Suburban Alien

»Sag mir Deine Meinung, und ich sage Dir, wer für Dich denkt.« Alf

Wer seine Mediensozialisation in den achtziger Jahren vollzog, kam an einer Vorabendserie nicht vorbei. Während die bisherigen Formate ihren Zenit überschritten, ihre Stilmittel ausgeschöpft und die immergleichen Storys – harte Kerle helfen weichen Frauen bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten – um die gleichen Korsette gebaut hatten, revolutionierte ALF, die vom Fernsehsender NBC produzierte Serie über jenen Außerirdischen, der der all american family Tanner ins Garagendach fiel, die Vorabendsoaps. An diesem Urteil besteht in jenen Sparten der Medien- und Kulturwissenschaften, die sich mit den kritischen Potentialen der zeitgenössischen Massen- und Populärkultur beschäftigen – insbesondere mit der Sitcom-Flut, die spätestens seit den siebziger Jahren beobachtet werden kann –  kein Zweifel. Das zottelige Wesen brachte nicht nur das Leben der Tanners durcheinander, sondern für einen kurzen Zeitraum auch die Medienlandschaft der ausgehenden Reagan-Ära.

Nachdem bereits seit den neunziger Jahren einige kleinere Aufsätze über den subversiven – oder wahlweise auch rhizomatischen – Charakter der Serie veröffentlicht wurden, wurde am Sonderforschungsbereich Literature, Science and Popcultural Diversification an der Purdue University vor kurzem ein Sammelband herausgegeben, der die verschiedenen Stränge der Auseinandersetzung um eine der zentralen Kultserien der achtziger Jahre zusammenführt. Die Herausgabe des Sammelbandes lässt nicht nur die Vorfreude auf die neue, digital remasterte und mit zahlreichen Extras versehene Komplett-Edition der Serie wachsen, die Anfang 2012 auf dem amerikanischen Markt erscheinen soll. (Die DVD-Box soll aufgrund verschiedener Verwertungsrechte für den europäischen und amerikanischen Markt aller Voraussicht nach ohne deutsche Untertitel und Sprachauswahl erscheinen – was aufgrund der katastrophalen Synchronisation durch das ZDF allerdings durchweg zu verschmerzen ist.) Der Sammelband erscheint auch zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kulturwissenschaften und die akademische – das heißt in den USA immer auch undogmatische – Linke Fragen von Populärkultur eine nie gekannte Aufmerksamkeit entgegenbringen. Deutschland, wo selbst Serien wie Buffy oder Desperate Housewives von pop- oder kulturlinker Seite erst wahrgenommen wurden, nachdem sie in den USA schon seit Jahren Gegenstand umfangreicher Auseinandersetzungen von Tagungen und Konferenzen waren, hängt dieser Entwicklung wie so oft um nahezu ein Jahrzehnt hinterher. Im Unterschied zur Bundesrepublik fragt man jenseits des Atlantik bereits seit geraumer Zeit danach, in welcher Form die viel geschmähte Massenkultur unseren Alltag nicht nur konditionieren und strukturieren, sondern gewohnte Rollen-, Verhaltens- und Blickmuster – gewollt oder ungewollt – aufbrechen, verändern und diffundieren kann.

»Alf versus Ronny«

 Sowohl in der akademischen als auch in der poplinken Auseinandersetzung mit ALF werden letzthin Bemerkungen aufgegriffen, die insbesondere Matt Groening, Trey Parker und Matt Stone (die Macher von The Simpsons und South Park – jener beiden Serien, die lange Zeit im Zentrum der Debatten um die Indifferenz und Mehrdimensionalität der Massenmedien standen), aber auch Filmgrößen wie die Coen-Brüder oder Martin Scorsese, der sich in einem Interview mit dem New Yorker 1998 als ALF-Fan outete, in jeweils unterschiedlichen Zusammenhängen tätigten. ALF habe, wie Groening vor einigen Jahren erklärte, überhaupt erst den Boden für die Simpsons bereitet, weshalb der Außerirdische gleich in mehreren Simpsons-Folgen mit Anspielungen und Serienzitaten gewürdigt wird. Auch die South Park-Macher Parker und Stone erklärten, dass sie mit South Park auf wesentlich mehr Widerstand gestoßen wären, wenn es ALF nicht gegeben hätte. »Wir verdanken Paul Fusco , [dem ALF-Ideengeber, d.A.] fast alles.«

Auch wenn Formate wie die SimpsonsBuffy und vor allem South Park auf den ersten Blick um ein vielfaches tabuloser und kritischer erscheinen, war ALF im Kontext seiner Entstehungszeit weitaus radikaler als es die genannten Serien in der Zeit ihres erstmaligen Erscheinens sein konnten. Als der zottelige Außerirdische im September 1986 das erste Mal auf den Bildschirmen erschien, befand sich die Reagan-Administration gerade auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Tipper Gore und andere Anhänger so genannter family values hatten gerade durchgesetzt, dass Schallplatten mit vermeintlich obszönen und explicit lyrics mit einem Warnhinweis für Jugendliche, dem sogenannten Tipper-Sticker, erscheinen mussten.  Einige Bundesstaaten des Mittleren Westens führten den – vom Obersten Gerichtshof allerdings bald wieder gekippten – Warden-Act ein, der die auch in den USA seit den siebziger Jahren unerlässliche öffentliche Förderung von Theaterstücken und Ausstellungen an die diffuse Bedingung knüpfte, dass sie dem »allgemeinen Geschmacksempfinden« der moral majority nicht zuwider laufen dürfen. Ähnlich wie im Amerika der McCarthy-Ära sollte der WASP, der white anglo-saxonian protestant, jeneR von den so genannten Gründervätern abstammende angelsächsische StandardamerikanerIn, wieder zum Dreh- und Angelpunkt öffentlicher Moralvorstellungen und Verhaltensmuster gemacht werden. Die wenigen Gays, Blacks und Latinos, die es in den siebziger Jahren auf Nebenrollen in großen Kinofilmen wie auch Vorabend-Soaps gebracht hatten, verschwanden still und heimlich wieder von den Bildschirmen oder durften, wie Whoopi Goldberg oder die Cosby-Familie, nur die Rolle der netten und schrägen, aber letzthin angepassten Freaks spielen. Zur gleichen Zeit wurde über die Verschärfung der Zuwanderungsgesetzgebung diskutiert; in Kalifornien ging ein demokratischer Gouverneurskandidat namens Jerry Brown erneut mit Hetze gegen ZuwanderInnen aus Mexiko und Puerto Rico auf Stimmenfang. Vor diesem Hintergrund war für die ZeitgenossInnen mehr als deutlich, worauf ALF-Macher Paul Fusco anspielte, wenn er finster dreinblickende VertreterInnen der Alien Task Force an der Tür der Tanners klingeln ließ, die mit Suchfahrzeugen durch die Straßen fuhren, um nach illegalen Außerirdischen zu suchen. Die Abkürzung ATF ist hier nicht umsonst identisch mit dem Kürzel der berüchtigten Alcohol, Tobacco and Firearms-Einheiten. Fuscos Fingerzeig gewinnt an sinnbildlichem Gehalt insbesondere dann, wenn die entsprechende Folge, wie im Herbst 1987, nur wenige Tage nach einer Kongressdebatte über die Verschärfung der Greencard-Regelungen und den Kompetenzgewinn der Einwanderungsbehörden ausgestrahlt wurde. Der Doppelsinn des Begriffs alien – sowohl »AußerirdischeR« als auch »FremdeR« bzw. »AusländerIn« –, den die BeamtInnen bei ihrer Jagd nach Alf immer wieder im Munde führten, kam in diesem Kontext vollends zur Geltung. Diese Anspielungen wurden, ebenso wie weitere Uneindeutigkeiten des amerikanischen Originals, in der bereits erwähnten ZDF-Synchronisation allerdings wieder weitgehend vereindeutigt. 

Alf versus Al

ALF fungierte dabei – wenn von den Machern wohl auch nicht intendiert – in nahezu jeder Hinsicht als Gegenentwurf zur etwa zeitgleich beim NBC-Konkurrenzsender FOX erschienenen Serie Married...with Children, die in der BRD unter dem Titel Eine schrecklich nette Familie ausgestrahlt wurde – und vice versa. Beide Sitcoms waren im Amerika der ausgehenden achtziger Jahre die mit Abstand beliebtesten Vorabendserien und konkurrierten jeweils um den ersten Platz der Zuschauergunst. Während die Verbalinjurien des Married-Hauptprotagonisten Al Bundy vor Sexismen und offener Frauenverachtung nur so strotzen, werden durch die bekannten anarchoiden Sprüche Alfs, die nicht umsonst Anleihen an den Formeln der Situationisten, der Subversiven Aktion und vor allem der amerikanischen Yippies nehmen, alle möglichen und unmöglichen Autoritäten infrage gestellt: vom Staat über die Familie bis hin zu den Tischmanieren. Neben den sexistischen und antifeministischen Attacken Al Bundys soll bei Married...with Children vor allem dasjenige Gelächter hervorrufen, was von den Normen, Wertvorstellungen und Imperativen der moral majority abweicht: die geringe Entlohnung Al Bundys, die Ablehnung der klassischen Heim-und-Herd-Rolle durch seine Ehefrau Peggy, das gemeinsame Desinteresse an Arbeit und Fleiß, die Promiskuität und der rebellische Dresscode der Tochter Kelly sowie die Erfolglosigkeit des Sohnes Bud beim dating. Es soll also all das lächerlich erscheinen, was von der Standardmatrix des Vorstadtlebens abweicht. Gerade hierdurch wird diese Matrix, auch wenn die Bundys so gar nicht dem Bild der all american family entsprechen, freilich bestätigt und erneut in Kraft gesetzt.

Im Gegensatz dazu bricht Alf in das Vorstadtleben einer solchen all american family, bestehend aus Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Haustier, ein und bringt sie nachhaltig in Bewegung. Er stellt bisherige Selbstverständlichkeiten infrage, bricht innerfamiliäre Konstellationen auf und dekonstruiert insofern gleichsam bisherige Rollen, Funktions- und Sichtweisen. So ist etwa Alfs Verweis auf sein Jugendtrauma – er wurde als eheliches Kind geboren, was auf seinem Heimatplaneten Melmac als unmoralisch galt – nur unschwer als Auseinandersetzung mit jenem moralischen rollback der Reagan-Ära zu erkennen, als Ehe, Enthaltsamkeit und sonntägliche Kirchgänge nach der relativen Liberalisierung der siebziger Jahre wieder an Bedeutung gewannen. Die christlich-konservativen Imperative, die von den Vorgängern der Teaparty-Bewegung in den achtziger Jahren als ewig und gottgegeben dargestellt wurden, werden als soziale Konventionen und Konstruktionen präsentiert und zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben. Diese Stoßrichtung dürfte nicht zuletzt einer der Gründe für die bemerkenswerte Rezeption der Serien gewesen sein: Der in unregelmäßigen Abständen erhobene ABM Report, die große Studie über die Konsumgewohnheiten, politischen Präferenzen, bevorzugten Kleidungsmarken, Fast-Food-Ketten, medialen Vorlieben, Ängste und Wünsche der Amerikaner, ergab 1988, dass Anhänger der Demokraten und traditionell linker und liberaler Werte, die auch während des Kulturkampfes der Reagan-Ära keine verschwindende Minderheit waren, deutlich größere Sympathiewerte für Alf als für Al Bundy aufbrachten. Eine konservative Weltanschauung korrelierte hingegen stärker mit Präferenzen für Married...with Children.

Zur Umschreibung der Position Alfs innerhalb der Serie wie auch der damit einhergehenden Vorgänge lässt sich auf Georg Simmels Begriff des »Fremden« sowie Siegfried Kracauers Formel der »Extraterriorialität« zurückgreifen. Andrew Rice bemüht in dem eingangs erwähnten Sammelband, wenn auch eher am Rande, den ähnlich gelagerten Ausspruch Jaques Derridas von der »Gestalt der Nicht-Gestalt«. Der »Fremde« – so kann Alfs Verortung innerhalb der Serienkonstellation der Familie Tanner wie auch der imaginären Vorstadtsiedlung von Los Angeles, in der die Tanners zuhause sind, in Anlehnung an Simmel beschrieben werden – steht in einem Verhältnis von Nähe und Distanz zu dem ihn umgebenden Milieu: »Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist hier zu einer, am kürzesten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist«. Dieser Status des »Fremden« beziehungsweise der »Extraterritorialität« kann als spezifische position of knowledge begriffen werden, aus der scheinbar normale und vernünftige Dinge plötzlich als weniger normal oder vernünftig erscheinen. Die Nachvollziehbarkeit und das Verständnis werden durch den gelegentlich aufgebläht wirkenden Theorie- und Begriffsapparat der »ALF-Studies« weniger befördert als erschwert. Dennoch wird durch den Begriff des »Fremden« und die Formel von der »Extraterritorialität« ein Sachverhalt angedeutet, der nur schwer von der Hand zu weisen ist: So kann nicht bezweifelt werden, dass die ZuschauerInnen in Vermittlung über den »Fremden« Alf, aus der Perspektive seiner durch die Herkunft vom Planeten Melmac, vor allem jedoch durch seine erzwungene Unsichtbarkeit verursachte »Extraterritorialität« in die Lage versetzt werden können, eine Perspektive einzunehmen, die sich deutlich von ihrer bisherigen Wahrnehmung unterscheidet. Aus diesem versetzten Blickwinkel schieben sich jene Anomalien, Widersprüche, Widersinnig- und Gewalttätigkeiten, die den Alltag aus inhärenter Perspektive kaum merklich begleiten, in den Vordergrund. Die hegemonialen symbolischen Formen weichen einem multipleren Bild. So erscheinen etwa die Klingel- und Besuchsattacken des benachbarten Ehepaares, der Ochmoneks, nicht mehr, wie z.B. im australischen Dauerbrenner Neighbours, als freundliche Nachbarschaftshilfe, sondern als anmaßender Übergriff auf die Privatsphäre, wie er von den Desperate Housewives-MacherInnen später in voller Perfektion dargestellt wurde. Auch die Polizei erscheint aus der Perspektive Alfs und der ihn umsorgenden Tanners nicht mehr, wie in den traditionellen Vorabend-Familienserien, als FreundIn und HelferIn. Besonders brutale, skrupellose oder dümmliche PolizistInnen können ebenfalls nicht mehr, wie in der Mehrzahl der Korruptions-, Polizei- und Gangsterfilme, als Ausdruck der Deformation einer grundsätzlich vernünftigen und begrüßenswerten Instanz dargestellt werden. Aufgrund der Unerbittlichkeit, mit der die BeamtInnen den Außerirdischen qua Amt und Beruf suchen müssen, wird zugleich der Blick auf die Gewaltförmigkeit und den Homogenisierungszwang jener Gesellschaft freigegeben, die von der Polizei nicht nur beschützt und gestützt, sondern immer wieder neu konstituiert wird.

Gendertrouble

Es ist insofern nicht verwunderlich, dass ALF in den nur vier Jahren, in denen die Serie produziert wurde, für zahlreiche Debatten und Kontroversen in den USA sorgte. Aus der Mehrzahl dieser Kontroversen sprach zum einen die tiefe Verunsicherung der amerikanischen Gesellschaft dieser Umbruchsjahre. Zum anderen signalisierten sie jedoch auch, dass es den ALF-MacherInnen gelang, diese Verunsicherungen aufzugreifen, sie via Bildschirm in die Gesellschaft zurückzuspiegeln und diese insofern zu Reaktion – und gelegentlich auch Reflexion – herauszufordern.

Für die größte Irritation des amerikanischen Publikums dieser Zeit sorgte dabei paradoxerweise etwas, was aus heutiger Perspektive vor dem Hintergrund der Queer-Bewegung, der Debatten um Transgender oder von Serien wie United States of Tara (dt.: Taras Welten), deren Hauptprotagonistin über mehrere Identitäten, darunter die eines klassischen Redneck-Machos, verfügt, kaum noch auffällt: Die SerienmacherInnen um Paul Fusco verzichteten, wie Dash Lewis ausführt, eher unbewusst darauf, Alf eine eindeutige Geschlechteridentität zuzuschreiben. Durch die charakteristische Stimme des deutschen Synchronsprechers Tommy Piper fand in der ZDF-Variante freilich auch in dieser Hinsicht eine Vereindeutigung statt. Das neue Familienmitglied der Tanners wird in der Regel ganz neutral als A.L.F., als Alien Life Form, bezeichnet. Ganz im Sinn dieser Uneindeutigkeit fühlt sich Alf gleichermaßen zu Willy und Kate, den beiden Familienoberhäuptern der Tanners, zu ihrer pubertierenden Tochter Lynn sowie dem androgynen – und sich in einer Kompensationsleistung wohl deshalb besonders maskulin gebenden – Nachbarsjungen Jake hingezogen. Die Anziehung, die nahezu alle Familienmitglieder auf ihn ausüben, will Alf immer wieder auch körperlich ausleben – was nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass er trotz des weitgehenden Verzichts auf eine eindeutige Geschlechtszuschreibung doch tendenziell mehr maskulin als feminin konnotiert ist, von Jake und Willy immer wieder empört zurückgewiesen wird. Insbesondere als sich Alf und Brian, der kleine Sohn der Tanners, in einer Folge als Frauen verkleiden, reagieren Willy und Kate mit einer Übertriebenheit, die ihr Verlangen nach identitärer Separation der Geschlechter – sei es bewusst, sei es unbewusst – erneut der Lächerlichkeit preisgibt und es insofern symbolisch bricht. Wird in Married...with children all das als lächerlich dargestellt, was von den bisherigen Normen abweicht, sollen in dieser Alf-Szene jene Verhaltensmuster Lachen hervorrufen, die sich in übertriebener Weise um die Aufrechterhaltung eben jener Matrix bemühen. Gerade diese subkutane Infragestellung und Brechung von Eindeutigkeiten sorgte, wie Lewis in dem oben erwähnten Sammelband ausführt, dafür, dass der Sender NBC nach Ausstrahlung der Folge so viele empörte Leserbriefe und Anrufe bekam wie nie zuvor in der Seriengeschichte. Der gendertrouble, der aus diesen Beschwerden sprach, dürfte letzthin einer der Gründe für die in jeder Hinsicht einschneidenden Veränderungen der vierten und letzten Staffel der Serie gewesen sein. Mit dem Produzentenwechsel zu Beginn der vierten Staffel traten nicht nur die anarchischen Momente der Serie deutlich hinter einem moralisierenden Gestus zurück. Alf wurde zugleich zwangsheterosexualisiert und wieder in die heteronormative Matrix eingepresst. In der vierten Staffel wurde zum ersten Mal von Alfs Geliebter Ronda auf dem Planeten Melmac gesprochen, nach der er sich sehnt, über die er nach den scheinbaren Jahren des Vergessens immer wieder spricht – und die ihn als weitaus eindeutiger heterosexuell und maskulin erscheinen lässt. Sein »bürgerlicher« Name, der in den ersten vier Staffeln ganze drei Mal (und auch hier zweimal als »Gordon« und ein Mal weitaus weniger eindeutig, als »Gordo Shumway«) benutzt wurde, fand nun in nahezu jeder Folge Erwähnung.

Beobachtung und Veränderung

Durch solche Hinweise auf die Reaktionen der ZuschauerInnen und mehr noch all derer, die in der Serie in Kontakt mit dem neuen Familienmitglied der Tanners kommen, wird deutlich, dass die Figur Alf dem Publikum weit mehr als einen Beobachtungsposten bietet. Durch die Bezugnahme auf Alf erscheinen bisher als selbstverständlich angenommene Dinge nicht nur den ZuschauerInnen als hinterfragbar. Auch die Tanners selbst, die hier als mediale Blaupause begriffen werden können, verändern ihren Blick auf die Welt durch ihre Bezugnahme auf Alf und die Empathie, die sie ihm entgegenbringen. Insbesondere die Nachbarsfamilie Ochmonek, zu der die Tanners, wie in der Serie gelegentlich angedeutet wird, vor der Landung Alfs ein weitaus innigeres Verhältnis pflegten als nach dem Erscheinen des neuen Familienmitglieds, stellen eine Art Negativfolie dar: ein Spiegelbild der Tanners ex post. Die Ochmoneks bleiben mit sich selbst identisch, vollziehen keinen Wandlungsprozess und ermöglichen insofern den permanenten Abgleich mit der Entwicklung der Tanners. Diese Entwicklung vollzieht sich dabei selbstverständlich nicht geradlinig: Trotz aller Veränderungen bleiben die Tanners in letzter Konsequenz doch eine all american family; die Serie macht darüber hinaus keinerlei Angebote für positiv zu bewertende Geschlechts- und Rollenveränderungen. Auch Alf muss letztlich die Erfordernisse des Medienmarktes bedienen, ALF ist keine Serie, die den Ansprüchen des revolutionär-subversiven oder rhizomatischen Experimentalkinos genügt, genügen kann und will. Dennoch steht gerade der Verzicht auf Eindeutigkeit und Monochromie, die stetige Betonung der Uneindeutigkeit und der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Momente für einen Bruch mit der Identitätslogik, die sich in anderen Vorabendsoaps der achtziger Jahre findet. ALF bereitete insofern den Boden für einige der Sitcoms, die in dieser Hinsicht weitaus weiter gehen konnten als es ALF-Macher Paul Fusco in seiner Zeit möglich war. Die Figur des »Fremden« oder der Ort der »Extraterritorialität« sind insofern weniger Rückzugsort als ein vorgeschobener Posten, der durch seine erratische Struktur in unseren Alltag hineinragt – und ihn insofern gleichsam verändern kann.

 

Julia Reiter

Die Autorin ist zurzeit "Fellow" in "Stanford" und "promoviert" zum Thema »Umdeutung durch Synchronisation – die westdeutschen Übersetzungen amerikanischer Fernsehserien der achtziger Jahre«.

Fußnoten

  1. N.N., Introduction, in: Sitcoms, New Haven 2007, 12; N.N., Alf, in: Ebd. 56.
  2. Das Buch ist der zweite in diesem Jahr erschienene Band der von Paula Leverage neu herausgegebenen Reihe Theory of Mind and Literature: Paula Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature. 2. Aufl., West Lafayette 2011.
  3. Annika Beckmann u.a. (Hrsg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer«, Berlin 2010, Julia Langner, Verzweifelte Hausfrauen? Erscheinungsformen der Macht in Desperate Housewives, Marburg 2009; Katja Dechant, Soap Operas als Alltagsratgeber. Kulturanalytische Beobachtungen zu konstruierten Weiblichkeiten in »Desperate Housewives«, Saarbrücken 2009.
  4. Richard Hanley, South Park and Philosophie, Chicago 2007, Brian C. Anderson, South Park Conservatives. The Revolt against Liberal Media Bias, Washington 2005, Peter Thompson, Desperate Housewives? Communication Difficulties and the Dynamics of Marital (Un)Happiness, in: The Economic Journal 118 (2008), Janet McCabe, Reading Desperate Housewives: Beyond the white Picket Fence, London u.a. 2008, William Irvin (Hrsg.), The Simpsons and Philosophy: The d’oh! of Homer, Chicago 2008, John Alberti (Hrsg.), Leaving Springfield. The Simpsons and the Possibilities of oppositional Culture, Detroit 2004.
  5. So war einer der ersten wissenschaftlichen Beiträge über Alf überschrieben: Adrian Murray, Alf versus Ronny. Aliens in the Reagan Era, in: Media Science 3 (2001).
  6. Christian Wadephul/ Magnus Kluke, What did we learn today? Die Serie South Park gegen ihre Liebhaber verteidigt, in: Phase 2 39/2011.
  7. The Saint (Interview mit Martin Scorcese), in: New Yorker 21. Juli 1998.
  8. Nicholas Hunter, The Politics of Provokation, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 31. Zu den Reminiszenzen Parkers, Stones und der Coen-Brüder Vgl. ebd.
  9. Ebd. 127.
  10. Murray, Alf versus Ronny, 54.
  11. Staffel (S) 2, Folge (F) 6. Die Nummerierung der Folgen folgt der Produktionsreihenfolge, die auch der Zählung der neuen DVD-Edition zugrunde liegen soll, nicht der Reihenfolge der Ausstrahlung. Diese weicht sowohl von der deutschen als auch der bisherigen amerikanischen Zählung ab, da einige Folgen nicht in die frühere amerikanische und deutsche Edition aufgenommen wurden. Siehe auch Murray, Alf versus Ronny, 50.
  12. Anne Dove, No Problem. The Yippies of the 80s, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 171.
  13. S 1, F 4; S 1 F 7.
  14. Murray, Alf versus Ronny, 56.
  15. Ebd.
  16. Joan Latrin: Stranger in a strange Land. Extraterritoriality in modern media culture, in: Media & Theory 32 (2007). Jetzt auch wieder in: Joan Latrin: The Alien. From Simmel to Reagan, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 20.
  17. Andrew Rice, Summary, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature, 198.
  18. Georg Simmel, Exkurs über den Fremden, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe, Bd. 11, Frankfurt a. M. 1992, 764.
  19. Ebd. 21.
  20. Alf muss sich, um nicht gefasst und für medizinische Experimente missbraucht zu werden, vor den Nachbarn, dem Briefträger, dem Pizzaboten etc. verstecken und steht allenfalls über die Tanners, das Fernsehen und das Telefon in Kontakt mit der Außenwelt.
  21. Hierzu und zum Folgenden: ebd. 20ff.
  22. McCabe, Reading Desperate Housewives.
  23. Ebd.
  24. Eine Vielzahl der Kontroversen wird aufgelistet in: Hunter, The Politics of Provokation, 34ff.
  25. Dash Lewis, Male or Female or ...? Gendertrouble on the Screen, in: Leverage (Hrsg.), Theory of Mind and Literature.
  26. Ebd., 69.
  27. S 3, F 4., auch in: Lewis, Male or Female, 71.
  28. Lewis scheint bei der Interpretation einiger Szenen allerdings gelegentlich selbst dem Drang nach Vereindeutigung zu erliegen und projektiv zu verfahren.
  29. Ebd.
  30. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991.
  31. Lewis, Male or Female, 74.
  32. S 4, F 2., ebd. Wenn in den vorherigen Staffeln an einigen Stellen die Rede von Ronda ist, erscheint sie im amerikanischen Original als »friend» Alfs ? nicht als sein »girlfriend«.
  33. Ebd., 75.
  34. Latrin, The Alien, 23.
  35. Ebd.; Rice, Summary, 189.