Trauerarbeit macht frei – Wie die Opfer der Shoah in der deutschen Erinnerungskultur vereinnahmt werden.

Der Umschlagrücken des Buchs Gefühlte Opfer mit seiner Ankündigung »Das heikelste Thema der deutschen Zeitgeschichte« lässt nichts Gutes hoffen. Doch das, was sich hinter der Verlagswerbung verbirgt, ist mitnichten so heikel wie erwartet.

Die AutorInnen Ulrike Jureit und Christian Schneider widmen sich in dem Buch der Tendenz in der Gedenkkultur in Deutschland, eine Bearbeitung des Holocaust durch seine Sakralisierung unmöglich zu machen. Die zentrale These des Doppelessays, dass die Erinnerungskultur in Deutschland dazu tendiert, »eine Vergessenskultur zu werden, die sich paradoxerweise gerade dadurch auszeichnet, dass sie zwanghaft erinnert«, ist kein Ruf nach einem Schlussstrich und geht über das schlichte Lamentieren über eine institutionelle Instrumentalisierung der Erinnerungskultur hinaus.

Im ersten Teil des Buches analysiert Ulrike Jureit – Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung – die gängigen Praktiken des Erinnerns und macht deren identifikatorisches Grundmuster in der Figur des »gefühlten Opfers« aus. Ihrer Beschreibung zufolge ist die Identifizierung mit den Opfern zur strukturbildenden erinnerungspolitischen Norm für das Gedenken an den Nationalsozialismus in Deutschland geworden. Den Grund für die Aneignung dieser Opferidentität sieht sie in dem Wunsch nach Abgrenzung von der Schuld der Täter. Die Identifikation mit den jüdischen Opfern ist nach Jureit eine Gegen-Identifizierung der »zweiten Generation«, die sich ´68 selbst als Opfer eines faschistischen BRD Staats imaginiert habe.

Ihre zweite zentrale These betrifft die Erlösungshoffnung: Ausgehend von der Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai 1985 führt sie aus, wie das jüdische Erinnerungsgebot in Deutschland zu einer Vorschrift mit christlichem Erlösungsversprechen mutiert sei. Diese These weist sie am Beispiel des »Denkmals für die ermordeten Juden Europas« aus, das einen Vergangenheitsentwurf symbolisiere, der politisch und ästhetisch durch Opferidentifikation geprägt sei. Jureit kritisiert, dass die ritualisierte Heiligenverehrung der Opfer im Grunde nichts anderem diene als ihrer Vereinnahmung: »Sechs Millionen Juden werden dadurch nicht als Opfer des von Deutschen verübten Massenmordes erinnert, sondern als eigene Tote vereinnahmt.«

Trotz dieser an sich sympathischen Polemik, vernachlässigt die Argumentation, dass auch der jahrelange Kampf der Opfer des Nationalsozialismus um politische und gesellschaftliche Anerkennung in die heutige Gedenkkultur eingeflossen ist. Das wird z. B. deutlich, wenn Jureit das Konzept des Denkmals für die ermordeten Juden Europas mit dem in der Neuen Wache – die als zentrale Gedenkstätte der BRD explizit allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gedenkt – auch und besonders den Deutschen, gleichsetzt.



Im zweiten Teil des Buches widmet sich der Soziologe Christian Schneider den theoretischen Grundlagen der heutigen Erinnerungskultur und ihrer Opferidentifizierung. Seine psychoanalytische Untersuchung von »Trauer als zentrale(r) Metapher deutscher Erinnerungspolitik« beginnt mit einer Darstellung des Einflusses der Werke, aber auch der ProtagonistInnen der Kritischen Theorie als jüdische Intellektuelle.

Der Hauptfokus seiner Kritik richtet sich jedoch auf die moralische Wirkung des Buches Die Unfähigkeit zu trauern von Margarete und Alexander Mitscherlich und dessen Anspruch einer psychoanalytischen Kollektivdiagnose Nachkriegsdeutschlands. Christian Schneider arbeitet heraus, wie hier Trauer und Erinnerung gleichgesetzt und moralisch umdefiniert wurden. Trauer sei jedoch nicht moralisch postulierbar, sondern ein spontaner kreatürlicher Akt. Auch die Anwendung der Kategorie Trauer auf den Holocaust kritisiert er und beklagt, dass der Begriff »metaphorisiert und inflationiert« wurde. Schneider stellt der Rede Richard von Weizsäckers, die die Verbindung von Erinnerung, Trauer und Verantwortung ins Zentrum der Gedenkkultur rückte, einen zum gleichen Anlass publizierten Text des Philosophen Norbert Elias gegenüber, der im Unterschied zu Weizsäcker den individuellen Charakter von Trauer betonte.

Die darauffolgende Skizzierung und Einordnung einiger erinnerungspolitischer Fehlleistungen (Phillip Jenninger 1988, Joseph Fischer 1999 und Jan Phillip Reemtsma 2002) stützt sich wie Jureits Text auf den Generationenbegriff als Analysekategorie. Die Einordnung Joseph Fischers als »klassischen ´68er« zeigt, wie statisch dieses Modell ist, indem das Konzept der Opferidentifizierung nur als Identifikation mit den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird. Dient nicht der Antiimperialismus und Antizionismus der sogenannten »Neuen Linken« genau der Identifizierung mit den Opfern der Opfer, um eine vermeintlich moralische Überlegenheit der Opfer zu demontieren und über die Kritik an israelischer Kriegsführung und Besatzungspolitik auf Israel und die Juden zurückzuwenden?

Trotzdem: Gefühlte Opfer ist ein gelungener Versuch, eine Diskussion über die offizielle Gedenkkultur und ihre theoretischen Prämissen anzustoßen.


Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 253 S., € 21,95.

VERENA DRÄGEL