Staatsfeinde ohne Lehrstuhl

Überlegungen zum Akademismus

 

»Es wäre in der Tat sehr angenehm, wenn eine wirklich wissenschaftliche sozialistische Zeitschrift erschiene«, schrieb Karl Marx 1877 an seinen Freund Friedrich Engels, als der ihm von dem geplanten Projekt des Journalisten Franz Wiede berichtete. Was Marx sich allerdings als »wirklich wissenschaftlich« vorstellte, war mehr Ideal als Wirklichkeit.

Eine Zeitschrift in seinem Sinne gäbe »Gelegenheit zu Kritiken oder Antikritiken, wo theoretische Punkte von uns erörtert werden könnten und die absolute Unwissenheit der Professoren und Privatdozenten zu exponieren und damit gleichzeitig auch die Köpfe des general public – Arbeiter wie Bourgeois – zu lichten wäre.« Umso skeptischer war er gegenüber Wiedes Idee. Seine Zeitschrift könne gar nichts anderes sein als »sham-scientific«, so Marx. In der Gesellschaft von »halbgebildeten Knoten und halbwissenden literati« wäre »Rücksichtslosigkeit – erste Bedingung aller Kritik –« von vornherein unmöglich.

Als, nachdem die Revolution ausblieb, der Marxismus entstand, hatte sein Namensgeber für die »Kathedersozialisten« und die »Herren von der Universität«, sowohl aus dem bürgerlichen als auch aus dem eigenen Lager, nur Hohn und Spott übrig. »Einer verworrener als der andere«, stutze sich jeder die Wissenschaft »nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht« und mache sich »kurzerhand seine eigne Privatwissenschaft.«? Der Maßstab, der den Angriffspunkt seiner Kritik vorgab, war allerdings immer geprägt von einem emphatischen Begriff der Wissenschaftlichkeit, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – Marx selbst nie an der Universität angestellt war. Was Kritik des Akademismus heißen kann, war schon damals nicht neu. Wie bei Marx war sie gekennzeichnet durch eine Ambivalenz von Wissenschaftspathos und Wissenschaftskritik, aus der sie gleichzeitig ihre Stärke bezog. Als Kritik des Extremen verdeckt sie die Trennung geistiger und körperlicher Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft und die regulären Produktions- und Zwangsverhältnisse des Wissenschaftsbetriebs. Problematisch ist sie insofern, weil sie offenbar der Universität Möglichkeiten zurechnet, die ihr vor allem heute, unter den Bedingungen spätkapitalistischer Integrationsfähigkeit und einem durch die Bologna-Reformen zurechtgemachten Bildungssystem, nicht zukommen. Vor allem in jenem Teil der Gesellschaft, der sich die kritische Erkenntnis der falschen Zustände, zuweilen gar deren vollständige Abschaffung auf die Fahnen geschrieben hat – also der Linken – scheint sowohl die Idealisierung der Universität, als auch deren Reversbild, der abgeklärte Zynismus, eine besonders wohlige Heimstätte gefunden zu haben. Die einen verteidigen das Bildungsideal des 19. Jahrhunderts, wollen gar »Bildung für alle« und beklagen die Ökonomisierung der Hochschulen. Dass auch Geistesarbeit nur Lohnarbeit ist und der Betrieb eben ein Betrieb, und dass es sowieso kein richtiges Leben im falschen gäbe, ist das mit abgeklärtem Lächeln vorgetragene Mantra der anderen. Das Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, ziehen beide jedoch aus der Überzeugung, gerade mehr von der Universität zu wollen, als diese ihnen geben kann. Gelegenheit und Ambition vorausgesetzt, zögern weder die einen noch die anderen, politisches Engagement in symbolisches Kapital im Konkurrenzkampf umzumünzen. Damit nähern sich beide aus unterschiedlichen Richtungen dem Konformismus an. In der Bildungspolitik ist es nur schwer möglich, ohne Appelle an den Souverän, der vor allem die Geisteswissenschaften eher am Leben erhält als fördert, und ohne das beständige Beharren auf dem gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaft auszukommen. Akademische Linke hingegen, die die Hochschulpolitik geflissentlich den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Initiativen überlassen, versilbern ihr Dasein als prekarisierte, befristet angestellte Kritikbeauftragte mit der Vorstellung, dass den Zwängen der Institution zu entkommen sei, würde sie nur mit den passenden Subjekten besetzt. Ihre Cliquen und das mit ihnen einhergehende Gebaren sind von anderen Interessensvertretungen oft kaum zu unterscheiden. Beide geben vor, dass die Risse und Widersprüche zwischen Leben und Arbeit, geistiger und körperlicher Arbeit, Herrschaft und Geist, Politik und Wissenschaft, schließlich Erkenntnis und Lust selbstbestimmt gekittet werden könnten. Die Lektionen, die man von radikalen Intellektuellen an der Universität gelernt hat, von Georg Lukács bis zu den Vertretern der Kritischen Theorie, mögen unfreiwillig für diese Melange mit verantwortlich sein. »Adornos Biographie, die bei einem homme de lettre keine, bei einem Professor mit seinen Schülern und Jüngern erhebliche Bedeutung hat«, schrieb Wolfgang Pohrt 1984, »war gewiss die Faktum gewordene Schnulze, weil sie zu versichern schien: So schlecht kann eine Welt, in der es einem Adorno gut geht und in der er so groß wird, eigentlich gar nicht sein.« Und so schlecht kann eine Universität nicht sein, die den Staatsfeind auf den Lehrstuhl setzte. Nachhall dieses Glaubens an die Universität und die an sie angedockten Riten war 2012 die Kritik an der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler. Sie suggerierte mitunter, es habe je einen Adorno-Preisträger gegeben, der mehr mit ihm gemeinsam hatte als die Bekleidung eines akademischen Postens oder stadtpolitisch wertvolle Reputation.

Die Universität als Sachverwalter der Nutzlosigkeit

Die Universität stand freilich niemals in Verdacht, eine Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft zu sein. Historisch pflegte sie immer ein enges Verhältnis zur Macht – erst zur päpstlichen, später zur staatlichen. Das Idealbild von wissenschaftlicher Freiheit, denkerischer Spontaneität und undogmatischer Diskussion – das man versucht ist, gegen die Übel der Kopfarbeit in der Moderne auszuspielen – geht vor allem auf die Akademien des 17. Jahrhunderts zurück. Weitestgehend von der Lehre befreit, war ihr Zweck die von materieller Not entbundene Forschung Auf dem Höhepunkt der liberalen Epoche herrschte in den Kernländern Europas im 18. Jahrhundert für einen Moment lang ein Verhältnis der wechselseitigen Beförderung zwischen Wissenschaft und dem politischen Aufstieg des Bürgertums. Was zu jener Zeit als Einzelwissenschaft existierte, sollte aufgehen im Medium der Philosophie als Leitdisziplin. Kants Rede vom »Weltbegriff« der Philosophie, den er dem bloß an logischer Konsistenz orientierten »Schulbegriff« gegenüberstellte, zielte auf das, was »jedermann notwendig interessiert«. Die Realgeschichte war Ideengeschichte, weil die Werte des Bürgertums als maßgeblicher politischer Kraft mit den Leitprinzipien der Wissenschaft korrespondierten; im Vergleich dazu war die platonische Akademie eine neben der Gesellschaft stehende, elitäre Altherren-Veranstaltung. Mit dem späten 18. und vollständig im 19. Jahrhundert, der Phase der vollständigen Durchsetzung und Verallgemeinerung der Kapitallogik, änderte sich diese Konstellation. Frei von politischer Beweispflicht begann der Aufstieg der Naturwissenschaften, deren ökonomische Rentabilität vor dem Hintergrund technischer und industrieller Erfordernisse außer Frage stand. Mit der Emanzipation der Einzelwissenschaften verfielen der Deutungs- und Syntheseanspruch der Philosophie sowie die vormals proklamierte Einheit der Wissenschaften überhaupt. Es verfestigte sich die Tendenz, jene Wissensproduktion, die sich nicht unmittelbar der ökonomischen Rationalität fügte – also im Wesentlichen die Geisteswissenschaften – der Protektion des Staates zu unterstellen, während gleichzeitig immer mehr Technische Hochschulen gegründet wurden, die einem unmittelbar industriellen Interesse folgten. Mit anderen Worten: seit dem 19. Jahrhundert ist die Wissenschaft eine Veranstaltung des Staates, die Geisteswissenschaften ein unrentables Protektionsgebiet.

Entscheidend an dieser Entwicklung ist, dass es sich bei dem auch heute noch gern evozierten Bildungspathos bereits um eine Abwehrreaktion handelte, d.h. um einen ideologischen Reflex auf einen Funktionswandel der Wissenschaften. Fichtes Ressentiment gegen die Einzelwissenschaftler als »geschicktere Tiere«, Nietzsches Polemik gegen Fachgelehrte als »Fabrikarbeiter« und selbst noch Brechts Hass auf die »erfinderischen Zwerge« registrierte zwar einerseits eine Verkümmerung durch akademische Spezialisierung, war anderseits aber auch die Abwehr der Ahnung von der eigenen Überflüssigkeit. Der Vater der deutschen Soziologie, Max Weber, für den Wissenschaft eine »geistesaristokratische Angelegenheit« war, brachte die Ambivalenz von Einsicht und Kränkung besonders deutlich zum Ausdruck: »Glauben Sie, dass Sie es aushalten, dass Jahr um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über Sie hinaussteigt, ohne innerlich zu verbittern und zu verderben?« Diese Mischung aus Verachtung des Banalen und bildungsbürgerlicher Emphase konnte nur im staatlich subventionierten Bereich der Universität fortleben, gemeinsam mit den Resten des kooperationistischen Organisationsgefüges aus der liberalen Epoche. Als Cliquenwirtschaft, als Schattenseite der nur fragmentarisch implementierten (und implementierbaren) freien Konkurrenz zieht sich dieser Kooperationismus bis in die Gegenwart; linke, akademische »Netzwerke« profitieren von diesem Erbe wie alle anderen.

Flucht nach vorn als Verdrängung der Widersprüche

Der kapitalistische Wirtschaftsbetrieb, schrieb Siegfried Kracauer 1929, »hat seine Listen wie die Hegelsche Vernunft und ist einstweilen stark genug, um selbst Aktionen, die seinen Bestand nicht anerkennen, mit Zweideutigkeit zu erfüllen.« Ob aus Leidenschaft am Denken, weil sie nichts anderes gelernt haben oder weil die linke Sozialisation aus Sprach- und Organisationskompetenz, gepaart mit einem bissigen bis intriganten Durchsetzungsvermögen einen schon für den Arbeitsmarkt vorbereiteten, als man noch gar nichts davon wusste: Es wimmelt heute an der Universität von Individuen, die laut Selbstbekenntnis »herrschaftskritisch«, »kapitalismuskritisch« oder »institutionenkritisch« sind. Sie gründen Mini-Institute, Forschungskollegs, eigene Zeitschriften und organisieren die entsprechenden Konferenzen. Der Gedanke soll zur Wirklichkeit getrieben werden und die Adressaten sind keine karrieristischen Geistesarbeiterinnen, sondern ein sowohl akademisches als auch außerakademisches Publikum. Es soll gesagt werden, was an den Universitäten, in deren Lohn und Brot man steht und in deren verschultem Plansystem man eingepfercht ist, nicht zur Sprache kommt.

Einer dieser Zusammenschlüsse, der wohl größte und international bekannteste, nennt sich programmatisch Historical Materialism. Seit 1997 erscheint ein gleichnamiges vierteljähriges Magazin, die Aktivitäten sind eng verknüpft mit dem größten, englischsprachigen linken Buchverlag Verso. In England, Kanada, den Vereinigten Staaten, Indien und China werden große Konferenzen organisiert, bald kommt das Mega-Event auch nach Berlin. Unter dem Marx’schen Slogan der »Kritik alles Bestehenden« liest man auf der hauseigenen Webseite: »Die Aufgabe des marxistischen Kritikers ist die Selbstreflexion auf die historischen Differenzierungen zwischen Wissensgebieten, ohne sie zu naturalisieren oder ihre Trennung zu verdinglichen. Aus diesem Grund lehnt die Zeitschrift die Abschottung des Wissens ab.«? Ausdrücklich begrüßt Historical Materialism Beiträge, »die die Grenzen der Disziplinen überschreiten und akademischen Jargon vermeiden.« Wer einmal in den letzten Jahren eine entsprechende Konferenz besucht hat, wird unschwer erkennen, dass eben jene Grenzen und Schwierigkeiten, auf die ein »marxistischer« Arbeiter des Kopfes stößt, kaum zur Debatte stehen, geschweige denn der gesellschaftliche Grund für die »Abschottung des Wissens« in einzelne Fachdisziplinen. Stattdessen beschreibt der Call for Papers ein buntes Sammelsurium an wahl- und konzeptlos zusammengetragenen Themen, einzig verbunden durch das zum inhaltsleeren Ticket degradierte Wort von der Klasse: Klasse und Gender, Klassenstrategien gegen »Austerität«, Klasse und Agrarpolitik, Klassenkampf ohne Klasse – die Liste könnte fortgesetzt werden. Was im neo-akademischen Jargon Intersektionalität heißt, ist bei Historical Materialism ein sprödes Potpourri der linken Fach- und Privatsprache. Kohärenz ist dementsprechend kaum zu erwarten. Letztes Jahr fand sich die Besucherin in London in einem dreitägigen Programm von 137 Veranstaltungen wieder, die durchschnittlich je drei Vorträge präsentierten, macht also die sportliche Summe von 411 Veranstaltungen. 15 Minuten Redezeit stehen den geschulten Wortschlägern auf den Konferenzen zu, die längst den Charakter eines Marathons angenommen haben.

Nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens, auch die durchaus unterschiedliche »Klassenlage« der Akademiker kommen entgegen aller Rhetorik nicht zur Sprache. Wer Reisekosten, Teilnahmegebühr und Unterkunft nicht durch ein Institut gefördert bekommt, dem bleibt lediglich die Selbstausbeutung. Während die Angestellten des angelsächsischen Universitätsbetriebs in eine vergleichsweise großzügige Infrastruktur eingebettet sind, hat der deutsche Universitätsbetrieb nach dem Mauerfall zunächst dafür gesorgt, dass Marxisten entweder in prekäre Lehraufträge oder aus den Disziplinen der Soziologie, Geschichte und Ökonomie in die Kulturwissenschaften und ihren Abzweigungen gedrängt wurden. Außeruniversitäre Organisationen wie Stiftungen und politische Gruppen, marginale Zeitschriften und lose Zusammenschlüsse übernahmen und fokussierten linke Theorie und verbanden sie, wie vage auch immer, mit der Praxis linker Bewegungen. Obwohl eine Reihe von Veröffentlichungen, unter anderem mit so suggestiven Titeln wie Die Wissenschaft vom Wert sich wie Versuche ausnehmen mochten, Marx auch an der Universität wieder salonfähig zu machen, gab es allen »Marx ist Muss«-Rufen zum Trotz keine solche Renaissance an den Hochschulen. Deutsche Konferenzen über Marx, Louis Althusser, Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno dokumentieren meist einen verzweifelten philologischen Willen zur Originalität, der Einfallslosigkeit und Wiederholung als individuelle Geistesgröße verkauft. Verhängnisvolles Ergebnis der Ausdifferenzierung der einzelnen Disziplinen scheint es zu sein, dass Theorien oft ihres Gegenstandsbezugs beraubt und entweder systematisiert oder ins Verhältnis zu anderen Theorien gesetzt werden. Auch wenn die Rede von der »Anwendung« einer Theorie zu Recht als instrumentalistisch kritisiert werden kann, ist doch zu beobachten, dass Gesellschaft und Lebenswelt als Reflexionsobjekt zu verschwinden scheinen.

Stattdessen sind die liebsten Gesprächspartner der linken Wissenschaftler, nicht nur auf den Konferenzen von Historical Materialism, sie selbst. Außerakademische Gruppen werden selten eingeladen, sie taugen vor allem als Gegner, den man ausschließt. Eines der beliebtesten Schreckgespenster sind die sogenannten »Antideutschen«, die aus dem Netzwerk von Historical Materialism stillschweigend heraus manövriert wurden. Mal wird ihnen Bellizismus, Rassismus, oder ein affirmatives Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft vorgeworfen. Worum es eigentlich geht, die vermutete Israelsolidarität, wird professionell weggemanagt und die anti-israelische Initiative Boycott, Divestment and Sanctions selbstverständlich unterstützt. Im Mai dieses Jahres traf es die amerikanische Gruppe Platypus, deren Ausschluss man nun auch offiziell aufgrund ihres »destruktiven Verhaltens« fordert. Strategisch hellsichtig, wenn auch in nicht geringem Maße opportunistisch, hatte es Platypus bisher vermieden, sich öffentlich zu positionieren und den Einfluss der Antideutschen eher abgestritten als bejaht. Ein probates Mittel der Hoheitsmänner- und frauen linker Politik: Man schürt die Paranoia, schließt Abweichler aus und behauptet so das vermeintliche Deutungsmonopol in Sachen linker Politik. Nicht dass Historical Materialism sich prinzipiell anders verhält als andere akademische Cliquen: Intriganz, Ellenbogeneinsatz und Klüngelei gehören hier wie dort zum universitären Alltag. Einen Unterschied macht es allerdings, dass Historical Materialism und ähnliche Gruppen ihre Aggressivität nach innen und Borniertheit nach außen durch den Dienst an der »guten Sache« veredeln; und gerade das scheint am Ende die Berechtigung abzugeben, doch noch ein bisschen schlimmer zu sein, als der Rest.

Wissenschaftshörigkeit und Wissenschaftskritik

Den »Machtanspruch« der Wissenschaft zu kritisieren, die Wissenschaftsproduktion zu politisieren und das akademisch ausgeheckte Konzept in den politischen Alltag zu tragen, ist vor allem zur Mission der Gender und Postcolonial Studies geworden. Vor allem deren neuste Spielart, die Critical Whiteness Studies, haben in jüngster Zeit einen Aktionismus entfaltet, der wohl ohne die linke Sozialisation ihrer Protagonisten kaum denkbar wären. Was heute an Lehrstühlen und in politischen Gruppen immer populärer wird, hat historisch seinen Ursprung in vornehmlich wissenschaftlichen Diskussionen der achtziger und neunziger Jahre. Die Übertragungsleistung, die seitdem stattgefunden hat, ist durchaus bemerkenswert. Kritisierte Edward Saids in Orientalism (1978) vor allem gelehrte Abhandlungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sind die Critical-Whiteness-Adepten von heute vor allem mit der Denunziation des Alltagslebens ihrer Genossen und Genossinnen beschäftigt. Untersuchte Toni Morrisons Playing in the Dark (1992) die ästhetische Inszenierung von »Weißheit« in der Literatur, imaginieren sich die explizit an Morrison anschließenden Weißheits-Forscher die Welt als Roman, voller Positionierungen, Markierungen, Zuschreibungen und Anrufungen. Das ebenfalls auf die achtziger Jahre und den sogenannten linguistic turn zurückgehende Mantra, dass »Sprache Realität konstituiert«, gehört zum Standardrepertoire dessen, was heute unter dem Label Critical Whiteness agiert. Das praktische Ergebnis dieser Melange aus akademischen Versatzstücken und linkem Aktionismus ist eine moralische Tugendterrorbewegung, die sich Politik hauptsächlich als polizeiliche Detektion und selbstinszeniertes Tribunal vorstellt. Gleich dem schlimmsten universitären Verwaltungsapparat wird eine Methode der Kritik bis zur Absurdität und mit erbittertem Ernst durchexerziert. Was man in den Seminaren lernt oder gelernt hat, richtet sich in der Folge sowohl nach innen als auch nach außen, d.h. auf universitäre und linke Zusammenhänge. Dort kapriziert man sich auf »Sprachsensibilität«, während man gleichzeitig die eigene Diktion auf ein klapperndes Nacheinander von Signalwörtern umstellt. Richtete sich schon die Klassenrhetorik von Historical Materialism an ein auf Konferenzen unsichtbares Subjekt, sind auch die Adressaten der Critical Whiteness Studies abwesende Dritte. Zwar bekleidet man wissenschaftliche Lehrstühle, aber, so Grada Kilomba, »die Marginalisierten sollten im Mittelpunkt stehen«. Nicht selten sprechen ihre Wortführer – zumeist alle Akademiker, Professorinnen und Studenten – im Namen der Anderen, die als ein Kollektiv von Opfern vorgestellt werden, kategorisiert nach der Phänomenologie von Farbgruppen, die nicht Farben sondern soziale Verhältnisse sein sollen. Im Unterschied zur Rassismusforschung verschiebt sich der Fokus von der Analyse der Stereotype, Ideologien und ihren gesellschaftlichen Bedingungen auf die Reflexion und Richtigkeit des eigenen Verhaltens als »Privilegierter«. Fluchtpunkt der Intervention ist folgerichtig ein nichtssagender Begriff von »awareness«, mit dem die Lücke zwischen Wissen, Gesellschaft und Handeln geschlossen werden soll.

Die Nomenklatur der aufstrebenden Subdisziplin ist inzwischen ihren auch außerhalb der Akademie agierenden Vertretern in Fleisch und Blut übergegangen, eine beispiellose Überformung von Wirklichkeit durch Theorie. So kennt beispielsweise der von Garaty Shakravorty Spivak geprägte Begriff des »Othering« – die Stigmatisierung einer anderen Gruppe als absolutes Negativ – in sich keine Grenze und Bestimmtheit, weshalb er zur bloßen Bezeichnung einer Differenzmarkierung wird, die nach tatsächlichen Unterschieden gar nicht mehr fragen, geschweige denn Kritik äußern kann. Dass zudem in den entsprechenden Diskussionen selbst ein Prozess des essentialisierenden »Otherings« stattfindet – der Todsünde der erklärten Anti-Essentialisten –, nämlich die Festlegung eines Subjekts auf seine Sozialisation und Hautfarbe, ist der unreflektierte Widersinn dieser theoriepolitischen Mode. Selbst die Immunisierungsstrategien, die eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der Critical Whiteness Studies verunmöglichen, werden mit ihrer Privatsprache veredelt; wo jedes Gegenargument als Ablenkung vom Thema, als »derailing« denunziert wird, sind Diskussion und Streit kaum noch möglich. Zwar sprechen Vertreterinnen der Critical Whiteness Studies allerorten von Strukturen, strukturellen Vorteilen und struktureller Gewalt, im Konkreten handelt es sich aber um eine vollkommen individualisierte Herrschaftstheorie. Verantwortlich ist in jedem Moment nur der oder die Einzelne, deren Irrtümer immer nur der Beweis einer Verirrung, niemals Punkt der Überwindung ist. Theorie und Kritik verwandeln sich in Verdacht, Strategie und Regieren, Politik in Therapie und Nabelschau. Emanzipation von einer festgezurrten Identität ist kaum mehr denkbar. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die nichtprivilegierten People of Colour (POC) am Duktus ihrer Fürsprecher verzweifeln würden. Auch ihre individuelle und soziale Existenz wird einer homogenisierenden rassistischen Diskriminierung unterworfen, während sie gleichzeitig als negative Kollektivität eine absolute Definitionsmacht zugesprochen bekommen. Vornehmlich richtet sich ihre Kritik auf Sprechsituationen, Formulieren und Redeanteile. Die Identifikation des Subjekts mit dem farblich geordneten Kollektiv ist vorab entschieden. Paradoxerweise geht man davon aus, dass Rassismus sich vor allem durch Unaufmerksamkeit und falschen Sprachgebrauch durchsetzt und akademisch geschulte Aktivistinnen, Sensibilitätstrainer und Sozialarbeiterinnen dazu berufen seien, Bewusstsein, also Sprachbewusstein als Sprachreinigung, zu schaffen. Der Verweis auf die Sprachverwendung soll zeigen, dass Rassismus ein Bewusstseinskonstrukt ist und ihm kein naturhaftes Korrelat eines biologischen Unterschieds zukommt. Wer einmal im Jobcenter gewesen ist, weiß hingegen, wie perfekt junge Angestellte politisch korrekt sprechen lernen und wie nachhaltig ihre rassistische Praxis ist. Dass Rassismus allein durch Sprache zu überwinden sei, ist eine akademische Sehstörung, die Wirklichkeit außer durch ihren theoretischen Filter nicht mehr wahrnehmen kann. Die Kritik der Naturalisierung bleibt schließlich inkonsequent: der Weiße bleibt das Negativ, die People of Colour das pluralisierte Andere. Essentialistische Kollektive sind es allemal, in deren Namen man spricht.

Revolte der Überflüssigen

Stehen Historical Materialism und ähnliche Zusammenhänge für die Fortsetzung des akademisch Immergleichen im Mantel marxistischer Gegenwissenschaft, zeigt sich an den Critical Whiteness Studies nicht nur die Bissigkeit linken Gewissenszwangs, sondern auch die Dynamik des Universitätsbetriebs selbst. Vor dem Hintergrund einer verschärften Ökonomisierung der Hochschulen ist die technizistische, auf unmittelbare Anwendung zielende Nomenklatur der Critical Whiteness Studies, verbunden mit einem moralischen Gestus, ein probates Mittel im akademischen Konkurrenzkampf. Anders gesagt, Fachsprachen sind kein sich immer vernünftiger entwickelndes Instrumentarium, sondern notwendiges Distinktionsmerkmal und universitätspolitische Währung. Die Critical Whiteness Studies radikalisieren zudem die Logik der disziplinären (und letztlich politischen) Abschottung und Selbstlegitimierung. Auf Grundlage einer Hermeneutik des Verdachts wird jede Aussage zu kaum mehr als einer Rechtfertigung der eigenen Machtposition und Herkunft, die im Umkehrschluss die Berechtigung und Notwendigkeit der eigenen Theorie belegt. Wo etwa Professoren oder Lehrbeauftragte fordern, dass Hausarbeiten über Rassismus oder Feminismus zunächst eine Stellungnahme des Schreibenden verlangen, sofern dieser nicht zu den People of Colour gehört, statt bestimmte Aussagen konkret zu kritisieren, dürfte der selbsternannte Antiakademismus die Wissenschaft endgültig überwunden haben. Statt Aussagen, Begründungen, Untersuchungen und politische Forderungen ernst zu nehmen und der Kritik standzuhalten, wird ein Bekenntnis gefordert, ein präventives Schuldeingeständnis, in dem das Urteil noch vor der Tat gefällt wurde. Ethnische oder geschlechtliche Differenzen werden ausgeschlachtet, um sich als authentischen Sprecher zu inszenieren, wobei gerade jene Sekundärtugend ins Spiel gebracht werden, für die Akademikerinnen traditionell prädestiniert sind: Sprachkompetenz.

Sie alle – Historical Materialism und seine Derivate, die Critical Whiteness Studies und die aufstrebenden Exegeten linker Klassiker – eint die Verdrängung konstitutiver Widersprüche des akademischen Betriebs. Die ökonomische Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften, die weitgehende Abhängigkeit von unsichtbaren Gesetzmäßigkeiten und sichtbarer Cliquenwirtschaft sowie die gesellschaftliche Überflüssigkeit radikaler Kritik werden kaschiert mit einer Ideologie der Originalität, der Leistung und der Kreativität, dem Nimbus der Moral und des politischen Engagements. Kaum irgendwo hat das Traumbild des autonomen bürgerlichen Subjekts so anachronistisch überleben können wie in der Universität. Zu den gescholtenen, bornierten Einzelwissenschaftlerinnen gehört deswegen ebenso das simulierte Bürgertum, die plötzlichen Liebhaber klassischer Musik, die bemühten Gourmets und Kunstkennerinnen, denen man im akademischen Betrieb weit öfter begegnet als irgendwo sonst. Die gesellschaftliche Grundlage, auf der einmal das Bürgertum entstand und politische Macht erlangte, ist heute aber auch in der Universität im Verschwinden begriffen. So schlägt die Abhängigkeit von anderen und anderem umso stärker auf das Subjekt zurück: Es muss die Spuren dieser Abhängigkeit auslöschen und verleugnen, oder aber zynisch konstatieren, dass die Dinge nun einmal so sind. Dem akademischen Treiben haftet deswegen nicht selten etwas Hilfloses an: Kaum jemand macht sich Illusionen über die Zahl der Leser einer durchschnittlichen Dissertation oder eines Sammelbandbeitrages, egal ob diese von Adorno, Marx oder Butler handeln. Mit dem immer gleichen Ernst und der stillen Ahnung, dass viel öfter die Quantität zählt als die Qualität, wird fortgeschritten von Veröffentlichung zu Veröffentlichung, von Konferenz zu Konferenz – auf dass der Lebenslauf bei der nächsten Bewerbung und dem nächsten Drittmittelantrag einen Unterschied machen möge.

 

~ Von Yves-Louise Stein & Robert Zwarg. Die AutorInnen waren StudentInnen, Angestellte, SchauspielerInnen, Call-Center-ArbeiterInnen und haben Kurzgeschichten und Pamphlete veröffentlicht.

Fußnoten

  1. Karl Marx an Friedrich Engels, 18. Juli 1877, Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 34, Berlin 1966, 48.
  2. Karl Marx/Friedrich Engels an August Bebel u.a., MEW 34, 407.
  3. Wolfgang Pohrt, Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl, in: Michael Löbig/Gerhard Schweppenhäuser, Hamburger Adorno Symposium, Lüneburg 1984, 52.
  4. Vgl. zum folgenden Wolfgang Pohrt, Skizze zur Entwicklung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft, in: ders. (Hrsg.), Wissenschaftspolitik – von wem, für wen, wie? Prioritäten in der Forschungsplanung, München 1972, 45–76.
  5. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 868.
  6. Vgl. Pohrt, Wissenschaft und Gesellschaft, 47.
  7. Siegfried Kracauer, Die Angestellten, Frankfurt a.M. 1971, 56.
  8. http://www.historicalmaterialism.org/about-us (17. Juli 2013).
  9. Keine Spur von einer Reflexion auf die Tatsache, dass – was immer man von den Studien im Einzelnen halten mag – die Kategorie der Ethnie in Amerika aufgrund dessen historischer und gesellschaftlicher Konstitution einen völlig anderen Stellenwert als in Europa hat.