Sozialismus oder Kommunismus?

Einführung in die Geschichte eines Begriffspaares

Die Idee einer Transformation der bestehenden Verhältnisse in solche, in denen ein Leben frei von Unterdrückung und Ausbeutung möglich ist, drückt sich bis heute unter anderem in dem Wort Kommunismus aus. Wenn heute über das Streben nach Kommunismus im Sinne der Notwendigkeit einer solchen Umwälzung diskutiert wird, dann geht es in erster Linie darum, den eigenen Begriff von der Erfahrung des realen Sozialismus abzugrenzen. Auf diese Weise wird neben dem Kapitalismus, der die Verhältnisse produziert, die es zu überwinden gilt, der reale Sozialismus als gescheiterter Versuch der Befreiung des Individuums zur zweiten zentralen Negativfolie, auf deren Basis sich die Vorstellungen von einer Assoziation befreiter Individuen bilden.

 In den Debatten über die Möglichkeit des Anknüpfens an die kommunistische Bewegung und über die Ausgestaltung der Idee einer postkapitalistischen Gesellschaft wird die »historische Phase« zumindest heute meistens vernachlässigt. In dieser Phase entsteht und wird die Idee vom Kommunismus erstmals prägend, es ist die Zeit zwischen dem Aufkommen der Idee des socialen als politischem Schlagwort bis zur Oktoberrevolution 1917. Lediglich Marx selbst, oder besser dessen Werke werden regelmäßig rezipiert, jedoch oft ohne ausführlichen Bezug zu den theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen vor, während und nach der Schaffensperiode des gemeinhin als Begründer des Kommunismus gepriesenen Denkers. Der Artikel will in Ansätzen in diese Genese vor 1918 einführen und deren Relevanz für die Diskussion betonen.

Von der Interpretation der Welt ...

In den vormodernen Gesellschaften sind die Menschen in ihrer Lebensform weitgehend festgelegt. Die Gesellschaft war von einer hierarchischen Ordnung durchzogen, die durch den Bezug auf Gott legitimiert wurde. Die Menschen betrachteten vor der Aufklärung die Verhältnisse, in denen sie lebten, als etwas Unverfügbares, das durch ein transzendentes Prinzip Sinn erhielt. Das zentrale Anliegen der Aufklärung war die Befreiung des Menschen aus seiner »selbstverschuldeten Unmündigkeit«, indem sie ihn aufforderte, »Mut [zu haben; F.P.] sich seines eigenen Verstandes zu bedienen«, Diese Veränderung im Denken der Menschen ist es, die sie dazu befähigen soll, die Möglichkeit der aktiven Veränderung der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen und damit sich selbst als Produzenten derselben zu verstehen.

… zu ihrer aktiven Veränderung – die Frühsozialisten

Wann immer heute jemand über Kommunismus im Sinne der aktiven Veränderung der bestehenden Verhältnisse schreibt, denkt man an Marx und Engels. Marx und Engels sind als die Begründer der Ideen des Sozialismus und Kommunismus bekannt, doch sie waren nicht die Ersten, die die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern wollten, »in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es bereits eine Reihe an Theorien und Konzepten von einer besseren Gesellschaft, in der Gleichheit und soziale Gerechtigkeit herrschen sollten : die Ideen der Babouvisten beispielsweise, die unter anderem allen Menschen von Natur aus die gleichen Rechte auf die irdischen Güter zusprachen und daher die Aufhebung des Privateigentums forderten. Charles Fourier wiederum wollte als beispielloser Phantast die gesellschaftliche Ordnung zentral nach den charakterlichen Ausprägungen der Menschen organisieren. Damit dachte er bereits im Sinne des Prinzips »Jeder nach seinen Fähigkeiten«. Weiterhin sei Robert Owen genannt, der als einer der Ersten versuchte, die Idee der Reorganisation einer Arbeitergemeinschaft in die Praxis umzusetzen und mittels menschenwürdigeren Bedingungen eine gerechtere Gemeinschaft zu errichten. All diese Ideen kann man unter dem Begriff des Frühsozialismus zusammenfassen. Die Denker dieser Strömung wollten den auftretenden sozialen Widersprüchen ihrer Zeit, wie der scheinbar unkontrollierbaren Konzentration der Reichtümer im Gegensatz zu der unweigerlich ansteigenden Armut und Verelendung, beikommen. Sie glaubten, dass das damalige System als Ursache für diese Entwicklung einfach gegen ein anderes getauscht werden könne, in dem Sinne dass die Restrukturierung von Produktion und Distribution zur Kompensation der sozialen Probleme führen müsse.

Das, so könnte man behaupten, gilt im weitesten Sinne für alle Sozialismen. Und im Grunde könnte man wohl sagen, dass die meisten Marxschen Ideen im Frühsozialismus zumindest schon angerissen wurden. Dennoch sind diese Sozialismen vom Sozialismus à la Marx und Engels und deren Nachfolgern in folgendem Punkt wesentlich zu unterscheiden: in der Antwort auf die Frage, wie die gerechter organisierte Gesellschaft, wie der Sozialismus erreicht werden soll.

Die Frühsozialisten begriffen die Unfreiheit des Individuums als Produkt der ökonomischen Ungleichheit, d.h. der bereits vorhandenen Unterschiede zwischen den Produktionsmittelbesitzern und denen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen. Daher betrachteten sie beispielsweise die Umverteilung von Besitz oder die generelle Abschaffung von Eigentum als einzige Möglichkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Daraus folgte eine Trennung von einer politischen Sphäre, die, wenn überhaupt, nur als vernachlässigbare Konsequenz der ökonomischen Verhältnisse verstanden wurde. Eine aktive Veränderung der bestehenden Verhältnisse konnte in ihrem Sinne nur durch direkte Eingriffe in die Ökonomie stattfinden. Die Ausprägung des Sozialismus war dabei keine notwendige Folge der gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern vielmehr die Erfindung eines geistreichen Kopfes, die es zu realisieren gilt.

Marx hingegen beschreibt den Kampf zwischen ArbeiterInnen und den ProduktionsmittelbesitzerInnen, den Klassenkampf, als politische Auseinandersetzung. Für ihn ist die ökonomische Neustrukturierung erst möglich, wenn das Proletariat die Macht im Staat errungen hat. Für Marx stellen die politischen Institutionen, in denen sich die menschliche Gemeinschaft verwirklichen soll, eine Verkörperung der Interessen der besitzenden Klasse dar. Diese Institutionen gilt es zu erobern, um sie im Anschluss durch die ökonomische Gleichstellung aller überflüssig zu machen. Daher ist die Revolution als Moment, in dem die bestehenden Verhältnisse überwunden werden, ein zutiefst politischer Akt. Doch unabhängig davon, wie der Sozialismus realisiert werden soll, sind für beide Strömungen die Verhältnisse entscheidend, aus denen ihre eigene Überwindung vom Standpunkt der Gerechtigkeit und Freiheit aus notwendig wird.

Die Verhältnisse, die es zu überwinden gilt

Die Verhältnisse, in denen das Proletariat die Macht erkämpfen soll, gründen in der Französischen Revolution. Mit ihr wird das Ancien Régime und damit die gesamte absolutistisch, feudale Gesellschaftsordnung gesprengt. Die politische Emanzipation der aus der Aufklärung hervorgegangenen »vernünftigen Menschen« sollte dabei im Sinne einer politischen Teilhabe an der Gestaltung der Gesellschaft ermöglicht werden. Die Menschen wurden per Gesetz Gleiche und Freie. Doch rechtlich gleich und frei wurden die Menschen nicht »an sich«, sondern immer nur in Relation zu ihrem Besitz. Mit anderen Worten, sie wurden vor dem Gesetz gleich. Jeder hat – als Rechtssubjekt – die gleichen Rechte und Pflichten. Diese Gesetze jedoch sind lediglich Ausdruck der Aufgabe des Staates, das Eigentum zu schützen und den Verkehr zwischen den Besitzenden zu regeln. Das bedeutet auch, dass die Menschen zwar frei sind, aber auch diese Freiheit nicht »an sich« ist, sondern lediglich die Freiheit ist, Verträge abzuschließen oder nicht. Die Freiheit ist damit untrennbar an die Sicherstellung von Eigentumsrechten gebunden und diese bürgerliche Vorstellung von Freiheit ist bis heute die dominierende.

Die Überwindung der feudalen Verhältnisse, der Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft im Sinne einer grundlegenden »Neuordnung« der Eigentumsverhältnisse, wird bei Marx als »ursprüngliche Akkumulation« bezeichnet. In deren Folge entsteht die in zwei Klassen, in Proletariat und Bourgeoisie, gespaltene Gesellschaft. Damit haben die Umbrüche des 18. Jahrhunderts zwar den Menschen von der unmittelbaren Herrschaft durch andere Menschen befreit. Dieser Erfolg wird allerdings geschmälert, wenn die Besitzenden, also jene die Kapital akkumuliert haben, zur Bedingung des Überlebens der – zumindest an Produktionsmitteln – Besitzlosen werden. Denn diese Besitzlosen können ihre lebensnotwendigen Bedürfnisse nur befriedigen, wenn sie für die Besitzenden in der Produktion arbeiten, also ihre Arbeitskraft verkaufen.

Die Idee einer postkapitalistischen Gesellschaft

Die Begriffe des Sozialismus und des Kommunismus bei Marx und Engels sind nur vor dem Hintergrund der Überwindung des Kapitalismus zu verstehen. Davon, wie die postkapitalistische Gesellschaft aussehen soll, hat Marx in seinen Schriften zwar keinen detaillierten und systematischen Entwurf geliefert, dennoch lassen sich einige Rückschlüsse ziehen, indem beschreibende Aussagen negativ gewendet werden.

Bei Marx zwingt die grundlegende Trennung von Produzenten und Produktionsmitteln die ProletarierInnen als »moderne Lohnarbeiter […] ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können«. Die ArbeiterInnen werden damit von ihrem ersten Lebensbedürfnis, der Herstellung der Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse, getrennt und können dies nur kompensieren, indem sie die dazu notwendigen Produkte für die Produktionsmittelbesitzer in deren Produktionsstätten herstellen – ihre Arbeitskraft verkaufen. Die Menschen werden damit auf dreifache Weise von ihrer Fähigkeit der Bedürfnisbefriedigung entfremdet: von der Tätigkeit der Produktion, von den Produktionsmitteln und den Produkten selbst. Dies ist zugleich die Ursache der Herrschaft derer, die sich Produktionsmittel und Produkte aneignen. Daher ist die Aufhebung des Eigentums an »Produktionsmitteln« und stattdessen deren gemeinschaftliche Verwaltung notwendige Bedingung für einen »Verein freier Menschen«.

Weitere grundlegende Bemerkungen dazu, wie die post-kapitalistische oder sozialistische Gesellschaft nach der Revolution nicht mehr aussehen sollte, finden sich im Gothaer Programm. So schreibt Marx, dass »innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft, die Produzenten ihre Produkte nicht aus [tauschen; F.P.]« und »ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft«. Hier gibt es also die Vorstellung von einer Gesellschaft ohne Tausch und ohne Wert, woraus folgt, dass auch das Geld überflüssig wird. Das grundlegende Problem am Tausch ist, dass dieser die Verdinglichung der Beziehung der Menschen untereinander bedeutet. Wenn man davon ausgeht, dass die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse miteinander in Beziehung treten und dass die Befriedigung über tauschbare Waren mit einem relativen Wert funktioniert, dann erhält die Art der Bedürfnisbefriedigung selbst einen Wert. Wer weniger besitzt, wird dann quantitativ weniger und qualitativ schlechtere Mittel zur Bedürfnisbefriedigung erwerben können. Die Beziehung der Menschen wird so abhängig von ihrem Besitz. Damit die Beziehungen der Menschen und der Prozess der Arbeit wieder zu ihren eigenen werden, muss die ökonomische Struktur durch die Menschen als Gemeinschaft für die Gemeinschaft organisiert werden. Kurz gesagt: Was und wie viel und auf welche Weise produziert wird, soll in der postkapitalistischen Gesellschaft an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert sein und nicht am Streben nach maximalem Profit beziehungsweise nach größtmöglicher Anhäufung von Tauschwert.

Wie aber soll diese gesellschaftliche Aneignung der Produktionsmittel aussehen? Sie könnte möglicherweise, wie bei Friedrich Engels, im Sinne einer Verstaatlichung gedacht werden. Allerdings kann der Staat selbst dabei nur eine Übergangslösung sein, denn auf lange Sicht muss er absterben, da er ja nicht mehr den Verkehr zwischen den Individuen als Vertragspartner im Warenverkehr regeln muss, wenn alle das gleiche Recht auf alles haben.

 Die Frage, wie genau die Gesellschaft nach der proletarischen Revolution aussehen soll, ist dabei eng verknüpft mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus. Die beiden Begriffe wurden in Marx' und Engels' Werken nicht stringent getrennt verwendet, was ihre Unterscheidung zu einer Frage der Interpretation macht. Am sinnvollsten – so denke ich – ist ein Verständnis im Sinne von Entwicklungsstufen, wobei der Kommunismus selbst eine nie erreichte ideale Gesellschaft bedeutet, der es sich weitgehend anzunähern gilt. Der postrevolutionäre Sozialismus ist dann die erste kommunistische Gesellschaft. Das bedeutet, dass er als erste Gesellschaftsform der Geschichte das Ziel verfolgt, die Grundlagen zur umfassenden Befreiung des Menschen zu schaffen, ergo sich dem Kommunismus anzunähern. Diese erste Form, so Marx, kann als »roher Kommunismus« bezeichnet werden, da sie die kapitalistische Ordnung zwar überwunden hat, jedoch noch mit »den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt«, behaftet ist.

 Vor einem entwicklungstechnischen Gesichtspunkt wäre es dann möglich, die Ausweitung des »Reich(s) der Freiheit« mit der zunehmenden Annäherung an die Idee des Kommunismus zu assoziieren. Denn dies »beginnt«, so Marx, »da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört«. Wo das Arbeiten durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, ist das »Reich der Notwendigkeit«, das immer bleibt. Auch nachdem der Kapitalismus überwunden ist, wird es weiter notwendig zu erledigende Arbeit geben. Infrastrukturelle Einrichtungen wie öffentlicher Verkehr, medizinische Behandlung, Bildung etc. müssen finanziert werden können. Im Grunde muss jede Arbeit, die nicht direkt der Produktion von Mitteln zur Befriedigung von minimalen Lebensbedürfnissen dient, trotzdem mit solchen vergütet werden. Daraus folgt, dass es weiterhin zu verrichtende Mehrarbeit geben wird, die allerdings bei effizienter Organisation auf ein Minimum reduziert werden könnte. Alles, was dann unabhängig davon getan würde, wäre freie und kreative Produktion – die Selbstverwirklichung der Menschen. Und je größer der Bereich des Lebens würde, in dem die Menschen sich selbst verwirklichen, desto näher ist man an der umfassenden Realisierung der Freiheit eines/r Jeden, desto näher ist man am Ideal der umfassenden Emanzipation aller als Individuen in einer freien Assoziation.

Die kommunistische Bewegung

An anderer Stelle finden sich jedoch auch Aussagen wie jene, dass der Kommunismus »nicht ein Zustand […], [noch; F.P.] ein Ideal« ist, sondern »die wirkliche Bewegung«. Man kann den Begriff der Bewegung in einem doppelten Sinne verstehen: als Vereinigung derer, die sich der widrigen Verhältnisse und der Notwendigkeit ihrer Überwindung bewusst sind, oder bezüglich einer wirklichen Transformation, der Umwandlung der Verhältnisse selbst. Dies muss kein Widerspruch zum Entwicklungsmodell bedeuten, wie ich es versuchte darzustellen. Denn die Vereinigung von Menschen hat den Kommunismus zum Ziel, selbstredend in einem ideellen Sinne, und die Transformation ist der Prozess, der sich vom ersten Moment der Menschheitsgeschichte bis zur Realisierung der größtmöglichen Freiheit aller durchzieht.

Aber wer ist es eigentlich bei Marx die Vereinigung, die die Verhältnisse umwälzt? Wer ist nach Marx die treibende Kraft beim Aufbau des Sozialismus? Es ist das revolutionäre Subjekt, das Proletariat, die ArbeiterInnenklasse oder all die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Diese Menschen, die sich zunehmend der widrigen Verhältnisse bewusst werden, weil der Widerspruch zwischen dem durch ihre Arbeit erschaffenen Reichtum und ihrer eigenen zunehmend verarmenden Situation immer größer wird. Diese Menschen werden sich, so Marx, zusammenschließen, wenn sie erkennen, dass die bestehende Ordnung an die Macht einer Minderheit, der Kapitalisten, gekoppelt ist. Die Entstehung dieses Bewusstseins resultiert daraus, dass im Kapitalismus die Arbeitskraft immer besser entwickelt wird, da sie die immer anspruchsvollere Produktion leisten muss und gleichzeitig ihre eigene Situation immer prekärer wird. Denn die Menschen werden bei stagnierendem oder sinkendem Lohnniveau immer mehr produzieren können und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um zu überleben.

Der technologische Fortschritt schafft also die Möglichkeit zur Befriedigung der Bedürfnisse aller und sogar mehr als das. Dennoch bleibt dieser Fortschritt der arbeitenden Masse versagt, da nur die ungenügende Befriedigung ihrer Bedürfnisse sie zum Verkauf ihrer Arbeitskraft zwingt. Irgendwann werden immer weniger Menschen die notwendige Arbeit verrichten für ein auf immer weniger Punkte verteiltes, also stärker akkumuliertes, Kapital. Die große Masse wird trotz der gegebenen technischen Möglichkeiten verelenden. An diesem Punkt, wenn die Arbeiter nichts mehr zu verlieren haben und die Kapitalisten eine verschwindend geringe Zahl darstellen, wird die Arbeiterklasse die politische Führung übernehmen und sich die Produktionsmittel in einem revolutionären Akt wieder aneignen.

Auf dem Weg zur Revolution – die Spaltung der Bewegung

1847 gründete sich der Internationale Kommunistenbund, dessen Grundsatzprogramm das von Marx und Engels 1848 verfasste Manifest der Kommunistischen Partei wurde. Das Manifest ist ein Aufruf zur Erhebung der Arbeiterklasse und zum weltweiten Klassenkampf. Aber gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich trotzdem keine internationale Arbeiterbewegung im Sinne einer alle unterdrückten Individuen umfassenden Klasse gebildet, und schon gar nicht als ein selbstbewusstes »revolutionäres Subjekt«. Trotzdem gab es eine Arbeiterbewegung. Diese hatte die marxschen Schriften in Form der Ideologie des Marxismus zur Grundlage ihrer Praxis gemacht. Doch das machte, da Marx keine Rezepte für die Garküchen der Zukunft geschrieben hatte, zahlreiche Interpretationen notwendig. Dabei bildeten sich Spannungen innerhalb der Bewegung, der die Spaltung folgte. Die zentrale Frage, die sich als Scheideweg zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten herausstellte, war die, ob die Eroberung der politischen Macht oder die Bildung der unterdrückten und ausgebeuteten Massen der richtige Weg zum Sozialismus sei.

Um zu verdeutlichen, wie widersprüchlich die Ansichten vom Sozialismus innerhalb der gespaltenen Bewegung waren, soll zum Abschluss noch kurz auf die Debatte zwischen Karl Kautsky und Lenin eingegangen werden. Rein chronologisch erfolgt damit zwar ein Sprung in die Zeit nach der Oktoberrevolution, jedoch sind die Positionen, die hier dargelegt werden sollen, im Wesentlichen die gleichen, die die Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten zur Folge hatte.

Der Anlass für Kautsky, die russischen Verhältnisse zu kritisieren, war die Tatsache, dass zwar das erste Mal in der Geschichte eine sozialistische Partei an der Macht war, deren Sieg aber zum einen gegen eine andere sozialistische Partei, die Menschewiki, errungen wurde und dieser zum anderen in der Errichtung der Diktatur des Proletariats im Sinne einer Diktatur als Herrschaftsform mündete. Die marxsche Figur der Diktatur des Proletariats versteht Kautsky aber als Herrschaft des zur Volksmehrheit gewordenen Proletariats, die sich auf demokratische Formen und Einrichtungen wie allgemeine und gleiche Wahlen und ein Parlament stütze. Diktatorische Mittel dürfen nur zur Verteidigung des Entscheidungsrechts der Mehrheit gegenüber einer sich auflehnenden Minderheit angewandt werden. Für Lenin hingegen ist die Idee vom Sozialismus vielmehr ein Attribut, das ihm und der Politik der Bolschewiki, die sich unmittelbar nach der Machtübernahme in Kommunistische Partei umbenannte, Legitimation verleiht. Er begreift die Herrschaft des Proletariats, vertreten durch die Herrschaft der Partei, als legitim, weil ihr zentrales Anliegen die Aufhebung der Unterdrückung der Massen ist. Daher spricht Lenin auch von einer »proletarischen Diktatur, deren Form die Sowjetmacht ist«. Die Diktatur ist für Lenin, und das sagt er ganz offen, »eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die an keine Gesetze gebunden ist.« Gerechtfertigt wird diese Herrschaft, deren Zweck die Vernichtung der Bourgeoisie ist, mit dem Interesse der Arbeiterklasse.

Wo Kautsky den Schutz der Minderheiten als oberste Zweckmäßigkeit der Demokratie betont, verlacht Lenin eben diesen als liberales Geschwätz derer, die nicht erkennen wollen, dass die Herrschaft des Proletariats als solche ihr eigener Zweck ist. Auch Lenin spricht dabei von Demokratie: So behauptet er, die Diktatur würde nicht die Aufhebung der Demokratie für die Klasse, die die Herrschaft über die anderen Klassen ausübt, bedeuten. Kautskys stärkster Punkt, an dem zugleich deutlich wird, wie beliebig die Theorie durch die Bolschewiki verdreht wurde, um als Legitimationsvehikel zu funktionieren, liegt in der Idee des Sozialismus selbst. Dieser ist – und damit steht er wortwörtlich in der Tradition von Marx – die Überwindung der Verhältnisse, in denen die Menschen ein unterdrücktes, erniedrigtes und ausgebeutetes Leben führen. Der Sozialismus ist dabei nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst schon ein erster Schritt der Emanzipation, und die Demokratie hat selbst gleichfalls nichts anderes zum Ziel und ist dafür notwendig. Lenin hingegen sieht im Sozialismus die Herrschaft der Sowjets, die den neuen Staat bilden, nachdem der alte gesprengt wurde. Und ein »Staat ist nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere.«

Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Debatte, die selbst nur beispielhaft für die Differenz zwischen den unterschiedlichen sozialistischen Lagern steht. Die Bolschewiki übernahmen in der Oktoberrevolution die Macht in Russland und die Idee von der umfassenden Emanzipation verkam bei ihnen zur hohlen Phrase im Dienste der Legitimation der eigenen Herrschaft. Sie mussten, wenn sie ihre Macht nicht wieder verlieren wollten, erklären, warum sich trotz ihrer Herrschaft kein allgemeiner Wohlstand einstellte. Dafür war ihnen jedes Mittel willkommen.

Im realen Sozialismus zeigt sich dann, wohin der Versuch der praktischen Anwendung einer Idee, die im hohen Maße philosophischer Natur ist und die keine eindeutigen Prinzipien politischen Handelns herausstellt, führen kann. Die Frage, die sich mit dem Sozialismus seit der Prägung des Begriffs stellt und bis heute nicht ausreichend beantwortet wurde, ist die nach der Technik der Herstellung gesellschaftlicher Einheit, der Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft. Was die Auseinandersetzung mit der Zeit bringt, in der die Werke von Marx und Engels geschrieben worden sind, ist die Erkenntnis, dass der reale Sozialismus zwar die historische Folge, deshalb aber noch lange nicht die einzige und schon gar nicht unvermeidliche Konsequenz des Strebens nach Kommunismus ist. Weiterhin muss die Antwort auf die Frage, wie eine postkapitalistische Gesellschaft gestaltet sein sollte, um Schritt für Schritt ein immer größeres Maß an Freiheit zu realisieren, Bedingung der Möglichkeit der sozialistischen Umwälzung der bestehenden Verhältnisse sein.

 

Von Felix Pakonin. Der Verfasser ist Mitglied der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX).

Fußnoten

  1. Die Positionen von Marx und Engels werden im Verlauf des Artikels identisch gehandelt, da eine dezidierte Trennung der Positionen den Rahmen des Artikels gesprengt hätte.
  2. um die Institutionen und Gefüge, die sein individuelles Leben und das gesellschaftliche Miteinander bestimmten, zu hinterfragen. So wurde im Zuge der Aufklärung auf der Basis der Gleichheit und der Freiheit, in die die Menschen als solche geboren werden, die soziale Ordnung der feudalen Gesellschaft grundlegend in Frage gestellt. Jean-Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Stuttgart 1977, 5.
  3. Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Marx-Engels-Werke (MEW) 1, 385.
  4. Leszek Kolakowski, Hauptströmungen des Marxismus, Bd. 1, München 1977, 211ff.
  5. Ebd., 462.
  6. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 92; 828.
  7. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW 20, 262.
  8. Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei, MEW 22, 58.
  9. Ebd.
  10. Karl Marx, Das Kapital, MEW 25, 828.
  11. Ebd.
  12. Ebd.
  13. Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, 35.
  14. Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, 493.
  15. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 25.
  16. Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats, Berlin 1990.
  17. W.I. Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Berlin 1990.
  18. Kautsky, Diktatur, 10.
  19. Lenin, proletarische Revolution, 107.
  20. Ebd., 98.
  21. Ebd., 97.
  22. Kautsky, Diktatur, 10ff.
  23. Lenin, proletarische Revolution, 120.