunis, Kairo, Madrid, Tottenham und Athen hat die globale Welle der Empörung nun auch das Auge des Sturms erreicht, die Wall Street.« Mit diesen Worten eröffnete der Suhrkamp-Verlag kürzlich eine Dokumentation von Texten der Occupy-Bewegung. Die an brachiale, unkontrollierbare Naturgewalt erinnernde Metapher der Welle sowie ihre Verbindung mit einem jenseits der Reflexion liegenden Moment, nämlich dem Affekt der Empörung, kaschiert dabei die enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Unruhen. Im ungebremsten Gefühlsausbruch scheinen alle gleich zu sein, auf dass sich die WutbürgerInnen aller Länder endlich zum global agierenden Kollektivsubjekt zusammenschlössen. Das Sparrow Project aus den Reihen der Occupy-Bewegung selbst geht sogar noch weiter: »Von den Diggers der turbulenten 1640er Jahre in England, über die Pariser Kommune 1871 und die Arbeitermilizen in Barcelona 1936, bis zu den heutigen Besetzer-Bewegungen, die in Nordafrika, Europa und Asien die politische Landschaft umwälzen, immer wieder haben einfache Menschen gezeigt, dass die trügerischen Machtstrukturen bekämpft und besiegt werden können.« Dass jede hier genannte Bewegung schlussendlich besiegt wurde oder zerfallen ist, bleibt unerwähnt. Selten war die von Euphorie und Optimismus getriebene Suggestion globaler Gleichzeitigkeit über geographische und historische Grenzen hinweg derart en vogue wie heute und das auch noch nachdem die jeweiligen Unruhen entweder erstickt, wie in England, abgeflaut, wie in New York, oder, wie in Ägypten, in eine unklare nachrevolutionäre Phase eingetreten sind. Wer so unterschiedliche Prozesse wie die ägyptische Revolte gegen das dortige ancien régime, die griechischen Proteste gegen eine rigide Sparpolitik und die amerikanischen Demonstrationen gegen das »parasitäre« eine Prozent unter eine »Welle der Empörung« subsumiert, der suggeriert Ähnlichkeit, Wahlverwandtschaft oder gar Identität. Der Wunsch nach einer anschlussfähigen welthistorischen Kraft, verkörpert in einer globalen Bewegung, scheint dieser Tage besonders weit verbreitet zu sein. Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht bloß um Projektion. Die Occupy-Bewegung selbst bezog sich mit der Besetzung öffentlicher Orte nicht nur explizit auf die Demonstrationen auf dem Tahir Square in Kairo, sondern druckte in ihrer Deklaration auch eine Solidaritätserklärung ägyptischer AktivistInnen ab. Dass weit voneinander entfernte Orte und Akteure immer näher zusammenrücken, dass sich lokal aber auch über große Distanzen hinweg organisiert, koordiniert und – wie das Zauberwort in diesem Zusammenhang lautet – »vernetzt« werden kann, wird vor allem durch die Rolle des Internets, in jüngster Zeit insbesondere von Netzwerken wie Facebook oder Twitter, erklärt. Ob im Neologismus der Glokalisierung oder in Thomas L. Friedmans wirtschaftsliberaler Freude über das endlich vollkommen frei flottierende Kapital in The World is Flat: So gut wie alle können der allseitig vernetzten Welt etwas Positives abgewinnen. Das Internet birgt »utopisches Potenzial, weil es neue Formen des sozialen Miteinanders ermöglicht«, so ein Redakteur der ZEIT im entsprechenden Medium, dem Chat. Kaum ein gesellschaftliches Phänomen hat die Hoffnungen und Projektionen auf das Internet gleichermaßen verinnerlicht und auf sich gezogen wie die im Herbst letzten Jahres in New York entstandene Occupy-Bewegung. »Sprechchöre ersetzen Mikrofone, abgestimmt wird per Handzeichen. Die Occupy-Bewegung probt, wie sich alle in Entscheidungen einbinden lassen. Vorbild ist das Internet«, so die ZEIT. Ähnlich Mark Greif, der in Deutschland gern gesehene Herausgeber der linken Kulturzeitschrift N+1: »Die Bewegung hat die neuen Techniken der Selbstinszenierung – sich zu fotografieren, sich zu filmen, sein Leben live zu übertragen und zu ästhetisieren – besonders geschickt im Sinne von Demokratie und Gerechtigkeit genutzt.«

So scheint es, als ob gerade in Verbindung mit der politischen Nutzung des Internets alle Sorgen über die gläserne Bürgerin und die neuen Zugriffsmöglichkeiten des Staates verdrängt werden von Technikoptimismus und der Sehnsucht nach einer neuen Unmittelbarkeit. Die Geschichte des linken Vertrauens auf den technischen Fortschritt ist lang. Schon der Marxismus hatte seine Hoffnung einst auf die Entwicklung der Produktivkräfte gesetzt. Dass Technikeuphorie und Antimodernismus jedoch durchaus Hand in Hand gehen können, zeigt der Verweis auf einen inzwischen nur noch durch seine Bonmots bekannten Medientheoretiker. 1962, unter dem Eindruck der damals noch neuen, sich immer weiter verbreitenden elektronischen Medien prägte Marshall McLuhan die Metapher des »globalen Dorfes« für die Schrumpfung der Welt vermittels neuer Kommunikationsmittel: »Wir leben in einem einzigen komprimierten Raum, der von Urwaldtrommeln widerhallt.« Diese Formulierung wörtlich zu nehmen, hieße allerdings, ihr auf den Leim zu gehen und die beharrliche Differenzierung der Gesellschaft zu unterschlagen; die Welt ist kein Dorf. Sehr wohl aber sind Stammestrommel und Dorfgemeinschaft ein Index der antimodernen Aufhebung gesellschaftlicher Vermittlung und der Untergrabung der Trennung von öffentlicher und privater Sphäre. Mit anderen Worten: Zwar ist die Welt kein Dorf, manche stellen sie sich aber durchaus so vor oder, wo es ihnen möglich ist, formen sie nach diesem Bilde. Was damit gemeint ist, erhellt sich durch einen Szenen- und Zeitenwechsel: »Jedes Mal, wenn ich in den Park gehe, werden die Spannungen wegen der Trommeln stärker. Das hört sich albern an, ist es aber nicht. Der Trommelkreis war schon voll in Fahrt, als ich um elf Uhr morgens ankam, und er lärmt wohl jeden Abend bis mindestens zehn.« Der Trommelkreis im New Yorker Zuccotti Park war mehr als nur die unangenehme Begleiterscheinung der obligatorisch anwesenden Hippies auf politischen Großveranstaltungen, er war auch mehr als das Spottobjekt der Gegner und Streitobjekt der Anhängerinnen von Occupy vor Ort. Im Verbund mit den Berichten über die formalen Entscheidungsprozesse einer bewusst ziellosen Bewegung und der Rolle, die die sozialen Netzwerke bei der Mobilisierung, Inszenierung und Koordination dieser Proteste spielten, ist der Trommelkreis vielmehr ein Hinweis auf die Beharrlichkeit der Tendenz, die McLuhans Prognose – schon damals nicht kritisch, sondern affirmativ – vor mehr als 40 Jahren auf den Punkt brachte. Nähe statt Distanz, endlich man selbst sein, die ständige Rückkopplung zwischen der Wirklichkeit und den virtuellen Wohnzimmern von Facebook und Twitter, Übertragung und Dabei-Sein als Imperativ – dies sind die Merkmale einer Bewegung, der es laut Mark Greif darum ging, »die Vision einer besseren Welt tatsächlich umzusetzen.«

McLuhans Werk und Twitters Beitrag

Bis zum Jahr 1962, als The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man erschien, war McLuhan ein im Wesentlichen unbekannter kanadischer Professor für englische Literatur. Seitdem hat sich viel verändert. Dass das Medium die Message sei, weiß noch jeder Kulturwissenschaftler, jede Kommentatorin von Film, Funk und Fernsehen und jede Bloggerin. Das Verständnis dieses Satzes schwankt zwischen der Banalität, dass Inhalt und Form nicht voneinander unabhängig sind und der zeitkritisch gemeinten Diagnose, dass, was nicht durch die Medien geht, für das überforderte Bewusstsein schlicht und einfach nicht existiert. Vor allem angesichts einer immer dominanter werdenden Fernsehkultur hatte McLuhan in The Gutenberg Galaxy das Ende des Buchzeitalters und den Beginn einer neuen Medienära ausgerufen, noch lange bevor das Internet sich durchsetzte und diverse MedienwissenschaftlerInnen vom Informationszeitalter oder der Internet-Galaxis sprachen und sogenannte Simulations- und VirtualitätstheoretikerInnen über die Turing-Galaxis der Speicher- und Übertragungsmedien nachdachten. An paradigmatischem Ordnungseifer, der Aufteilung der Geschichte in möglichst ausgreifende Epochen, mangelte es McLuhan dabei nicht. Während die erste Epoche die des »nichtalphabetischen Menschen« war, die zweite eben das Zeitalter des Buches und der Schrift, kulminierte für McLuhan die Entwicklung der Medien in den sechziger Jahren im »elektronischen Zeitalter« von Film, Fernsehen, Radio.

McLuhan begrüßte den Aufstieg der neuen Medien. Unterschlagen wird jedoch gerne, dass diese Affirmation Teil einer Denkbewegung war, die man regressiven Technikoptimismus nennen könnte.xi Denn für McLuhan führte die Revolution des elektronischen Zeitalter wieder zusammen, was Gutenberg einst auseinander gerissen hatte: die audio-visuelle, von Unmittelbarkeit und Gleichzeitigkeit geprägte Lebenswelt der Stammes- und Dorfgemeinschaft. »Vor der Erfindung des phonetischen Alphabets lebte der Mensch in einer Welt, in der alle Sinne ausbalanciert und gleichzeitig präsent waren, in einer Stammeswelt voller Tiefe und Resonanz, in einer oralen Kultur, in der das Leben vom Gehörsinn geprägt wurde.« Während das Buch ein so genanntes »kaltes Medium« sei, das den Menschen zu einem monosensuellen, in der bloßen Linearität gefangenen, verächtlichen Wesen mache, handele es sich beim Fernsehen um ein »heißes Medium«. Wo das Buch Ruhe, Distanz und Konzentration verlangt, bieten die neuen Medien Nähe und Unmittelbarkeit. Das globale Dorf ist eine vernetzte und vor allem audiovisuell verbundene Gesellschaft, in der das Fernste so nah und so ergreifend ist wie widerhallende Urwaldtrommeln. McLuhan diagnostizierte nichts weniger als die Neuordnung der Welt nach dem Bilde der Stammesgemeinschaft, was keinesfalls nur metaphorisch gemeint war. »Überall auf der Welt sehen wir, wie die elektronischen Medien den Aufstieg von Ministaaten anregen. […] Diese Ministaaten sind genau das Gegenteil der traditionellen, zentralisierenden Nationalismen der Vergangenheit, die Massenstaaten hervorbrachten, in denen disparate ethnische und linguistische Gruppen innerhalb nationaler Grenzen homogenisierten. Die neuen Ministaaten sind dezentralisierte Stammesgemeinschaften genau dieser ethnischen und linguistischen Gruppen.« Obgleich sich McLuhan beständig auf die Rolle des lediglich beschreibenden Wissenschaftlers zurückzog, schien bereits die Unterscheidung zwischen heißen und kalten Medien eine stillschweigend vorausgesetzte Kritik an der Oberflächlichkeit und Kühle der Moderne vorauszusetzen. Dass McLuhan in den dreißiger Jahren bereits positive Artikel über den Faschismus verfasst hatte, für den das Ineinander von Technikeuphorie und Regression ebenfalls charakteristisch war, mag in dem Zusammenhang nicht überraschen. 

Über 40 Jahre später mag zwar Paul Virilio McLuhan als Meisterdenker der Medienwissenschaft abgelöst haben, dessen Vision vom globalen Dorf scheint dennoch nichts von ihrer Eindrücklichkeit verloren zu haben. Facebook, als Zeit und Raum überbrückende virtuelle Welt des gegenseitigen Beäugens und Begaffens – den man allerdings, anders als die Dorfgemeinschaft, freiwillig betritt –, ist nur das eindrücklichste Beispiel des Umschlags von vermeintlicher Transparenz in Zudringlichkeit. In eine andere Richtung weist der Aufstieg von Twitter und Tumblr, jenen unüberschaubaren, niemals stillstehenden Kurznachrichtenmaschinen. Zu den kulturellen Nachwirkungen der Angriffe vom 11. September 2001 gehört vor allem in Amerika der 24-Hour-Newscycle. Als damals non-stop dieselben Bilder immer und immer wieder gezeigt wurden, jede neue Information, und sei sie noch klein, sofort übertragen wurde, etablierte sich ein Nachrichtenrhythmus, der die amerikanischen Medien seitdem bestimmt. Die Verzögerung zwischen Aufzeichnung und Ausstrahlung, die wenigstens Zeit für die Vorbereitung einer angemessenen Analyse bietet, wird durch die permanente Live-Sendung beseitigt. Dazu gezwungen, ständig ad-hoc zu reagieren, greifen diese Formate inzwischen auch zunehmend auf Medien zu, die nicht erst die Kanäle einer Nachrichtenagentur durchlaufen müssen, sondern direkt im Netz landen, wie Twitter und Youtube. Der Wettbewerb um die größte Sensation und das dichteste Netz an vermeintlich wissenswerten Nachrichten folgt nicht zuletzt einer ökonomischen Rationalität: Was Millionen Reporter in spe mit ihren Smartphones leisten können, übersteigt die Mittel und Möglichkeiten jeder Redaktion.

Freilich sind der Gebrauch einer bestimmten Technik und ihre Auswirkungen keine schicksalhafte Notwendigkeit. Noch jede Entwicklung der Produktivkräfte vereinte in sich sowohl regressive als auch progressive Tendenzen. Dass Facebook und Twitter weder im Online-Stalking noch in den sinnfreien Verbalrülpsern von C-Prominenten aufgehen, zeigt vor allem ihr Einsatz dort, wo es eine öffentliche Sphäre der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte im starken Sinne gar nicht gibt. Trotzdem sind Technik im Allgemeinen und die neuen Kommunikationsmittel im Besonderen nicht einfach neutral. Nimmt man das materialistische Argument von der Verflechtung von Form und Inhalt ernst, wäre zumindest davon zu sprechen, dass jedem dieser neuen Kommunikationsmittel eine eigene Schwerkraft innewohnt, die das, was da kommuniziert wird, sowie die Umwelt, in der das geschieht, nicht unberührt lässt.

Zuccotti Village

Vermutlich fühlte sich der ZEIT-Redakteur Karsten Polke-Majewski selbst ein bisschen wie im Zeltlager, als er im Twitter Account von Occupy Karlsruhe las, dass in Melbourne gerade eine Demonstration von der Polizei aufgelöst wurde. Das Schlagwort des Tweets – das so genannte Hashtag – war Occupy und von »Karlsruhe bis nach Australien [sei] es ein Symbol dafür, dass wir gemeinsam zeitgleich handeln. So unmittelbar sind sich Menschen über derart große Distanzen noch nie begegnet.« Zumindest für diesen interessierten Beobachter, vor dem Bildschirm in seinem Redaktionsbüro, ist McLuhans Vision des globalen Dorfes wahr geworden. Zwar fragt man sich, was für einen – tatsächlich unsozialen – Begriff von »Begegnung« der Autor haben möge, fest steht aber, dass kaum eine andere Bewegung derart als politische Inkarnation des so genannten Web 2.0 wahrgenommen wurde, wie Occupy Wall Street. Kein Wunder, dass Medienwissenschaftler wie Nicholas Mirzoeff begeistert waren. Der Einfluss des Internets auf die Strukturen der amerikanischen Protestbewegung könne »gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Empörten bloggen auf tumblr, sie twittern, sie verabreden sich bei Facebook, sie bearbeiten gemeinsam Dokumente bei Google.«

Occupy Wall Street hatte es von Anfang an vermieden, konkrete Forderungen zu stellen. »Der Zuccotti Park ist ein leibliches Jetzt, eine dicht gedrängt Ansammlung von Körpern in einem Spektakel, das keine Lösungen anbietet«, schreibt raunend Onnesha Roychoudhuri. Mit Anonymous-Fahnen, dem Tragen der Guy-Fawkes-Masken aus dem Film V wie Vendetta oder geschminkt als Zombies wurde diese Entindividualisierung zur Körpermasse von vielen bereitwillig mitvollzogen. Sucht man nach konkreten Inhalten des Protestes, drängen sich vor allem zwei Kernpunkte auf: Der Wunsch, eine Repräsentation des Affekts der Empörung zu schaffen und die vermeintliche Rückeroberung des öffentlichen Raums. »Jeder, der in irgendeiner Form sauer ist über die derzeitige Lage, findet hier einen Platz«, so der Occupy-Aktivist Isham Christie. Kein Wunder, dass sich die Bewegung bald einer enormen Breite von politischen Positionen ausgesetzt sah. Hier reichten sich AnarchistInnen, etatistische GlobalisierungskritikerInnen und SozialdemokratInnen und nicht zuletzt Konservative die Hand. So beruhte Occupy Wall Street nicht nur auf der fragwürdigen Frontstellung gegen das vermeintlich »parasitäre« eine Prozent, sondern auch auf dem großen Missverständnis, dass sich alle verstehen. Während es notwendig gewesen wäre, die – nicht zuletzt im traditionellen Sinne klassenmäßigen – Unterschiede auszutragen, beschränkte sich die Bewegung einerseits auf die formale Aushandlung von Entscheidungsstrukturen und machte anderseits die Besetzung des öffentlichen Raums zum Selbstzweck, der die Sphäre des Privaten medial mit dem Ort des Geschehens ineinander fließen ließ. »Man konnte abends die Versammlung per Livestream von seinem Schlafzimmer aus ansehen und dann am nächsten Abend mit der U-Bahn genau an den Ort fahren, wo sich alle trafen, um mit dabei zu sein, sich ihnen anzuschließen und vielleicht wiederum für andere Menschen in deren Schlafzimmern sichtbar zu sein. Das war Reality-TV, wie es sein sollte, das wirkliche Reality-TV.« Das Internet war nicht länger Mittel zum Zweck, sondern Medium einer spektakulären Konzentration zu einem Ereignis der Eigentlichkeit. »Zum ersten Mal brachten die Medien mir mein Leben nahe, anstatt mich von ihm zu distanzieren.«  

Es ist nicht nur Verwunderung über die Attraktivität der Sichtbarkeit in fremden Schlafzimmern, die einen beschleicht, wenn man dieses Resümee über die Occupy-Bewegung von Greif liest. Gerade vor dem Hintergrund, dass es darum gegangen sei, »die Vision einer besseren Welt tatsächlich umzusetzen«, fragt sich, wer in einer solchen Welt überhaupt leben möchte. Und tatsächlich ist den Berichten der AktivistInnen nicht nur Begeisterung und Emphase abzulesen, sondern auch ein leiser Zweifel am Sinn der Veranstaltung. Nicht umsonst gehörte der Trommelkreis zu einem zwar permanenten aber exemplarisch höchst umstrittenen Teil der Besetzung des Zuccotti Parks. Möglicherweise ist diese Spannung aus der merkwürdigen Charakteristik der Occupy-Bewegung selbst zu erklären, die sie in scharfen Gegensatz zur ägyptischen Freiheitsbewegung setzt. In Kairo hatte die Besetzung eines öffentlichen Platzes wie dem Tahir Square deswegen eine mehr als symbolische Bedeutung, weil die Bewegung eine öffentliche, entlang parlamentarisch-demokratischer Linien konstituierte Sphäre überhaupt erst einmal erkämpfen musste. Erst das konnte im Gegenzug auch einen Schutz des Privaten erwirken, von dem man bisher im arabischen Raum nur träumen konnte. Wo das Private im Wesentlichen Angst- und nicht Entfaltungsraum ist, dort haben Kommunikationsmittel, in denen Individualität im Grunde ins Virtuelle ausgelagert wird, eine progressive Funktion. Sie erlauben, die staatliche Beobachtung wenigstens für einen Moment zu unterlaufen. Amerika hingegen besitzt bereits sowohl eine Sphäre des öffentlichen Streits als auch einen geschützten Raum des Privaten. So ist es einigermaßen paradox, wenn Greif – Universitätsangestellter und Redakteur einer angesehenen und viel gelesenen Zeitschrift – von der Schaffung einer neuen Öffentlichkeit spricht. Ähnlich merkwürdig ist auf den ersten Blick, dass der Einsatz moderner Kommunikationsmittel einhergeht mit einer Institution des sogenannten menschlichen Mikrofons. Wenn Slavoj Žižek seine Thesen zum Besten gibt, und Reihe für Reihe die einzelnen Sätze durch die Massen getragen werden, dann wirkt das nicht nur unglaublich ermüdend, sondern erinnert auch stark an eine religiöse Zeremonie. Indem Occupy die Besetzung des öffentlichen Raumes zum Selbstzweck gemacht hat und ihn nicht nur als reales, sondern auch virtuelles – d.h. ständig für Nichtanwesende digital präsentes – Dorf inszeniert und organisiert hat, samt den Schamanen Slavoj Žižek und Judith Butler, wurden zumindest punktuell die Errungenschaften einer in privaten und öffentlichen Raum geschiedenen bürgerlichen Gesellschaft hintertrieben. Wer sich länger als für eine der vielen Demonstrationen im Zuccotti Park aufhielt, der zahlte den Preis des Verlustes von Privatsphäre, musste sich mit relativ schnell entstandenen Cliquen-Strukturen und nicht selten gegenseitigem Misstrauen herumschlagen. Darüber hinaus war der Alltag der Besetzung verschiedenen Berichten zu Folge bisweilen durch die skurrile Konfrontation von fieberhafter politischer Arbeit auf der einen und sorglosem Müßiggang auf der anderen Seite gekennzeichnet. Gleich den mittelalterlichen Dorfnarren wurden die Hippies aus dem Trommelkreis von den Organisationsprofis sowohl verachtet als auch (widerwillig) akzeptiert. 

Gerade im Ärger über den Trommelkreis, in der Frustration über die endlosen Generalversammlungen, die zu großem Teil weniger politischen Entscheidungen diente, als der Frage, wie denn nun entschieden werden solle, wird deutlich, dass diese Entwicklung auch den Beteiligten nicht ganz behagte. Schon kurz nach der Besetzung liest man beispielsweise von einer merkwürdigen Verkehrung der geforderten und proklamierten Transparenz in den Entscheidungsprozessen, denn die materiale Organisation der medizinischen Versorgung, Essen, Strom, etc. pp. wurde von Arbeitsgruppen geleistet, die ihre Zeit nicht mit endlosen Versammlungen verbringen konnten. Das wiederum führte auf Seiten derer, die an dieser Organisation keinen Anteil hatten, zu der Forderung nach mehr Transparenz innerhalb der Occupy-Bewegung. In vielen Berichten wird die zarte Einsicht in die Problematik der selbstreferentiellen Konsensfindung jedoch verdrängt: »Alles in allem beeindrucken und rühren mich die General Assemblies am meisten, wenn ich sie als politisches Theater betrachte.« So verwundert es nicht, dass es bei Greif in letzter Instanz nicht einmal mehr um Inhalte geht. Nicht mehr was gesagt wird, ist entscheidend, sondern allein, dass etwas gesagt wird: »Was zählt, ist allein, dass es einen Ort gibt, an dem jedermann reden, an dem neue Gedanken zur Sprache gebracht werden können.« Insofern sich der Zweck der Besetzung in Repräsentation erschöpfte – da, vor Ort, dabei zu sein, real wie virtuell –, verwirklichte die Occupy-Bewegung auf paradoxe Art und Weise McLuhans berühmtesten Satz, dass das Medium die Message sei. Nicht mehr was geschieht, ist von Bedeutung, sondern nur, dass etwas geschieht. »Der allgemeine Groll richtet sich anscheinend gegen das Ausbleiben von Ereignissen«, schreibt Sarah Resnick, nachdem eine Demonstration nicht wie vorher in Zusammenstößen mit der Polizei geendet hatte. Sowohl in der Sehnsucht nach dem authentischen Ereignis als auch in der Bereitschaft, sich zumindest temporär in quasi-dörfliche Strukturen zu begeben, lebt das Bedürfnis nach Unmittelbarkeit fort. Dass es nachlassen wird, steht vorerst nicht zu erwarten. Dennoch: Nun, da die Bewegung abgeflaut und das metropolitane Dorf verschwunden ist, steht zu fragen, ob es allein die Kurzatmigkeit von Euphorie und Spannung waren, die in letzter Instanz den Zuccotti Park leerten, oder die zur Reflexion gewendete Frustration über ein in formalen Prozessen um sich selbst kreisendes Spektakel. Zu hoffen wäre auf Letzteres.

 

 

Robert Zwarg. Der Autor ist Mitglied der Phase~2 Redaktion, Leipzig und forscht derzeit in New York über die Tristesse linker Gruppen in Sachsen-Anhalt.

Fußnoten

  1. Carla Blumenkranz/Keith Gessen u.a. (Hrsg.), Occupy! Die ersten Wochen in New York. Eine Dokumentation, edition suhrkamp digital, Berlin 2012. [Da die Ebook-Version dieses Buches keine verbindliche Seitenzahl liefert, wird auf Seitenangaben verzichtet. Hier hängt der technische Fortschritt der intellektuellen Redlichkeit und dem Schutz geistigen Eigentums bis in die letzte Zeile noch hinterher. Ein baldiges Aufholen ist erwünscht.]
  2. The Sparrow Project, Preface, in: The Declaration of the Occupation of New York City. Online einzusehen unter .
  3. Wertvolle Anregungen verdankt dieser Text einem Vortrag von Magnus Klaue über Occupy Wall Street, online abrufbar unter .
  4. Evelyn Finger/Karsten Polke-Majewski u.a., Wir sind schon Science Fiction, ZEIT ONLINE, 24. November 2011, .
  5. Bubby, diese »Occupy«-Leute sind wie ich! Interview mit Mark Greif, Jungle World, 23. Februar 2012. .
  6. Vgl. Sören Pünjer, Vorsprung durch Technik. Die Piratenpartei und die neue Unmittelbarkeit, Bahamas 63 (2011/12), 12-17. Pünjers ansonsten lesenswerter Artikel krankt am Hang zur Übertreibung: Mit der These Breiviks Massaker sei ohne Wikipedia und die Welt der Blogger nicht vorstellbar gewesen und realisiere nur, was bei Millionen [!] von Internet-Usern als Potenzial angelegt sei, geht er dem kulturkonservativen Lamento über Ego-Shooter und Rollenspiele auf dem Leim und bohrt an der dünnsten Stelle des Brettes.
  7. Die spätestens seit dem Atombombenabwurf ebenso dominante Technikkritik, die sich nicht unerheblich gegen die marxistische Hoffnung auf technologische Entwicklung konstituierte, fällt hier nicht ins Gewicht, da sie auf einer anderen Ebene ansetzt, nämlich dem Destruktionspotenzial der Technik für Mensch und Natur.
  8. Marshall McLuhan, in: The Essential McLuhan, hrsg. von Eric McLuhan und Frank Zingrone, London 1995, 121.
  9. Astra Taylor, Szenen aus einem besetzten New York, in: Blumenkranz u.a. (Hrsg.), Occupy!.
  10. Interview mit Mark Greif.
  11. Dass McLuhans Periodisierung gelinde gesagt vereinfachend ist, dass sie die Buchkultur missversteht und im Kurzschluss von Medium und Message schlichtweg ontologisch wird, zeigt Christoph Türcke. Vgl. Christoph Türcke, Vom Kainszeichen zum genetischen Code, München 2005, 137f.
  12. Marshall McLuhan, in: absolute Marshall McLuhan, hrsg. von Martin Baltes und Malte Höltschl, Freiburg im Brsg. 2002, 11.
  13. Ders., in: The Essential McLuhan, 248.
  14. Polke-Majewski, Wir sind schon Science Fiction.
  15. Zit. nach Astrid Herbold, Occupy lebt Basisdemokratie vor, ZEIT ONLINE, 11. November 2011, .
  16. Onnesha Roychoudhuri, Eine kleine Flamme, in: Blumenkranz u.a., Occupy!.
  17. Wir hätten Millionen von Dollar haben können, Interview mit Isham Christie, ZEIT ONLINE, 30. Januar 2012, .
  18. Interview mit Mark Greif.
  19. Ebd.
  20. Ebd.
  21. Blair Taylor, Form als Fetisch, Phase 2.41 (2012).
  22. Taylor, Szenen aus einem besetzten New York.
  23. Mark Greif, Weg mit dem Bullen!, in: Blumenkranz u.a., Occupy!.
  24. Sarah Resnick, Szenen aus einem besetzen New York, in: Blumenkranz u.a., Occupy!.