Symptom einer Männlichkeitskrise

Narzissmus und Antisemitismus im Comic »Foreskin Man«

Antisemitismus wird häufig als Problem diskutiert, das mit der Krisenhaftigkeit nationaler, ethnischer, rassistischer oder religiöser Identitäten verbunden ist, egal ob es sich gegenwärtig eher um Varianten des sekundären Antisemitismus oder des Antizionismus in seinen verschiedenen politischen Spielarten handelt. Das Feindbild ›Jude‹ erscheint dabei immer wieder als »Nicht-Identität«, die einen vermeintlich homogenen Gemeinschaftskörper bzw. eine Ordnung solcher Gemeinschaften zu zersetzen droht. 

Dass sich der Antisemitismus allerdings auch dort entfalten kann, wo das Phantasma der harmonisch-abgeschlossenen Gemeinschaft nur eine marginale Rolle spielt und stattdessen ein ausgeprägter, ›männlich‹ konnotierter Individualismus als Norm gilt, zeigt das aktuelle Phänomen des US-amerikanischen Online-Comics »Foreskin Man«, das mit dem Ziel einer psychoanalytischen Erschließung und gesellschaftstheoretischen Kontextualisierung im Folgenden eingehender betrachtet werden soll. Erschließung kann in diesem Kontext nicht bedeuten, ›den (einen)‹ latent vorliegenden Sinngehalt des Comics völlig unzweifelhaft an die Oberfläche treten zu lassen. Stattdessen möchte ich versuchen, in einen Dialog mit dem Text und seinen Widersprüchen einzutreten und dadurch eine mögliche (aber nicht willkürliche) Deutung des Comics zu entwickeln, die als Deutung wesentlich auf dem Moment der Übertreibung beruht und sich dadurch von verobjektivierenden sozialwissenschaftlichen Methoden unterscheidet. Hierbei werden stellenweise Internetkommentare herangezogen, die mit dem Comic in engem Zusammenhang stehen. 

Der Comic ist Teil einer aktuellen politischen Kampagne, die sich gegen die Beschneidung von männlichen Säuglingen richtet, eine Prozedur, die in den USA aus verschiedenen Gründen eine Normalität darstellt. Die These, dass die (frühkindliche) Beschneidung der männlichen Vorhaut leibliche Beeinträchtigungen oder gar Traumatisierungen mit sich bringt, ist zwar aus medizinischer und psychologischer Perspektive sehr zweifelhaft. Trotzdem wenden sich mittlerweile viele Aktivisten gegen die Prozedur und begründen dies mit dem Verweis auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Die Beschneidung erscheint aus dieser Perspektive als altertümliches, barbarisches Relikt und als Ausdruck von Herrschaft. Die Kampagne ist dabei stark von libertären Argumenten geprägt, die das Prinzip des self-ownership betonen und vermeintliche Eingriffe durch Institutionen scharf kritisieren. Das politisch nächst liegende Ziel der Aktivisten, per Volksentscheid ein Gesetz durchzubringen, das Beschneidung (auch für religiöse Gruppen) für illegal erklärt, wurde allerdings vom Verfassungsgericht in Kalifornien bereits im Vorfeld der Novemberwahlen gekippt.

Foreskin Man

Der Comic Foreskin Man gehört zur Gattung der Superheldengeschichten. Psychoanalytisch kann diese Form als Wunschphantasie interpretiert werden, die eine unbefriedigende Wirklichkeit im »Simulationsraum der Fiktion« zu korrigieren trachtet. Als Kulturprodukt wird er im Folgenden außerdem als Symptom einer männlichen Subjektivitätskrise verstanden, in dem zentrale Widersprüche dieser Subjektivität symbolisch Ausdruck finden und zugleich, durch Abwehr und Projektion auf die Figur des Juden, auf irrationale Weise verarbeitet werden. Schauplatz dieser Krise ist dabei der männliche Körper und insbesondere sein Penis, der von der Praxis der Beschneidung bedroht zu sein scheint bzw. durch sie beschädigt ist. Es sei vorab daran erinnert, dass der Penis psychoanalytisch betrachtet ein phallisches Symbol darstellt, mit dem Macht, Potenz, Befähigung, Positivität etc. verbunden sind, seine ›Kastration‹ hingegen die Angst vor Entmachtung, Schwäche und Verweiblichung repräsentiert. 

Die Geschichte des Comics ist schnell erzählt. Hauptcharakter ist der »Foreskin Man«, offenkundig ein Unbeschnittener, der ein Doppelleben als bürgerlicher Aufklärer und Kritiker der Beschneidung männlicher Säuglinge und als rebellischer Superheld führt, der Beschneidungen auch praktisch verhindert. Beim Besuch einer Brit Mila (der jüdischen Beschneidungszeremonie), bei der allerdings auf die Beschneidung selbst aufgrund ihres vorgeblich unmoralischen Charakters verzichtet werden soll, taucht unerwartet der Jude »Monster Mohel« auf, um die Beschneidung gegen den Willen der Mutter durchzuführen. Dabei stellt sich heraus, dass der Vater des Jungen seine Familie betrogen hat und mit Monster Mohel unter einer Decke steckt. Die ›Zeremonie‹ hat bereits begonnen, als der nun verwandelte Foreskin Man mit Gewalt die Beschneidung verhindert. Nach Drohungen des geschlagenen Monster Mohel flüchtet der Held mit dem Kind und bringt es zu einer Widerstandsgruppe, die ebenfalls gegen die Beschneidung von Jungen rebelliert. Die leibliche Mutter wird verletzt zurückgelassen. Der Säugling findet hingegen sichere Zuflucht bei einer Frau, die ihn als Ziehmutter annimmt. Der Comic endet mit der Verbrennung von circumstraints, die als Symbol der Widerstandsbewegung (ein durch einen Schild geschützter Phallus) angeordnet sind. 

Zunächst soll es darum gehen, die Charaktere des Comics näher zu betrachten. Hierbei möchte ich vor allem zeigen, wie der Superheld und sein Gegenspieler systematisch aufeinander bezogen werden und welche Rolle hierbei das Motiv des Penis und seine Beschneidung spielt. Danach wird es darum gehen, die antisemitische Figur des Juden als Produkt einer projektiven Abspaltung zu begreifen, die im Kontext eines narzisstischen Syndroms situiert ist. Im Anschluss mache ich den Vorschlag, das Erscheinen des Foreskin Man im Zusammenhang mit aktuellen gesellschaftlichen Krisen zu betrachten.

Der idealisierte und der defizitäre männliche Körper

Der Superheld Foreskin Man zeichnet sich durch eine Reihe von Attributen aus, in denen körperliche, soziale und psychologische Eigenschaften eng aufeinander bezogen sind: Er ist blond und blauäugig, durchtrainiert und maskulin, selbstsicher, erfolgreich, und wohlhabend. Er ist außerdem ein Lebemann mit einem extrovertierten, hedonistisch-luxuriösen Lebensstil, der sich mit einem offenbar polygamen Liebesleben verbindet, in dem ihm alle Optionen offen zu stehen scheinen – sprich: Foreskin Man wird in heteronormativer und geschlechterstereotyper Weise als äußerst potent und begehrenswert dargestellt. Bezogen auf den ›Horror‹ der Beschneidung von Jungen zeigt er sich aber auch als besorgt und fürsorglich, was typischerweise eher mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert wird. 

Bei näherer Betrachtung dieses letzten Aspekts ist allerdings festzustellen, dass das Schutzbedürfnis gegenüber dem Säugling nicht als empathischer Bezug zu verstehen ist, denn dieser soll nicht um seiner selbst willen geschützt werden, sondern für das, was er werden soll: ein männliches Subjekt, dessen Eigenschaften in der Heldenfigur in stereotyper Weise ausgemalt werden. Die Figur des Kindes erscheint demnach im Comic auch folgerichtig nicht als Objekt mütterlicher oder väterlicher Zuneigung, stattdessen wird allein deren Schutzfunktion hinsichtlich der Beschneidung betont. Das Kind wird hierbei zum einen idealisiert, seine Erscheinung, insbesondere seine Vorhaut, steht für »Perfektion, Schönheit, Ganzheit« und »Funktionserfüllung«, zum anderen dient es als bloßer Spiegel in dem sich die ›Substanz‹ der Männlichkeit zu offenbaren scheint: der ›natürliche‹ Körper mit einem unversehrten Penis. Damit verbunden ist die – unter Antibeschneidungsaktivisten stark verbreitete – Auffassung, der Besitz einer Vorhaut sei für die eigene Empfindsamkeit generell unverzichtbar und nur sie ermögliche ekstatische (genitale) Sexualität.

In Kontrast zum Foreskin Man zeigen sich im Comic am beschnittenen Vater »Jethro« die vermeintlichen Konsequenzen, die sich aus der Beschneidung für den Mann ergeben sollen. Sein Verrat an Frau und Kind, der in der Beschneidungsszene offenkundig wird, bringt zum Ausdruck, dass er ein gefühlloser oder in seiner Gefühlsfähigkeit beschädigter Mensch ist, der keine Empathie und kein Mitleid aufzubringen vermag. Er wirkt finster, abwesend und unheimlich und macht sich zum willigen Helfer Monster Mohels, indem er in der Beschneidungsszene den Jungen gewaltsam an einen Billardtisch fixiert und Monster Mohel so assistiert. Damit erweist er sich allerdings auch gegenüber äußeren, bedrohlichen Einflüssen, also dem ›Juden‹, einvernehmlich bzw. unterwürfig, angepasst und schwach. Er ist insgesamt durch den Mangel dessen gekennzeichnet, was den Foreskin Man ausmachen soll. 

Monster Mohel

Die jüdische Figur Monster Mohel kann hingegen als Gegenbild zu Foreskin Man verstanden werden. Sie gleicht bis ins Detail der stereotypen Vorstellung eines ›Ostjuden‹, klassisches Feindbild im rassistischen Antisemitismus. Sein Körper wirkt wie eine Karikatur dessen, was als schön gilt. Er ist unproportioniert und schlaksig. Die Hände der Figur erinnern an vampirähnliche Fänge, ebenso die Darstellung seiner Zähne. Er ›jüdelt‹. Seine Nase ist knöchrig, sein Mund lippenlos. Die Abwesenheit von Pupillen verweist auf Seelenlosigkeit. Damit aber ist Monster Mohel nicht einfach böse, sondern im Grunde nicht-menschlich.

Als Unmensch hat er aber offenkundig Gelüste. Denn es geht ihm bei der Beschneidung nicht einfach um den Vollzug eines jüdischen Rituals. Freudig erwartet er insbesondere das Metzizah B’Peh, das orale Aussaugen der Beschneidungswunde. Diese im Judentum marginalisierte Methode, um postoperative Komplikationen bei der Beschneidung zu vermeiden, wird durch die Ergänzung des Motivs des Genusses zu einem perversen und pädophilen Akt umgedeutet. Und auch das Schwingen der Schere hat sexuelle Konnotationen: der zu ›echten‹ Empfindungen unfähige ›Jude‹ will den unschuldigen Säugling lustvoll kastrieren. Es ist dabei naheliegend, die Schere nicht als bloßes Werkzeug, sondern selbst als phallisches Symbol zu interpretieren. Denn in der Logik des Comics kann der ›Jude‹ aufgrund der eigenen Beschneidung keine ›echten‹ (genitalen) Empfindungen haben (siehe unten). Weil er aber dennoch offensichtlich lustvoll agiert, ist er auf einen Penisersatz angewiesen.

Der Einsatz der Schere als Prothese an Stelle eines Penis entspricht zum einen antisemitischen Vorstellungen, in der die Figur des Juden mit dem Mechanischen identifiziert wird. Dieser speziellen Prothese kommt aber weiterhin die Besonderheit zu, nichts anderes zu vermögen als das Objekt der Begierde zu verletzen, genauer: das genitale Lustzentrum des Säuglings nachhaltig zu beschädigen oder zu zerstören. Die Lust Monster Mohels resultiert also aus der Kastration des Jungen, die er im Namen von und als Unterwerfung unter Gott vollziehen will. Die Beschneidung, die im Judentum ein Zeichen des heiligen Bundes mit Gott symbolisiert, wird zu einer Machtgeste umgedeutet und als solche pseudo-kritisch denunziert.

Das produzierte Bild der Beschneidung kann insgesamt als modifizierte Form des christlichen Ritualmordvorwurfs gelesen werden, das auf dem Verständnis eines »ideale(n), verklärte(n), unversehrte(n) und unsterbliche(n) Leib(s)« beruht, der im jüdischen Ritual gemartert werde. Es handelt sich hier allerdings nicht um den Körper eines Jungen, der einen Gemeinschaftskörper (die Christenheit) repräsentiert, stattdessen steht der Körper des (jüdischen) Säuglings gewissermaßen nur für das, was aus ihm werden soll: ein (genital) potenter, und durch seine Unversehrtheit zu ›wahren‹ Empfindungen fähiger Mann. In genau diesem Sinn unterscheidet sich meines Erachtens der Antisemitismus des Foreskin Man von Antisemitismen, die sich als »Todesmetaphern« auf Gemeinschaftskörper beziehen. 

Monster Mohel hingegen kann demgegenüber als Kastrierter und Kastrierender in doppelt ›verkehrter‹ Weise Lust nur durch die Verwendung einer Prothese und durch die Zerstörung des Sexualorgans seines Opfers empfinden. Seine Gelüste erscheinen so als bloße Imitation von Lust und als Missachtung der Unversehrtheit des Gegenübers zu eigenen Zwecken. Monster Mohel ist in diesem Sinn also nicht einfach das Gegenteil des Foreskin Man. Sein Verhältnis zu ihm lässt sich vielmehr, wie für den Antisemitismus typisch, als absolute Negation begreifen. ›Der Jude‹ steht hierbei für eine Entität, die die Bedingung der Möglichkeit ›natürlicher‹ männlicher Subjektivität, die Foreskin Man repräsentiert, radikal unterminiert. Er tut dies, indem er durch den Vollzug seiner eigenen ›unnatürlichen‹ Sexualität den Penis des Jungen zu kastrieren scheint und dadurch mehr zerstört als den Penis allein. Die aus der Kastration folgende ›Organminderwertigkeit‹ hat weitreichende Folgen. Der kastrierte Mann wird nicht nur körperlich als defizitär betrachtet, sondern zugleich auch in psychologischer und sozialer Hinsicht. Die Abwesenheit der Vorhaut führt scheinbar zum Verlust von Genuss- und Empfindungsfähigkeit, Attraktivität und sozialer Anerkennung. Die Figur des Juden erweist sich damit als Zersetzer und als Nicht-Identität, die Identität bedroht. Das Ziel seiner zerstörerischen Aktivität ist aber keine nationale, ethnische oder religiöse Gemeinschaft, sondern ein abstrakt Allgemeines: ›natürliche‹ Männlichkeit bzw. männliche Identität (nicht aber: eine Gemeinschaft der Männer). Was also für einige Antibeschneidungsaktivisten auf dem Spiel steht, ist nichts weniger als das Phantasma einer intakten Welt, die sich vor allem um den eigenen Körper, genauer, um den Penis dreht. In den Worten eines Aktivisten: »Es existieren keine Worte dafür zu beschreiben, wie kraftvoll, wie unwiderstehlich ein Penis mit einer Vorhaut ist und wie sich ein Leben um diesen drehen kann.«

Zum Zusammenhang von Narzissmus und Projektion im Foreskin Man

Um nun das herausgearbeitete Verhältnis der beiden Hauptcharaktere des Foreskin Man psychoanalytisch zu vertiefen, soll zunächst begründet werden, warum der Comic als Ausdruck eines narzisstischen Syndroms interpretiert werden kann. Sodann sollen die Dynamik dieses Syndroms und insbesondere die Kränkungen, die mit ihm verbunden sind, klarer umrissen werden, um abschließend zu zeigen, dass die Figur des Juden als Projektion aufgefasst werden könnte, die dazu dient diese Kränkungen durch Externalisierung abzuwehren. 

Zum ersten Aspekt: die Thematisierung der Abwesenheit starker oder fester (familiärer) Bindungen, insbesondere zwischen Säugling und Vater, dessen Versagen und soziale Schwäche sich in der Beschneidungsszene mit Motiven sexuellen Missbrauchs und sadistischer Gewalt verbinden; die Zuflucht zu einer stereotypen Heldenfigur analog zu den »Allmachtsfantasien kleiner Kinder, die als Ritter oder Superwoman die Welt retten«; die Flucht zu fiktiven Ideal-Bildern der Exotik, des Sports und der Sexualität; und auch die dominante Bedeutung einer vermeintlichen Organminderwertigkeit für das Subjekt, die dazu führt, dass das Ideal-Ich auf reine Körperlichkeit zusammenschrumpft – all diese Aspekte verweisen auf das Problem des Narzissmus, in dem das Subjekt aufgrund massiver Kränkungen und (kindlicher) Entbehrungserfahrungen kompensatorisch zu einer überwertigen Besetzung des Ichs (das im Comic mit Körperlichkeit zusammenfällt) genötigt wird, was zugleich aber zu der Fatalität führt »die gesamte psychische Struktur dem allgemeinen Diktat der Unlustvermeidung« zu subsumieren und diesbezüglich »andere Menschen nur nach ihrem Nutzen zu taxieren«. Das Thema des (sexuellen) Genusses steht hierbei als Gegenbild zu einer innerpsychischen Leere, die immer wieder ins Bewusstsein einzubrechen droht.

Bei Slavoj Žižek ist bezüglich solcher »hoch sexualisierter Symptome« von extrem narzisstischen Subjekten die Rede, »die einem Genuss-Befehl des Über-Ich unterliegen und Schuldgefühle beim Scheitern der Genussfähigkeit entwickeln […]. Zur Vermeidung der Schuldgefühle entfalten sie einen gleichsam perversen Zug, der vorgibt, Lust immer schon bezeichnen zu können, um damit sowohl die Angst vor zu großer Nähe als auch die narzisstische Leere zu leugnen.« Es wurde bereits gezeigt, dass stereotype Vorstellungen (sexueller) Genussfähigkeit und das Problem ihres Scheiterns ein zentrales Thema des Comic ist. Scheitern aber müssen diese Formen des Genusses immer, und zwar aus strukturellen Gründen. Diese hängen damit zusammen, dass Lust, die »immer schon bezeichne[t]« sein soll, im Grunde keine ist, sondern bloße (gesellschaftliche) Konvention. Diese Konvention hält dabei im Sinne Žižeks den Anderen von sich fern, so sehr sie auch vorgaukelt sich in lustvoller Interaktion mit ihm zu befinden. Die Konvention simuliert sozusagen einen Reichtum der Empfindungen, lässt aber keine Irritationen zu. Mit Siegfrid Zepf kann allerdings davon ausgegangen werden, dass sie stets brüchig bleibt und bei narzisstischen Persönlichkeiten in keinem reflektierten Verhältnis zur eigenen Gefühlswelt steht, der gegenüber die Konvention äußerlich und künstlich bleibt. Um dies zu verschleiern, wird das Subjekt immer wieder ermuntert »hegemoniale Diskurse bruchlos zu reproduzieren, wenn diese nur narzisstische Kränkungen vermeiden helfen«. So ließe sich der heteronormative Diskurs über potente männliche Subjektivität, wie er sich im Foreskin Man artikuliert, vielleicht als (temporär funktionaler) Kompensator narzisstischer Leere verstehen. 

In Krisenzeiten wird aber auch dieses kompensatorische Bild seiner eigenen Unbeständigkeit überführt. Es ist dabei wahrscheinlich kein Zufall, dass die Virulenz des Diskurses um die ›Krise der Männlichkeit‹ durch die Dynamik der 2007 beginnenden Finanzkrise weiter angeheizt worden ist, obgleich der Diskurs wesentlich älter ist als diese. In den USA stellt sich diese Verschränkung der Krisen aktuell in der nicht nur materiellen sondern auch symbolischen Gefährdung männlich-konnotierter Sphären dar, sei es der Traum von der Finanzierbarkeit des luxuriösen Eigenheims und eines konsumorientierten Lebensstils, sei es das Erfolgsversprechen der Wallstreet oder generell des ›American Dream‹. Das Leitbild des männlich konnotierten Erfolgsmodells USA steht in den letzten Jahren massiv unter Beschuss und wird ebenso vehement verteidigt, wofür etwa zahlreiche Filmproduktionen beredtes Zeugnis abgeben. 

Um die Dysfunktionalität der eigenen Männlichkeitsideale erklären zu können, ohne die Kränkungen als solche aushalten zu müssen, die aus dem Gefühl innerer Leere, der Brüchigkeit der eigenen Vorstellung von Lust und des Mangels eigener Empathiefähigkeit aufgrund narzisstischer Selbstbezogenheit erwachsen, bedarf es eines Feindbildes, an dem eben diese Aspekte des Selbst zum Vorschein kommen – allerdings in externalisierter Form. In Foreskin Man dient dafür der jüdische Monster Mohel als Projektionsfläche. Dessen Brutalität, die Leere seines Charakters und die Künstlichkeit seiner Sexualität spiegeln im Grunde nur den Narzissten und dessen Objektbezüge. Jener sucht einen instrumentellen und überwältigenden Zugriff auf die Objekte der Begierde in Absehung ihrer Eigenständigkeit und auch Verletzbarkeit. Zugleich ahnt er oder sie dabei, dass der eigene Genuss stereotyp und leer ist. Die Figur des Juden in Foreskin Man repräsentiert deshalb Mehreres: die Gelüste, das schlechte Gewissen und die Enttäuschungen antisemitischer Narzissten. 

Abschließendes 

Der Comic Foreskin Man wurde in den USA in überwiegenden Teilen der Öffentlichkeit unter dem Gesichtspunkt seines Antisemitismus diskutiert. Und auch Teile der Antibeschneidungsbewegung haben sich mittlerweile von den Autoren distanziert. Damit bleibt der Comic eine gesellschaftliche Randerscheinung. Bedenkenswert aber ist, dass der Antisemitismus außerhalb der bekannten ideologisch-weltanschaulichen Kontexte, in denen die Gefährdung des (Über-)Lebens der Gemeinschaft im Vordergrund steht, funktional geworden ist. Es zeigt sich in der Analyse des Foreskin Man, dass individualistisch orientierte Lebenskonzepte nicht vom Problem des Antisemitismus ausgenommen sind, insofern durch die ökonomische Krise zentrale kulturelle Identitätsmuster, die bisher als Kompensatoren narzisstischer Kränkungen gedient hatten, massiv in Frage gestellt werden. Der Bedarf nach einem starken Feindbild, dem ›Juden‹ als Projektionsfläche, resultiert dabei unter anderem daraus, dass die Krise zwar deutlich wahrgenommen wird, aber zugleich nicht vom (männlichen) Ideal-Ich abgelassen werden kann, welches immer noch durch hegemoniale Diskurse propagiert wird. Dies aber wäre eine wesentliche Voraussetzung, um die gesellschaftlichen Bedingungen reflektieren zu können, die jene Krise erst möglich machte. 

Michael Höttemann

Der Autor ist Soziologe mit einem Schwerpunkt in Amerikanistik. Er arbeitet an der Philipps-Universität Marburg.

Fußnoten

  1. Klaus Holz, Die antisemitische Figur des Dritten in der nationalen Ordnung der Welt, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, 43-61.
  2. www.foreskinman.com/foreskinmanno2.pdf (1.10.2011).
  3. Vgl. Stefan Müller Dohm, Gemeinsame und getrennte Wege der Gesellschaftskritik, in: Felicia Herrschaft/Klaus Lichtau (Hrsg.), Soziologie in Frankfurt. Eine Zwischenbilanz, Wiesbaden 2010, 141-160, hier 144ff.
  4. Im Text wird bewusst das generische Maskulinum verwendet, da es sich bei den Aktivisten fast ausschließlich um Männer handelt.
  5. Vgl. www.adl.org/PresRele/RelChStSep_90/6091_90.htm
  6. Walter Schönau/Joachim Pfeiffer, Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft, Weimar 2003, 69.
  7. Der Mohel ist im Judentum eine für die Beschneidung ausgebildete Person.
  8. Bahre, die bei Beschneidungen zur körperlichen Fixierung des Säuglings dient.
  9. Insgesamt erscheint die genussorientierte Welt der ›Intakten‹ wesentlich durch den Aspekt (sexuellen) Lustempfindens geprägt zu sein. In dieser Welt findet sich auch nichts, das vom Idealbild jugendlicher, heterosexueller Schönheits- und Erfolgsvorstellungen abweicht.
  10. Ich benutze den Begriff »Horror« hier in uneigentlicher Weise. Denn das irrationale Schreckensszenario, das im Comic von der Beschneidung gezeichnet wird, sollte eindeutig von der berechtigten Frage unterschieden werden, ob männlichen Säuglingen dieser schmerzhafte Eingriff nicht erspart werden sollte.
  11. Im Original: »perfection, beauty, entirety« und »fulfillment of function« (www.sexuallymutilatedchild.org).
  12. Diese Form der Anti-Beschneidungskampagne unterscheidet sich deutlich von Bestrebungen, die sich politisch gegen die Beschneidung von Frauen einsetzen. Bei dieser geht es u.a. um Schmerzfreiheit, Rechte des Kindes und Fragen gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Gleichwohl suchen viele Aktivisten die Nähe zu diesen politischen Bewegungen und setzen immer wieder weibliche Genitalverstümmelung und männliche Beschneidungspraxen gleich.
  13. In Internetkreisen kursiert zur Figur des Beschnittenen das Gerücht, der Umstand beschnitten zu sein, führe zu Neid gegenüber Unbeschnittenen. Siehe dazu www.cirp.org/pages/riley/intact oder www.sexuallymutilatedchild.org.
  14. Siehe hierzu en.wikipedia.org/wiki/Brit_milah.
  15. Dass dieser Akt nicht einfach eine Beschneidung sondern Kastration bedeutet, wird auch daraus ersichtlich, dass der Comic an dieser Stelle das üblicherweise bei Beschneidungen benutzte Skalpell durch eine Schere ersetzt.
  16. Christina v. Braun, Blut und Blutschande, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Bilder der Judenfeindschaft, Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, 89.
  17. Peter Berghoff, »Der Jude« als Todesmetapher des politischen Körpers und der Kampf gegen die Zersetzung des nationalen »Über-Lebens«, in: Peter Berghoff/Peter Alter/Claus-E. Bärsch (Hrsg.), Die Konstruktion der Nation gegen die Juden, München 1999, 159-172.
  18. Im Original: »There are no words to describe how powerful, how compelling a penis with a foreskin is and how one’s life revolves around it« (www.circumcisionquotes.com/weakens.html).
  19. Peter V. Zima, Narzissmus und Ichideal. Psyche - Gesellschaft – Kultur, Tübingen 2009, 142.
  20. Vgl. Heinz Kohut, Die Zukunft der Psychoanalyse, Frankfurt 1985, 218ff.
  21. Ebd., 100.
  22. Thilo Neumann, Sozialcharakter zwischen Spätkapitalismus und Postfordismus, in: Alex Demirovic (Hrsg.), Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven der Kritischen Theorie, Stuttgart 2003, 283.
  23. Žižek, zit. nach ebd.
  24. Es fehlt hier der Raum um einen dialektischen Begriff der Lust zu entwickeln. Hierfür scheint mir aber die Überlegung zentral zu sein, dass Lust konstitutiv auf Irritation, Unlust, beruht, was zu der Frage führt, inwiefern diese Dialektik in zwischenmenschlichen Beziehungen abgewehrt oder ausgehalten werden kann. Hierzu Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner, Berlin/Frankfurt a.M. 1952.
  25. Zepf, zitiert in Neumann, Sozialcharakter, 283.
  26. Vgl. Rolf Pohl, Männer – das benachteiligte Geschlecht? Weiblichkeitsabwehr und Antifeminismus im Diskurs über die Krise der Männlichkeit (www.agpolpsy.de/wp-content/uploads/2010/06/pohl-krise-der-mannlichkeit-vorabdruck-2010.pdf).