Sichtbarkeit produzieren!

Ein Einblick in die Diskussion um Reproduktionsarbeit, Kapitalismus und Geschlecht

Die wohl meistbemühte Metapher im Rahmen der Diskussionen um Reproduktions-, Haus- und neuerdings Care-Arbeit ist die der Unsichtbarkeit. Damit wird nicht nur ausgedrückt, dass dieser Arbeit in Theorie und Alltag zu wenig Beachtung geschenkt wird, sondern dass sie eine Abwertung erfährt. Feminist_innen arbeiten seit weit über einhundert Jahren daran, die Verknüpfung und Verwebung von Geschlecht und Kapitalismus, von vergeschlechtlichter Arbeitsteilung und den damit einhergehenden Subjektivierungen und normativen Beziehungsformen zu beschreiben, zu analysieren und zu kritisieren. Die Modelle feministischer Ökonomiekritik verfolgten und verfolgen sehr unterschiedliche Fragestellungen und politische Strategien. Gemeinsam ist ihnen die Verhandlung der Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Produktion und Reproduktion und dem damit einhergehendem Wert bzw. der damit einhergehenden Wertschätzung.

Die höchst heterogenen Modelle feministischer Kapitalismuskritik sind jedoch selbst weitgehend unsichtbar. Lange Zeit wurde bei Konferenzen oder Vortragsreihen das Thema Geschlecht, wenn es überhaupt thematisiert wurde, in eine eigene Veranstaltung ausgelagert und so suggeriert, dass es sich um ein von sonstiger Kapitalismuskritik abgesondertes Feld handele. Dies scheint sich gerade zu wandeln, in der Diskussion um die Krise der sozialen Reproduktion rücken feministische Analysen und Kämpfe in den Fokus.

Im Folgenden werden zunächst historische Modelle feministischer Kapitalismuskritik nachgezeichnet, um anschließend vor diesem Hintergrund aktuellere Diskussionen zu betrachten. Behandelt werden hauptsächlich Ansätze aus dem deutschsprachigen Raum mit einem Fokus auf die Kategorie Geschlecht. Verschränkungen mit Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen aufgrund weiterer Kategorisierungen wie Sklavenarbeit, Kolonialismus und Rassismus finden in den Theorien feministischer Ökonomiekritik mal mehr, mal weniger explizit Beachtung. Als Leitlinien dienen diesem Beitrag die Fragen: Was gilt in den jeweiligen Entwürfen als unsichtbar und welche politischen Strategien und Kämpfe werden mit der Sichtbarmachung verbunden? Wie wird die systematische Frage nach dem Zusammenhang kapitalistischer und vergeschlechtlichter Vergesellschaftung thematisiert und wie werden dabei Subjekte und Geschlechter konstruiert?

Das Haus als die Welt der Frau, die Welt als das Haus des Mannes?

Die Trennung von privater und öffentlicher Sphäre stellt ein grundlegendes Organisierungsraster moderner Gesellschaften dar und war seit jeher Gegenstand feministisch-ökonomischer Debatten. Feminist_innen des 19. Jahrhunderts nahmen diese Trennung zum Anlass, die soziale Frage um die Frauenfrage zu erweitern. Die Auswirkungen kapitalistischer Wirtschaftsweise und der darin zentrale Aspekt der Arbeitsteilung wurden als vergeschlechtlichte Arbeitsteilung sichtbar gemacht. Frauenarbeit meinte einerseits die Erwerbsarbeit von Frauen und andererseits Hausfrauenarbeit. Diese Dopplung begleitet die Diskussionen um den Zusammenhang von Geschlecht und Kapitalismus bis heute.

Die sogenannte Erste Frauenbewegung war so heterogen wie die heutige. Die klassische Scheidung in bürgerliche und sozialistische bzw. sozialdemokratische Strömungen ist eine grobe Vereinfachung; sie kann dennoch die verschiedenen Herangehensweisen illustrieren. Die bürgerlichen Strömungen, von der Arbeiterinnenbewegung als Damenbewegung bezeichnet, befassten sich vorrangig mit der symbolischen Aufwertung von Frauentätigkeiten und angeblich weiblichen Kompetenzen. Frauen sollten insbesondere durch Zugang zu Bildung und Förderung ihrer Kreativität mehr Chancen für ihre Persönlichkeitsgestaltung erhalten. Die gesellschaftliche Partizipation sollte nicht notwendig durch Berufsarbeit geschehen. Mutter zu sein galt als die natürliche Aufgabe von Frauen und für die damit verbundenen Tätigkeiten wurde massiv Anerkennung eingefordert. Für die Arbeiterinnenbewegung dagegen war die Erwerbsarbeit von Frauen wenig umstritten. Emanzipation von Frauen, so die Annahme, werde durch Erwerbsarbeit erreicht und damit durch ökonomische Unabhängigkeit und die Integration in die Arbeiterbewegung. Tätigkeiten im Haus würden durch Rationalisierung und Maschinisierung ohnehin weniger werden.

Die Annahme einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit und komplementärer Geschlechtscharaktere wurde kaum angegriffen. Allerdings wurden die getrennten Sphären und die ihnen zugeordneten geschlechtlichen Subjekte unterschiedlich gewichtet. August Bebel galt in Die Frau und der Sozialismus (1881) die soziale Überformung im Kapitalismus als Verzerrung natürlicher Geschlechterbeziehungen, die sich erst nach der Etablierung des Sozialismus zeigen würden. Viele bürgerliche und v.a. kulturtheoretisch interessierte Frauenbewegte interpretierten die angebliche Differenz des Weiblichen als Überlegenheit des weiblichen Prinzips über das männliche. Rosa Mayreder argumentiert beispielsweise in Zivilisation und Geschlecht (1923), dass das Weibliche mit der strengeren Naturgebundenheit (d.h. Mutterschaft) dem blinden zivilisatorischen Fortschritt, der männlich konnotierten Herrschaft über die Natur, ein positives Gegengewicht verschaffen könne.

Während die bürgerliche Frauenbewegung für die Ausweitung des (öffentlichen) Tätigkeitskreises argumentierte, ging es der sozialistischen Bewegung darum, dass die Arbeiterin zum anerkannten und vollwertigen Mitglied der Arbeiterklasse avancierte – um den Preis, dass Geschlechterhierarchien zum Nebenwiderspruch gegenüber dem Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital wurden.

Hausarbeit ist unbezahlbar

Marxistische Feminist_innen der Neuen Frauenbewegung proklamieren seit den siebziger Jahren: Das Private ist nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch relevant. Die häufig gegen die eigenen Genoss_innen ins Feld geführte Kritik zielte darauf, Haus- und Sorgearbeit als Arbeit sichtbar zu machen und aufzuwerten. Der Idee, Emanzipation von Frauen sei durch stärkere Integration in die Fabrik- bzw. Erwerbsarbeit zu erreichen, erteilen sie eine Absage.

Die umstrittene Lohn-für-Hausarbeit-Debatte, die international geführt wurde, berief sich vor allem auf den Text Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft (1972) von Mariarosa Dalla Costa, in dem sie die Rolle von Hausfrauen im Kapitalismus analysiert. Bekannt ist die Debatte heute vielen durch Silvia Federicis und Nicole Cox‘ Text Counter-Planning from the Kitchen. In der Kampagne ist Lohn das zentrale Phänomen, das sowohl als Basis der Ausbeutung wie des Kampfes gegen sie dient. Frauen werde wie der »Dritten Welt« von Staat und Arbeiter_innenbewegung eine »Entwicklung« angeboten, die durch ihren Einbezug in die entlohnte Arbeit z.B. in Fabriken erreicht wird. Die Tätigkeiten in der Reproduktionssphäre seien weltweit die »tragende Säule« des Kapitalismus, da sie die wichtigste Ware im Kapitalismus herstellen und aufrechterhalten: die Arbeitskraft. Ohne die Arbeit von Frauen, die Kinder gebären, zu guten Arbeiter_innen erziehen und ihre Ehemänner emotional, sex-uell und mit Essen versorgen, würde Kapitalismus nicht funktionieren. Und ohne die Ausbeutung der Sklav_innen und der »Dritten Welt« wäre die Akkumulation des bestehenden Reichtums unmöglich gewesen. Im Grunde ging es (zumindest Federici) nicht darum, eine Bezahlung für die Reproduktionsarbeit zu fordern. Vielmehr leitet sie ein weibliches Machtpotenzial ab, denn die Verweigerung dieser Arbeit könnte den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern. Dies sei eine revolutionäre Strategie, das Ziel, heißt es, sei, unbezahlbar zu sein. Ihre klaren Ansagen sind erfrischend, ganz kohärent sind sie jedoch nicht. Zuerst eine Bezahlung zu fordern, um sie im nächsten Moment als nicht ernstgemeint zurückzunehmen, hinterlässt Fragezeichen. In dem Szenario der Bezahlung von Hausarbeit wird der Staat zu einem positiven Bezugspunkt – er soll regulierend eingreifen und Frauen eine finanzielle Unabhängigkeit verschaffen. Damit bewegen sich Frauen jedoch nur von der Abhängigkeit vom lohnerwerbenden Partner in die der Bürokratie. Ein Wechsel aus personengebundenen in formalisierte Herrschaftsbeziehungen löst Frauen konkret von der Gunst der Lohnverdienenden und sichert ihnen nicht zu unterschätzende Handlungsfreiheit, eine Erschütterung des Kapitalismus bedeutet sie jedoch noch nicht, denn Arbeitskraft wird zwar unter anderen Bedingungen, aber weiterhin effizient für das Funktionieren des Systems verausgabt.

Zudem ist der ungebrochene Bezug auf Zweigeschlechtlichkeit problematisch. Alle Frauen werden als Hausfrauen angesprochen und so die unterschiedlichen Situationen, in denen sich Frauen befinden, ausgeblendet. Frauen werden zudem lediglich als Mitglieder von Familien angesprochen. Dies entspricht jedoch bei weitem nicht der Lebensrealität aller Frauen, beispielsweise bleiben Frauen, die in lesbischen Beziehungen leben, unerwähnt. Die Reduktion von Frauen auf ihre Bedeutung in der Reproduktionsarbeit bricht mithin nicht radikal mit den herrschenden Zuschreibungen. Forderungen, die sich auf eine Umverteilung von Haus- und Reproduktionsarbeit richten und damit zumindest eine Entlastung bringen könnten, fehlen in diesen Kritiken vollständig.

Andere Stimmen kritisierten die Romantisierung der Reproduktionssphäre, die sich in Teilen der bürgerlichen Frauenbewegung zum Jahrhundertwechsel so deutlich gezeigt hatte. Gisela Bock und Barbara Duden weisen in ihrem Artikel Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit darauf hin, dass die Verkürzung des Begriffs Arbeit auf Lohnarbeit das Verständnis von kapitalistischer Vergesellschaftung behindere. Die Konstruktion dieser Sphäre als Ruhepol und damit das positive Andere im Vergleich zur Produktionssphäre sei ideologisch. Sie spiegele die Perspektive von Männern wider und lasse den Frauen nur Liebe als Lohn für ihre Mühen. Die Unsichtbarkeit von Hausarbeit als Arbeit führen sie darauf zurück, dass sie dem Bereich des Emotionalen und der Natur zugeschrieben wird und damit in der Geschichtserzählung von gemachter Gesellschaft keinen Platz gefunden habe.

Das Bestreben, Hausarbeit als produktiv zu kennzeichnen, führte viele Feminist_innen zu einer Relektüre der Schriften von Marx und Engels. Auch wenn Frauenemanzipation als wichtiges Ziel formuliert wird, hake es daran, so Frigga Haug, dass die Assoziationskette Reproduktion – Natur – Frauen auch von diesen beiden Kritikern nicht durchbrochen werde und ihre Theorie geschlechtsblind bleibt. Die doppelte Bedeutung von Reproduktion als Reproduktion der Menschheit durch Kinder und Reproduktion von individueller Arbeitskraft, also der Versorgung von Menschen, die in der Lohnarbeit ihre Kräfte verausgaben und zu Hause wieder auftanken wollen, habe zu Verwirrung geführt. Sie schlägt vor, zwischen zwei Produktionsverhältnissen zu unterscheiden. Die Mechanismen der Produktionsverhältnisse von Lebensmitteln seien mit Marx gut erfassbar, diejenigen der Produktion von Leben, in denen Geschlechterverhältnisse verhandelt werden, dagegen nicht. Diese Umarbeitung der marxistischen Theoriearchitektur zielt darauf, die historisch-spezifischen Produktionsverhältnisse immer auch als Geschlechterverhältnisse zu untersuchen.

Diese Debatten wollen die Frage nach dem Verhältnis von Produktions- und Reproduktionssphäre auf der Systemebene beantworten und den Angriff auf die Privilegierung der ersteren radikalisieren. Unter Nutzung und Distanzierung von marxistischen Theorien wurde eine Neuordnung der Sphären angestrebt. Die geschlechtlichen Konnotationen der Sphären wurden dabei als historisch bedingt sichtbar gemacht, von einer wesenhaften, d.h. essenzialistischen Unterscheidung der Geschlechter und ihrer Zuweisung an eine der beiden Sphären wurde Abstand genommen. Federici und Cox wehren sich explizit gegen die Frage, was »uns Frauen« als Geschlecht denn verbinde, weil sie eine sexistische Antwort herausfordert. Sie interessiert die Funktion der – Frauen zugeordneten – Reproduktionssphäre im Kapitalismus.

Queer Economics?

Die Frage nach der Produktivität von Geschlechterverhältnissen erhält im sogenannten Poststrukturalismus neue Brisanz. Judith Butler als herausragende feministische Referenzfigur dieser Strömung wird vielfach vorgeworfen, ökonomischen Sachverhalten zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. In der Tat liegt der Fokus der poststrukturalistischen Denker_innen und ihrer Rezipient_innen nicht auf Ökonomie; indem sie fragen, wie Subjekte als vergeschlechtlichte Wesen verstanden werden, haben sie aber trotzdem wichtige Einsichten zur Debatte beizutragen. Auch wenn die bürgerlichen Modelle von Ehe und Familie schon zuvor als zentrale Probleme erkannt und kritisiert wurden, blieben Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuelle Beziehungen als Referenzrahmen feministischer Ökonomiekritik weitgehend unangetastet. Die Rede von »wir Frauen« wird durch die Intervention von queerer Theorie verunsichert und verkompliziert. Die Arbeit von Frauen sei unsichtbar, so argumentierten viele seit den Siebzigerjahren, weil sie als der Natur der Frauen entsprechend charakterisiert und damit enthistorisiert wurde. Dass Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und die Rückführung von biologischer Reproduktion auf heterosexuelle Beziehungen ebenso historisch bestimmt sind, wird von queerer Theorie sichtbar gemacht. Diese Perspektive bietet ein Potential für feministische Ökonomiekritik, da sie die Ebene der Subjekte und die Prozesse ihrer Vergeschlechtlichungen in den Blick nimmt und damit die vereinfachende Vergemeinsamung unter den Kategorien Frau und Mann in Frage stellt.

Mit der Konzentration auf die Ebene der Subjekte rückte das alltägliche Handeln stärker in den Vordergrund. Mit dem Konzept sexuell Arbeiten versuchten Renate Lorenz und Brigitta Kuster einen Neuansatz der Betrachtung von Arbeit und Geschlecht als doppelt produktiv. Arbeit sei mehr als die Herstellung von Produkten oder die Ausführung von Dienstleistungen, denn Arbeit ist zugleich ein Ort, an dem sich Individuen treffen und miteinander interagieren. Arbeitsverhältnisse, so Lorenz/Kuster, sind zugleich Lebensverhältnisse. Sie nehmen damit die schon bekannte Kritik an der marxistischen Fassung von Arbeit auf, dass die Träger_innen der Arbeitskraft keine geschlechtslosen Wesen sind. Zudem erweitern sie die Fragestellung des Zusammenhangs von Geschlecht und Kapitalismus um die Kategorie der Sexualität im Sinne der Queer Studies, in denen Hetero- und Homosexualität als gesellschaftsstrukturierende Unterscheidung untersucht wird. Sexuelle Arbeit produziere eine »verkörperte, vergeschlechtlichte, sexuelle Subjektivität und sie stellt zugleich Produkte her«. Ein Geschlecht besitze man nicht einfach, sondern es muss in Interaktionen immer wieder hergestellt werden – der Arbeitsplatz ist dabei ein zentraler Ort. Lorenz und Kuster verstehen ihren Ansatz als Fortführung des feministischen Projekts, Arbeit als umkämpftes Feld zu beschreiben. Ihnen geht es allerdings darum, dass sie die arbeitenden Subjekte »nicht (nur) als Opfer von Zwängen betrachten, die uns von ›Kapitalisten‹ aufgedrückt werden«.. Sie wollen weg von einer Perspektive, die Diskriminierung von Frauen und Nicht-Heterosexuellen benennt, und hin zu einer Analyse dessen, was Menschen antreibt, »gut« zu arbeiten und wie sie sich dabei darstellen wollen.

Sie gelangen schließlich zu einem äußerst weiten Arbeitsbegriff. Arbeit wird mit Aufwand identifiziert, ihre Analyse stellt in den Mittelpunkt, wie viel Aufwand ein Individuum leisten muss, um an seinem Arbeitsplatz anerkannt zu werden. Der Arbeitsbegriff wird so weit ausgedehnt und verwässert, bis er jegliche Lebensäußerung erfasst. So erscheinen letztendlich auch Gespräche mit Freund_innen als Arbeit.  Mit einem solchen Arbeitsbegriff wird die Möglichkeit, mit Hilfe eines präzise gefassten Begriffs Zuweisungen von Wert und Wertschätzung in warentauschenden Gesellschaften zu erfassen gleich mit entsorgt.

J.K. Gibson-Graham kritisieren, an Elemente poststrukturalistischer feministischer Theorie anschließend, dass marxistische und auch marxistisch-feministische Ansätze Kapitalismus als Totalität konstruieren würden, aus der kein Entkommen möglich sei. Ähnlich wie bei Lorenz/Kuster ist die Rede davon, dass bisherige marxistische Kapitalismuskritiker_innen die Menschen nur als »Opfer« und strukturellen Zwängen unterworfen begriffen haben, auch sie wollen die Handlungsmacht von Subjekten stärker betonen. Die feministischen Versuche, die Reproduktionssphäre aufzuwerten, seien Teil des Problems, denn sie nehmen an, dass Kapitalismus das alles bestimmende Verhältnis sei. Gibson-Graham behaupten, dass es nicht-kapitalistische Sphären gäbe, die bisher unsichtbar waren. Diese nicht-kapitalistischen Sphären kennzeichnen sie als ein Außerhalb des Kapitalismus. Haus- und Fürsorgearbeiten gehören zu diesem Außen und seien ein Möglichkeitsraum, neue Wirtschaftsweisen auszuprobieren. Durch die Ausweitung dieser Räume solle schließlich Kapitalismus überwunden werden können. Sie widersprechen damit explizit jenen feministischen Analysen, die Reproduktionsarbeit als konstitutiven Bestandteil kapitalistischer Ausbeutung deutlich machen. Bei Gibson-Graham wird das Problem der Abwertung von Reproduktionsarbeit zu einem des Sprechens über Kapitalismus, eine Veränderung der Perspektive ziehe die Veränderung der Welt automatisch nach sich. Damit bestätigen sie, was poststrukturalistischen Theorien – teilweise zu Unrecht – vorgeworfen wird. Sie schlagen grob gesagt vor, Kapitalismus nicht mehr als allumfassendes System zu denken, und meinen verwunderlicher Weise, ihm damit Wirkungskraft zu nehmen. Materielle Faktoren wie den Zwang, finanzielle Mittel zu erhalten, um die eigene Existenz zu sichern, werden von ihnen heruntergespielt. Auch Geschlecht als Kategorie kommt bei ihnen kaum noch vor, und wenn, dann in jener romantisierenden Fassung, gegen die die Akteur_innen der Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne mit Recht anschrieben.

We do Care

Derzeit ist die Lage im Felde der (queer)feministischen Kapitalismuskritik recht unübersichtlich. Als neues Phänomen lässt sich jedoch feststellen, dass der Begriff Care vermehrt in den Debatten auftaucht. Die Begriffe Reproduktion und Care (oder auch Care-Work) sind nicht deckungsgleich. Tendenziell wird mit ersterem auf marxistische und sozialistische Theorien Bezug genommen, die sich mit der Gegenüberstellung von Reproduktions- und Produktionssphäre und vergeschlechtlichter Arbeitsteilung beschäftigen. Mit Care dagegen wird eher der Aspekt der Fürsorge für andere und der Selbstsorge in den Fokus gerückt, also ein Tätigkeitsfeld, das klassischerweise Frauen zugeordnet wird. Teil davon ist die Zuschreibung von Emotionalität und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer, diese Kompetenzen werden im wahrsten Sinne des Wortes in Dienst genommen. Care ist dabei ein Begriff, der einen bestimmten Sektor der Ökonomie bezeichnet, nämlich jene sozialen Berufe und Dienstleistungen, die für Erziehung von Kindern und verschiedenen Tätigkeiten in der Gesundheitsversorgung zuständig sind. Der Hintergrund dieses Begriffes ist nicht die an Marx angelehnte Kritik der politischen Ökonomie, sondern wurde in der Auseinandersetzung mit neoklassischen Wirtschaftstheorien entwickelt, die ein geschlechterpolitisches Moment systematisch vernachlässigen. Die Unterscheidung von Bezahlung und Nicht-Bezahlung bzw. die Lohnfrage wird im Zusammenhang mit Care weniger in der Gegenüberstellung von Produktions- und Reproduktionssphäre diskutiert, als vielmehr in einen Zusammenhang mit der Neoliberalisierung von Gesellschaft gestellt. Der Abbau sozialstaatlicher Leistungen habe dazu geführt, dass Sorgetätigkeiten verstärkt in die Familien zurückverlagert werden oder als Ware auf dem Markt in Form von sogenannten personennahen Dienstleistungen gekauft werden. Beide Prozesse werden als Individualisierung von Verantwortung gefasst. Zugleich bleibe jedoch die Vergeschlechtlichung bestehen, denn Care-Tätigkeiten, ob bezahlt oder unbezahlt, werden nach wie vor vorrangig von Frauen gemacht. Besonders die bezahlte Reproduktionsarbeit wird vielfach durch Frauen mit Migrationsgeschichte in hochprekären Anstellungsverhältnissen und unter schlechten Bedingungen geleistet.

Unter dem Stichwort Krise der sozialen Reproduktion werden diese Entwicklungen analysiert und kritisiert. Der Bezug auf die bestehenden Strategien feministischer Ökonomiekritik ist sehr vielschichtig, die Sichtbarmachung und Aufwertung von Care-Arbeit sind erklärte Ziele. Mit der Forderung, die reproduktiven und sorgenden Tätigkeiten stärker zu gewichten und als konstitutiven Teil der Produktion zu verstehen, wird dabei an die beschriebene Lohn-für-Hausarbeits-Debatte angeschlossen. Es werden jedoch, anders als in dem Text von Federici und Cox aus den Siebzigern, recht konkrete Handlungen vorgeschlagen: bessere Bezahlung und die Zurücknahme der Arbeitsdichte in entlohnter Care-Arbeit, Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit ohne Lohnkürzung und die Umverteilung von Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern. Gerade letzteres könne nicht nur zu einer tief greifenden Änderung der Situation der Doppelbelastung von Frauen führen, sondern darüber hinaus neue Geschlechterbilder erzeugen.

Diese Ansätze lassen sich in praktische Kämpfe umsetzen, die mit Mitteln des Streiks im Bereich der Lohnarbeit und im Alltag anhand der Frage, wer die Wäsche wäscht, einkauft, Fenster putzt und sich um die Kinder kümmert geführt werden. Allerdings, so kann man argumentieren, führt die Erfüllungen dieser Forderungen zwar zu einer Verbesserung und Vermenschlichung des Kapitalismus, indem Lücken in der Care-Arbeit geschlossen werden. Reproduktionsarbeit behält aber ihren Stellenwert innerhalb kapitalistischer Verwertungslogik als nicht oder schlecht entlohnte und abgewertete Arbeit.

Ökonomien der Commons

Antonio Negri und Michael Hardt prägten in ihrer Theorie für die sogenannte postfordistische Ära den Begriff Commons. Sie entwerfen ein theoretisches und politisches Projekt, das auf die Auslotung nachkapitalistischer Produktions- und Besitzverhältnisse zielt. Der Begriff der Commons spielt eine wichtige Rolle als Vorzeichen besserer Zeiten, da sie dem kapitalistischen Privateigentum und der sozialistischen Staatszentrierung entgegengestellt werden. Silvia Federici nimmt den Begriff auf, will ihm allerdings, mit dem Ziel sowohl aus der Zweiteilung von Produktions- und Reproduktionssphäre als auch aus der neoliberalen Formierung auszubrechen, eine feministische Wendung geben. Im Zentrum der Diskussion steht der Versuch, eine gemeinschaftliche Basis für die Produktion von Gütern und Reproduktion von Menschen zu entwickeln, die sich der kapitalistischen Verwertungslogik entzieht. Bereits um 1900 wurde von verschiedenen sozialistischen Feminist_innen, z.B. Alexandra Kollontai, Charlotte Perkins Gilman und Lili Braun, die gemeinschaftliche Organisation zumindest einiger Reproduktionstätigkeiten wie Kochen und Kindererziehung gefordert. In der neueren Fassung Federicis werden regional begrenzte und doch eher marginale Aktivitäten wie Open-Source- und Free-Software-Entwicklungen, urban gardening und das Betreiben von Kreditgenossenschaften als »globale Widerstandbewegung« zusammengefügt, die sich, so Federici, gegen die vollkommene Kommodifizierung des Lebens und der Lebensmittelproduktion verwehre sowie kollektivistische Formen der Lebensorganisierung in communities voranbringe. Die Effekte dieser Widersetzungen sind jedoch kaum als eine grundlegende Veränderung der globalen Wirtschaftsweise und nationalstaatlicher Verfasstheit charakterisierbar. Der Schlüssel einer feministischen Commons-Ökonomie und für ein bedürfnisorientiertes Zusammenleben liegt nach Federici darin, den Haushalt in den Mittelpunkt zu rücken und die Trennung der Sphären in Produktion und Reproduktion aufzuheben. Sowohl hinsichtlich Geschlecht als auch der Analyse der Funktion von (unbezahlter) Reproduktionsarbeit stellen sich in Federicis Ausführungen Probleme ein, die zum Teil bereits in der Kampagne Lohn für Hausarbeit angelegt sind.

Die Frage nach dem Geschlecht der Reproduktionsarbeit wird von Federici in ihrer Commons-Diskussion recht eindeutig beantwortet: Es sind die Frauen, die von ihr als Trägerinnen der Entwicklung zum Besseren gekennzeichnet werden. Sie werden mithin zu den wahrhaft revolutionären Subjekten stilisiert, die qua Geschlecht eine besondere Befähigung für die Bewahrung der Natur und die Organisierung eines guten Zusammenlebens hätten. Diese Zuschreibungen sind bekannt aus den dualistischen Geschlechterbildern. Sie erinnern nicht zuletzt an die Äußerungen Rosa Mayreders, die das Weibliche mit der Aufgabe belegte, eine Korrekturfunktion für die männlich-zivilisatorische Zerstörung des »wirklich Menschlichen« einzunehmen. Es ist unverständlich und aus einer Perspektive, die sich gegen vergeschlechtlichte Arbeitsteilung und daran anschließende Kompetenzzuschreibungen richtet, abzulehnen, Frauen in die Verantwortung für ein reibungsloses und erfüllendes Zusammenleben zu nehmen.

Der zweite kritische Aspekt betrifft die Rückbindung von Reproduktionsarbeit an die Community. Der in den Siebzigern formulierte Aufruf zur Verweigerung von Reproduktionsarbeit als Mittel der Kapitalismuskritik verliert sich in dem Versuch, eine positive und – wie man so sagt – konstruktive Lösung für die Gegenwart und Zukunft zu finden. Durchaus nachvollziehbar werden der Staat oder transstaatliche Gebilde nicht mehr als die Instanzen angerufen, die für die Bezahlung von Reproduktionsarbeit zuständig sein sollen. Auf der Suche nach einer Alternative zum Staat wird die Community als Bezugskategorie etabliert, für deren Wohl die Reproduktionsarbeit geleistet werden soll. Diese Idee läuft Gefahr, Reproduktionsarbeit als wohlfeilen Dienst an der Community zu romantisieren. Um Bezahlung und finanzielle Unabhängigkeit von Frauen geht es dabei kaum noch, im Gegenteil werden sie wiederum eingespannt in die Etablierung einer angeblich besseren Gemeinschaft, für die sie aus Liebe arbeiten sollen. Die Höherwertung des Kollektiven, die mit einer Ablehnung und Delegitimierung von Individualisierung einhergeht, müsste hinsichtlich der Zwangsmomente von Vergemeinschaftung stärker reflektiert werden.

Konzepte von Commons-Ökonomien sind darauf ausgerichtet, emanzipative Alternativen von Zusammenleben und Wirtschaften im Bestehenden auszumachen, also gesellschaftliche Bereiche und Praktiken benennen zu können, die vermeintlich am Rande oder außerhalb kapitalistischer Verwertung stehen. Federici befindet sich damit, wenn auch ohne poststrukturalistischen Hintergrund, in der Nähe der Vorschläge von Gibson-Graham, die ebenfalls die nicht-kapitalistischen (Re)Produktionsweisen sichtbar machen wollen. Vor einigen Jahren hatte Friederike Habermann eine ähnliche Idee. Habermann gab zu, dass es keine Inseln des herrschaftsfreien Lebens im Kapitalismus gebe, aber doch zumindest »Halbinseln«, in denen solidarische Ökonomie entworfen und erprobt würde, z.B. indem Essen containert wird, Kleidung und Möbel verschenkt werden oder genossenschaftlich gewohnt würde. Selbermachen statt kapitalistisch Konsumieren lautet die Devise, die zu einem weniger entfremdeten Leben und Produzieren führen soll. Wie dies eine Alternative zum Kapitalismus bildet, wird nicht argumentiert – abgesehen davon, dass Konsumverzicht nicht der Schlüssel zum Glück ist. In diesen Konzepten wird Kapitalismus auf das Prinzip Geld gegen Ware reduziert, aber so einfach ist es dann doch nicht. Denn auch wenn die Kleidung secondhand und die Avocado aus dem Müll gefischt ist, bleibt die Integration in kapitalistische Vergesellschaftung. Dass zudem auch für wenig Konsum Geld gebraucht wird, das meist aus Lohnarbeit stammt, wird ausgeblendet. Diese angeblich außerhalb des Kapitalismus situierten Alternativen befinden sich mithin sehr wohl innerhalb der Verwertungslogik. Bei Habermann wie schon bei Gibson-Graham spielt die Kategorie Geschlecht kaum noch eine Rolle. Die feministische Frage danach, welche Funktion vergeschlechtlichte Arbeitsteilung hat, die auch in Commons-Ökonomien reproduziert wird und somit dort ebenfalls Zuschreibungen von männlichen und weiblichen Kompetenzen fortgeführt werden, wird nicht oder kaum adressiert.

Reproduktionen von Problemen der Reproduktionsarbeit

In den Diskussionen um die Unsichtbarkeit und Abwertung von Reproduktionsarbeit, die mit der Abwertung von Frauen verknüpft ist, zeigen sich historisch und gegenwärtig verschiedene Schwerpunkte und Strategien. Ein Mittel der Sichtbarmachung war die in den eher marxistisch geprägten Debatten vorzufindende Analyse von Reproduktion als konstitutiven Teil des Kapitalismus. Diese Tätigkeiten, die sich als gesonderte Sphäre gesellschaftlich manifestieren, wurden als relevant für das Fortdauern des Systems betont und kapitalismuskritische Theorien in diesem Sinne erweitert und umgebaut. Kurz zusammengefasst lautet das Ergebnis: Alle Lebensbereiche sind vom Kapitalismus geprägt. Das gilt auch und besonders für die Einteilung in zwei Geschlechter und die ihnen jeweils zugeordneten Sphären, mit der jedoch nicht immer explizit eine Kritik an der Zwangsordnung der Zweigeschlechtlichkeit verbunden ist.

Bei Gibson-Graham, Habermann und in den späteren Texten von Federici zeigt sich dagegen deutlich eine starke Abkehr von dieser Analyse. Nun sollen Alternativen im Hier und Jetzt und Bereiche, die als Außerhalb des Kapitalismus charakterisiert werden, gefunden werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich weniger auf die Analyse von Funktionen im System als auf praktische Antworten auf die Frage, was zu tun sei. Selbstverständlich ist es berechtigt und wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sein Leben schöner gestalten kann, welche Formen des Zusammenlebens man für sich passend findet und wie man den unangenehmen Seiten der Vereinzelung im Kapitalismus entgegentreten kann. Dass sich darin ein Außerhalb des Kapitalismus ausdrückt, ist allerdings kaum haltbar. Weder mit Subsistenzwirtschaft und schon gar nicht mit urban gardening wird die globale kapitalistische Produktionsweise ausgehebelt. Zudem besitzen diese Ansätze wenig Erklärungskraft hinsichtlich der Bedeutung vergeschlechtlichter Arbeitsteilung. Es zeigte sich gerade bei Federici, dass die einfache Umkehrung der Wertigkeit die bestehenden Geschlechternormen und Kompetenzzuschreibungen weiter verfestigen kann.

In den Diskussionen um Care und die Krise der sozialen Reproduktion finden sich Anteile beide Kritikansätze. Einerseits wird betont, dass Care ein qualitativ Anderes zu der Güterproduktion darstellt, in der sich eine Neoliberalisierung auf besondere Weise zeige. Sie lasse sich nicht auf dieselbe Weise rationalisieren und in ihrer Effizienz steigern wie industrielle Güterproduktion, weil sie nicht auf technologischer Entwicklung beruhe. Andererseits wird Reproduktion klar als ein konstitutiver Teil von Kapitalismus charakterisiert, denn die Probleme, die sich im Reproduktionssektor zeigen, stehen mit den Entwicklungen im Bereich der Lohnarbeit in Wechselwirkung. Reproduktion ist damit in gewissem Sinne doppelt belegt. Sie soll den Ausgangspunkt für politische Interventionen bieten, weil in ihr das wirklich Menschliche aufbewahrt sei, andererseits wird deutlich, dass sie untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden und somit abschaffungswürdig ist. Deshalb ist es notwendig, die Kritik an Lohnarbeit – auch außerhalb des Care-Sektors – nicht aus den Augen zu verlieren. Damit verknüpft ist die Frage, welche Rolle die neoliberale Umgestaltung spielt. Ist sie eine Verstärkung vorgängiger Tendenzen kapitalistischer Arbeitsformen oder bedeutet sie, wie Hardt und Negri nahelegten, eine qualitativ neue Form des Kapitalismus? Unterscheiden sich die Geschlechterverhältnisse und Zuschreibungen zwischen Fordismus und Postfordismus wirklich so stark? Diese Fragen sind weiter und v.a. auch theoretisch zu diskutieren, denn sie bestimmen die Ausrichtung der Politik.

Derzeit sammeln sich unter dem Stichwort Care eine Vielzahl von Akteur_innen und Positionen, die politischen Forderungen sind vielfältig, haben unterschiedliche Reichweiten und sind teilweise widersprüchlich. Eine gemeinsame Tendenz lässt sich darin ausmachen, dass der Ausgangspunkt im Alltag situiert wird und sich so Anschlussstellen für verschiedene Politik- und Interventionsformen bieten sollen, ohne sich zuvor auf einen theoretischen Referenzrahmen einigen zu müssen. Die Erweiterung des Diskussionsraums ist insofern sinnvoll, dass Auseinandersetzungen zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen und Positionen in Gang kommen, die sich bisher kaum aufeinander bezogen haben. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Analysen erweitert und Gegenüberstellungen wie die zwischen Produktivität und Reproduktivität, Poststrukturalismus und Materialismus, Reform und Revolution konkretisiert und differenziert werden können. Praktisch kann sich dies in Protesten gegen mehrere Herrschaftsverhältnisse gleichzeitig, als Beispiel seien Sexismus und Rassismus genannt, äußern. Dieser Anspruch kann jedoch kaum durch die Verwendung eines umfassend gemeinten Begriffs, in diesem Falle Care, geleistet werden und ein Verzicht auf die Diskussion der theoretisch genannten Analysen stellt keine Lösung dar. So bleibt es dabei, dass die Inhalte im Einzelnen diskutiert werden müssen, besonders auch die strukturellen Elemente, die sich nicht direkt aus der Alltagspraxis ablesen lassen wie z.B. die Rolle von Mehrwertproduktion und das gesellschaftliche Verhältnis der privaten und öffentlichen Sphären.

Eine zentrale Frage bleibt, auf welche kollektiven Kategorien dabei Bezug genommen wird. Ein positiver Bezug auf die Arbeiter_innenklasse und damit die Reste der Klassenkampfrhetorik, die sich in der Lohn-für-Hausarbeitsdebatte äußerten, sind inzwischen weitgehend ad acta gelegt. Interessanterweise ist dabei auch der Begriff der Arbeit zurückgetreten, mit dessen Hilfe in den Siebzigerjahren die Relevanz der Reproduktionstätigkeiten argumentiert wurde. Dass Reproduktion unter anderem deshalb als Arbeit bezeichnet wurde, weil sie sich eben nicht darin erschöpft, Zeit mit Freund_innen zu verbringen und Hobbys nachzugehen, sollte nicht zugunsten einer einseitig positiven Belegung von Care aufgegeben werden.

Der Staat spielt in dieser Beziehung in Teilen der gegenwärtigen Debatte allerdings noch eine Rolle. So merkten die Gruppen TOP B3rlin und Kitchen Politics kürzlich berechtigterweise an, dass ein positiver Bezug auf Staat als Garant für Verbesserungen verfehlt ist. Durchaus sind gesetzliche Regelungen prägend für die Ausgestaltung gesellschaftlicher Realität und können punktuelle Verbesserungen bringen, jedoch ist es angesichts seiner Funktion im Kapitalismus und seiner grundsätzlich nationalistischen Ausrichtung illusionär, dass er ein Verbündeter in der positiven Überwindung von Kapitalismus sein könnte. Gerade deshalb ist eine einfache Ersetzung durch die Bezugsgröße Community mit vielen offenen Fragen verbunden, da sich diese in ihrer Wirkkraft kaum auf einer Ebene mit dem Staat befindet. Auch beinhaltet das Bemühen um die Aufwertung von Care und Reproduktion nicht automatisch einen notwendigen reflektierten Umgang mit der Kollektivkategorie Frau. Die Abwertung von Frauen ist zwar historisch und gegenwärtig eng mit derjenigen von Reproduktionsarbeit verknüpft, Ziel einer feministischen Kritik kapitalistischer Verhältnisse muss es jedoch sein, sich einer Verkürzung der Analyse von Geschlecht und Kapitalismus auf eine sogenannte Frauenfrage oder Vereinbarkeitsfrage entgegenzustellen. Der Einbezug queerfeministischer Analysen von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit ist hierbei unerlässlich.

Sonja Engel

Die Autorin lebt in Berlin und does care about feminism.

Fußnoten

  1. Silvia Federici/Nicole Cox, Counter-Planning from the Kitchen. Berlin 2012 [1974], 106-127.
  2. Gisela Bock/Barbara Duden, Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit. Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus. In: Gruppe Berliner Dozentinnen (Hrsg.): I: Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur 1. Sommeruniversität für Frauen,
    Berlin 1977, 118-199.
  3. Renate Lorenz/Brigitta Kuster, Sexuell arbeiten. Eine queere Perspektive auf Arbeit und prekäres Leben. Berlin 2007.
  4. Pauline Boudry/Renate Lorenz/Brigitta Kuster, I cook für sex. In: Dies. (Hrsg.): Reproduktionskonten fälschen!, Berlin 2007, 6-35.
  5. J.K. Gibson-Graham, The End of Capitalism (as we knew it). A Feminist Critique of Political Economy, Minneapolis 2006 [1996].
  6. Silvia Federici, Der Feminismus und die Politik der Commons. Berlin 2012, 87-105.
  7. Friederike Habermann, Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und Wirtschaften im Alltag, Königstein/Taunus 2009.
  8. Top B3rlin: Take Care! In: Jungle World Nr. 12, 20.04.2014. Kitchen Politics - Queerfeministische Interventionen: Bottom up! In: Jungle World Nr. 14, 3. April 2014.